Mount Tacoma.

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Einer der höchsten und zugleich einer der schönsten Berge der Vereinigten Staaten von Nordamerika ist der Mount Tacoma oder Mount Rainier. In der Nordwestecke Amerikas befindlich, erhebt sich der Mount Tacoma kaum 50 km vom Stillen Ozean entfernt in eine Höhe von 4366 m. Lange Zeit galt diese imposante Pyramide als der höchste Berg der Vereinigten Staaten überhaupt. Im Gegensatz zu den meisten grössern Bergen in Amerika ist die Reise zum Tacoma, wie auch seine Besteigung, auf dem gebräuchlichen Weg verhältnismässig einfach.

Von San Francisco brachte mich der Eisenbahnzug in zweieinhalbtägiger, ununterbrochener Fahrt nach Ashford, von wo der riesige Mount Rainier Nationalpark betreten wird.

Zwei grosse Automobile, im Dienste der Parkverwaltung stehend, standen bereit, die zwei Dutzend Reisende aufzunehmen und ungesäumt nach ihrem Ziele, dem Paradise-Valley ( zirka 1600 m ) zu bringen. Eine breite, tadellos gepflegte Strasse leitete hinein in die Wälder, welche sich in ungeahnter Ausdehnung und Schönheit zu Füssen des Mount Tacoma ausbreiten. Von der kleinen Sommerfrische Longmire Spring, wo ein viertelstündiger Halt gemacht wurde, genossen wir zum ersten Male den Anblick des Berges: Tacoma, den « Berg Gottes », nannten ihn die Indianer. Und wirklich, wenn Götter auf Wolken thronen, wo könnten sie einen herrlicheren Sessel finden als den mächtig aufragenden, flachgipfligen Mount Tacoma! Ein unendlicher Waldteppich breitet sich rund um seine gewaltige Basis. Stundenweit nichts als Wald, herrlich dunkelgrüner Wald, wie ich nie je zuvor ähnlichen gesehen habe. Bis zu den vielen kleinen und grossen Gletschern ( es sollen ihrer 15 sein ) dringen die schlanken und doch kraftvollen Tannen vor. Hier stehen sie trotzig aneinandergedrängt, dort lassen sie Raum für hellgrüne, blumenbesäte Wiesen. Blaue Gletscher schimmern über ihnen, braune Felsen türmen sich, über denen duftige Wolken schweben und über allem, ganz weltentrückt und überirdisch, leuchtet der Firn der Gipfelkuppe des Mount Tacoma.

Um 7 Uhr abends, als von den Gletschern ein kühler Wind herabwehte, langten wir in Paradise-Valley an. Einige Häuser der Parkverwaltung, ein riesiges Hotel und eine ebenso grosse Halle mit Speisesaal, im Innern im Stile eines Blockhauses gehalten, sind die einzigen festen Gebäude. Malerisch gruppiert sich um diesen festen Kern eine kleine Stadt von Zelthäuschen. Immer mehr kommt in Amerika das « Camping » auf. Man setzt sich in den karg bemessenen Ferien nicht in einen Kurort. Wenn man nicht an einer der Völkerwanderungen teilnimmt, welche alljährlich von den grossen Touristenvereinen veranstaltet werden, so setzt man sich in sein Automobil und reist Tausende von Meilen von einer Stadt zur andern. Überall, in kleinen und grossen Städten, aber auch auf dem Lande draussen im Freien, sind sogenannte « Camping-grounds », Plätze, wo Wasser, oft kaltes und warmes, Platz zum Aufschlagen des mitgeführten Zeltes und Gelegenheit zum Abkochen ist.

19 So ist auch hier die Parkverwaltung einem dringenden Bedürfnis entgegengekommen und stellt den aus allen Staaten Amerikas herkommenden Reisenden öffentliche Lagerplätze gegen ein bescheidenes Entgelt zur Verfügung. Was würden schweizerische Hoteliers sagen, wenn man gerade neben ihren Hotels solche billige Lagergelegenheit von Staats wegen zur Verfügung stellte!

Auch ich bezog eines dieser niedlichen Zelthüttchen und richtete mich für einige kurze Tage gemütlich ein.

