Petrarca und die Berge

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Von Theodor Schlatter

( St. Gallen ) « Ove d' altra montagna ombra non tocchi, verso'l maggior e'1 più spedito giogo, tirar mi suol un desiderio intenso. »Francesco Petrarca, ca. 1335 Wir Heutigen können es uns nicht vorstellen und können es auch nicht verstehen, dass der Mensch eigentlich erst seit dem 18. Jahrhundert die Berge lieb gewonnen hat, um es einfach zu sagen.

Cäsar, wenn er sich über die Alpenpässe tragen Hess, pflegte sich in grammatikalische Studien zu vertiefen. Das Mittelalter bevölkerte die Berge mit bösen Geistern. Die Stadt Luzern zum Beispiel verbot es bei Todesstrafe, den Pilatus, damals Fracmont genannt, zu besteigen, um den in einem Seelein schlafenden Pilatus nicht zu wecken, was Überschwemmungen und Unwetter zur Folge hätte haben können. 1518 unternahm es Vadian, bis dahin Rektor der Universität Wien, Bürgermeister, Stadtarzt und Reformator St. Gallens, mit zwei Freunden, diesen Ort, mehr ein Sumpf als ein See, zu erkunden, ohne sich vom Schauer der Sage befreien zu können.

Diese Einstellung zu den Bergen herrschte gewissermassen wie ein Nebelmeer über dem menschlichen Geiste, ein Nebel, aus dem nur ganz vereinzelte Gipfel aufragen, bis er sich schliesslich im 18. Jahrhundert verflüchtigt, sich in Schwärmerei verwandelt, im 19. Jahrhundert zu einer Art Bergwut wird und die einstigen Gespensterherbergen mit Hotelpalästen übersät.

« Da keines andern Berges Schatten fällt, zum höchsten und hinan zum steilsten Joch, zieht mich ein sehnendes Verlangen noch. » Wenden wir uns dem zu, der diese Worte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschrieben hat, als noch kein Mensch solches dachte, geschweige denn in Worte zu fassen wusste, die uns als Kristallisation unseres Strebens in die Berge vorkommen.

Es ist der italienische Dichter Francesco Petrarca, geboren 1304 in Arezzo, gestorben 1374 in Arqua bei Padua. Die Hälfte seines Lebens verbrachte er am päpstlichen Hofe in Avignon, an den Ufern der Rhone.

« Rapido fiume, che d' alpestra vena rodendo intorno, onde'l tuo nome prendi, notte e dì meco desioso scendi .» sehr frei übersetzt:

« Du rascher Strom, aus weisser Gletscherbrust wirbelnd geronnen, darum du Rhone heissest, der Tag und Nacht du sehnend mit mir reisest. » Man spürt in diesen seinen Worten das unaufhörlich Strömende, Sehnende des menschlichen Geistes, der im Strom wie in den Bergen sein Wesen ver- körpert oder vielmehr gespiegelt sieht, denn auch diese Erkenntnis bleibt im Flüchtigen, Augenblickhaften, Entschwindenden befangen, wie das Bild, das man im Spiegel vergeblich zu fassen sucht.

Doch, aus den Fenstern der päpstlichen Burg sieht er « Qualor tenera neve per li colli dal Sol percossa veggio di lontano — » « Wenn zarten Schnee auf jenen fernen Bergen im Sonnenscheine ich erglänzen sehe — » wo er wirklich leben kann, wenn er nicht zugrunde gehen soll. Am Fusse der Ausläufer der Seealpen hat er einen von Felsen umschlossenen Ort gefunden, wo es ihm erlaubt ist, sehr viel Zeit zu verbringen: Vaucluse.

Wenn man im Auto von Avignon her hinfährt, durch die Rhoneebene mit ihren Weingärten, Feldern, Obstbäumen, durch eine schwellende Fruchtbarkeit, ist man richtig verblüfft, plötzlich Felsen vor sich zu sehen, wild und schroff, wie etwa die um die Teufelsbrücke her. Die Sorgue, eben noch ein Flüsschen unter Weiden, ist unvermittelt zu einem Bergbach geworden, der über Steinblöcke hinabsprudelt. In einem mächtigen Felskessel tritt ihr Wasser in Fülle ans Tageslicht. Die efeuüberwucherten Lorbeerbäume und Stechpalmen, die üppige Vegetation nur hat den Süden in sich.

« Chiara fontana in quel medesmo bosco sorgea d' un sasso, ed acque fresche e dolci spargea, soavemente mormorando:

Al bel seggio riposto, ombroso e fosco, Nè pastori appressavan nè bifolci, ma ninfe e muse, a quel tenor cantando Ivi m'assisi, e quando più dolcezza prendea di tal concento e di tal vista, aprir vidi un speco, e portarsene seco la fonte e l'loco — » « Der klare Brunn'in jenem gleichen Walde entspringt dem Felsen, und die frischen Wasser, sie strömen hin mit einem sanften Murmeln. Auf schönem Sitz ich ruh'im kühlen Schatten. Nicht naht der Hirte hier, noch naht der Bauer, doch Nymphen, Musen, an den Wassern singend. Und ich gedachte immer hier zu weilen, so ward von diesem Einklang ich beseligt, vom Blick — als ich den Schlund sich öffnen sah und in sich reissen Quell und lieben Ort. » So stellt Petrarca in einem allegorischen Gedicht auf den Tod seiner Geliebten, Laura, die Felsenquelle der Sorgue, die Vaucluse dar. Er bringt das Drohen der Felsen, das Grauen, das im dunkeln Schlunde lauert, aus dem das Wasser tritt, zum Ausdruck, und so könnten die Berge für ihn wie für die Zeitgenossen ein zu meidender Ort des Schreckens sein.

