Mont Blanc - Innominatagrat

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

JVon Hugo Nünlist

Mit 5 Bildern ( 30—34Luzern ) Ein treibhausschwüler Tag geht zu Ende. Die ersten Windböen schlagen um die Gambahütte ( 2663 m ). Ich stehe auf einem breiten Grasrücken zwischen Brouillard- und Frêneygletscher, deren zerrissene Eiszungen an kahlen Plattenschüssen kleben. Hin und wieder lösen sich Blöcke und stürzen den Wasserfäden nach, die laut durch die Räume rauschen. Und hoch droben scheinen Wolkenfetzen wie Schlangen hervorzuzischen; sie fahren unheimlich wild hinter den Graten empor. An grosse Fahrten ist nicht zu denken. Tag für Tag Gewitter, bisweilen Hagel zur Hütte herab; Innominata- und Peutereygrat in schiefergraue Nebelschleier gehüllt.

Nur mühsam gelingt mir, mich auch an kleinen Dingen zu freuen. Um das Schutzhaus scharen sich Schafe, belecken meine Hand, als ob sie mich trösten wollten, oder trotzen dem knurrenden Hüttenhund, der als eifersüchtiger Plaggeist Unruhe zu stiften versucht; zornige Ausfälle eines Schafes, und der sonst flinke Köter purzelt übers Geröll und winselt. In einer Mulde lässt sich ein Murmeli beobachten, das Kräutern nachstellt oder auf die Randmoräne kriecht, um lautlos, wie zu Stein erstarrt, zum Brouillard- gletscher hinüber zu lauschen. Auf der andern Seite, in einsamen Schutt-zügen unter der Aiguille Croux, liegt ein Felsklotz, woran sich das alte, jetzt zerfallene Schirmhüttchen gelehnt hat. Nachdem eine Läui es fortgefegt, ist nur der Bodenbelag übriggeblieben. Und gleitet der Blick zur Tiefe, gewahrt er verschüttete Eismassen des Miagegletschers, die den wundersamen Lac de Miage nähren, wo Kalbeisstücke im Wind umhertreiben. Man erkennt auch das Fahrsträsschen, das sich neben der Dora Baltea durchs Val Veni bis unter den Col de la Seigne erstreckt.

Die Tage fliegen so rasch, wie die Wolken ziehen. Ein zehrendes Unbehagen schwelt in mir. Stets dieselben Schlechtwetterzeichen: Zirrenbänder in allen Richtungen, heftig flatternde Wolkenfahnen, glutrotes Dämmern morgens und abends, finstere Knäuel, die hartnäckig an den Wänden haften, und immer wieder Gewitter, bald nah, bald fern. Halb missmutig sehe ich jungen Leuten zu, die zufrieden, ja frohgelaunt in diese Wildnis gestiegen sind. Ihr Sinnen geht nicht nach windumbrausten Graten und zerklüfteten Gletschern. Sie zeigen sich wunschlos, ergötzen sich am Unscheinbaren und begnügen sich mit dem bescheidenen Ziel. Warum kann ich nicht auch so sein, glücklich um die Hütte streifen? Burschen und Mädchen plaudern unbeschwert drauflos; sie tummeln sich in kurzen Höschen auf der Fluh und geniessen das Leben, das ihnen die Zeltlager drunten im Tal, neben der Ruine der Cantine de la Visaille oder im Lärchengehölz, bescheren, während ich mich härme und mit dem Schicksal hadere.

Das Zagen nimmt schliesslich ein Ende. Der Führer Francis Salluard von Entrèves ist angekommen. Drei Italiener, C. Busi von Bologna, Tessore Pino und Bessone von Perrero ( Torino ) beabsichtigen, den Innominatagrat zu begehen, indessen Waschak und Forstenlächner, die Besteiger der Eigernordwand, sich mit der Westwand der Aiguille Noire beschäftigen. Neue Gesichter, frische Hoffnung. Ich darf mich den Italienern anschliessen. Trotz dem unsteten Wetter wollen sie sich vorerst zum Bivacco fisso Eccles ( 4000 m ) begeben, das in fünf Stunden erreichbar ist.

