Notizen eines Alpinisten-Veteranen

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Ferdinand Böhny, Zürich

ALPINIST- WUNSCH UND HOFFNUNG Wanderungen und Bergfahrten unternahm ich schon als Jüngling und junger Mann, zunächst ausschliesslich in die Glarner- und Wägitaler-berge, die mich in ihren Bann zogen; von Zürich aus waren sie ja ohne grosse Reisekosten erreichbar. Doch der Wunsch, Alpinist zu werden, blieb lange mehr Wunsch. Erst als ich es mir mit den Jahren erlauben konnte, eine vollständige alpine Ausrüstung anzuschaffen und längere Bahnfahr-ten zu unternehmen, fühlte ich mich glücklich.

Schon in den ersten Jahren meiner Zugehörigkeit zum SAC fasste ich den Entschluss, ihm treu zu bleiben, und zwar auch dann, wenn bei mir einmal Schmalhans Küchenmeister sein sollte. Der SAC hat mir mit seinen Hütten, seiner Zeitschrift « Die Alpen » und den Sektionstouren den Weg zur beglückenden Bergwelt erleichtert. Auf keiner Photo zeige ich ein dermassen gelöstes und glückliches Gesicht wie auf den « Schnappschüs- sen », welche in den Bergen entstanden sind. Wie bei der Arbeit die Leistung, so kam auf den Hochtouren neben dem Beglückenden der Kampf gegen Hunger und Durst, gegen Müdigkeit und widerwärtiges Wetter einem Bedürfnis meines Wesens entgegen.

SO HAT ES BEGONNEN Im Sommer 1912 beschlossen wir drei Siebzehnjährige, den Grossen Mythen zu besteigen. An einem Samstagabend fuhren wir bis Wädenswil, dann ging es zu Fuss über Schindellegi nach Einsiedeln. Auf dem Weg nach Biberbrugg sahen wir die dunkeln Silhouetten der beiden Mythen. Obwohl ich wusste, dass schon Tausende vor uns den Grossen Mythen bestiegen hatten, ängstigte mich dennoch die Steilheit des Berges. « Werden wir es schaffen? » fragte ich mich damals ängstlich. Nach Einsiedeln ging es dem Grossen Mythen zu. Der Morgen graute, als wir gegen die Holzegg hinaufstiegen. Auf dem ersehnten Gipfel angelangt, gelüstete es uns nach Kaffee, der, gemessen an unserm sehr bescheidenen Sackgeld, teuer war.

Auf dem gleichen Weg, den wir gekommen waren, ging es wieder zurück. Nach Einsiedeln schmerzten uns die Füsse dermassen, dass bald barfuss, bald in den Schuhen marschiert wurde. Kurz vor Wädenswil nahmen wir uns vor, so stramm wie möglich zu marschieren, sollte doch niemand merken, dass wir sehr müde waren. Das hielt allerdings nur so lange an, bis Spaziergänger, mit einem Blick auf uns, meinten: « Mo moli, die sind meini schön müed ». Todmüde liessenwir uns auf die Bänke des Bahnhofes fallen und hatten die grösste Mühe einzusteigen.

AHNUNG ODER NICHT?

Während der Krise der dreissiger Jahre vereinbarte ich mit einem meiner Bergkameraden, einem ehemaligen Berner Oberländer, eine mehrtägige Tour in den Berner Alpen. Er war dann aber daran verhindert und vermittelte mir den ihm gut bekannten Führer Robert Bischoff aus Wengen. Ich traf mit ihm auf dem Jungfraujoch zusammen. Tags darauf bestieg ich mit Bischoff den Mönch. Gleich am Anfang des Aufstieges zeigte es sich, dass wir gut zueinander passten. Auf dem Gipfel erwartete uns ein fröstelnder Westwind, der uns merklich abkühlte. Bischoff zog seine « Wentele » mit Cognac aus der Tasche und bot sie mir, im Oberländerdialekt, mit den Worten an: « Nimm, Cognäcchen sind die wärmsten Jäckchen. » Am Nachmittag marschierten wir zur Konkordiahütte hinunter und wechselten am nächsten Tag zur Finsteraarhornhütte hinüber.

