Monviso

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VON WALTER GROSSENBACHER, LANGENTHAL

1 Bild Wenn der vom Duft der weiten Welt verführte Helvetier per Charterflugzeug aus den Ferien im fernen Süden den Stiefel hinauffliegt, da winken ihm plötzlich drei silberne Zacken, Vorläufer des heimischen Alpenwalls, in den Photoapparat und treiben ihm die Heimwehzähre in die Augen. Die südlichste und kühnste dieser zum Himmel lodernden Flammen ist der Monviso ( auch Monte Viso genannt ), 3841 Meter hoch, die höchste der Gran Paradiso ( 4061 m ) und etwas abseits die Disgrazia ( 3675 m ). Ihr Anblick lässt das leere Portemonnaie vergessen und weckt die Sehnsucht nach näherer Bekanntschaft.

Der klimatisch unerquickliche Sommer 1965 liess die optimistische Hoffnung aufkommen, dass wenigstens in Italien Klettern ohne kalte Finger möglich sein sollte. Schon lange hatten wir uns vorgenommen, diesen drei vorgeschobenen Posten unserer heimischen Bergwelt unsern Besuch abzustatten, hatte uns doch ein bewährter Bergsteiger unseres höchsten Gerichts diese Touren mit juristischer Genauigkeit beschrieben und den Mund wässerig gemacht. Der erste Versuch vor drei Jahren war zwar nicht ermutigend: geleitet durch das bundesrichterliche Kroki, zogen wir auf rund 3000 Meter Höhe im Nebel um den Gran Paradiso herum wie weiland die Pinschgauer um ihren Dom, ohne eine Aufstiegsmöglichkeit zu entdecken. Nachdem uns dann noch ein plötzlich aus dem Nebel auftauchendes Rudel Steinböcke sichtlich ausgelacht hatte, zogen wir uns nach Helvetien zurück, um ein Jahr später festzustellen, dass man diesen Damenskiberg besser ohne Kroki und mit den Händen in den Taschen besteigt.

Wieder hatten wir die präzisen Wegleitungen unseres bundesrichterlichen Bergkameraden in der Tasche, als wir am 5. September 1965 für den Monviso starteten. Der Beginn war nicht vielversprechend: Regenböen und Sturmwinde prüften unsere Kutsche auf ihre Wasserdichtigkeit. Wie froh waren wir, gegen harte Schweizer Franken, die wir eigentlich in Chianti umtauschen wollten, den Tunnel des Grossen St. Bernhard benutzen zu können. Aber, welche Enttäuschung: im Süden sah Monviso und Viso di Vallanta, Südansicht 15 h: Normalroute neg. S. Bessone die Sache wenn möglich noch trostloser aus. Kalt und frostig empfing uns die alte Römerstadt Aosta. Die eingenebelten Berge liessen uns Schnee bis zur Baumgrenze vermuten. Das ausgezeichnete Mittagessen in Châtillon munterte uns wieder etwas auf, aber die Autostrada und hauptsächlich die trostlose Durchfahrt durch Turin liessen unsere Bergsteigermoral auf einen Tiefpunkt sinken. Der Vorschlag, den Mons Vesulus, wie die Römer unseren Berg nannten, rechts liegen zu lassen und nach Rom zum Dolce Vita zu gondeln, wurde lebhaft diskutiert. Einzig der Chauffeur, dem wir beibringen wollten, dass wir zur Bestreitung der Rom-Extraauslagen sein Auto verkaufen und per Schub heimreisen würden, machte Opposition. So fuhren wir halt weiter Richtung unseres Berges, kamen nach Pinerolo, dem früher hochberühmten Ausbildungszentrum der italienischen Kavallerie, und über Barge, Paesna endlich aus der Poebene heraus, in welcher wir uns mit unserer Berg- ausrüstung reichlich deplaciert vorkamen. Unsere Tagesreise endigte nach einer Fahrt von 434 Kilometern ab Bern in Crissolo ( 1318 m ). Nun waren wir im Zentrum der Cottischen Alpen, deren höchste Erhebung der Monviso ist.

Die Unterkunft im Albergo Club Alpino ist hervorragend. Unsern Berg sahen wir wegen des Nebels noch nicht, aber ein riesiges Übersichtspanorama zeigte ihn in unnahbarer, schroffer Wildheit, sein Fuss durchzogen von Gondelbahnen, Skiliften und einer grossen Anzahl hervorragender Skiabfahrten. Ich tröstete mich damit, dass das Bild vermutlich südlicher Übertreibungskraft entsprungen sei und dass mein Büro-«Training » und das Einfamilienhaus von Rucksack, das ich mitgebracht hatte in der Meinung, es handle sich um eine Guggershörnli-Tour, mir keine Schwierigkeiten bereiten würden. Um die trotzdem aufsteigenden bänglichen Gedanken zu verscheuchen, griffen wir kräftig zum Vino rosso, worauf ich dann am Morgen erstmals kapierte, dass der beliebte Übungssatz aus der Lateinstunde, die alten Römer tränken den Wein mit Wasser gemischt, seine guten Gründe hat. Ich hatte dies bisher den alten Schlawinern nie geglaubt.

