Rosengartenspitze-Ostwand

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VON MAX PERRET, RORSCHACH

Wir waren zu viert in die Dolomiten gefahren. Wohldurchdacht waren unsere Pläne. Es sollte alles zum Klappen kommen Als Ziel pickten wir aus den mit stolzen Gipfeln und Graten reich gesegneten Dolomiten die Rosengartengruppe heraus. Trotzdem wir durch unsere Taten keinen Zeitungsreporter bewegen können, keine Neutouren ausführen und keine Holzkeile im Rucksack herumtragen, fühlen wir uns doch nach gelungener Tour 3. oder 4. Schwierigkeitsgrades wie die Könige. Darum ist es auch begreiflich, dass in meinen Büchern Walter Pauses Buch « 100 Genussklettereien in den Alpen » einen gebührenden Platz einnimmt. Es liess uns die Dolomitenfahrt vornehmen und wurde in meinem Rucksack mitgeführt. Fast erregend lassen sich diese Bilder anschauen

Stolz erheben sich die Vajoletts in den blauen Himmel. Welch luftige eindrucksvolle Kletterei an der Delago-Südostkante. In dieser relativ kurzen Gratbegehung ist alles enthalten, was sich ein Kletterer wünscht. Und nachdem uns diese Premiere gelang, wuchs unser Selbstvertrauen beim abendlichen Zusammensein in der Hütte erheblich: Die weitern Routen an den Türmen verloren infolge ihrer Kürze an Bedeutung, und ein neues Bild, die Rosengartenspitze-Ostwand, rückte immer mehr in den Vordergrund. Wohl wagten unsre Frauen bei der Besprechung gelegentliche Einwände vorzubringen, aber angesichts der Beschreibung im erwähnten Buche, das diese Route mit einem 4. Grad taxiert, schwanden diese Bedenken wie der Vino rosso in den Gläsern. So verteilten wir unsere Lasten, indem unsre Frauen alles Nötige für eine Schönwettertour auf den Santnerpass zu tragen hatten, wo wir uns auch auf etwa 3 Uhr nachmittags verabredeten, derweil wir die weitern Lasten uns aufbürdeten.

Ein prächtiger Morgen und grosser Tatendrang lassen uns die Strecke bis zum Einstieg in knapp einer Stunde zurücklegen.

Eindeutig, glauben wir, liegt der Beginn der Kletterei vor uns, und doch lassen sich die sonst üblichen Spuren vielbegangener Routen vermissen. Etwas zähe bewältigen wir die erste Wandstufe.Viel loses Gestein und Sand liegt auf den Felsen. Mein Rucksack wird erbarmungslos durch Risse und Kamine gequält. Schon ist eine Stunde verronnen. Luftig ist der Ausblick auf die gewundenen Wanderwege und Gasthäuser hinunter. Noch liegt der grösste Teil der Wand vor uns. Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Es ist so ganz anders als in den Vajoletts! Ist es wohl ein wenig Angst, die mich erfasst? Keine abgegriffenen Steine, keine Papierfetzen und Sicherungsspuren, gar nichts bestätigt, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Im Gegenteil garnieren noch die letzten Edelweiss die Bänder, die sich durch die Wand ziehen. Wir sind auch gar einsam... Wollen wir wieder zurück? Noch wäre es möglich! Aber jetzt schon klein beigeben? Man liest doch so viel von harten Alpinisten, bei denen solche Situationen alltäglich sind, und die erst nach überstandenen Schwierigkeiten die grosse Befriedigung verspüren! Also weg mit Gedanken der Schwäche...

Seillänge um Seillänge distanzieren wir uns von den grüngelben Alpen. Genussvolle Klettef stellen lassen uns die Zeit vergessen. Der Stein ist warm, die Sonne scheint trotz Septemberende noch recht kräftig. Lustig gluckst ein Rest in meiner Feldflasche. Das Nylonseil geht durch meine Hände, während meine Augen sich an den vielen Bergen dieser prächtigen Landschaft sattsehen; im Hintergrund als markante dunkle Wand die Marmolata.

Nach der Buchbeschreibung sollte als Merkmal für den Einstieg in den sog. Schnitzelriss ein ovales Loch anzutreffen sein, das durch einen 30-m-Riss und ebenso langen Quergang erreicht wird. Soweit sollten wir nun sein. Und wirklich, etwa 10 m links ist tatsächlich dieses ovale Loch erkennbar.

