Neue Wanderungen im Clubgebiet

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Dr. W. Gröbli ( Section Uto ).

Neue Wanderungen im Clubgebiet Ton Die herrliche Zeit der Sommerferien war wieder herangerückt und wie üblich hatte ich mir für sie die schönsten Pläne geschmiedet. Durch bisherige Erfahrungen gewitzigt, gab ich mich freilich nicht der eitlen Hoffnung hin, sie alle zur Ausführung bringen zu können; aber auf einen so geringen Erfolg, wie er mir namentlich in der ersten Hälfte zu Theil wurde, war ich doch nicht gefaßt. Ein Trost, wenn auch nur ein magerer, ist am Ende der, daß ich mit gutem Gewissen das Scheitern so mancher Projecte auf das schlechte Wetter schieben kann. Schon in den drei vorhergehenden Sommern hatte ich einige Zeit in den so interessanten, aber immer noch schwach besuchten Bergen des Dauphiné zugebracht, und wenn mir auch die Haupttouren gelungen waren, so lagen mir doch noch verschiedene Besteigungen am Herzen. Die erste Hälfte meiner Ferien gedachte ich nun, vielleicht zum letzten Mal, in den genannten französischen Alpen zu verbringen und gab mich der frohen Erwartung hin, daß mir dieses Jahr gelingen möge, was mir im letzten fehlschlug, nämlich einen gewissen Abschluß zu erzielen. Der Anfang der Reise verfloß ganz nach Wunsch, dann setzte aber schlechtes Wetter ein ,'das mich, im Verein mit andern Widerwärtigkeiten, " zu baldiger Heimreise veranlaßte. So traf es sich, daß ich zeitiger, als geplant, dazu gelangte, den zweiten Theil meines Programmes in Angriff zu nehmen, der darin bestand, das Clubgebiet so ziemlich. Vollständig zu erforschen. Auch diese Pläne gelangten, der Ungunst der Witterung wegen, nur theilweise zur Ausführung; Zweck der folgenden Blätter soll es sein, den geneigten Leser mit den Fahrten bekannt zu machen, die ich in der Zeit vom 26. Juli bis 3. August ausführte. Auf allen war David Kohler mein Führer und Begleiter.

Wildseehörner, Zanayhörner und Drachenberg.

Am Nachmittage des 26. Juli traf ich in Valens mit David Kohler zusammen, in der Absicht, folgenden Tages nochmals die Hörner südöstlich des Wildsees zu besuchen, deren eines ich im Sommer 1888, als ich allein diese Gruppe durchstreifte, nicht hatte betreten können ( s. Jahrb. XXIV, p. 27 ). Für den gleichen Tag nahm ich noch, da die Besteigung dieser Felszacken nicht mehr als ein paar Stunden beanspruchen konnte, die Gratpartie vom Piz Sol bis zum Zanayhorn in Aussicht. Das Wetter schien mich auch hier nicht zu begünstigen; bald nach unserm Aufbruch zur Lasaalp, die wir zum Nachtquartier erkoren hatten, trat Regen ein, und obwohl wir wiederholt in Hütten und unter Tannen vor den ärgsten Güssen Schutz suchten, trafen wir doch nach zweistündigem Marsche ziemlich durchnäßt in der Alp ein.

Während des ganzen folgenden Tages war das Wetter so schlecht, daß wir nicht an Weitergehen denken konnten, und noch schlimmer verlief der zweite Tag, der uns Schnee bis zur Alp hinunter brachte und die Geduld auf eine harte Probe stellte. Reichlich hatte ich während dieses unfreiwilligen Aufenthaltes Gelegenheit, die Studien fortzusetzen, die ich letzter Jahr in der Hintern Ebene begonnen hatte, und weiter in die Geheimnisse der Alpwirthschaft einzudringen. Ueber einen Punkt, der mich schon damals beschäftigte, will ich jetzt doch ein paar Worte verlieren. In allen Alpen des St. Galler Oberlandes ( und wohl auch anderswo ), auf denen sich Kühe von verschiedenen Eigenthümern befinden, wird jeden Tag, sowohl am Morgen als am Abend, für jeden Viehbesitzer, der Milchertrag seiner Kühe gewogen oder gemessen und das Ergebniß in eine Tabelle eingetragen. Nach den Angaben dieser Tabelle wird dann im Herbst der Ertrag an Butter, Käse und Zieger vertheilt Zum Zeitvertreib habe ich auf Lasa diese Wägungen wiederholt vorgenommen, während Kohler sieh mit dem Alppersonal der schon etwas anstrengendern Arbeit des Melkens hingab. Es scheint in den betheiligten Kreisen offenbar die Einsicht zu fehlen, wie überflüssig diese täglich zweimaligen Messungen sind. Die Verhältnißzahlen, nach denen der Ertrag zu vertheilen ist, und auf diese kommt es doch in erster Linie an, würden sich vollständig genau genug ergeben, wenn man wöchentlich einmal, natürlich immer am gleichen Wochentage, die Ermittlungen vornähme. Daß übrigens auch der gesammte Milch ertrag sich in einfachster Weise ermitteln läßt, wenn man ihn aus irgend einem Grande wissen will, liegt auf der Hand. Die Bewohner der Gebirgsgegenden hängen nun allerdings sehr zäh am Hergebrachten; aber es scheint mir doch, daß es möglich sein sollte, die Leute zu fiberzeugen, wenn sich einmal Jemand die Mühe nähme, aus einer vollständigen Tabelle etwa nur die Erträge eines bestimmten Wochentages auszuziehen und die hieraus folgende Vertheilung mit derjenigen der ganzen Tabelle zu vergleichen. In andern Gegenden wird, wie ich vernommen habe, die Vertheilung nach den Ermittlungen eines einzigen Tages vorgenommen. Daß eine solche sehr ungerecht werden kann, ist selbstverständlich, denn eine Ausgleichung der mancherlei Zufälligkeiten ist eben doch nur bei einer größern Zahl von Beobachtungen zu erwarten.

Unsere Geduld geht allmälig zu Ende, als auch der Morgen des 29. Juli noch immer ungünstiges Wetter bringt. Glücklicherweise hört im Laufe des Vormittages der Regen auf, so daß wir uns zum Aufbruche rüsten und 20 Minuten vor 12 Uhr die Lasaalp verlassen können. Man wird begreifen, daß uns der Abschied keine Schmerzen bereitete, wiewohl wir mit der: Aufnahme nur zufrieden sein konnten. Der Marsch zum Wildseesattel, 2515 m, wird durch den frischen Schnee, der weiter oben in ziemlicher Menge liegt, beträchtlich erschwert, doch schreiten wir tüchtig aus und sind gleich nach 1 Uhr in der Lücke. So wenig angenehm uns.der Schnee ist, so muß doch zugegeben werden, daß unsere Umgebung durch das winterliche Kleid an Eindruck gewonnen hat. Die Hörner und Zacken, die uns rings umgeben und im Sommergewande nur wenig zu imponiren vermögen, machen heute ganz bedeutende Wirkung. Der Wildsee, der vor einem Jahre ungefähr um dieselbe Zeit noch völlig eisbedeckt war, ist jetzt und wohl schon seit mehreren Wochen offen. Es ist nicht das erste Mal, daß ich heuer hier stehe; schon vor 7 Wochen befand ich mich in dieser Gegend als Führer einer obern Klasse unseres Gymnasiums. Ich hatte die Absicht und führte sie auch beim schönsten Wetter durch, mit einer Besteigung des Piz Sol den Besuch sämmtlicher Seen in seiner Umgebung zu verbinden. So stiegen wir denn am ersten Tage von Sargans über die Vilterser Alpen zum Viltersersee hinauf, der schon offen war, und weiter zum Wangsersee, besuchten den Tagweidlikopf und Schlößlikopf und begaben uns zum Uebernachten nach Lasa hinunter. Hier trafen wir 's nun etwas ungemüthlich, da die Alpen noch nicht bezogen und die Hütten verschlossen waren. Gern oder ungern mußten wir uns in einem der Ställe auf dem harten Boden lagern und so eine ziemlich schlaflose Nacht verbringen. Am andern Tage bestiegen wir den Piz Sol, gingen dann zum Wild-und Schottensee hinunter, von da über den Schwarzplangggrat Weg zum Schwarzsee und noch einmal aufwärts zum Gamidauerkamm, der eine geradezu entzückende Aussicht in die umliegende Bergwelt und namentlich in 's Rheinthal hinunter bietet. Den kleinen Baschalvasee rechts in der Tiefe lassend, marschirten wir über die Alpen Vermi hinunter nach Wangs und erreichten Sargans nach 3 Uhr, gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch eines Gewitters. Die eben skizzirte Tour gehört unstreitig zu den schönsten der Ostschweiz, wird aber zweckmäßig etwas später ausgeführt, wenn die Seen, die einen Hauptreiz bilden, alle offen sind.

