Neue Kletterfahrten im Tessin

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Mit 3 Skizzen.Von Ernst Attinger.

Ostgrat des Pizzo di Castello mit Pizzo della Rossa.

Geh hin, wenn du einer jener zähen Gesellen bist mit dem guten, mannhaften Lächeln und dem von tausend Fahrten gegerbten Gesicht. Einer jener alten Felskameraden, die sich an hellen Frühsommertagen oder im letzten Glänze des Herbstes all die Jahre und immer wieder begegnen in den Türmen 24G NEUE KLETTERFAHRTEN IM TESSIN.

des Alpstein, der Engelhörner oder der Gastlosen. Noch warten deiner neue Mühsal und neue Wege. Noch steigen wildgezackte Grate zu Gipfeln auf, unberührt von Menschenhand. Und im Urgestein dieser Berge leuchten die Blüten des Zwergvergissmeinnicht, des Eritrichium nanum. Geh hin, was wiegt die Mühsal gegen das herrliche Glück einsamer Tati So sahen wir ihn, diesen Ostgrat des Castello, als die Strahlen der sinkenden Sonne über seine gigantischen Formen hereinfielen. Und uns Klet- terer lockte seine dunkle, gewaltige Mauer. Als hoher, lotrechter Turm beginnt dieser Grat im Osten, ein Berg am Berge. « Quale lama affilata », als zugeschärfte Klinge trägt dieser Teil des Castello-Ostgrates seinen eigenen Namen, Pizzo della Rossa. Mit vollem Recht, denn dieser Gipfel, der von Osten als ein riesiger Turm, von Süden als lotwandige Klinge erscheint, setzt sich nach Westen mit überhängendem Absturz in eine Scharte gegen den westlichen Teil des Castello-Ostgrates ab. Von der Scharte steigt letzterer noch weitere 300 bis 350 Meter zum Gipfel des Castello empor. Bei der vorletztj ährigen Begehung des Südgrates dieses Berges1 ) hatte uns dieser Ostgrat gewaltig in die Augen gestochen. Am 21. Juli 1938 erreichten Nikiaus Kohler von Willigen und ich von Peccia ( Valle Maggia ) über S. Carlo, Al Piano, Alpe Croso ( Sassi grossi ) den steilen, grobblockigen, von einigen kleinen Steilstufen unterbrochenen Kamin, der zur oben be- Abseilstelle am Pizzo della Rossa.

schriebenen Scharte führt, mit der sich der Pizzo della Rossa gegen den westlichen Teil des Castello-Ostgrates absetzt. Die obersten 50 bis 70 Meter dieses Kamins sind glatt und steil. Direkt unterhalb dieser Steilstufe, also 50 bis 70 Meter unterhalb des Schartengrundes, verlässt man den Kamin nach rechts in die ziemlich lotrechte Südwand des Pizzo della Rossa. Durch eine nicht sehr ausgeprägte couloirartige Verschneidung steil und teilweies interessant über diese Südwand zur langen, zerrissenen Gratkante dieses Berges.

Noch interessanter ist der Weg über diese Kante selbst, der um und über mehrere Türme den Gipfel erreicht. Im Rückweg wird der Grat über die Einmündungsstelle des Südcouloirs, das wir im Aufstieg benützt hatten, hinaus weiter verfolgt bis zu seinem hohen, überhängenden Absturz in die schon oben genannte Scharte. Eine zweimalige Luftreise, die herrlichste, die ich im Tessin kenne, bringt uns in den Grund der Scharte. Besonders der untere Teil dieser grossen Abseilstelle ist eindrucksvoll, da der Fels so weit zurückweicht, dass der Kletterer einen Teil des schwindligen Weges ohne jeden Kontakt mit dem Fels zurücklegen muss. Von der Scharte weg beginnt sofort der Anstieg am eigentlichen Ostgrat des Castello, welcher zunächst von einem gewaltigen Gendarmen gebildet wird. Mit geringen Abweichungen von der Gratlinie erreichen wir die teils sehr schmale Gipfelkante dieses Gratturmes, verfolgen sie bis zum lotrechten, westlichen Absturz, und bewältigen letztern in gutgriffiger, exponierter Kletterei. Aus der damit erreichten Scharte steigt eine scharfe Plattenflucht ungefähr in der Gratlinie gegen einen hohen Überhang steil und abweisend in die Höhe. Die Schichtung ist ungünstig, aber es geht. In der Höhe des überhängenden hohen Gratabbruches weichen wir, ebenfalls in glattem und plattigem Gelände, so knapp als möglich in die Nordwand aus, um hart oberhalb des Überhangs den Ostgrat wieder zu erreichen. Nun über Türme und riesige glattwandige Blöcke ( Marmor ) ohne grossere Schwierigkeiten zum Gipfel. Die ganze Überkletterung des Castello-Ostgrates mitsamt seinem östlichsten Teilstück, dem Pizzo della Rossa, ist damit vollendet. Die Kletterei ist lang ( 5 bis 6 Stunden ), mittelschwer, mit einigen schwierigen Stellen und einer äusserst interessanten Abseilstelle.

