Ostnadel des südwestlichen Blauberges

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Ich habe beobachten können, dass dieses Erlebnis mich den gegenüber Fremden stark zurückhaltenden Menschen der Talschaft auf einmal viel näher gebracht hat. Ein ganz besonderer Gewinn ist für mich aber auch die eigenartige Verklärung der Erlebnisse dieser fünf Tage durch das Mittel der Erinnerung. Und so ist denn, alles in allem, das Schlussergebnis dieses Abenteuers ein durchaus positives.

Ostnadel des südwestlichen Blauberges 2940 m

Von Nik Meyer

Erster Durchstieg der Südwestwand Mit 1 Bild ( 121 ) ( Luzern, Sektion Pilatus ) Im feldgrauen Gewande sitzen Hans Iten und ich am Vorabend unserer Neufahrt in Realp beisammen; mit dem Feldstecher bewehrt, durchklettern wir mit den Augen die ganze Wand der markanten, gelblichen Nadel. Wie ein Wachtturm thront sie hoch über Ursern. Nochmals in Gedanken verfolgen wir unsern Weg vor drei Tagen, als wir im Gewittersturm in der Wand stecken blieben. Noch glaube ich, den peitschenden Hagelschlag zu verspüren, wie in einem Wasserfall querten wir die ganze Wand in halber Höhe nach links und fanden den Ausweg hinauf zum Schuttjoch etwas oberhalb der Blauberglücke.

Um 4 Uhr sind wir von Realp weggegangen und befinden uns schon hoch über dem Urserntal. Langsam kommt der neue Tag, und unten im Tal liegen schwere, graue Nebelschleier. Graue Stille herrscht. Hin und wieder hört man das Gebimmel der Glocken und das Blöken der weidenden Bergschafe. Der Aufstieg zum westlichen Lypfersteingletscher macht uns trotz der Morgenkühle ordentlich warm. Aufkommender Wind bringt Bewegung in das Nebel-gewühl. Durch zerrissene Nebelschleier erblickt man abwechslungsweise das Tal oder das bleiche Blau des Morgenhimmels.

Nach dreistündigem Aufstieg erblicken wir aus dem Nebel den Aufbau der Südwestwand der Ostnadel. Die Rucksäcke werden einer Visitation unterworfen. Nicht absolut Notwendiges wird in einem Sack versorgt und derselbe deponiert. Ein Steinmannli ziert seinen Platz, damit wir denselben in der Steinwüste wieder finden. Hans mit dem Sack und ich mit dem Seil steigen den letzten Rest des Schuttfeldes hinan. Wir erreichen den Firn, der steinhart ist. Kleine Kerben erleichtern das Weiterkommen. Wo der Firn rechts aussen am weitesten ansteigt, ist unser Einstieg. Noch weiter rechts des Felsenkessels sind die Stellen steinschlaggefährlich, was das mit Steinen übersäte Firnfeld beredt anzeigt.

Die Schuhe und die beiden Pickel werden im Rucksack versorgt und die Kletterfinken werden angezogen. Das 40-m-Seil verbindet uns. Mit einigen Haken, Karabinern und dem Kletterhammer in den Taschen geht es weiter.

Um 8% Uhr befinden wir uns bereits im feuchten und klebrigen Einstiegskamin. Nach ca. 8 m verlassen wir dasselbe und treten auf eine schuttbedeckte Terrasse.Vor uns baut sich die über 400 m hohe Wand auf. Stellenweise ist sie unterbrochen von tückischen, mit feinem Schutt aufgefüllten steilen Bändern und Baikonen.

Wir klettern durch einen Wirrwarr von Rissen und Felsleisten über die untersten Wandstufen hinauf. Nach einer Seillänge zwingt uns der Fels rechts hinaus, wo sich eine Plattenkehle auftut. Nur an weit auseinanderliegenden Griffen und Tritten können wir Halt finden. Zwei Seillängen stecken wir in der Kehle. Über uns zeigt sich eine grosse gelbliche Abbruchstelle eines riesigen Plattenschiefers. Unsere Kehle geht über in eine Verschneidung, die sich links der gelben Wand entlang hinaufzieht. Kurz davor ist sie nicht mehr erkletterbar. Auf schmaler Felsleiste quere ich links hinüber. Eine dachartige Platte mit einem aufgesetzten Felswulst versperrt mir den Weg. Doch beim zweiten Versuch wird sie überwunden. Hier folgt der erste gute Sicherungs-platz.B.is dahin ist eine Sicherung gar nicht möglich oder dann nur mit Haken.