Die frühen Morgenstunden meines ersten Tages im Paradise-Valley benützte ich zur Umschau in der nähern Umgebung des Zeltlagers. Doch wie die Sonne höher stieg, hielt es mich nicht mehr. Der rastlose Wandertrieb erwachte, und bald eilte ich den vielgewundenen Weg hinab in den Talgrund und stieg hinauf auf der andern Seite auf einem herrlichen Waldpfad, bis ich auf einen mit Hochwald bestandenen Rücken gelangte. Dem Ufer des lieblichen Reflectionsees entlang wanderte ich, den schönen Ferientag in vollen Zügen geniessend. Jetzt begann der Weg den steilen Hang hinanzuklettern, wand sich zwischen Felsblöcken und Tannen hindurch in reizvoller Abwechslung und gestattete da und dort einen Ausblick auf den gletscherumflossenen Kegel des mächtigen Mount Tacoma. Ich kam zu einem kleinen Gletscherchen, über welches eine Spur hinauf in den Sattel zwischen den Felszähnen des « Castles » und des « Pinnacle-Peak » führte.

Hier wandte ich mich nach rechts und kletterte durch eine steile, glatte Rinne auf den Kamm des Nordgrates des Pinnacle-Peaks. Ein scharfer, trotziger Grat bäumte sich vor mir auf und wies mir den kürzesten Weg zum Gipfel. Ein frischer, kühler Wind strich über die Gratkante, da packte ich den Fels an und stieg in luftiger, teilweise gar nicht leichter Kletterei hinauf zum Pinnacle-Peak.

Der Ausblick vom Gipfel gewährte eine gute Übersicht über die ganze Südflanke des Mount Tacoma. Aber der Aufenthalt wurde unerträglich gemacht durch Schwärme fliegender Ameisen. Die garstigen, ekelerregenden Tiere trieben mich nur zu bald weiter. Erst folgte ich dem Ostgrate eine Weile, doch war der Fels so locker und unzuverlässig, dass ich mich wieder auf den Pfad zurückzog, der über die gut gestufte Südwand hinabführte und dem Fusse der Wand entlang in den Sattel zwischen Pinnacle-Peak und Castle leitete. Über den Westgrat erkletterte ich in kurzer, aber schwerer Arbeit den scharfen Gipfelkamm des Castles. Auch hier belästigten mich die fliegenden Ameisen derart, dass ich auf die Gipfelpfeife verzichtete und über den schmalen, exponierten Grat zum Ostgipfel seiltänzerte. Der Abstieg über den Ostgrat vollzog sich leicht und schnell, und über den flachen Rücken der Tatrothkette setzte ich meine Wanderung nach Osten fort. Der westliche Gipfel, der Unicorn-Peak, versprach noch schöne Klettergenüsse und war mir auch im Paradise-Valley als eines Besuches wert empfohlen worden. Ihm strebte ich nun zu. Es war ein herrliches Wandern, weit ab vom Getriebe des Zeltlagers, aber gegen Mittag wurde es fürchterlich heiss. Ein kleiner See unterhalb der Grathöhe bot willkommene Gelegenheit zu einem Bade. Dieses Mal war ich weit und breit allein und wurde nicht wie damals im Fläschwaldseelein in den Vorbergen von Lauterbrunnen von einem reisenden Mädchenpensionat im Adamskostüm überrascht. Das war gut so, denn in dem kaum knietiefen Tümpel hätte ich nur mit Mühe verschwinden können.

Frisch gestärkt wanderte ich weiter. Einige harmlose Türme stellten sich in meinen Weg und wurden leicht überklettert. Aber jetzt ballten sich dräuende Wolken zusammen, und ehe ich mich versah, rollte der grimme Donner vielfach über Täler und Höhen, und Blitze zuckten grell am bleigrauen Himmel. Ein wahrer Wolkenbruch prasselte hernieder. In dieser Sündflut musste ich die Besteigung des Unicorn-Peaks aufgeben und in der Flucht zutal mein Heil suchen.

