Plankengrat und Bärengruhe

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Plankengrat und Bärengruhe Erinnerungen aus den Jahren 1832 und 1834.

Von Zell er-Homer.

I. Der Plankengrat bei Engelberg.

So heisst ein Theil der schroffen Felskette, die sich bei Engelberg oberhalb des Horbisthälchens von den Wallenstöcken bis zum Engelberger-Rothstock erstreckt. An diesen Grat oder eigentlich die südlich abfallende Wand desselben knüpft sich für mich eine etwas unheimliche Erinnerung aus dem Jahre 1832, wo ich durch die freundliche Einladung des Herrn Hirzel-Escher von Zürich veranlasst wurde, diesen ausgezeichneten Bergsteiger auf einer Alpenwanderung zu begleiten. Er hatte dabei in erster Linie im Sinne, in möglichst gerader Richtung von Zürich nach Engelberg über die Kette des Brisen und der Walenstöcke zu gelangen.

Von einem Träger aus Zürich begleitet, stiegen wir über die aussichtsreichen Alpen von Beckenried hinauf und übernachteten in einer Hütte auf der Steinalp am Brisen, unweit des sogenannten « Waldbruders », einer isolirten sonderbaren Felsgestalt, welche in der Dämmerung geisterhaft auf uns herabschaute. Am folgenden Morgen, den 13. August 1832, gingen wir über die Alp Sinsgau nach der Bannalp, einem hochgelegenen Gebirgskessel zwischen den Wallenstöcken, dem Buch-stock und Kaiserstuhl.

Bei der dortigen Hütte « Reckholdern » ( 1890 m ) sahen wir gegen Süden eine hohe Einsattlung in der Wallenstockkette, welche zu dem beabsichtigten Uebergang nach Engelberg geeignet schien, obschon die Sennen nichts Näheres darüber zu berichten wussten. Zwei derselben fanden sich aber bereit, uns zu begleiten, wovon der Eine seinen Hund mitnahm. Nach 272stün-digem Steigen über Geröllhalden, Felsabsätze und Schnee erreichten wir den Grat ungefähr an der Stelle 2417™ zwischen dem Rigidalstock2644 m ) und dem Schynberg oder Laucherstock ( 264 lm ), wo unsere Mühe durch die plötzliche und prachtvolle Ansicht der Engelbergergebirge und eines Theils der Berneralpen belohnt wurde.Vor Allen stellt sich da der Titlis vom Scheitel bis zum Fusse so imposant dar, wie ich ihn von keinem andern Standpunkte schöner gesehen habe. Zugleich machen wir aber die unliebsame Entdeckung, dass die jenseitige Gebirgswand, wo wir hinuntersteigen wollten, so steil abgerissen ist, dass es in Frage kommt, ob es nicht besser wäre, nach der Bannalp zurückzukehrenHöchster Punkt des Plankengrates der Excursions-karte.Anm. d. Red. und mit Umgehung der Walenstöcke auf einem Umweg von mehreren Stunden nach Engelberg zu gelangen.

Der jüngere der beiden Hirten will aber vorher doch noch eine Rekognoszirung vornehmen und verschwindet bald unter vorspringenden Fluhsätzen vor unsern Augen. Nach einer halben Stunde erscheint er wieder mit dem Bericht, er sei zwar nicht ganz unten gewesen, glaube aber, wir dürften es probiren. Nach kurzer Berathung wird beschlossen, es zu wagen. Nur der ältere Hirt erklärt rundweg, er fürchte sich da hinunter und bleibt oben zurück.

