Möglichkeiten und Gefahren des Sportes in der heutigen Zeit

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in der heutigen Zeit Von JOrg WartenweiIer

( Küsnacht/Zürich ) Zum Geleit Der nachfolgende Beitrag soll uns Bergsteigern die Stellungnahme eines ernsten Sportlers zur heutigen Sportbewegung zeigen. Sie beweist uns, dass wir mit der bewussten Ablehnung eines Bergsportes und einem bestimmten Festhalten am Bergsteigen den richtigen Weg des klassischen Alpinismus schreiten. Denn Bergsteigen ist allein ein persönliches Kräftemessen und kennt keine Zuschauer. Es ist das « aus der Tiefe steigen »; es « bedeutet die Flucht aus der Enge und den Willen nach dem höchsten menschlichen Standpunkt », wie Walter Pause in seinem Büchlein « Mit glücklichen Augen » sagt. Das Bergsteigen kennt keine Masse, kein Sichmessen mit andern Berggängern, es ist einzig das persönliche Sichmessen eines Menschen mit dem Berg. Es ist ein Wandern und Steigen in der Natur, um ihre Grosse und Weite zu sehen und ihre Kräfte zu finden, auf dass sie dem einzelnen Menschen zum Segen werden und dieser Einzelmensch vollwertiges Glied der Gesamtheit werde, wo immer er in Alltag und an der Werkbank steht.M. Oe.

Wenn wir die Möglichkeiten und Gefahren des Sportes in der heutigen Zeit kurz beleuchten wollen, so ist es wohl sinnvoll, sich zuerst zu vergegenwärtigen, wie sich die freie körperliche Betätigung in das Weltbild früherer Zeiten einfügte, um daraus auf das Spezielle der heutigen Situation zu sprechen zu kommen.

In der Urzeit, als der menschliche Geist begann, sich seiner selbst bewusst zu werden, als die Technik des Feuermachens entdeckt und die Anfertigung von Waffen und Geräten ersonnen war, ward zugleich damit auch der Keim gelegt zu einer Entwicklung, deren heutiges Stadium uns zu verschlingen droht. Es war der Moment, da der Mensch nicht mehr nur Teil der Natur blieb, sondern sich ihr gegenüber stellte. ( Es war der Beginn der Selbständigkeit des menschlichen Erfinderdranges, und er hatte eine erste Ablösung der Seele vom natürlichen Urgrund zur Folge. ) Der primitive Mensch fühlte die Spaltung dunkel und suchte den Weg zurück in mancherlei Kulten. In deren Dienst wurde die erste zweckfreie Körperbewegung gestellt, indem vielerlei Weihetänze, Regen-, Mondwechsel- und Fruchtbarkeitszauber aufgeführt wurden. Daneben haben auch verschiedene zweckgerichtete Körperübungen, wie Lauf-, Sprung- und Wurfübungen stattgefunden.

In den alten Ägyptern war das Bewusstsein von der Verknüpfung mit den geheimnisvollen kosmischen Mächten ebenfalls noch ausserordentlich lebendig. Auf den kunstvollen Reliefs finden sich neben Jagd- und Ring-kampfszenen Darstellungen von Tempeltänzen, astronomischen Tänzen und Ritualen, was auf die grosse Bedeutung der Körperübungen mit tiefem, seelischem Gehalt schliessen lässt.

Die Griechen waren schon eine diesseitigere Menschheit. Sie waren Schöpfer starker und wohlorganisierter Stadtstaaten, pflegten Wissenschaft und schöne Künste und vergegenwärtigten sich nicht allzu gerne die fragwürdige und tragische Stellung des Menschen im All. Wohl besassen sie einen recht zahlreich bevölkerten Götterhimmel, aber dieser spiegelte eine menschliche Aristokratie, in der es an heiteren und sogar ironischen Szenen nicht fehlte. Zwar kannten sie auch düstere und geheimnisvolle Gestalten wie die Parzen, aber sie blieben entfernt, und es bestand keine unmittelbare Sehnsucht nach Rückwendung und Verschmelzung mit dem Urgrund des Lebens. Daher wirkt es natürlich und verständlich, dass das Schwergewicht ihrer freien körperlichen Betätigung nicht im feierlichen Zelebrieren religiöser Gebräuche bestand, sondern im Heranbilden schöner und harmonischer Menschen und in der militärischen Ertüchtigung durch allerlei kämpferische Scheingefechte. Im griechischen Menschen war ein Zustand der Balance erreicht zwischen entwickelter Verstandestätigkeit und mystisch verankertem Seinsgefühl. Wenn in der heutigen Körpererziehung immer und immer wieder auf das griechische Vorbild zurückgegriffen wird, so sollte dabei nicht ausser acht gelassen werden, dass eine Einzelerscheinung wie die Frage der Körperschulung nur aus der Gesamtsituation eines Volkes heraus verstanden und gebilligt werden kann, und dass es nicht angeht, ein solches Teilchen des kulturellen Lebens in eine völlig veränderte Zeit und Umwelt verpflanzen zu wollen.