Doch das Gewitter ging vorüber, ohne in einen dauerhaften Landregen auszuarten, und kurz nach meiner Rückkehr ins Lager brach die Abendsonne wieder siegreich durch. Als die Nacht heraufstieg, war der Himmel wieder klar, und schimmernde Sterne versprachen einen neuen schönen Tag.

Ganz zufällig hatte ich im Park einen jungen Berner angetroffen, der hier oben Fremde über den Nisquallygletscher und in die Eishöhlen des Paradiesgletschers führte, ganz wie dies bei uns am Eigergletscher oder in Grindelwald geschieht. Mein Zuspruch erwirkte ihm für den nächsten Tag Urlaub zu einer richtigen Bergfahrt.

Die Zeltstadt lag in tiefem Schlafe, als wir um 2 Uhr morgens aufbrachen und auf gutem Fusspfade hinaufstiegen zur Zunge des Paradiesgletschers. Moser schlug ein ganz gehöriges Tempo an, und beim Austauschen unserer Erlebnisse in Amerika kamen wir unvermerkt über die taufeuchten Alpwiesen hinauf an den Gletscher. In östlicher Richtung stiegen wir über das schneefreie Eis hinan. Ein wundervoller, wolkenloser Tag brach an. Bald setzte Schnee ein, wir seilten uns an, und das Lavieren über und um halbverdeckte Spalten nahm für einige Zeit unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Um 4.45 erreichten wir einen Sattel in einer Rippe, welche vom Mount Tacoma herab kommend den Paradise- und Stephensgletscher von dem tieferliegenden, breiten Eisstrom des Cowlitzgletschers trennt. Hier machten wir Rast.

Unser Ziel, der Little Tacoma, zeigte sich uns hier als schöne, burgähnliche Gestalt. Er geniesst einen sehr schlechten Ruf und wird nur äussert selten bestiegen. Das reizte mich nur um so mehr, und ich brannte darauf, mich an seinen Felsen zu versuchen. Alles schien mir offen vor uns zu liegen: Hier würden wir den Eisbruch hinabhacken, ein Restchen Schnee ermöglichte das gerade noch, während zu einer spätem Jahreszeit einige gewaltige Schrunde den Abstieg sperren. Dann würden wir den apern Cowlitzgletscher queren und über die jenseitigen Hänge zum Whitmangletscher hinaufsteigen. Dort würde sich dann schon wieder ein Weg zeigen. Aber wie ich meiner ersten Begeisterung ein wenig Luft gemacht hatte und meine Aufmerksamkeit wieder meinem Gefährten zuwandte, da sass der wie ein Häufchen Elend krank da. So kam es, dass ich um halb 8 Uhr meinen kranken Freund im Führerhaus ins Bett steckte und um den Little Tacoma erfroren war.

Aber den schönen Tag wollte ich doch nicht ganz verlieren. Bald brach ich wieder auf und stieg in vier Stunden gemächlich zu den Schutzhütten des Camp Muir hinauf.

Camp Muir ist der Standort zweier Hütten in ungefähr 3000 m Höhe, welche als Stützpunkte zur Besteigung des Tacoma, oder, wie ihn die Amerikaner meist nennen, Mount Rainier dienen. Die Hütten stehen am Südfuss des Mount Rainier auf einem schmalen Felsrücken, dem Cowlitzclearer, der vom Gibraltarfelsen herabkommt und zwischen Cowlitz und Nisquallygletscher im Eis untertaucht. Im Camp Muir fand ich einen welschen Landsmann vor, der eben von der Besteigung des Mount Tacoma zurückgekehrt war. Später kam auch der Schweizerführer Heinrich Fuhrer mit seiner Partie an, zumeist mit Frauen, die zwar begeistert, aber todmüde von der Besteigung waren. Als endlich die verschiedenen Karawanen talwärts abgezogen waren, blieb zu meinem Erstaunen ein schmächtiger, blasser Jüngling zurück. Im Laufe unserer Unterhaltung zeigte sich, dass dieser junge Mann mit der Führerpartie aufgebrochen war, wegen Unwohlsein aber bald die Besteigung aufgeben und zur Hütte zurückkehren musste. Im Laufe des Abends beschlossen wir, zusammen morgen einen Versuch zu unternehmen.

