Neue Fahrt zum Tschingelgrat

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Von Ernst Feuz.

Als letzter Ausläufer der Vegetation starrt im hinteren Sefinental ein Lärchenwäldchen mit knorrigen Arven und verwitterten Tanngrotzen. Höher hinauf türmt nur noch nackter Fels seine Burgen. Zunächst öffnet sich ein steiniger Sackkessel, öde und leer, umstellt von den himmelragenden Steilwänden der Gspaltenhorngruppe. Es ist die Kilchbalm. Am westlichen Talabhang ist eine geräumige, windgeschützte Balm. Im Sommer liegen dort einige Klafter von Bergbauern mühsam zusammengerafften Wildheus. Ein geradezu ideales Freilager! Hier hat schon Willy Weizenbach mit seinen Kameraden übernachtet und Schweizerstumpen geraucht, bevor sie die Nordwand des Gspaltenhorns angingen. Sie nannten es das genussreichste Freilager, das sie je in den Alpen erlebten.

Hermann Salvisberg und Walter von Allmen begleiten mich heute. Es ist Samstag, den 6. Juli 1935. Vor einer Woche hat uns der gleiche Weg ins Sefinental geführt. Schon damals galt er der Nordwand des Tschingelspitz. Damals verliessen wir unser Freilager Sonntags um 2 Uhr früh und wählten eine in der Gipfelfallinie verlaufende Aufstiegsroute. Zum Einstieg in die Wand taufte uns ein eiskalter Spritzer als Gruss von der wilden Höhe und liess kurz darauf einen weiteren Nachguss folgen. Die doppelte Warnung erwies sich bald als richtig. Wir hatten nicht den rechten Einstieg gewählt.

An diesem Tage experimentierten wir mit einem langen 7-Millimeter-Seil, das wir doppelt verwendeten. Es sollte uns das Mitschleppen eines Extra-seiles ersparen. Zum Abseilen gedachten wir es so zu verwenden, als ob wir mit zwei gewöhnlich langen Seilen hantieren würden. Allein der Versuch erwies sich nicht als glücklich. Immer wieder umarmte der eine oder der andere Seilstrick einen Felskopf oder blieb irgendwo hangen. Dann gefährdete ein förmlicher Irrgarten von Seilschlingen die wenigen Standorte in der Wand an den kitzlichsten Stellen. Dazu wurde es gleich uns von den Duschen durchnässt und verwandelte sich auf den schmutzigen Felsen in einen Kaminfegerstrick. Zuletzt gar ein dramatisches Spiel 1 Salvisberg war eben im Begriffe, ein steiles Schneewändchen zu überqueren, als er plötzlich über das verworrene Seil stolperte und bäuchlings fauchend und fluchend in die Tiefe rutschte. Nun war es aber genug mit dem neuen Experiment. Wir stiegen zurück, lagerten uns an einem sonnigen Hügel im hintersten Busental und erkundeten von hier aus im Laufe des Tages einen neuen Weg für einen neuen Angriff.

Eine Woche nach diesem ersten Versuch sind wir wieder in jener seltsamen Höhle versammelt. Walter übernimmt die Rolle des Prometheus. Er bricht allerlei Holz kunstgerecht zu Spreisseln und verfertigt Älplerholz-späne übers Knie. Bald wabern die ersten Flämmlein unter dem Kochtopf. Inzwischen bereitet Hermann die Schlafstätten, während mir die Rolle zufällt, staubigen Spinnweb zu beseitigen und Wasser vom Bach heraufzutragen. Immer dunkler wird es ringsum, immer heller loht das Flämmlein auf und beunruhigt die Gemsen drüben unter der Jegifluh. Walter gröhlt ein Liedlein und tänzelt um den Feuerherd. Lange schwarze Schatten irren an der russigen Höhlenwand herum. Blitzschnelle Armbewegungen fuchteln gespensterhaft auf und nieder und verleihen den Schattengebilden sagenhafte Form.

Später lagern wir uns um die letzte Glut. Walter erzählt etwas von Schlangen, die einst hier gehaust haben sollen und von denen er etliche erschlagen haben will. Hier oben übernachten könne kein Mensch, hat ihm ein Älpler versichert. Endlich betten wir uns auf dem Heustock zur Ruhe.

