Schreckhorn

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Kurz vor Mitternacht, nach einem spärlichen, unruhigen Schlafe, erklang der Wecker. Ein Blick vor die Hütte bestätigte unsere besten Erwartungen: sternbesät und rein setzte der Himmel, so weit man sah, auf den hohen Bergkanten auf; über dem Fieschergrat aber, uns gegenüber, segelte der Vollmond und liess die ihm voll zugewandten Flanken des Mönch und des Eiger wie geschliffenes Silber erglänzen... Mit Steigeisen bewehrt, schon angeseilt, traten wir um 1 Uhr 30 in die laue Nacht hinaus, und über den Sand- und Schuttwall der Moräne wurde ohne Verzug der Lawinenkegel am Fusse des grossen Couloirs erreicht, das im bläulichen Mondschein wie eine steile, hell-beschienene Strasse gegen den hochragenden Felsbau des Grossen Schreckhorns hinaufzog. Rechts, über eine Einfassung nachtschwarzer Flühe, hing der Abbruch des Schreckfirns herein, drohende Eismassen, jetzt vielleicht vom Kitt des Frostes noch festgehalten, aber jeden Augenblick bereit, zu stürzen, wenn erst die schmeichlerische Luft des Tages und der spät herein-fallende Sonnenstrahl ihre Ritzen und Fundamente liebkosend betasten würden.

Schweigend, wie es der frühen Stunde entsprach, klommen wir den immer steilerwerdenden Einschnitt hinan. Der Mond, dem Untergang nicht mehr fern, spielte mit uns Verstecken; jetzt war er hinter der Pyramide des Ochs verschwunden, und sein eben noch hell verbreitetes Licht flüchtete pfeilschnell nach oben in die höheren Zonen unserer Schneestrasse; jetzt wieder trat er, unmittelbar wie eine Leuchtkugel, über dem edel geschwungenen Kamme der Fiescherhörner heraus und begoss die ganze gigantische Flucht des Couloirs wie mit Milch. Unablässig, in gutem, nicht vereistem Schnee, aber mit Anstrengung gewannen wir an Höhe. Die Steilheit wuchs; unsere durch das leichte Schattenspiel, die fast unmerklichen Wellungen des Hanges genährte Hoffnung, vorübergehend einmal auf schwächer geneigten Boden zu kommen, erwies sich immer wieder als Trug.

Der obere, enger zusammengezogene Schlauch der grossen Rinne, aus dem wir uns einst vor Jahren nach rechts gewandt hatten, um die schräge Hochfläche des Schreckfirns zu gewinnen, liess wahrlich an Neigungsgrad nichts mehr zu wünschen übrig; und doch wurde er noch überboten durch den seitlichen Arm, der unter dem Bollwerk des Schreckhorns hindurch schräg zum Nässifirn hinaufzieht und dem heutigen Wege die Richtung wies. In diesem steilen Schnee war das Zickzackgehen ohne die Hilfe von Stufen aussergewöhnlich anstrengend, und sobald sich ein einseitiger Schrägmarsch, etwa an dem Felsrande zur Linken hin, etwas länger als üblich ausdehnte, begannen die bergwärts gestemmten Fusskanten beinahe zu schmerzen. An solchem Hang zu rasten ist unmöglich; erst, als wir bei einer steilen Wölbung schuttbestreuter, wasserüberronnener Platten die linke Einfassung der Rinne gewonnen hatten, konnten wir uns einen Augenblick des Veratmens gönnen.

Die Rinne, unser bisheriger Weg, gabelte sich von hier in mehrere Zungen, die zu einem schneegesäumten Absatze des südwestlichen Schreckhorngrates hinaufreichten. Ihre zunehmende Steilheit und die nicht mehr ver-kennbare Eisschicht unter dem Schnee hätten uns nicht erlaubt, auch wenn dies unsere Absicht gewesen wäre, sie uns zum ferneren Aufstieg dienstbar zu machen. Wir mussten es hier links versuchen.

Jetzt, da der Tag langsam heraufkam und der Schein des noch immer freischwebenden Mondes verblasste, öffnete sich auch der Tiefblick in den Schlund, den wir durchmassen; und eben das Ungewisse Dämmerlicht, das die gebogene Flucht dieses ungeheuren Abgrundes halb verhüllend umschauerte, steigerte den Phantasieeindruck aufs höchste, so dass man mit einer Empfindung, fast wie sie den Reiter über den Bodensee geschüttelt haben mag, an den festen Felsen sich anklammerte.

