Nebel und Kontraste

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VON PIERRE VITTOZ, LAUSANNE

Salbitschijen Vom Sustenpass aus haben wir nichts sehen können - ausser einer Kuh, welche ganz plötzlich mitten auf der Strasse aus dem Nebel auftauchte. Was kann uns nur an einem düsteren Samstag durchs traurig anmutende Göschenertal hinauf bis hierher gelockt habenEs ist die Erinnerung an einen Augenblick. Bald zwanzig Jahre sind es her, dass ich von einem benachbarten Aufstieg aus für kurze Zeit die Felsplatten des Salbitschijen-Südgrates erblickte. Dazu kamen noch ein Bericht von René Dittert, eine prächtige Aufnahme der Schlüsselstelle und Bemerkungen über den guten Aufstieg - dies alles hat dazu geführt, dass Jean-Claude Berger und ich trotz Wetterbericht, stürmischem Wind und den letzten verregneten Sonntagen im Sturmschritt der Salbithütte zustreben.

Am frühen Morgen hätte mich nichts überraschen können, weder Regen noch Gewitter noch Schnee; aber dann umfängt uns ein so dichter Nebel, dass man keine dreissig Meter weit sehen kann, was uns zwar nicht am Klettern hindern wird, aber möglicherweise daran, den Fuss des Grates zu finden: nach hundert Metern werde ich sicher nicht einmal mehr wissen, wo der Berg ist. Aber sagen wir Berger lieber nichts davon; er könnte die Situation dazu benützen, umzukehren und sich nochmals schlafen zu legen.

Beim Morgenkaffee erkundige ich mich bei meinen Nachbarn: die einen haben die Normalroute vorgesehen, andere wollen Blumen pflücken; nur zwei Schwyzer beabsichtigen, sich an den Südgrat zu wagen. Ein Blick auf Jean-Claude, und sobald die Schwyzer aufbrechen, setzen wir ihnen auf den Fersen nach. Ich liebe zwar sonst ein solches Verhalten nicht, aber heute lässt es sich mit den schlechten Sichtverhältnissen begründen. Anstatt es uns zu verübeln, warten die beiden Führer bald, um sich mit uns zu unterhalten. Sie scheinen jeden Stein zu kennen, und in fünfviertel Stunden bringen sie uns ohne Zögern auf guter Fährte an den Fuss der ersten Felspartien.

Alles ist durchnässt: unsere Haare, unsere Kleider, vor allem aber der Fels. Um Zeit zu gewinnen, umgehen wir den ersten Gendarmen, den « Salbitzahn », über ein ausgedehntes Band; aber die Platten, welche zum Gratfirst führen, erheischen bereits Vorsicht, weil die mit Erde vollgestopften Profilsohlen auf den Griffen gleiten.

Halt, Reinigung der Sohlen mit dem Messer! Nach einem Blick ins bedrückende Grau lässt sich lediglich voraussagen, dass wir kein Gewitter zu befürchten haben. Vorwärts, also, auf fünfzehn Meter angeseilt, mit einem halben Dutzend Karabinerhaken! Wir wechseln nach jeder Länge mit der Führung ab, wie wir das immer gerne tun.

Bei einem Grataufschwung erwartet uns die erste Platte. Man muss mit den Fingern unter eine Rippe greifen, nach rückwärts lehnen und die Füsse vertrauensvoll auf den Fels setzen. Es ist heikel, aber herrlich zugleich. Oberhalb der Platte befindet sich ein kleiner Einschnitt, unmittelbar gefolgt von einer zweiten Platte. Mit den Fingerspitzen in einem vertikalen Riss, mit gebogenem Körper, den Sohlen flach auf dem Granit, steigt man behutsam, wobei das Gleichgewicht überwacht wird. Kaum ist die erste Platte überwunden, zeigt sich eine andere, dann nochmals eine und wieder eine... Eine folgt der andern ohne Unterbruch, alle ähnlich und von konstanter Schwierigkeit. Welches ist wohl der sogenannte « Elefantenbauch », der als die heikelste Stelle in der ganzen Besteigung gilt? Diejenige, wo man die Finger in einen schrägen Riss hineinzwängen, oder jene, wo man zwei gegenüberliegende Rippen anpacken muss?

Es beginnt zu schneien. Der Fels wird immer glitschiger. Die Schwyzer, welche zwanzig Meter voraus und nicht mehr sichtbar sind, rufen:

- Kommt ihr vorwärts?

- Ganz gewiss!

Ich habe viel Überzeugung in meine Stimme gelegt, meinen Blick aber nach links in die Wand gleiten lassen - nach einem Ausweg zum Abseilen... Der Aufstieg geht weiter, bespickt mit lehrreichen Hindernissen. Die Schuhe drohen jeden Moment abzurutschen, doch die Platten sind reichlich mit Haken versehen, so dass wir uns trotzdem sicher fühlen.

