Rund ums Wäggital

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Von Armin Rühl

Es ist so, je länger und je besser wir eine Gegend, eine Gebirgsgruppe oder auch nur einen bestimmten Berg kennen lernen, um so vertrauter wir mit ihnen werden, desto mehr lieben wir sie. So geht es mir mit dem Wäggital und seinen Bergen. Viele Male war ich in den letzten Jahren oben, zu jeder Jahreszeit, bei gutem und schlechtem Wetter; manches Mal reichte es nur zu einem kurzen Gang in die Hohfläschhütte, einem Abstecher in die Aabernalp oder zu einer Rundfahrt auf dem Rad; aber jedesmal kam ich innerlich bereichert heim, und die Kette meiner Erinnerung um das Wäggital war um ein neues Glied vermehrt. Davon sei im folgenden erzählt.

Scheideggpass Von der Post im Innertal, wo wir genächtigt hatten, führte der Weg an einem wunderschönen Junitag auf die Schwarzenegg und hinüber zur Trebsenalp. Das Bild eines plätschernden Brunnens inmitten der mit goldgelben Trollblumen, blauem Frühlingsenzian und roten Mehlprimeln bestandenen Matten und der stotzig aufgebauten, silbergrauen Kalkwand des Bockmattlistockes steht heute noch deutlich vor mir. Damals war ich acht Jahre alt, und man schrieb den 8. Juni 1919.

Grosser Aubrig Noch trug der See eine Eisdecke; an den Nordhängen, in den Tobeln und Löchern lag tiefer Schnee, als ich an einem 26. März dem Aubrig zu Leibe rückte. Den rechten Weg verfehlend, stapfte ich in hohem Schnee durch Wald in der Richtung der Eggstoffelalp. Meinen Irrtum dann gewahr werdend, querte ich, manchmal bis zu den Hüften im schweren, nassen Schnee einsinkend, das Tobel des Bärlauibachs, das mich von der Aubrig-südflanke trennte, und gewann, die Alp Bärlaui berührend, rasch an Höhe. Über apere, steile, braune Grashalden, zuletzt eine kompakte Schneedecke, erreichte ich den langgezogenen Grat und höchsten Punkt des grossen Aubrigs. Die Sicht ins Flachland war leider ziemlich beschränkt, nur der obere Teil des Zürichsees mit den Inseln Ufenau und Lützelau sowie das Städtchen Rapperswil und der Damm von Hurden waren sichtbar. Alles weiter Entfernte lag unter einer bläulichen Dunstschicht dem Auge verborgen. Die Berge des Wäggitals aber waren klar. Wie ein blindes Auge sah der mit Eis bedeckte See aus. Früh war ich wieder unten, bewunderte und beneidete die mit grossen Büscheln Märzenglöggli anrückenden Skifahrer.

Hohfläsch An einem prachtvollen Oktobersonntag wanderte ich von der Hohfläschhütte durch die Matt zum Kammli, der Einsenkung zwischen Hohfläsch und Brünnelistock. Vom Kammli aus wandte ich mich dem ersteren zu, über Geschröf, von Rasenbändern unterbrochene Kletterstellen, folgte dem Südostgrat bis zum grossen Couloir, das die ganze Südflanke des Berges durchzieht. Jenseits des Couloirs folgten einige plattige Stellen und Karrenbildungen, zwischen denen fette Graspolster lagen. Und auf diesen Rasenpolstern standen viele weisse, filzige Edelweiss. Eine unerhoffte, freudige Überraschung. Die Blumen waren wohl trocken, aber dennoch schön und so vollkommen, dass ich es nicht lassen konnte, ein paar der schönsten Sterne auf meinen Hut zu stecken. Kurz darauf erreichte ich den Gipfel; lange Zeit blieb ich in der warmen Sonne liegen und konnte mich nicht satt sehen. In den warmen, in Rot und Gold gehaltenen Farben des Herbstes lagen die Wälder und Streuwiesen des Obersee- und Wäggitals unter mir. Blau der Himmel, blau der See, blendend weiss die vom Neuschnee überzuckerten Gipfel der Glärnischgruppe und der übrigen sichtbaren Glarner Hochgipfel.