Das Kalkgebirge, zu dem die ganze Gruppe der Engelbergeralpen gehört, zeigt im Gegensatz zu den pyramidalen Abhängen der Granitberge sehr steile, oft senkrechte Wände, welche unterhalb der Schneeregion stufenweise mehr oder weniger von Grasbändern, den sogenannten Planken, durchzogen sind. Daher führt auch der Grat, auf dem wir uns befanden, den bezeichnenden Namen Plankengrat. Eine so beschaffene Wand hatten wir nun zu passiren und es zeigte sich bald, dass die Grasstellen oft nur handbreit und sehr abschüssig waren, so dass wir uns beständig mit den Händen theils an Grasbüscheln, theils an Felskanten halten mussten und nur sehr langsam im Zickzack vorwärts rückten, wobei die Bergstöcke nicht nur überflüssig, sondern sogar hinderlich waren. Zum Glück kamen mir meine frisch mit tüchtigen Kopfnägeln beschlagenen Schuhe wohl zu statten und die Zuversicht des mir nachfolgenden geübtem Gefährten hielt meinen Muth aufrecht. Schwierigem Stand hatte unser Träger mit seinen schlecht genagelten Schuhen und öfter musste der Führer dessen Tritte mit angestemmtem Stock sichern, was erstem aber nicht hinderte, unsere Lage mit unverwüstlichem Humor einigermassen zu erheitern. Am schlimmsten kam der treue Hund fort, der seinem Meister zaudernd und unsicher von Absatz zu Absatz folgte.

Wir mochten etwa einen Drittheil der Höhe zurückgelegt haben, als ein Angstruf ertönt, und wie ich mit Entsetzen abwärts blicke, wähnend, es sei einer der Gefährten gestürzt, sehe ich einen dunkeln Knäuel in der Luft. Es war der arme Hund, welcher, einen Sprung verfehlend, in den Abgrund hinausgeschleudert wurde. Noch einmal an einem Vorsprung aufprallend, verschwand er in einem zweiten Bogen in der Tiefe. Einige Augenblicke blieben wir wie gebannt, denn der Gedanke, beim ersten Fehltritt ein gleiches Loos zu finden, beklemmte wohl Jedem die Brust. Schweigend aber mit verdoppelter Vorsicht ging es weiter, und endlich zeigte sich zur Linken die Möglichkeit, auf eine Schutthalde hinabzukommen, welche uns, obwohl noch steil genug, so gut wie eine Landstrasse vorkam. Nicht weit davon fanden wir die Leiche des Hundes am Fusse der Felsen im Blute liegend.

Von den Sennen in der Plankenalp, wo wir uns mit Alpenkost erquickten, erfuhren wir, dass sie uns schon oben auf dem Grat gesehen und mit Winken und Rufen hätten belehren wollen, mehr rechts gegen den Rigidalstock zu halten, wo eine gangbarere Stelle sei. Leider hatten wir diese Warnung auf die zu grosse Entfernung nicht verstanden. Unser Begleiter aus der Bannalp zögerte nicht lange, den Rückweg anzutreten ) und wir sahen zu unserm Erstaunen, wie er unterwegs den todten Hund auf die Schultern lud und mit dieser nicht geringen Bürde wieder die nämliche Wand hinauf zu seinem harrenden Kameraden in Zeit von einer Stunde stieg, eine Höhe von etwa 400`n, welche uns beim Abstieg volle 2 Stunden gekostet hatte.

In Engelberg wollte man unser Abenteuer kaum glauben, bis der alte Maurus Imfanger, damals der beste Jäger ^und Führer im Thal, bestätigte, dass er gleichzeitig von dem gegenüber liegenden Berge aus alle unsere Bewegungen beobachtet habe. Er nannte jene Wand das « Laucherband » wegen dem dort vorkommenden wilden Lauch und sagte, dass wir mit kundiger Führung durch den sogenannten« Schlittkuchen », eine mehr östlich zwischen dem Laucherstock ( 2641m ) und dem Ruchstock ( 2812 m ) befindliche Runse leichter hinabgelangt wären. Nicht um einen Louisdor hätte er uns über das Laucherband hinabgeführt.