Doch nun wieder zurück in die Gegenwart. Unsere kleine Gesellschaft erhält bald nach der Ankunft auf dem Wildseesattel Verstärkung in Gestalt von drei jungen Ziegen, die uns während der nächsten zwei Stunden unverdrossen begleiten, obschon wir sie wiederholt auf mehr oder weniger feine Art zum Umkehren bewegen wollten. Auf die verschiedenen Gipfel hinauf gelangten sie freilich nicht. In genau einer halben Stunde stehen wir am Fuße des obersten Felskopfes von Punkt 2688, der letztes Jahr zum ersten Male von mir bestiegen worden ist und im October den zweiten Besuch durch die Herren Imhof und Zwicky erhalten hat. Ich hatte damals ein paar Steine zusammengelegt und eine Karte mit Name und Datum zugefügt. Die Notiz des Herrn Imhof auf Seite 76 des letzten Jahrbuches, daß er keine Spuren einer frühern Besteigung vorgefunden habe, war der einzige Grund, weßwegen ich nochmals auf diesen Gipfel hinauf wollte. Die oberste, ziemlich steile Partie wird gegen 10 m betragen, nicht nur 6 m, wie ich letztes Jahr schätzte. Ich wollte Kohler natürlich zeigen, daß ich diese Gegend schon kenne, und stieg unverweilt an der Wand empor. Kohler meinte nach wenigen Schritten, es möchte nicht unzweckmäßig sein, das Seil für den Abstieg mitzunehmen — wir hatten die Tornister abgelegt — ich lehnte es als unnöthig ab. Auf dem Gipfel konnte ich nun freilich trotz emsigen Suchens, das durch den ziemlich reichlich liegenden Schnee erschwert wurde, keine Spuren vom vergangenen Jahre mehr finden. Durch Errichten eines ordentlichen Steinmannes sorgten wir nun dafür, daß wenigstens die heutige Besteigung für längere Zeit documentirt sein wird. Wie ich schon im 24. Band des Jahrbuches, pag. 27, erwähnt habe, besteht die Kette, die sich vom Wildseesattel nach Süden zieht, aus etwa sechs hervorragenderen Zacken. Wegen einiger Gipfel im Dauphiné, deren Besteigung ich dann, des schlechten Wetters wegen, leider auf ein anderes Jahr verschieben mußte, hatte ich mir von dem Mechaniker Bonsack in Berlin ein Horizontalglas kommen lassen. Herr Dr. Güßfeldt empfiehlt ( Jahrbuch des S.A.C., Band 13, pag. 306 ) allen Alpenreisenden den Gebrauch dieses Instrumentes, welches hauptsächlich dazu dient, auf nicht zu große Entfernungen mit ziemlicher Sicherheit festzustellen, ob die Stelle, wo sich der Beobachter befindet, höher oder tiefer liegt, als irgend ein anderer Punkt. Kennt man die Entfernung der beiden Punkte, so läßt sich approximativ auch der Höhenunterschied feststellen, allerdings nur, wenn derselbe kein allzu großer ist. Ich habe dieses Horizontalglas auf allen Bergtouren des Jahres 1888 mitgenommen und kann die Empfehlung, die ihm Herr Güßfeldt gibt, nur unterstützen. Heute beobachte ich nun von Punkt 2688 aus die verschiedenen, südlicher liegenden Gipfel und stelle fest, daß der erste und vierte Gipfel, so genau, als das Instrument ermitteln läßt, gleich hoch sind, daß ferner der fünfte, der mit dem ersten and vierten in gerader Linie liegt, eine Kleinigkeit niedriger ist, und daß endlich der dritte Gipfel, der etwas zur Seite gerückt ist, etwa 10 m höher ist. Ob die Zahl 2686 der Karte dem vierten oder fünften Gipfel angehört, möchte ich ohne nochmaligen Besuch der Gegend.nicht entscheiden. Nach halbstündigem Verweilen müssen wir wieder an 's Weiterkommen denken. Der Abstieg über die verschneiten Felsen, die so wie so nicht sehr solid sind, macht sich schwieriger, als ich gedacht hatte, and läßt mich fast bedauern, daß ich den Rath Kohler's, das Seil mitzunehmen, verlacht hatte. Wir besteigen heute nooh den dritten, also höchsten Gipfel, und gehen dann, den vierten bei Seite lassend, zum fünften hinüber. Da wir ziemlich tief hinnntersteigen müssen, brauchen wir, trotz der geringen Horizontaldistanz, « ine Stunde bis zum fünften Gipfel, bei dem ich vor einem Jahre genöthigt war, etwa 3—4 m unter dem Gipfel umzukehren, da ich allein dieses letzte Stück; nicht riskiren wollte. Heute haben wir nun diese kleine, aber nicht leichte Strecke bald überwunden. Auch hier bauen wir einen Steinmann und nehmen nach einer halben Stunde, es ist mittlerweile 4 Uhr geworden, Abschied von den Wildseehörnem, um zum Piz Sol hinüberzusteuern. Ueber das Gletscherchen ist der Marsch im tiefen Schnee ziemlich mühsam. Uebrigens stecken wir jetzt in dickem Nebel, der uns die Felsen des Piz Sol erst erkennen läßt, als wir ihnen auf wenige Schritte nahe gerückt sind. Unter diesen Umständen können wir darauf verzichten, dem.

Piz Sol schon wieder unsere Aufwartung zu machen. Eine Viertelstunde vor 6 Uhr stehen wir in der Lücke zwischen ihm und Punkt 2791 und beginnen ungesäumt den. Abstieg in 's Tersol. Noch sind keine 10 Minuten vergangen, so verziehen sich die Nebel und der Piz Sol zeigt sich, gleichsam um uns zu ärgern, im Glanze der Abendsonne. Nun, wir lassen uns dadurch nicht stark anfechten, ist doch damit die Aussicht verbunden, daß uns morgen das Wetter begünstigen werde. In der kleinen Hütte von Tersol, die wir um halb 7 Uhr betreten, finden wir freundliche Aufnahme und ganz gutes Nachtlager. Für eine größere Gesellschaft würde es freilich mit der Unterkunft ziemlich schlecht bestellt sein, da die vier regulären Insassen nur wenig Platz übrig lassen. Gegen Sonnenuntergang hellt sich der Himmel vollständig auf, so daß unsere Hoffnungen auf morgen wohl nicht getäuscht sein werden. Der frische Schnee, der am Morgen noch bis zur Alp hinunter lag, hat sich im Laufe des Tages schon wieder auf circa 2300 m zurückgezogen.

Ziemlich spät beginnen wir am 30. Juli unser Tagewerk, das im Wesentlichen darin bestehen soll, das Zanayhorn und den Drachenberg zu besteigen. Wir gedenken, unsere Wanderung beim Punkt 2767 in der Nähe des Piz Sol zu beginnen und, wo möglich immer dem Grate nach, bis zum Drachenberg fortzusetzen. Um 6 Uhr erst verabschieden wir uns im Tersol und steigen in genau nördlicher Richtung die Rasenhänge hinan, bis wir nach Verfluß einer Stunde an dem aus dem Graukies kommenden Bache stehen, nicht weit von der Stelle, wo er fast rechtwinklig umbiegt. Ganz leicht würde man nun durch das Graukies den Gipfel, 2767 m, erreichen. Um aber die Gratwanderung unseres Programmes noch etwas zu verlängern, mache ich Kohler den Vorschlag, den Rücken zu verfolgen, der zwischen Wildsand und Graukies zu Punkt 2767 aufsteigt und der nach Kohler's Angabe den Namen Mittelberg führt. Ohne Schwierigkeit wird zunächst in 20 Minuten der Gipfel, 2582 m, erreicht, dann beginnen die Hindernisse. Der Grat ist in seiner ersten Hälfte ziemlich zersägt; fortwährend müssen wir auf- und absteigen, bald auf der Kante marschirend, bald auf dieser, bald auf jener Seite etwas von ihr abweichend. Einzelne Stellen sind nicht ganz leicht. Nach nicht ganz einer Stunde ist der letzte Gipfel des zerrissenen Grates erreicht. Nur wenig, etwa 50 m, haben wir freilich in dieser Zeit an Höhe gewonnen, dafür können wir nun auf breitem Rücken zu Punkt 2767 hinaufspazieren. Um 8 Uhr 45 Min. bin ich oben und erfreue mich, neben der Aussicht in die umliegende Gebirgswelt, an dem interessanten Blicke in 's Zanay hinunter und nach Lasa hinüber. Zu meiner Ueberraschung sieht man auch den größten Theil des herrlichen Wildsees. Um diesen letztern Genuß ist Kohler gekommen; er hat auf diesen Gipfel verzichtet und sich ein Stück unterhalb in horizontaler Richtung zum Grat hinüber-geschlagen, der uns zum Zanayhorn bringen soll. Nach wenigen Minuten Verweilens eile ich zu Kohler hinunter, um wieder gemeinschaftlich die Reise fort zusetzen. Der Anfang bietet keine ernstlichen Hinder- Bisse, eine halbe Stunde erfordert der Marsch bis dahin, wo der das Sonnenthal nördlich begrenzende Grat vom Hauptgrate abzweigt, und fernere 10 Minuten bringen uns in die tiefste Einsattlung des Grates, circa 2660 m hoch, von der man in 's eben genannte Thal absteigen kann. Die Fortsetzung zum Zanayhorn wird etwas schwieriger. Anfänglich bleiben wir noch ziemlich dem Grate getreu, gelegentlich etwas in die Nordwand hineinsteigend, später sind wir genöthigt, uns mehr auf der Südseite zu halten. Gerade eine Stunde nach Abmarsch von der tiefsten Einsenkung betreten wir von Westen lier das Zanayhorn, 2825 m. Der Gipfel wird durch einen ziemlich langen, fast horizontalen Eücken gebildet, der nach Norden steil abfällt, gegen Süden aber sich ziemlich sanft abdacht. Kohler hatte mir mitgetheilt, daß Herr Imhof vor etwa 8 Tagen allein das Zanayhorn bestiegen habe. Wir durchsuchten aufmerksam den ganzen Gipfelgrat nach Spuren seines Besuches, doch ohne Erfolg, so daß wir im Moment annahmen, Herr Imhof möchte vielleicht aus Versehen auf den niedrigem, südlicher gelegenen Gipfel gekommen sein, auf den ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aus Nr. 29 der Alpenwelt vom 3. August 1889 habe ich dann ersehen, daß Herr Imhof den Gipfel am 22. Juli, Abends gegen 5 Uhr, erreicht und drohenden Witterungswechsels halber bald wieder verlassen hat. Seine Karte steckte er zwischen zwei Schieferplatten. Mit der Fernsicht ist es heute nicht weit her, nur die nächste Umgebung präsentirt sich ganz hübsch, aber auch sie nur unvollständig. Am schönsten macht sich auf seiner lieb- lichen Wiesenterrasse das Dorf Valens; auch Maienfeld und Jenins zeigen sich. Die Hütten von Tersol sind gerade noch sichtbar; sowie man sich einige Schritte entfernt, verschwinden sie hinter dem Abhang, an dessen Fuße sie liegen.

