Mit Ski und Schlitten in Spitzbergen 1937

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Mit à Bildern und Y Kartenskizze. VonVon Oscar Bizozzero.

Schon seit vierzehn Tagen hatten wir uns in der Gänsebucht « häuslich » niedergelassen, hatten mancherlei Erlebnisse bereits hinter uns, mit Faltbooten, Eisbergen und Stürmen. Mit Vögeln und Seehunden hatten wir Bekanntschaft gemacht. Doch jetzt sollte es auf die Schlittenreise ins « Innere » gehen, wenn man bei der Südspitze so etwas annehmen darf.

Tagelang hatten wir vom Hauptlager Lasten auf den Gänsegletscher geschleppt: Nansenschlitten, wissenschaftliche Instrumente, Proviant für vierzehn Tage und neben Zelt und Kleidern allerlei kleine, im bürgerlichen Leben kaum beachtbare Dinge. Es dauerte Stunden, bis alle Lasten so verteilt waren, dass wir zufrieden sein konnten. Zwei Nansenschlitten standen bereit, jeder mochte mindestens 150 kg wiegen.

Es war 8 Uhr abends. Wir brauchten uns nur in die Riemen zu legen, und dann konnte es losgehen. Vor uns lag der Gänsegletscher. Noch zeigten nur dünne Risse die Spalten an. Wir schlüpften in die Bindungen der fellbespannten Ski, ein Ruck, und die Fahrt hatte begonnen. Je zwei Mann zogen einen Schlitten. Unbarmherzig schnitten sich die Strippen in die Schultern ein; wir kamen uns wie Wolgaschlepper vor. Unsäglich mühsam strebten wir zum ersten Joch hinan. Die Steigung war gering, aber für den Anfang gerade gross genug. Wir sollten noch ganz anderes erleben. Nach drei Stunden war das Joch erreicht, und auf der anderen Seite ging 's steil hinunter. Es wäre ein Vergnügen gewesen, auf den Schlitten hinunterzusausen, aber der Spass hätte der Reise ein frühes Ende bereitet, denn unten dehnte sich der sommerliche, arktische Schneesumpf — ein Brei aus Schnee und Wasser.

Bereits um Mitternacht schlugen wir unser Zelt auf. Verschiedene Arbeiten wurden verteilt. Das Zelten machte uns gleich von Anfang an einen grossen Spass. Das Kochen musste bereits im Gange sein, wenn man ins Zelt einziehen konnte. Es war immer ein sehnsüchtig erwarteter Augenblick, wenn einer nach dem andern durch die kleine, runde Öffnung des rotleuchtenden Nansenzeltes gekrochen kam. Eine Zeitlang ging 's dann ziemlich wild zu. Man stelle sich eine Fläche von 2,20 m im Quadrat vor. In der Mitte eine Bambusstange und an einer Seite, neben dem Eingang, eine Proviantkiste mit dem Primuskocher darauf von 15 cm Durchmesser und auf ihm einen Aluminiumtopf von 25—30 cm Durchmesser. Wer je einmal mit Gleichgewichtslehre zu tun gehabt hat, der wird von der Wackligkeit dieser Kochstelle nicht überrascht sein. Er wird auch vermuten, dass hie und da ein Unglück passiert ist. Leider muss diese Vermutung bestätigt werden. Sei es, dass ein ganzer Topf Sauerkraut auf dem Zeltboden landete oder Reis oder Haferflocken, alles mehr oder weniger feste Körper; die Masse wurde rasch zusammengerafft und in den Topf geschöpft. Der Tee wurde jeweils allerdings mit leeren Konservendosen an die Luft befördert. Unsere Nahrungsmittel waren eben zugemessen. Nichts, was Kalorien in sich hatte, durfte vergeudet werden. Im übrigen mögen uns solche Vorkommnisse nicht als Unsauberkeit angerechnet werden. In der Arktis gelten andere Gesetze, die einem ganz selbstverständlich werden. Selbst Nansen berichtet mit Stolz, dass er sein Essgeschirr auf seiner Grönlandreise nie gereinigt habe. Wir aber, die uns nicht vermessen dürfen, nur zu vergleichen, konnten es uns erlauben, das Geschirr immer sauber zu waschen, denn wir brauchten nicht derart zu rechnen.