Der Schneefall hat nachgelassen. Ich erreiche den Fuss einer Platte, welche den andern sehr ähnlich, aber zweimal höher ist: die Schlüsselstelle, wundervoll in ihrem Aufschwung und in ihrer Schlichtheit. Ich vergrössere die Seillänge, während Berger alle Karabinerhaken einsammelt Er folgt Rissen, dann einer überhängenden Rippe und endlich der Plattenkante. Auf ungefähr fünfzehn Metern Höhe angekommen, zögert er; sein rechter Fuss rutscht ab.

- Geht es schwer?

- Vierter Grad +. Aber die Vibramsohlen gleiten.

In der Tat! Völlig unerwartet befindet er sich fünf Meter weiter unten, kopfvoran an einem Haken hängend... Er fasst wieder Fuss, prüft seine Finger, streicht über die Wange: nicht der geringste Kratzer! Er lehnt es ab, mich nach vorn gehen zu lassen, wischt seine Sohlen gründlich an den Socken ab und steigt mit Behendigkeit wieder an. Aber er ist doch etwas benommen, und auf dem Grataufschwung machen wir eine Pause.

Der Nebel wird lichter. Ein Stück blauer Himmel wird sichtbar, dann ein zweites. Man erkennt das nächste Hindernis, den « Herrgotts-Finger ». Dahinter zeichnet sich die Flanke des « Platten Turmes » ab. Und nun hebt sich langsam der Vorhang über einer fabelhaften Kulisse, dem Sal-bitschijen-Westgrat. Eine geschwungene Wand in Ocker trägt Türme, Spitzen und Flammen aus Granit; ein Ausbruch von Kraft und Kühnheit. Alle Linien streben in der Vertikalen empor wie in einer Gruppe von Pappeln. Die Sonne lässt die wärmsten Farben aufleuchten. Drei Kletterer rufen uns von den Gipfelblöcken herunter zu. Ein Traum von Felsen!

Während sich der dichte Nebel an den Granitpfeilern zerfetzt, nehmen wir die Kletterei auf den Platten, welche augenblicklich trocknen, wieder auf. Die Felswand bleibt vollkommen offen, immer schwierig. Links des Grates ist sie senkrecht oder überhängend, während sie rechts in abgerundeten Linien verläuft, welche in den Nebel eintauchen. Nach dem Platten Turm endet der Grat im « Zwillingsturm », dessen Wand eine der schwersten Klettereien aufweistaber die Wolken verbergen sie uns.

Blöcke, einige leichte Platten, riesenhafte Felsblöcke, vergoldet von der Sonne, und Berger steht plötzlich still vor dem unwahrscheinlichen Gipfel, würdig als Schlusspunkt einer glänzenden Besteigung: ein Monolith aus schönstem Granit, welcher in einen königlich blauen Himmel sticht. Er ist rasch bestiegen - einmal mehr in der Gegenüberstellung, Füsse flach gegen die Platte, Hände auf einem freien Grat. Dann installieren wir uns alle vier für eine lange Rast, die Beine in der Luft, den Mund voller Trockentrauben, während unsere Blicke umherschweifen, vom blauen Himmel zum kristallinen Fels und zum Nebelmeer.

Hundert Meter unter dem Gipfel verschleiert sich die Sonne aufs neue. Dichter Nebel schluckt uns auf. Während wir über ein mächtiges Schneefeld hinuntersteigen, wird die Luft trübe, feucht und drückend. Man könnte fast sagen: ein Abstieg in eine Grotte. Ich hätte gerne Jean-Claude unseren Berg gezeigt, aber selbst der Hüttenweg kann nur mit Mühe gefunden werden. Haben wir diese Fahrt nur geträumt? Zum mindesten haben wir sie uns erstohlen.

Wir erreichen die Hütte zur gleichen Zeit wie zwei Welschschweizer, welche den ganzen Morgen umhergeirrt sind, ohne den Salbitschijen zu finden...

Lenzspitze In Saas Fee sind der Himmel und die Aussichten bedenklich, und es hat dreimal während der Woche geschneit. Wir wollen uns auf den Jägigrat oder die Hörnlini beschränken. Aber die Erinnerung an das unerhörte Glück des letzten Sonntags veranlasst uns, zur Mischabelhütte aufzusteigen. Berger und ich bilden die Nachhut des Club Rambert des Unions chrétiennes lausannoises: ich habe ihnen die Lenzspitze versprochen, und es ist wirklich nötig, sie zu begleiten!

Trüber Tagesanbruch, Wolken über, unter und um uns, und ich bin so enttäuscht, dass es mir schier den Atem nimmt.