Es ist hier der Ort, einige Bemerkungen über die. neue Höhenzahl des Sazmartinhornes beizufügen, nach Welcher dieser Gipfel vom Piz Sol nur um einen Meter überragt würde. Ich visirte mit dem schon erwähnten Horizontalglas nach den genannten Gipfeln und fand, daß ihr Höhenunterschied viel größer sein muß. Die Visur nach dem Sazmartin zeigte, daß derselbe nur um ein Geringes, wie ich schätze nicht mehr als5 m, höher sein kann als das Zanayhorn, während diejenige nach dem Piz Sol den Unterschied von 24 m, den die Karte gibt, als richtig erkennen ließ, soweit mein Instrument solche Differenzen überhaupt bestimmen kann. Wenn nun auch das benutzte Horizontalglas in der Beziehung fehlerhaft wäre, daß es den Horizont nicht richtig angäbe, entweder zu hoch oder zu tief, so würde aus den beiden Visuren nach Sazmartinhorn und Piz Sol doch unzweifelhaft hervorgehen, daß diese zwei Berge in der Höhe beträchtlich verschieden sein müssen. Ein allfälliger Horizontalfehler läßt sich aber sofort erkennen und dann auch eliminiren, wenn man auch die umgekehrten Visuren ausführt. Ich habe das am 8. September, anläßlich einer Excursion der Section Uto, vom Piz Sol aus gethan und die Resultate der frühem Beobachtungen einfach bestätigt gefunden. Zanayhorn und Sazmartinhorn lagen beträchtlich unter dem Horizonte des Piz Sol und, wie sich noch mit ziemlicher Sicherheit constatiren ließ, der erstere Gipfel etwas tiefer als der zweite. Die Höhenzahlen der drei Gipfel Piz Sol, Sazmartinhorn und Zanayhorn sind auf der alten St. Galler Karte: 2847 m, 2828 m und 2821 m, und auf Blatt Vättis des topographischen Atlas: 2849 m, 2848 m und 2825 m. Nach den obigen Auseinandersetzungen glaube ich, daß man mit der Zahl 2830 für das Sazmartinhorn von der Wahrheit nicht sehr weit entfernt sein wird. Zum Schlusse will ich noch hinzufügen, daß die drei Gipfel ein Dreieck bilden, dessen Seiten zwischen 1900 und 2400 m liegen, so daß die Correctionen wegen der Erdkrümmung und der Refraction nicht mehr als etwa 25— 40 cm betragen würden und die Resultate mithin nicht wesentlich ändern können.

Nachdem wir 5 4 Stunden auf dem Gipfel verweilt und denselben auch mit einem Steinmann gekrönt haben, gehen wir in südlicher Richtung weiter. Der Grat, der sich vom Zanayhorn zur Furggla zieht, senkt sich zunächst etwa 100 m und erhebt sich dann wieder zu einem ganz ansehnlichen Gipfel, für den der Name „ Kleines Zanayhorn " wohl nicht ungeeignet sein dürfte. Er steht etwas rechts vom zweiten a des Wortes Zanayhörner der topographischen Karte. Ganz bequem gelangt man vom großen Zanayhorn her in die Einsenkung, dann aber steigen die Felsen ziemlich jäh an. Die Erkletterung derselben dürfte wohl keine zu großen Schwierigkeiten bieten; da wir aber zunächst nicht übersehen können, ob sich nicht weiter oben noch größere Hindernisse entgegensetzen werden, W. Gröbli.

2670 Furggla 2825 Vogelegg 2543 Graue Hörner.

2686 E. Bosshard del. 31. VII 89.

. Die Zanay-Hörner, gez. von Calandaluz.

ziehen wir vor, den Gipfel zu umgehen und den Zugang von Westen her zu gewinnen. Per Uebergang vom großen zum kleinen Zanayhorn, das nach den Visuren ziemlich dieselbe Höhe haben wird, wie der heute früh bestiegene Gipfel 2767 m, hat 25 Minuten beansprucht, und doppelt so viel Zeit verwenden wir für den Marsch zur Furggla, 2577 m, der nicht gerade schwierig, aber auch nicht Spaziergang zu nennen 3st. Von Tersol führt ein ordentlicher Weg über diese Furggla nach Calvina hinüber. Das Jungvieh, das in Tersol den Sommer zu verbringen hat, wird über diesen Pali getrieben, da der Weg vom Kalfeuserthal her nicht passirbar ist. Der Fortsetzung unserer Wanderung, die nach kurzer Rast um halb 3 Uhr beginnt, setzt sich nach wenigen Minuten in Gestalt eines großen Felsblockes ein Hinderniß entgegen. Nach seiner Ueberwindung folgt auf dem Furgglen-.