Montag, den 31. Juli 1950, queren wir gemächlich auf einer Wegspur die Trümmerhalden unter dem Châteletgletscher und schnallen die Steigeisen am Ufer des Brouillardgletschers an. Der Abbruch lässt sich neben einer mächtigen Felsklippe, die den Gletscher in zwei Teile trennt, leicht überwinden und führt zu einer kleinen Firnebene, die von mehreren Querspalten durchfurcht ist. Wir verbleiben am Ostrand, wo im zerhackten Gelände Brücken einen Durchschlupf ermöglichen. Steilstufen wechseln mit flachen Stellen. Am Col du Frêney ( 3600 m ), unter dem klaffenden Bergschrund, wird eine kurze Rast eingeschoben. Hier glüht die Sonne wie in einer Sandwüste. Wir sichten die Biwakschachtel hoch am Südwestgrat der Pointe Eccles. Darüber nichts als Nebeltücher und die Südwand des Mont Blanc Grau in Grau verhängt. Im Westen, jenseits des entsetzlich aufgewühlten Brouillardgletschers, kracht der Steinschlag und wirbelt Staubwolken auf. Bald lärmt er an der Pointe Louis Amédée, bald am Col Emile Rey, dessen zerfaserte und von Eis durchsetzte Flanken nachhaltige Eindrücke hinterlassen.

Der Schrund wird auf der einzigen, gebrechlichen Brücke überschritten. Eine jähe Eisböschung schliesst sich an, wonach tiefer Pappschnee zum Südwestgrat leitet. Der Sporn ist nicht harmlos zu erklettern und weist eine Unmenge lockerer Steine auf, die bei geringster Seilberührung zum Kippen neigen. Der Abgrund wächst zusehends. Weit unten taucht der Frêneygletscher auf, zwischen bodenlosen Wänden eingebettet und in ein Wirrwarr von Schrunden aufgelöst. Wir öffnen fast hastig die Tür des Tonnengewölbes der Biwakschachtel, die seit zehn Jahren ausgesetzt auf einer Schulter unter hervorstechenden Felszacken der Pointe Eccles ruht und mit einer Seite ins Leere greift. Alles Notwendige ist für fünf bis sechs Bergsteiger vorhanden: ausgezeichnete Matratzen und Decken; Brennstoff hingegen fehlt. Der Platz ist sehr knapp, so dass wir recht gern eine Erkundigungsfahrt zur Pointe Eccles ( 4038 m ) unternehmen, deren Grat sich in währschaften Quadern zum Gipfelkopf aufbaut. Beim Abstieg vom Nordgipfel entdecken wir auf der südlichen Abdachung mehrere Steindauben, die auf Vorsprüngen die bequemste Richtung angeben.

Die letzten fahlen Sonnenstrahlen streichen über den Brouillardgrat, als wir uns der Unterkunft nähern. Windstösse wimmern um die Felsen, und der tauende Schnee wird schnell wieder hart. Unheimlich trübe Nebelballen lagern in der Innominatawand und füllen die Kehlen aus. Die obersten Firnbecken haben ihr Leuchten verloren und warten bleiern und gelassen auf Steinschläge. Zum Greifen nah ist die Pointe Blanche de Peuterey, die sich der Nebelschwaden zu erwehren sucht. Eine Steinsalve prasselt ihre Wandflucht hinab und verliert sich in Splitterstaub und endlosen Rinnen. Die Nachtschatten verfinstern sich. Im Aostatal, unterhalb Courmayeur, blinzeln Lichter herauf. Gran Paradiso und Grivola verblassen in der Ferne und vermengen sich mit dem Gewölk, während in der Bergsteigerzelle zwei Kerzenstummel aufflackern und fast eine heimelige Wärme verbreiten. Sollen wir es bedauern, dass in dieser einzigartigen Einöde eine schlichte Behausung errichtet worden ist? Nein, wir freuen uns kindlich dieser Klause 1.

