Mont Blanc de Seilion und Pigne d'Arolla

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Mit 2 Bildern.

Von Han$ Eggenberger

( Zürich, Sektion Am Albis ).

In Haudères hatten wir uns getroffen, zwei Einzelgänger ohne feste Ziele, aber voll Tatendrang und Unternehmungsgeist. Nichts lag da näher, als gemeinsame Sache zu machen, und als mein neuer Kollege die Überschreitung Mont Blanc de Seillon-Pigne d' Arolla vorschlug, war ich mit Freuden einverstanden.

Schon am folgenden Tag nehmen wir das Strässchen nach Arolla unter die Füsse, um über den Pas de Chèvres in die Val-des-Dix-Hütte zu gelangen. Das Wetter verspricht das Beste. Wir lassen uns Zeit, und für alle Fälle sorgt die sengende Augustsonne dafür, dass es nicht zu rasch geht. Auf dem Pas de Chèvres holen wir eine Führerpartie ein, die sich zum Abstieg bereit macht, und der Führer, den mein Kamerad von einer früheren Begegnung her kennt, erkundigt sich nach unserem Vorhaben. Les deux? Das ist alles, was er sagt; aber es klingt so zweifelnd und spöttisch, dass wir stutzen und zu unserem Berg hinübersehen, der sich mit steilen Eisflanken aus dem Gletscher emporschwingt. Sollte es eine Anspielung auf unsere Leistungsfähigkeit sein oder birgt die geplante Route Schwierigkeiten in sich, von denen wir keine Ahnung haben? Gewiss, die beiden Berge sind uns völlig unbekannt, für uns eine Art « Erstbesteigung ». Wir kennen sie weder von früheren Begehungen her, noch aus der Literatur; wir wissen nur, dass die gewöhnliche Aufstiegsroute vom Col de Seillon ausgeht und dass es im Abstieg über den Ostgrat eine Abseilstelle gibt. Aber gerade diese Ungewissheit ist es ja, die so anziehend auf uns wirkt. Les deux? Die beiden Worte lassen uns doch nicht los, sie spuken noch in unseren Köpfen, als wir uns in die Decken wickeln.

Der junge Tag sieht uns schon auf dem Col de Seillon. Kurze Zeit folgen wir einer Spur, dann biegen wir links ab, um über einen steilen Geröllhang auf die Kante zu gelangen, die sich vom Col heraufzieht. Dieser folgend gewinnen wir rasch an Höhe, und über den festgefrorenen Firn aufsteigend, treten wir bald hinaus auf die sonnige Höhe des Grates. Vor uns öffnet sich die Welt. Noch liegt leichter Dunst in den Niederungen, aber die Gipfel tauchen ihre stolzen Häupter in einen Himmel von makelloser Klarheit und Bläue. Nach einer kurzen Rast an windgeschützter Stelle treibt es uns vorwärts. Nach einem kurzen, steilen Firnaufschwung wird der Grat zur Kante, gerade noch breit geni}g, um einen Fuss vor den andern zu setzen. Wie eine Brücke spannt er sich von Fels zu Fels. Der Firn ist beinhart gefroren, so dass wir uns ihm ruhig anvertrauen dürfen. Luftig ist unser Weg, sehr luftig. Haltlos geht der Blick ins Leere oder hinunter in die jäh abstürzenden Flanken, und wenn man versucht, den Pickel einzusetzen, dann schimmert das Licht grünlich durch die Löcher, doch die dazwischen liegenden Felsen bieten gute Sicherung Immer näher rückt der Gipfel, und nach einer kurzen Kletterei durch die Südflanke ist unser erstes Ziel erreicht.

Gipfelrast! Ein Wort wie jedes andere. Doch für den Bergsteiger hat es einen besonderen Klang; denn für ihn bedeutet es Erfüllung aller Wünsche und Träume.Vergessen sind kleinliche Alltagssorgen, vergessen die Mühen des Aufstieges, sie alle verblassen und versinken, wenn sich ihm seine Berge in ihrer ganzen Grosse und Herrlichkeit offenbaren. Frei und weit schweift unser Blick über das leuchtende Meer der Gipfel, folgt dem weichen Lauf der Firne und dem kühnen Schwung der Gräte, taucht hinein in die Abgründe zerrissener Flanken und verliert sich in blauen Fernen. Umspielt vom frischen Bergwind, überflutet von wärmenden Strahlen, ergeben wir uns dem Zauber dieser Feierstunde.