grat, wie Kohler die Strecke bis gegen den Drachenberg nennt, die reizendste Promenade, die man sich denken kann. Gemächlich steuern wir dem höchsten Punkte 2670 m zu und können es uns nicht versagen, in seiner Nähe noch eine halbe Stunde dem ruhigen Genusse der uns umgebenden.Schönheiten zu widmen. Gerne hätte ich noch den Abstecher zum Aelplikopf hinüber gemacht, allein die vorgerückte Zeit und das sonstige, noch ziemlich große Tagewerk gebieten Verzicht. Der Grat, der sich nun nach Süden wendet, ließe sich ganz leicht bis zu Punkt 2635 verfolgen, dann kommen aber, wie Kohler sagt und wie ich nachher bestätigt finde, unüberwindliche Abstürze. Wir steigen daher langsam in die Tiefe, um den Gipfel 2635 m zu umgehen und von Westen her in die Lücke zwischen ihm und dem eigentlichen Drachenberg zu kommen. Bald stehen wir denn auch am Drachenberg, vielleicht 50 m unter dem Gipfel. Der Aufstieg sieht aus einiger Entfernung ziemlich unschuldig aus, sowie wir aber näher heran rücken, zeigt es sich, daß über glatte und ziemlich schlechten Halt bietende Felsen anzusteigen ist. Kohler ist vor vielen Jahren einmal auf der Jagd hier hinauf oder hinunter geklettert, kann sich aber seines Weges nicht mehr recht erinnern. Glücklich, wenn auch mit viel Aufwand an Zeit, gelangen wir um 4 Uhr 50 Min. auf den ziemlich langgestreckten Rücken des Drachenberges, der eine Höhe von etwa 2600 m besitzen mag. Aber reichlich belohnt der Drachenberg die aufgewendete Mühe, schon allein durch den wunderbaren Blick in das zu unsern Füßen liegende Taminathal hinunter. Auch Kohler ist ganz begeistert von der Aussicht. Leider dürfen wir nicht mehr lange verweilen; kaum sind wir einige Minuten oben gewesen, so eilt Kohler weiter, um die einzige Stelle zu suchen, wo der Abstieg nach Osten möglich ist und die von oben her nicht so leicht zu finden ist. Bald belohnt der Erfolg sein Suchen und unverweilt geht 's in die Tiefe. Durch ein enges und steiles Couloir kommt man relativ unschwierig hinunter. Ich gedenke auch dem Drachenloch noch einen kurzen Besuch zu machen, wiewohl ich es schon im Sommer 1885 gesehen hatte. Ich kam damals, am 12. Juli, allein vom Piz Sol in 's Tersol hinunter und erkundigte mich, veranlaßt durch die Notiz in Tschudi's Tourist: „ Drachenhöhle empfehlenswerth ", wo denn eigentlich die Höhle sei, da das Blatt XIV der topographischen Karte über die Lage keine Auskunft gibt. Ich erfuhr dann mit etwelchem Mißvergnügen, daß sie sich hoch oben am Drachenberg befinde, entschloß mich dann aber doch in Begleitung eines Vättners, der den Sonntag za einem Geschäftsgange in 's Tersol benutzt hatte, nochmals die verschiedenen hundert Meter anzusteigen. In südöstlicher Richtung gingen wir die Hänge hinan, überschritten, streckenweise etwas unangenehm, mehrere tief ausgefressene Schieferrunsen, trafen dann oben an den Felswänden des Drachenberges den Schäfer, der sich uns anschloß, und erreichten, an Punkt 2309 vorbei, in zwei Stunden die Drachenhöhle. Dieselbe liegt in einer Höhe von ungefähr 2430 m, ist etwa 3-4 m breit und 5-6 m hoch und erstreckt sich ziemlich horizontal gegen 30 m tief in den Berg hin- ein. Auf dem Boden liegen vereinzelte Knochen herum ( früher müssen es viel mehr gewesen sein ), auch Krystalle, wiewohl nicht von besonderer Schönheit, sind seinerzeit hier geholt worden. Durch eine enge Oeffnung gelangten wir ( nämlich der Schäfer und ich, der Vättner war wohlweislich im Freien geblieben ) beim Scheine einer Kerze in einen zweiten, nicht sehr großen Raum und, nochmals in gleicher Weise, etwas abwärts in einen dritten. Große Entdeckungen waren allem Anscheine nach nicht zu machen; wir beeilten uns, wieder an 's Tageslicht zu kommen. Nun zeigte sich deutlich, daß ich mit meinem Herum-kriechen wenigstens etwas erzielt hatte.Vor noch nicht 24 Stunden hatte ich in einem „ Berggwändli " die Ferienreise angetreten, dem man von Weitem ansah, daß es soeben dem Schneider entronnen war, und nun mußte ich mit Betrübniß wahrnehmen, daß ihm die Drachenhöhle den Glanz der Neuheit unwiederbringlich geraubt hatte. Kehren wir nach diesen wehmüthigen Erinnerungen wieder in die Gegenwart zurück: 40 Minuten nach Verlassen des Drachenberges betreten wir die Höhle, begnügen uns aber, um so mehr, als wir mit Licht nicht versehen sind, die Haupthöhle zu besuchen. 20 Minuten später, es ist jetzt 6 Uhr, sind wir bei der Hütte Gelbberg. Der Schäfer ist abwesend, doch sind alle Dinge da, um einen Kaffee herzustellen, und so macht sich Kohler ohne Zögern an 's Werk. Inzwischen rückt aber der Schäfer ein ,'der uns auf dem Drachenberg hatte stehen sehen und gemeint hätte, wir kämen nicht herunter. Mit einbrechender Dunkelheit erreichen wir Vättis, wo ich mich in mein altes Quartier, die Lerche, begebe.

Die Orgeln.

Die Tage des 31. Juli und des 1. August sollten den Bergen östlich der Ringelspitze, insbesondere den Orgeln gewidmet werden. Ich gab mich der Erwartung hin, schon am ersten Tag diese letztern absolviren zu können, um dann am nächsten die Partie von ihnen bis zum Simel ( 3061 m ) auszuführen. Diese Erwartung sollte, wie das Folgende zeigen wird, nicht in Erfüllung gehen; wir mußten uns mit den Orgeln und dem Abstieg nach Vättis durch den Hochgang begnügen.

Während der ganzen Zeit, die wir im Clubgebiete zubrachten, zeichneten wir uns nie durch frühes Aufstehen aus, und so ist denn auch am 31. Juli die sechste Stunde schon vorbei, als wir Vättis verlassen. Wir wählen den gleichen Weg, wie letztes Jahr, als wir zum Sazmartin auszogen, d.h. wir benützen das neue Sträßchen, das nun bis zum Tersolbache so ziemlich vollendet ist. Die letzten paar Minuten muß man noch dem Fußwege folgen, da die Brücke über den Bach noch nicht in Angriff genommen ist. An Reparaturen wird es dem Sträßchen allerdings für die erste Zeit nicht mangeln, da und dort sind Rutschungen erfolgt, was bei dem zum Theil sehr schlechten Terrain kein Wunder ist. An der Wiederherstellung und Verbesserung wird übrigens rüstig gearbeitet. Nachdem die schönen Wiesen des Giger-waldgutes, auf denen die Heuernte eben im vollen Gang ist, überschritten sind, führt der Weg, dem die bessernde Hand streckenweise sehr zu wünschen wäre, durch Laubholzwald dahin, einmal mit überraschendem Blick auf die in der Tiefe rauschende Tamina. Bald senkt sich der Weg zum Fluß hinunter, um sich jenseits mit dem eigentlichen Kalfeuserweg zu vereinigen. Wenige Minuten weiter hinten befindet sich die Naturbrücke. Um dieselbe auch einmal zu sehen, blieb ich auf der linken Seite des Flusses, obschon sich der Weg allmälig verliert und man gegen den Schluß sich ziemlich mühsam durch Gebüsch winden muß. Bei der Brücke angelangt, sah ich dann, daß ich besser mit Kohler auf dem andern Ufer gegangen wäre, da der Weg drüben nur wenige Schritte neben der Brücke vorbeiläuft. Der Uebergang ist übrigens ein Gemisch von Natur und Kunst. Etwa 10 m über der Tamina, die hier in schmalem Bett dahinfließt, treten die Felsen eng zusammen und über die schmale Oeffnung hat sich ein Felsblock gelegt. Durch menschliche Arbeit ist dann diese primitive Passage zu einem Steg verbessert worden. Gleich nachdem wir den Hauptweg des Thales betreten haben, verlassen wir ihn auch wieder, um links in die Höhe zu steigen. Steil geht 's bergan, an den Hüttchen von Stegensäßli und Schupfen vorbei zu unserer ersten Station, der obersten Hütte von Alp Panära, 2021 m, die wir um 9 Uhr 40 Min. erreichen. Zwei Seelein, wenn man diesen Namen auf Tümpel von vielleicht einem Meter Tiefe und hundert Quadratmeter Fläche verwenden darf, befinden sich in nächster Nähe der Hütte und liefern für Mensch und Vieh gewöhnlich das Wasser. Die Hütte selbst ist nur klein, da neben einigen Mühen, die den nöthigen Bedarf an Milch und Butter liefern, die Alp nur Jungvieh nährt. Der Besitzer der Alp, ehemals Eigenthümer des Gamserälpli hinten im Thal, wirth-schaftet mit zwei jungen Burschen, die hier, zum Mindesten bei gutem Wetter, das herrlichste Leben führen und kaum wissen, woran sie ihren Muthwillen auslassen sollen.

Nachdem wir uns an einem Kaffee gütlich gethan haben, treten wir um halb 11 Uhr den Weitermarsch an. In südlicher Richtung geht 's erst zum Bach hinunter, dann wenden wir uns östlich und steigen zum Haus hinan, das seinen Namen mit vollem Rechte führt. Namentlich von oben her gesehen fällt dieser Gebirgsvorsprung auf, der einen langen, fast horizontalen, leicht berasten Rücken aufweist und beiderseits dachähnlich abfällt. Da wir auf der Ostseite wieder in die Tiefe mttssen, begeben wir uns nicht ganz auf die Höhe der Hausegg, 2290 m, sondern gehen circa 100 m unterhalb um das Haus herum, das an der nordöstlichen Seite in steilen Wänden abstürzt. Auch jetzt noch müssen wir, um zu den Orgeln zu gelangen, beträchtlich an Höhe einbüßen. Unten geht 's noch über Schneefelder eine Strecke weit eben fort und dann über Fels und Geröll, mit kaum erwähnenswerther kurzer Kletterei hinan zu unserm ersten Ziel, Punkt 2693 m, das wir um 1 Uhr 20 Min. erreichen. Das Wetter ist heute wieder einmal so, wie sich 's der Bergsteiger immer, aber leider nur zu oft vergeblich wünscht. Die Fernsicht ist im Wesentlichen von allen Gipfeln dieses Gebietes die nämliche, nur daß sie natürlich mit wachsender Höhe eine immer ausgedehntere wird.