Um 2 Uhr erhebe ich mich vom Lager mit schmerzhaft durchkältetem Kopf; denn der Wind dringt durch die Fensterfugen. Er peitscht ungestüm umher, so dass meine Gefährten den Aufbruch Stunde für Stunde verschieben. Die Wand lichtet sich erst um 7 Uhr und gibt allmählich den Brouillardgrat frei. Wolkenfische, die wie verfolgt oder gereizt herüberhuschen, lassen keinen Zweifel zu. In der Höhe wartet unser entweder Sturmwind oder sogar ein 1 Im Guide Vallot steht zu lesen: « II humanise un lieu d' une sauvagerie unique dans les Alpes, ce qui est tout à fait regrettable. » Selbst das bescheidenste Obdach raubt schliesslich der Wildnis etwas Ursprüngliches und schenkt dem Bergsteiger Geborgenheit. Ist es bereits überflüssig? Was sollen wir von andern Biwakplätzen halten ( Estellette, Craven, Brenva, Fourche, Frébouzie oder gar von Solvay und VallotAus jenem Satz kann man füglich die Verurteilung fast aller Hütten folgern; denn sie alle erleichtern die Besteigungen und mildern die Rauheit des Gebirges. Seit den Anfängen des Bergsteigens bedauert man Stützpunkte nicht. Solang sich Schlichtheit der Unterkunft mit echtem Bergsteigergeist paart, befinden wir uns nicht auf Irrwegen. Daher hat es der CAAI kaum zu bereuen, an diesem Ort ein Opfer gebracht zu haben.

Wettersturz. Francis entwischt der Ausspruch: « sale temps »; er schildert die Gefahren des Blitzes, der Kälte, des Verirrens und erzählt von einem Führer Croux, der sich auf dem Mont Blanc bekreuzigt hätte aus Dank, inmitten eines wahnwitzigen Sturms den Gipfel gefunden zu haben. Ich gebe ihm innerlich Recht, entkräfte jedoch alle Warnungen und verspreche Erfolg. Erst nach 9 Uhr willigen er und die andern ein, den Aufstieg wenigstens zu beginnen.

Wir gelangen bald, auf Schnee- und Gneisbändern schräg ansteigend, zu einer brüchigen Rinne, die zur Pointe Eccles führt. Von dort ein kleiner Abstieg auf Platten und ein vereister Quergang zurück zum Grat, auf dessen Firnhaube wir rittlings hinabschlittern. Wächten verbinden sie mit dem Innominatagrat, wo sich der Wind kaum entfaltet und die Kälte auffallend schwindet. Die eilige Gangart hat uns bereits erwärmt. Der Weg ist wie vorgeschrieben. Auf der Brouillardseite lässt sich ein breiter Riss gutgriffig durchklettern, wonach eine fünf Meter hohe, fast senkrechte Verschneidung schwierig zum Grat ausmündet, unmittelbar vor dem ersten braunen Turm. Einige Fels-nocken oder Warzen gestatten Klimmzüge, während die Sohlen im Winkel verkeilt werden. Jeder muss oben verschnaufen, weil man die Höhenlage spürt. Ein Donnerhall lässt den Blick unwillkürlich zu den Grüberfelsen schweifen, wo sich soeben eine riesige Eismauer, blaugrüne Bruchflächen erzeugend, entwurzelt hat und zum Frêneygletscher hinuntersaust. Die halbe Welt scheint zu bersten.