Der Plattenschild über uns, nur mühsam gangbar, bot doch eine willkommene Abwechslung gegen den steilen Firn, und wenn auch wieder Schneehänge mit hart verglasten Rändern und nicht geringerem Neigungswinkel sich einschoben, so breiteten sich doch diese Felsen von nun an wie schützende Arme um uns. Wenige Minuten vor 4 Uhr erreichten wir den langersehnten Gratabsatz bei einem kleinen, felsigen Aufwurf und liessen uns dort zu einer ersten Frühstücksrast nieder.

Jetzt kam auch der Tag. Die Kante des Fieschergrates, vom Finsteraarhorn her, entzündete sich; das Grosse Fiescherhorn, neben dem der erbleichte Mond noch immer verweilte, und das weisse Trapez des Mönch begannen von einem plötzlichen Feuer aufzulohen; und über diese ganze rosig erstrahlende Berglinie hielt der fleckenlose Himmel eine schmale Zone von tiefstem Ultramarin gespannt, die, je mehr das Licht an Herrschaft gewann, eine immer gesättigtere, unergründlichere und doch unsagbar durchsichtige, gleichsam perspektivische Farbe annahm, so dass man sie nicht als Folie, sondern als ein räumlich ausgebreitetes Fluidum empfand, in dem die hehren Spitzen ihre morgendlichen Häupter badeten. Darüber wuchsen dann alle Abstufungen von Purpur zu Rosenrot auf, während über dem Tieflande, wo die untere Hälfte des Thunersees sich dem Blicke bot, ein mattes Grün, wie von Türkisen, waltete.

Es war ein Sonnenaufgang von seltener Klarheit, und wir empfanden nur mit Bedauern, dass wir nicht ganz frei genug waren, um uns dem Eindrucke mit vollen Sinnen hinzugeben; denn noch allzu stark vibrierten Kampf und Anstrengung dieses nächtlichen Aufstieges in uns nach.

Es mag hier die Frage eingeschaltet werden, wieviel von den Landschafts-eindrücken und seelischen Feierzuständen, die uns der typische alpine Bericht mit klangvollen Worten vorträgt, spontanes Erlebnis und wieviel nur spätere Konstruktion ist, von der nicht immer ganz aufrichtig, wenn auch nicht eben mit Bewusstsein unaufrichtig nachzeichnenden Erinnerung aus dem Berichte des seelisch Möglichen in eine pomphafte literarische Scheinwirklichkeit hinaufgehoben, während der Augenblick von ganz andern, weit elemen-tareren Empfindungen beherrscht war, Empfindungen, in denen jeglicher höhere Geistesflug wie in einem Netz sich verfangen und erlahmen musste. Gewiss vermag Berggewohnheit, vermögen leibliche und moralische Schulung vieles, aber auch mit und auf diesen Grundlagen pflegt bei anstrengenden und schwierigen Besteigungen jener geistige Oberbau oder — mit einem der Romantik unseres edlen Sportes gemässeren Ausdruck — jene blaue Wunderblume des Schönheitsgenusses und der Daseinsfreude, die wir auf allen Bergfahrten suchen, mehr als Ziel und Ergebnis eines innern Kampfes, als kategorischer Imperativ unseres Willens, denn als freies Geschenk einer glücklichen Stunde zu erscheinen. In diesem Sinne kann die Art und Tonkraft, mit der auf Gipfeln das beliebte Geissbubenlied gesungen wird, psychologisch bemerkenswerte Aufschlüsse geben. Es ist sehr oft das unstoffliche Ersatz-mittel für die Flasche Champagner, der ein früheres Geschlecht von Bergsteigern — gar nicht unzweckmässig — am Steinmann den Hals zu brechen liebte. Die Sorge um das, was noch kommen soll ( auf Gipfeln um den Abstieg ), von der man uns will glauben machen, dass sie gleichsam erst aus zweiter Hand in das Glück des Schauens und der Freude sich einstehle, diese Sorge also beschneidet in Wahrheit diesem Glück von Anfang an die Schwingen; und selbst wo sie schweigt und billigerweise schweigen darf, auch da wird der seelische Raum so oft von Empfindungen einer andern, niedrigeren Ordnung über Mass und Gebühr erfüllt: Ungeduld über mühsam besiegte Schwierigkeiten, Zorn über das Feindselige, das schlechthin Ungefällige dieser Natur, von körperlichen Ermüdungs- und Schwächezuständen gar nicht zu reden. So ist denn zwar, um die Sprache eines bekannten biblischen Gleichnisses zu brauchen, die Strasse der Leistungen und Mühen breit und immer zugänglich, und viele Bergfahrten sind, die sie uns wandeln lassen; aber jene Pforte des Lebens ist eng und schmal, und wenig sind der Besteigungen, die sie uns aufschliessen. Daher kann bei einer etwas kritischen Überprüfung dieser bedeutsam seelischen Gewinn- und Verlustwertung seiner Reisen den Alpenwanderer gar wohl, und ohne dass er sich dessen zu schämen hätte, denn alles menschliche Streben bleibt irgendwie unerfüllt, eine Regung von jenen « regrets of a mountaineer » anwandeln, denen einer der erfolgreichsten und zugleich ansprechendsten Alpenpioniere, der erste Bezwinger des Grossen Schreckhorn, Leslie Stephen, am Schlüsse seines klassisch gewordenen Buches in einem allgemeineren Sinne Ausdruck gibt.