Im Römischen Reich waren die Schöpfungen des menschlichen Verstandes sehr differenziert und sehr mächtig geworden. In der Organisation des Staates, in der Rechtspflege, im Heerwesen, im politischen Expansionsdrang. Das nüchterne Verstandesdenken überwog bei weitem das Bewusstsein von der Verflechtung in den ewigen Grund. Auch der Körperschulung wurde der Stempel der Zeit aufgedrückt. Diese bestand lediglich in Übungen zur Erhöhung der militärischen Tauglichkeit, veräusserlichte und verarmte immer mehr und wurde schliesslich zu einer Art von schonender Körperpflege. In dem Betrieb der allgemeinen Zivilisation konnte aber ein grosser Teil der Menschen kein Genüge finden, und das verzweifelte Suchen nach dem Verlorenen machte die Gemüter empfänglich für die sich anbahnende gewaltigste Gegenbewegung, für das Christentum. Dieser eruptive Rückweg nach innen, die heftige Abkehr von allem Äusserlichen, die nun einsetzte, führte bald so weit, dass das Fleisch und die ganze Natur gering geachtet und sogar als sündhaft erklärt wurden. Damit war der freien körperlichen Schulung und Entfaltung des Menschen das Todesurteil gesprochen.

Wie aber die Veränderung im Wesen alles Lebendigen liegt, so blieben auch Anliegen und Weg des Christentums davon nicht unberührt. Es war gekommen, um dem Einzelmenschen den verschütteten Zugang zum Göttlichen zu öffnen, aber es ermattete dabei langsam und verstrickte sich selbst sehr stark in die Angelegenheiten des nach aussen gerichteten Lebens, in Politik und Verwaltung. Im ausgehenden Mittelalter verlagerte sich daher das Schwergewicht des menschlichen Geisteslebens wiederum auf die Seite des verstandesmässigen Vordringens. Doch strebte diesmal der Geist nicht, wie im Römischen Reich, vom natürlichen Grund weg, sondern der Natur entgegen. Es war die Zeit des Kopernikus und Leonardo da Vincis. Leonardo betrieb unter seinen vielfältigen Untersuchungen auch eingehende anatomische Studien und erhob damit den menschlichen Körper wieder in den Rang des Verehrungswürdigen. Dies war aber erst eine sachte Anbahnung des neuen, freieren Körpergefühls.

Von da an nahm die Ausdehnung der menschlichen Entdeckungen und Erfindungen in ungeheurem Masse zu, und im gleichen Masse, wie sich die Verstandeskräfte entwickelten, wich der mystische, lebenzeugende Daseins-grund vor dem Menschen zurück. Mit der Reformation wurde noch einmal ein gigantischer Versuch gemacht, der drohenden Entwicklung Einhalt zu tun und den Menschen in seiner Ganzheit zurückzuführen zu den Urquellen. Da der Mensch als unteilbare Wesenheit erfasst werden sollte, wurden auch dem Körper seine Rechte zugestanden. Es wurde von den Reformatoren eine sinnvolle Körpererziehung innerhalb der Gesamterziehung gefordert. Der 30jährige Krieg machte jedoch die Strömung, die so verheissungsvoll begonnen hatte, weitgehend wieder zunichte, und nachher setzte, trotz einzelnen leidenschaftlichen Versuchen zur Verinnerlichung, eine Epoche der weiteren Ver-weltlichung, Veräusserlichung und Vermaterialisierung ein, die noch heute andauert und die ganze seelische Substanz des Menschen zu ersticken droht.

Sind wir so in grossen Sprüngen bis zur Neuzeit vorgedrungen, deren Beginn man in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts verlegen darf, die Zeit der Französischen Revolution und der Erfindung der Dampfmaschine, so wollen wir nun das Besondere und vielfach Beängstigende unserer Zeit und die Aspekte, die sich daraus für den Sport ergeben, etwas näher betrachten.