Der folgende Morgen war grau in grau, und der Westwind liess nichts Gutes ahnen. Dennoch entschlossen wir uns zu zweit für das Finsteraarhorn. Schon beim sogenannten Frühstücksplatz überholten wir die vorangegangenen Partien, auch wenn wir es keineswegs auf ein Wettrennen abgesehen hatten. Mir schien, unser Tempo sei ganz normal. Vom Hugisattel an wehte der Wind mit orkanartiger Stärke. Die wenigen ausgesprochenen Kletterstellen überwanden wir leicht. Keine Worte der Verständigung waren notwendig -der Sturm hätte sie übrigens weggeblasen. Auf dem Gipfel angekommen, bemerkten wir, dass unsere Kleider mit einer dünnen Eisschicht überzogen waren. In aller Eile und mit steifen Fingern trugen wir uns in das Gipfelbuch ein. Der Aufenthalt dauerte nur wenige Minuten, dann ging es auf der üblichen Route abwärts. Wir kletterten an einer Partie vorbei, welche im Aufstieg war. Ein Teilnehmer, an dem ich mich vorbei-schlich, rief mir etwas zu, das ich bei dem Sturm nicht verstehen konnte. Schliesslich brüllte er mir ins Ohr: « Ich bewundere Sie ».

Drunten fragte meine Frau den Hüttenwart, wie weit wir wohl seien. Er meinte, wenn wir den Gipfel bei diesem Wetter wirklich erreicht haben sollten, dann würden wir jetzt oben sein. Eine Viertelstunde später trafen wir bei der Hütte ein und durften mit Stolz feststellen, dass wir die ein- zige Partie waren, die an diesem Tag das Finsteraarhorn gemeistert hatte. Noch einmal: Es war kein absichtliches Wettrennen, das wir veranstaltet hatten. Wir befanden uns einfach in einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung und waren in jeder Beziehung gut aufeinander abgestimmt. Wohl deshalb machte mir Bischoff am Abend des gleichen Tages in der Konkordiahütte den Vorschlag, nächstes Jahr die Jungfrau über den Ostgrat, dann das Aletsch- und das Bietschhorn zu besteigen. Diesem Vorschlag stimmte ich freudig zu.

Auch der nächste Tag war grau in grau. Es sah sogar bedenklicher aus als am Morgen des vorigen Tages. Wir überlegten darum lange, ob wir einen Tag in der Konkordiahütte bleiben und besseres Wetter abwarten wollten. Schliesslich entschlossen wir uns zum Marsch über die Lötschenlücke nach der Fafleralp. Ach, was war das doch für ein beschwerliches Gehen in dem aufgeweichten Firn! Kurze Zeit befanden wir uns im Nebel und konnten die Lötschenlücke nicht erspähen. Wir hatten sie noch nicht erreicht, da setzte ein starker Regen ein, Regen, Regen, nichts als Regen. Durchnässt bis auf die Haut, kamen wir schliesslich auf der Fafleralp an.

Anderntags verabschiedete sich Bischoff von uns. Ich sagte noch zu ihm: « Also abgemacht, nächstes Jahr über den Ostgrat auf die Jungfrau, dann auf das Aletsch- und das Bietschhorn. » Und Bischoff: « Ja, so Gott will. » Diese Worte klangen gar nicht wie eine der üblichen Redewendungen, sondern eigenartig wehmütig. Das hat mich in den folgenden Tagen immer wieder beschäftigt.

« War das der Ausdruck einer Todesahnung? », so habe ich mich später gefragt. Denn zehn Tage nach unserm Abschied stürzte Bischoff zusammen mit einem zweiten Führer und einem jungen Touristen am Grosshorn zu Tode. Wir nahmen an seiner Beerdigung teil, und manche Jahre später standen wir in dankbarer und ehrender Erinnerung an seinem gepflegten Grab im Friedhof zu Lauterbrunnen.

DIE DENT-BLANCHE, EIN WIRKLICHKEIT GEWORDENER TRAUM Das Matterhorn gelüstete mich wegen seines Massenbetriebes nie.Von jenen Walliser Alpen, die ich noch nicht kannte, lockte mich aber die Dent-Blanche mächtig. Drei Jahre vordem Zweiten Weltkrieg reisten wir in die Ferien und waren in einem kleinen Hotel in La Sage untergebracht.