Grau in Grau mischen sich Höhlenrand, Himmel und Erde über uns. Fremde Gesichter scheinen uns anzustarren. Hin und wieder erreicht ein Windstoss unser Gelage. Sind es Anzeichen des Föhnes? Aber die Temperatur sinkt. Vom Höhlenrand tröpfelnde Wasser erstarren. Ihr eintöniges Klingen verstummt. Dräuend steht um uns die Nacht. Ob die Freunde wohl schlafen? Knistert's nicht im Heu? Ist es eine Maus oder gar ein stöbernder Dachs? Vielleicht machen sie sich an unsere Proviantsäcke heran.

Ach schlafen, nur schlafen 1 Unter den Lidern beginnt 's zu bildern... Aber Unruhe steigt medusenhaft herauf. Ist es nicht eine Schlange, eine Viper, die dort raschelt? Vielleicht ist sie gar nahe, sie züngelt nach meiner Hand. Fühle ich nicht etwas Klebriges? Mich schaudert. Nur nicht liegen bleiben! Auf, auf, die Freunde wecken, Licht machen. Ich will schreien, brüllen, doch ich kann nicht. Es würgt mich an der Kehle. Wütend reisse ich mich aus meiner krampfhaften Stellung. Bin ich auf den Beinen? Ich bin gebissen! Schneidender Schmerz im Arm. Zertreten, zertreten muss ich das Untier. Rache, Tod! Ich packe die Taschenlampe und krampfe den Pickel in der anderen Hand. Alle Muskeln sind gespannt. Ein Ruck, ein Blitz, die grelle Lampe wirft helles Licht in die Höhle. Blitzschnell wie eine Harpune fährt die Eisaxt in die Ecke und Funken sprühen von den Steinen.

Ich bin erwacht. Schwerfällig schüttle ich den höllischen Spuk von mir. Lauwarmer Nachtwind weht mich an. Der Föhn ist aufgesprungen. Vom Höhlenrand tröpfelt es wieder unaufhörlich, und in dürren Blättern der Brennnesseln raschelt es geheimnisvoll. Die Kameraden fahren aus dem Schlaf. Was ist geschehenAber meine Augen fallen schon wieder zu...

Noch schlaftrunken steigen wir um 2 Uhr den Hang hinunter in den Talboden. Beim Überschreiten des Baches stolpert Hermann über einen Stein. Mit nassen Armen und einem Schuh voll Wasser kommt er davon. Wir lachen uns wach und marschieren drauflos.

Oben lässt eine überraschte Gemse im Halbdunkel ihren Pfiff ertönen. In langen Atempausen lauschen wir den flüchtenden gespensterhaften Huftritten nach. Nun geht 's richtig bergan.

Um 5 Uhr stehen wir am Fusse der 1700 Meter hohen Wand der Tschingelspitze. Flink die Kletterfinken angelegt und die Nagelschuhe auf die Rucksäcke gebunden. Teufel, werden die schwer! Es nützt kein Geschimpfe. Der schwere Rucksack gehört nun einmal zum Bergsteiger.

Zuerst haben wir einen dem Steinschlag als Trichter dienenden Graben zu überschreiten. Über uns auf der Platte lauert ein Schneebrett. Doch ohne Zwischenfall erreichen wir einen geschützten Ort unter einer fünfzig Meter hohen Wand. Die gilt es zu erklettern, um auf ein geräumiges Band zu gelangen, das uns in die Gipfelfallinie bringen soll. Diese Wand haben wir schon vor einer Woche als die erste Schlüsselstelle bezeichnet. Aber gerade da, wo sie am luftigsten ihre Stufen über einer schauererregenden Tiefe auftürmt, scheint sie mir am zugänglichsten.

Mit einemmal stockt der Atem. Heftig drückt der Wind, und seine Eis-hand macht fast das Mark gefrieren. Oben löste sich das Schneebrett. Eisschollen und Steine poltern im Bogen über uns in den Abgrund. Wenige Minuten früher, und es hätte uns in die Tiefe gerissen. « Du hast des Schicksals Gunst erfahren », sagt sich ein jeder. Was wird der Tag noch bringen?