Das augenfällige Merkmal unserer Zeit ist wohl die zu ungeheurer Höhe emporgetriebene Industrialisierung und Technisierung. Diese hat im Leben der Menschen tiefgreifende Umbildungen hervorgerufen. War der Mensch früherer Zeiten in seinem Grund und Boden so sicher verhaftet wie ein Baum in seinem Erdreich, so wurde nun ein Grossteil der Menschheit seiner Scholle beraubt. Zusammengezwängt in Städte, erblickte er von der Natur kaum mehr als ein Stück blauen Himmels und ein paar Bäume zwischen dem Asphalt. Genug, mit seine Sehnsucht zu erregen, zu wenig, um sie zu stillen. Hier bot sich nun der Sportbewegung eine wunderbare Möglichkeit. Sie vermochte den Menschen zu befreien von der Enge städtischen Lebens und ihn hinzuführen an die Schwelle der Natur. Wenn absichtlich nur gesagt ist, « an die Schwelle der Natur », so darum, weil es sich mit dem Sportler, der in die freie Landschaft hinausgeführt wird, ähnlich verhält wie mit dem Knaben im Märchen, der nur bis an die Schwelle des Zauberschlosses begleitet wird, der sich jedoch in dessen Innern selbst zu bewähren hat. Von seiner Bescheidenheit, Klugheit und seinem lauteren Wesen wird es abhängen, ob er die verborgenen Schätze gewinnt, oder ob sie vor ihm verschlossen bleiben. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Reichtümern der Natur. Wenn der so lange dem innigen Verkehr mit der Natur entwöhnte Sportler in die Landschaft gelangt, so gleicht er leider oft dem kriegerischen Eroberer eines neuen Erdteils. Der Entdeckung mit Hurrageschrei folgt die Rekognoszierung, die Belagerung und schliesslich die Eroberung und Bezwingung. Die innere Leere des modernen Menschen vermag vielfach nur eine solche, rein äusserliche Inbesitznahme zu bewirken. Eine wie anders geartete Vertrautheit mit der Natur offenbaren dagegen z.B. die Bücher Adalbert Stifters. Mit welch liebevoller, minutiöser Kleinmalerei werden da die stillen Wälder und Ebenen, der Marmor des Gebirges und die Singvögel des Gartens beschrieben! Zu solch beglückender innerer Bereicherung gelangen unter den Sportlern sicher am ehesten die so oft belächelten « Auch-Sportler », der gemächlich schlendernde Wanderer, der heiter und unbeschwert planschende und spritzende Schwimmer, der abseits der Piste mit geschlossener Stoppuhr, aber geöffneter Seele dahingleitende Skifahrer. Die messbare Leistung steht dem inneren Erlebnis entgegen.

Dabei sind wir schon bei weiteren Merkmalen der heutigen Zeit und des Sportes angelangt, worauf wir unser Augenmerk zu richten haben, der Hochschätzung der messbaren Leistung.

Der Geist der industriellen Produktion hat dem gesamten geistigen Habitus des heutigen Menschen tiefe Spuren eingeprägt. Gründete sich der Stolz des Handwerkers früherer Zeiten auf eingehende Materialkenntnis, auf selbstentworfene künstlerische Ausgestaltung des Produkts, auf unbedingte Arbeitsredlichkeit, so arbeitet die moderne Fabrik fast ausschliesslich nach dem Prinzip der höchstmöglichen Leistungsfähigkeit. Um diese Leistungsfähigkeit noch über das dem Einzelunternehmen mögliche Mass hinaus zu steigern, wurden verschiedene Betriebe verbunden zu Konzernen und Trusts. Die psychologischen Rückwirkungen dieses Zahlen- und Grössenrausches waren ungeheure. Das Zahlendenken begann alle Lebensgebiete zu infiltrieren und fand seinen Niederschlag auch im Sport. Die Höchstleistung, die persönliche, Klub-, Länder und Welthöchstleistung gewann eine ungesund aufgeblähte Wichtigkeit. Zu ihrer Ermittlung wurden und werden Wettkämpfe aller Art veranstaltet. Mit grimmigem Ernst werden sie vorbereitet, mit erbaulichen Reden schön verziert, und nicht selten enden sie sehr ähnlich wie der Wettlauf der gerechten Kammacher bei Gottfried Keller. Die jüngst verflossenen Winterspiele in St. Moritz sind hierfür ein beredtes Beispiel. In welchem Masse der Kniefall vor der Bestleistung den gesunden Menschenverstand verdunkeln kann, zeigt das folgende Musterehen: Nach ein paar Niederlagen unserer Fussball-Nationalmannschaft wurde letztes Jahr festgestellt, dass diese dem guten Ruf unseres Landes schädlich seien. Die Angelegenheit wurde dem Bundesrat unterbreitet, und er wurde angefragt, was er zur Abhilfe des unbefriedigenden Zustandes zu unternehmen gedenke!