Nach einer solchen Vorübung kam mir die damals noch selten unternommene Besteigung des Titlis leichter vor, als ich beim ersten Anblick dieses Berges geglaubt hatte, jedoch flösste mir der Anblick der Gletscherregion, welche ich bei diesem Anlass zum ersten Mal betrat, grossen Respekt ein. Unter Führung des Maurus Imfanger erreichten wir am 15. August 1832 den Nollen beim günstigsten Wetter, was mir erlaubte, mit einem Aufenthalte von drei Stunden ein Panorama zu entwerfen, welches nachher im Verlag von Heinrich Keller in Zürich erschienen ist. Den Rückweg nach Engelberg nahmen wir etwas vom gewohnten Wege abweichend über die steile nördliche Kante des Läuber- grats. Bei einer 2. Besteigung des Titlis, welche ich im folgenden Jahre in Gesellschaft von Herrn Professor M. Ulrich ausführte, war die Luft nicht hell genug, um das noch mangelnde Stück in meiner Zeichnung, nämlich die Aussicht ins flache Land, zu ergänzen. Schon im Jahre 1819 soll Maler Birmann von Basel eine Gebirgsansicht vom Titlis gezeichnet haben. Das früheste Gebirgsprofil von diesem Standpunkt hat aber der geniale Ingenieur Müller in Engelberg zum Behuf seiner Reliefs aufgenommen. Wir besuchten damals den schon 80jährigen Greis und ich erinnere mich recht gut, jene Zeichnung nebst vielen Andern bei ihm gesehen zu haben. Das neueste Panorama vom Titlis befindet sich in der grossen Sammlung unseres hochverdienten Herrn G. Studer, welcher dasselbe im Jahr 1864 mit geübter Hand und gründlichster Gebirgskenntniss verfertigt hat.

IL Gang über die Bärengrube.

Der Sommer 1834 führte mich wieder nach Engelberg und zwar über den Urirothstock, dessen herrliches Panorama sich in ungetrübtem Glänze vor mir entfaltete. Ich bestieg denselben am 6. August vom Kleinthal aus, überschritt den Blümlisalpfirn und erreichte durch den Engpass « im Thor » am Fusse des Schlossstockes ( 2760 m ) und die Lücke bei 2706 m am Fuss des Engelbergerrothstocks die Plankenalp und Engelberg, eine mühevolle aber höchst lohnende Wanderung.

Der 7. August 1834 war ein regnerischer unfreundlicher Tag, ganz geeignet zu einem Rasttag, den ich um so nöthiger hatte, als es mir in Folge der gestrigen anstrengenden Partie auf den Urirothstock etwas unwohl war. Demungeachtet bestellte ich mir den erprobten Gletschermann Maurus Imfanger, um mich am folgenden Morgen über den Grassen in 's Mayenthal zu geleiten. Er war einige Tage vorher mit den Herren Hirzel-Escher und Arnold Escher v. d. Linth von Zürich, ohne Zweifel den ersten Touristen, welche diesen Pass betreten haben, hinüber gegangen, hatte aber den Gletscher viel schlimmer gefunden als früher. Von herrlich schönem Wetter begünstigt, rückten wir den B. August Morgens in aller Frühe wieder gegen die Gletscherregion an, meinerseits zwar noch etwas müde, doch vertrauend auf die stärkende Bergluft, und erreichten nach -l'/îstundigem Gange den Fuss des Gebirgs unweit der Herrenrüti.

Grassen heisst der begletscherte Kamm zwischen dem Titlis und den Spannörtern, welcher sich von Engelberg aus gesehen so imposant darstellt und durch dessen tiefste Einsattlung, die sogenannte Bärengrube ( 2718 m ), der Pass geht. Noch nie bin ich so steil angestiegen, wie hier die ersten zwei stunden, Anfangs auf Rasen, nachher über Felsen bis zum Gletscher.

