Mit dem Wanderer Goethe

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Von M. Szadrowsky

Vortrag zur 80-Jahr-Feier der Sektion Rätia des S.A.C. 1944 ( Chur ) Mit Goethe dürfen wir immerfort erforschen, erfahren und immerfort erstaunen:Freudig war vor vielen Jahren Eifrig so der Geist bestrebt, Zu erforschen, zu erfahren, Wie Natur im Schaffen lebt. Und es ist das ewig Eine, Das sich vielfach offenbart: Klein das Grosse, gross das Kleine, Alles nach der eignen Art. Immer wechselnd, fest sich haltend, Nah und fern und fern und nah, So gestaltend, umgestaltend — Zum Erstaunen bin ich da.

In einem ungestümen Jugendgedicht jubelt Goethe:

Weit, hoch, herrlich der Blick Rings ins Leben hinein, Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist, Ewigen Lebens ahndevoll — Er kennt auch die .Grenzen der Menschheit ': zum Menschsein und zum Naturerleben gehören auch .kindliche Schauer '.

Ein Erlebnis Wilhelm Meisters im Gotthardgebiet. Ein paar Knaben, die seinem Schutz anvertraut sind, erklettern einen .steilen, hohen, nackten Felsen '. Wilhelm folgt ,mit einiger Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer MIT DEM WANDERER GOETHE zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin jener gelangt ist, aber nicht, wie'( für uns Bergsteiger stimmt das nicht ganz ). Auf dem Gipfel kommt ein Schwindel über Wilhelm, .nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder über dem ungeheuren Abgrund hängen sah'( das haben wir auch schon erlebt ). Wilhelms Freund Jarno bemerkt dazu ( im Namen Goethes ): ,Es ist nichts natürlicher, als dass uns vor einem grossen Anblick schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit und unsere Grosse zu fühlen. Aber es ist ja überhaupt kein echter Genuss, als da, wo man erst schwindeln muss. ' Dasselbe ist im Faust in einem einzigen Vers gesagt:

Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teil.

.Zugleich unsere Kleinheit und unsere Grosse zu fühlen ': ist das nicht ein Grundgefühl des Bergsteigers?

Im Gebirge wird uns auch die Strenge der Natur stark bewusst: ,Die Natur versteht gar keinen Spass, sie ist immer wahr, sie hat immer recht, und die Fehler und die Irrtümer sind immer des Menschen. Den Unzulänglichen verschmäht sie. ' Ernste Worte für den Bergsteiger!

Goethe geht zum drittenmal in seinem Leben einem bestimmten rauschenden Wasser entlang, das von Granitfelsen eingeschlossen ist: .Hier fiel mir wiederum auf, dass wir durch nichts so sehr veranlasst werden, über uns selbst zu denken, als wenn wir höchst bedeutende Gegenstände, besonders entschiedene charakteristische Naturszenen, nach langen Zwischenräumen endlich wiedersehen und den zurückgebliebenen Eindruck mit der gegenwärtigen Einwirkung vergleichen. Da werden wir denn im ganzen bemerken, dass das Objekt immer mehr hervortritt, dass, wenn wir uns früher an den Gegenständen empfanden, Freud' und Leid, Heiterkeit und Verwirrung auf sie übertrugen, wir nunmehr bei gebändigter Selbstigkeit ihnen das gebührende Recht widerfahren lassen, ihre Eigenheiten zu erkennen. ' Den Gegenständen das gebührende Recht widerfahren lassen 1 Jeder Wasserfall hat sein Eigenwesen. Goethe wandert ,an der über Felsen sich immer hinabstürzenden Reuss hinauf gegen den Gotthard. ,Die Wasserfälle bilden hier die schönsten Formen. Wir verweilten lange bei der Schönheit des einen, der über schwarze Felsen in ziemlicher Breite herunterkam. Hier und da hatten sich in den Ritzen und auf den Flächen Eismassen angesetzt ( es war im November ), und das Wasser schien über schwarz und weiss gesprengten Marmor herzulaufen. Das Eis blinkte wie Kristalladern und Strahlen in der Sonne, und das Wasser lief rein und frisch dazwischen hinunter. ' Wie da alles und jedes zu seinem Recht kommt im Auge und im Wort!