Die Begehung des Pizzo di Castello über Südgrat-Ostgrat oder umgekehrt darf als eine der grössten und dankbarsten Kletterfahrten des Tessins empfohlen werden.

Pizzo del Prevat über die Ostnordostwand.

2. Juli 1938. Wenn du vom Lago Tremorgio die Talstufe der Alpe Campolungo erreichst, ersteht vor deinem Auge plötzlich ein wilder Gipfelbau. Über drohender, wenig gegliederter Wand wächst ein gewaltiges Hörn in die helle Bläue des Morgenhimmels. Es ist die Ostnordostwand des Pizzo del Prevat. Ihren ersten Anblick werde ich nicht mehr vergessen, auch nicht das Klopfen unserer Bergsteigerherzen und den Hunger unserer Hände nach dem Granit dieser Spitze.

Diese Wand wird durch eine vom Gipfel sich herabsenkende scharfe Gratrippe in zwei Teile geteilt. Südlich dieser Gratrippe bricht der Gipfel in einer hohen, beinahe lotrechten, nach Süden oder Südosten gerichteten Wand ab, deren untere Partien in einem steilen, markanten Couloir der obgenannten Ostnordostwand versinken. Dieses Couloir, das auf dem Bilde sehr gut sichtbar ist, begingen wir bis fast an sein oberes Ende, um ziemlich direkt in der Fallinie des Gipfels über die anschliessende, nach Süd oder Südost gerichtete Steilwand des Gipfelhorns die Besteigung zu vollenden. Der Kamin bietet keine grossen Schwierigkeiten. Wir vermieden seine untern Teile, indem wir von der noch mehr südlich gelegenen Felsrippe her in das Couloir hineinquerten. Kurz unterhalb dem oberen Ende dieses Kamins ist in der Fallinie des Gipfels eine rötliche Platte an die Gipfelwand NEUE KLETTERFAHRTEN IM TESSIN.

angelehnt. Hier beginnt der Einstieg in die Wand mit einer Querung nach rechts in etwas glattem Fels. Nun folgt eine ziemlich steile, bandartige Verschneidung mit einigen Grastritten, die wiederum etwas nach links führt. An der Basis eines roten Felszahnes, der von der Wand leicht absteht, geht man auf exponiertem, schmalem Band nach rechts. Dann längs der rechten Kante des Zahnes aufwärts, bis man hinter denselben gelangen kann. Weiter nach rechts immer ziemlich in der Fallirne des Gipfels in einem steilen, grobgriffigen Einschnitt. Etwa 15 Meter in diesem Riss aufwärts, dann gilt es, an sehr feingriffiger Spalte bei senkrechter Wand etwa 6 m nach rechts zu hangeln. Die nächsten 1520 m sind sehr steil, sehr exponiert und kleingriffig. Wir gehen ein kurzes Stück nach rechts und erreichen einen guten Sicherungsblock auf etwas überwölbtem Standplatz, Von hier halten wir etwas nach links und steigen, einen der schwierigen Risse benutzend, direkt zur nur noch 8 bis 10 m entfernten Spitze.

Der Gang durch die Gipfelwand muss als ausgesetzt und im obern Drittel unbedingt als schwer bezeichnet werden. Niklaus Kohler jun. war auch hier mein Begleiter.

Pizzo del Piatto di Rodi.