Nachmittags sass ich vor der Hütte in der Sonne und liess mir 's wohl sein. Warm und ruhig war 's. Die grossen Ahornbäume in der Umgebung der Hütte waren ganz gelb. Von Zeit zu Zeit löste sich ein Blatt, fiel im Zickzack zur Erde, sich zu den vielen gesellend, die schon verstreut im kurzen Grase lagen. Kühn ragte die Zindelspitze in den wolkenlosen Himmel, und auf der andern Talseite schauten die Spitzen der Mythen zwischen dem Fluhberg und dem aus dem dunklen Fichtenwald sich erhebenden, kleinen Felskegel des Mutzensteins herüber. Gottbegnadeter Herbst!

Fluhbrig Es war Mitte August, ein prächtiger, wolkenloser Tag, ziemlich warm. Vom Ochsenboden führte ein Weglein durch schönen, schattenspendenden Hochwald auf die steilen Grashänge des Heurick. Trotz des Sonntags waren die Älpler am Heuen, die Luft war voll des herben, würzigen Geruchs frischen Bergheus. Es war ein heisser Tag. Die Zunge klebte mir am Gaumen, und nirgends weit und breit ein Wässerlein! Über steile Grashalden aufwärtsdringend, erreichte ich einen Kamm, der mich in die Senke zwischen Wändlispitz und Diethelm, dem höchsten Punkt des Fluhberges, führte. Eine kleine Kletterei brachte mich auf die mit blauem Eisenhut dicht bewachsene Gipfelhalde. Rechts unten lag die spiegelglatte, blaue Fläche des Wäggitaler Sees und links die des Sihlsees. Schön zeigten sich die Berge. Weit im Nordwesten waren der untere Teil des Zürichsees, die Stadt Zürich und die Albiskette mit dem Ütli schwach sichtbar.

Da ich mit der Zeit nicht zu kargen brauchte, hielt ich ein regelrechtes Mittagsschläfchen. Nach dreistündigem Aufenthalt trat ich ausgeruht und glücklich über das Erlebte und Geschaute gemächlich den Abstieg an. Mit einem Sack Eierschwämme und voller Zufriedenheit kehrte ich zu meinen Penaten zurück.

Mutzenstein Es war acht Tage später. Von der Au, einem einsamen Gehöft am linken Ende des Wäggitaler Sees, wanderte ich durch lichten Wald, taufeuchte Wiesen, Weiden und sumpfiges Gelände hinauf zur Fläschlihöhe, von wo ich mich gegen Norden wandte. Da es ein schöner Tag zu werden versprach, stieg ich zum Fuss des waldumsäumten, kleinen Felskegels des Mutzensteins. Ein paar Meter nette Kletterei brachten mich auf ein Band der Südseite, über welches ich, von Ost nach West ansteigend, den putzigen, kleinen Gipfel gewann. Die Rundsicht ist bei der geringen Höhe, 1508 m, eine ziemlich beschränkte. Zu erwähnen ist aber der Ausblick auf die Berge der rechtseitigen Umrahmung des Wäggitals, unter ihnen besonders die gegenüberliegende Zindelspitze sowie im Westen die Mythen. Die erdrückend nahe, meinen Standpunkt um fast 600 m überragende Nordflanke des Fluhberges mit ihrer klassischen Gesteinsfaltung kann vom Mutzenstein aus sehr schön beobachtet werden.

Auf dem breiten Kamm wandernd, die Punkte 1416 m, 1510 m und 1440 m berührend, kam ich abwechslungsweise über Weiden und durch Wald zur Alp Salzlecki. Weiter ging 's dann bis zum Nüssen, Punkt 1532, von wo ich gegen das grosse Tobel des Drossenbaches hinzog. Das Wetter hielt nicht, was es am Morgen versprochen hatte. Schon gegen Mittag hatte sich der Himmel bleiern überzogen. Vom Westen kamen dräuende, schwarze Wolkenballen, von fern her donnerte es, auf einmal fielen einzelne, grosse Tropfen, und dann: Blitze, Donnern, Strömen. Ich war bis auf die Haut nass; als ich nach gut halbstündigem Laufschritt vom Brandhaltli zur Au kam, setzte ein eigentlicher Landregen ein, so dass ich tropfnass per Rad heimwärtsfahren musste.