Eng angeseilt beginnen wir die Wand durch einen Felskamin hinanzusteigen. Aber der Berg lacht unserer Kletterkünste und stösst einen angestemmten Felsklotz in die Tiefe. Schon werde ich mitgerissen und sause nach. Doch das neue Manilahanfseil besteht seine erste Probe. Walter handhabt es vortrefflich und fängt mich auf. Donnerwetter, bangemachen gilt nicht! Wieder auf den Beinen, hebe ich sofort an, die Fluh an ihrer exponiertesten Stelle anzupacken. Zuerst geht es scheinbar leicht, dann muss ich aber Eiser GaienstockSchwarzhornWetterhorn Schreckhorn Ft'nsterâarhorn Jungfrau Fi3.

Hohgant Photo Henri Huguenin, La Chaux-de-Fonds Sigriswyigrat Männlichen Collines du Langenberg SuleggMorgen berg hörn Panorama du Co! de la Vue des Aipes du Galenstock à la Jungfrau Gletscherhorn Aletschhorn Breithorn Tsdiingelhorn Blümïisaip Dolden hörnHocken hörn Balmhorn Drettenhorn Schilthorn Stockhorn Gantriscn Ochsen Scheibe Gurnigel Selibuhl Crête de Chaumont Créte de Chaumont 63 - Photo Henri Huguenin, La Chaux-de-Fonds Panorama du Col de la Vue des Alpes de la Jungfrau au Balmhorn Walter auf die Schultern klettern, ja, zuletzt gar auf seinen Kopf stehen, um die nach Augenmass von unten her schier unmögliche Stelle zu meistern. « Die Donnerskerle, mit List haben sie es getan », erschallt es von unten. Wir grinsen alle und freuen uns der kühnen Tat.

Mit dem Schlag der siebenten Morgenstunde stehen wir auf dem Fluhband. In den nächsten zwei Stunden schleichen wir ohne viel Schwierigkeiten über das vertikale Band und erreichen um 9 Uhr die Gipfelfallinie. Hier halten wir die erste grosse Rast. Aber der Weg zeigt von dieser Seite her keine Fortsetzung. Wir müssen wieder eine Strecke zurück und erreichen nach zwei Stunden den gleichen Punkt, den wir um halb 10 Uhr verlassen haben. Auf Umwegen gelangen wir hinauf zum Abbruch. Der Nachmittag rückt vor. Der Berg wird von Stunde zu Stunde lebendiger. Eile tut not. Vom Abbruch rumpeln unaufhaltsam Eisschollen und Steine in die Tiefe. Hin und wieder spritzt es neben uns im Schnee von abgesprungenen Eisgeschossen, als ob der Blitz in den Boden schlüge.

Um 3 Uhr erreichen wir das 150 Meter hohe Couloir, das uns auf das letzte Schneesteilstück hinaufbringen soll. Es ist die zweite Schlüsselstelle am Berg. Übereinandergereihte Felssätze stemmen sich jäh gegen die Schmelzwasserbächlein, so dass wir in einen wunderbaren Sprühregen eingehüllt werden. Überall durchziehen triefende Strähnen den Kamin, und von jedem Felsvorsprung tröpfelt es. Aus dem Tale aufsteigende Nebelschwaden recken Geisterfinger nach uns. Die Nässe dringt bis an die Knochen und dämpft unseren Auftrieb. Der Kamin scheint sich durchaus gegen einen Aufstieg zu wehren. Da kommen wir nicht hinauf.

Nach zwei geschlagenen Stunden stehen wir auf einem schmalen Gesims unter dem Gletscherabbruch, wo wir vor Steinschlag und fallenden Eisblöcken geschützt sind. Den zerklüfteten, von der Nachmittagssonne beleckten Bruch zu erklettern, um vor Einbruch der Dämmerung den Tschingelgrat noch zu erreichen, scheint uns ein recht bedenkliches Unternehmen. Wir entschliessen uns zu einem Freilager, um in den frühen Morgenstunden, wenn alles pickelhart gefroren ist, den Abbruch zu bezwingen. Der Rückweg erscheint ausgeschlossen. Gibt es kein Zurück, so müssen wir jedenfalls hinauf. Und müssen heisst können. Meinen Kameraden, die eine Zeitlang den Rückzug ernstlich in Erwägung ziehen, will ich es morgen beweisen.

