Mit Ski auf die Dômes de Miage

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VON GEORGES PERRIN, VEVEY

Mit 5 Bildern ( 30-34 ) Es gibt im Leben des Alpinisten Gipfel, die sich ihm boshaft entziehen, Gipfel, Tourenziele, von denen man während Jahren mit sehnlichstem Verlangen spricht und die sich jedesmal wegen der Verhältnisse gewissermassen als unbesteigbar erweisen. Man setzt sie, im Prinzip fast ohne Hoffnung, auf das Programm des folgenden Jahres, weil man sich im voraus sagt, dass einmal mehr die Hindernisse unübersteigbar sein würden.

Beharrlichkeit ist die einzige Lösung im Alpinismus, wenn man einen Erfolg buchen und einen sehnsüchtig gewünschten Gipfel erobern will. Walter Bonatti hat in seinem spannenden Buch « A mes montagnes » wiederholt Zeugnis davon abgelegt.

So stellte sich also 1951 eine Gruppe von Freunden im SAC unter Führung eines erfahrenen Alpinisten - der unglücklicherweise inzwischen in den Bergen tödlich verunfallt ist - während der Osterfeiertage die Aufgabe, die weitläufige Gegend des südöstlichen Mont-Blanc-Massivs, Glacier de Tré la Tête, Col Infranchissable, Dômes de Miage, zu erkunden. Die ziemlich aussergewöhnliche Reise, welche die zehn Clubisten bis zum Refuge de Tré la Tête, das über dem Dorf von Contamines liegt, erlebten, und die Tour selbst, verdienen eine kurze Beschreibung.

Sie bestiegen frühmorgens, am Karfreitag, bei wolkenlosem Himmel, aber bei einer für diese Jahreszeit viel zu milden Temperatur in Vevey den Zug Richtung Wallis. Ein unvorhergesehener Streik der französischen Eisenbahner bringt das Programm in Vallorcine, an der Linie Martigny-Chamonix, durcheinander.

Anstatt an dieser Grenzstation den Zug zu wechseln, wie das üblich ist, brechen sie dort zu Fuss auf, traversieren den Eisenbahntunnel am Col des Montets und erreichen Schlag 12 Uhr mittags Argentières, das acht Kilometer oberhalb von Chamonix liegt. Von dort bringt sie ein zum Bersten voller Car nach St-Gervais, dann ein Taxi nach Les Contamines, und bei Nacht kommen sie glücklich, aber erschöpft von so vielen unerwarteten Ereignissen im Refuge de Tré la Tête an.

Die Überraschungen sind noch nicht zu Ende: sternenheller Himmel am Abend - vierzig Zentimeter Neuschnee, Nebel, scharfer Wind und bissige Kälte am nächsten Morgen.

Lebt wohl, Col Infranchissable und Dômes de Miage! Im Laufe des Vormittags wird trotz allem eine Erkundung in Richtung des Glacier de Tré la Tête gewagt, um nicht untätig zu bleiben; aber sie erweist sich als erfolglos, wenn nicht sogar gefährlich. Das schlechte Wetter hält den ganzen Tag an. Am folgenden Morgen wird, einen Tag früher als nach Programm, der Rückweg angetreten. Nach einem Abstieg in einem halben Meter Neuschnee und einem Sturm bis halbwegs Les Contamines erreichen sie zu Fuss und auf der Strasse den Bahnhof Le Fayet unterhalb St-Gervais. Ein langer, ermüdender Marsch, aber es fährt kein Postauto, und sie haben Zeit. Von Le Fayet aus erfolgt ihre Rückreise nach Hause normal, denn die Eisenbahner haben ihre Arbeit wieder aufgenommen.

Seither wurde diese Tour im Laufe der Jahre zweimal geplant und - wegen schlechten Wetters abgeblasen. Es schien angebracht, im Frühling 1968 einmal mehr das Glück zu versuchen. Dabei wurde das auf die Osterfeiertage folgende Wochenende, das heisst der 20. und 21. April, gewählt.

