Rundfahrt um den Ortler

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Es regnet nun in Strömen. Wir betreten den Gletscher, und gleich unterhalb des zweiten Bruches eilen wir über den Eisstrom hinunter, springend und laufend, denn das Eis ist nun etwas aufgeweicht und die Eisen greifen gut. Sieh da, beim langsameren Gang durch den untern Bruch begegnen wir einer Herde Turisten, die unter Anleitung von einem Dutzend Führer eine « Gletschertur » unternehmen. Die meisten von ihnen haben noch nie zuvor einen Gletscher oder Schnee gesehen und stellen an uns die urkomischsten Fragen über unsere Erlebnisse.

Auch den Regen an der Westküste habe ich dann genossen, und so wie Neuseelands Urwälder prächtiger und schöner sind als anderswo, so wie Neuseelands Gletscher mächtiger und länger und eigenartiger sind als viele in der Welt, so ist auch sein Regen ausgiebiger und stärker und dabei von bewunderungswürdiger Ausdauer, wenigstens an der Westküste. Die ganze Landschaft ersäuft eigentlich in den Wassermengen, die Urwälder werden zu Sümpfen, die Flüsse zu Strömen, die Strassen zu aufgeweichtem Brei. Nur die ohnehin reiche Vegetation wuchert noch stärker, der Busch zeigt ein noch satteres Grün, aber die Menschen machen Regengesichter Einige Tage habe auch ich noch auf besseres Wetter gewartet und schliesslich verzichtet. Trotzdem, meine letzten Abschiedsworte an Mr. Graham sind: Auf Wiedersehen nächstes Jahr!

Rundfahrt um den Ortler.

Mit 4 Bildern.

Von Ueli Kappeier.

An einem strahlenden Frühlingstag ist es, in der zweiten Hälfte April, als wir viermein Vetter, zwei Norwegerinnen und ich — unser fernes Reiseziel zum erstenmal erblicken. In drei Tagen sind wir von Klosters aus durch die Silvrettagruppe gezogen und stehen jetzt auf dem Vermuntpass 2800 m, schweigend in die wunderbare Aussicht vertieft. Vor uns liegt die weite Val Tuoi, nach Süden abgeschlossen durch das breit davor gebaute Kristallin-massiv der Nunagruppe, links stehen die Unterengadiner Dolomiten und weit, weit hinten grüssen uns die Schnee- und Eisspitzen der Ortlergruppe. Meine Behauptung, dass wir in zwei Tagen auf jener fernen, weissen Geisterspitze stehen würden, erweckt leise Zweifel in den Augen meiner Freunde.

Nur schwer löst sich der Blick von der grossartigen Umgebung los. Und schon gleiten die Ski über die hinteren Steilhänge hinunter zur Tuoihütte, und durch unberührten Pulverschnee ziehen wir unsere Spur talaus gen Guarda. Das saubere Dörfchen, in einer der schönsten Lagen des Engadins, steht mitten im Frühling, und wir steigen zu Fuss durch krokusübersäte Hänge zur Station hinunter.Um etwas Zeit zu gewinnen, fahren wir bis Schuls, und am Nachmittag gehen wir durch die tiefe Clemgiaschlucht ins Tal von Scarl. Mächtige Lawinenzüge liegen stellenweise über der Strasse und im tiefen Bacheinschnitt, eindrücklich zeigend, wie vollständig die Bewohner des Tales oft von der Aussenwelt abgesperrt sind.

Munter ziehen wir am nächsten Morgen weiter, über die Alp Tamangur hinauf zum Scarlpass 2251 m, und der leicht bedeckte Himmel kann unsi zunächst die Hoffnung nicht nehmen, noch heute nach Italien zu gelangen. Von der Alp Champatsch führt eine von Studentenarbeitskolonien gebaute Strasse durch den Wald nach Lü, und längs dieses Weges kommen wir rasch ins Münstertal hinunter. Leider schneit es nun stärker, so dass wir, in St. Maria angelangt, beschliessen, noch einmal in einem guten Schweizer-bett zu übernachten.

