Rund um das Saxettal

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

Von Fritz Seiler

( Interlaken ) Wie wenige sind schon dort gewesen, und doch, wie viele Tausende fahren Sommer und Winter achtlos daran vorbei! Die meisten locken bekanntere, höhere Ziele: Grindelwald, Lauterbrunnen, Wengen, Murren, Scheidegg, Jungfraujoch und alle die Hochgipfel ringsum. Und wenn es welche gibt, die die Berner-Oberland-Bahn schon in Wilderswil verlassen, so fahren sie bequem mit der Schynige-Platte-Bahn in die Höhe und kehren so dem Saxettal den Rücken.

Durch eine hohe Gefällsstufe vom Bödeli abgetrennt und unsichtbar, ist es trotz der gut ausgebauten Fahrstrasse ein urwüchsiges, vom Fremdenverkehr verschontes Gebirgstälchen geblieben. Mitten drin, auf der Sonnseite des wilden Baches, stehen die niedrigen Wohnhäuser mit dem neuen Schulhaus und der heimeligen « Alpenrose »: das Dörflein Saxeten. Ringsum an den steilen Berglehnen sieht man weit zerstreut unzählige Scheuerchen und Speicher. Über den dunklen Hochwäldern liegen die flacheren Alpweiden Bellen, Nesslern, Inner- und Ausserberg. Den Talabschluss bilden die Nesslern-schöpfe, die mächtige Nordostwand der Schwalmern ( 2777 m ). Doch schneidet sich zwischen deren Nordgrat und dem Morgenberghorn ( 2249 m ) der Sattel des Rengglipasses ( 1884 m ) ein und bildet so einen bequemen Übergang ins Suldtal, nach Aeschi und Spiez. Vom Morgenberghorn senkt sich zwischen dem Saxettal und dem Thuner See der Abendberggrat nach Nordosten und endigt im Rügen auf der Bödeli-Ebene. Nach Süden wird das Tal begrenzt durch Bellenhöchst ( 2095 m ) und Sulegg ( 2413 m ), deren scharfer, gleich-massiger Grat im Westen an die markanten fünffingrigen Lobhörner ( 2566 m ) grenzt. Von dort zieht sich eine weite Trümmer- und Schneemulde, die sog. « Tiergärten », gegen die beiden Schwalmerngipfel hinauf.

Ich habe in früheren Aufzeichnungen einen Bericht aus dem Jahre 1941 gefunden, der von einer einmaligen, erlebnisreichen Tour rings um das Saxettal erzählt:

Vor drei Tagen bin ich voll höchsten Erlebens aber etwas verwahrlost aus der Zermatter Bergwelt heimgekehrt. Ich habe mich so weit retabliert, dass es mich wieder mit aller Macht in die Berge hinaufzieht.

Da ich allein bin, kann es nichts « Grosses » sein. Die Schwalmern, mein Lieblingsberg, lockt mit der Vorstellung an eine einsame lange Gipfelstunde.

Ich fühle mich aber fähig, noch einiges anzuhängen, und so steht denn für morgen mein Plan fest: ich will versuchen, das ganze Tal auf seiner Wasserscheide zu umwandern und zu umklettern. In Teilstücken ist diese Tour natürlich nicht schwer, aber zusammenhängend gibt es wohl mehr als ein normales Tagewerk. Ich werde ja sehen!

Kurz nach 4 Uhr breche ich in Interlaken auf. Es ist noch Nacht, während ich gemütlich durch den Rügen bummle und dann gegen den Abendberg ansteige. Ich fühle mich sehr frisch und unbeschwert. Der Rucksack drückt kaum; denn wenn ich allein gehe, steckt nicht viel drin: Zwischenverpflegung, Gipfelspeise, der verbeulte Kocher, Apotheke, Windbluse und einige notwendige Kleinigkeiten. Den Pickel habe ich unter den Arm geklemmt.

Ich will diesen Bergtag geniessen und nicht eilen. Wenn mir die Tour zu lang wird, so schwenke ich einfach ins Tal hinunter ( falls dies der Ehrgeiz zugeben wird !). Und das Wetter wird mir auf keinen Fall einen Streich spielen, obgleich Schwalmern und Saxettal bei uns das « Wetterloch » genannt werden.