Die Dent-Blanche liess mich immer noch nicht in Ruhe, obschon ich wusste, dass der Betrag für die Führertaxe, das Trinkgeld und die übrigen Auslagen für den Führer sehr hoch sein würden. Wenn ich auch nicht mehr « arm am Beutel » war, so konnte ich das Geld doch nicht beliebig ausgeben. Mit einem Führer vereinbarte ich, dass ich in den nächsten Tagen zu seinem Standort in Arolla kommen werde, um eine Tour zu unternehmen.

An einem schönen Nachmittag, der für die nächste Zeit gutes Wetter versprach, marschierte ich in einem forschen Tempo nach Arolla. Ich hatte im Sinn, noch am gleichen Abend mit dem Führer die Bertolhütte zu erreichen, um von dort aus Les Bouquetins zu erklettern, für welche die Führertaxe bedeutend niedriger war.

Als ich in Arolla ankam, erklärte er mir, er sei für den morgigen Tag nicht frei, empfehle mir aber seinen Cousin Pierre Gaspoz. Damit war ich einverstanden. Ich erläuterte Gaspoz, einem grossen Mann, meinen Plan. Er musterte mich von Kopf bis Fuss und empfahl mir schliesslich, im Hotel zu übernachten. « Wir könnten anderntags eine interessante Klettertour unternehmen », meinte er; ich lehnte ab und beharrte auf meinem Vorschlag. Jedem seiner Einwände, es sei schon spät am Nachmittag, der Aufstieg zur Hütte daure fünf Stunden und die Hütte werde überfüllt sein, entgegnete ich mit dem stereotypen: « Ça ne fait rien, monsieur. » Ob dieser Beharrlichkeit huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er holte Rucksack, Pickel und Seil.

Den Moränenhang hinauf stieg er ziemlich rasch, rascher, als das üblich ist, doch konnte ich ihm gut folgen. Auf dem Kamm der Moräne angelangt, meinte er: « Monsieur, vous marchez bien. » Jetzt wusste ich, dass er mich mit dem raschen Besteigen der Moräne hatte prüfen wollen. Dann erkundigte er sich nach meinen früheren Touren und ob mit oder ohne Führer. Ich wusste nicht, ob das einfach eine Unterhaltung sei oder ob er mich erneut prüfen wollte, und berichtete ihm von meinen führerlosen Touren.

Schliesslich rückte er heraus. Es sei leicht föhnig, darum stünde uns eine schöne Sternennacht bevor. Ob ich nicht Lust hätte, die Dent-Blanche zu besteigen. Ich konnte ihm gar nicht sagen, wie stark mich das gelüstete und mich allein die hohen Auslagen davon abhielten. Als einzige Begründung meiner Absage verwies ich auf die Abmachung, dass ich anderntags in Arolla abgeholt würde. Es werde sich schon ein Weg finden lassen, meinte er und liess nicht locker, immer wieder von der prächtigen Sternennacht, von der Wanderung über den Ferpèclegletscher und der interessanten Besteigung der Dent-Blanche zu schwärmen.

Als ich eine Führerpartie herunterkommen sah und an meinen baldigen Geburtstag dachte, entschloss ich mich doch für die Dent-Blanche. Wie die Partie bei uns war, sprach ich den Führer an, gab ihm fünf Franken und bat ihn, nach La Sage zu telephonieren, man möge mich anderntags auf Bricolla abholen.

Unterwegs machten wir einen kurzen Halt. Gaspoz reichte mir seine Feldflasche, und wir sassen nebeneinander, als ob wir altvertraute Bergkameraden wären.

Alle Schlafplätze in der Hütte waren, wie vorausgesagt, belegt. Während der Hüttenwart unsere Mahlzeit zubereitete, stand ich draussen. Vom Schlafraum her hörte ich ein ergreifend schönes Lied einiger Bergsteiger, und die vielen Berge waren vom letzten Abendlicht überflutet. Vor Ergriffenheit und Rührung wurden meine Augen feucht.