Auf einem vorragenden Felskamm, der sogenannten Scheidegg, ruhten .wir aus. Man übersieht hier das ganze Engelberger Thal mit allen seinen Gebirgen, worunter sich besonders der Titlis auszeichnet, welcher ganz nahe mit seinen Ungeheuern Wänden aus dem Firnalpeligletscher aufsteigt. Ferner ist der Anblick der links und rechts zu Thal gehenden zerrissenen Gletscher und der über nahe Eiswälle emporragenden Riesensäulen der Spannörter ausserordentlich und unvergesslich. Bald betraten wir die- Eegion des Winters, den Grassenfirn, welcher breit und mächtig den wilden Bergrücken deckt. Der Schnee war hart und die Spalten, unter denen es einige gab, in die man Häuser hätte versenken können, meist offen, so dass wir denselben ohne Gefahr .ausweichen oder sie überschreiten konnten. Eine Stunde braucht man über den Gletscher bis zur Höhe des Passes, genannt Bärengrube. Welch'ein Schauspiel eröffnet sich da vor den erstaunten Blicken! Man stelle sich einen Engpass zwischen zwei aus dem Eise sich erhebenden Felsklippen vor, etwa 40 Schritte breit. Ungeduldig, die Höhe zu erreichen, verdoppelt man seine Schritte und mit Einem Male fesseln zwei himmelhohe Pyramiden, der Fleckistock ( 3418 m ) und das Sustenhorn ( 3512 m ), welche mit Gletschern belastet aus dem Meyenthal sich erheben, die Blicke. Nur ungern wendet man sie dann in die nahe düstere Tiefe der Kleinalp, eines Seiten-zweiges des Meyenthals, wobei man unwillkürlich an das befürchtete Hinabsteigen denken musi. Auf einem aus dem Schnee ragenden Felsen ( 2718 mü. M. ) hielten wir ein frugales Mal. Nachher zeichnete ich schnell jene prachtvollen zwei Gebirge, von deren Anschauung ich mich kaum trennen konnte. Diese, das Thal und die kühnen Felsgestalten des Grassen im Vorgrund, bildeten ein Gemälde, wie ich noch keines von solcher Erhabenheit gesehen hatte und ich bedauerte sehr, wegen der ungeheuren Blendung nicht länger arbeiten zu können Mein Gemsjäger mahnte zum Aufbruch, denn noch war das Schwierigste, das Hinabsteigen über den Kühfadfirn, zu bestehen. Der Anblick der in mehreren Wällen steil sich hinabsenkenden Gletscher war wirklich nichts weniger als lieblich. Gleich Anfangs war da eine Schneeschanze, einem jähen Dache gleich, so dass es Imfanger endlich gerathen fand, sein Seil anzuwenden und mich sachte daran hinabzulassen. Einige Schritte tiefer rief ich ihm zu, mich nur fahren zu lassen, und glücklich Schoss ich, den Stock rückwärts fest an den Leib gedrückt, auf den unten liegenden ebenen Absatz. Er selbst folgte wohlgeübt auf gleiche Weise. Dann ging es vorsichtig weiter von Abhang zu Abhang, bald links bald rechts Spalten ausweichend, bald welche überspringend. Am schwierigsten ist es immer, vom Gletscher aufs feste Land zu kommen, weil dort das Eis gewöhnlich in allen Richtungen zerspalten ist und man oft nur auf schmalen Verbindungen zwischen gähnenden Schrunden durchkommen kann. Auch das wurde glücklich zurückgelegt und endlich nach lustiger Rutschfahrt über blossen Schnee befanden wir uns wieder auf Felsengrund. Aber noch war nicht zu spassen, sondern ruhig und langsam hiess es hinabsteigen über die gähe Hauptwand des Gebirges. Doch zeigte sich bald wieder Rasen und tiefer folgten Heidelbeerstauden, woran man sich halten und zugleich mit den schönsten Beeren den Durst löschen konnte. Den 150 Zeller-Horner. Plankengrat und Bärengrube.

Abstieg von der Höhe des Passes bis zur Kleinalp legten wir in einer Stunde zurück. Hier ist eine wilde, öde Gegend; grosse Schneelager bedeckten noch den Thalbach an seinem Ursprung.

Es war erst Mittag, ganz nahe lag die Sustenstrasse, so dass es mir leicht schien, den gleichen Tag noch bis Gadmen zu gelangen, von wo ich hinüber ins Melchthal zu gehen gedachte.Von der Kleinalp bis auf die Höhe des Sustenpasses brauchten wir 21/a Stunden und rasch ging es nun thalabwärts, am Steingletscher vorüber, der damals bis hart an die Strasse vorgedrungen war, nach Gadmen und in das bescheidene Wirthshäuschen von Nessenthai, wo ich mein Nachtquartier bezog. Gegen alle Erwartung regnete es am folgenden Tage. Ich verabschiedete daher hier meinen treuen Führer, welcher über das Joch nach Engelberg zurückkehrte, während ich über Meiringen und den Brünig der Heimat zueilte.

Unter den wenigen Clubisten, welche später den Grassen überschritten haben mögen, war auch Herr Finninger von Basel im Jahr 1851. Den englischen Touristen ist dieser Pass erst seit Anno 1864 bekannt geworden und wird nun in neuerer Zeit als kürzester Uebergang von Engelberg nach Wasen häufiger unternommen.

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