Nach zwei Stunden Aufstieg durch den steilen Bergwald, am Kurhaus Abendberg ( 1133 m ) vorbei, erreiche ich die Stelle, wo sich der Grat richtig auszuprägen beginnt. Ein zeitweise verwildertes Weglein führt mich zwischen Alpenrosenstauden, Erlenbüschen, bemoosten Blöcken und bärtigen Wettertannen über den Grat. Bis zu den Knien bin ich ganz durchnässt von den taufeuchten Gräsern und Stauden. Aber die Sonne ist ja schon aufgegangen und wird mich bald wieder trocknen. Der Wald wird immer lichter. Ich erreiche eine erste Erhebung auf 1815 m. Rechter Hand sehe ich steil hinunter auf Därligen mit der mächtigen Zementfabrik. Über dem Thuner See dampfen leichte Morgennebel. Aber die Sonne macht ihnen den Garaus, so dass in kurzer Zeit die ganze Seefläche wie ein Spiegel zu mir heraufglänzt. Plötzlich höre ich ein Zweiglein knacken. Da — vor mir flüchten zwei scheue Rehe durch das tauglitzernde Gras und lassen eine breite dunkle Fährte darin zurück.

Kurz nach 8 Uhr komme ich auf den ersten Gipfel, die Rotenegg ( 1890 m ), und strecke mich wohlig zur ersten Rast ins Gras. Die Sonne steigt höher und wird wärmer. Der Grat wird schmäler und zeitweise felsig. Er trägt nur noch kurzes Gras, und die zahlreiche Flora wird alpin. Über das Kleine und Grosse Schiffli erreiche ich auf oft scharfer Felskante den eigentlichen Nordostgrat des Morgenberghorns, den ich in kurzer Zeit erklettere. Er besteht aus gutgriffigen, leichten Felsen, die oft mit Grasbüscheln und Erdschollen durchsetzt sind. Um halb 10 Uhr stehe ich auf dem Horn. Es ist ein idealer Gipfel, durch drei Grate gebildet: ein Weisshorn im Grünen!

Nach längerer Rast auf diesem herrlichen Eckpfeiler der Schilthornkette führt mich nun ein schmales Weglein in einer halben Stunde nach Süden auf den Rengglipass hinunter. Von da steige ich in einer weiteren halben Stunde in tief ausgetretenen Kuhweglein auf das Wasmi hinauf. Hier beginnt der schönste und abwechslungsreichste Aufstieg auf die Schwalmern: der Nordgrat. Viele schimpfen ihn zwar brüchig und wegen seinen beiden Quergängen in die Westflanke und dem senkrechten Wiederanstieg mühsam. Damit tun sie ihm aber Unrecht; denn sind nicht gerade an den wirklich exponierten Stellen der Fels fest und die Griffe zuverlässig? Und die Tiefblicke von der luftigen Kante rechts auf die Lattreienalpen und links in den wilden Nesslernkessel sind grossartig.

Bald erreiche ich den ersten Steilaufschwung, den ich auf sich verlaufenden Wegspuren rechts umgehe, um dann über steile Grasplanken den Grat kurz nach seiner ersten Einsattelung wieder zu erreichen. Der Gratkante entlang komme ich über leichte Felsen zu meinem sehnlichst erwarteten « Znuniplatz ». Es ist dies ein kleines, mit kurzem Gras und unzähligen Blumen überwachsenes Plateau mitten in der wilden Felslandschaft! Ein schöneres und angenehmeres Rastplätzchen kenne ich in keinem andern Grat; ich geniesse es auch dementsprechend. Von hier aus überklettere ich in kurzer Zeit den folgenden Gratgipfel und erreiche vom flachen Sattel aus auch bald die zweite scharfe und senkrechte Stufe. Ich umgehe sie wieder auf der Westseite. Zuerst geht 's über viel loses Zeug waagrecht hinüber, um eine gähe Kante, dann in blockigem Fels immer stärker ansteigend und über schiefrigen Schutt wieder auf den Grat. Für meine Nachfolger errichte ich in dieser unübersichtlichen Flanke drei Steinmannli als Wegzeichen.