Schon kurz nach Mitternacht standen wir auf, tranken den vom Hüttenwart in einer Thermos- fiasche warm gehaltenen Tee und kletterten dann den fixen Seilen entlang auf den Ferpèclegletscher hinunter. Der ganze Himmel war mit glitzernden Sternen übersät, die so hell leuchteten, dass man auch ohne Mondschein hätte glauben können, es tage bereits. Weit und breit war kein Mensch zu sehen noch irgend ein Ton zu vernehmen. Nur weit unten im Rhonetal leuchteten schwach zwei oder drei Lichter. Die Nacht war zauberhaft schön. Ohne Worte wanderten wir der Dent-Blanche-Hütte zu. Dabei kam mir in den Sinn, wie die Mutter während der Adventszeit uns Kindern jeweils die Weihnachtsgeschichte erzählt hatte und ich dann umsonst am nächtlichen Himmel den grossen, strahlenden Stern von Bethlehem suchte, von dem ich mir in meiner jugendlichen Phantasie eine eigene Vorstellung machte. Auf dieser nächtlichen Gletscherwanderung sah ich den Morgenstern, der gross und kräftig strahlend am Himmel stand, so gross und schön, wie ich ihn vordem noch nie gesehen hatte. Das war für mich nun der früher als Kind umsonst gesuchte Stern von Bethlehem.

Drei Engländer mit je einem Führer seilten sich an, als wir bei der Dent-Blanche-Hütte eintrafen, und marschierten ab. Wir assen und tranken noch etwas und machten uns dann für den Aufstieg bereit. Bei der Wandfluhlücke überholten wir die Engländer. Jetzt konnte die Gratkletterei beginnen.

Aufgrund des Studiums alpiner Literatur hatte ich mir diese Route schwieriger vorgestellt, als ich sie nun empfand. Eine einzige Stelle dünkte mich sowohl im Auf- als auch im Abstieg ordentlich heikel.

Wieder erlebte ich ein erhebendes Gipfelglück. Doch Alpinisten aus Leidenschaft, die erlebnisfk-hig sind für das Grosse und Kleine, ja das Kleinste, das uns die Natur bietet, sind — was die Berge betrifft — unersättlich. Kaum geniessen sie das Gipfelglück und den prächtigen Ausblick, wünschen sie sich, noch manch andern Gipfel zu besteigen, der sich ihren Augen zeigt. Gaspoz war zufrieden, weil ich auf dem Aufstieg zur Bertol- 4-5 hütte beharrt hatte, und ich froh, dass ich mich von ihm hatte verlocken lassen. Nach einer Stunde erschienen die Engländer mit ihren Führern, und wir verliessen den Gipfel.

Nach der Überwindung der heiklen Stelle, lobte Gaspoz die Art, wie ich ihn sicherte. Auf dem unschwierigen Grat zur Hütte hinunter liess ich mich angeseilt, spürte ich doch die Nachwirkung der vollbrachten Leistung - ich torkelte leicht.

Auf dem ersten grünen Flecken, den wir beim Abstieg ins Tal antrafen, schalteten wir ein kurzes Mittagsschläfchen ein und wanderten anschliessend gemächlichen Schrittes, zufrieden und glücklich, Bricolla zu.

AM TOD VORBEI Am Ende einer Sektionstour waren wir zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in der Strahlegghütte. Wir bildeten zwei Gruppen, deren eine dem Pfaffenstöckli zustrebte, die andere, zu welcher ich gehörte, das Schreckhorn besteigen wollte. Wie in den vergangenen Tagen, so spielten auch diesmal ein Kamerad und ich das Schlusslicht.

Im Aufstieg standen wir vor einer hohen, sehr steilen Eiswand. Vor der Wand verlief ein schmaler Gletscherspalt, der von einer aus Firn, Eis und Geröll gebildeten kleinen Brücke verdeckt war; dieser traute ich nicht. Mit einem langen Schritt drückte ich das rechte Steigeisen kräftig in das Eis. Mit dem Pickel sichernd und einer bedächtigen Gewichtsverlagerung pirschte ich mich an die Eiswand heran.

Ich war noch nicht ganz dort oben, wo ich den nachfolgenden Kameraden hätte sichern können, als ich am Rücken ein Seilgerangel spürte. Dann kam ein schwacher Ruck, dem ich dank der Pickelsicherung standhalten konnte. Kurz nachher folgte ein zweiter, starker Ruck, und ich fiel rücklings aus der Wand heraus.