Nach der letzten Ausgabe des Tessinerführers sind Nord- und Südgrat dieses Berges noch nicht begangen worden. Wir überschritten am 23. Juli 1938 den Berg über diese anscheinend sehr scharfen und zer- NEUE KLETTERFAHRTEN IM TESSIN.

hackten Grate von der Bocchetta di Pisone zur Bocchetta di Masnerolo. Der Nordgrat ist relativ leicht begehbar, der Südgrat weist einige Stellen auf, die etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern. Die Kletterei ist aber höchstens mittelschwer.

Dennoch hatte der Berg für uns noch ein herrliches Problem gehütet, das wir aber erst ins Auge fassten, als wir frühmorgens von Nordosten ( Alpe di Rodi ) heranmarschierten. Wenn sich zuweilen das dichte Grau der trei- benden Nebel etwas lüftete, erblickten wir wie durch ein leuchtendes Fenster einen wildgetürmten Grat mit unzugänglichen Plattenschüssen, den Ostgrat des Pizzo del Piatto di Rodi. Dieses Bild beeindruckte uns wie eine Vision aus einer andern Welt. Die Möglichkeiten einer Begehung messend, tastete unser Blick mit scheuem Zweifel längs dieser phantastischen Gratlinie hinauf.

Dieser Ostgrat ist auf der Siegfriedkarte völlig unzutreffend eingezeichnet. Erstens zweigt er nicht vom Gipfel selbst ab, sondern vom gipfelnächsten Turme des Südgrates, der deutlich niedriger und vom Gipfel durch eine markante Scharte getrennt ist. Zweitens ist dieser Ostgrat viel ausgesprochener nach Osten gerichtet als auf der schlecht gezeichneten Karte. Der östliche Fusspunkt dieses Grates mag auf der Karte ziemlich richtig angebracht sein. Von hier aus steigt die Gratkante aber fast genau westwärts an, um, wie oben gesagt, südlich des Gipfels in den Südgrat einzumünden. Der höchste, sehr markante Gratturm des Südgrates ist auch der höchste des Ostgrates. Dieser Im Ostgrat des Pizzo del Piatto di Rodi zwischen dem 3. und 4. Turm.

Ostgrat bildet eine in den obern Teilen sehr scharfe Schneide, der vier Türme aufgesetzt sind. Die beiden untern Türme sind begehbar, bieten aber wenig Interesse.

Von Südwest erreichen wir durch eine Gras- und Schrofenrinne die Spitze des zweiten Turmes. Sofort wird die Sache interessant. Aus der Scharte westlich des zweiten Turmes führt eine steile, glatte und plattige, aber ziemlich breite Kante zur Spitze des dritten Turmes. Diese Kante ist nicht leicht, und lose Platten verlangen stellenweise ein sehr vorsichtiges Gehen. In der Scharte nach dem dritten Turm setzt sofort ein weiteres, steiles und diesmal schmales Gratstück von etwa 18 Meter Höhe an. Die untere Hälfte desselben zeigt eine Art Verdoppelung der Gratkante, wodurch dieser Teil relativ gut bewältigt werden kann. Die obere Hälfte aber ist äusserst scharf und bei der Die Alpen — 1939 — Les Alpes.20 grossen Steilheit der sozusagen messerschmalen Schneide beinahe ohne jede Einkerbung oder Rauhigkeit. Auch seitlich ist dieses Gratstück restlos glattwandig, wirklich sehr schwierig und verlangt grosse Kraft und Ausdauer. Nikiaus Kohler jun., der gewandte Engelhornkletterer, meinte, er habe noch nie so schnaufen müssen wie an dieser Gratschneide. Sicher ist diese Kante weit mühsamer und schwieriger als die Gipfelblockschneide des Ago di Sciora, des Kleinen Gelmerhorns oder sogar des Gallo.

Noch ist ein weiteres Gratstück von etwa 25 Meter Höhe zu überwinden, eine Art schmale, sehr steile Platte, an deren nördlicher Kante wir uns mit den Händen in die Höhe arbeiten, während wir mit den Füssen uns gegen die südliche Kante verstemmen. Auch dieses Stück ist nichts weniger als leicht, aber trotz seines bösartigen Aussehens hält es uns nicht allzu lange auf, und bald stehen wir auf der Spitze des vierten und höchsten Turmes, womit wir den Vereinigungspunkt des Ostgrates mit dem Südgrat erreicht haben. Eine Gratkletterei hat damit ihr Ende gefunden, herrlich und scharf, wie sie der Gneis der Tessiner Alpen einmal uns Kletterern schenken kann.

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