Über einen steilen Schieferrücken krapple ich bis an den Fuss des letzten riesigen Gratzackens. Hier scheint eine hohe Wand den Weiterweg zu sperren; aber gerade hier beginnt die schönste Stelle in bestem Fels. Ein kaminartiger Einschnitt führt zuerst senkrecht hinauf, und über mächtige Blöcke gelangt man auf die Kante, die bald in eine kleine Kanzel übergeht. Hier nehme ich den nötigen « Schnauf », um mich über den Kopf des Zackens hinaufzuturnen. Schade, dass jetzt die vergnügliche Kletterei schon zu Ende ist!

Über Schutt und leichte Felsen erreiche ich schwitzend den vordem Schwalmerngipfel. Wie ich aber die Nase über die Spitze hervorstrecke, werfe ich mich sofort zu Boden; nur 50 m unter mir tummeln sich drei Gemsen im steilen Firnhang! Da muss sogar die plötzlich auftauchende Aussicht auf die unzähligen Hochgipfel der Berner Alpen hinten anstehen. Gespannt und freudig erregt betrachte ich lange Zeit die nahen Tiere. Da ich aber weiter will, bleibt mir nichts anderes übrig, als sie beim Aufstehen aufzuschrecken. In mächtigen Sätzen verschwinden sie um eine Kante, während ich über den leichten Felsgrat den Hauptgipfel erklimme.

Es ist 1 Uhr. Grosse Stille ist um mich her. Die Sonne brennt flimmernd auf die Gipfelblöcke. Ein leichter Wind bläst mir frech eine Handvoll Zündhölzer aus, bevor ich meine verbeulte « Teemaschine » in Funktion setzen kann. Und jetzt wird « eingepackt »; ich habe es nach diesen ersten neun Stunden redlich verdient. Mit Essen, Schlummern und Bewundern erlebe ich meine lange Gipfelstunde.

Unermesslich ist die Rundsicht, obschon die fernen Gipfel im Dunst kaum sichtbar sind und sich über den Voralpenketten riesige Wolkentürme aufstocken. Es wird wohl heute einige tüchtige Gewitter geben, um diese Augusthitze abzukühlen, denke ich sorglos. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich eine Stunde später in einem furchtbar tobenden Berggewitter um mein Leben bangen würde!

Nach 2 Uhr breche ich auf und bin bald im Sattel unten. Nebelfetzen streichen plötzlich um den eben verlassenen Gipfel, zerflattern aber im frischen Bergwind. Ein Sprung über den Rest der Gratwächte, und mit Hilfe des stützenden Pickels fahre ich über die restlichen Firnflecken gegen die « Tiergärten » hinunter. Merkwürdig, wie lichtlos auf einmal die ganze Landschaft vor mir liegt und wie mir ein scharfer Wind in den Rücken fährt. Ein Blick rückwärts zeigt mir ein ganz neues Bild: vom Gipfel ist nichts mehr zu sehen, und über den Grat wälzt sich eine brodelnde Nebelwand. Das kommt aber bedenklich rasch, denke ich und versuche schneller und hastiger vorwärtszukommen. Aber schon nach einer Viertelstunde erwischt mich das gierige Nebeltier und bläst seinen feuchten Atem in mein erhitztes Gesicht. Noch gelingt es mir, die Richtung zur Lobhornlücke festzustellen, dann bin ich vom garstigen Nebel verschlungen.

Keuchend kraxle ich über die Trümmerhalden zum Lobhorn hinüber, wo ich in einer Balm gegen das heraufziehende Unwetter Schutz zu finden hoffe. Aber da kracht es schon am Gipfel oben: der erste Blitz hat ins Gestein geschlagen, und weithin rollt der sich vervielfachende Donnerhall. Plötzlich peitscht mir der Sturmwind die ersten schweren Tropfen in den Nacken. Schnell die Regenbluse übergestülpt und weiter durch diese Einöde geflüchtet! Doch die Blitzschläge rücken näher und näher. Ich bin zu langsam; also versuche ich irgendwo in den Trümmern einen Unterschlupf zu finden. Aber das Wetter ist stets schneller als ich mit meinen « vorsorglichen » Massnahmen. Feuerbogen auf Feuerbogen und Schlag auf Schlag fahren plötzlich rings um mich in die Steine. Mit einem letzten Sprung ducke ich mich hinter einen groben Block, der mitten in einem Bächlein steht. Vielleicht kann ich so dem unberechenbaren Blitz ein Schnippchen schlagen. Das ist meine Hauptsorge; was macht es, wenn ich dabei tropfnass werde, von oben wie von unten.