Wasserfälle hat der Wanderer Goethe immer wieder staunend betrachtet und die Ungestümen mit Worten gemeistert. Im Wallis z.B.: .Endlich traten wir vor den Wasserfall, der seinen Ruhm vor vielen andern verdient. In ziemlicher Höhe schiesst aus einer engen Felskluft ein starker Bach flammend herunter in ein Becken, wo er in Staub und Schaum sich weit und breit i im Wind herumtreibt. Die Sonne trat hervor und machte den Anblick doppelt lebendig. Unten im Wasserstaube hat man einen Regenbogen hin und wieder, wie man geht, ganz nahe vor sich. Tritt man weiter hinauf, so sieht man noch eine schönere Erscheinung. Die luftigen schäumenden Wellen des oberen Strahls, wenn sie gischend und flüchtig die Linien berühren, wo in unsern Augen der Regenbogen entstehet, färben sich flammend, ohne dass die aneinander hangende Gestalt eines Bogens erschiene; und so ist an dem Platze immer eine abwechselnde feurige Bewegung. Wir kletterten daran herum, setzten uns dabei nieder und wünschten, ganze Tage und gute Stunden des Lebens dabei zubringen zu können. ' ( Der gebildete Reisende begnügt sich schmunzelnd damit, dass er laut Bädeker vor dem berühmten Wasserfall der Pissevache steht. ) Aus der Erinnerung an Natureindrücke des Vierwaldstättersees und des Wallis hat Goethe herrliche Faustverse geschaffen: ,Ich hätte ohne die frischen Eindrücke jener wundervollen Natur den Inhalt der Terzinen gar nicht denken können. ' Faust erwacht nach .erlebtem Graus'der Schuld und Gewissenspein, geniesst die Morgenfrühe und den Sonnenaufgang und entschliesst sich zu neuem Streben nach höchstem Dasein:

Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig, Ätherische Dämmrung milde zu begrüssen; Du, Erde, warst auch diese Nacht beständig Und atmest neu erquickt zu meinen Füssen, Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben, Du regst und rührst ein kräftiges Beschliessen, Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.

Im Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen, Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben; Tal aus, Tal ein ist Nebelstreif ergossen, Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen, Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen Dem duftgen Abgrund, wo versenkt sie schliefen; Auch Färb'an Farbe klärt sich los vom Grunde, Wo Blum'und Blatt von Zitterperle triefen, Ein Paradies wird um mich her die Runde. Hinauf geschaut! Der Berge Gipfelriesen Verkünden schon die feierlichste Stunde; Sie dürfen früh des ewigen Lichts geniessen, Das später sich zu uns hernieder wendet. Jetzt zu der Alpe grün gesenkten Wiesen Wird neuer Glanz und Deutlichkeit gespendet, Und stufenweis herab ist es gelungenSie tritt hervorund, leider schon geblendet, Kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.

94,MIT DEM WANDERER GOETHE Wenn wir Bergsteiger die ersehnte Gletscherherrlichkeit erreichen, setzen wir die grüne Brille auf. Überhaupt ist die Erfüllung oft nicht das Schönste. Auf dem Gipfelgrat des Piz Palü, auf dem Piz Bernina fühlen wir uns nicht so erhaben, wie wir es erwartet haben. Wir sind zu klein für das ganz Grosse.

Das Auge des Menschen erträgt nicht das Flammenübermass. Faust blickt wieder zur Erde. Jetzt schaut er den Wassersturz mit einem Regenbogen ,mit wachsendem Entzücken ', wie Goethe im Wallis:

Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend, Dann abertausend Strömen sich ergiessend, Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.