Über verschneite Gneistafeln und durch ein Felsenfenster erreichen wir die Bresche vor dem zweiten Zahn. Auch dieser wird auf der Peutereyseite ohne besondere Schwierigkeiten umklettert. Wir stehen unverhofft auf einer waagrechten Schulter, die in der Innominatawand verläuft. Scharfe Firnschneiden veranlassen uns, abwechselnd links und rechts vorsichtig die verwitterten Steinfliesen zu betreten. Noch einige Stufen hinan, und auf schmalem Gesims halten wir einen Augenblick Umschau. Die Fortsetzung ist gegeben. Schier die ganze Wand liegt wie ein Bachbett vor uns, durchwirkt von Schnee und Eis. Erst am obern Ende der wuchtigen, trichterförmigen Runse ragen lotrechte Wände, von Eiszapfen behangen, in den Himmel. Ab und zu schwimmen Nebel hinweg, die aber noch keine Sorgen bereiten. Hoch darüber hingegen jagen giftiggraue Lanzenwolken in die Weite und lassen Unheil ahnen. Am Col de Peuterey hat sich der Firn ebenfalls misstönig verfärbt. Das Schneefeld kauert diesig zwischen schattenlosen Aufschwüngen. Bisweilen leuchtet ein Flecken in einem Blenden auf, das mich wehmütig stimmt. Doch zuckt jeder Sonnenstrahl wie gehetzt davon, als ob er sich verspätet hätte. Sind nicht sämtliche Wetterzeichen schlimm? Weshalb erwarte ich ein Wunder?

Geröllbedeckte, arg zerzauste Felsen säumen den langen Eiskännel, dem wir am linken Bord folgen. Er ist im untern Drittel auf wenige Meter zusammengeschnürt. Salluard hackt in gleichmässigen Schlägen Tritte über den Engpass. Von jetzt an sind wir dem Steinfall ausgeliefert. Die rundgeschliffenen Buckel vermöchten uns nicht zu schützen. Irgendwo sind Eissträhnen zerbrochen, so dass die Splitterstücke an uns vorbeikollern. Sonst bleibt alles ruhig. Wir gewinnen langsam, aber stetig an Höhe, lenken linker Hand allmählich in eine Seitenschlucht und klettern am nördlichen Hang, da Steine das Tobel herniederpoltern. Die anschliessende Gratlücke gewährt einen überraschenden Blick zum Brouillardpfeiler.

Kaum biegt Salluard um eine Ecke, erdröhnt wiederum Steinschlag. Gewaltige Brocken schwirren vor uns die Sulzmulde herab und verschwinden in den Schlünden der Südwand. Wir betrachten, in Nischen geduckt, ihren unerbittlichen Lauf. Nach flüchtiger Rast stossen wir über Rundhöcker und Schnee auf eine Firnkante. Während des Befestigens der Steigeisen rieselt plötzlich Graupel nieder. Nebelschleier senken sich lautlos und unbarmherzig. Es wird ernst. Wir drängen keuchend zunächst in schwerem Sulz aufwärts, dann auf morschem Eis und werden schon von Hagelschauern überschüttet. Kälte tritt auf, der Wind springt uns an, und von der andern Seite des Gipfelkammes flitzen dunkle Rauchfahnen, wie von Schloten ausgestossen, über nasse Felsen. Einige Meter vom Brouillardgrat entfernt halten wir auf Leisten zu einer Scharte, wo der Sturm hohl und dumpf heult. Solang als möglich verbleiben wir in der Flanke, bis uns Wächten zwingen, die Wetterseite zu benützen. Hier überrennt uns der Schneesturm mit aller Wucht. Ist das ein Brüllen, Toben und Zerren! Man muss sich in die Ohren schreien, um sich verständlich zu machen.

Nach mehreren Seillängen, vor einem Felsbollwerk, will Salluard schräg abwärts ausweichen. Wir zögern; denn das Gefälle ist abschüssig und vereist. Francis begibt sich nochmals zur Wächte, lehnt sich hinaus und erkennt die Innominatawand, nicht aber den Peutereygrat. Also muss der Wall erstiegen werden, hart neben Wächtenrissen. Dahinter breitet sich Schneegelände aus, das endlich den Mont Blanc de Courmayeur ( 4753 m ) bildet. Hier entfernen wir uns vom First, dass er nur noch als undeutliche Linie sichtbar bleibt, umgehen die Tourettefelsen und wenden uns zu mässig geneigten, von Spalten durchzogenen Flächen. Von Spalten? Francis weiss nun, dass wir in die Brenvaflanke geraten sind. Nach einer Biegung aufwärts verrät eine Kuppel das Haupt des Weissen Berges ( 4810 m ). Verwischte Spuren, ein Stoff-restchen. Mit einem Gefühl der Erleichterung reichen wir einander die Hand, tief vermummt, gegeisselt von Schneegestöber und die Augenbrauen von Rauhreif überkleistert. Es ist nahezu 5 Uhr abends.