Nichts sei gesagt gegen den friedlichen, spielerischen Wettstreit. Doch müsste er von den Spielern ungefähr so harmlos gehandhabt werden wie von den Kindern, wenn sie etwa sagen: « Chum mer mached es Wett! Wer isch z'erste bim säbe Baum? », um auf Kommando davonzustieben. Doch schon im Laufen vergessen ein paar, warum sie so rennen, und kurz nach der Ankunft am Ziel weiss keiner mehr, welchen Rang er bekleidet hat. Wie viele der heutigen Menschen bringen aber eine so unbeschwerte Seelenhaltung auf? An ihrer Statt trifft man weit häufiger auf eine fühlbare Erstarrung und Verkrampfung. Der Geist unseres Zeitalters steht wie ein Gitter um den inneren Menschen und verunmöglicht das freie Entfalten der seelischen Kräfte. Werfen wir einen Blick in einen Maschinensaal, so können wir uns einer tiefen Beklemmung nicht erwehren beim Anblick der Belegschaft, die dazu verurteilt ist, Tag um Tag dieselben eintönigen Handgriffe auszuführen. Was von ihnen verlangt wird, ist körperliche Gewandtheit und Ausdauer, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im rastlosen Bedienen der Maschinen. Doch das Bedürfnis des Einzelnen nach persönlicher Initiative muss dabei ins Leere fallen. Langeweile schleicht sich ein, seelisches Unbefriedigtsein, und schliesslich Vertrocknung und Verkümmerung der Seelenkräfte. Ist der moderne Arbeiter oft nicht mehr viel mehr als ein Ergänzungsteil seiner Maschine, so war der Arbeiter früherer Zeit seines Werkzeugs Kamerad. Es diente ihm und erzog ihn zugleich, es beliess ihm die Möglichkeit zum Spielenlassen seines eigenen Arbeitsrhythmus und seiner schöpferischen Kräfte, und es verhalf ihm zur Vertiefung seiner stofflichen Kenntnisse durch immer neue Erfahrungen. Zufriedenheit stellte sich dabei ein, Stolz auf das fertige Werk, freudiger Antrieb zu neuem Schaffen, und schliesslich erstand aus alledem eine individuell ausgeprägte, sicher in sich ruhende Persönlichkeit. Betrachten wir nun den Sport zuerst in bezug auf die Not der Einengung und Erstarrung des modernen Menschen, so lässt sich unschwer erkennen, dass er hier einen wohltuenden, ja erlösenden Ausgleich zu schaffen vermag. Stellen wir uns einen solchen Arbeiter vor, wie er sich nach einem lustlosen, gleichförmigen Arbeitstag in die kühlen Wellen des Sees stürzt Welch ein Erleben für ihn, dem Rauschen, Flüstern, Gurgeln und Strömen des Wassers zu lauschen, über sich den blauen Himmel, unter sich die graugrüne Tiefe, und in gesteigertem Lebensgefühl das eigene Blut kreisen zu fühlen in überwältigendem Einklang mit dem Rhythmus der Natur. Welch ein Quell der Freude, die Wunder zu erkennen, die in jeder Harmonie zwischen Leib und Seele liegen 1 Sollen die Möglichkeiten des Sportes auch darauf hin angesehen werden, wie sie dem tiefen Verlangen des Menschen nach schöpferischer Gestaltung, das durch die modernen Arbeitsmethoden allzuoft brach gelegt wird, zu genügen vermögen, so gebietet uns Sportlern Bescheidenheit und Einsicht, zuzugestehen, dass diese nur sehr gering sind. Der Sport ist hierin nahezu steril. Es scheint mir in einer Zeit, da alle Gruppen, Parteien und Lehren ihre unumschränkte Gültigkeit zu beweisen sich bemühen, kein schlechtes Unterfangen, die Grenzen einer Bewegung ruhig anzuerkennen. Eine andere Erscheinung des heutigen Lebens ist die Vereinzelung des Menschen und sein Suchen nach neuer Gemeinschaft. In der Werkstatt früherer Zeit arbeiteten Meister, Gesellen und Lehrlinge in enger Verbundenheit, oder das Kleinunternehmen wurde von einem Familienverband betrieben. Der heutige Arbeiter bekommt seinen Brotherrn kaum noch zu Gesicht. In der Grossindustrie verbirgt sich hinter den Türen der Direktionszimmer ein fast anonymer Generalstab. Auch die Beziehungen zu den anderen Arbeitern sind sehr gelockert, weil das verbindende gemeinsame Interesse am entstehenden Produkt gänzlich fehlt. Der Mensch fühlt sich isoliert, und da dem umsichgreifenden Leeregefühl begegnet werden muss, wird es mit einer neuen Art von Mystik überschleiert. Dem Menschen wird suggeriert, er gehe als lebendiger Teil auf in einem Ganzen, das grosser sei als er selber. So wertvoll diese Erkenntnis ist, wenn sie sich als religiöses Gefühl frei im Menschen bildet, so gefährlich wird sie, wenn sie als Surrogat für das Erleben wirklicher Gemeinschaft dienen muss. Weil wir im Sport für diese Pseudomystik eine augenfällige Parallele haben, so sei noch etwas dabei verweilt. In den Massenversammlungen, Massendemonstra-tionen und Aufmärschen erlebt der Sportler das Bewusstsein, ein winziges Teilchen eines grossen Ganzen zu sein, oft wie einen seelischen Rausch, der ihn über sich selbst hinaushebt und ihn über das Fehlen eines echten Gemein-schaftserlebnisses hinwegtäuscht. Das echte Gemeinschaftserlebnis betrachtet und umfängt den anderen liebevoll in seiner persönlichen Eigenart und fügt ihn und sich selbst so dem Ganzen ein, wie sich die verschiedenen Instrumente eines Orchesters zusammenfügen zum Konzert. Das Hochgefühl, sich als Teilchen eines Ameisenhaufens zu fühlen, worin alle gleichermassen schwarz sind und gleichermassen krabbeln, ist kein Zeichen des bescheidenen Ein-ordnungsvermögens, sondern der Vermassung. Zur Anbahnung echter Ge-meinschaftserlebnisse bietet der Sport mannigfaltige Möglichkeiten. Jung und alt, arm und reich, Handarbeiter und Geistesarbeiter, Inländer und Ausländer treffen sich ganz zwangslos im Gelände und finden in vielen Situationen Gelegenheit zu persönlichem Kontakt. Dies ist eine der wertvollsten Möglichkeiten des Sportes. Freilich braucht man deswegen nicht voreilig « Menschen- und Völkerverbrüderung! » zu rufen, denn ob aus diesem Kontakt ein liebevolles, in die Einzelheiten gehendes Erkennen des fremden Wesens entsteht oder nicht, ist wiederum von den seelischen und geistigen Möglichkeiten der Beteiligten abhängig. Bleiben wir also nicht stehen bei dem beliebten Ausspruch: « Vergessen wir alles Trennende beim gemeinsamen Sport », denn viel wertvoller als vergessen der Gegensätze ist möglichst genaues Wissen und Anerkennen derselben, möglichst einfühlendes Verständnis für das wesentlich Andere im fremden Menschen. Ein solches Vertiefen braucht aber Zeit, und wie sollen wir dazu gelangen, wenn wir unser ganzes Augenmerk darauf richten, fünfmal im Tag den Jochpass zu « machen »? Verlieren wir nicht durch sturen Leistungsehrgeiz die kostbare Möglichkeit des persönlichen Kennenlemens, die unserer Zeit so not tut. Der heutige Mensch steht wohl im Alltag in dauerndem Kontakt mit einer Riesenzahl von Menschen, aber es ist nur ein zwanghafter, äusserlicher Kontakt. Wohl besitzt er darüber hinaus Kenntnis von Menschen fremder Lebenskreise und Länder, durch Zeitschriften, Radio und Kino. Aber alles erfährt er nur aus zweiter Hand, nach bereits erfolgter Bearbeitung. In früherer Zeit war der Horizont des Menschen viel enger, aber wen und was sie kannten, das beruhte auf eigener Anschauung, war unmittelbar und echt. Freuen wir uns also, dass der Sport Hand dazu bietet, unser Wissen um die verschiedenartigsten Menschen durch eigene Erfahrung zu vertiefen. Viel gerühmt als gemeinschaftsbildender Faktor des Sportes werden Mannschafts- und Gruppenspiele. Sie vermögen im Einzelnen die Fähigkeit der Ein- und Unterordnung wachzurufen, die Anstrengung zugunsten der Vielheit, das Verantwortungsgefühl gegenüber dem Ganzen, Tugenden, ohne die ein sozial empfindender Mensch undenkbar ist. Trotz dieser unbestreitbaren Vorzüge des Mannschaftssportes dürfen dessen Mängel, wie sie sich aus der heutigen Gesamtsituation ergeben, nicht übersehen werden. Der Wille zur Ein- und Unterordnung, zum Dienen und zur Selbstbeschränkung sind unschätzbare Vorzüge, aber nur dort, wo eine selbständige, ausgeprägte Persönlichkeit zu ihnen heranreift. Fehlt aber dem Einzelnen die vorausgesetzte geistig-seelische Substanz, so befördern sie die willige Dienst- und Masse-gesinnung, die sich bei unserem nördlichen Nachbarn so verhängnisvoll enthüllt hat. Nicht umsonst wurden in Deutschland die sportlichen Tugenden der Unterordnung, der Zurückdrängung von Einzelwünschen, der Ausdauer und Zähigkeit so sehr gepflegt, während die Ausbildung der konstruktiven Merkmale einer freien Persönlichkeit vernachlässigt wurde. ( Es ist doch eine des Nachdenkens werte Erscheinung, dass ein Volk, das bei der Olympiade 1936 die meisten Goldmedaillen gewann, wenige Jahre darauf in den tiefsten Abgrund sittlicher Verwilderung stürzen konnte und die Richtlinien dazu schon besass, während es den olympischen Lorbeer empfing. ) Zu einem freien Menschen gehört die Fähigkeit, individuelle Begabungen durch freien Entschluss zu entwickeln, und auf Grund von allen angeborenen und erworbenen Qualitäten die eigene Person in den Dienst einer ganz bestimmten Sache zu stellen. Wenn in einem Menschen wohl der Wille zur Einordnung, nicht aber der Wille zur persönlichen Lebensgestaltung besteht, so ist das eine tief bedrohliche Erscheinung. Es ist nicht zu übersehen, dass bereits ein Grossteil der heutigen Menschen aus Mangel an Eigenem Genüge daran findet, bei irgendeinem vernünftigen Werk nutzbar gemacht zu werden. Der eigenen Entscheidung überhoben zu sein, wird sogar begrüsst. So ist es wohl richtiger, denjenigen Möglichkeiten des Sports die grösste Beobachtung zu schenken, die das seelische Brachfeld anzupflanzen vermögen. Zuerst entsteht der Baum, und dann die Frucht.