Nach einer halbstündigen Pause setzten wir unsern Weg fort. In rasch gekratzten Stufen wurde eine steile Firnkante erstiegen, dann führte ein fast ebener Quergang auf den Nässifirn hinüber. Der Bergschrund, der in flachem Bogen das sanft geneigte Gletscherbecken umzog, bot kein Hindernis; es mag aber Zeiten und Verhältnisse geben, die es anraten oder anbefehlen, dem von uns überschrittenen Gratausläufer zu folgen und immer oberhalb des Schrundes unter Hackarbeit zu einer der steilen Kehlen vorzudringen, die unmittelbar zum Fusspunkte des Anderson-Grates hinaufziehen.

Der Nässifirn, etwa in gleicher Höhe wie der Schreckfirn und in fast noch schwächerer Neigung als dieser zwischen die Wände von Schreck-und Nässihorn eingebettet, war weithin mit tiefem Lawinenschnee erfüllt, der auch den Ringgraben des Bergschrundes an verschiedenen Stellen überdeckte. Es fiel uns somit nicht schwer, auf der Seite des Nässihorns einen bequemen Übergang zu finden, und ein Steilanstieg durch Schnee brachte uns auf eine Felsrippe, wo nach 6 Uhr eine kurze Rast eingeschaltet wurde. Noch hüllte uns die hohe Aufstiegswand in Schatten, während alle andern Höhen und Hänge in unserem Gesichtskreis, auch der viel tiefere Mettenberg mit seiner keck getragenen Schneekappe, längst im vollen Tageslichte schwelgten. Aber verheissend winkte von hoch oben eine feine, gleissende Schneekante herab, und die wilde Zackentreppe des Anderson-Grates stufte sich in die Höhe und war wie verklärt von den röten den Morgenstrahlen. In kurzer Zeit musste die Sonne auch unser sein, und mit beschwingtem Mut und Schritt griffen wir die letzte Halde an. Vom Ende der Rippe wateten wir durch steilen, tiefen Schnee zum Fuss einer Runse, die den obern Felskranz durchschneidet, und ehe wir es noch zu hoffen gewagt, blies uns über eine lichtstrahlende Wölbung der scharfe Gratwind entgegen, den Pulverschnee in tausend glitzernden Stäubchen auftreibend. Wir standen um 6 Uhr 50 auf dem Nässijoch im ersten, vollen Sonnenschein.

Es war ein Tag und ein Fernblick erster Klarheit. Man sah bis hinaus zu Schwarzwald und Vogesen. Nur im Osten lag ein Wolkenmeer um die Gipfel, aus denen der Tödi und die Gotthardgruppe wie vereinzelte Insel-klippen herausragten. Höchst charakteristisch bot auf dieser Seite auch der Titlis seine senkrechte Südmauer. Tief unten dann das geschwungene Lauteraarjoch mit steil absetzenden Flanken; links davon die mit scharfen Spalten-strichen kreuz und quer schraffierte Dünung des Obern Grindelwaldgletschers und sein gewaltiger Eisfall, überragt und beherrscht von dem breiten, stark verschneiten Bau der Wetterhörner. Auf der andern Seite, über das Oberland hinaus, sah man die Walliser ihre Gipfellinie gross und ruhig in den hart-blauen Himmel zeichnen, und weiter rechts in reinster, durch keine Entfernung gedämpfter Plastik stand der Dombau des Mont Blanc mit einigen seiner Trabanten, unter denen die dunklen Grandes Jorasses nicht zu verkennen waren.