Meine Verfassung und mein Verhalten waren angesichts der Todesahnung sonderbar. Kein Angstschrei, dafür eine Art ruhigen Annehmens dessen, was mir beschieden schien. In Blitzeseile dachte ich nur « Jetzt bist du an der Reihe », und « Wir werden in den nächsten, offenen Gletscherspalt hinein sausen ». Dann spürte ich im ganzen Körper einen dumpfen, nicht schmerzenden Schlag und wurde bewusstlos. Das alles vollzog sich während ein oder zwei Sekunden.

Wenn auch manche Umstände dafür sprachen, bleibt es für mich heute doch ein Rätsel, weshalb ich damals mit Sicherheit annahm, dass wir die Todesfahrt angetreten hätten.

Wie lange die Bewusstlosigkeit dauerte, weiss ich nicht. Als ich erwachte, lag ich auf dem Rücken. Dem Gefühl, welches ich beim Erwachen hatte, kann ich nicht einmal andeutungsweise mit Worten Ausdruck geben. Die fragenden Worte: « Ist das ganze Erlebnis nur ein Traum? », entsprechen noch am ehesten meinen damaligen Gedanken. Mein Wachsein kam mir wie ein grosses Wunder vor.

Ich spürte keine Schmerzen, befürchtete aber dennoch, ich könnte die Wirbelsäule gebrochen haben. Darum bewegte ich zuerst Finger um Finger, dann beide Arme und zuletzt die Beine. Immer noch keine Schmerzen, weshalb ich mich getraute, behutsam aufzusitzen, dann aufzustehen.

Welch ein Wunder - wieder keine Spur von Schmerzen. Einzig von der Nase tropfte etwas Blut; denn ihr ganzer Rücken war arg verschärft. Dass wir nicht bis zum offenen Gletscherspalt hinunter gestürzt waren, hatten wir dem Umstand zu verdanken, dass mein Seilgefährte links und ich rechts an einem grossen Eisdorn vorbei hinunterrutschten. Dieser Eisdorn und das Seil waren unsere Retter, denn das Seil hatte sich im Eisdorn verfangen und unsern Fall gestoppt.

Ich suchte meine Siebensachen zusammen. Hier die verbogene Brille, da der Pickel und dort ein Steigeisen. Das linke Steigeisen baumelte locker am Schuh. Wieso sich die gut angepassten und mit kräftigem Gurtenzug befestigten Steigeisen lösen konnten, ist mir heute noch unerklärlich, hafteten sie doch beim Besteigen der Eiswand ausgezeichnet.

Beim Suchen meiner Ausrüstungsgegenstände hörte ich das Jammern meines Kameraden: « Mein Bein, mein Bein !» Scheinbar aller meiner Sinne mächtig, konnte ich ihn trösten und versuchte, ihn möglichst günstig zu legen. Vorsichtig zog ich seine Schuhe aus, umwickelte seine Füsse mit Wollsachen, und ebenso vorsichtig stülpte ich seinen Rucksack über seine Füsse und Unterschenkel. Bei dieser Gelegenheit habe ich vernommen, dass ihm die trügerische Brücke zum Verhängnis geworden war.

Inzwischen kamen die Kameraden, die den Unfall von oben entdeckt hatten, zu uns zurück. Erst jetzt, da ich uns geborgen fühlte, überfiel mich ein Schock. Meine vordem gelassene Ruhe und Sicherheit brachen zusammen. Die Zähne klapperten vernehmlich, und nur mit grosser Mühe konnte ich das Schluchzen verhindern. Ein Kamerad fragte mich nach der Ursache meines blutdurchtränkten, rechten Strumpfes. Von diesem Augenblick an spürte ich das Brennen einer Wunde. Beim Fall war die rechte Wade von einem Steigeisen verletzt worden, sie hatte ein ziemlich grosses Loch abbekommen. Das Blut sickerte bis zum Fuss hinunter.

Zwei Kameraden begleiteten mich zur Strahlegghütte, wo wir den Hüttenwart informierten. Ich pflegte meine Wunde, die vorher schon von einem Apotheker-Kameraden am Unfallort mit Jod behandelt worden war. Die andern versuchten, mit Pickeln und einem Seil notdürftig eine Trage zu erstellen. Der Hüttenwart eilte mit einem Hornschlitten zum Verunfallten hinauf, von wo er das Gefährt mit dem Verletzten mit einer geradezu virtuosen Art in einem beängstigenden Tempo zur Hütte hinunter steuerte.

