Monsieur Déodat de Dolomieu oder Wie die Dolomiten zu ihrem Namen kamen

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VON MAX SENGER, ZÜRICH

Mit 6 Bildern ( 84/85 ) Man hat den einzelnen Berggipfeln oder auch ganzen Gebieten Namen gegeben, um sie voneinander zu unterscheiden. Allerdings ist dies erst Mode geworden, als sich der Mensch überhaupt mit den Bergen « abzugeben » begann. Die Namen selbst sind überaus mannigfaltig. Die Berner Oberländer haben eine Jungfrau, und in Mexiko gibt es die Ixtaccihuatl, ebenfalls eine « Jungfrau », allerdings die « liegende Jungfrau »; in der Arktis findet man ein « Schweizerland », und in Neuseeland kommt der Mt. Cook vor, der allerdings nichts mit Thomas Cook, dem Vater des Tourismus, zu tun hat, Der Führer C. Bournissen unter dem Gipfel - nach dem letzten Biwak sondern zu Ehren des eigentlichen Entdeckers von Australien so benannt wurde. Rot- und Schwarz-, Breit- und Spitzhörner gibt es in grosser Zahl. Das führt auf die grundsätzlich verschiedene Namensgebung zurück, nämlich ob man bezeichnen möchte, was das Auge sieht, oder ob man etwas oder jemanden « verewigen » möchte, wie eben Cook oder bei uns Dufour. Neuerdings auch Guisan anstelle eines Denkmals, obgleich schon 1865 der Bündner Forstmeister und Alpinist Coaz die Meinung vertrat: « Ausgezeichnete Schweizer, die sich um das Vaterland Verdienste erworben haben, leben wärmer im Herzen des Volkes fort... als auf den hohen, kalten Olympen... » Im vorliegenden Fall handelt es sich allerdings mit Herrn Dolomieu nicht um eine schweize-risch-alpine, sondern um eine benachbarte Namenfindung, nämlich um die Dolomiten, die Emil Zsigmondy, ein gewiegter Berggänger « sechsten Grades », folgendermassen umschrieben hat: « Die Dolomiten sind ein köstlicher Edelstein und bei einem Vergleich zwischen der Schweiz und Tirol bleibt den Vertretern des letzteren immer noch das Zauberwort: Dolomiten. » Gegenüber den Schweizer Alpen haben die Dolomiten allerdings das Attribut der « Anciennität » aufzuweisen. Sie stammen geologisch aus dem Trias, haben also ein Alter von 215 Millionen Jahren, während unsere Alpen im Tertiär, also vor rund 60 Millionen Jahren, entstanden sind.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Dolomiten österreichisch; sie sind nachher italienisch geworden, und als Dolomiten gelten im engeren Sinn heute die Kalkalpen zwischen Drau ( Pustertal ), Isarco, Adige, Brenta und Piave. Aber ihr Name ist französischen Ursprungs; daran hat sich zum mindesten noch nichts geändert, und er ist eben besagtem M. Dolomieu zuzuschreiben, dem « Citoyen Dolomieu », wie er sich einige Zeit zu nennen pflegte.