Berühmt ist seine Beschreibung der Besteigung des Mont Ventoux, eines 1900 m hohen Gipfels der Basses-Alpes. Wenn dies Unternehmen an sich wohl etwas für die damalige Anschauung Ausserordentliches war, so ist die Beschreibung selbst geradezu eine Entschuldigung, die Petrarca an einen geistlichen Freund richtet.

« Anfangs vor allem ganz erschüttert von dem ungewohnten Hauch der Luft und von der freien Aussicht, stand ich von Staunen wie benommen. Und ich schaute um mich: Die Wolken waren mir zu Füssen — und ganz nahe schienen, ob auch durch weite Entfernung getrennt, die ragenden Schneegebirge der Alpen. Die Gipfel der Pyrenäen kann man von dort oben nicht gewahren, nicht weil weiss ich was für ein Hindernis sich zwischen sie und uns gestellt hätte, sondern wegen der Gebrechlichkeit des menschlichen Auges. Rechterhand sah ich indessen deutlich die Berge der Provinz von Lyon und links die Bucht von Marseille — auch die Rhone lag unter meinen Augen.

Während ich dies alles im einzelnen bestaunte und also bald irdischen Dingen in meinen Gedanken nachging, bald, wie ich es mit meinem Körper getan, den Geist zur Höhe erhob, da kam mir plötzlich in den Sinn, des heiligen Augustinus Buch der Bekenntnisse einzusehen, ein kleiner handlicher Band, den ich immer zur Hand habe. Und wahrlich, ich rufe Gott und ihn, der zugegen war, zu Zeugen an, dass ich, meinen Blick in das Buch werfend, las: « Und da gehen die Menschen hin und bewundern die Höhen der Berge — und verlassen darob sich selber. » — Ich bekenne es, ich ward bestürzt von diesen Worten — und ich schloss das Buch, entrüstet über mich selbst, weil ich nicht abliess, die irdischen Dinge zu bewundern, während ich doch schon von den Philosophen der Heiden hätte lernen können, dass nichts Bewundernswürdigeres ist als des Menschen Geist, dessen Grösse nicht seinesgleichen hat. » Auch mit dieser Beschreibung reiht sich Petrarca in seine Zeit ein, deren Anschauung zum Trotz er freilich den Mont Ventoux bestiegen hat. Warum überhaupt, kann man sich fragen? Handelte es sich um einen jugendlichen Einfall, gewissennassen um einen Studentenstreich, um eine Tat des Über-mutes, der sich ebensowohl irgend etwas anderes hätte wählen können als gerade eine Bergbesteigung?

Aus Petrarcas Gedichten, aus dem « Canzoniere », erweist sich, dass dem nicht so ist, sondern « tirar mi suol un desiderio intenso », dass ein « sehnendes Verlangen » ihn treibt in den Bergen zu wandern, nach etwas zu suchen, das über die Schranken, in denen er lebt und in denen er auch nur leben kann, hinausgeht. Dieses unsagbare und undarstellbare « Etwas » versinnbildlicht er in der Gestalt einer Geliebten, Laura, die er niemals erreicht, die sich ihm nie hingibt. Der Canzoniere hat die Töne glühender, sinnlicher Liebe, die vermuten lassen, dass sie einer in des Dichters Leben getretenen Frau gelten, um sich wieder in Wortspiele um Laura und L' aura, Luft, zu verflüchtigen, so dass man anzunehmen hat, doch nicht Liebesgedichte vor sich zu haben ,'die allein Liebe zu einer lebenden Person meinen, allein Minne, wie sie damalige französische, italienische und deutsche Dichtung beherrschte und überhaupt erst erweckte.

Se'l Sol levarsi guardo Sento il lume apparir che m'innamora Wenn ich die Sonne sich erheben sehe, fühl ich das Licht erscheinen, das ich liebe — Es lässt ihn nicht ruhen, wenn die Sonne untergeht, nicht, wenn er den Hirten seine Herde von den Bergen treiben sieht, nicht des Nachts, wenn selbst das Meer in seinem Bette ohne Wellen ruht, die Namen und Verkleidungen sind alle unzulänglich für den Anlass seiner Kunde, seiner Dichtung.