Jene Kameraden, welche zum Pfaffenstöckli aufsteigen wollten, hatten bei ihren Blicken nach dem Schreckhorn entdeckt, dass etwas nicht in Ordnung sein musste, weshalb sie zurückkehrten. Einer von ihnen eilte nach Grindelwald hinunter, um die Rettungsmannschaft zu alarmieren, denn ein Hüttentelephon gab es damals noch nicht. Die Rettungskolonne erschien in einer unglaublich kurzen Zeit und transportierte den Verletzten in die Militärsanitätsanstalt Grindelwald, wo die Ärzte einen Oberschenkelbruch feststellten. Tags darauf besuchten wir den Kameraden.

CIMA DAL LARGH Zwischen dem Unfall am Schreckhorn und der Besteigung der Cima dal Largh lagen zwei längere Aktivdienstzeiten. Diese Tour war für mich eine Art Test, ob der erlittene Schock wirklich ganz abgeklungen war.

Kommt man von der Fornohütte her, dann kann man den Gipfel erst erblicken, wenn man im Bacunsattel steht. Der plötzliche Anblick der Cima dal Largh kann atemberaubend wirken.

Verzichtet man auf den Bacunsattel mit seinem imposanten Blick auf die Cima, dann umgeht man vorher rechts die Felspartie, welche den Gipfelaufbau mit dem Bacunsattel verbindet. Ein langer, breiter Spalt führt zu einem grossen Felsblock; er ist leicht zu ersteigen. Mit seiner breiten, ebenen Oberfläche erinnert er an einen Balkon. Irgendwo habe ich früher einmal gelesen, dass man die nächste Stufe durch Schulterstand überwinden kann. Das hatten wir deshalb nicht nötig, weil mein Begleiter gross genug war, um den nächsten Griff zu fassen. Dann klemmte ich den linken Ellbogen in einen Riss. So konnte ich mich etwas hinaufschieben und dank der Seilhilfe von oben den Griff packen. Durch eine Scharte etwas links im Gipfelgrat gelangt man auf die Südseite. Der schmale Riss einer Platte, der den Füssen wenig Platz bietet, weist den Weg zum Gipfel. Beim Tiefblick über die fast senkrechten Wände konnte ich mich davon überzeugen, dass der Schock vom vergangenen Unfall verschwunden war.

Vom Gipfel sieht man ins Bergell und den Kranz der Berge, der das Fornogebiet umschliesst — die Disgrazia und viele weitere Höhen locken.

UNGESTILLTE SEHNSUCHT Schaue ich zurück auf mein reiches Bergsteigerleben, dann denke ich auch an meine beiden Söhne. Mit ihnen habe ich während ihren Jünglingsjahren manche Bergfahrten, darunter solche auf Dreitausender, unternommen. Für mich waren das ganz besonders glückliche Tage.

6gjahre alt geworden, erreichte ich mit meinem jüngeren Sohn die Cristallina über den Ostgrat, und ein Jahr später verweilten wir auf dem grossen Diamantstock. Das war meine letzte Klettertour; seitdem bin ich bescheidener geworden.

Mein 80. Geburtstag liegt schon einige Jahre hinter mir, und das goldene SAC-Abzeichen schmückt meine Wanderjacke. Das Verlangen nach den Bergen ist aber immer noch ungestillt. Komme ich in die Nähe der Hochgebirgswelt, dann werde ich mächtig, fast schmerzlich von dieser Sehnsucht gepackt. Und wenn mir jüngere Leute begeistert von ihren Touren berichten, dann freue ich mich mit ihnen. Aber ein Weh beschleicht mich dennoch. In solchen Augenblicken ist das eigene Zureden ein kleiner Trost: « Sei doch nicht unzufrieden, du hast ja die Gebirgswelt in reichem Masse erleben können. Sei vielmehr dankbar. » Das Schreiben der vorangegangenen und anderer Schilderungen hat mich vieles noch einmal stark erleben lassen und mir darum trotz der un-gestillten Sehnsucht zu einer stillen Zufriedenheit verholfen.

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