Nordostgrat des Nordends

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( Eine ErstbesteigungVon Armin Vogt

Mit 1 Bild ( 77Zürich ) Die schweren Wolken und leichten Regenschauer am Abend des 10. August 1944 liessen uns nicht ahnen, welch grossartiger Tag uns bevorstand. Trotzdem machten wir unsere Ausrüstung für den folgenden Tag zurecht und legten uns auf den Pritschen der Betempshütte bald zur Ruhe.

Um 03.00 Uhr ist Tagwache. Ein Blick hinaus zeigt uns einen sternenklaren Himmel. Nach kräftigem Frühstück verlassen wir um 03.30 Uhr die Hütte: die erprobten Zermatter Bergführer Walter Perren und Edmund Petrig und ich. Über Gletscher und Moränen erreichen wir ca. um 06.30 Uhr unsern Ausgangspunkt, Pt. 3362, Fuss des Nordostgrates. Direkt unter dem Grat scheint eine Schneebrücke über den Bergschrund den Übergang in den Fels zu ermöglichen. Vorsichtig, vor jedem Tritt die Tragfähigkeit mit dem Pickel erprobend, steigt Walter Perren als erster zur Felswand, ich selbst am Schlusse der Dreierpartie. Ein kurzer Halt, um die Lasten besser zu verteilen. Um dem Vordersten möglichst freies Klettern zu gestatten, nimmt Edmund Petrig seinem Kameraden die schweren Ausrüstungsgegenstände, wie Pickel, Steigeisen und Reserveseil, ab. Ca. um 07.30 Uhr können wir den Aufstieg beginnen. Trotz Regen und Schnee der Vortage ist der Fels dank der Steilheit ziemlich trocken, besonders im ersten Drittel, welcher bereits verschiedene Kletterkünste erfordert. Perren, als bewährter Kletterer, meistert jedoch diese Aufgaben, wie mir scheint, mit solcher Leichtigkeit, dass mir, wenn auch mit etlicher Mühe, gar nichts anderes übrigbleibt, als nachzukommen.

Immer steiler geht 's hinauf, und wir verlieren die Sichtverbindung, vernehmen das Einschlagen eines Hakens und das Einklinken eines Karabiners. Zentimeterweise läuft das Seil aus und zeigt, dass es nur langsam vorwärtsgeht. Dann haben wir wieder die so gerne empfundene Sicht von Mann zu Mann und folgen immer dem Grat. Eine steile, buchstäblich grifflose Platte schaltet eine Pause ein. Der erste Führer sieht sich trotz allen Kletter- künsten gezwungen, einen zweiten Haken als Sicherung in den Fels zu treiben. Etwas höher gelangen wir auf einen « geräumigeren » Felsvorsprung, der uns eine kurze, wohlverdiente Znünirast gewährt. Das Wetter ist uns ausserordentlich günstig: über uns wolkenloser, tiefblauer Himmel, vom Süden her fegen dichte Nebelfet2;en in unheimlichem Tempo über den Grenzgrat, aber auf unserer Seite zerfliessen sie ebenso rasch ins Nichts. Noch einen Schluck Tee, und schon kleben wir wieder im Fels. Zug um Zug steigen wir! Da: der Grat scheint unbezwingbar! Wir sehen uns vor der Wahl: links, d.h. gegen die Ostwand, in ein mässig steiles, aber mit viel Geröll erfülltes Couloir zu steigen, oder rechts gegen die Nordwand schwierigen, großstufigen, aber doch guten Fels zu wählen. Wir entscheiden uns für die letztgenannte Route. Der Übergang ist jedoch nicht leicht. Wir steigen noch einige Schritte höher und schwingen uns dann schräg abwärts auf ein schmales Felsband, dem folgend wir die Nordwandroute erreichen.

Obwohl zeitweise fast senkrecht, kommen wir hier nun verhältnismässig rasch vorwärts; der Fels ist schön griffig.

Aber auf der Nordseite des Grates mehren sich die eis-und schneebedeckten Stellen. Der Pulverschnee, der auf dem Glatteis liegt, ist äusserst glitschig und stoppt unser Tempo immer wieder ab. Der oberste Felsblock fällt auf dieser Seite überhängend ab und ist kaum bezwingbar. Wir müssen einen Quergang auf die Ostseite des Grates suchen. Auf der oberen Eiskante eines der Eisbänder schieben wir uns vorsichtig gegen den Grat. Bäuchlings, den linken Fuss so weit als möglich auf der andern Seite nach unten gestreckt, um wenigstens einen sicheren Halt zu haben, rutschen wir über die schnittige Gratkante auf die Ostseite. Leicht links haltend bezwingen wir bei losem, fast überhängendem Fels den letzten Teil des Nordostgrates. Diesem « Übergang » folgt ein auf beiden Seiten jäh abfallender Eisgrat, aber die Hauptarbeit ist getan, und wir gönnen uns eine kurze Rast mit kräftigem Imbiss. Mit angeschnallten Steigeisen, Stufe um Stufe in das unter 15 cm Neuschnee verdeckte Harteis schlagend, nähern wir uns langsam, aber sicher dem Firnfeld des Nordends. Auf der Nordseite, im Sonnenschatten, ist der Schnee pulverig, auf der sonnenbeschienenen Südseite dagegen nass und glitschig. Zirka um 14.30 Uhr liegt auch dieses letzte Stück hinter uns, und wir betreten das grosse, von der Sonne heute überaus warm beschienene Firnfeld.

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