Ein wolkenloser Morgen belohnt das Warten, und gemütlich stampfen wir die Umbrailstrasse hinauf der Grenze zu. Was für Schneemengen liegen noch in der Val Muranza! Mächtige Lawinenzüge verdecken die Strasse völlig, und es mag hier wohl nicht immer so friedlich zugehen wie bei unserem Aufstieg. Selbstverständlich ist das tief verschneite Schweizer Zollhäuschen verlassen; aber auch die IV. Cantoniera und das italienische Zollhaus sind scheinbar nicht bewohnt, so dass wir mehr oder weniger blind über die Grenze kommen, was die Norwegerinnen bedauern, denn gar zu gerne hätten sie ihre Pässe mit einem neuen Stempel bereichert. Vorderhand ist der Ortler noch nicht zu sehen, aber in wenigen Minuten stehen wir auf dem Stilfserjoch, und nun liegt er vor uns: ein mächtiger Felsklotz mit tief vergletschertem Gipfel, aufleuchtend in der strahlenden Frühlingssonne, der König der Ostalpen, einst der höchste Berg Österreichsi Da die Livriohütte des C.A.I. geschlossen ist, beziehen wir Quartier im Passhotel. Aber es ist ja erst Mittag, und das sonnige Wetter lockt zu weiterem Tun. Unbehindert durch die Rucksäcke steigen wir noch zur 3476 m hohen Geisterspitze, und lange geniessen wir die prachtvolle Aussicht auf den Ortler und rückwärts zu den nahen Schweizerbergen. Eine sausende Schussfahrt in einem Pulverschnee, wie ich ihn den ganzen Winter kaum gefunden, bringt uns in wenigen Minuten wieder auf die Passhöhe zurück.

Der folgende Tag, der schon bald mit Schneetreiben und Nebel die Fahrt erschwert, führt uns zur Livriohütte, dann über den gut begehbaren Madatschgletscher hinauf zum Tuckettpass, 3466 m, während des Krieges die Front der Österreicher. Die tapferen Soldaten mögen hier an diesem windigen Pass wohl oft gefroren haben.. Auch uns wäre die neu erbaute Locatellihütte mit geöffneter Türe lieber. Zum Glück habe ich das folgende Wegstück von einigen Sommerbegehungen her in guter Erinnerung, denn der immer stärker einsetzende Schneefall und der dichte Nebel verhindern jede Sicht, und ich bin froh, wie wir nach Überquerung des flachen Campo-gletschers nach kurzem Aufstieg auf dem Passo dei Camosci 3201 m stehen. Jetzt müssen die Bretter zum Abstieg abgenommen werden, denn die schmale steile Schneerinne ist nicht fahrbar; später geht es wieder besser. Den Passo dei Volontari umfahrend kommen wir auf den Zebrùgletscher, und nach kurzer Überschreitung stehen wir alle glücklich oberhalb der Capanna V. Alpini..

Der Schneefall ist nun so heftig geworden, dass man fast gar nichts mehr sehen kann. Der Hüttenwart und Bergführer, mein alter Freund Canclini, hat leider einige Tage vorher einen Skiunfall erlitten, aber zum Glück ist die prächtige Köchin Marianna anwesend, und mit Behagen geniessen wir den fabelhaften Schmarrn und zünftigen Oktobertee.

Der neue Tag bringt fast zu viel Licht für unsere verschlafenen Augen. Die Aussicht vom Rande des Gletschers auf den Monte Confinale im Süden, auf Thurwieserspitze, Zebrü und Südwand der Königsspitze ist überwältigend, und etwas misstrauisch schauen meine Freunde zum Gipfel der Königsspitze empor, welche die 2870 m gelegene V. Alpinihütte noch um rund 1000 m überragt. Mit einem kurzen Stück Kletterei kommen wir über die Cima della Miniera auf den Minieragletscher und zum Col delle Pale Rosse, dann unter der Südwand der Königsspitze durch und hinüber zum Königsjoch 3295 m!

Da es gegen Mittag geht und in der Schneerinne, die zur Schulter der Königsspitze hinaufführt, viel Neuschnee liegt, schlage ich vor, die Ski unten zu lassen und den Sommeraufstieg durch die sicheren Felsen zu nehmen. Wir steigen auch gut und rasch bis zum Sattel. Hier aber hebt der Leidensweg erst an! In heisser Mittagssonne brennenden Auges den tief verschneiten Schneegrat hinauf zu spuren, bei jedem Schritt knietief einzusinken, ist keine Lust. Und doch kommen wir hinauf, wenn auch in reichlich der doppelten Zeit, die im Sommer benötigt wird. Aber auf dem Gipfel ist der ganze harte Aufstieg vergessen. Nur selten bietet sich dem Auge eine solch überwältigende Aussicht, wie auf diesem grossartigen Punkt. Die Königsspitze ( jetzt eigentlich Gran Zebru, aber der alte Name passt ja viel besser zu dieser erhabenen, 3859 m hohen Pyramide aus Fels und Eis ) überragt neben dem Ortler selber alle umliegenden Gipfel, und ungehindert schweift der Blick von den vor uns liegenden ötztalern über die Tauern zu den Dolomiten. Presanella, Adamello und Bergamasker Alpen liegen vor der im Dunst verborgenen Poebene, im Westen aber grüssen die feinen Spitzen der Walliser und Berner Alpen, davor der Bernina, und weiter schweift das unbehinderte Auge über die Bündner Alpen bis zur Silvrettagruppe. Es ist ganz einfach unmöglich, einen solchen Ausblick beschreiben zu können, man staunt und — schweigt.