Die Nacht war kalt und klar, als wir am 12. August um 2.30 die Hütte verliessen. Der Vollmond schickte sich eben an, hinter fernen Waldrücken hinabzutauchen. Im Süden, vielleicht 70—80 km entfernt, sahen wir das Feuer eines riesigen Waldbrandes lodern. Eigentümlich war, wie dieses an und für sich grossartige Schauspiel auf unsere Stimmung drückte. Das ist die grosse, rote Gefahr des Westens, diese Waldbrände. Gerade in diesem ungewöhnlich trockenen Jahre nahmen die Feuer eine riesenhafte Ausdehnung an und zerstörten in die Millionen gehende Werte an Waldbeständen. Wohl besteht ein vortrefflicher Beobachtungs- und Abwehrdienst. Auch am Mount Rainier befindet sich ein Feuerauslugposten in einer Höhe von 2500 m, welcher telephonisch mit verschiedenen Talstationen verbunden ist. Doch die Unübersichtlichkeit und die Unzugänglichkeit dieser Waldberge, von der man sich keinen Begriff machen kann, verhindern oft oder beeinträchtigen doch rechtzeitige und weitgehende Abwehrmassnahmen. Zu einem guten Teil ( nach Zeitungsangaben im Jahre 1924 zu Dreivierteln ) ist die Brandstiftung der ganz beschämenden Nachlässigkeit des einzelnen Amerikaners zuzuschreiben, der brennende Zündhölzer, Zigarren und Zigaretten achtlos fallen lässt, wo er sich gerade befindet, oder der es auch gar nicht genau nimmt mit dem Löschen seines Lagerfeuers.

Der Aufstieg über die Cowlitzrippe bot vorerst keine Schwierigkeiten. Wir hatten bloss scharf auf den undeutlichen Pfad Ausschau zu halten, damit er uns im losen Geröll nicht verloren gehe. Auf halber Höhe des Rückens mussten wir einen Felszahn, den sogenannten Bienenkorb, rechts umgehen. Ein festes Seil half über eine kleine Stufe hinab, worauf einige Umgehungen der scharf gewordenen Gratkante des harten Schnees wegen einige Vorsicht verlangten. Als der Tag völlig angebrochen war, betraten wir den Sattel am Fusse der Gibraltarfelsen.

Es war mir am Vorabend aufgefallen, dass der Schweizerführer seine Turisten an einem äusserst unzulänglichen Strick angeseilt herabgebracht hatte. Meines ungeübten Begleiters wegen hätte ich gerne ein Seil mitgenommen, und ich stellte mir vor, dass irgendwo weiter oben ein gutes Seil vom Führer bereitgehalten werde. Ich brauchte denn auch nicht lange zu suchen, so fand ich in einer geschützten Nische ein funkelnagelneues 40-m-Seil. Mein Begleiter, welcher unterdessen mit wachsender Besorgnis den Aufstieg gemustert und vergeblich von der Feldflasche Trost gesucht hatte, gewann nicht wenig an Zuversicht, als ich ihn anseilte und dabei zu erklären suchte, was für Vorteile und Sicherheiten ihm ein 12-Millimeterseil gewähre.

Der Aufstieg zum Gipfel des Tacoma ist eigentlich recht eintönig. Aber das Suchen nach dem mir unbekannten Weg hatte mich genügend in Anspruch genommen, um den elenden Schutt des Cowlitzclearers nicht allzusehr zu beachten, und jetzt, es war 5 Uhr morgens, befanden wir uns an seinem obern Ende. Auf der rechten, östlichen Seite stürzt der Hang steil ab gegen den arg zerrissenen Cowlitzgletscher. Links, im Westen, fällt die Wand in einer einzigen, fürchterlichen Fluh zu den Séracs des Nisquallygletschers ab. Vor uns erhebt sich als Riesenturm von mehr als 300 m Höhe der Gibraltarfelsen. Seiner westlichen Flanke entlang schweift der Blick über den Eisfall des Nisquallygletschers zu den sonnigen Firnfeldern der Gipfelkuppe. Ein schmales, aber recht bequemes Band führt massig ansteigend in dieser hohen, steilen Wand des Gibraltarfelsens empor zum obern Ende des Eisbruches. Zur Linken fallen tausend Fuss hohe Wände lotrecht ab. Trotzdem das Band leicht zu begehen ist, so hinterlässt es seiner Ausgesetztheit wegen doch keinen geringen Eindruck. Wo der Gletscherabbruch mit seinem östlichen Ufer an den Felsen stösst und das Band im Eise untertaucht, wendet sich der Aufstieg jäh nach rechts, und in diesem schluchtartigen Winkel gilt es, den Kamm des Gibraltarfelsens zu erklimmen.