Welch glücklicher Beschluss, denn das Wetter an diesem Samstag und Sonntag und selbst an den vorhergehenden Tagen war prächtig, was für die Schneebeschaffenheit von Bedeutung ist!

Diesmal erfolgt die Reise im Auto, nicht aus Furcht vor einem möglichen Streik, sondern der Einfachheit halber. Über Martigny und den Col de la Forclaz, Chamonix und St-Gervais erreichen wir um 11.30 Uhr den kleinen Weiler von Cugnon, einen guten Kilometer jenseits der Station Conta-mines-Montjoie. Einige Meter oberhalb des letzten Hauses ist ein Parkplatz hergerichtet worden; unsere beiden Wagen sind die ersten, die ihn belegen.

Mit geschulterten Ski schlagen wir von dieser Stelle aus einen im Wald ansteigenden Zickzackweg ein. Die Natur erwacht, die Vögel singen, und dieser Fleck Erde ist wirklich idyllisch. Wir finden bald an ebener, schattiger Stelle den idealen Platz für unser Mittagspicknick.

Kurz nachher schnallen wir die Bretter an. Der Wald lichtet sich, wir lassen die letzten Bäume hinter uns und entdecken die Hütte oben auf dem Grat. Nach angenehmem Anstieg, wo steile mit ebeneren Stellen abwechseln, überschreiten wir schon um 14 Uhr die Schwelle des Refuge de Tré la Tête auf 1970 Meter Höhe. Es befindet sich in Privatbesitz, kann etwa hundert Personen beherbergen, und wenn das Gebäude auch alt ist, so ist es doch sehr gut geführt, und die Preise sind mässig. Eine Adresse, die man sich merken muss! Wir sind die ersten Gäste.

Nachdem wir unsere Schlafplätze bezogen und den Durst gelöscht haben, sehen wir uns in der Gegend um. Unermüdlich unternehmen die beiden Jüngsten der Gruppe eine Exkursion in der Umgebung; die andern ruhen sich etwas oberhalb der Hütte auf dem blossen Boden zwischen Alpenrosensträuchern aus. An dieser direkten Südlage hat die Sonne die Hänge mehr als zur Hälfte von der Schneedecke befreit, im Gegensatz zu der nach Westen gerichteten Aufstiegsroute, die stückweise noch tief verschneit ist. Wir geniessen ganz besonders auf den Col du Joly und den Col du Bonhomme eine prächtige Aussicht, und das Tal liegt offen zu unsern Füssen.

Tagwache um 3.15 Uhr. Gleichzeitiger - oder fast gleichzeitiger - Aufbruch der vierzehn Personen, die schliesslich in der Hütte übernachtet haben. Es ist kohlschwarze Nacht; wir trösten uns aber beim Anblick des sternenübersäten Himmels. Die ersten paar Minuten, die nötig sind, um das Gletscherende zu erreichen, sind in dieser Dunkelheit mühsam, denn man muss die Ski tragen, und der Engpass, in dem wir emporsteigen müssen, ist steil. Aufstieg, Abstieg, Schnee, Erde, Felsen, Geröll wechseln ununterbrochen ab.

Aber dann, welche Freude! Ein endloser Gletscher, anfangs kreisbogenförmig verlaufend und flach wie ein Billardtisch, den wir unter besten Verhältnissen während Stunden in seiner ganzen Länge durchmessen. Nur selten wird er hie und da von einer harmlosen Spalte durchzogen, was ihm doch ein wenig den Charakter eines Gletschers gibt. Der Schnee ist sehr hart, denn er ist in der letzten Nacht gefroren; die Bilgerimesser sind befestigt und bleiben es während des ganzen Aufstiegs.