Aber rasch verstreicht die Zeit. Drüben lockt schon die gleissende Firnkuppel unseres zweiten Zieles. Säcke und Seil werden aufgenommen, und es beginnt der Abstieg ins Ungewisse. Einige Spuren, die sich rasch verlieren, weisen uns den Weg. Aber bald merken wir, dass wir, statt auf den Ostgrat in die Südwand gelangen. Muss es denn unbedingt der Grat sein? Wir werden auch hier durchkommen, also weiter! Eine herrliche Kletterei durch die fast senkrechte Wand beginnt. Rauhe, bauchige Blöcke wechseln mit glatten Platten, auf den ersten Blick oft ungangbar; aber immer wieder findet sich ein versteckter Griff, eine schmale Leiste, die Hand und Fuss Halt bieten. Steine lösen sich, schlagen ein-, zweimal auf und verschwinden dann lautlos in der Tiefe. Wir klettern vorsichtig, die oft spärlichen Sicherungsmöglichkeiten voll ausnützend. Scharf wird jede Bewegung des andern belauert, soweit es die Steilheit erlaubt, denn ein ausbrechender Griff, ein verfehlter Tritt kann uns aus der Wand reissen. Es geht hart auf hart. Glühend brennt die Sonne ins Gestein, die Kehlen trocknen aus. Doch wir merken es nicht, zu sehr hält uns die Wand in ihrem Bann. Wir müssen bald links, bald rechts ausweichen, aber wir kommen tiefer, Seillänge um Seillänge wird zurückgelegt. Über uns wächst die Wand in den tiefblauen Himmel, und der spitze Turm drüben am Grat richtet sich stolz in die Höhe. Plötzlich scheint ein Überhang jedes Vorwärtskommen zu verunmöglichen. Ich probiere es links. Notdürftig gesichert schiebe ich mich über die Kante. Ein dunkler Kamin öffnet sich. Schmelzwasser rieselt über glatte Platten und tropft aus dem Eiswulst, der drohend über dem Couloir hängt. Jeden Augenblick kann er sich lösen und seinen Weg zur Tiefe nehmen. Aussichtslos. Versuchen wir es also rechts. Wenn es irgendwo geht, dann hier. Eine glatte Wand stellt sich mir entgegen. Kein Tritt, auch nicht der kleinste, ist zu sehen. Nur ein feiner Riss zieht sich in halber Höhe von einem Ende zum andern. Doch es geht! Die Finger in den Riss gezwängt, hangle ich mich unter bestmöglicher Ausnützung der Reibung hinüber. In einem kleinen Kamin gelingt es mir, festen Fuss zu fassen und den nachkommenden Kameraden einigermassen zu sichern. Mit dieser Stelle sind die grössten Schwierigkeiten überwunden. Die Wand legt sich zurück, Schneeflecken tauchen auf, wir sind durch! Der steile Schneehang liegt bald hinter uns. Der Grat ist erreicht. Rasch wird noch der Turm überschritten, und wir nehmen dabei einen Blick in die mächtige Nordflanke mit, die wir am Vorabend vom Pas de Chèvres aus so kritisch gemustert hatten. Eine kurze Rast kann nicht Die Alpen — 1942 — Les Alpes.17 schaden. Kühl weht der Gratwind und streicht wohlig über unsere heissen Gesichter. Wir schauen hinüber zur Wand, die uns fast drei Stunden gekostet hat. Noch einmal suchen unsere Augen den Weg durch diese mächtige Mauer, und die Freude über das gute Gelingen steigt in uns hoch. Wir wissen beide: die Wand hat uns zu Freunden gemacht.

Der Weiterweg führt uns hinauf auf den firnigen Ostgrat. Die Hoffnung auf ein rasches Vorwärtskommen schwindet rasch. Unter dem aufgeweichten Neuschnee liegt blankes Eis. Aber auch dieses Stück geht zu Ende, und wir betreten den fast ebenen, noch vollständig geschlossenen Gletscher. Backofenhitze empfängt uns. Glühend sticht die Sonne in den Nacken, und die Luft schwingt und flimmert über der weissen, blendenden Fläche. Still stapfen wir durch den weichen Schnee, bis wir auf eine Spur stossen, die sich von der Val-des-Dix-Hütte hera uf zieht. Nun geht es leichter. Wir gelangen hinauf auf die obern Firnfelder, und um die dritte Nachmittagsstunde ist der Gipfel des Pigne d' Arolla erreicht, Nun haben wir sie, les deux! Zum zweitenmal geniessen wir heute das Glück der Gipfelstunde, träumen hinaus in die sonnige, strahlende Bergwelt. Der Blick schweift durch die Nordwand hinunter nach Arolla, dessen braune Häuser wie Spielzeug beisammenstehen. Lange bleiben wir auf dem Gipfel, die Trennung von ihm fällt uns schwer. Aber die Sonne mahnt zum Aufbruch. Schon strecken sich die Schatten hinaus in die weiten Firne. Der Abstieg zum Befuge Jenkins wird zu einer mühsamen Schneestampferei. Immer wieder sinken wir ein, aber ohne Zwischenfall erreichen wir die kleine Hütte und von dort die westliche Moräne des Glacier de Torgnon, wo wir uns vom Seile lösen, das uns während 14 Stunden verbunden hat. Jetzt geht es hinunter nach Arolla. Ein Sommerabend von unbeschreiblicher Schönheit ist hereingebrochen. Die Berge glühen und ihr Feuer leuchtet wider aus den Scheiben der Häuser. Wie eine Fackel sticht die Aiguille de la Tsa in den dunkeln Abendhimmel. Wir nehmen das letzte Wegstück in Angriff. Schweigsam und müde, aber erfüllt von den Eindrücken eines unvergesslichen Tages, trotten wir in der rasch zunehmenden Dunkelheit talauswärts, wo aus der Ferne die gastlichen Lichter von Haudères blinken.

Feedback