Pyramiden

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1Popócatepetl

2 Die Pyramide von Teotihuacân - ein Berg von Menschenhand

Photos Alfred Bollinger, Meilen

-HZeit, bis ich die schmerzhaften Stacheln aus der Hand und einem Hosenbein gezogen habe. Schliesslich aber erreichen wir die Gärten. Lustig sprudelt das kleine Bächlein ins Tal hinab. Im Schatten eines grossen Baumes verrichtet, auf einem Teppich kniend, ein frommer Muselman seine Gebete. Ein Knabe reitet auf seinem Esel vorbei und begleitet uns ins Dorf hinunter.

Unser Auto haben wir bei dem aus Lehm und Stein erbauten Haus einer freundlichen Familie hingestellt. Kaum dort angekommen, reicht uns der Familienvater Becher mit verdünntem Zitronensaft. Wir können nur mit den Augen danken...

Pyramiden

Alfred Bollinger, Meilen Menschen können Berge ersteigen und Berge erschaffen Die Sonnenpyramide von Teotihuacân, dem Ort, an welchem die Götter vom Himmel stiegen, ist ein Berg. Die Steinstufen, die zu ihrem Gipfel führen, sind zuerst breit wie zehn Lanzen, verjüngen sich dann von Absatz zu Absatz und scheinen kurz vor der Spitze in die Wolken zu münden. Kein Wunder, dass die Azteken, die mehrere hundert Jahre nach den Teotihuacanos lebten, annahmen, die Pyramide sei von Zyklopen geschaffen worden. Das Rad war damals nur an Spielzeugen bekannt. Die Sonnenpyramide ist ein Berg von Menschenhand.

Die mexikanischen Pyramiden wurden nicht wie die ägyptischen als Grabstätten erbaut, sondern als Berge, die den Tempel tragen. Auf der Gipfelplattform errichtet, überragt das Heiligtum die Wohnstätten, trennt das Sakrale und das Profane und verbindet beide durch eine himmelwärts strebende Flucht von Steintreppen. Auch die gefiederte Schlange, das strahlungskräftigste Symbol der mesoamerikanischen Kulturen, verkörpert diese Verbindung zwischen Himmel und Erde. Der Weg auf den Stufen der Pyramide gleicht dem Weg des Bergsteigers inmitten einer Wand, irgendwo an einem zerhackten Grat. Es ist das Gefühl des Schreitens, des « Auf-dem-We-ge-Seins », das die langgliedrigen Figuren Alberto Giacomettis vermitteln. Während des Gehens wechseln die Perspektiven. Der Horizont weitet sich. Dem Erreichen des Ziels, des Gipfels oder des Tempels, kommt nur sekundäre Bedeutung zu. Das Klimmen in Fels und Eis, das Suchen nach dem Weg, der Weg selbst ist entscheidend.

Wie die Vulkane Citlaltepetl und Popócatepetl waren die ältesten Pyramiden rund. Herausge-sprengt aus einem See erstarrter Lava, die in historischer Zeit aus dem Mund des Xitle, eines kleinen Nebenkraters, geflossen ist, erhebt sich die runde, archaische Pyramide von Cuicuilco am Rande der Siebenmillionenstadt Mexico. Erst in einer späteren Epoche nahmen die künstlichen Berge stilisierte Formen an. Sie wurden quadratisch oder rechteckig. Sie wuchsen an Grosse. In Cholula steht eine spanische Kirche auf der Spitze einer mächtigen Pyramide, die weit die Hochebene überragt.

In der altindianischen Sprache Nahuatl heisst Popócatepetl der rauchende Berg. Neben ihm liegt, in ihrer Silhouette einer Frau gleichend, Ixtaccihuatl, die weisse Prinzessin. Die beiden Riesen bewachen die Hauptstadt Mexico: Popócatepetl, die männliche Pyramide, Ixtaccihuatl, die verzauberte Frau.

Mit einem verlotterten Taxi rattern wir zum Paso Cortes zwischen den beiden Vulkanen. Die staubige Fährte ringelt sich durch lichte Föhrenwälder. Auf dieser Strasse zog einst Hernân Cortes, der spanische Eroberer, mit Pferden und Musketen gen Tenochtitlan, die Aztekenmetro-pole, welche, einer Spinne gleich, inmitten flacher Seen sass. Arme und Beine bildeten mächtige Dämme. Röhren leiteten Frischwasser in die Stadt, aus welcher sich drohend der Tempelbezirk erhob. Menschenblut, das den Göttern dargebracht wurde, klebte an den Spitzen der Pyramiden. Weiter holpern die Räder, Staubfahnen wehen hinter uns. Erinnerungstafel an Hernân Cortes. Verdächtiger Dampf entsteigt dem Kühler, als wir höher kurven und in den Bann des rauchenden Berges geraten.