Wir stehen nebeneinander und ordnen das Seil in grosse Schlaufen. Ein kurzer Halt tut uns gut. Die Uhr zeigt 9 Uhr 30. Beinahe senkrecht fällt hier die Wand zum Gletscher ab. Das Stück vor uns legt sich leicht zurück. Kurz aufgeschlossen und gleichzeitig kletternd kommen wir rasch vorwärts. Eine vollständig glatte Platte ist nicht zu überwinden. Sie muss links mit 6 m Abstieg umgangen werden. In einer engen Felsnische finden wir uns wieder. Durch ein Kamin geht es empor. Die Stemmarbeit wird beeinträchtigt durch die Enge des Kamins. Ich erreiche wieder eine schmale Felsterrasse, die nach aussen stark abfallend ist. Die Standsicherheit wird beeinträchtigt durch fortwährendes Abrieseln feinen Schuttes, der sich unter den Kletterfinken löst.

An winzigen Griffen geht es über ein 3 m hohes, senkrechtes Wändchen, dann nach rechts durch ein schwieriges, schräg aufwärts verlaufendes Kamin, sehr ausgesetzt und schwer zu durchklettern. In der Mitte ist rechts ein kleiner Felskopf, der sich gut zum Sichern eignet. Mit dem Kamin liegt die Hälfte der Wand hinter uns. Der Tiefblick ist gewaltig über die Wand hinunter zum Firn, wo wir unsere Aufstiegsspuren erkennen können. Noch 50 m trennen uns vom obersten Aufbau der Südkante. Glatt und unantastbar erscheint sie uns. Wie die tiefen Regenrillen in Firn, so sieht die Felsbeschaffenheit dieses Granites aus. Selten ein vorstehender Griff. Dafür aber ist das Gestein rauh, so dass man guten Halt bekommt Von unserm Stand aus halte ich 20 m nach links; ein Riss führt schräg eine Seillänge hinauf bis hart unter die Südkante. Ohne sichern zu können, muss Hans nachfolgen, da die ganze Seillänge ausgeklettert ist. Ich verlasse den Riss nach links, quere an die 10 m und erreiche über gutgriffige Platten leicht die Kante. Eine Freude ist es, in diesem Urgestein zu klettern. Wo man zugreift, bietet alles sichern Halt, wenn auch manchmal nur an winzigen Griffen.

Wir rasten eine Weile und tun einen währschaften Griff in den Rucksack. Durch Nebelfetzen erblicken wir tief unter uns Realp. Die Furkastrasse OSTNADEL DES SÜDWESTLICHEN BLAUBERGES schlängelt sich wie ein weisser Faden in die Höhe. Zeitweise wird der Blick frei hinüber zum Rotondo und zu den Mutthörnern. Vereinzelt fallen Regentropfen! Wir klettern weiter. Über dem Felsbuckel zieht sich ein feiner Riss. Mit meinem Hammer breche ich die Risskanten, damit ich meine Finger darin verkrallen kann. Nach 8 m kommt Hans nach. Auf einer kleinen Plattform stehen wir nun. Ein 12 m hohes, enges und glattes Kamin beginnt hier. Eine Sicherung besteht nirgends, nicht einmal ein Riss. 6 m zwänge ich mich hinauf, bis ein abgesprengter Granitschiefer mir Halt gibt. Mit dem Hammer schlage ich am obersten Rand dieser Platte eine Ecke heraus. So bekomme ich einen guten Tritt. Aber alle Hilfen sind damit zu Ende. Bis zum Ausstieg sind es noch gut 4 m. Ein fingerbreiter Riss in der rechten Innenkante gibt den Finkenspitzen schmerzhaften Halt. Für einen Haken ist der Riss noch zu weit. Ich drohe abzurutschen und meinen Halt zu verlieren. Ein Sturz hier wäre unser beider sicheres Ende. Ein Griff in die Tasche nach Haken und Hammer! Der Haken verschwindet bis über die Hälfte im Riss. In der Öse ist eine kurze Reepschnur bereits durchgezogen. Ein Schlag, aber nur blechern tönt 's. Noch zwei, drei Schläge. Ich vertraue ihm mein Gewicht nur zögernd an. Aber er hält! Von neuem geht 's mit Stemmen und Stossen, bis ich den Haken als Tritt verwenden kann. Den Ausstieg versperrt aber ein grosser Block, der in seinem Gleichgewicht nicht gestört sein will. Es gelingt mir, den Block rechts zu umklettern. Es war ein hartes Stück Arbeit, dieses Felsstück!

