Piz Aul, eine Winterfahrt

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

eine Winterfahrt

Mit 1 Bild ( 1 ) und 1 KarteVon Eugen Wenzel

eine Winterfahrt Von manchen Bergen, die wir während eines vierzehntägigen Februar-aufenthaltes in Zavreila bestiegen hatten, war uns das mächtige, westlich des Valser Tales sich erhebende Felsmassiv des Piz Aul aufgefallen. Die Einblicke, welche wir uns dabei in seine West- und Südflanken verschaffen konnten, waren wenig ermutigend, ihn im Winter anzugehen. Von welcher Seite man diesen höchsten Valser Berg auch betrachten mag, auf den Gedanken, ihn mit Ski zu besteigen, wird selten jemand kommen. Gegen Vais, wo man ihm am nächsten ist, fällt der Gipfelstock in glatten Wänden ab und schliesst Skibesuche vollkommen aus. Auf der Nordseite reicht zwar ein kleiner Gletscher fast an den Gipfel hinauf, aber der Zugang zu dieser Gletschermulde ist keine einfache Angelegenheit. Wir zogen die Karte zu Rat und sagten uns folgendes: Wenn es möglich wäre, ohne allzu grosse « Kletterkunststücke » über eine der beiden Gratlücken südlich oder nördlich des Piz Seranastga auf die andere Seite des Berges zu wechseln, könnte mit einem Erfolg gerechnet werden. Der südlichere Einschnitt, die « Sattelte Lücke », schien die Voraussetzungen für einen reibungslosen Skiübergang nicht zu erfüllen. So verblieb noch die übrigens 150 m tiefer liegende Seranastgalücke. Wenn deren Westseite einen glatten Abstieg gestatten würde, hätte sich nicht nur der Umweg um den Piz Seranastga gelohnt, alles zusammengenommen müsste es sogar eine prächtige Skitour ergeben. Das waren unsere Erwägungen, die schliesslich dazu führten, einen Versuch zur Winterbesteigung des Piz Aul zu machen.

Nach Vals zurückgekehrt, hatten wir die Absicht, einen Rasttag einzuschalten, als Curt Meyer telephonischen Bericht von zu Hause erhielt, er habe in drei Tagen einzurücken. Damit waren die Würfel gefallen. Die geplante Fahrt wurde auf den nächsten Morgen vorverlegt, und das war gut so, denn es war der letzte schöne Februartag.

Schon beim Aufbruch strichen dünne Nebel an den Bergen des südlichen Horizonts herum und kündeten einen Witterungswechsel an. Wir nahmen den Weg, welcher in nördlicher Richtung an der Therme vorbei gegen Soladüra führt. Wir waren nicht die einzigen Frühaufsteher. Da und dort sahen wir einheimische Bauern auf ihrem täglichen Weg zu ihren Ställen. Die Abhänge der Leisalp, welche wir dann zu meistern hatten, sind steil, und da sie in den vorangegangenen Wochen ständig der Februarsonne ausgesetzt waren, machten sie uns Mühe. Ein Stück weit benutzten wir mit Vorteil die ausgetretenen Stufen eines von Heuziehern angelegten Pfades, doch von den « oberen Hüttenen » an vertrauten wir wieder unseren guten Klebfellen. Überdies war dort oben über Nacht ein wenig Neuschnee gefallen, der das Steigen wesentlich erleichterte. Die Sonne hatte inzwischen schöner angeschlagen, als wir es zu hoffen wagten. Am Piz Tomül, dem wuchtigen Gegenstück des Piz Aul, verloren sich die Die Alpen - 1945 - Les Alpes1 letzten Nebel in einem klarblauen Himmel und verhiessen uns einen weiteren Glanztag. Die Brandalp liessen wir rechts liegen. Etwa hundert Meter über den Hütten fand sich eine Durchbruchstelle, dank welcher wir das vom Piz Seranastga herabziehende Felsband leicht queren konnten. In weitem Bogen schwenkten wir dann allmählich in das im Frühlicht gleissende Brandtälchen hinein. Mehrmals scheuchten wir Gesellschaften von Schneehühnern auf, welche sich sichtlich verwunderten, in ihrer stillen Welt dort oben gestört 6210 BRB 3. 10. 39 zu werden. Es ist eigentümlich, wie sich diese Bergvögel während der Nacht mitten im offenen Hang förmlich im Schnee verkriechen und sich sogar vollständig einschneien lassen. Den zufällig und ahnungslos vorbeiziehenden Skifahrer können sie durch ihr plötzliches Aufflattern und durch ihre schnarrenden Warnungsrufe ernstlich erschrecken. Der weitere Anstieg in die Seranastgalücke brachte keine Überraschungen und vollzog sich über einen weichen, blendendweissen Neuschneeteppich. Die für das Gelingen der Fahrt ausschlaggebende Frage musste bald ihre Beantwortung finden. Ohne Pause strebten wir der Grathöhe zu, um uns so rasch als möglich Gewissheit über die Möglichkeit eines Abstiegs auf der Westseite zu verschaffen.