Wir befanden uns nach Begehung des Bandes nun am untern Ende der « Chutes », eben dieser Kehle, welche gebildet wird durch den Gletscher einerseits und den Gibraltarfelsen anderseits. Herabfallende Fels- und Eistrümmer gefährden diese Schlucht besonders zu vorgerückter Zeit und hatten erst vor einem Monat einem jungen Manne das Leben gekostet. Früher oder später ist an dieser Stelle eine grässliche Katastrophe bei der Grosse und Unbeweglichkeit der Führerpartien unvermeidlich.

Für uns war die Sache recht einfach. Ein Seil, welches die Führer im Frühjahr dort befestigt hatten, half mir die untern steilen und morschen Felsen in kürzester Zeit überwinden. Unter einem grossen Block bot sich ein steinschlagsicherer Stand. Mein Begleiter, von mir gesichert und durch nachhaltigen Zug am Seil von der Notwendigkeit höchster Eile überzeugt, folgte rasch nach. Eine weitere Seillänge brachte uns hinaus nach dem obern Rande des Gletscherabbruches, wo wir vor Steinschlag sicher waren. Ein paar hohe, vielgezackte Eistürme gaben der Sache einen recht alpinen Anstrich. Über Eisstufen hin und her lavierend, erstiegen wir das letzte steile Stück und betraten um 6. 30 den Kamm des Gibraltarfelsens ( 3800 m ).

Das war ein herrlicher Frühstücksplatz. Vor uns wölbte sich die Firnkuppe des Gipfels in blendender Reinheit. Zu unsern Füssen lag auf der einen Seite der mächtige, von tiefen Spalten durchrissene Ingrahamgletscher, auf der andern Seite fluteten die Eisströme des Wilton- und des Nisquallygletschers zu Tale. Und rings um uns herum dehnte sich ein unabsehbares Meer waldbedeckter Bergrücken aus. Im Osten, wo die Sonne noch ziemlich tief stand, liessen die Tannen auf den Gräten und Kämmen diese Berge wie mit feinen Härchen bewachsen erscheinen. Im Südosten war eine Gruppe recht schöner Hörner, zwischen denen einige Gletscherchen schimmerten, sichtbar.

Aber das Allerschönste waren die drei Gipfel des Mount Hood, Mount St. Helens und Mount Adams. Alle drei sind erloschene Vulkane von 3000 bis 3800 m Höhe. Die firnbedeckten, abgestumpften Pyramiden, die in der Morgensonne silbern glänzten, schienen wie überirdische Glocken im blauen Äther zu hangen.

Alpin war eigentlich nur die nächste Umgebung, während die Fernsicht so ganz anders war, als ich sie in den Alpen auf solcher Höhe genossen hatte.