Ich will mich daher enthalten, hier Namen von Bergen aufzuzählen, und nur der nähern Umgebung ein paar Worte widmen. Aus dem zu Füßen liegenden Kalfeuserthale grüßen freundlich die Kapelle und die Hütten von St. Martin herauf, auch nach Süden, in 's Ramuz hinunter, bietet sich ein interessanter Blick. Prächtig überblickt man einen großen Theil des Domleschg mit den Dörfern Bonaduz, Rhäzüns, Thusis und Sils. So sind wir zwar weit ab von den Menschen, aber wir sehen doch die Zeugnisse ihrer Thätigkeit. Und nicht durch das Auge allein, auch durch das Gehör sind wir mit der Menschheit verbunden. Vom Taminserälpli herüber dringen die Töne eines Alphornes zu uns, und von der Alp Brändlisberg, wo ein Stall gebaut wird, hören wir das Arbeiten der Zimmerleute, als ob wir dicht dabei stünden. Nachdem wir, wie üblich, einen Steinmann errichtet hatten, verließen wir die herrliche Zinne, auf der wir 11/2 Stunden verweilt hatten, um noch einen weiter östlich liegenden Gipfel zu besuchen. Noch will ich beifügen, daß der Gipfel 2693 m von Jägern wohl schon manchmal betreten worden ist, Kohler wenigstens ist schon oben gewesen.

Indem wir uns möglichst in der Höhe halten, kommen wir in etwa 20 Minuten in die Nähe des gewünschten Gipfels, als sich eine Kluft hindernd in den Weg stellt und uns zu einem kleinen Abstecher veranlaßt. Nachher geht 's, auf ebenem Grat spazierend, weiter. Fast scheint es, als ob ein noch größeres Hinderniß kommen sollte, glücklicherweise ist es aber eine Felsspalte, die sich leicht überspringen läßt.

Einige Augenblicke später stehen wir auf dem neuen Gipfel, der etwa südlich vom „ n " des Wortes Hochgang liegen und eine Höhe von ziemlich genau 2650 m haben wird. Die Visur mit dem Horizontalglas weist nämlich genau auf Punkt 2651 am Furgglengrat hin, und auch die Beobachtung mit dem Aneroidbarometer, die diesen Gipfel 47 m niedriger erscheinen läßt als den vorhergehenden, stimmt nicht schlecht damit. Von hier aus ist nun auch Vättis zu erblicken, wie man es sich schöner nicht wünschen kann, ähnlich wie vom Drachenberg aus. Aus diesem Grunde erbauen wir an dieser Stelle einen Steinmann, der sich mit seinen 2 m Höhe wohl zeigen darf. An der Vättis zugewendeten Seite spannt Kohler ein Zeitungsblatt aus, offenbar mit der Absicht, dasselbe nachher von Vättis aus durch 's Fernrohr zu lesen. Nachdem wir auch auf dieser Warte über eine Stunde zugebracht haben, treten wir den Rückweg an, um eventuell noch die hinterste und höchste, südwestlich von Punkt 2693 m gelegene Orgel zu besteigen. Schon beim Aufstieg; zur mittleren Orgel hatten wir zwar gesehen, daß es nicht so leicht sein dürfte, von dieser Seite her hinauf zu gelangen, wollten uns aber die Sache doch aus der Nähe besehen. Seit vielen Jahren muß mir jeder Gipfel einen Stein abtreten, wenn ich 's nämlich nicht vergesse, was gelegentlich und so auch heute vorgekommen ist. Glücklicherweise führt unser Weg nur ein geringes Stück unterhalb des Gipfels 2693 m vorbei. Wir steigen also nochmals hinauf und nehmen jetzt gerade noch einen in der Nähe gelegenen Felsthurm mit. Die Inspection der höchsten Orgel ergibt ein negatives Resultat. Zwischen ihr und unserm Standpunkt befindet sich zunächst eine tiefe Scharte, in die übrigens unschwierig abzusteigen wäre, aber jenseits erheben sich die Wände so steil und glatt, daß wir nirgends eine Möglichkeit entdecken können, hinauf zu gelangen. So bleibt uns eben nichts Anderes übrig, als nach Panära zurückzukehren, was wir zwar auf alle Fälle gethan hätten, und morgen an anderer Stelle zu versuchen. Auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, stiegen wir hinunter, immer sorgfältig ausspähend, wo sich vielleicht morgen der Aufstieg erzwingen ließe, doch ohne zu einem sichern Ergebniß zu gelangen, gingen dann zur Abwechslung ganz auf das Haus hinauf und betraten um 7 Uhr das Nachtquartier. Eben rückt auch das Vieh, das mehr gegen das Wäldli zu geweidet hat, ein; in lustigen Sprüngen kommt 's den Abhang herunter zu den beiden Wasserbecken. Ich beeile mich, noch ehe das Wasser getrübt wird, einen Schluck zu bekommen, aber oh weh! das Wasser, das am Morgen prächtig frisch war, könnte jetzt beinahe zum Baden benützt werden. Wir lassen uns wieder einen Kaffee bereiten, nachher wird für den Alten und seine jungen Gehülfen ein „ Fenz " oder etwas Aehnliches hergerichtet. Mit löblicher Sparsamkeit mißt der Alte die Butter zu, allein kaum ist er einen Augenblick in 's Freie gegangen, so rennt der eine der Jungen in 's Hintergemach, um die ihm zu kärglich erscheinende Portion um ein Erkleckliches zu vermehren. Ob der Senne sich nicht wundert, wie er mit so wenig Butter einen so fetten Fenz herstellen kann? Der Platz zum Schlafen ist zu klein für fünf Personen, aber Heu ist wenigstens reichlich vorhanden und frisch eingebracht worden. Für das junge Volk wird auf dem Boden ein gutes Lager zugerichtet, und bald ist Alles in Schlaf versunken oder doch in bestem Begriff, es zu werden, als es auf einmal hell aufflammt. Erschrocken fahren wir auf, befürchtend, das Lager der beiden Burschen, das etwas wohl nahe zum Herd gerückt worden war, möchte Feuer gefangen haben Zum Glück war 's nur ein kleines Häufchen Heu, das in Brand gerathen war, und bald herrschte wieder Ruhe im kleinen Raum. Ich sprach den Verdacht aus, die muthwilligen Kerle hätten absichtlich das kleine Feuerwerk in Scene gesetzt, mußte aber den energischen Protestationen schließlich Glauben schenken.

Der Morgen des 1. August bricht in voller Klarheit an. Eben geht die Sonne hinter dem langgestreckten Rücken auf, den der Calanda nach Norden entsendet, und schickt uns ihre ersten Strahlen. Gerne verweilen wir, da uns Zeit genug zur Verfügung steht, noch etwas an diesem schönen Plätzchen und nehmen in aller Gemächlichkeit das Frühstück ein. Um 6 Uhr 45 Min. nehmen wir Abschied von dem freundlichen Alten und seinen lustigen Gesellen. Unser Weg führt uns zunächst wieder zum Haus hinauf. Die Gegend scheint reich an Murmelthieren zu sein, wir haben gestern verschiedene aus nächster Nähe beobachten können und auch heute überraschen wir welche. Auf dem Hause angelangt, müssen wir uns nun über den Weitermarsch entscheiden. Die Gebirgskette, die sich von Punkt 2973 nach Osten zieht und dann nord- östlich zu den Orgeln umbiegt, stürzt in ihrem obersten Theile jäh ab, dann folgt ein nicht sehr steiler Hang, der wieder in fast senkrechten Wänden in den Circus zwischen dem Haus und den Orgeln abfällt. Unsere Aufgabe ist so gut wie gelöst, wenn es uns gelingt, diese mittlere Stufe zu erreichen. Nach den gestrigen Untersuchungen scheint an zwei Orten etwelche Aussicht zu sein, durch Schluchten über die untern Wände in die Höhe zu kommen. Die eine der Stellen liegt in der Nähe des Hauses. Ein Kamin zieht sich die Wand hinauf und ein geringes Stück weiter oben zeigt sich ein schneeerfülltes Couloir. Ob es möglich sein würde, vom einen in 's andere überzugehen, konnten wir gestern nicht feststellen, finden es aber heute doch gerathener, von oben her, mit Vermeidung des Kamins, den Versuch zu machen, in 's Couloir zu kommen. Fast wider Erwarten bieten sich bis zum Couloir gar keine nennenswerthen Schwierigkeiten. Wir haben gut gethan, das Kamin bei Seite zu lassen, von unserm jetzigen Standpunkte aus ersehen wir sofort, daß wir nicht weiter gekommen wären. Der erste Anstieg im Couloir geht gut vor sich, bald zeigt es sich aber, daß wir es mehr mit Eis als mit Schnee zu thun haben werden und daß die Steigung größer ist, als wir vermutheten. Wir schlagen uns daher, um dem mühsamen Hacken zu entgehen, links in die Felsen. Der Anfang ist etwas heikel, dann kommen wir leichter vorwärts und stehen bald in der Nähe des obern Endes des Couloirs, in einer Höhe von etwa 2500 m. Damit sind im Großen und Ganzen die Schwierigkeiten hinter uns; langsam ansteigend bewegen wir uns, zum großen Theile über Schneefelder, auf denen der vor einigen Tagen gefallene Schnee bedenklich weich zu werden anfängt, in östlicher Richtung vorwärts und sind um 10 Uhr 20 Min. auf dem Sattel, der sich zwischen unserm heutigen Ziele und dem östlichsten Punkte des weiter oben erwähnten Grates befindet. Die Höhe dieser Stelle beträgt circa 2650 m. Die kurze Passage vom Hause bis hieher hat uns doch 2 1/2 Stunden gekostet.