- « Man hat Glück, wenn man auf dem normalen Weg das Nadelhorn erreicht », brummt einer.

- « Und ich muss um 19 Uhr in der Kaserne sein », stöhnt ein anderer.

Auf dem Gletscher angelangt, entscheiden sich sechs unter uns tatsächlich für das Nadelborn, und wir bleiben unser sieben, um die Überschreitung der Lenzspitze zu versuchen. Der Grat ist, wie wir sehen, verschneit, unnahbar, erweist sich als ausgesprochen gewaltig zugespitzt durch die grossartige Flanke der Nordwand, welche in einem Schwung, ohne dem Auge den geringsten Haltepunkt zu geben, vom Gratfirst auf den ebenen Gletscher abfällt.

Esistübermässigwarm,währendich ohne Überzeugung den weissen Rücken, welcher zum Grossen Gendarmen hinaufführt, angreife. Aber welche Überraschung! Der Schnee ist tragfähig unter den Füssen und dem Pickel. Noch einige Schritte, und ich bin überzeugt, dass die Schneeverhältnisse vorzüglich sind. Ob uns wohl der Himmel noch für einen halben Tag günstig gesinnt sein wird?

- Wer hat Eisschrauben?

- Ich habe zwei!

- Ich habe drei...

Sie haben im ganzen elf, die lustigen Gesellen. Es ist nicht vorsichtig, die jungen Leute mit solchen Werkzeugen losziehen zu lassen. Wenn ich sie aber mit einem Blick überprüfe, so muss ich sagen, dass sie alle zuverlässig und trainiert sind.

- Wollen wir uns an die Wand wagen?

In einer Sekunde ist es entschieden. Wir steigen schräg nach rechts hinunter, und bald sind wir unter dem Bergschrund. Die Nordwand der Lenzspitze! Seit genau zweiundzwanzig Jahren möchte ich sie bezwingen, seit dem Tag, wo sie mich vom Gipfel des Ulrichshorns aus schlagartig beeindruckt hat. Jetzt mustere ich sie von oben bis unten, aus nächster Nähe, und koste das Eis zum voraus... Sie steigt in einem Satz, bezaubernd schön, bis zum fast horizontalen Grat, welcher die Lenzspitze mit dem Nadelhorn verbindet.

Die Seile und Steigeisen werden aus den Säcken herausgeholt. Berger und ich reihen meinen Sohn Otpal zwischen uns ein, welcher nicht im Traume wagte, an ein solches Erlebnis mit seinen dreizehn Jahren zu denken. Die andern werden je zu zweien folgen. Zwei Solothurner schliessen sich uns an; eine gerechte Revanche für den Salbitschijen vom vergangenen Sonntag. Aber sie, die mit Helmen versehen und eingemummelt sind, erwecken den Eindruck, an ihrer Wahl zu zweifeln, als sie mich mit unbedecktem Kopf und nackten Armen und Beinen sehen.

Der Bergschrund lässt sich ohne einen Pickelschlag überschreiten, ganz links unter einem Band, welches sich zum Ostgrat hinzieht. Ich will nichts von diesen Platten wissen, die der Flanke den Übernamen « Dreiesels-Wand » gegeben haben, weil die drei Teilnehmer der ersten Besteigung diesen Platten gefolgt sind und dort unglaublich viel Zeit verloren haben. Ich komme daher nach rechts zurück, zwischen den Bergschrund und den Fuss der Felsen, wo ich eine oder zwei Schrauben setze - einesteils wegen des steilen Hanges, anderseits um zu bekräftigen, dass wir heute ruhig und überlegt klettern wollen. Bei der Umgehung der Felsen sind wir beinahe in die Fallirne des Gipfels gelangt, welcher uns um fünfhundert Meter überragt. Unter dem bleiernen Himmel scheint die glatte, leicht konkave Wand vollständig vereist zu sein. Und seitlich davon erhebt sich die ebenso düstere, felsige und verwitterte Flanke des Nadelhornes, wo dichte Nebelbänke umherstreichen. Wie viele Stunden sind wir wohl hier drinnen gefangen? Und wie hier herauskommen, wenn uns die Wolken am Weissmies ein Gewitter heranbringen?

Aber der Schnee ist ausgezeichnet. Ein schwacher Fusshieb, manchmal zwei, schaffen eine gute Stufe. Ich steige ganz gerade auf, wie auf einer 50 Grad geneigten Leiter. Nach dreissig Metern stecke ich den Pickelschaft ein bis zur Haue, und dann steigen die zwei folgenden zusammen an. Otpal gibt mir seinen Pickel herüber, und ich fahre so fort. Zweimal. Fünfmal. Durch eine Lücke zwischen zwei Wolkenbänken erzeugt die Sonne ein leuchtendes Band quer durch die Wand. Das Band verbreitert sich und beleuchtet den Gipfel. Noch zwei Längen. Allmählich kommt der Sonnenschein bis zu uns herunter, umfängt uns einen nach dem andern, so wie wir gestaffelt auf dem Hang stehen. Lächeln erhellen die Gesichter, und Freudenrufe ertönen.