Vielleicht kamen wir uns in dieser Abgeschiedenheit besser oder grösser als andere Sterbliche vor, als blutige Idealisten, die tagelang einen Schlitten schleppten, nur um ein paar magnetische Messungen zu machen. Und doch kamen Augenblicke, wo wir uns fragten: Warum all diese Schinderei und Plackerei? Entweder ging es einen Steilhang hinauf, und dann mussten alle vier an einem Schlitten aus Leibeskräften stossen, ziehen und drücken, oder dann zogen wir durch seichten Schneesumpf und über Bäche hinweg, dass es nur so aus den Schuhen heraus quietschte. Und trotzdem, anderntags war alle Unbill vergessen. Es gab immer wieder neue Überraschungen. Wie gerne wäre man zum Beispiel ein bisschen « aufgesessen ». Aber es hatte Nebel, und man wusste nicht, was unten kam. Vielleicht eine Spalte oder ein Absturz oder ein Schneesumpf. Da galt es einfach, den Schlitten im Zügel zu halten. Das war gar nicht so leicht mit den Ski. Zog man diese aus, so versank man im weichen Schnee. Querten wir einen Hang, so rutschte der Schlitten immer wieder seitlich ab und kippte, oder er rannte einem von hinten ganz plötzlich heimtückisch in die Waden. Das waren kleine Begebenheiten, die nicht in das Programm passten, aber sehr ermüdeten. Mit den Ski allein wäre es ein Spaziergang gewesen.

Wir hatten eine Karte 1: 500,000 zur Verfügung, aber sie war, abgesehen vom kleinen Maßstab, recht ungenau, da ja manche Gebiete noch niemand begangen hatte. Der Nebel lag tief herab. Wo mussten wir nun die östlich von uns liegende Kette queren, um in den Samarienbren ( bren = Gletscher ) zu gelangen? Aus der Karte konnten wir so etwas nicht herauslesen. Doch wir konnten die Photographien zu Hilfe nehmen, Fliegeraufnahmen, die uns das Institut für Spitzbergenforschung in Oslo zur Verfügung gestellt hatte. ( Norwegen will Spitzbergen photogrammetrisch vermessen. ) Diese boten uns einige Anhaltspunkte, aber die Gletscher erstrahlten darauf alle in einheitlichem Weiss, und von den angetroffenen Spalten war nichts zu sehen.

Wie wir über diese Joche hinwegzogen, erlebten wir eine Erscheinung, die für arktische Gegenden charakteristisch ist: die Täuschung über die Entfernung. Schätzte man höchstens eine Stunde bis an den Fuss eines Berges, so hatte man deren drei oder vier. Glaubte man oben auf dem Joch zu sein, so hatte ein ganz flacher « Buckel » diesen Eindruck erweckt, und man schleppte sich noch stundenlang hin.

Oft zogen wir durch dicken Nebel. Eine bedrückende Stille. Manchmal wurde eine Stunde lang kein Wort gesprochen; dann war nur das Zischen der gleitenden Ski und Kufen zu vernehmen.

Auf einmal zerreisst die Nebelwand, die Sonne bricht durch das Gewölk, und rückwärts schauend entzückt uns eine Kette von Zacken und Spitzen, MIT SKI UND SCHLITTEN IN SPITZBERGEN 1937.

die geradezu phantastisch erscheint. Am liebsten hätten wir alles im Stich gelassen, um diesen giftigen Nadeln einen Besuch abzustatten, diesem Eldorado für Nadelspezialisten. Aber wir konnten uns diese Extravaganz nicht leisten, denn wir hatten noch einen weiten Weg vor uns. Auch hier und später hat uns die Entfernung stark getäuscht.

Bald nachher zelteten wir im Nebel und stellten am anderen Tage fest, dass unser Lagerplatz sehr romantisch an einem Abhang stand. Wir machten die magnetischen Messungen. Es war ein brennend heisser Tag. Daher hatten wir es nicht eilig. Das konnte für diese Breiten nichts Gutes bedeuten.

Nur zu bald raste ein Sturm über die Südspitze, der sich hören lassen durfte. Zu spät war es, unseren Platz zu wechseln. Mit unheimlicher Gewalt rüttelte er an den Pflöcken und der Verspannung, und die Zeltwände dröhnten derart, dass wir im Zelt drin auf einen Meter Entfernung einander förmlich anbrüllen mussten, um uns verständlich zu machen. Vom meteorologischen Gesichtspunkt aus war es eine klassische Sache, gewissermassen ein Leckerbissen oder eine Ohrenweide. Unser Meteorologe hatte jedenfalls zeitweise seine helle Begeisterung. Auf die Dauer wurde es aber auch für ihn nicht nur langweilig, sondern wie für uns anderen brenzlig, besonders deswegen, weil der Wind gegen den Abhang blies. Wir hatten öfters den Eindruck, dass wir mit dem ganzen Zelt auf den unteren Gletscher geworfen würden. Nach 15 Stunden stellten wir eine Windstärke von 8—10 fest. Von Zeit zu Zeit kontrollierten wir die Verspannung und die Pflöcke, was nur in Kauerstellung rückwärts möglich war. Die Böen warfen einem regelrecht um. Die ca. 15 cm dicke Schneedecke des Gletschers war verschwunden, und das Blankeis kam zum Vorschein. Es war, als ob ein riesiger Besen gewischt hätte. Unser Zelt stand jetzt auf einer Erhöhung, auf einem Sockel. Eingerammte Eispickel und zu Hilfe gezogene Nansenschlitten beruhigten unsere Gemüter für die nächsten Stunden.