Mitten im Sattel erhebt sich ein Thurm von etwa 5 m Höhe, der von ferne gesehen ganz den Eindruck eines Steinmanns macht. Schon lange, sagt Köhler, sei es sein Wunsch gewesen, einmal an dieser Stelle zu stehen. Wir halten uns eine halbe Stunde hier auf und gelangen dann in 10 Minuten bequemen Ansteigens auf die hinterste Orgel, die auf der Karte etwa südlich von der Ziffer 6 der Zahl 2693 sein wird. Da die Visur genau auf den Punkt 2730 westlich des Sazmartinhornes geht, so wird auch unserm Gipfel ungefähr diese Höhe zukommen Die Aussicht ist heute noch schöner als gestern. Die östliche Ringelspitzkette verdeckt freilich fast ganz alle fernen Berge, die im südwestlichen Quadranten liegen, dafür fehlt in der übrigen Rundsicht auch kein Gipfel, der überhaupt im Bereiche der Sichtbarkeit liegt. Von einer Aufzählung der Namen darf ich wohl auch heute Umgang nehmen; ich begnüge mich, als den entferntesten Gipfel den Ortler zu nennen, der rechts vom Flüela-Schwarzhorn seine Schneekuppe gerade noch über die vor ihm stehenden Berge zu erheben vermag. Von Ortschaften sieht man, wie in dieser Kette üblich, einige Dörfer im Domleschg, außerdem ein Dorf im Prättigau, ich glaube Fanas. Wir betrachten uns auch etwas den Südabfall der Orgeln und gewinnen den Eindruck, als ob man fast bequemer vom Ramuz beiden Aufstieg machen würde, zum Mindesten auf den heutigen Gipfel. Einen sichern Schluß können wir deswegen nicht ziehen, weil wir die Couloirs, die man augenscheinlich ziemlich weit hinunter verfolgen kann, nicht in ihrem ganzen Verlaufe übersehen können. Gestern und heute betrachteten wir uns auch eingehend den Nordabfall der östlichen Ringelkette und kamen zur Ueberzeugung, daß es möglich sein müßte, in die Lücke zwischen den beiden Simels ( 3061 und 3107 m ) zu gelangen. Heute machte es zwar nicht angezeigt sein, den Versuch zu machen; das große Couloir, das man zu verfolgen hätte, schien uns mit seinem Neuschnee ziemlich gefährlich zu sein. Ein Aufstieg direct von hier aus zu dem östlichsten Punkt des Grates bietet wohl noch mehr Hindernisse. Es bleibt somit auch in einem folgenden Jahre noch allerlei zu thun übrig.

Nur zu rasch verfließt uns die Zeit; zwei Stunden sind vorbei, ehe wir 's denken. Um 1 Uhr heißt 's abmarschiren. 50 Minuten bringen uns an das obere Ende des Couloirs. Wir dachten einen Augenblick daran, durch das ganze Couloir abzusteigen, fanden es aber schließlich doch gerathener, den gleichen Weg zu verfolgen, wie am Morgen. Zum Rückzug nach Vättis wählen wir den Hochgang und sind damit genöthigt, erst weit hinab und dann wieder ebenso weit hinauf zu steigen. Circa 200 m unterhalb der mittleren Orgel findet sich eine ganz auffällige Schichtung der Felsen in einer Anzahl von concentrischen Kreisen, die Einem überall in der Gegend in die Augen springt, so z.B. auch von der Ringelspitze aus. Die Schichten haben wohl früher ein Gewölbe gebildet und durch Verwitterung ist daraus die jetzige Formation entstanden. Ich hatte mir schon gestern vorgenommen, die Sache etwas aus der Nähe zu besehen, machte aber die Erfahrung, daß mit der Annäherung das ganze Gebilde seinen auffälligen Charakter verliert, weil man eben auch keinen Ueberblick mehr hat. Ich war nicht einmal im Stande, mit Sicherheit die betreffende Stelle zu finden. Heute merkte ich mir den äußersten Kreis; unser Weg fährte gerade an seinem untern Rande vorbei, in einer Höhe von circa 2430 m. Um 4 Uhr waren wir an der betreffenden Stelle und beobachteten ein Rudel von 9 Gemsen, alte und junge, die in der Nähe des Endes des Hochganges weideten und auf unser Pfeifen in toller Flucht über die Felsbänder wegstürmten, daß man fast Angst bekam, es möchte eines der Jungen verunglücken. Nach wenigen Minuten beginnt der Hochgang. Eine halbe Stunde nimmt die Wanderung über ein ziemlich breites Schuttband, das gelegentlich unterbrochen ist, in Anspruch. Wir bewilligen uns, da wir noch alle Zeit haben, eine kurze Rast und steigen dann, den interessanten Felskopf 2414 m, Ofen genannt, der jedenfalls nicht so leicht zu besteigen ist ( nach Kohler soll man einmal mit Hülfe einer Leiter hinauf gelangt sein ), links lassend, in die Tiefe. Nachdem wir Punkt 2350 passirt haben, gehen wir auf den Nordabhang; hinüber, einen geringen, äußerst steil abfallenden Weg verfolgend. Weiter unten kommen wir wieder auf die Südseite, um 6 Uhr machen wir im Simelbödeli nochmals einen kleinen Aufenthalt. Meist durch Wald geht 's nun hinunter nach Vättis, wo wir den Abend in gemüthlicher Unterhaltung mit einem der wenigen regelmäßigen Kurgäste verleben, die der Ort bis jetzt aufzuweisen hat, und mit mehreren Mitgliedern der Section Alvier, die eine Excursion auf den Piz Sol und über den Heidelpaß gemacht haben und morgen über den Calanda heimkehren wollen.