Die Schneeschicht ist dünner geworden. Zur Sicherung hat der Pickel der Eisschraube Platz gemacht. Auf der höchsten Stufe sitzend, mit Blick talwärts, ziehe ich langsam das Seil nach, welches durch einen Karabinerhaken hinter mir läuft, und geniesse die Besteigung in vollen Zügen. Die vier Seilschaften steigen planmässig auf der gigantischen Leiter an. Die Sonne hat alles erfasst, alles milder gestimmt. Der Berg hat sich uns erschlossen. Bei jeder Seillänge scheint sich die konkave Wand jedoch zu vergrössern; sie ist breiter und steiler, als sie vom Bergschrund aus erschien. Aber der Himmel, der Schnee und unsere Gangart versprechen Erfolg. Meine Hoffnung steigt, während meine Augen fasziniert dem einheitlichen Hang bis zu den Konturen der schneeigen Grate folgen.

Berger nimmt die Spitze ein. Er steigt auf allen vieren an, indem er mit einer Hand seinen kleinen Pickel und mit der andern Hand eine Art Spiess hält, den er gefunden hat und welchen er mit einem Faustschlag in das unter der Oberfläche befindliche Eis einschlägt. Hinten geht die Besteigung ganz ruhig und nicht weniger schön vor sich. Der Schnee bildet nur noch lange, schmale und vertikale Streifen auf dem blanken Eis. Wenn Jean-Claude der Schnee, dem wir folgen, zu dünn erscheint, so schlägt er einige Tritte nach rechts, um das nächstliegende Band zu erreichen. Weiter oben kommt er nach links zurück; dann versucht er es auf anderen Schneebändern, indem er jede Länge mit einer Eisschraube markiert.

- Wie geht 's bei der Nachhut?

- Prächtig... Ganze Sicherheit... Noch nie eine so schöne Eisbesteigung gemacht.

Der Hang wird steiler. Er misst 55 Grad, und noch Steileres erwartet uns. Die zweite Seilschaft übernimmt die Führung und führt in guter Gangart. Aber die Schneebänder verringern sich und haften nicht mehr gut auf dem Eis. Noch eine Länge auf den Spitzen der Steigeisen: es geht nicht mehr, man muss sich dazu entschliessen, alles zu hacken. Mit schmeichelhaften Worten über meine Erfahrung lässt mir jeder höflich den Vortritt...

Also dann, vorwärts mit der Pickelarbeit! Damit die Stufen nicht unter den Steigeisen einer solchen Kolonne ausbrechen, muss man sie tief hacken. Das Eis liegt frei, ist sehr hart, und ich muss mit kräftigen Schlägen arbeiten. Zur Einsparung von Stufen steige ich gerade auf, aber man lässt mich bald wissen, dass man die Eissplitter, welche auf die Helme oder auf die Nasen prallen, nicht sehr schätzt. Wir sind fünf, vielleicht noch vier Längen vom Gratfirst entfernt. Ich steige schräg an, indem ich die Stufen auf das Maximum distanziere. Manchmal sehe ich zurück, um mich über diese acht Burschen krank zu lachen, welche im Schweisse ihres Angesichts von einer Stufe zur andern schreiten. Ihre Kommentare bleiben nicht aus:

- Du vergisst, dass die Bergbahnen Schmalspur haben...

- Ein Muster, um uns den Rest zu geben!

Nebelbänke schweben um die Wand. In der schrägen Sicht auf den Hang, welcher hier 60 Grad erreicht, sind die vier Seilschaften winzig klein in der weissen Unendlichkeit und der phantastischen und dunstigen Weite. Ein Traum von Eis!

Endlich richte ich mich auf dem Grat auf, ein wenig rechts vom höchsten Punkt. Mein Sohn holt mich ein, und sein Lächeln strahlt noch mehr als das meine.

Der Tag ist noch nicht zu Ende. Der Nebel schliesst uns auf dem Gipfel ein. Wir gehen daran, gegen den Wind zu kämpfen auf dem Schneegrat des Nadeljoches, zu kämpfen gegen die Müdigkeit auf den verschneiten Gendarmen, welche zum Nadelhorn führen, zu kämpfen gegen die Nervosität beim langen Abstieg des Windjoches. Für mich aber erfüllte sich die Tour dort, wo wir mit strahlenden Mienen aus der Wand in den freien Himmel ausstiegen.

( Übersetzung Jakob Meier )

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