Um mich ist ein gewaltiges Donnern und Krachen. Ein Feuerstrahl nach dem andern zuckt in den Boden hinein, und zugleich ertönt ein Lärm, wie wenn riesige Wellblechplatten heruntergeworfen würden. Da — jenseits des Bächleins kam einer ganz nahe! Wie das blendet, wie einen die Ohren schmerzen, wie das nach Schwefel stinkt; die wahre Hölle. Und dabei weiss man keinen Augenblick, wann es einen selber trifft. Völlig machtlos ist man ein Gefangener der tobenden Elemente. Man wird recht klein dabei und recht bescheiden; denn man kann nur warten und hoffen — und auch ein bisschen um sein Leben Angst haben!

Wie aber die nächsten Donnerschläge verhallen, prasselt neuer Segen aus den prallen Gewitterwolken: Hagel. Das lässt mich ein wenig aufatmen; denn die mächtigen kantigen Körner mögen noch so frech auf Schädel und Ohren trommeln, lebensgefährlich ist das nicht mehr. Aus dem anschwellenden Bache fische ich eine Steinplatte und lege sie wie ein schützendes Dach auf Kopf und Nacken. Blitz und Donner rumoren jetzt drüben an den steilen Wänden der Lobhörner. Nur noch vereinzelt zielt einer gegen mich; aber im Lärm der tanzenden Eiskörner achte ich dessen kaum mehr.

Die Schlacht ist geschlagen! Schlotternd und steif stehe ich auf. Ich hätte sowieso nicht mehr lange hier bleiben können; denn das Bächlein schwillt immer mehr zum reissenden Wildwasser an. Die Kleider kleben nass und patschig am frierenden Körper, und in den Schuhen gluckst bei jedem Schritt das Wasser. Es regnet in feinen Fäden. Der Nebel weicht; denn das Gewitter zieht weiter nach Osten. Die ganze Gegend sieht aus wie nach einem reichlichen Schneefall; eine dicke Schicht Hagel bedeckt den Boden. Endlich bei der Lobhornlücke angelangt, suche ich nun — reichlich spätden Unterschlupf in der Balm, um mich etwas zu erholen, zu trocknen, die Schuhe zu entleeren und die Socken auszuwinden.

Wie aber um 4 Uhr der Regen ganz aufhört und hier und dort wieder blaue Himmelsflecken zum Vorschein kommen, begebe ich mich frischen Mutes auf den Weiterweg. Auf dem gemütlichen Grat ab- und aufsteigend erreiche ich gegen 5 Uhr den Sulegg-Gipfel. Dabei habe ich stets das erlebte Gewitter vor meinen Augen und sehe, wie es über die Schynige Platte gegen das Faulhorn hinzieht, grollend und blitzend und weisse Hagelstriemen zurücklassend. Im Westen aber erscheint plötzlich die Sonne wieder und lässt alle überstandene Unbill einstweilen vergessen. Wohlig strecke ich mich noch einmal ihrer Wärme entgegen.

Meine Kleider und vor allem die Socken vermag sie jedoch nicht mehr zu trocknen. So wird denn der Schlussteil meiner langen Bergfahrt zu einem richtigen Martyrium, zu einem Kampf des Willens gegen das Müdewerden, das Nachgeben und Sich-Hinlegenwollen, gegen die Schmerzen der aufgeweichten, aufgeriebenen Füsse. Aber ich merke bald, dass ich nicht mehr stillstehen darf oder gar ausruhen, sonst kann ich kaum mehr « anlaufen ». Also auf die Zähne gebissen und so rasch wie möglich die Knieschlotterhalden und die Stolperweglein hinuntergetorkelt, nach Hause!

Über die südliche Suleggflanke erreiche ich den Alpweg, der mich durch den wilden Tschingel auf den Bellenhöchst hinüber führt. Von dort gelange ich über die Grimselegg auf die Schlipfwengenalp. Durch den steilen Saxet-wald geht 's nach Leybuchen und Ried hinunter. Endlich, um 8 Uhr abends, stehe ich in Wilderswil wieder auf dem Bödeli, und um halb 9 Uhr ziehe ich mich am Treppengeländer zu unserer Wohnung hinauf!

Feedback