Di pensier in pensier, di monte in monte mi guida Amor; ch' ogni segnato calle provo contrario alla tranquilla vita. Se'n solitaria piaggia, rivo o fonte, se'n fra due poggi siede ombrosa valle, Ivi s' acqueta l' alma sbigottita, Per alti monti e per selve aspre trovo qualche riposo, ogni abitato loco è nemico mortal degli occhi miei... ove porge ombra un pino alto od un colle, talor m'arresto — Ove d' altra montagna ombra non tocchi, verso'1 maggior e'1 più spedito giogo, tirar mi suol un desiderio intenso — « Gedanke um Gedanke, Berg um Berg führt mich Amor, und seiner " Wege Zeichen entführen mich dem sonst gewohnten Leben. Einsames Ufer, Fluss und hier die Quelle, und zwischen den zwei Bergen liegt das Tal, wo Ruhe findet die bestürzte Seele, wie in den wilden Wäldern, hohen Bergen, denn die bewohnten Orte sind mir Qual. Wo Schatten breitet eine hohe Tanne, ein Fels, da weile ich — da keines andern Berges Schatten fällt, zum höchsten und hinan zum steilsten Joch, zieht mich ein sehnendes Verlangen noch. » Eine besondere Liebe hat Petrarca auch für den Schnee. « Tenera neve » — zarter Schnee — und « L' auro e i topazii al Sol sopra la neve » — Gold und Topas der Sonne auf dem Schnee, « come fresca neve, si va struggendo » — wie frischer Schnee dahingerafft, wird unser Leben.

« Pallida no, ma più che neve bianca che senza vento in un bel colle fiochi — » « Nicht bleich, doch weisser war sie als der Schnee, wenn ohne Wind er auf den Hügel flockt. » Alles was Petrarca sieht und dann beschreibt, hat seinen Sinn nur durch die Frau, die er liebt, und so ist er ein Minnedichter des Mittelalters, aber sein Sehen der Natur ist von solcher Intensität, dass Goethes Faustworte sie umschreiben mögen:

« Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet, gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, sie zu fühlen, zu geniessen. Nicht kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, vergönnest mir, in ihre tiefe Brust wie in den Busen eines Freunds zu schauen » — « Da indi in qua mi piace quest'erba sì, ch'altrove non ho pace. » « Und so gefällt von nun an mir dies Gras, dass anderswo ich keinen Frieden habe. » « quest'erba, sì » drückt mehr als Gefühl aus. Ein Gras wird in das menschliche Dasein erhoben, wird mitseiend gesehen und damit sinnvoll. « Fleuves, rochers, forêts, solitudes si chères, Un seul être vous manque, et tout est dépeuplé — » klagt Alphonse de Lamartine ( 1790—1869 ), Petrarca aber findet in der Trauer diese Worte; die hier im italienischen Originaltext und in freier französischer und deutscher Übersetzung wiedergegeben seien. Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass diese Stimme in einer Zeit ertönt, der solche Verbundenheit mit der Natur völlig fremd war. Dennoch blieb sie in den Schranken ihrer Zeit; es ist keine Heuchelei, wenn sich Petrarca für seine Bergbesteigung entschuldigt hat, es ist der Standpunkt in seiner Mitwelt. Wie eine Bergspitze aber ragt er über sie empor, uns in der Ferne der Jahrhunderte sichtbar als ein Liebhaber der Natur, der Berge.

l' ho pien di sospir quest'aer tutto, d' aspri colli mirando il dolce piano ove nacque colei ch'avendo in mano meo cor in sul fiorire e'n sul far frutto.

E'gita al cielo; ed hammi a tal condutto col sùbito partir, che di lontano gli occhi miei stanchi lei cercando in vano, presso di sè non lassan loco asciutto.

Non è sterpo né sasso in questi monti, non ramo o fronda verde in queste piagge, non fior in queste valli o foglia d' erba, Stilla d' acqua non vèn di queste fonti, né fiere han queste boschi sì selvagge, che non sappian quant'è mia pena acerba.

J' ai rempli de mes soupirs tout cet air des âpres monts, regardant douce plaine, où elle est née, laissant mon cœur en peine pour tous ses jours et ceux du fruit, ceux de la fleur.

Est montée au ciel, me laissant vide cœur, épuisée est des larmes sa fontaine, et mon œil s' éreinte en vaine:

un chien ayant perdu du cerf le flair.

N' y est broussaille, roc dans tous ces monts, rameau, ni verdure dans ces rivages, ni fleur se trouve dans ce val, ni feuillages, Ni gouttes d' eau ses claires sources n' ont, ni fuit gibier dedans ces bois sauvages: Eux tous savent la peine de mon deuil.

Die Luft hab'ich gefüllt mit meinen Klagen, der kargen Hügel, milde Ebne schauend, wo die gelebt, welche mein Herz erbauend in blühenden und in der Früchte Tagen.

Und wie sie nun zum Himmel ward getragen, so unverseh'n, drob meiner Seele grauend, und meine Augen leer, sie nicht mehr schauend, kann keine Träne stillen meine Fragen, Ist kein Gestrüpp, kein Fels in diesen Bergen, kein Zweig, kein grünes Laub an diesen Hängen, kein Halm und keine Blum'in diesen Talen, kann keine Quelle sich vor mir verbergen, im wilden Wald kein Reh auf scheuen Gängen:

Sie alle kennen meine bittern Qualen.

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