Neue Wege im Winteralpinismus - Das Eisklettern

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Robert Bösch, Wallisellen

Der Weg des fallenden Tropfens ist die neueste Herausforderung im Winteralpinismus - und zugleich sein jüngster Zweig. Die senkrechten Eiskaskaden gefrorener Wasserfälle sind zum Tummelplatz verwegener Extremkletterer geworden. Immer mehr ( Ange-fressene ) verbringen ihre Freizeit in den kalten, bläulich schimmernden Wänden.

Am Ende der Seillänge wird 's am heikelsten. Wenn die Arme übersäuert sind und das Zittern der Waden kaum mehr unterdrückt werden kann. Nur jetzt keinen Fehler machen! Tief durchatmen, bewusst locker stehen, nicht verkrampfen. So kräftig als möglich, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, schlägt Patrick die messerscharfe Haue ins Eis. Wieder splittert ein Eisbrocken ab und saust in die Tiefe.Vor-bei an Ernst, der vierzig Meter tiefer an zwei Eisschrauben in der senkrechten Eiswand hängt. Beim nächsten Schlag frisst sich das Beil endlich zuverlässig ins Eis. Vorsichtig hängt sich Patrick daran, setzt zwei Eisschrauben und bindet sich daran fest. Endlich können sich die erschöpften Arme erholen.

Die zwei Kletterer befinden sich nicht etwa in einer wilden Nordwand, sondern in einem Waldtobel, nur wenige Meter von der Strasse entfernt. Ein senkrechter, gut zweihundert Meter hoher gefrorener Wasserfall ist ihr Sonntagsproblem. Das Ziel? Die Kante der senkrechten Tobelwand. Kein Gipfel, nur steiler Wald. Was zählt, sind die Schwierigkeiten, die Route. Nichts Neues im Extremalpinismus. Der Gipfel war immer schon Nebensache, nur scheinbares Ziel. Selbst die ersten Alpenpioniere suchten das Abenteuer und nicht die Gipfelgemütlichkeit. Als sich Christian Klucker 1890 mit seinem Gast Neruda in die Roseg-Nordwand wagte, ging es ihm bestimmt nicht um das Gipfelerlebnis. Dies wäre auf einfacherem Weg bequemer zu haben gewesen. Die Nordwand war sein Problem, sein Ziel.

Modernstes Eiswerk-zeug ermöglichte -neben der Technik und der ( neuen Einstellung ) -die Leistungssteigerung im Steileisklettern Für die Besten ist die Herausforderung nicht der Weg zum Gipfel, sondern zur Grenze des Möglichen. Doch diese Grenze ist veränderlich, ist abhängig von Technik und Ausrüstung und - vermutlich am wichtigsten - vom Zeitgeist, d.h. von der Einschätzung des Machbaren, bzw. des ( Unmöglichen ). Es sind nicht nur die Mutigsten und Stärksten, sondern vor allem die Kreativsten, die im scheinbar Unmöglichen eine Herausforderung erkennen und nach Wegen suchen, die Leistungsgrenzen weiterzutreiben. Kaum etwas zeigt im Alpinismus so wenig Beständigkeit wie das ( Unmöglich ).