Zindelspitze Im Aufstieg zur Hohfläschhütte überrascht einen beim Eintritt in die Aberlialp die Zindelspitze durch ihr plötzliches Auftauchen und ihre kühne Form. Auf breiter, wuchtiger Basis erhebt sich die schlanke Spitze, und man kann es kaum glauben, dass sie so leicht zugänglich ist. Es ist der wohl am meisten besuchte Gipfel des Wäggitals. Trotz der relativ leichten Besteigung oder vielmehr gerade deswegen hat der Berg schon mehr Opfer gefordert als das Matterhorn. Besonders die jähen, abschüssigen, an die 1000 m tief ins Oberseetal abfallenden Grashänge erheischen Vorsicht.

Sehr früh brachen wir von der Hütte auf. Der Himmel war leicht bedeckt, ein kühler Wind blies, und wir kamen rasch voran. Der Weg führt erst gegen die Matt hinein, dann rechts abbiegend durch Geröll über ein kleines Felsband und zuletzt über Grashänge in die Senke zwischen Ross-älplispitze und unserm Ziel. Von dieser Seite hat der Berg ein gänzlich verändertes Aussehen, von einer Spitze keine Spur mehr: eine ca. 150—200 m hohe, durch schräg von West nach Ost laufende Bänder gegliederte Wand bietet sich dem Beschauer dar. Der Tiefblick vom Sattel ins Oberseetal ist herrlich. Doch wehe dem, der bei nassem Gras an diesen jähen Halden ins Gleiten kommtVon der Lücke geht 's auf der Kante des Nordostgrates hinauf bis zu einem Grasband, das durch das oberste Stück der Ostflanke auf die Südseite führt, und in wenigen Minuten ist der Gipfel über dieselbe erreicht. Für die fast 700 m Höhendifferenz von der Hütte zum Gipfel hatten wir ca. 1 Stunde und 25 Minuten benötigt. Es war bedeckt, Hochnebel, die Aussicht aber, besonders ins Tiefland, gleichwohl gut. Weit hinaus ins Zürcherland reichte der Blick. Sieben Seen sah und zählte ich: Wäggitaler-, Sihl-, Zürich-, Greifen-, Pfäffiker-, Walen- und Obersee. Wie von allen Wäggitaler Bergen aus fesseln auch hier vor allem die Gipfel der Glärnisch-und Karrenalpgruppe die Aufmerksamkeit.

Nach halbstündiger Rast nahmen wir den Rückweg über die Zindelnalp. Die Wolken verschwanden, die Sonne kam, es wurde warm, sogar heiss. Eine Ziegenherde gab uns längere Zeit das Ehrengeleite, bis wir sie schliesslich, da alles gütige Zureden nichts half, mit ein paar wohlgezielten Steinwürfen zur Umkehr bewegen konnten. Im Aberliboden ruhten wir längere Zeit im Schatten einer alten Buche; stolz und unnahbar schaute die Zindelspitze auf uns herab.

Scheinberg Brrrwar das grimmig kalt. Wir froren regelrecht und hatten blaurote Köpfe, als wir am Neujahrstage 1943 auf dem höchsten Punkt des Scheinbergs standen und die infolge der Föhnstimmung so klar und nahe scheinenden Berge bewunderten. Stahlblau leuchtete der See aus der weissen Umrahmung herauf, während der Himmel ein blasses Blau besass. Langgezogene, fast schwefelgelbe Wolkenstreifen standen im Süden und Westen über den Glarner, Urner und Schwyzer Gipfeln; man fühlte, dass ein Witterungsumschlag in der Luft lag. Über den vom Wind fast aper geblasenen Südgrat traten wir wieder den Rückzug an, unterwegs ein Schneehuhn in den Karren aufscheuchend.

Unten in der Hütte gab 's dann heissen Kaffee, und warm war 's in der heimeligen Stube. Um die Hütte aber pfiff und heulte der Wind, und am Morgen tanzten und wirbelten die weissen Flocken vor dem Fenster vorüber; es lag eine hohe Schicht Neuschnee ringsum, und es wurde ein netter, gemütlicher « Bächtelistag » in der warm geheizten Hütte.