Vom Sazmartinhorn zum Muttenthalergrat. Das prächtige Wetter der eben verflossenen zwei Tage hatte uns etwas vertrauensselig gemacht; wir thaten, als ob schlechtes gar nicht wieder kommen könnte, und zogen am 2. August erst kurz vor 7 Uhr aus, mit dem Plane, zwei Tage für die Bereisung der Nordseite des Kalfeuserthales westlich des Sazmartinhornes zu verwenden. Wir verfolgen zunächst den gleichen Weg wie vorgestern, bis wir vom Gigerwald her in den Kalfeuserweg gelangen, dann geht 's weiter in 's Thal hinein nach St. Martin. Bei der Fluh finden sich von der größten der im Frühling 1888 gefallenen Lawinen immer noch beträchtliche Ueberreste und darunter liegen Theile einer Lawine des laufenden Jahres. Die Gelehrten haben sich bekanntlich lange genug die Köpfe zerbrochen über der Thatsache, daß hier und im Glarnerland in der Höhe die alten Schichten über den neuen liegen. Für uns liegt die Sache etwas einfacher. Der Bach, der vom Haus- egg herunter kommt, hat sich in der großen Lawine « inen Tunnel gebahnt und in diesen ist dann die kleinere vom Frühling 1889 hineingefahren. Der alte Schnee ist so eisähnlich geworden, daß es mich nicht wundern sollte, wenn sogar im Sommer 1890 noch Spuren vorhanden sein würden. Die drückende Hitze bei der noch nicht sehr vorgerückten Tagesstunde hätte uns etwas mißtrauisch machen sollen, obschon augenblicklich der Himmel noch ganz heiter ist; allein wir zogen, nichts Schlimmes ahnend, ruhig unseres Weges. Unmittelbar hinter St. Martin steigen wir, anfänglich durch leichten Wald, steil hinan zu den zahlreichen Hüttchen des Heuberges und weiter zur Alp Brändlisberg, 1892 m, wo wir um 10 Uhr 20 Min. eintreffen. Der neue Stall, von dessen Werden wir schon auf den Orgeln Eenntniß bekommen hatten, macht wackere Fortschritte. Um den geringen Vorrath an Wein, für den Mann täglich eine halbe Flasche, zu schonen, wird auch hier wieder ein Kaffee gekocht. Wohl ist der Senn gerade nicht da, aber was schadet 's! wenn nur die nöthigen Materialien sich alle vorßnden, und das ist zum Glück der Fall. Ohne Zaudern macht sich Kohler, wie vor einigen Tagen in der Schäferhütte am Gelben Berg, an 's Werk. Die Qualität des Kaffees hat jedenfalls unter der Abwesenheit des Sennen nicht gelitten, denn mein guter David hat gewiß tiefer in die Kaffeebüchse gelangt, als es der Senne, der nun auch einrückt, gethan hätte. Wenn ich jetzt noch etwas über die Quantität des braunen Getränkes, die wir zu uns nehmen, verrathen wollte, so würde sich der geneigte Leser wohl schwerlich darüber wundern, daß eine Stunde verstrichen ist, ehe wir uns wieder auf die Beine machen. Wir überschreiten den Bach, der bei der Hütte vorbeifließt, und gehen in ziemlich nördlicher Richtung die Hänge hinan, bis wir in die Nähe des Wassers kommen, welches das Sazmartinhorn in die Tiefe sendet. Weiter geht 's nun in die Mulde zwischen dem eben genannten Gipfel und dem südwestlich von ihm gelegenen Punkt 2730 hinein und über Geröll hinan auf den verbindenden Grat, den wir von der Alp aus in genau zwei Stunden erreichen. Meine Absicht war gewesen, auch dem Sazmartin schnell einen Besuch zu machen, allein das Wetter hat sich in der letzten halben Stunde mit schnellen Schritten verschlechtert. Schon seit einiger Zeit stecken die Gipfel im Nebel und jetzt umhüllt der tückische Geselle auch uns. Unter solchen Umständen verzichten wir auf den Abstecher und steigen links hinan zu Punkt 2730, den wir nach etwelcher unschuldiger Kletterei um 1 Uhr 40 Min. betreten. Auf der alten st. gallischen Karte trägt dieser Gipfel den Namen Wimmersberg. Jetzt sind wir bestraft dafür, daß wir am Morgen nicht -ein paar Stunden zeitiger aufgebrochen sind. Mit der Aussicht ist es gar nichts, und da auch ein $/4 stündiges Warten nichts nützt, müssen wir eben weiter, ohne etwas gesehen zu haben. Kaum haben wir in westlicher Richtung den Abstieg begonnen, so bricht ein Gewitter aus, vor dem wir zum Glück unter einem Felsen nothdürftigen Schutz finden. Nicht lange dauert es, so ist der stärkste Regen vorbei und wir dürfen den Marsch fortsetzen, ohne zu riskiren, in kürzester Zeit durchnäßt zu werden, und bald darnach ist das Wetter wieder recht ordentlich geworden, so daß wir uns während der folgenden Stunden, wenn anch an keiner Fernsicht, so doch an der nähern Umgebung erfreuen kb'nnen. Die Suche nach einem Zufluchtsort vor dem Gewitter hat uns etwas in die Südflanke des Berges gebracht, bald aber betreten wir wieder den Grat, der in steilen Wänden in 's Piltschina abfällt, und führen nun eine äußerst genußreiche und interessante Wanderung bis in die Nähe der Zinerspitze ans, die durch ihre weißen Kalkfelsen auffällt. Als einmal die Sonne durchbrach und die Zinerspitze beleuchtete, war der erste Eindruck durchaus der, als ob der Gipfel ein Schneekleid angelegt hätte. Fast immer konnten wir auf dem ziemlich schmalen Grate bleiben, der nahezu horizontal verläuft und vor der Zinerspitze nur eine geringe Erhebung, Punkt 2496, aufweist. Einzelne Stellen des Grates, wo sich von Süden her beraste Hänge hinaufziehen, werden, wie deutlich zu sehen, von den Schafen besucht und dienen ihnen als Schlafplätze. Erst bei der Annäherung an die Zinerspitze bieten sich erhebliche Schwierigkeiten. Unmittelbar vor diesem Gipfel stellt sich eine Erhebung in den Weg, die wir nicht überklettern können. Bei einigermaßen solidem Gesteine ließe sich wohl auf der Nordseite, die hier fast senkrecht abfällt, ein. Durchgang erzwingen; so wie es aber ist, halten wir es für vorsichtiger, auf der Südseite, wo zwar überall Platten zu Tage liegen, ein Stück abzusteigen. Nach einer etwas ungeschickten Traverse über diese Platten können wir wieder gut zum Grat ansteigen. Es ist jetzt gerade 5 Uhr. Die kurze Strecke von Punkt 2730 bis hieher hat uns doch fast zwei Stunden effectiver Marschzeit gekostet. Wir gönnen uns 25 Minuten Erholung und klettern dann leicht in fünf Minuten zu der nach 30 m höhern Zinerspitze hinan, die wohl besser von Westen her zu gewinnen ist. Dieselbe besteht eigentlich aus zwei fast gleich hohen Gipfeln, von denen der zweite etwas abseits des Hauptgrates liegt. Die Spitze, auf der wir stehen, überragt nach Angabe des Horizontalglases den andern Gipfel um eine Kleinigkeit, so daß wir in Berücksichtigung der vorgerückten Zeit auf den Besuch desselben verzichten. Die Fortsetzung der Reise zum Seezberg bietet nach Norden nun ein ganz anderes Bild; das Piltschina ist durch den es westlich begrenzenden, stark verwitterten Grat unsern Blicken entzogen, dafür genießen wir die Aussicht in 's Valtüsch und auf die es umgebenden Berge. Beim Abstieg vom Seezberg, dessen langgestreckter Rücken aus einem Gewirr großer, rother Blöcke besteht, zum Heidelpaß hinunter scheint es einen Augenblick, als ob wir zum Schluß noch eine harte Nuß zu knacken bekämen. Wir hatten uns erst etwas auf der Südseite gehalten und standen auf einmal an einer Stelle, die dem Weiterkommen ein kategorisches Halt gebot; zum Glück bot dann die Nordseite einen Ausweg. Um 7 Uhr standen wir auf dem Heidelpaß, stiegen unverweilt zu dem kleinen See hinunter, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, und weiter ungefähr dem Bache entlang, um möglichst bald ein schützendes Dach auf der der Gemeinde Vilters gehörenden Plattenalp zu finden. Das Wetter war uns bis jetzt gnädig gewesen, aber nun schien die uns bewilligte Frist abgelaufen zu sein. Der Regen fiel in solchen Strömen hernieder, daß wir, aller Eile zum Trotz, völlig durchnäßt etwas nach halb 8 Uhr in der Alp anlangten, wo wir gute Aufnahme und namentlich auch reichlichen Platz zum Schlafen fanden.

Fast wider Erwarten bringt uns der 3. August verhältnismäßig günstiges Wetter. Bei klarem Himmel und etwas frischer Luft beginnen wir den letzten Reisetag um 5 Uhr 45 Min. und wandern in circa nordöstlicher Richtung hinan zu dem auf der Grenze zwischen den Blättern Vättis und Elm befindlichen See, 2323 m, der auf beiden keinen Namen führt. Nach Verfluß von etwas mehr als einer Stunde sind wir an diesem Wasserbecken, das in seiner interessanten Umgebung einen ganz artigen Eindruck macht. Das Wasser ist etwas trüb, doch ist das wohl nur eine vorübergehende Erscheinung, die den gestrigen Regengüssen zuzuschreiben ist. Ich hatte gestern Abend im Gespräche mit dem Sennen, veranlaßt durch irgend eine seiner Bemerkungen, gefragt, ob denn der Plattensee nicht oben am Heidelpaß liege, worauf derselbe geringschätzig antwortete, das sei ja gar kein See, das sei nur eine Pfütze. Der Plattensee liege da hinter dem Vilterserhorn, wo man in 's Ritschli hinübergehe. Daß der Senne Recht hat, scheint mir nun einmal daraus hervorzugehen, daß der See, an dem wir jetzt stehen, zum Gebiete der Plattenalp gehört, während das auf der Karte sogenannte Plattenseeli auf dem der Malanseralp liegt. Ueberdies ist so viel sicher, daß, wenn von den zwei Wasserflächen nur Neue Wanderungen im Clubgebiet.