Es scheint wohl notwendig, mit ein paar Sätzen auch das Thema « Moral der heutigen Zeit und Sport » zu streifen. Dass der hochgezüchteten Industrialisierung ein erschreckender moralischer Tiefstand gegenübersteht, dies festzustellen, ist schon beinahe zur Banalität geworden. In logischer Folgerichtigkeit brachte die Ablösung vom religiösen Urgrund ein Absinken der Moral mit sich. Ist das lebendige Bewusstsein des Eingebettetseins in die ewige Ordnung erloschen, wer vermöchte da noch das Bedürfnis nach Einbeziehung der menschlichen Ordnungen ins grosse Ganze zu verspüren? Wenn der Sportler sich bemüht, die Regeln und moralischen Verpflichtungen seines Sportes genau einzuhalten, so ist das sehr erfreulich, aber eine allgemeine Hebung der Moral darf davon nicht erwartet werden. Viel wichtiger sind die anderen Möglichkeiten des Sportes: dass er Gefühle der Andacht und Ehrfurcht wecken kann für das Wunderwerk des menschlichen Körpers, für die physikalischen Kräfte, für die Vielheit der Natur und das Mosaik der menschlichen Gesellschaft. Denn verehren und nicht-stören-wollen sind eins. Erst aus der Neubelebung des religiösen Gefühls wird auch eine Hebung des moralischen Gewissens erfolgen.