Bockmattlistock Der Mond ging eben hinter dem Drosenwald unter, als ich kurz nach 4 Uhr auf die Strasse trat. Erst ein Stück dem See entlang, dann links abbiegend, ging 's gegen die Schwarzenegg zu. Über vom Schmelzwasser nasse Wiesen und lichten Fichtenwald wurde diese um 5 Uhr erreicht und eine kurze Frühstückspause eingeschaltet. An den der Sonnenseite zugekehrten Hängen wuchsen leuchtend blaue Enziane, gelbe Schlüsselblumen, rote Mehlprimeln, während an den vielen Bachläufen und sumpfigen Stellen ganze Kolonien goldiger Dotterblumen standen. Am Rande der gegen die Kammhöhe immer häufiger auftretenden Schneeflecken blühten unzählige der lieblichen, violetten Soldanellen, hin und wieder auch ein paar Krokus. Gegen das Trebsental hinab lag noch tiefer Schnee. In der steilen, schon ziemlich ausgeaperten Kehle, die sich ins Bockmattli hinaufzieht, kam ich rasch in die Höhe; nur das letzte Stück durch faulen Schnee, in dem ich manchmal tief durchbrach, machte einige Mühe. Über den ebenfalls fast aperen Südhang gelangte ich um 6 Uhr auf den Gipfel. Infolge seiner vorgeschobenen Lage bietet er prächtige Blicke auf Zürichsee und die Seen des Glattais. Imposant wirken die Nordostabstürze von Brünnelistock, Hohfläsch und Scheinberg.

Nichts als das Rauschen des stark angeschwollenen Trebsenbaches unterbrach die feierliche Stille. Ich wärmte mich in der warmen Frühlingssonne, und erst als der Klang der Glocken, die im Innertal zum Gottesdienst riefen, zu mir heraufdrang, schickte ich mich an, auf der gleichen Route ins Tal zurückzukehren. Um den glanzvollen Frühlingstag voll zu nützen, bummelte ich noch in die Aabernalp, von der ich mit einem grossen Strauss Märzenglöggli zurückkam.

Brünnelistock, Rossälplispitz Drei Monate Arbeitsdienst an der Sustenstrasse, Baustelle Sustenloch: ich hatte vorläufig genug vom Hochgebirge! Ich sehnte mich nach einer Voralpentour. Zwei Tage nach meinem Abschied vom Susten fuhr ich an einem unfreundlichen, kühlen, nebligen Nachmittag auf meinem Rad wieder ins Wäggital nach dem Oberhof und stieg bei anbrechender Dunkelheit den wohlbekannten Weg zur Hütte. Kein Mensch war oben, während zweier Tage war ich Alleinherrscher auf Hohfläsch.

Es war 9 Uhr, als ich anderntags aufwachte. « Hast nicht viel versäumt », dachte ich, als ich nach dem Wetter Ausschau hielt: nichts als Nebel ringsumher. Nach einem währschaften « Gabelfrühstück » wanderte ich nach 10 Uhr ziellos Richtung Matt. Je höher ich stieg, desto lichter wurde es, und mit einemmal war blauer Himmel und warme Sonne, kurz vor Erreichen des Kammli. Fast senkrecht stand die grauweisse, an die 200 m hohe Nordwestwand des Brünnelistockes vor mir. Von der Höhe des Kammli stieg ich über Geröll und Fels auf den Nordgrat und in leichter Kletterei auf den nördlichen Vorgipfel. Nicht viel mehr als eine gute Steinwurfslänge entfernt erhob sich das Steinmannli auf dem höchsten Punkt, von meinem Standort durch eine Scharte und einen kurzen, teilweise scharfen Grat getrennt. Dies war das heikelste Stück, besonders die paar Meter nach Passieren der Scharte. Etwas spät, um 1 Uhr, war der Gipfel erreicht. Fast zwei Stunden währte die Gipfelrast, während der ich Musse hatte, mich gründlich umzusehen. Über dem ganzen Land lagerte ein Nebelmeer in ca. 1800 m Höhe, nur im Südosten war es stellenweise zerrissen, und durch die Löcher waren ein Teil des Walensees, das Dorf Mollis sowie der Obersee zu sehen.