Nach ausgiebiger Rast setzten wie unsern Weg wieder fort. Der Übergang vom Fels zum Gletscher erforderte das Queren und Umgehen einiger Spalten. Dann stieg unsere Spur für lange Zeit schnurgerade bergan. Unangenehm war jedoch die Beschaffenheit des Schnees. Infolge eines eigenartigen Schmelzprozesses ( ich nehme gleichzeitige Einwirkung von Wärme und Verdunstung an ) bestand der ganze Firnhang aus Eis-Stalagmiten, Büsserschnee, wie er uns in den Anden beschrieben wird. Hier nennt man diese Eiszapfen « honey-coub ». Sie erreichten durchwegs eine Höhe von 2—3 Fuss und erschwerten das Einhalten eines gleichmässigen, rhythmischen Anstieges ausserordentlich. Dazu kam ein bissiger Westwind und drohte, uns vollends den Atem zu rauben. Meinem Begleiter setzte auch die Höhe ordentlich zu, und mehrere Atempausen mussten eingeschaltet werden. Auf ungefähr halber Höhe wurde der 500 m hohe Firnhang in seiner ganzen Länge von einer mächtigen Spalte durchrissen. Doch auch hier hatten die Führer vorgesorgt. Eine Leiter half zur etwa 8 m höhern, obern Schrundlippe empor, dann ging 's wieder ohne Hindernis aufwärts. Die Steigung war oft recht beträchtlich.

Seit einiger Zeit schleppte der brausende Wind kalte Nebelschwaden herbei, und wenn sie auch über den näherrückenden Gipfel mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinfegten, schien ihrer doch kein Ende zu sein. Als wir um 9 Uhr 15 den Kraterrand und damit den Südgipfel des Mount Rainiers erreichten, war die ganze, ausgedehnte Gipfelkuppe in graue Nebel gehüllt. Aber es war doch hell genug, um alle Einzelheiten dieses äusserst interessanten Gipfels wahrzunehmen.

Der Tacoma ist ebenfalls vulkanischen Ursprungs, und der Krater auf seinem Gipfel ist heute mit Schnee aufgefüllt und bildet eine ebene Fläche von einem halben Kilometer Durchmesser, die eingeschlossen wird von den 10 bis 12 m hohen Felsen des kreisförmigen Kraterrandes. Wo der Schnee des Trichters an die Randfelsen stösst, sind manche Höhlen gebildet, aus denen beständig Schwefeldämpfe herausquellen. An einer dieser Stellen liessen wir uns zur Rast nieder. Aus einigen Felsenspalten drang der Dampf so heiss hervor, dass wir in kurzer Zeit unsern Tee in der Feldflasche zu einer angenehmen Temperatur erwärmen konnten. Diese natürliche Zentralheizung wurde zu verschiedenen Malen bei freiwilligen und notwendigen Freilagern mit Vorteil benutzt, und wir liessen uns auch während unseres zweistündigen Aufent- haltes den Rücken wärmen und konnten die weise Vorrichtung nicht hoch genug loben. Ja, wir stellten sogar meinen Taschenwecker und gaben uns nach dem Mahle einem wohltuenden Mittagsschläfchen hin. Das erfrischte unsere Unternehmungslust derart, dass wir uns aufmachten und über die Randfelsen rund um den Krater pilgerten. Auf seiner Nordseite erstiegen wir den höchsten Gipfel, die Columbia-Crest ( 4366 m ). Von hier aus erblickten wir noch den zweiten Krater, der sich mehr nordwestlich befindet. Der ganze Gipfel hat eine Ausdehnung von gut zwei Kilometer in der Länge und ist auch annähernd so breit. Aus dieser Fläche ragen die beiden Gipfelpunkte, die schon erwähnte Columbia-Crest und die Liberty-Crest, nur unbedeutend hervor.

In einem schlanken Trabe, es war empfindlich kalt, vollendeten wir unsern Rundgang, holten unsere Säcke und das Seil und traten kurz nach 11 Uhr den Abstieg an.

Ohne Schwierigkeiten erreichten wir den grossen Schrund, kletterten die Leiter hinab und versorgten sie, wo wir sie vorgefunden hatten. Wir kamen aus dem Nebel heraus, und bald lag der Gletscher hinter uns. Ohne Halt zu machen, schickten wir uns an, vom Gibraltarfelsen zum Band hinabzusteigen. Die Sonne hatte den Schnee jetzt erreicht, und die Gefahr fallender Steine war offensichtlich. In drei bis vier raschen Zügen kletterten wir über diese heikle Stelle hinab. Ohne Unfall betraten wir das Band, und über dieses hinab kamen wir zum Cowlitzrücken. Ich versorgte das Seil, dann eilten wir über den Fels- und Schuttrücken zutal.