Was nun die schweizerische Situation anbelangt, so dürfen wir wohl feststellen, dass bei uns die Merkmale des mechanisierten Zeitalters noch nicht so ausgeprägt sind wie anderswo. Die Kleinheit unserer Verhältnisse steht dem entgegen. Doch wollen wir uns bewusst bleiben, dass es sich hier nur um einen Gradunterschied handelt, nicht um einen prinzipiellen, und dass wir nicht inmitten des reissenden Stromes der industriellen Fortentwicklung auf einer Insel der Seligen leben. Immerhin lässt die Enge unseres Landes und der föderalistische Aufbau des Staates einen extremen Grossen- und Massenbetrieb nicht zu. Ist dies ein grosser Vorzug, so erzeugt er dafür eine andere Gefahr, und der Schweizer entgeht ihr nicht immer. Es ist die Gefahr eines verengerten Horizontes, des Mangels an Wagemut, der geistigen Furchtsamkeit, der Unduldsamkeit und eigensinnigen Unnachgiebigkeit. Der Wohlstand unseres Landes hat vielerorten zu Trägheit verführt, und das grosse Wunder der Unversehrtheit unseres Landes im Kriege hat nicht überall nur Dankbarkeit und Opferwillen, sondern auch Selbstgerechtigkeit und überhebliche Schul meisterei geweckt. Der sportliche Austausch von Menschen zwischen den verschiedenen Ländern vermag da dem Schweizer die Augen zu öffnen dafür, dass der andere auch etwas kann, ja sogar oft mehr kann, und nicht nur in bezug auf die sportliche Leistung. Eine schöne Möglichkeit zur Erweiterung des Blickfeldes bot sich z.B. einer Anzahl von Schweizer Turnern durch die jüngst durchgeführte Südafrikafahrt. Es ist sicher, dass den meisten Teilnehmern der Besuch eines fremden Erdteils vorenthalten geblieben wäre ohne die Vermittlerrolle des Sportes. Alle solchen Momente, durch die der Sport einer neuen, übernationalen Gesinnung Geburtshelferdienste zu leisten vermag, sind unschätzbar. Aber auch im Inland bietet der rege Verkehr zwischen Sportlern verschiedener Regionen die Möglichkeit zur Beseitigung des Misstrauens gegenüber dem anders sprechenden Nachbarn, die Möglichkeit zum Fahrenlassen der ängstlichen Besorgtheit um das eigene Ansehen und das des Heimatkantons, zur Überwindung der scheelen Intoleranz gegenüber den unternehmungslustigeren und einsatzbereiteren Geistern, zur Aufgabe der kleinlichen Rivalität zwischen einzelnen Gebieten, kurz, zur Milderung all der etwas peinlichen Erscheinungen, die uns unter dem Namen Kantönligeist recht wohl bekannt sind.

