Pizzo Stella 3162 m

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Eine Osterskifahrt.

Von Eugen Wenzel.

Als wir an einem sonnigen Märztag vom Gipfel des Piz Piatta über die Bergwelt Bündens hinausschauten und unter den Fels- und Gletschergestalten manchen alten Freund entdeckten und begrüssten, da blieb unser Blick plötzlich wie gebannt an einem uns unbekannten Berg haften. Alle umliegenden Grate mächtig überragend, stach dort eine reinweisse Pyramide in den tiefblauen Himmel empor. Von der lichtumfluteten Spitze fiel nach Nordosten, also uns entgegen, ein steiler, nach unten breiter werdender Gletschermantel herab. Beim damaligen Sonnenstand leuchtete dieser in mattem Glänze und verlieh dem Berg eine märchenhafte Würde. Wenn wir auch die Felsgipfel des Fornogebietes, der Albigna und der Bondasca bewunderten, welche sich scharf am südlichen Horizont abhoben — immer wieder kehrten wir zur königlichen Gestalt jener Gletscherpyramide zurück, die dort im Südwesten hinter den langgezogenen Graten der Averser Seitentäler dominierte.

Clubkameraden aus St. Gallen genossen diese Gipfelstunde mit uns. Für einen von ihnen schien es vom Ortler bis zum Mont Blanc keinen Berg zu geben, den er nicht beim Namen nennen konnte. « Und das dort, » dabei deutete er auf unsere Pyramide, « das dort ist der Pizzo Stella. Er liegt zuhinterst in der Valle di Lei und gehört zu Italien. » Nun hatten wir den Namen dieses herrlichen Berges erfahren und wussten auch, dass er jenseits der Grenze liege. Und es erging uns wie jenen Schulbuben, die den schönsten Apfelbaum immer im Garten des Nachbars entdeckt zu haben glaubten und keine Nacht mehr schlafen konnten, bis sie nicht über den Zaun geklettert waren und von den verbotenen Früchten gemaust hatten. Zu Hause wurde dann die Karte angeschafft und eifrig studiert, und zuletzt war es beschlossene Sache, den Pizzo Stella einmal im Winter anzugehen. Wenn wir die weite Zufahrt und den langen Anmarsch in Erwägung zogen, kam nur eine mehrtägige Fahrt in Frage, und da Skifahrten im Hochgebirge im März und April am schönsten sind, einigten wir uns auf die Ostertage.

In Thusis haben wir die Rhätische Bahn und mit ihr auch den Hauptstrom der Osterskifahrer verlassen. Bis Andeer bleiben wir noch in Gesellschaft von einem Dutzend Skifreudigen, die nach Splügen weiterfahren. Wir selbst müssen hier den bequemen, ledergepolsterten Sitz des Postautomobils mit der schmalen Bank der Averser Postkutsche vertauschen. Damit ist auch auf einmal alles viel heimeliger geworden. Dort surrt eben der gelbe Wagen mit seinen, was weiss ich wie vielen, Pferdestärken ab und mit ihm auch aller Lärm und alle Hast. Freundlich grinsend nimmt uns jetzt Conradin Joos, der Postillon, in seine Obhut, klettert auf den Bock und bringt mit einem aufmunternden Zungenschnalzen die eine uns noch übriggebliebene Pferdestärke in Gang. In gehobener, fast kindlich froher Stimmung beginnen wir unsere Osterfahrt und dringen in eines jener einsamen Bündner- täler ein, wo wir uns ungestört einer sich in alter Ursprünglichkeit offenbarenden Gebirgsnatur erfreuen können — ins Avers.