Gegen 3 Uhr trat ich den Abstieg über den Südwestgrat an. Ohne eigentlich technisch schwer zu sein, erheischt der Grat doch Vorsicht, da er ziemlich ausgesetzt ist. Rechts im Abstieg die nahezu lotrechte 200 m hohe Westwand, links die abschüssigen, von Felsbändern durchzogenen Grashalden, die fast 800 m tief ins Oberseetal abfallen. Von der Lücke zwischen Brünnelistock und Rossälplispitz wandte ich mich dem Nordostgrat des letzteren zu. Kurz unter dem Gipfel traversierte ich die Ostflanke und vollendete die Besteigung vom Süden her. Nochmals eine kürzere Rast, dann über den Südgrat in die Lücke P. 1904 und westwärts hinab in die Matt, wo der leidige Nebel mich wieder einhüllte.

Ochsenkopf Grau und dumpf lagerte sich der Nebel über der Stadt, als ich zehn Tage nach meiner Brünnelistocktour erneut ins Wäggital zog. Bei Grossmutter Diethelm war ich herzlich willkommen und fand gastliche Unterkunft.

Die Sterne waren eben am Verblassen; still und ruhig lag die weite Fläche des Sees, über der sich ein feiner, duftiger Nebelschleier ausbreitete.Vom See-Ende ging 's auf gutem Alpweg in mässiger Steigung durch den herbstlich gefärbten Buchenwald auf die Aabernalp und weiter dem Fusse des Fluhberges entlang, dessen Spitzen eben im Gold der aufgehenden Sonne leuchteten. Kurz unter der Passhöhe des Schweinalppasses bog ich nach links zur Oberalp ab, über deren ausgedehnte Weiden ich die Kantonsgrenze zwischen Schwyz und Glarus erreichte, den Nordwänden des Krauter und Wannenstocks folgend. Was weiter kam, war der reinste Schuhmord: ein Karrenfeld mit messerscharfen Klippen, Spalten und Löchern von beträchtlicher Tiefe, einem zu Stein gewordenen Gletscher vergleichbar. Im Halbkreis, mehr oder weniger die gleiche Höhe haltend, kam ich zur Westflanke meines Berges, von wo ich den Aufstieg zu bewerkstelligen hoffte. Über äusserst jähe, von Kalkplatten durchsetzte Grashänge gewann ich rasch an Höhe. Da die ganze Flanke noch im Schatten lag, war das kurze, gelbliche Gras noch nass vom Tau und erforderte viel Vorsicht. Wenig unter dem Gipfel kam ich auf den Nordwestgrat, über den ich in kurzer Zeit zum grossen Steinmann gelangte. Es war genau 10 Uhr, vom See-Ende hatte ich also drei Stunden und zehn Minuten gebraucht. Der Ochsenkopf ist einer der schönsten, wenn nicht gar der schönste Aussichtsberg des Wäggitales. Im Norden liegt das ganze Innertal mit dem See wie eine ausgebreitete Karte einem zu Füssen, während auf der entgegengesetzten Seite die gewaltige Nordwand des Glärnisch sich über 2000 m hoch über dem Klöntaler See erhebt. Den Horizont gegen Süden und Westen begrenzen die Glarner und Urner Hochgipfel wie Tödi, Clariden, Kammlistock, Scheerhörner, Ruchen, Windgällen, Sustenhorn, Krönte, Spannörter, Schlossberg und Urirotstockgruppe. Nach zweistündigem Aufenthalt trat ich den Rückweg an, der im Abstieg noch mehr zur Vorsicht mahnte, da die Westseite noch immer im Schatten lag und die Grashalden taunass blieben.

Seit langem wird das Wäggital von Alpinisten gemieden wegen seiner « Überlaufenheit ». Ich gebe zu, dass an schönen Sonntagen im Hochsommer die Hauptgipfel häufigen Besuch erhalten, aber im Frühjahr und Spätherbst kann der Freund nicht allzuschwerer Touren genussvolle, einsame Gipfelstunden in diesen Bergen erleben. Von all den besprochenen Fahrten habe ich nur zweimal die Gipfelruhe mit weitern Besuchern teilen müssen. Auf bekannten Glarner und Urner Gipfeln habe ich meist mehr Touristen angetroffen als im Wäggital in den beiden erwähnten Jahreszeiten.

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