Die angewehte Schneelast drohte die Leinwand zu zerreissen. Es war alles andere als gemütlich. Immer aber bewunderten wir die Stärke des Zeltes und hofften, dass es noch bis zum Schluss aushalten möchte, denn wir hatten kein zweites bei uns. Aber wir hätten uns nicht gewundert, wenn es unter der Wucht der Sturzböen zerfetzt worden wäre. Der wackere Bambusstock bog und krümmte sich ganz bedenklich. Als wir alle vier einen Moment eingeschlummert waren, brach er mit hellem Krach, trotzdem er mit Skistöcken verstärkt worden war. Ein feiner Sprühregen filterte durch das Dach, drang durch die Schlafsäcke und Kleider und sammelte sich als Fussbad auf dem gummierten Zeltboden.

Der Sturm hatte uns in die Zange genommen; er wollte augenscheinlich uns auf eine harte Probe stellen. Nach 18 Stunden wollte er uns von unten anpacken, da wir ja auf einer Plattform lagen. Es waren allerdings ganz tolle Böen. Aber es ging dem Ende zu. Noch bot er alles auf. Jeder hatte seinen Posten zu verteidigen. Der eine lag als Ballast in der Seite, der andere verstemmte mit ganzer Kraft seine Beine in die andere Zeltecke, der dritte hielt mit eisernem Griff die geflickte Stange, und der vierte schleppte vom nahen Nunatak schwere Steine herbei, ins Innere.

Es ist die typische Rückseite des Minimums. Nach 20 Stunden ein grollendes Abflauen, und endlich nach 21 Stunden Aufgeben des Kampfes. Ein leises Säuseln und dann ein feines Lispeln noch und Singen. Dann Totenstille nach dem Höllenlärm.

Nur rasch weiter, weiter der Südspitze zu. Zunächst an dem « Haizahn » vorbei, dem markantesten Berg des Südens. Der Petersbren ( Mitteltalgletscher ) wird flacher. Über den aperen Gletscher strebten wir mit dem Kompass voran. Aber bald zwangen uns Spalten zur Richtungsänderung, links oder rechts ausweichend. Kein Wunder, dass wir in dem Nebel die Richtung verloren und in ein immer dichteres Spaltengewirr gerieten. Oft standen wir ratlos um den einen Schlitten ( den anderen hatten wir zurückgelassen ). Wie ein böser Geist folgt er uns. Wir sind seiner bald überdrüssig.

Wie sollten wir ihn über die Spalten hinwegbringen? Waren diese nur einen Meter breit, so waren alle unsere Kräfte erforderlich. Das hintere Ende hing oft verhängnisvoll tief über dem gähnenden Abgrund, oder dann drohte er auf dem glatten Eise mit seinen metallbeschlagenen Kufen seitlich abzurutschen. Unsere Glieder zitterten vor Anstrengung, wenn wir ihn aus einer heiklen Lage befreit hatten.

So vergingen die Stunden, bis wir aus dieser Hölle heraus waren. Nach den Anstrengungen dieses Tages hatten wir genug. Das neue Zeltlager spiegelte sich in einem Miniatursee. Nach 24 Stunden erwachten wir aus einem bleiernen Schlaf. War es Morgen oder Abend? Wir konnten es noch gar nicht feststellen. Es herrscht dicker Nebel. Da über ihm die Mitternachtssonne schien, konnte es zum Beispiel vormittags oder nachmittags 5 Uhr sein, denn die Helligkeit wäre kaum verschieden gewesen. Erst später konnten wir mit Sicherheit sagen, ob wir 12 oder 24 Stunden geschlafen hatten. Da wir nicht wussten, wo wir waren, mussten wir einfach warten, bis der Nebel sich weghob. Nochmals vergingen 24 Stunden. Wir waren Gefangene des Zeltes, assen, schliefen und erzählten. Es war sehr traulich beim Rauchen einer Pfeife oder einer Zigarette, die im roten Zeit mit grüner Glut brannten. Zwischenhinein wurden alte Lieder gesungen, begleitet mit der Mundharmonika. Notizen und Zeichnungen wurden angefertigt und Messungen gemacht.