Schon beim ersten Stutz, den das Strässchen zu überwinden hat, sind wir ausgestiegen. Cäsar hat es auch so noch schwer genug, unser Gepäck auf dem schlechten Weg talauf zu ziehen. Wir überschreiten den Averser Rhein, dessen klares Wasser unter dünnen, durchsichtigen Eisplatten gurgelnd sein Frühlingslied einübt. Den ersten Ton zu diesem Lied hat wohl der Südwind von Italien über die Grenzkämme hereingetragen. Verständig nickend nahmen ihn die alten, erfahrenen Tannen ab, und nun rauschen bereits die ganzen Wälder den Frühlingsgesang. Die Hänge auf der Sonnenseite sind schon stark ausgeapert. Der über Nacht gefrorene Boden beginnt unter den warmen Strahlen aufzutauen, und wenn man sich hinsetzt zu kurzer Rast, so umspielt einen der Geruch von feuchter Erde und trocknendem Gras, welches winterlang unter der Schneedecke moderte. An besonders geschützten Orten wird sich bereits das geheimnisvolle, unsichtbare Naturschauspiel der Wiedergeburt vorbereiten, und wie bald wird sich das tiefdunkle Blau des Himmels in überall aufleuchtenden Enzianblüten widerspiegeln. Ob diesem Frühlingsahnen möchte man fast das Skifahren vergessen.

Wir wandern fröhlich talauf und durch das wie im Winterschlaf liegende Dorf Ausserferrera, worauf die Strasse wieder im Hochwald verschwindet und allmählich in die Schneeregion führt. Wie sich dann der Wald wieder auftut, sind wir in Innerferrera. Über dem Talkessel lastet brütende Mittagshitze. Die Postkutsche trifft erst eine halbe Stunde später ein, und wir sehen es Cäsar an, dass ihm das letzte Stück auf der schlechten Strasse auch ordentlich zu schaffen gemacht hat. Kaum hat er vor der Türe des Postlokals Halt gemacht, schielt er ziemlich auffällig gegen die noch umgestülpte Krippe an der Hausmauer. Mit übereiligen Riesenschritten hat sich auch « Josephina », das Huhn des Postnachbars eingestellt, um wie alle Tage seinen grossen Freund zu begrüssen und sich unter der Krippe herumzutreiben. Cäsar seinerseits ist gutmütig genug, während des Kauens dann und wann in den Holztrog zu prusten, damit ein paar Haferkörner über den Rand hüpfen und von Josephina aufgepickt werden.

Aus einer Nebengasse ist gemächlichen Schrittes der alte Salis erschienen. Mit gelassener Ruhe sieht er dem Pferdewechsel zu, und mit Kennerblick betrachtet er die stämmigen Gäule. Auch er hat früher einmal ein so schönes Ross besessen und manche Fuhre Averser Steine talaus geführt — aber das ist schon lange her. Heute besitzt er noch sein Tabakpfeifchen und ist auch so zufrieden. Jetzt wartet er noch, bis die Post ausgeladen ist, und dann wird er sich die Zeitung holen, die ihm die Neuigkeiten aus der grossen Welt überbringt. Es tut einem wohl, mit diesen einfachen, wortkargen Bergmenschen zu verkehren, bei welchen man bald alle Hast ablegt. Man hat auch wieder Auge und Ohr für die kleinen Begebenheiten des Tages und wird selbst wieder natürlicher und echter dabei.

Die Wirtsleute schütteln bedenklich den Kopf, wie sie von unserem Vorhaben hören. Was sie uns erzählen, wissen wir zwar schon. In der Valle di Lei sind ziemlich sicher alle Alpen verschlossen. Es wird nicht leicht sein, einen Unterschlupf zu finden. Was aber noch schlimmer ist, das Tal mündet in einer tiefeingefressenen Schlucht in das Aversertal und ist nur über den die Valle di Lei westlich begrenzenden Kamm erreichbar und im Winter auch dort nur schwer zugänglich. Man macht uns darauf aufmerksam, dass hin und wieder Schmuggler im Dorf erscheinen, deren Spuren wir vorteilhaft benützen könnten, wenn solche noch sichtbar seien. Der freundliche Gastwirt versieht uns zuletzt noch mit Wolldecken, von welchen sich jeder eine auf den Rucksack schnallt. So ist dann nach allem die Bürde des Rückens und diejenige des Gemütes reichlich schwer geworden, wie wir um die dritte Mittagsstunde das Dorf verlassen.