Beim Abstieg fasst uns der Sturm mit unbändiger Gewalt. Ein Gefährte stolpert neben den Grat, ein anderer gleitet an vereister Ecke aus. Die Eiskörner trommeln orkanartig ins Gesicht und verunmöglichen zeitweise den Weitermarsch. Mich dünkt, ein endloser Grat sei schon zurückgelegt. Selbst die letzte Spur ist verloren. Wir verirren uns in steile Eishänge und machen auf einem Felssporn Halt, um zu beratschlagen. Trotz peinlicher Aufmerksamkeit ist uns die Vallothütte entgangen. Sogar Salluard gesteht, sie verpasst zu haben. Höhenmesser und Kompass befinden sich in Courmayeur. Das reut mich jetzt. Der abgelenkte Wind verwirrt uns derart, dass drei Standorte vermutet werden: Domgletscher, Grand Plateau und Col du Dôme. Einmal vernehmen wir einen Ruf. Ist es eine Täuschung? Aber unsere Antwort erstirbt im Wind. Salluard will nochmals zurück auf den Grat. Zu später Stunde aufs Geratewohl suchen? Ich möchte soweit als möglich bis zum Einbruch der Nacht abwärtsfliehen, um mich in Schneemulden einzugraben. Nach ärgerlichem Zaudern kreuzen wir, in zwei Richtungen ansteigend, den Hang. Jenseits eines Gletscherarmes schimmert ein Fels durch und scheint unwirklich fern zu sein. Unverhofft ein unbekannter Schneegrat, Fussabdrücke, Pickellöcher. Vor uns erhebt sich die Vallothütte ( 4362 m ).

Zwei Engländer und die Aargauer Dr. Huber und Dr. Lendorff, die von der Brenva eingetroffen sind, begrüssen uns. Bereits flammen die ersten Blitze durch die Scheiben; der Donner hallt. Welche Freude, statt eines Biwaks in Nässe und Kälte unter einem Obdach verweilen zu können, während der Sturm die ganze Nacht und den folgenden Tag ununterbrochen rast und wie entfesselt an die Hütte wuchtet! Die Wände aus Duraluminium schwanken und beben. Wir vernehmen unaufhörlich, mit einer gewissen Beklemmung, ein wütendes Rollen, als ob Hunderte von Lauenen, eine hinter der andern, über uns hereinbrächen oder schwere Meereswogen auf den Strand brandeten. Am Morgen liegt auf meinen Wolldecken feiner Schneestaub, der durch unsichtbare Ritzen hereingesprüht ist. Tagsüber hören wir stundenlang dem Walten der Urmächte zu, kuscheln uns auf den Pritschen ein oder schlottern auf dem Metallboden und teilen brüderlich die dürftigen Vorräte und die paar Tropfen heissen Getränkes. Wie wäre es verdienstlich, so zum Zeitvertreib die Hütte von Schmutz zu reinigen. Ich stehe herum und weiss nichts zu tun. Doch lässt sich weder Besen noch Schaufel auftreiben, und so begreife ich, wenn der Unrat sich ständig häuft.

Gegen Abend folgen wir den beiden Engländern, die eine Aufhellung benützt haben, zur Cabane de l' Aiguille du Goûter vorzudringen. Wir treffen am Col du Dôme ( 4240 m ) eine Vierergruppe an, die, oberhalb der Gonellahütte vom Sturm ereilt, in unserer Umgebung im Freien genächtigt hat. Die Österreicher streben in unsern Spuren zur Vallothütte, die reifüberzogen im flüchtigen Sonnenstrahl glänzt. Bald werden sie den Unbilden entronnen sein. Dann verschlucken uns die Nebelschwaden, und es schneit.