Ich steige in etwas brüchigem Gestein zu dieser Höhle hinauf und lasse meinen Kameraden nachkommen. Bequem sitze ich in diesem Biwakloch und denke mir, dass dies noch die letzte Rast vor dem als am schwersten bezeichneten « Schnitzelriss » sei. Was nachher folge, sei leichte Blockkletterei bis zum Gipfel.

Nur sonderbar, dass das spärliche Gras so unzertreten ist! Ist es doch leider so, dass meist solche Sicherungsplätze mit Papier, Orangenschalen, Büchsen und Zigarettenstummeln gekennzeichnet sind. Aber keine Spur deutet hier auf eine menschliche Begehung hin. Verdammt, wir haben uns doch nicht etwa verstiegen? Während Hans nachfolgt, passiert und den angeblichen Riss zu bewältigen sucht, zerre ich in aller Eile wieder das Buch aus dem Sack. Deutlich steht hier wieder: Riss... Quergang, Loch... Schnitzelriss und Ausstieg in den Kessel! Gibt's womöglich noch ein anderes Loch? Vielleicht weiter oben, links oder rechts?... Ich höre, wie mein Gefährte einige nicht ganz salonfähige Wörter ausstösst... Anscheinend treibt er einen Haken in das brüchige Gestein. Steine sausen in die Tiefe, und plötzlich pfeift auch noch der Haken an meinem Ausguck vorbei. Hans kommt nach langer Zeit zurück und meint, dass wir uns verstiegen hätten, denn an ein Weiterkommen sei gar nicht zu denken. Auch er schaut ins Buch.. und probiert 's noch einmal... um endgültig zurückzukehren. Unser Latein ist zu Ende. Und die Frauen warten auf uns... Vielleicht diskutieren sie schon, welche feine Suppe sie zu unserer Rückkehr bereitstellen wollen... Fast mit Neid streifen meine Augen über die herbstlichen Weiden in der Tiefe, wo friedlich die Kühe weiden und vereinzelte Berggänger die Ruhe und Abgeschiedenheit, fern unserer hastigen Zeit, geniessen.

An ein Zurück ist gar nicht mehr zu denken, zu viele heikle Passagen liegen hinter uns. Und zudem befinden sich die wenigen technischen Hilfsmittel in den Säcken und warten auf ihre Besitzer. Also kommt Abseilen auch nicht in Frage. Unheimlich, was in solchen Momenten einem alles durch den Kopf schwirrt!

Hans steigt rund 10 m wieder hinunter. Ich folge ihm vorsichtig nach, steige an ihm vorbei und quere auf die Gegenseite. Und siehe da: Der solide Stein gibt mir das fast verlorene Vertrauen zurück und damit auch wieder den notwendigen Auftrieb! Und bald höre ich das wohlbekannte: Seil aus. In gewohnt sicherer Art folgt Hans nach. Mein Kamerad führt die nächste Seillänge. Ich komme nach, und er begrüsst mich mit zufriedenem Lachen, vor dem Einstieg in den Schnitzelriss stehend. Ja, das ist etwas anderes! Meine Augen erkennen mit Befriedigung den festen Haken. Auch ein Zigarettenstummel liegt da. Jetzt ist das Klettern wieder ein Spass! Bald folgt der Spreizschritt hinüber in den Kessel, der sich bis zum Grat hinaufzieht. Die Wand liegt hinter uns. Sie hat uns lang geprüft. Klein und hilflos waren wir ab und zu darin...

Noch die letzten Schritte zum Gipfel, und wir schauen auf die andere Seite hinunter zum Santnerpass. Um die Schutzhütte herum bewegen sich einige Leute. Mein Jauchzer lässt sie in ihren Bewegungen verharren. Nun wissen auch unsere Frauen Bescheid. Wir steigen den Normalanstieg hinab, und schon nach einer Stunde sitzen wir auf der Wiese, froh vereint! Die Spannung hat sich gelöst. Der Kocher summt. Und herrlich ist die Suppe!

Frohgelaunt nehmen wir unsre Säcke und steigen auf dem viel gerühmten Steig hinunter zur Kölner Hütte. Die Dämmerung bricht herein und damit die Nacht. Der Weg verlangt vollste Aufmerksamkeit. Aber auch er nimmt ein Ende. Wir erreichen das Quartier und beschliessen unsern erfolgreichen Tag mit geradezu festlichem Mahl: Schnitzel und perlender Wein!

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