Der nach etwas mehr als einem Kilometer von rechts einmündende Bach der Valletta dil Uors ( Bärentäli ) ist leicht zu verfehlen. Das Tälchen ist wenig ausgeprägt, das Bachbett und auch der Waldpfad, der irgendwo daneben emporführt, sind tief unter der Schneedecke vergraben. Das Ganze macht eher den Eindruck einer Lawinenrinne. Und da soll es nun hinaufgehen! Das fängt ja gut an. Die Rinne selbst erscheint uns jetzt am Nachmittag nicht ganz geheuer. Wir sind froh, eine alte Schmugglerspur zu entdecken. Aber auch so ist der Anstieg durch den steilen Wald recht mühsam. Mit den grossen Säcken und den geschulterten Brettern kommen wir uns selbst wie Schmuggler vor. Ein gewisser Unterschied besteht aber doch. Jene schleppen sich um eines kärglichen Lohnes ab, wir zu unserem Vergnügen. Es gibt eben sehr verschiedene Dinge im Leben, um derentwillen der Mensch Schweisstropfen vergiesst. Weiter oben führen die Fussstapfen in die Talrinne zurück, wo wir die Ski wieder anhacken und nun weniger steil gegen die Grathöhe spuren können. Bei einer Holztafel, die den italienischen Talbewohnern bekanntgibt, dass der Übergang und der Warenaustausch nur durch das Zollbüro in Innerferrera erlaubt sei, überschreiten wir die Landesgrenze. Wir tun es mit gemischten Gefühlen. Zwar besitzen wir gültige Reisepässe, die uns aber nicht viel nützen würden, wenn wir einer italienischen PatruUie in die Hände geraten sollten. Wenn wir es trotzdem wagen, auf gut Glück ins verbotene Land einzudringen, so verleitet uns der Umstand dazu, dass der Zugang von Italien her sehr steil und lawinengefährlich ist. Die Carabinieri werden zu dieser Jahreszeit sicher in Campodolcino unten bleiben.

Im Schutze hoch aufragender Lärchen und an unter tiefer Schneelast gebeugten Föhren vorbei erreichen wir die Kammhöhe. Nun ist der Blick in die Valle di Lei frei. Das etwa 13 km lange Tal ist zwar nicht ganz zu überblicken. Es liegt zwischen steilen Bergflanken eingebettet, die unheildrohend über der Talschlucht ansteigen. Aber dort, weit in der Ferne, hinter aller Gefahr, erhebt sich die reinweisse, königliche Gestalt des Pizzo Stella. So beschwerlich und gefahrvoll der Weg auch sein mag, der herrliche Berg hat uns bereits mit seinem Zauberbann umfangen. Ohne Zögern wenden wir uns der nächsten Aufgabe zu, die darin besteht, auf möglichst sicherer Route ins Tal hinab zu gelangen. Der Sommerweg führt ziemlich hoch oben am Hang über die Alpen la Motta und del Crot. Wir folgen den Spuren der Schmuggler, die weit unter diesen Alpen allmählich abwärts leiten. Anfänglich geht Die Alpen — 1936 — Les Alpes.38 es noch durch lichte Baumbestände, dann aber sind offene Steilhänge zu queren, in welchen Lawinengefahr lauert und die zuunterst in felsiger Schlucht zum Wasser abbrechen. Wir vergrössern die Abstände und steigern das Tempo und sind froh, nach einer Stunde die Alp 1a Palü und damit auch den Talboden erreicht zu haben. Kilometerlang geht es nun über flaches Gelände. Während des monotonen Laufens haben wir Zeit, uns mit dem Tal näher bekannt zu machen. Noch nie waren wir bis jetzt in ein entlegenes Hochtal gekommen, das uns so totenstill erschienen wäre. Kein Tierlaut dringt an das gespannt lauschende Ohr, kein glucksendes Wasser unterbricht die Stille, ja nicht einmal einer Hasenspur begegnen wir. Das ist eine Ruhe, die fast beängstigend wird. Wir wissen, dass wir in verbotenen Gefilden wandeln, und das mag viel zu dieser eigentümlichen Stimmung beitragen. Sehr oft streifen unsere Augen die Hänge unter dem Passo di Angeloga ab, von wo wir am ehesten einen « Einfall » aus Italien zu gewärtigen haben. Dann und wann glauben wir plötzlich, einen Menschen entdeckt zu haben, aber es zeigt sich kurz darauf immer wieder, dass uns die Einbildungskraft getäuscht hat. Wir kommen an tief verschneiten Alphütten vorbei. Die Talkapelle, an der wir wenig später vorbeiziehen, ist der heiligen Anna, der Schutzpatronin der Armen, geweiht. Wir selbst finden es nicht nötig, diesen Schutz anzuflehen, denn wir kommen uns heute reicher vor als je. Die Abgeschiedenheit eines einsamen Hochtales auszukosten wie wir, ist nicht jedem Menschen beschieden, und arm sind jene zu nennen, die dieses Geschenk unserer Berge nie erleben dürfen. Der Pizzo Stella wächst immer höher empor, um die sonnenumspielte. Spitze ballen sich mächtige Wolken. Wir deuten das als gutes Wetterzeichen und begeistern uns unaufhörlich an der vielversprechenden Besteigung des Berges.