Aber, und dies sei noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt, eine solche Ausweitung des inneren Menschen lässt sich nur dann vom Sport erhoffen, wenn er ohne finsteren Ehrgeiz betrieben wird und ohne das bleiche Streben nach Leistung und Erfolg. Sei der besessene Leistungswahn noch so schön und pathetisch mit vaterländischen Phrasen verbrämt, so schimmert seine Dürftigkeit und Fadenscheinigkeit doch durch. Was das Vaterland vor allem braucht, sind keine gänzlich unermüdbaren Langstreckenläufer, die mit Scheuklappen durch die Landschaft rasen, sondern eine möglichst grosse Anzahl von freien, harmonischen, weltoffenen Bürgern. Der Sport darf nicht das gesamte Denken und Fühlen des Menschen aufsaugen. Er soll nur gleichsam am Rande des Lebens bestehen, als freies, freudespendendes Tun ohne greifbaren Nutzen, als Steigerung des Lebensgefühls, als Ausgleich und Ergänzung zu den Gegebenheiten des Alltagsdaseins. So verstanden, vermag der Sport seinen bescheidenen Teil beizutragen zur Minderung der Not der Zeit. Wenn er heute seine Aufgabe noch vielfach falsch angreift, so sei das kein Grund, ihn zu schmähen oder zu verlassen, sondern unser Anliegen bestehe darin, ihn in die richtigen Bahnen zu lenken unter immerwährender Vergegenwärtigung eines Wortes von Goethe, das heute wie damals seine Gültigkeit besitzt: « Heute », sagte Goethe, « kommt es darauf an, was einer wiegt auf der Waage der Menschheit. Alles übrige ist eitel. »

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