Allein wie herrlich, diesem Sturm erspriessend, Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer, Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfliessend, Umher verbreitend duftig kühle Schauer, Der spiegelt ab das menschliche Bestreben. Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:

Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

Einen Schlüssel zum Verständnis dieser Worte findet man in Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, in seinem .Versuch einer Witterungslehre ': ,Das Wahre, mit dem Göttlichen identisch, lässt sich niemals von uns direkt erkennen; wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, im Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen; wir werden es gewahr als unbegreifliches Leben und können dem Wunsch nicht entsagen, es dennoch zu begreifen. ' Für Goethe ist alles Vergängliche ein Gleichnis des Ewigen, darum alles Einzelwesen .bedeutend', das ist ein Lieblingswort Goethes.

Der Erdgeist webt ,der Gottheit lebendiges Kleid'. Die Natur ist das lebendige Kleid der Gottheit: sie verhüllt den Schöpfergeist, lässt ihn aber durch ihre Lebendigkeit erleben, .unsichtbar sichtbar ', .geheimnisvoll offenbar '. Ein herzlich geliebter Freund hatte in einem Buch den Gedanken vertreten, die Natur verberge Gott. .Ein so einseitig-beschränkter Ausspruch'entfernt den Dichter von dem verehrten Manne: die Behauptung widerspricht seiner .reinen, tiefen, angeborenen und geübten Anschauungsweise ', die ihn Gott in der Natur die Natur in Gott zu sehen unverbrüchlich gelehrt hatte so dass diese Vorstellungsart den Grund seiner ganzen Existenz bildete. .Die Naturwerke sind immer wie ein erstausgesprochenes Wort Gottes. ' Eine Kuh mit dem saugenden Kalb ist dem ehrfürchtig Schauenden ein wahres Symbol der Allgegenwart Gottes.

Auch uns Bergsteigern ist der Rat in Goethes Gedicht .Vermächtnis'vermacht:

Mit frischem Blick bemerke freudig Und wandle, sicher wie geschmeidig, Durch Auen reichbegabter Welt.

Mit Fausts Wächter Lynceus sind wir Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt.

In einem lebendigen Naturreich dürfen wir atmen: das nennt Goethe eine Gnade:

Ich wandle auf weiter, bunter Flur Ursprünglicher Natur; Ein holder Born, in welchem ich bade, Ist Überlieferung, ist Gnade.

Er spricht ehrfürchtig vom ,Ein- und Ausatmen der Erde nach ewigen Gesetzen ', und unser gesetzmässiges Atemholen mutet ihn als Gnade an:

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen.

Den wunden Adler, den Dichter, auch uns Bergsteiger heilt Allgegenwärt'ger Balsam Allheilender Natur.

Faust schöpft Kraft aus der einsamen Natur:

Verstehst du, was für neue Lebenskraft Mir dieser Wandel in der Öde schafft?

Ja, würdest du es ahnen können, Du wärest Teufel gnug, mein Glück mir nicht zu gönnen.

Mephistopheles will ihm dieses Glück durch Spott zerstören:

Ein überirdisches Vergnügen!

In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen Und Erd' und Himmel wonniglich umfassen, Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen, Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen, Alle sechs Tagewerk'im Busen fühlen, In stolzer Kraft, ich weiss nicht, was gemessenDas kann der Teufel eben nicht: die sechs Tagewerk ', die Schöpfung empfinden. Zerspotten will er Faust das starke, stärkende Naturerleben.

Wassersturz, Gebirge, Täler, Wolken wecken als Schöpfung auch in der Seele Schöpfungskraft: ,Wie vor dem schaumstürzenden Sturze des gewaltigen Rheins, wie vor der glänzenden Krone der ewigen Schneegebirge, wie vor dem Anblick des heiter ausgebreiteten Sees, und deiner Wolkenfelsen und wüsten Täler, grauer Gotthard, wie vor jedem grossen Gedanken der Schöpfung wird in der Seele reg, was auch Schöpfungskraft in ihr ist. ' Wandel in der Öde — neue Lebenskraft — Glück: das ist auch das Glück des Bergsteigers.

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