Ungefähr zur selben Zeit haben Freunde, Adolf Rubi und Hans Schlunegger, in einem Anlauf Eiger, Mönch und Jungfrau über ihre Gräte beschritten. Sie haben bewiesen, dass man auch ohne Freilager Grosses vollbringen kann, wenn man das Kräftefeld beim Bergsteigen in den Vordergrund rückt. Wir mussten diesmal die bescheidene Rolle auf uns nehmen und hier oben in der Gletscherzone den Zeltsack aufschlagen, um die Nacht zu verbringen. Es ist etwas Erhabenes um eine solche Nacht auf einem schmalen Sims in der Gletscherwelt. Man denkt an eine ferne, ferne Polarnacht.

Wir schnüren unsere Füsse in die leeren Rucksäcke und verkriechen uns im Zeltsack. Man duselt, wird wieder wach. Das Mondlicht spielt zauberisch Die Alpen — 1936 — Les Alpes.12 am Eishang. Tausendfältig glitzern Schneekristalle, und gespensterhaft drohen am Gspaltenhorn die Schroffen und Zacken. Wandelnde Nacht über Felsen und Gletschern, stumme Nähe von Kameraden, vom Tale wie Glockengeläute, Melodien singender Wasser... Verzauberte Wirklichkeit, verwunschene traumgebannte Welt, und mitten im erstarrten Wogengang von Eis ein einsamer Menschenhorst.

Mit Riesenschritten schreitet die Nacht. Die Kälte wächst und hindert den Schlaf. Wir machen Feuer und bereiten einen heissen Tee auf der Meta-flamme. In den Aussentaschen der Rucksäcke befinden sich dürre Schnitze, Zucker und eine kleine, eigentlich verbotene Flasche. Tabak und Pfeife ergänzen die seltsamen menschlichen Kulturbedürfnisse.

Um 4 Uhr sind wir startbereit. Unsere Glieder sind starr, aber bald taut sie die Sonne auf. Walter erklettert die steile Felswand hinauf zum Felsabbruch. Dünnes Eis bedeckt sie und mahnt uns zu grosser Vorsicht. Ehe wir den Tritt wagen, befreien wir den Fels vom Eis. Gläsern kollert es in die Tiefe. Der Eisabbruch gibt viel zu hacken. Hermann, unser Eisspezialist, schafft eine Treppe. Er verschwindet über der Eiswand, und nur noch das Seil verbindet uns mit ihm. Um die neunte Morgenstunde stehen wir alle am Anfang des grossen Firnfeldes zum Gipfel. Hier stehen wir wie auf der Kuppel einer Kathedrale. Staunend blicken wir hinab und fragen uns, wie es möglich war, da heraufzukommen. Unser Blick beherrscht ein kleines Weltbild. Eine Stunde noch, und wir erreichen den Gipfel des Tschingelgrates. Wohl galt unser Ziel dem Gipfel der Tschingelspitze, aber es wäre auch unter günstigeren Verhältnissen nicht möglich gewesen, die zweite Schlüsselstelle zu bezwingen. Der erste Durchstieg der Wand zum Tschingelgrat ist uns gelungen, und wir sind zufrieden.

Vor uns trotzt der zackige Ostgrat auf, ein grausiger, mit messerscharfen Schneewächten drohender Wächter vor der emporragenden Tschingelspitze. Willy Richardet und Hermann Salvisberg haben ihn als Erstbesteiger in sechsstündigem Gang vor elf Jahren bezwungen. Walter von Allmen und mir gelang die zweite Begehung vor einem Jahr. Wir blicken hinauf und erinnern uns dieses Sieges. Einer, der vor elf Jahren dabei war, ist nicht mehr da. Wir ehren in stiller Versunkenheit sein Gedenken.

Nachdem die Mittagssonne uns aus dem Schlaf geweckt, steigen wir drei irgendwo über die Südwand hinab zum Tschingelgletscher. Es hat da drei Rippen, die den Abstieg leicht machen. Ganz ungefährlich sind sie jedoch nicht, denn überall rollt das lose Gestein in die Tiefe. Weiter unten begehen wir den alten Weg zur Mutthornhütte, den einst so viel begangenen « Tschingeltritt ». Der Weg ist verschüttet, die Trittmauern sind verschwunden, und da, wo noch vor kaum 50 Jahren der Tschingelgletscher durch das Tal hinausfloss, liegt eine pickelharte Moräne. Kaum ausser Gefahr, eilen wir im Sturmschritt dem Gasthof am Obersteinberg zu.

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