Die Dämmerung hat sich über das stille Tal gelegt. Wir sind nun besorgt, endlich ein Obdach zu finden. Bei der Alp Mulecetto machen wir endgültig halt. Ein paar kleine, offene Steinhütten üben keine grosse Anziehungskraft auf uns aus. Der einzige Bau, der noch in Frage kommt, ist fest verschlossen. Nachdem wir eine Zeitlang ohne Erfolg am Schloss « herumgedoktert » haben, entschliessen wir uns für einen etwas ungewöhnlichen Eintritt. Das Dach lässt sich leicht erklettern. Es besteht, wie alle andern des ganzen Tales, aus Steinplatten. Vorsichtig schieben wir am Giebel ein paar zur Seite und seilen uns ins dunkle Gemach hinab. Von innen lässt sich der Riegel leicht zur Seite stossen, und nun können wir uns den Raum ansehen. Als einziges Inventar stellen wir einen meterhohen Heuhaufen fest, der aber noch mit einer schuhtiefen Schneeschicht bedeckt ist. Ohne langes Feilschen mieten wir uns ein. Der Schnee wird weggekratzt, dann wird ein tiefes Loch gegraben, wo wir mit unsern Decken das Lager zurechtmachen. Beim Kerzenlicht wird auf einem Brett die Küche aufgebaut. Bald summt der Kocher das Lied von der warmen Suppe, und wenig später nisten wir uns im feuchten Heulager ein. O herrliche Romantik der Berge! Noch bist du nicht untergegangen. Noch gibt es Orte, wo wir dich in alter Natürlichkeit geniessen können. Nicht um alle Annehmlichkeiten der Welt würden wir dich preisgeben.

PIZZO STELLA.

Früh am Morgen sind wir unterwegs zur grossen Fahrt. Nach einer Stunde Flachlauf kommen wir zur hintersten Alp des Tales, Pian del Nido, 1941 m. Damit sind wir am Fuss des Stellamassives angelangt. Bis zum Gipfel sind also noch über zwölfhundert Meter zu bewältigen. Aber was bedeuten uns jetzt Zahlen! Da strebt ein Steilhang vor unseren Augen zum Himmel empor, wie man sich ihn nicht lockender vorstellen kann. Seit Jahren hat er uns beschäftigt, und nun soll alles Träumen Wirklichkeit werden.