Auf dem Dôme du Goûter ( 4303 m ) heben die Rätsel wieder an. Eine vereiste Halde endigt in einem hohen Schrund. Darunter wadentiefer Pulverschnee. Immer neue Spalten öffnen sich, und nie erscheint der Grat, worauf die Hütte steht. Wir haben uns offensichtlich in den Firnbrüchen des Bion-nassaygletschers verirrt. Die zwei Schweizer kehren zur Vallothütte um. Auch wir dringen auf Verzicht; denn beim Einnachten fädelt man ohne Not keine Abenteuer ein. Der Rückweg zum Dôme ist mühsam. Dort zerreisst der Nebel, so dass sich Salluard wider unsern Willen entschliesst, den richtigen Grat doch noch zu erwischen. Wir beflügeln den Schritt durch hinderliche Schneemengen, über Spalten und an einem Eisbruch vorbei. Als die Wolken wieder unergründlich in alle Mulden schleichen, ist der Firnrücken gewonnen. Wir gelangen in dichtem Schneegux zur Cabane de l' Aiguille ( 3817 m ), just bei Einbruch der Nacht.

Hier hält sich ein junger Österreicher schneeblind auf. Er bittet mich, seine Wasserflasche nicht zu leeren, sonst müsse er verdursten. Ich stutze und erkläre mich verantwortlich für seine Habseligkeiten, worauf er seine Leidensgeschichte mit geschlossenen Augen erzählt: mit dem Rad nach Entrèves, zu Fuss auf den Col du Géant, hinter einer Seilschaft über den Mont Blanc getrottet, seit zwei Tagen in dieser Hütte schneeblind, wenig zu essen, nichts zu kochen, nur kaltes Wasser als Getränk. Er soll sogar vor der Vallothütte übernachtet haben, weil die Tür nicht aufzufinden war. Ob Vorwürfe gefruchtet hätten? Vielleicht. Viele Jünglinge bedürfen eben eigener Erfahrung, bis sie vernünftig werden und bereit sind, den Ermahnungen Erwachsener Gehör zu schenken. Abends und morgens reichen wir ihm warmen Tee, lassen entbehrliche Esswaren zurück, ausserdem den restlichen Brennstoff, einen Kocher und Geld.

Der Schneefall hält auch anderntags an. Eine Besserung ist nicht zu erwarten. Meine Gefährten entscheiden sich nur ungern für den Abstieg. Plattige und recht gähe Felsen, unter Wassereis und Neuschnee, erfordern Sorgfalt. Die Handschuhe sind bald nass und die Finger steif. Es stiebt aus allen Wolken. Schwere Schneemassen rutschen unter den Fussen ab. Jeder muss gesichert werden, was zeitraubend ist. Wir steuern eine Weile über eine Rippe hinunter, hernach scheint die breite Kehle geeigneter zu sein. Mit wachsender Tiefe zeigt sich das Gelände freundlicher. Aber beim Zurückschauen wähnen wir uns in einer winterlichen Nordwand. Nichts als Felsinseln, Eiskrusten, Schwimmschnee, darüber Nebel und Flockengewirbel.

Eine Stange inmitten verdeckter Blöcke, ein Niederschlagsmesser. Wir befinden uns vor der Cabane de Tête Rousse ( 3167 m ), die bewirtet ist. Man hat vom Österreicher Kenntnis. Der Hüttenwart wird sich sobald als möglich hinaufbegeben. Bis dahin sollte der Junge fähig sein, die Hütte zu verlassen. Nach angenehmem Aufenthalt durchwaten wir eine Eisbucht und springen einen Schneepfad in unzähligen Windungen hinab zum Désert de Pierre Ronde, der zum Bahngeleise am Mont Lachat gequert wird. Hier, auf 2300 m Höhe, hat sich der Nebel für einige Zeit gelichtet. Im Talhintergrund strömt aus bleichen Dünsten der zerschnittene, weiss angehauchte Bionnassaygletscher. Erneut hüllen uns trostlose Nebel ein, woraus der Regen eintönig niedertrieft. Wir wandern unverdrossen dem Bahndamm entlang, über Geschiebe und nasses Borstengras zum Col de Voza ( 1653 m ), melden von dort unsere Ankunft nach Courmayeur und vernehmen, dass insgesamt mehr als zwanzig Bergsteiger am Mont Blanc vermisst sind.