An einem Felszacken sichere ich mich. Das Seil zu Hans läuft ebenfalls gesichert über diesen. Bis oberhalb der Platte kommt Hans gut nach. Dann aber fängt auch für meinen Kameraden eine zähe Kletterarbeit an, trotz der Seilhilfe, die ich ihm bieten kann. Der Sack ist ihm stark hinderlich. Bevor wir den Haken lösen können, müssen wir den losen Block mit vereinten Kräften zur Tiefe stossen. Zwei-, dreimal stösst er auf und zerschlägt sich dann in der Wand in hundert Stücke.

Auf schmalen, zum Teil unterbrochenen Felsleisten queren wir nordwestlich einem massigen Turm entlang. Was noch folgt, dürfte keine allzugrosse Schwierigkeiten mehr bieten. Leicht steigen wir etwas an. Eine enge Kluft trennt den undeutlichen Turm von der Ostnadel. Felsrippen und Kanten machen uns wieder zu schaffen. Vor uns tut sich ein Riss auf, der schräg nach links aufwärts führt. Stellenweise erweitert er sich kaminartig. Seine Glätte und die schlechtliegenden Griffe machen mir auch dieses Stück ordentlich schwer. Der Riss endet in der Gipfelscharte, nordwestlich der Nadel. Das oberste Stück ist feucht und glitschig, schwarz von Flechten. Ein kleiner Zacken in der Scharte bietet gute Sicherung. Bald tauchen Rucksack und Pickel auf, mit ihnen mein Kamerad. Mit feuchten Finken und Kleidern kauern wir in der Scharte. Hans legt den Sack ab. Ich nehme das Seil doppelt. Noch 20 m sind es bis zur Spitze. Der Fels ist nach unten geschichtet. Rechts steige ich aus der Scharte in die Wand. Nur mit dürftigem Halt komme ich an der Wand hoch. Nach 6 m bietet ein Riss Gelegenheit zum Schlagen eines Hakens. Der Karabiner mit Seil schnappt ein, und der Ruf « Zug » findet Gehör bei Hans. Gut gesichert bringe ich den restlichen Teil hinter mich.

OSTNADEL DES SÜDWESTLICHEN BLAUBERGES Das Seil schlinge ich um den Gipfelhals, der knapp Platz bietet für zwei Personen. Am Seil ziehe ich das Gipfelfähnli empor. Ein Notizblatt, mit der nötigen Eintragung versehen, verklemme ich in einer Felsritze. Die Uhr zeigt 12 Uhr 30. Vier Stunden anstrengende und schwere Kletterei! Mächtig pfeift der Wind mir um den Kopf, Nebelfetzen jagen einander. Das Seil zwischen mir und der Hakensicherung wird vom Wind hin und her gerissen und klatscht fortwährend an den Fels. Im Dülfer geht es rasch zum Haken hinunter. Eine kurze Reepschnur tritt an Stelle des Karabiners, von wo ich in die Scharte abseile.Vom Warten in der zügigen Scharte friert Hans erbärmlich. Mit den Händen in den Taschen und gesichert an den Zacken lehnend steht Hans schlotternd vor mir. Mit steifen Fingern ordne ich das Seil. In ziemlich ausgesetzter Kletterei geht es über einige Zacken dem Nordwestgrat entlang hinunter. Bald erreichen wir den Blockgrat. Leicht geht es links an einem grossen Turm vorbei zum Schuttjoch, das wenig südlich von der Blauberglücke liegt.

Eilig vertauschen wir die Finken mit den Nagelschuhen. Die Pickel erleichtern uns den rutschigen und steinschlägigen Abstieg von der Blauberglücke zum mittleren Lypfersteingletscher. Unsere Ostnadel umgehen wir im Abstieg nach Osten. Froh, die gefährliche Schuttrinne hinter uns zu haben, fahren wir über den Firn hinunter. Auch im feinen Schutt der Stirnmoräne lässt sich gut abfahren, eine lange Staubfahne zeichnet unsern Weg. Unterhalb der südlichen Bastion geht es wieder hinauf. Das Steinmannli verrät uns bald den Platz, wo unser deponierter Sack vom Morgen liegt.

Noch einmal einen Blick hinauf über die Wand. Unser Sehnen ist gestillt. Talwärts geht die Jagd, hinunter über Alpenrosensträucher und Heidelbeerstauden. Auf glatten Grashalden wird abgefahren, den Pickel als Stütze und Sicherung. Realp wächst aus dem Tale, bald tauchen wir zwischen den aus Steinen und Holz erbauten Häuschen unter. 15 Uhr 40 melden wir uns zurück.

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