Als wir die Lücke erreichten, bot uns der Piz Aul einen so herrlichen Anblick, dass wir vorerst alles andere darüber vergassen. Eingebettet zwischen Felsgraten lag die Gletscherterrasse vor uns, aus welcher der imposante Gipfelstock in den Himmel wuchs und uns in seiner unberührten Schönheit zur Bewunderung hinriss. In Gedanken zogen wir bereits die Aufstiegsspur, doch ein Blick in den etwa 150 m tiefer liegenden Kessel brachte uns aus dieser Begeisterung rasch in die Wirklichkeit zurück. Zu unserem grossen Glück war ein oder zwei Tage vorher der ganze Westabhang als einziges ungeheures Schneebrett zu Tal gefahren. Dadurch waren wir jeglicher Sorge betreffs Lawinen enthoben. Die Ski geschultert, stiegen wir ein paar Meter behutsam neben einer Felsrippe ab. Einmal über die Abbruchstelle hinaus, konnten wir gefahrlos abwärts eilen und, sobald es anging, im Schrägschuss in die Mulde abfahren.

Die Felle hatten wir natürlich nicht abgerissen. So konnten wir ohne Unterbruch zum Gipfelsturm ansetzen, was wir nach der glücklichen Überschreitung der Seranastgalücke mit leichtem Herzen taten. Unter der Felswand des Piz Seranastga und unter den Türmen des Breitengrats durchziehend, gewannen wir rasch die verlorene Höhe. In den sonnigen Firnhängen, auf welchen sich die Schlagschatten der Ostgrattürme in langsam wechselnden Formen abzeichneten, schraubten wir uns bis an die Gipfelflanke hinauf. In Anbetracht der herrschenden Schneebrettgefahr mussten wir jedoch darauf verzichten, diese steile Schlusswand mit Spitzkehren zu schneiden und zu stören. Wir liessen die Ski also zurück und arbeiteten uns nahe des Ostgrates im felsdurchsetzten Firnhang empor, um bald darauf den Steinmann zu erreichen.

Es war höchste Zeit. Von Süden wälzte sich eine mächtige schwarze Wolkenbank über die Adula, und aus allen umliegenden Tälern begannen Nebelschwaden aufzusteigen. Obschon wir die Sturmanzüge übergezogen hatten und hinter dem Steinmann Schutz vor dem eisigen Wind suchten, kroch die Kälte in alle Glieder. Das gewaltige Naturschauspiel eines brandenden Wolkenmeers fesselte uns so lange, bis wir derart durchfroren waren, dass es eines mehrmaligen Anlaufs bedurfte, um den Rucksack zu packen.

Auf der Nordseite hatten wir uns im Windschatten bald wieder erholt, und gaben unseren Brettern den letzten Schliff. In flüssigen Schussfahrten war nur zu schnell wieder die Mulde unter der Seranastgalücke erreicht. Ohne Zeitverlust machten wir uns an die steile Gegensteigung und schwitzten erbärmlich in den Sturmanzügen. Oben angekommen, genossen wir die letzten Sonnenstrahlen. Der Gipfel des Piz Aul wurde jäh von Wolken erfasst und war unseren Blicken entzogen. Uns aber blieb er so in Erinnerung, wie wir ihn am Vormittag gesehen hatten, als sich der weisse Gipfelstock in schönster Beleuchtung vom blauen Himmel abhob und unsere Herzen begeisterte. Als sich die schwarzen Nebelwolken auch des Seranastgagipfels bemächtigten, fuhren wir bei schlechter Sicht Vais entgegen. Schon über der Brandalp erwischten uns die ersten Schneeschauer. Zeitweilig schlugen uns scharfe Schneekörner ins Gesicht und zwangen uns zu vorsichtiger Fahrt. Aber das Wetter mochte jetzt umschlagen, der Piz Aul war uns gelungen, und das freute uns königlich.

Feedback