Ein Laufschritt bringt uns über taufeuchte Matten hinab nach Bionnassay und Bionnay ( 973 m ), von wo der Postwagen bis Notre Dame de la Gorge ( 1210 m ) fährt. Nochmals in Regenschauern begeben wir uns auf dem holperigen, mit zahllosen Steinen gesegneten Steig zur Alp de Nant Borrant ( 1459 m ). Ein unterhaltsamer Saumweg begleitet den Wildbach zum Chalet de la Balme ( 1706 m ). Nach vier Tagen Bergfahrt gönnen wir uns eine reichliche Mahlzeit. Es ist Donnerstagabend geworden.

Schon um 5 Uhr morgens verabschieden wir uns von den netten Wirtsleuten und steigen gemütlich einen Kuhpfad hinan zum Plan des Dames ( 2043 m ), den heute nur Viehherden bevölkern, die in herrlich sattem Braun auf den Triften weiden. Die nächste Alpstufe steckt bereits in Neuschnee und ewig gleichen, wehleidig umherschwebenden Nebeln. Der erste Pass, der Col du Bonhomme ( 2329 m ), ist um halb 7 Uhr erreicht. Wind und Kälte veranlassen uns, sofort zum Col de la Croix ( 2476 m ) aufzubrechen, wo ein Steinmal wiederum zum nächsten Übergang weist.

Der Weg lässt sich im handhohen, klebrigen Schnee kaum noch entdecken, und jeder Schrofenhang ist wie im Herbst verhängt. Kein Ton belebt die Stille. Um 8 Uhr liegt auch der dritte Sattel, der Col des Fours ( 2663 m ), hinter uns. Wir schleifen im Schnee die Kehren hinunter zu einer verlassenen kraterähnlichen Beckenlandschaft und treten aus dem Wolken-flaum in die Weidhänge unter der Tête de Bellaval. Auf der Alp le Tuff ( 1991 m ) ist der Senn leider mit dem Käsen beschäftigt. Trotzdem bietet er uns zuvorkommend das bisschen Mittagsmilch an. Den Rest des Durstes löschen wir mit zwei Kesseln Schotte, die kübelweise den Schweinen in den Trog geschüttet wird, darin sie sich vor Wohlbehagen wälzen. Als das Quiet-schen verstummt und zwei Dutzend Grunzer gesättigt im Regenmorast davon-stapfen, ist immer noch ein Trog halbvoll des edlen Saftes geblieben. Die Lust vergeht uns aber, auch hier mit der faden Brühe aufzuräumen.

Durch Gestrüpp und ein Tobel zielen wir zur Alp le Rocher und einen Hubel hinab zur hintersten Brücke des Torrent des Glaciers. Zwei Mädchen begegnen uns und wagen die fremden, seltsamen Gesellen kaum zu grüssen. Weitausholende Kurven oberhalb les Mottets ( 1865 m ) und der Trümmerstätte einer ehemaligen Kaserne erlauben besinnliches Schreiten. Neben uns und auf den Dossen der Combe Noire äst bildhaft schönes Braunvieh. In der Höhe zerteilt sich zum erstenmal das Gewölk und enthüllt die Aiguille des Glaciers mit ihren makellosen Firnwellen und überzuckerten Felsen. Die Sonne brennt so stark, dass der Neuschnee auf dem Gras vor unsern Augen schmilzt. Ruinen und Stacheldrähte kündigen den Col de la Seigne ( 2512 m ) an, so dass wir den Gang beschleunigen. Unter uns schimmern die Gefilde des Val de la Lex Blanche und, anschliessend, des Val Veni. Es mutet uns als das Gelobte Land an.