Am Ende der Strasse. Schatten des verlöschenden Tages. Die letzten Strahlen der Sonne verglühen violett auf den Firnfeldern des Vulkans. Mit zwei mexikanischen Studenten stapfen wir in tiefer Asche zu einer Rippe, die in elegantem Schwung, unterbrochen durch rotschwarze Lavatürme, zu einem Vorgebirge führt. Dahinter soll sich eine Biwakschachtel verbergen.

Steigen auf dem Grat zwischen zwei Hochebenen, die im Abendlicht verdämmern. Unermess-liches Land, wie das Meer von Wellen zerfurcht. Die Nacht hüllt uns in ihr schwarzes Gewand. Sterne erfunkeln, in der indianischen Mythologie die Seelen verstorbener, besonders tapferer Krieger. Auf Tuff tönen Schritte wie auf Kacheln. Tief unter uns dehnen sich zwei Lichtermeere, getrennt durch den Grat: Mexico zur Rechten, ein Funkeln und Blinken ohne Ende, Zeugnis der neuzeitlichen Schaffenskraft der Mexikaner, welche die moderne Technik annehmen, schonungslos verwirklichen und die altindianischen Formen und Lebenselemente dazumengen zu einem gärenden Teig; Puebla zur Linken, übersehbares Lichterfeld, Stadt, die erst aus ihrem kolonialen Leben erwacht. Oben wirkt der Mond ein geheimnisvolles, mattgelbes Seidentuch auf den Firn des Vulkans. Drei bizarre Türme ragen in den Horizont. Windstille. Wir sprechen wenig. Traverse in das Couloir, das zwischen Hauptmassiv und Grat herabzieht. Stolpern auf losem Gestein und auf Asche, scheinbar endlos. Kollernde Brocken, noch mehr geborstener Fels, noch mehr Asche. Dünne, aber herrlich kühle Luft. Da, ganz plötzlich, die Tonne. Wie ein Diogenes-Fass lehnt sie sich an die Schulter des Berges. Wir kriechen hinein. Mont-Blanc-Höhe. Nackte Planken als Lager. Windstösse erschüttern die Schachtel.

Wir plaudern über nahe und ferne Berge, über die Alpen und über die Vulkane Mexicos, dann über die Anden, die wir nicht kennen, noch nicht kennen - so hoffen wir. Bergsteiger aller Länder sprechen dieselbe Sprache, dieselben Dinge bevölkern ihr abenteuerlustiges Gehirn. Grate und Wände, Freunde, Werkzeuge - da gibt es eine Vielfalt von Haken, Karabinern, Seilen, Steigeisen, Biwaksäcken - Gewitter, Freude und Stolz über gelungene Fahrten, Tod beim Klettern und im alten Mexico. Die Suppe, die unsere Kameraden brauen, spendet Wärme für zwei weitere Stunden. Wir erzählen von unserer Bergheimat, dem Fählensee, in welchem sich Weiden und Wände spiegeln. Dann wälzen wir uns fröstelnd auf den harten Brettern, bis der erste Schimmer des neuen Tages durch die Luke rieselt. Steife Glieder. Bodennebel treiben über den hochgelegenen Sattel. Vor uns schwingt sich ein trapezförmiger, gerippter Firnhang himmelwärts, ein weisser Sektor der Kegeloberfläche des Vulkans. Drüben schläft Ixtaccihuatl. Sie träumt in die Morgenstunde hinein.

Einige Krumen trockenen Brotes und etwas Käse. Dann schnallen wir die Steigeisen an, ergreifen die Pickel, und los geht 's, Schritt für Schritt, Stufe um Stufe wie auf der Treppenflucht der Pyramide von Teotihuacân. Im steten Rhythmus des Gehens denken wir an jene fürstlich gekleideten jungen Menschen, die mit gemessenen Schritten die Stufen der Pyramide emporstiegen, ihre Tonflöten zerbrachen und oben im Tempel den Göttern geopfert wurden. Grauen-volle Sitte, entsetzlich vor allem in ihren Auswüchsen, als Bataillone gefangener Krieger unter dem schwarzen Obsidianmesser der Priester verbluteten. Die mythologischen Gedanken aber, die dem Menschenopfer zugrunde lagen, sind faszinierend. Die Menschen mussten etwas Lebendiges opfern, ihr schlagendes, mit Blut gefülltes Herz, um den Gestirnen ihren Lauf zu sichern. Nach altindianischer Sage war die Sonne dadurch entstanden, dass sich ein Gott ins Feuer warf und, in eine Glutkugel verwandelt, dem Erdenrund leuchtete. Die Opfer waren für den Gang von Sonne, Mond und Sternen, für das Leben von Göttern und Menschen notwendig.