THUSiS Welches Skifahrerherz wollte da nicht zerspringen vor Freude! Auf hochgewölbtem Steinbrückli überschreiten wir den Bach und verlassen somit die Valle di Lei, die hier in scharfem Knick gen Osten um den Gratausläufer des Pizzo Stella abbiegt. Gleich darauf stechen wir mit vollen Segeln in ein unberührtes weisses Gletschermeer. Es ist eine Lust, die Spur in den prächtigen Pulverschnee zu reissen. Über einen alten Moränenrücken steuern wir in die unterste Mulde, wo sogleich die steilen Gletscherhänge ansetzen. Der Stellagletscher hat mehrere Terrassen, die den Hang immer wieder unterbrechen und die enorme Steilheit dämpfen. Schon von der ersten hat man einen freien Blick über das ganze Tal und darüber hinaus auf den Piz Grisch, dessen felsige Kraftgestalt ein wuchtiges Gegenstück zur weissen Pyramide unseres Berges bildet. Unmerklich sind wir in die Region des ewigen Eises geraten. Die Spur führt an verschneiten Seraks und Spalten vorbei, welche da und dort die weiten Gletscherflächen unterbrechen. Wenn wir für Augenblicke rasten, gleitet das Auge über märchenhaft gleissende Firnhänge zu den schwarzen Felszacken des Pizzo Peloso-Kammes, ein dunkelblauer Himmel vollendet die Symphonie.

Eine eigenartige Begeisterung hat sich unser bemächtigt, so dass wir mit neuem Eifer den Anstieg fortsetzen. Bei Punkt 2749 m erreichen wir eine Gratschulter im Nordostkamm. Wir schauen über schroffe Felswände in die oberste Valle di Lei hinab und bewundern auf der Gegenseite des Tales die Prachtgestalten der Cima di Lago und Cima di Sovrana. Was hat es doch für herrliche Berge da hinten! Über einen jener Gletscherzüge dort drüben werden wir morgen einen Anstieg zur Cima di Lago suchen. Jetzt aber rüsten wir zum letzten Ansturm gegen die weisse Gipfelhaube des Pizzo Stella. In einer weitausholenden Kehre schneiden wir den Steilhang und spuren dann wieder auf den Nordostkamm, der von hier fort in schön geschwungener Linie gegen die Spitze ausläuft. Es ist ein Wandeln direkt in den Himmel hinein. Kurz unter dem Gipfel schärft sich der Grat zur Firnschneide und gebietet unseren Ski endgültig Halt. Bei einer Schneewehe stecken wir sie in etwas übertriebener Vorsicht bis zur Bindung in den Firn. Die dreissig Meter bis zum Steinmann geben uns zu denken. Das Firngrätchen ist nach einer Seite stark überwachtet und gegen die Valle di Lei stürzt es steil wie ein Kirchendach hinab. Wir seilen uns an. Mit dem Pickel wird Tritt um Tritt in den weichen Firnschnee geschlagen, bis auf einmal alles unter uns geblieben ist und wir beim Steinmann nur noch die unendliche Bläue über uns haben. An einem ganz klaren Tag muss die Aussicht von dieser weit gegen Süden vorgeschobenen Hochwarte unseres Alpenkammes überwältigend sein. Man müsste sicher bis gegen den Comersee hinab sehen. Heute gucken bloss die nächsten höheren Nachbargipfel aus dem wallenden Wolkenmeer heraus, während von den tiefliegenden italienischen Tälern nur ab und zu für kurze Augenblicke etwas Weniges zu erhaschen ist. In solchen Augenblicken mag es während des Schauens in unendliche Weite über dich kommen, dass du trotz der Siegesfreude, mit der du diese Bergspitze betratest, plötzlich fühlst, wie unscheinbar, wie wenig du bist vor dieser grossen Welt, die sich vor dir aufgetan hat. Wie gross kommen wir uns oft innerhalb unserer vier Wände und wie wichtig manchmal im täglichen Leben und im Umgang mit anderen Menschen vor, wie klein und unwichtig sind wir hier oben geworden. Aber vielleicht gelingt es uns, etwas von der erhabenen Grosse des Bildes aufzunehmen und im Herzen mit ins Tal und in den Alltag zu tragen. Das wäre wahrhaftig schönster Gewinn.