Auch auf der Königsspitze sind die Spuren des Krieges. Wie haben wohl die tapferen Soldaten gefroren, die hier Sommer und Winter an exponierter Stelle Wache standen, und wie manchem von ihnen ist der Unsinn des Krieges so richtig zum Bewusstsein gekommen, wenn er sich als kleinen, schwachen Menschen in der überwältigenden Gipfelflur verschwinden sah, ein Nichts und doch mit dem Gewehr im Arm allmächtig auf den wenige Meter tiefer liegenden Feind hinunterschauend, den Tod in der Hand, selber den vielfachen Gefahren von Wind und Wetter ausgesetztNur schwer kann man sich von der unvergesslichen Aussicht losreissen. Der jetzt bedeutend leichtere Abstieg bringt uns bald wieder zur Skiablage zurück, und in einem kurzen Aufstieg über den sicheren Cedehgletscher erreichen wir in einer guten Stunde die Casatihütte 3269 m, unser wohlverdientes Tagesziel.

Auch der nächste Morgen weckt uns mit einem wolkenlosen Himmel und drängt zu neuen Taten, hinauf zum Cevedale 3764 m. In kurzer Zeit gewinnen wir hier wieder die grossartigste Aussicht, noch lebhafter betont durch die nahen Gestalten des Ortler, des Zebru und der Königsspitze. Der Cevedale ist ohne jede Schwierigkeit bis zum Gipfel begehbar; auch im Sommer ist er ja ein berühmter Skiberg, und die Sommerskischule der Casatihütte mit Maestro Sertorelli wird stark besucht von der skifahrenden Jugend Italiens.

Meinen geheimsten Wunsch, den Ortler selber zu besteigen, sehe ich leider zerfliessen, denn die Verhältnisse sind nicht besonders günstig, es liegt zu viel Neuschnee. Schön wäre die Besteigung der Cima Venezia mit Abfahrt ins Martelltal zum Rifugio Dux, noch mehr aber reizt mich der Übergang von der Casatihütte über Cevedale-Rosole-Palon della Mare zur Brancahütte. Und diese Fahrt wird am nächsten Morgen denn auch ausgeführt. Eine fabelhafte Gletscherreise mit grossartiger Abfahrt über die zum Teil recht steilen Hänge bringt uns gen Abend zur Hütte. Leider ändert nun wieder einmal das Wetter, so dass wir wohl noch die Punta San Matteo 3684 m besteigen können, wenn auch im Nebel. Zum Tresero reicht es nicht mehr. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben; ich habe mir wenigstens fest vorgenommen, das Gebiet nochmals aufzusuchen, denn die Turenmöglichkeiten von der erst 1933 erbauten Brancahütte aus, die am Rande des Fornogletschers eine der schönsten Lagen hat, die ich kenne, sind verlockend, zum Teil ganz einzigartig, besonders im Frühling.

So ziehen wir denn weiter. Ein reizvoller Abstieg führt uns aus Schnee und Gletscher in die Krokushänge der hintern Val Furva, hinunter nach S. Catarina. Ist schon im Sommer der Marsch durch das bewaldete, von Schneebergen umgebene Tal ein Genuss, so ist das Durchwandern im Frühling mit all den Blumen und frischen, grünen Farben etwas ganz Prachtvolles. Gesättigt und zufrieden rücken wir am späten Nachmittag in Bormio ein, dem schönen, alten Städtchen des oberen Veltlin. Nachdem unsere Pässe hier endlich mit dem nötigen Einreisestempel versehen sind, ziehen wir uns bald zurück, um am nächsten Morgen für den etwa 40 km langen Marsch nach Livigno bereit zu sein.