Déodat-Guy-Silvain-Tancrède-Grattet de Dolomieu - so lautete sein vollständiger Name - ist 1750 in Dolomieu bei la Tour-du-Pin zur Welt gekommen, in der Dauphinée, an der Route Lyon-Chambéry, etwa 50 Kilometer östlich von Lyon. Die Dolomieus gehörten damals zum « armen Adel »; darum meldete man auch den kleinen Déodat flugs bei den Maltesern an, was übrigens zur Familientradition gehörte. Damit war sein Fortkommen, wenn auch in bescheidenem Masse, gesichert. Er war beim Malteserorden als « Matrose und Soldat » vorgesehen, und dazu war kein besonderes Studium nötig. Mit sechzehn Jahren begann sein Dienst im Orden, und mit achtzehn führte ihn ein Duell mit tödlichem Ausgang seines Widersachers ins Gefängnis. Dem Gesetz des Ordens zufolge hätte er den Tod verdient; die Strafe wurde aber im Hinblick auf seine Jugend auf neun Monate Gefängnis « reduziert ». In dieser Zeit widmete er sich eingehend dem Studium der Geologie, das er nach seiner Begnadigung in Metz eifrig fortsetzte. Auf Grund seiner Arbeit « Recherches sur la pesanteur » ( 1775 ) wurde er korrespondierendes Mitglied der Académie des Sciences in Paris. Dass sich Gelehrte, insbesondere Naturwissenschafter, zu jener Zeit in höhere Regionen auf Reisen zu begeben pflegten, lässt sich an anderen Beispielen nachweisen: Condamine war in den Anden, Mau-pertuis am Polarkreis, de Saussure am Mont Blanc - und eben Dolomieu ab 1777 in Spanien, Sizilien, Italien, in den Pyrenäen und Ägypten, in den Alpen, der Auvergne und den Vogesen. Dabei muss er überaus gründlich und energisch vorgegangen sein. Den Ätna erstieg er, « mit einer Flasche Chianti bewaffnet, in einem elfstündigen Nachtmarsch und unter Zurücklassung jeglicher Begleitung ». Das Resultat seiner Untersuchungen waren denn auch ganze Kisten von Gesteinsproben, die er an verschiedenen Orten deponierte. Als er dann 1791 wieder nach Frankreich zurückkam und die Gefahr bestand, dass die Güter des Malteserordens der Konfiskation anheimfallen sollten, wurde er durch seine Mitgliedschaft beim « Club des Feuillants » zum « Citoyen Dolomieu », und er versuchte sich für den Orden einzusetzen. Seine zahlreichen Veröffentlichungen waren inzwischen im « Journal de Physique » erschienen und verschafften ihm 1796 einen Lehrauftrag an der Ecole des Mines; ferner wurde er zum Membre de l' Institut erkoren. Bonaparte hatte er schon früher kennen gelernt, und 12 Die Alpen - 1968 - Les Alpes177 für dessen Expedition nach Ägypten wurde Dolomieu als Wissenschafter aufgeboten ( 1798 ). Auf der Hinreise sollte auf Befehl Bonapartes gerade noch Malta, dieser wichtige Stützpunkt des Malteserordens, erobert werden. Dolomieu fiel zusammen mit General Junot die Aufgabe zu, den Orden zur raschen Kapitulation zu überreden, und das eben brachte ihm die ausgesprochene Antipathie der Ordensobern ein, was sich später für Dolomieu sehr nachteilig auswirken sollte.

Ägypten, sein eigentliches Reiseziel, bekam ihm gesundheitlich nicht gut. Er kehrte 1799 wieder nach Frankreich zurück, das heisst, er wollte das tun. Das Schiff landete wegen Sturmes in Tarent, im Königreich Neapel, das sich damals mit Napoleon gerade im Kriegszustand befand. Die Mannschaft wurde gefangengesetzt, allerdings bald wieder freigelassen, mit Ausnahme von Dolomieu, den man in strenger Haft behielt, verschärft durch die Einwirkung des Ordens. Sein « cachot » war « infect », mit etwas Stroh ausgestattet und er selbst in Lumpen gehüllt. Aber auf die leeren Blätter der Bibel, die man ihm gelassen hatte, schrieb er in den 21 Monaten seiner Haft den « Traité de Philosophie Minérale ». Bonaparte erinnerte sich seiner; denn auf Grund von Artikel VII des Friedensvertrags von Marengo musste Dolomieu freigelassen werden. Er erhielt 1801 in Paris einen Lehrstuhl für Mineralogie, starb aber noch im gleichen Jahr, wohl an den Folgen der Kerkerhaft, anlässlich eines Erholungsaufenthaltes in Châteauneuf s.L.

Unter Dolomit versteht man heute eine verschiedenartige Mischung von kohlensaurem Kalk und kohlensaurer Bittererde ( CaMg[Co3]2 ).

Dolomieu schrieb 1791 dem Sohn des grossen de Saussure in einem Brief: « Je vous dois des remerciements de ce que vous avez bien voulu vous occuper des pierres calcaires que j' ai indiqué aux naturalistes. » Von da an wurde dieses Mineral « dolomies » genannt und damit auch die betreffende Gebirgslandschaft bezeichnet. Die Enciclopedia italiana meldet denn auch kurz: « Dolomit ist ein Mineral, das Dolomieu gewidmet ist, der es als erster von Kalk zu unterscheiden wusste. » Dabei ist nicht nachweisbar, dass Dolomieu auf seinen vielen Reisen je in den Dolomiten gewesen ist. Das betreffende Mineral kommt in manchen anderen Gebieten, wo er wirklich weilte, vor ( Auvergne, Vogesen usw. ), bei uns im Binntal, allerdings nicht in so weitem Ausmass wie eben in den Dolomiten.

Heute sind die Dolomiten vorwiegend ein geographischer Begriff, und eigentlich « entdeckt » wurden sie, gerade wie unsere Alpen, von den Engländern ( 1860 bis 1870 Tuckett, Freshfield, Backhouse, Fox, Withwell ). Seither sind die Dolomiten alpinistisch zum Tourengebiet des « sesto grado » avanciert, das heisst desjenigen Alpinismus, der die steilste Route, die « Direttissima », bevorzugt und Bergsteigen nach dem Satz betreibt, den man uns schon auf der Schulbank beigebracht hat und der also lautet: « Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade... » An diese Möglichkeit hat unser Gewährsmann Déodat-Guy-Silvain-Tancrède Grattet de Dolomieu wohl kaum gedacht.

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