Am nächsten Tag, o Wunder, ist der Himmel blau aufgerissen, und beim Anblick der nun sichtbaren « gfürchtigen » und tiefverschneiten Wände des Monviso werden wir kleinlaut. Vorläufig entschliessen wir uns noch fürs Fahren nach Pian del Re ( 2020 m ). Der Sturmwind peitscht uns in das dortige Albergo Alpino des Bergführers Perotti. Der grüne Génépi gibt uns den Mut wieder, und wir erklären dem sympathischen Bergführer, dass wir den Berg über seine von der Hütte aufsteigende Ostkante besteigen würden, von welcher wir dem italienischen Tourenführer eine unsern Kräften angemessene Route glaubten entnehmen zu können. Auf unsere Ankündigung hin sinkt Signor Perotti fast in die Knie vor Hochachtung, teilt uns mit, dass die Kante bei den Italienern den Schwierigkeitsgrad 3plus hätte und bei solchen Verhältnissen noch nie gemacht worden sei. Da verlässt uns Mannen, die diese Tour zum Teil mit AHV-Beiträgen finanzieren und die wir alle bereits auf der Lebensrückrei se sind, aller Übermut. Wir verziehen uns an die in der Nähe befindliche Quelle des Po und steigen in aller Ruhe in zweieinhalb Stunden auf gutem Fusswege zu unserm Standort, dem Rifugio Albergo Quintino Sella CAI ( 2640 m ), das in einer Neuschneeschicht von 30 Zentimetern Dicke ruht. Das Herz wird uns wieder munterer, als uns dessen Wart, der liebenswürdige Bergführer Quintino Perotti mit der Bemerkung empfängt, er sei schon über siebenhundertmal auf « unserem Berg » gewesen, und zudem habe er ausgezeichneten Asti spumante.

Das Wetter scheint sich nun zum Bessern zu wenden, und am Nachmittag rekognoszieren wir « unsere Kante » und den Normalanstieg über die Südwand. Die Kante sieht nun wirklich nach drittem Grad aus, und nachdem wir, vernünftig geworden, uns überlegt haben, dass die Hörnli-route am Matterhorn, die doch nur mit dem zweiten Grad bewertet wird, bei Neuschnee sturz-gefährlich wird, verzichten wir am Abend beim uns angerühmten schäumenden Asti auf die Ostkante. Aber auch die Normalroute über die Südwand scheint bei solchen Verhältnissen nur für Erwachsene. Die Schwierigkeit scheint offenbar darin zu liegen, den richtigen Einstieg zu finden und sich in dieser breiten Wand nicht zu versteigen. Unser uneigennütziger und diensteifriger Hüttenwart bemüht sich, uns genauen Aufschluss zu geben, und erklärt, wir sollten nur auf den markanten Wasserfall zuhalten, uns in dessen Nass tauchen und an der linken Seite mit Hilfe der dort befindlichen Haken aufsteigen. Das sah ja fast wie eine Eigernordwandbesteigung ( Ausstiegsrisse !) aus, und uns alten Mannen schauderte ob dem zu erwartenden kalten Bad in der Wand. Nun, hie Rhodus, hie salta!

Nachdem wir einen Tag zugegeben haben, in der vergeblichen Erwartung, der Schnee werde verschwinden, starten wir um 4.45 Uhr, übersteigen den unangenehmen Passo delle Sagnette ( 2991 m ) -etwa 1 y4 Stunden -, steigen hinab auf ein grosses Trümmerfeld, das wohl das billigste Bauland ist, das ich kenne, denn die Steinblöcke gestatten nicht einen normalen Schritt, überkeuchen drei riesige Moränen und steigen rechts unterhalb des Wasserfalls, der sich uns als imposanter Eissturz zeigt, in die Südwand. Die Kletterei präsentiert sich ähnlich derjenigen der Aiguilles Rouges d' Arolla: Griffe und Tritte in Hülle und Fülle in den senkrechten Felspartien, die durch einzelne Terrassen und Eiscouloirs unterbrochen werden. Das Spiel mit dem Wasserfall schenken wir uns, denn wir kommen auch ohne Haken und ohne den nassen Gruss von oben ohne Schwierigkeit zur liegenden Madonna auf dem Gipfel. Um 12.45 Uhr ist dieser erreicht, und wir verstummen sogleich, denn eine solche Rundsicht gibt es auf keinem Schweizer Gipfel: auf allen Seiten völlig frei, sieht man in einer Sehlinie von über 100 Kilometern den ganzen Alpenwall, die Seealpen, die Berge der Dauphiné, den Apennin und die Poebene. Bitter ist einzig, dass man nun den ganzen Aufstieg wieder zurückspulen muss, denn die andern Routen sind bei diesen Verhältnissen unmöglich. Die einzige Schwierigkeit dieser Besteigung durch die Südwand liegt im Finden der Route, aber unser bewährter chef de l' équipe, Dr. Ernst Bernet, reichlich mit « Grindelwaldner » Bergführerblut dotiert und militärisch « leicht vorgebildet », findet sich auf Anhieb durch. Um 19 Uhr, also nach rund vierzehn Stunden, sind wir wieder heil bei unserm Freund Perotti, der ebenso glücklich ist wie wir.

Was dann geschah, meine Lieben, sei lieber nicht beschriebenKurz und gut: wenn einer glückliche Tage bei lieben Leuten in schönster südlicher Alpenwelt und mannigfache Kletterei liebt und wer Interesse hat an prächtigen Serpentinen, die dort zur Auswahl herumliegen, der radle an die Quelle des Po, steige auf zu unserm Freund Quintino Perotti und tummle sich bei Asti spumante in den eleusischen Feldern, genannt: Cottische Alpen!

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