Doch dies alles mit Gewaltsamkeit fast brutal beiseite schiebend stand neben uns auf dem Grat in dunkler, geschlossener Felsenwucht das Grosse Schreckhorn. Was von unten als treppenartig gezackte Schneide sich dargestellt, das wirkte von hier in der Verkürzung als eine schwer übersehbare Folge jäher und immer jäherer Wandstufen, die sich bisweilen zu einer ausgesprochenen Kante zusammenzogen und in ihrem scheinbar lotrechten Aufstieg jedem Angriffsversuche Hohn zu sprechen schienen. Das also war der Anderson-Grat! Man fühlte noch mehr als man sah: eine Kletteraufgabe ersten Ranges, auch wenn die Felsen im besten Zustande waren. Nun aber lag, wie mit der Puderquaste aufgetragen, der Schnee überall tupfenweise auf dem Granit, und selbst wo der harte Kern vermöge seiner grossen Steilheit nackt hervorstand, da konnten doch — wer wusste es — die kleinen Rauhigkeiten, Löcher, Spalten und Leisten, deren die kletternde Hand bedurfte, mit dem kalten, trügerischen Stoff so ausgiebig verklebt und verschüttet sein, dass der Vorausgehende sie erst umständlich zu ertasten und sorgfältig freizuputzen hatte. Und selbst mit all dem Zuwachs an Mühe und Zeit, den es mit sich brachte, war das noch lange nicht die schlimmste Möglichkeit, war am Ende nur Zuckerbrot gegen den Fall der Vereisung.

Jedermann kennt diese Anwandlungen von Sorge und Kleinmut, mit denen der Bergsteiger, dessen beste Kräfte schon verbraucht sind, der letzten, entscheidenden Schwierigkeit, dem grossen Fragezeichen seiner Unternehmung so manches Mal entgegentritt. Wenn wir an einer Gasttafel zwei wohl eingerahmte Hauptplatten nach bestem Können, aber mit immer stärker abnehmendem Hunger erledigt haben, so wird in uns trotz der angenehmsten Gesellschaft und der besten Weine das fernere Heranreisen einer gewichtigen Schinkenkeule oder eines in nahrhafter Gallerte schwimmenden Lachses doch sehr ernstliche Bedenken, wenn nicht gar Schrecken hervorrufen, und die Vorstellung, wie anders es wäre, wenn wir zu nüchterner Stunde solchen Leckerbissen uns gegenüberfänden, kann das erstorbene Gelüste nicht zu-rückzaubern. Auch die bergsteigerische Delikatesse, genannt Anderson-Grat, würde dem Gaumen weit stärker zusagen, wenn die Nachwirkung des über fünfstündigen, eintönigen und anstrengenden Aufstieges durch irgendein wohltuendes Laxativ oder Vomitiv könnte ausgetilgt werden. Alles in dieser Welt ist relativ: die gleiche Aufgabe, die den Frischen lockt und beflügelt, wird dem vom Gift der Müdigkeit Angezehrten zum düstern Droh-bilde voll Qual und Gefahr. Allein, wir waren nun einmal hier und hatten durch einen mannhaften Versuch festzustellen, wie die Wirklichkeit aussah und wie wir mit ihr fertigwerden konnten.

Am besten habe ich es in solchen Fällen immer gefunden, die Arbeit recht kalt, ich möchte sagen: geschäftsmässig anzugreifen. Man stellt das Gefühl gleichsam ab, macht die einzelnen Kletterbewegungen, die Gewichtsverteilung, den Haushalt mit den Kräften zu einem Gegenstande kühler, technischer Methodik und sucht ja nicht weiter zu denken als bis auf die Höhe des zunächstliegenden Absatzes, bis ans Ende der gerade jetzt vor dem tastenden Fusse hingespannten Gratschneide. Das ist namentlich dann ein gutes Mittel, wenn, wie in unserm Fall, eine ziemlich heftige Luft- bewegung den Eindruck des Übermächtigen, dem Leben Feindlichen, das an sich schon den Charakter dieser Natur ausmacht, noch steigert; wenn auf heiklen Kanten, wo jede Fiber auf die Beobachtung des Gleichgewichtes eingespannt sein muss, der Wind in tückischen Böen durch steile Felsschorn-steine herauffaucht und dem Wanderer fast betäubend über dem Kopf zu-sammenschlägt, oder wenn, wie es beim Abstieg geschah, Wolken auftreiben und den ganzen Grat in zerflatternden Rauch hüllen. Immerhin pflegt auch dann, wenn man nur einmal erst in der Arbeit warm geworden ist, ein gewisses Mass von Beweglichkeit sich wieder einzustellen, ja in ihrer Begleitung eine neue, heissere, durch das Feuer der Gefahr gehärtete Kampf-stimmung, die wie ein stählendes Elixier viele Stunden die Adern durchkreisen mag, bis ans Ende der Schwierigkeiten, um dann allerdings leicht in eine grosse Erschlaffung umzuschlagen.