Parallel zur ( geistigen Entwicklung ) machte die Verbesserung der Ausrüstung ebenfalls Fortschritte. Ein Markstein in der Geschichte des Eiskletterns war die Erfindung des Steigeisens. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte der Engländer Oskar Eckenstein ein zehnzacki-ges Steigeisen her. Ihn als Erfinder des Steigeisens zu bezeichnen, wäre trotzdem nicht ganz zutreffend. Mittelalterliche Schafhirten verwendeten schon mit Nägeln gespickte Hufeisen, wie eine Schilderung aus dem 16. Jahr- Eisfall im Weisstannental. Das Ziel ist nicht ein Gipfel, sondern die Kante, wo der Eisfall am Waldrand ansetzt hundert belegt: ( Um der Schlüpfrigkeit des Eises zu begegnen, befestigten sie an ihren Fussen Schuhe, die Hufeisen gleichen und aus denen Nägel herausschauen, so dass sie sicher stehen können. ) Bis allerdings Geräte entwickelt wurden, mit denen man der Schlüpfrigkeit gefrorener Wasserfälle begegnen konnte, vergingen noch viele Jahre und wurden viele hitzige Diskussionen geführt. Klucker, dem mit den Erstbegehungen von Roseg- und Lyskamm-Nordwand zwei Eistouren gelangen, die auch heute noch anspruchsvolle Unternehmen sind, hielt nichts von Steigeisen: ( Die Behauptung, dass Steigeisen an dieser Stelle ( Roseg-Nordwand ) uns viel Arbeit und Zeit erspart hätten, finde ich eine sonderbare, denn bei derartigen Neigungen auf glattpoliertem Hang wird wohl auch der geübteste und routinierte Steigeisenvirtuose zum Eispickel greifen müssen ), meinte er nach der Besteigung. Auch Spitzenalpinisten können sich irren. Die Praxis gab den Steigeisen-gehern recht. Den neuen Bedürfnissen wurde auch der Pickel angepasst: kürzer und leichter waren die neuen Modelle. Dank der verbesserten Ausrüstung und dem Mut und Lei-stungswillen der Alpinisten begann nach der Jahrhundertwende die vermutlich erfolgreichste Periode des Eiskletterns. Hunderte von äusserst anspruchsvollen Eistouren wurden im ersten Drittel dieses Jahrhunderts erstbegangen. Mit der Besteigung der Matterhorn-Nord-wand, des Walkerpfeilers an den Grandes Jorasses und schliesslich der Eiger-Nordwand erreichte die Nordwand-Ära in den dreissiger Jahren ihren Höhepunkt. Für die Härte und den Einsatzwillen der damaligen Nordwand-spezialisten ist Willo Weizenbach ein typisches Beispiel: Zusammen mit Alfred Drexel und Erich Schulze durchstieg er innerhalb von acht Tagen und mit mehreren Biwaks die Nordwände von Gspaltenhorn, Gletscherhorn und Lauterbrunnen-Breithorn - bei ununterbrochen schlechtem Wetter.

Die Materialentwicklung machte weiter Fortschritte: Eishaken wurden konstruiert und die zehnzackigen Steigeisen um zwei Frontzacken erweitert. Wiederum Stoff für ausgiebige Diskussionen. Während die Deutschen und Österreicher diese neuen Eisen mit Begeisterung aufnahmen, blieben die Franzosen vorerst bei ihrer ursprünglich angewandten Steigeisentechnik des aufrechten Gehens.

Bis zu den heute verwendeten hochspezialisierten Eisgeräten war es allerdings noch ein weiter Weg. Yvon Chouinard begann in den sechziger Jahren, konsequent Pickel, Eisbeile und Steigeisen für den Einsatz im steilen Eis zu testen und weiterzuentwickeln. Wer einem Kletterer beim zeitlupenartigen Tanz im senkrechten Eisfall zuschaut, versteht, dass hierzu perfektes Material notwendig ist. Denn Halt geben nur die Spitzen der Steigeisen und die leff Lowe an einer f rei-tehenden Eissäule ( in 1er Nähe von Kander-teg,BO ) messerscharfen, stark gekrümmten Pickel-hauen. Daneben entscheiden Technik und Kraft über Erfolg oder Sturz. Und die Nerven! Die werden nämlich ganz ordentlich strapaziert bei diesem Vergnügen. Ein Sturz mit den steigeisenbewehrten Skischuhen, den Eisbeilen an den Handgelenken und den scharfen Eisschrauben am Klettergurt ist immer äusserst gefährlich. Trotzdem sehen sich die Eiskletterer nicht als Kamikaze-Typen: , meint Patrick Hilber, Bergführer und engagierter Eiskletterer.

Rascher als die Bergsteiger der Alpenländer freundeten sich die Amerikaner mit der neuen Sportart an. Eine kleine Gruppe von Yosemite-Kletterer begann sich in den sechziger Jahren für das Eis zu interessieren. Gezielt verbesserten sie die Eisgeräte und perfektionierten die Technik. Yvon Chouinard und Doug Robinson durchstreiften die kalifornische Sierra Nevada, wo sie unzählige Erstbegehungen schönster Wassereisgullies auf ihr Konto verbuchen konnten. Bald wurden auch in Montana, Utah, Colorado und den Oststaaten Wasserfälle entdeckt, die den ganzen Winter über zufroren. 1971 erklomm Greg Lowe den Mahlen's Peak Waterfall und setzte damit einen Markstein im Eisklettern. Die Schlüsselstelle bestand aus einer zwanzig Meter hohen senkrechten Wand, die von einer fünf Meter langen überhängenden Passage abgeschlossen wurde.

Drei Jahre später, nach der Besteigung des Bridalveil Fall, eine der schönsten Wasserfall-klettereien, schrieb Jeff Lowe:

Feedback