Während unserer Gipfelrast ist es im Süden immer lebendiger geworden. Geballte Wolkenhaufen wälzen sich an den Gratausläufern des Stellamassivs bergan, ein ganz grossartiges Schauspiel. Nur ungern reissen wir uns davon los, um über den Dachfirst der Gipfelhaube zu den Ski zurückzukehren. Dieser Abstieg in Skischuhen ist etwas heikel. In zweimaliger Seilsicherung erreichen wir die eingesteckten Hölzer und rüsten sofort zur Abfahrt.

Die ersten Bogen werden noch etwas zögernd angesetzt. Wie wir dann aber die Schneebeschaffenheit des Steilhanges kennen, werfen wir uns mit Schwung hinein. Auf gut gesetzter Unterlage liegt eine gleichmässige Neuschneeschicht, gerade fest genug, dass einem das Schwingen so märchenhaft leicht wie im Traume gelingt. Im Fluge gleiten wir hemmungslos durch die obersten Hänge und betrachten dann verschnaufend unsere « Schrift ». Dort das steil anstrebende Anstiegsgeleise, hier die geschwungene Doppelreihe der Abfahrt; die Fährten des Skifahrers, eine Freude für sich. Manchmal kommt es einem fast sündhaft vor, die reine Unberührtheit des Schnees zu zerstören. Man bleibt immer wieder stehen und erfreut sich an den Licht-und Schattenspielen der Gletscherbrüche und Mulden. Hunderte von Bogen haben wir schon in diese herrlich weissen Flächen gezeichnet, und noch ist kein Ende. Die zweite Hälfte der Abfahrt liegt noch unter uns. Um die Muskeln wieder anders zu beanspruchen, wird eine kurze Schussfahrt eingeschaltet, dann reissen wir am Gegenhang einen weit ausholenden Bogen, und zuletzt wirft sich jeder neuerdings mit jauchzender Lust in einen Slalomhang hinein.

Ihr « Nur-Pistenfahrer » wisst überhaupt nicht, was Skifahren ist, denn was ihr auf eueren glattpolierten Abfahrtsstrecken auch vollbringen mögt, es bleibt eine simple Rutscherei im Vergleich zu einer Abfahrt wie diese hier. Man ist an keine Bahn gebunden. Gelüstet einen der Hang dort rechts, dort links oder die Mulde da unten, nur immer zu, überall liegt gleichmässiges, körniges Weiss. Jawohl, ihr Spötter, der alte « Pulverschnee » lebt noch, und es gibt auch noch « Narren », die ihn suchen und zu finden wissen.

Die untersten Hänge bieten Gelegenheit zu zügigen Schussfahrten. Die Hänge gleissen in der Nachmittagssonne und werfen die brennenden Strahlen zurück, so dass wir uns wie im Backofen vorkommen. In sausender, die Stime kühlender Fahrt erreichen wir wieder die Alp. Für die Tur am nächsten Morgen wäre es praktischer, hier hinten zu wohnen, aber da auch diese Hütte verschlossen ist und wir uns auf der Alp Mulecetto ja so « heimelig » eingerichtet haben und auch im Zins nicht überfordert sind, beschliessen wir, dort hinaus zu fahren. Dann und wann blicken wir zurück auf den herrlichen Berg, der wieder gross und stolz über dem Tal und über uns Menschen zum Himmel ragt.

Tags darauf ziehen wir über die Cima di Lago ins Madrisertal und durch dieses ins Avers hinaus. Diese Fahrt steht aber auf einem anderen Blatt. Was uns dieser und der kommende Winter auch bringen mögen, nichts kann den unvergesslichen Eindruck verwischen, den uns die gelungene Osterfahrt auf den Pizzo Stella hinterlassen hat.

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