Während wir in gutem Tempo über unsern Glacier de Tré la Tête gleiten, erleben wir den Sonnenaufgang. Beim ersten Halt frieren wir, denn wir sind im Schatten, und ein schwacher, kalter Wind weht; dagegen leiden wir weiter oben unter der Wärme, während wir uns dem Col des Dômes nähern, der zwischen dem ersten und zweiten Nordgipfel der Dames de Miage liegt. Der Col selbst wird nach einer Abzweigung nach links, fünfhundert Meter vor dem Col Infranchissable, um 11.15 Uhr erreicht. Der letzte Hang ist steil, und wir entledigen uns mit grosser Erleichterung der Ski.

Unter den vier Gipfeln der Dômes de Miage fällt unsere Wahl auf den Nordgipfel, der zugleich der höchste der Kette ( 3673 m ) ist. Die hohen Zacken des Westgrates, der den prächtigen, luftigen Abschluss eines langen Anstieges bildet, glänzen in der Sonne. In einer halben Stunde, unter grosser Vorsicht, denn einer von uns ist unglücklicherweise nicht mit Steigeisen versehen, erreichen wir den Gipfel, wo wir einige Zeit verweilen, um eine wunderbare Aussicht zu geniessen. Erweisen wir den kühnen Gipfeln die schuldige Ehre! Zuerst einmal nennen wir die hohe italienische Südostwand des Mont Blanc. Wir erkennen das Refuge Vallot sowie die Alpinisten auf der Arête des Bosses. In unserer Nähe die Aiguille de Bionnassay; im Südosten, jenseits des mächtigen Glacier de Tré la Tête, im Sonnenglanz die Tête Carrée und die Aiguille de Tré la Tête. Welch grossartigesSchauspiel!

Um 12.30 Uhr sind wir auf dem Col des Dômes zurück. Wir schnallen unsere Ski an und beginnen die Abfahrt. Die Verhältnisse erweisen sich als ausgezeichnet, und wir zögern nicht, den Hauptarm unseres Gletschers wieder zu gewinnen. Von diesem Punkt aus unternehmen zwei unserer Kameraden einen kleinen Abstecher und steigen einige Meter an, um den Col Infranchissable ( 3349 m ) zu erreichen, der mit Recht seinen Namen trägt, denn seine italienische Flanke fällt sehr schroff ab.

Und jetzt beginnt ein wahrer Rausch: eine der schönsten und längsten Gletscherabfahrten der Alpen, vergleichbar mit denjenigen des Rhonegletschers vom Dammastock oder des Blinnenhorns. Eine Aufeinanderfolge endloser Schussfahrten auf gleichmässigen Hängen und kurzer Slaloms zur Überwindung der Abbrüche, die heute keine Gefahr bieten. Der Schnee hat das « gewisse Etwas »; jeder wählt seinen eigenen Weg und entfernt sich von seinen Kameraden - ohne Rücksicht auf alle alpinen Regeln - über die halbe Gletscherbreite, kreuzt andere Spuren und entfernt sich aufs neue.

Weniger als eine Stunde nach unserer Abfahrt vom Col des Dômes befinden wir uns wieder am Ende des Glacier de Tré la Tête auf 2100 Meter. Hinter uns liegt eines der schönen Erlebnisse im Leben eines Skialpinisten, was wir durch Freudenkundgebungen bekräftigen; vor uns - der abschüssige Engpass! Mit geschulterten Ski greifen wir mutig diesen unangenehmen Durchgang an. Die Wärme ist intensiv, das Gestein lose, das Gleichgewicht schlecht gesichert. Wir sinken manchmal bis über die Knie in Schneeflecken ein, und der Schweiss rinnt von der Stirne.

Aber das Refuge Tré la Tête ist in Sicht; dort werden wir unseren brennenden Durst löschen. Zu unserer grossen Überraschung sind wir dort die einzigen Gäste an diesem prächtigen Sonntagnachmittag mitten in der Skisaison. Die Freunde der Bergeinsamkeit mögen es sich hinter die Ohren schreiben: Hier werden sie auf ihre Rechnung kommen! Das Gebiet verdient mehr als einen einzigen Besuch!

Der Misserfolg von 1951 ist vergessen. Unsere Ausdauer wurde belohnt.

( Übersetzung Jakob Meier )

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