eine den Namen See verdient, es jedenfalls nicht die am Heidelpaß liegende ist, für die der Name Pfütze zwar ein etwas verächtlicher, aber im Vergleiche mit der andern nicht ganz unverdienter ist. Bei dieser Gelegenheit gerade noch eine andere Bemerkung, die sich auf eine Anmerkung auf Seite 47 des letzten Jahrbuches bezieht. Es wird dort gesagt, daß der allen Besuchern der Lasaalp wohlbekannte Alpsegen auch auf der Alp Brändlisberg, ferner auf Pardiel und einigen Alpen des Weißtannenthales gesprochen werde. Nach der Aussage Kohler's ist der Alpsegen im Kalfeuserthale auf sämmtlichen, wie er sich ausdrückte, katholischen Alpen üblich, und das sind meiner Kenntniß nach alle, mit Ausnahme der Eggalp, die der Gemeinde Sevelen gehört. Ob die Bemerkung Kohler's sich auch auf die den Bündnern gehörenden Alpen Sardona, Malans und Schräa bezieht, kann ich im Augenblick nicht sagen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß der Alpsegen im Tersol, auf Panära und auf der Plattenalp üblich ist, auch auf der Ebene, wenn mich das Gedächtniß nicht täuscht. Vom Plattensee weg steuern wir, allmälig ansteigend, nach Westen, denn wir wollen unser heutiges Tagewerk hinten im Thal beim Uebergang in 's Haibützli beginnen und von da in östlicher Richtung bis zum Heidelpaß fortsetzen. Um 7 Uhr 50 Min. stehen wir auf dem Grat, circa 2470 m hoch. Es ist heute das vierte Mal, daß ich mich an dieser Stelle befinde; ich habe in den Jahren 1880, 1881 und 1883 den Uebergang von Weißtannen über Alp Scheibe und das Haibützli in 's Kalfeuserthal ausgeführt. Das erste Mal war ich allein, das zweite Mal mit einem Freunde, den ich nun schon viele Jahre nicht mehr gesehen habe und dem ich auf diesem Wege meine Grüße entbiete, und das dritte Mal endlich mit einer Klasse von Gymnasiasten. Aber so schön wie heute habe ich 's noch nicht getroffen. Nicht daß das Wetter heute besser wäre, aber früher war ich Ende Juni öder Anfangs Juli hier gewesen und hatte den Haibützlisee, dem die Sonne nur eine kurze Zeit des Tages etwas anhaben kann, jeweilen noch schneebedeckt gefunden. Heute nun ist der See völlig frei und bietet, wenn auch klein, doch ein reizendes Bild. Gegen Norden ist die Aussicht ziemlich hell, im Süden ist zur Zeit unserer Ankunft Nebel, der sich aber während der 20 Minuten, die wir hier zubringen, wenigstens theilweise, verzieht, so daß wir in aller Pracht die Ringelspitze erblicken. Gerne hätte ich noch den Muttenthalergrat begangen, wenn nicht der Mangel an Zeit dieser Absicht entgegengestanden wäre. Aber auf den nächsten Gipfel, 2615 m, wollen wir wenigstens hinauf. Dem Grate können wir ein Stück weit folgen, dann muß ein unübersteiglicher Felskopf nördlich umgangen werden, damit wir unser Ziel erreichen können, was nach einer halben Stunde der Fall ist. Noch ziemlich unversehrt steht der stattliche Steinmann, der in den Vierzigerjahren anläßlich der Triangulation errichtet wurde. Sehr hübsch ist der Blick in 's Muttenthal hinunter und zur Fooalp hinüber. Um 9 Uhr sind wir wieder auf dem Haibützligrat, von wo wir nun nach nochmaligem längern Verweilen unsere Wanderung ostwärts beginnen. Wir verfolgen ziemlich Neue Wanderungen im Clubgebiet.

genau den zu Punkt 2542 ziehenden Grat, der beträchtliche Hindernisse nicht bietet, und machen dann den Abstecher zu Punkt 2612, der, wie sich zunächst zeigt, von Schafen sehr häufig besucht wird. Wie wir nämlich gegen den Grat, der zu dem Gipfel 2612 nördlich hinüberführt, ansteigen, gucken neugierig verschiedene dieser Thiere hinunter und flüchten sich, als wir näher kommen, über Kopf und Hals hinunter in 's Ritschli, wo das Gros dieser intelligenten Vier-füßer weidet. Um halb 11 Uhr sind wir auf dem Gipfel, bei dessen Betreten ich mich lebhaft an die Stelle in Chamisso's Sala y Gomez erinnert fühlte:

„ Es lagen da der Schiefertafeln drei Mit eingeritzter Schrift;

Da standen, leicht in den Boden eingesteckt, eine ganze Reihe von Tafeln eines weichen, gelblichen Schiefers, alle über und über bedeckt mit Namen und Initialen früherer Besteiger und den Jahreszahlen ihrer Besuche. Die älteste Jahrzahl, die ich bei allerdings nur oberflächlichem Durchmustern der Tafeln finden konnte, war 1831. Die Besucher sind wohl ausnahmslos Bewohner der umliegenden Alpen gewesen, die doch auch gelegentlich das Bedürfniß fühlen, auf freier Höhe im Genüsse der schönen Welt ein paar Stunden zu verleben. Von der Aussicht kann ich nur wiederholen, was ich schon sagte, die Ringelspitze und der Haibützlisee sind beide gleich schön; auch die Sardonagruppe präsentirt sich gut. Von der Errichtung eines Steinmannes nehmen wir Umgang und begnügen uns, wie unsere vielen Vorgänger, auf einer der wenigen freien Stellen, die die Tafeln noch boten, W. Gröbli.

unsere Initialen und das Datum einzugraben. Um 11 Uhr zogen wir in die Tiefe. Eine Viertelstunde brachte uns auf den circa 2440 in hohen Sattel hinunter, der den Uebergang vom Kalfeuserthal zum Ritschli bildet, und eine fernere halbe Stunde wieder hinauf zu Punkt 2580. Für unser Hauptziel, den Hangsackgrat, hätten wir diesen Gipfel am Ende bei Seite lassen können, allein ich wollte von dem bis jetzt befolgten Grundsatz, alle nennenswerthen Erhebungen zu besuchen, nicht abgehen. Den Uebergang zum Hangsackgrat konnten wir in seiner ganzen Ausdehnung noch nicht überblicken, und fast machte es den Eindruck, als ob wir in der Nähe unseres Zieles nochmals beträchtlich absteigen müßten. Zum Glück täuschten wir uns. Um halb 1 Uhr standen wir da, wo der das Kalfeuserthal nördlich begrenzende Grat fast rechtwinklig umbiegt, genau ebenso hoch, wie Punkt 2580, hielten uns daselbst eine Weile auf und waren um 1 Uhr auf dem höchsten Punkt unserer heutigen Reise, dem Hangsackgrat, 2640 m. Der Gipfel bildet einen ziemlich langen, gegen Norden leicht abfallenden Grat. Auch hier finden sich die Spuren früherer Besteigungen, wenn auch nicht in so großer Zahl, wie auf Punkt 2612. Zwei Platten tragen eine Reihe von Namen und Jahrzahlen; das älteste Datum, das ich finden kann, ist 1844. Das Wetter hat sich im Laufe des Vormittags eher verbessert, zur Zeit ist die ganze Ringelkette völlig klar. Unsere Arbeit besteht jetzt nur noch darin, wieder zu Thale zu steigen, und wir können uns also getrost eine Stunde hier aufhalten. Der Leser würde aber eine zu gute Meinung von uns bekommen, wenn er dächte, wir hätten während der ganzen Zeit nur die Aussicht gemustert. Im Proviantsack brauchen wir zwar keine großen Nachforschungen mehr anzustellen; wohl befindet sich noch ziemlich viel Flüssigkeit in der Flasche, aber als Wein dürften wir sie einer löblichen Gesundheitsbehörde gegenüber wohl kaum ausgeben. Wir haben in den verflossenen Tagen die Weinflasche immer wieder mit Schnee aufgefüllt und durch Zusatz von Zucker ein ganz angenehmes Getränk bereitet, mit dem wir recht gut gefahren sind. Aber man kann auf einem Gipfel auch noch etwas Anderes thun. Die Temperatur ist so angenehm, daß ein kurzes Schläfchen an windgeschützter Stelle gar nicht zu verachten ist. Beim Rückwege gehen wir nicht bis zu dem oben erwähnten Punkt zurück, wo der Grat umbiegt, sondern steigen vorher in die Tiefe und gewinnen erst kurz vor Punkt 2505 den Grat wieder. Ueber den Heidelspitz weg, wo wir den Besuchzeddel der Section Alvier vorfinden, erreichen wir noch vor 3 Uhr den Heidelpaß, das Ende unserer gestrigen Gratwanderung. Die Ringelspitze macht von hier, wie auch vom Hangsackgrat, aus einen ganz sonderbaren Eindruck; der oberste Thurm, der mitten im Gletscherchen steht, hängt etwas nach links über, gerade wie wenn ein Riese den leicht gekrümmten Zeigfinger emporstreckte. Ein einzelner Wanderer steigt langsam vom Valtüsch herauf, doch ehe er noch zu uns gekommen ist, treten wir den Heimweg an, hinunter zur Malanseralp und weiter über den Stockboden ( auf der Karte fehlt, wahrscheinlich da, wo W. Gröbli.

die Zahl 1801 steht, die Hütte des mittleren Staffeis der Eggalp ) nach St. Martin, wo wir um halb 5 Uhr eintreffen und uns längere Zeit aufhalten, einmal um den Marsch thalauswärts etwas mehr in die Abendkühle zu verlegen und dann weil sich wieder einmal Gelegenheit zu einem Kaffee bietet. Um 7 Uhr findet unsere Reise in Vättis ihren Abschluß.

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