Musallah und El Tepe

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Von S. Walcher

Eine Fahrt zu den höchsten Gipfeln des Balkans ( Wien ) Ada Kaleh Am 5. August, also schon übermorgen, musste ich in Lom sein, wollte ich den Eildampfer nach Wien, mit der bestellten Kabine, nicht versäumen. Nun hiess es rasch handeln. Meine Sachen waren schnell gepackt, und schweren Herzens wurde Abschied genommen von einem wunderbaren Bergland und von guten, freundlichen Menschen. Rasch eilte ich hinunter in das Tal nach Bansko. Aber mit dieser Eile war es nicht weit her. Immer öfter musste ich rasten, immer toller hämmerte das Herz. Gegen Abend war ich in Bansko; im ersten Gasthaus, an dem ich vorbeikam, quartierte ich mich ein. Es war ein leeres Zimmer mit zwei eisernen Militärbetten, aber reinem Bettzeug. Nichts nahm ich zu mir als zwei Schalen türkischen Kaffee, dann kroch ich, vom Fieberschauer geschüttelt, unter die Decke. Als ich sie über den Kopf zog, sah ich gerade noch eine schwarze Natter in einer breiten Mauerspalte unter der Fensteröffnung verschwinden. In der Nacht, ich lag im schönsten Fieberdelirium, wurde heftig an die Tür gepocht. Als ich mühsam aufstand und öffnete, sprang ein junger Mensch in das Zimmer, ergriff die Wäsche des zweiten Bettes und war im Nu wieder verschwunden. Trotz des Fiebers und der grossen Müdigkeit war ich am nächsten Morgen gegen 9 Uhr bei der Abfahrtsstelle des Autos. Wieder trank ich nur zwei, drei Schalen starken, schwarzen Kaffee, ehe ich im Wagen meinen Platz bezog, von dem ich mich erst nach mehr als neun Stunden erhob. Und dann ging die Fahrt los. Razlog tauchte wieder auf, schwankend ging es hinunter nach Simitli, neben der schäumenden Struma raste der Wagen nach Djumaja, weiter nach Dupnitza, und dann nahte langsam die grosse und schöne Stadt Sofia. Mein Zimmer im Hotel stand bereit. Ehe ich in das Bett stieg, füllte ich ein Wasserglas mit Zwetschgenschnaps und mischte eine gute Dosis Aspirin hinein. Die Wirkung dieses Trankes war wunderbar; mir war, als schwände die Zimmerdecke, als lächelte mir ein göttliches Antlitz entgegen und als schwebte ich, losgelöst von aller Erdenschwere, hinauf in den leeren, weiten Raum.

Meine Medizin hatte mich zwar nicht auf einen Schlag gesund gemacht, aber das Fieber verscheucht und die Bewegung in den Gedärmen beruhigt. Pünktlich traf der Zug in Lom ein; etwas später tauchte am breiten Strom der grosse, elegante Eildampfer « Helios » auf. Mit einem glücklichen Gefühl in der Brust schritt ich über die Landungsbrücke. Wie wunderbar! Eigentlich doch nur ein verhältnismässig kleiner Gegenstand, dieses Schiff, in der Weite der Welt, ein kleiner, beschränkter Raum, und doch ein köstliches Stück Heimat, auf dem man sich sofort geborgen fühlt.

Am nächsten Morgen glitt das Schiff langsam durch die Enge des Eisernen Tores; bei der Türkeninsel Ada Kaleh legte es an. Alle Reisenden gingen an Land, alle wollten noch einmal die Romantik des Ostens erleben, ehe sie zurückkehrten in die Nüchternheit westlicher Zivilisation.

Die Alpen - 1951 - Les Alpes7 Als sich das Schiff wieder vom Ufer löste, stand unweit der Landungsstelle eine junge Zigeunerin und sah mit Augen voll unstillbarer Sehnsucht dem stolzen Schiffe nach. Ewige Sehnsucht, ewiger Schrei nach der Ferne und Weite der Welt! Ist ihr Ziel aber nicht doch die Heimat? Die Heimat, die für uns Bergsteiger die Berge sind, wo immer sie auch stehen mögen, für uns Menschen das Vaterland und für die Menschheitja, wo mag sie wohl liegen, diese immer gesuchte Heimat des Menschengeschlechtes? Rastlos und ruhelos wandern die Menschen über diese Erde, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Von Berg zu Berg ziehen wir, von Land zu Land, über die Meere reisen, wir, doch kein Ziel genügt uns, keine Erkenntnis befriedigt uns, und keine Weisheit scheint uns Wahrheit, ehe wir sie nicht selbst erlebten. « Immer mehr und mehr erkennen zu können ohne Ende, das ist die Ähnlichkeit mit der ewigen Weisheit. Immer möchte der Mensch, was er erkennt, mehr erkennen, und was er liebt, mehr lieben, und die ganze Welt genügt ihm nicht, weil sie sein Erkenntnisverlangen nicht stillt1. »

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