Ohne bei der Grenze zu verweilen, gleiten wir um Mittag über Schnee und Schotter rasch zu Tal. Ein Pfiff fordert uns auf, zum Wachtposten abzubiegen, wo der Zöllner in klangvoller Sprache die Leviten liest: die Italiener ohne Pass und ich ohne Austrittsbescheinigung! Er zeigt sich von Amtes wegen derart entrüstet, dass ich um unsere Zukunft bange und die lange Bergfahrt hinter dicken Gefängnisstäben enden sehe. Der Mann will einfach den Sonderfall nicht verstehen. Zu guter Letzt, statt eingesperrt zu werden, erfreuen wir uns eines freien, ehrenvollen Abzuges. Meine Gefährten haben hernach die Angelegenheit bis zum Miagegletscher mit gewohntem Eifer durchgehechelt. So was hätte Tartarin de Tarascon widerfahren sollen, der ja auch unfreiwillig die Grenze überschritten hat und zur Cantine de la Visaille abgestiegen ist, ohne Ausweis und ausserdem ohne Geld. In Gedanken sehe ich ihn mit dem Pickel « système Kennedy » um sich fuchteln und höre Mauerhaken und Steigeisen am Gürtel klirren.

Von Visaille bis Purtud schaukeln wir das Strässchen hinab in einem Lieferungswagen, den zwei Buben, gegen Trinkgeld natürlich, aufgetrieben haben. Alle ächzen, als wir unser Gewicht nochmals den Fussen anvertrauen. Die Glieder sind zwar bald wieder geschmeidig, als ob man erst auszöge und nicht schon fünf Tage unterwegs wäre. Bei der Kapelle von Notre Dame de Berrier ist die Dora Baltea nach Entrèves überbrückt, wo wir von einem Freund gastlich bewirtet werden. Nach herzlichem Abschied von Francis Salluard, der in folgenschweren Stunden richtig gehandelt hat, schlendern wir gegen Abend nach Courmayeur und vernehmen dort von den beiden Schweizern unerwartete Nachrichten.

Als diese vom Dôme du Goûter umgekehrt waren, fanden sie die vier Österreicher erschöpft am Abhang der Vallothütte. Nachdem der Sturm wieder tobte und das Schutzhaus ihren Augen entschwunden war, da brachen die Unglücklichen wenige Meter davor körperlich und seelisch zusammen. Der eine lag im Sterben. Die Schweizer schoben und zogen einen andern zur Unterkunft und retteten ihn vor dem Erfrieren. Es gesellten sich später zwei weitere Österreicher hinzu, die während des Unwetters in der Sentinelle Rouge und bei der Hütte genächtigt hatten. Sie erlitten Frostschäden an Fingern und Zehen. Nach zwei Tagen wagten die Schweizer, in Nebel und tiefem Schnee zur Tête Rousse zu gelangen, um Bericht zu geben. Zehn Mitglieder der Sektion Pilatus schickten sich sofort mit ihrem Führer an, auf Vallot die erste Hilfe zu leisten und die ärgste Not zu lindern. Sie brachten unter misslichen Verhältnissen einen Schwerkranken zu den Grands Mulets. Seither ist auch dieser dem Bergtod zum Opfer gefallen. Die Österreicher im Lager zu Entrèves, gemeinsam mit Waschak und Forstenlächner, stiegen vom Col du Géant an, um die Eingeschlossenen herunterzuholen.

Als wir drei Schweizer von Courmayeur abreisten, da erstrahlte die Brenvaflanke im reinsten Silbergewand. Hoch über allen irdischen Sorgen ragte die Spitze des Mont Blanc in den Himmelsraum und glitzerte erhaben über Dorf und Tal — wie wenn nichts geschehen wäre. Doch sind wiederum Tote zu beklagen, Menschen zu betrauern, die auf seinen rauhen Gletschern ein bitteres Ende gefunden. Sie haben die Schönheit des Gebirges wohl erkannt, aber seine Grösse und Härte nicht überlebt.

Auf dem Friedhof zu Courmayeur erhebt sich über einem Grab eine scharfe Granitklippe, woran das einzige Wort steht: « Boccalatte ». Auch dieser kühne und tüchtige Kletterer ist vom Berg überwunden worden, ist in jenes Reich eingegangen, von dem Andreas Fischer spricht:

« Die Toten sind stärkere Zeugen als die Lebenden, unwiderlegbare Zeugen der Gefahr und Mahner zur Vorsicht. »

Feedback