Wir warten. Plötzlich zerfliesst der Nebel, als ob eine Hand ihn weggewischt hätte. Wie flink wir jetzt aufbrechen! Ein lii'rUcher Tag steigt herauf: es ist 3 Uhr morgens. Die Mitternachtssonne durchflutet mit ihrem weichen Licht den ganzen Süden. Im Eiltempo jagen wir dahin. Es ist direkt ein Vergnügen, in den strahlenden Tag hineinzulaufen. Wir sind jetzt auf dem Rücken und sehen auf das Meer nach Ost und West. Mit Grauen blicken wir zurück auf den Sörbren, dessen unheimlichem Splatenlabyrinth wir so heil entronnen sind.

Rechts und links unserer Route liegen Plateauberge, Kistefj eilet und Keilhaufj eilet. Ganz im Süden machen wir halt. Während die einen die magnetischen Messungen durchführen, machen die anderen grosse Auslegeordnung, denn Kleider, Schlafsäcke und Zelt sind feucht.

Unser Blick schweift über das Meer nach Süden und über die Zacken und Grate des ganzen südlichen Spitzbergen. Vier Menschen allein in dieser unendlichen Weite! Fast allein, denn weit draussen im Meer zieht ein rauchender Fischerkutter durch das glitzernde Wasser. Eine frohe Stimmung ergreift uns. Ein eigenartiges Glücksgefühl. Wo sind die Sorgen der letzten Tage geblieben? Wie ausgelöscht! Was doch ein so schöner Tag auf das Gemüt für eine Wirkung hat!

Wir sind wie neu gestärkt. Zu neuen Taten ziehen wir los, hoffnungsfroh: hinüber zur Ostküste, zum Hedgehog. Aber welche Enttäuschung! Nach einem « haarigen » Steilhang übersehen wir plötzlich unseren bevorstehenden Weg. In nächster Nähe öffnen gierige Spalten ihre Schlünde. Meist sind sie noch trügerisch zugedeckt. Aber dahinter, so weit das Auge reicht, ein wildbewegtes Meer von Spalten, eine Orgie unvorstellbarer Ausdehnung. Ein Wahnsinn, hier durch zu wollen, aber eine Unmöglichkeit mit den Schlitten durchzukommen. Wir sind einen Monat zu spät.

Also bleibt uns nur die Umkehr und damit überhaupt der Rückzug. Wir kämen vielleicht weiter nördlich durch. Das hiesse mehrere Tage zurechnen. Unsere Rückkehr ist bis zu einem bestimmten Termin festgelegt. Doch am Rückweg liegt noch der unbestiegene Haitanna ( Haizahn ). Da winkt noch eine Besteigung, allerdings an Höhe und vorauszusehender Schwierigkeit eine bescheidene. Der Grat trägt eine Scharte. Kein langes Überlegen. Zeltaufschlagen — rasten — hinauf!

Nebel liegt wieder wie Brei auf den aufgeweichten Gletschern. Doch oben, am vom Spaltenfrost zertrümmerten Grat, strahlt uns die Sonne ent- gegen. Jetzt wird es erst interessant. Schnittiger Felsgrat. Wir reiten darüber hinweg. Ein paarmal entgleitet mir der Ausruf: « Wie im Bergell. » Es ist eine Lust, über die harten Felsen hinwegzuturnen. Und dann hört man wieder « cheibe schö ». Gerade wie zu Hause. Die Scharte wird umgangen. Wie Schwalben kleben wir in der Flanke. Die Griffe sind fabelhaft. Es ist ein ganz eigenartiger Fels: nagelfluhartig, nur viel gröber und hart wie Granit. Es ist ein Basiskonglomerat, viel älter als die Nagelfluh. Ein kurzer Grat und ein Schneehang führen zum nahen Gipfel. Doch zuvor erleben wir noch ein Nebelphänomen.