Am 4. Mai ziehen wir davon, die Ski auf dem Buckel, wobei ich wieder einmal den Vorteil meiner Klappski schätze, hinein in die Val di Dentro. Ein sonniger Frühlingshimmel lacht, und die auf den Feldern und Wiesen arbeitenden Bauern blicken etwas erstaunt auf die vier Skifahrer. Über Isolaccia mit seinem mächtigen Elektrizitätswerk der Stadt Mailand kommen wir nach Semogo. Von da gibt es eine direkte Abkürzung nach dem Fos-cagnopass, so dass wir nicht an das in viele Schlingen weit ins Val Viola hineinziehende Autosträsschen gebunden sind. Jetzt kommen wir auch schnell in die Höhe und damit in den Schnee. Auf dem die Wasserscheide zwischen Inn und Adda bildenden Pass 2291 m geniessen wir wieder den prachtvollen Rückblick auf die Ortlergruppe und ganz besonders auf die wenig bekannte Cima di Piazzi, eine mächtig vergletscherte Kristallin-spitze. Der Pass bildet auch die Zollgrenze, mitten in Italien drin, denn das nördlich gelegene Gebiet ist Freizone, ein Privileg, das sich die alten Livignasken aus früheren Zeiten erhalten haben, als sie noch ganz auf den Verkehr mit der Schweiz angewiesen waren, die ja längs des Spöl zum Ofenberg oder über den Casannapass bedeutend leichter zu erreichen war als das ferne Bormio. Wir fahren etwas voraus, mein Vetter und ich. Bei Trepalle folgt nochmals eine kleine Gegensteigung, und dann erreichen wir in einer kurzen, schönen Abfahrt Livigno, das Ziel unseres Tages. Das 12 km lange Dorf bildet eine Sehenswürdigkeit für sich. Längs der Strasse steht ein Haus am andern, die Ähnlichkeit mit den Walliserhäuschen ist besonders bemerkenswert. Noch liegt alles in metertiefem Schnee, obschon der Kalender schon Anfang Mai zeigt. Das weite Hochtal mit seinen ziemlich sanften Hängen bildet ein ganz ideales Skigebiet und wäre sicher von Fremden schon längst überschwemmt wie das parallel gelegene Engadin, wenn es etwas besser zugänglich wäre.

Unsere Pässe werden mit dem Ausreisestempel versehen. Wir ziehen am nächsten Morgen weiter, talauf gegen die Forcola di Livigno. Schon früh ist es warm, der Schnee tief und faul, so dass wir nur langsam vorrücken. Und sehr bald wird mir klar, dass es heute nichts mehr ist mit dem geplanten Umweg über die Diavolezza. Die Mittagsrast halten wir auf der Forcola 2328 m und lassen uns von der Sonne rösten, die strahlend über dem Talkessel des Puschlav steht. Tief unten in der breiten Furche des Veltlins mag die Wärme wohl jetzt schon in die vom Winterschlaf erwachten Reben dringen und sie an ihre edle Pflicht mahnen. Eine etwas kitzlige, weil lawinengefährliche Querung bringt uns zur Mündung der Val. Minor und durch dieses Tal hinaus auf den Berninapass. Auf dem hier nun schon mager liegenden Schnee ziehen wir gen Abend weiter ins Engadin hinab, über Pontresina, dessen Hotels mit den geschlossenen Läden einen recht verlassenen Eindruck machen und dessen Übungshügel wieder ihren eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich das Gras wachsen lassen, nach Samaden.

Schon früh sind wir auf dem Weg nach Madulein. Dann steigen wir in die Höhe, durch lichten, noch kahlen Lärchenwald, auf dessen aperen Stellen Krokus prangt, bis wir ganz im weissen Schneeland sind und unsere lieben Bretter anziehen können. Nun gewinnen wir die Chamanna Rascher 2611 m. Langsamer nähern wir uns der Porta d' Es-chia. Nicht etwa wegen Müdigkeit, o nein, aber bei jedem Schritt wird die Aussicht gewaltiger, weiter. Ha, dieses schimmernde Berninareich! Und dort im Osten, schon weit entfernt, grüssen uns zum letztenmal die Ortleralpen. Mit einer inneren Genugtuung übersehen wir den weiten Bogen unseres Weges, den wir in den vergangenen Tagen zurückgelegt haben. Auf Wiedersehen!

Verlockend ist der Einstieg zum Piz Kesch, und gerne möchten wir noch etwas über die braunen warmen Felsen klettern, aber wir müssen verzichten, denn die heutige Fahrt dauert noch lange. Ein letzter Rückblick aus dem engen Felsentor und schon fliegen wir über den flachen Gletscher an der Keschhütte vorbei hinunter in die hintere Val Fontauna. Der Aufstieg zum Sertigpass 2762 m macht uns wieder reichlich warm. Dann folgt die lange Fahrt durchs Sertigtal hinaus, bis wir gegen Abend in Davos einziehen, wieder mit geschulterten Ski, denn der Frühling ist auch auf dieser Seite immer höher gerückt und hat den Schnee zurückgejagt. Trotzdem steigen wir am nächsten Morgen noch auf Parsenn und schliessen damit bis Klosters das letzte Teilstück unserer weiten Rundfahrt.

Nicht hier, erst beim Verlassen des Prätigaus wird uns so richtig klar, dass nicht nur wir in den vergangenen Tagen Grosses und Schönes erlebt haben, sondern dass inzwischen in der Natur noch viel Grösseres sich ereignet hat, denn das ganze Unterland prangt im Maienblust, für uns, die wir aus Schnee und Winter kommen, ein Begrüssungsbild, wie es schöner nicht gedacht werden kann.

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