Drei Stunden nach Verlassen des Gipfels erreichten wir die Hütten. Nach einer stündigen Rast nahmen wir den Weg wieder unter die Füsse und stiegen zum Paradise-Valley ab. Manch schöne Abfahrt förderte den Abstieg, doch weniger erbaulich war das Stolpern über die ausgedehnten Moränen. Schon um 4 Uhr marschierten wir im Zeltlager des Paradise-Valley ein.

Der folgende Tag sah nicht vielversprechend aus. Aber der Little Tacoma lag mir im Sinn, und es gelang mir, einen welschen Landsmann, dessen Bekanntschaft ich im Camp Muir gemacht hatte, zu einem neuen Versuche zu bewegen. Im Laufe des Nachmittags brachen wir auf und stiegen wieder zum Paradisegletscher hinauf. Wir querten den Gletscher tiefer, als ich es vor zwei Tagen getan, überschritten zwei weitere kleinere Gletscher, wovon der eine den klangvollen Namen Williwakas trägt, und nach kurzem Abstieg über Moränen betraten wir den Cowlitzgletscher. Während dieses Abstieges lichtete sich das Gewölk für kurze Augenblicke, und wir erhaschten einen wundervollen Blick in das imposante, wilde Gletschertal und auf die turmreiche Felsenburg des Little Tacoma. Durch ein breites Tal floss der mächtige Cowlitzgletscher, nach oben hin abgeschlossen durch zwei wild zerklüftete Eisfälle. Darüber ragten die bizarren Gipfel der Cathedralfelsen in den wogenden Nebel. Und über den Wolken im lichten Abendhimmel schimmerte in unbeschreiblicher Höhe und Reinheit der Gipfel des Tacoma. Es war ein wundervoller Anblick, allein schon wert, vom fernen San Francisco heraufgekommen zu sein. Aber schon schloss sich der Wolkenvorhang, wir vollendeten unsern Abstieg auf den Cowlitzgletscher und querten ihn aufwärts über seine zerfurchte Oberfläche. Nach einigem Suchen fanden wir einen Übergang über den reissenden Gletscherbach am andern Ufer. Jenseits der Moräne am Fusse einer Basaltklippe bauten wir eine Schlafstelle. Als wir kurz nach Einbruch der Dunkelheit in das enge Haus ohne Dach schlüpften und das Biwakfeuer in lodernden Flammen prasselte, da fanden wir beide, dass doch alle Unannehmlichkeiten eines Biwaks mehr als bezahlt werden durch den unvergleichlichen Reiz und die Romantik einer Nacht unter freiem Himmel.

Aber gegen Mitternacht erhob sich ein kühler Wind, und ein feiner Regen rieselte herab. Als der Tag graute, war alle Hoffnung auf Besteigung des Little Tacoma im Regen und Nebel untergegangen. Ingrimmig packte ich meinen Sack und folgte unwillig meinem Gefährten, der bereits den Heimweg angetreten hatte. Als wir ans andere Ufer des Gletschers kamen und plötzlich einige blaue Flecken am sonst grauen Himmel sich zeigten, da flackerte die Hoffnung nochmals auf. Längere Zeit wartete ich auf einem Blocke frierend und schlotternd, aber die paar Sonnenstrahlen leiteten bloss erneute Regenschauer ein. Da musste auch ich endlich den Rückzug antreten und mich geschlagen bekennen.

Weil das Regenwetter anhielt und auch meine Ferien zu Ende gingen, trat ich die Reise nach San Francisco an. Als ich Abschied nahm von meinem Berner Freund, ahnten wir beide nicht, dass er nur acht Tage später durch Absturz dicht unter dem Gipfel des Unicorn-Peak den Bergsteigertod sterben sollte. Nun liegt er begraben am Ufer des Stillen Ozeans, und das unendliche Meer wirft rauschend seine Wellen an den Strand, immer und immer wieder, und hinter den dunklen Wäldern ragt die gewaltige Firnkuppe des Tacoma, an dessen Fuss er den Frieden gefunden hat.Hans Lauper.

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