Mit dem Kürzerwerden der langen Schatten auf dem Hochplateau verschwinden mythologische Gedanken. Die Weite der unter uns liegenden, unendlichen, gelbbraun gebrannten Landschaft umfängt uns, verdichtet sich zu einem glücklichen Gefühl der Freiheit, zu einem körperlichen Empfinden der Unermesslichkeit des Landes. Der Hang ist steil. Schwefeldämpfe streichen vom Gipfel herab. Noch weit unter dem Kraterrand befällt uns eine eigenartige Euphorie. Der Höhenmesser zeigt 5200 Meter. Alle paar Schritte setzen wir uns in den Schnee und lachen. Höhenrausch. Erinnerung an Erzählungen aus dem Himalaya. Auch hier wäre stundenlanges Schnüren der Schuhe möglich. Mühsam reissen wir uns immer wieder hoch. Da - in Türmchen zerhacktes Eis, ein Gletscherlabyrinth en miniature, dann schwarze Asche, der Krater. Wir lassen uns auf den warmen Boden fallen und dösen. Ein Traum, der uns später zu Hause erfreute, war zum erstenmal da: das Glücksgefühl, in die Weite des mexikanischen Hochlands hinauszublicken.

Eine volle Stunde später. Wir reiben die Augen. Ein fast ängstliches Wo. Da senkt sich der Blick in den Schlund des Kraters, dem schweflige Dämpfe entquellen. Der Grund ist giftig grüngelb gefärbt, eine stinkende Hexenküche. Die steil abfallenden Flanken des Runds schimmern rötlich. Der Gipfel ist zum Greifen nahe. Nur 50 Meter fehlen. Trotzdem minutenlanges Zögern, bis wir uns aufgerappelt, den brummenden Schädel gezwungen haben, die Beine in Gang zu setzen. Gefühl wie auf einer Berg- und Talbahn. Der Kraterrand schwankt und schaukelt.

Auf dem Gipfel des Popócatepetl. Kumuli säumen die Spitze. Zwischen zwei Wolkentürmen ragt einsam der Citlaltepetl, auch er eine Pyramide, erhaben und rätselhaft. Fast mechanisch einige Aufnahmen. Der Ultraviolettfilter der Kamera fällt in die Asche. Der Kopf ist so trunken von Gipfel und Höhe, dass ich mich nicht danach bücke. Bleibe er dort. Ein kleiner Obolus an den rauchenden Berg, fast so naiv dargebracht wie die Geldstücke, welche die Touristen in die Fontana di Trevi werfen. Tiefertaumeln auf dem Kraterrand. Abstieg. Verstohlene Blicke in den Trichter, in dem Dämpfe aus der heissen Erde steigen. Gedanken an jene Neujahrsnacht voll Feuer auf Stromboli, als Flammengarben wie aus einem Fa-kirmund schössen, als die Lava zuerst hellgelb und dünnflüssig niederrann, dickflüssiger wurde und gleich einer dunkelroten Schlange tiefer kroch. Und dann die zischende und brausende Vereinigung von Feuer und Wasser, der schöpferische Kontakt zweier wesensfremder Elemente. Glühende Geburt der Erde, Geheimnis der ersten Tage, wach an jedem Vulkan. Mexico ist ein Land, in welchem sich plötzlich Ackerfurchen öffnen und ein neuer Vulkan entsteht. Man denke an den Paricutin. Erde, die dem Ringen um neue Berge noch nicht entsagt hat, junge sengende Erde.

Tiefersteigen auf steilem Firn, dann Tieferglei-ten in der Vulkanasche. Schwarze Felder, stiebende Fahne. Erst bei den drei Kreuzen, um die sich halbverdorrte Blumen ranken, stehen wir still. Der Höhenrausch ist vorbei. Ruhige, klare Gedanken. Wir blicken zurück. Asche, Firn und dampfender Kraterrand.

Pyramide des Popocatepelt und Sonnenpyramide von Teotihuacân - Stätten der Feuergeburt. Rote Erde im Krater des Vulkans, Schmetterlinge als Symbole der Flammen auf dem Tempel-fries. Am Ende des 52jährigen Zyklus des meso-amerikanischen Kalenders wurde in den indianischen Häusern und Tempeln das Feuer gelöscht. Frauen und Kinder wurden eingeschlossen, Schwangere in tönernen Maisgefässen versteckt, während eine Prozession von Priestern in finsterer Nacht den Berg Huixachtecatl erklomm. Oben entstand das neue Feuer, das mit einem Quirlbohrer entzündet wurde, und glomm als Lebensfackel über dem Hochland von Mexico. Nun wusste man, dass die indianische Welt fortbestehen würde, und konnte das Feuer hinab zu den Herdstätten tragen.

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