Wir stehen auf dem Gipfel. Er ist nur 930 m hoch. Was für ein eigenartiges und herrliches Gefühl das ist! Nicht das Gefühl der Höhe, des Sieges über grosse Schwierigkeiten. Es ist eher das Gefühl der Kleinheit, die einem offenbar wird in dieser grossartigen Wildnis. Die Aussicht ist unbeschreiblich schön. Unter uns zunächst sind die im wogenden Nebelmeer auf- oder untertauchenden Gipfel, die Spalten, die fast lieblich erscheinen, und dann das fast unangenehm schimmernde Meer. Im Westen steigt fast unwirklich das wuchtige Massiv des Hornsundtind empor, zu dem der lange Mehästengrat hinaufstrebt. Das sind Kerle, die nach unserem Programm noch später daran kommen sollen. Das schlechte Wetter und der Schneesturm machen diesen Hoffnungen allerdings ein jähes Ende. ( Der Hornsundtind und andere Berge sind von der Deutschen Spitzbergenexpedition Rieche im Sommer 1938 bestiegen worden. ) Seit Jahrhunderttausenden fegen die Stürme über das Land, spendet die Mitternachtssonne ihr magisches Licht über die Gipfel und ewigen Gletscher. Und noch keines Menschen Fuss hat diese unendlich schweigsamen Gebiete betreten. Das ist das eigenartige Gefühl, das uns alle über unsere eigene Kleinheit emporhob.

Nur zu rasch müssen wir wieder untertauchen, um unser Glück hinunter-zunehmen in den Alltag. Heimwärts, zum Hauptlager geht die Fahrt. Wieder über Joche dahin. Was machen uns der Regen, der Sumpf und die Spalten? Wir ertragen alles mit grosser Geduld. Wir sind ruhiger geworden. Sind wir nicht eins geworden mit dem Land, das uns alles offenbarte?

Es hat uns geschüttelt und abzurütteln versucht, es hat uns nichts erspart. Und dann, als wir ausgehalten haben, zeigte es uns seine Schönheiten. Es liess uns seine Grosse ahnen, aber auch seine Wildheit und seine Schrecken. Waren wir nicht kleinlich und aufbegehrend, als wir missmutig wurden und schimpften, als wir hochmütig und herrschsüchtig durch das Land zu streifen begannen? Und wie bescheiden und still sind wir zurückgekehrt! Wir haben erkannt, was wir für erbärmliche Eintagsfliegen sind in einer Welt, deren Uhr die Stunden in Jahrtausenden schlägt.

Heimwärts! Der Gänsegletscher, wie hatte er sich verändert! Wir glaubten am Ende unserer Bemühungen zu sein. Der Abschluss der Fahrt wird uns noch reichlich sauer gemacht. Unsere Schlitten halten sich tapfer. Sie haben aber auch Nansen zum Konstrukteur. Vorwärts und rückwärts in Spalten zu stürzen, auf die Seiten zu kippen und in sausender Fahrt über das holprige Eis zu poltern, das sind Anforderungen, die dem Namen des Erbauers alle Die Alpen — 1939 — Les Alpes,34 Ehre machen. Nun sind sie am Ende ihrer Fahrt. Man möchte sie streicheln wie einen braven Hund. Und wenn man uns fragen würde, warum wir denn keine Hunde mitgenommen haben, so ist die Antwort ganz einfach: weil wir dazu nicht das nötige Kleingeld hatten. Gute Zugtiere sind teuer, besonders, wenn es im Lande keine hat. Spitzbergen besitzt keine Eskimo wie Grönland. Nur der Amtmann in Longyearbyen, im Eisfjord, hält sich einige Polarhunde, mit denen er kleinere Schlittenreisen unternimmt oder um verunglückte Expeditionen zu retten. Auch die Führung der Tiere verlangt geübte Leute, die wiederum Geld kosten.

Wir haben die Schlittenhunde durch unsere Kraft ersetzt und haben darum Geld, aber keine Mühen gespart. Wir haben dadurch aber noch einen anderen Vorteil gehabt: verstehen gelernt, was andere geleistet haben. Wie erbärmlich klein waren unsere Leistungen, wenn man überhaupt vergleichen darf, mit denen eines Andrée. Wir haben einen Begriff bekommen von den ungeheuren Leiden, die jener und seine Kameraden zu ertragen hatten. Und darum, so will mir scheinen, ist es der Mühe wert gewesen, diese Reise zu unternehmen, ganz abgesehen von den wissenschaftlichen Untersuchungen.

Ist es noch nötig zu berichten, wie wir durch den Gletscherschlamm bis zu den Knien einsanken? Was tat es? Oder dass wir uns herzlich freuten beim Anblick unserer elenden Fängerhütte, die uns wie eine Villa vorkam, aus der tatsächlich Kaffeeduft strömte und wo uns mancherlei Genüsse erwarteten

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