Um 7 Uhr 30 setzten wir uns gegen den Anderson-Grat in Bewegung. Ein blendend weisser, in Wellen aufsteigender, scharfer und teilweise mit Wächten eingefasster Schneekamm, wo der Wind uns besonders bösartig um die Ohren blies, bildete den Auftakt, dann um 8 Uhr, legten wir Hand an den Felsen. Es ist mir leider nicht mehr möglich, die einzelnen Abschnitte dieses Aufstieges mit völliger Klarheit wiederzugeben; trotz aller Bemühungen, sie in der Erinnerung festzuhalten, verdunkeln sie sich rasch, und man müsste schon an Ort und Stelle unablässige Aufzeichnungen machen, um sich hernach die verwirrende Eindrucksfülle einer stundenlangen Kletterei in deutlich übersehbaren Gruppen wieder vergegenwärtigen zu können. Gleich der Einstieg schien mir bei dem reichlichen Schnee durchaus nicht einfach, doch suchten wir hier, und wo es sonst irgend anging, gleichzeitig zu klettern. Einige Stufen und Schrägflächen wurden methodisch überwunden, dann kamen wir vor ein überaus steiles, aperes, etwa 15 Meter hohes Wandstück mit nur sehr spärlichen und schmalen Querleisten und Spalten, die den Besteigern des Anderson-Grates bekannte « Platte », die glücklicherweise von jedem Schneebelag frei war. Den Pickel in eine Öse an seinem Rucksack gesteckt, überwand Kaufmann sicher und glänzend die schwierige Stelle. Als er an der letzten, etwas vorlehnenden Stirnpartie hinaufturnte, schien es fast, als hinge er senkrecht über uns herein. Das Seil war völlig ausgespielt, als wir einer nach dem andern folgen konnten, und im gesicherten Nachklettern ermass man erst, was es bedeutete, hier vorauszugehen.

Damit lag vielleicht das erste Drittel des Felsgrates hinter uns, und wir hatten es nun mit einer Abwechslung massig hoher Steilwände und schräger oder wagrechter Schneiden zu tun, die gelegentlich auch in energisch eingeschnittene Scharten absetzten, zu denen der Wind dann mit doppelt sinnver-wirrendem Geheul emporschlug.

Bald war man an die Arbeit gewöhnt, die Spannkraft hatte sich wieder eingefunden, und auch die grosse Ausgesetztheit dieser ganzen Kletterei focht nicht weiter an. Ich erinnere mich noch zweier Stellen, die ausser der « Platte » die Bezeichnung als schwierig rechtfertigen dürften; eines nicht sehr hohen, griffarmen Turmes neben einer Rinne mit schlechtem, rutschigem Schnee, die gegen den Lauteraarfirn niederfiel, und höher oben eines fast senkrechten Wandstückes neben einem weit hinab sichtbaren, schwarzen, im obern Teil überhängenden und mit Eiszapfen gefüllten Kamin. Hier schien sich die ganze Grossartigkeit dieses Aufstieges noch einmal wie in einem Brennpunkte zu verdichten: man klebte wie eine Fliege an der Wand, sah die zurückgelegte Gratstrecke in unwahrscheinlich jähen Sprüngen unter den Füssen sich verlieren und hatte den Eindruck, mit der bewohnten Welt da unten und allem, was dort wichtig und bedeutungsvoll ist, überhaupt kaum mehr zusammenzuhängen. Aber nach dieser letzten und höchsten Steigerung seiner Rhythmik ermattete nun selbst der Anderson-Grat. Seine Steilheit nahm ab; es folgten — mirabile dictu — sogar ausgesprochen einfache Stellen, Schneewanderungen den Kamm hinauf, einer schönen, kleinen Firnkuppe zu, die man leichtgläubig genug für den Gipfel hatte nehmen wollen. Da war denn die Enttäuschung gross, als sich vor den oben Angelangten noch ein ganzes System von Kuppen und verbindenden Graten aufschloss und man erkennen musste, dass uns von der Hauptspitze, auf welche dies alles zusammenmündete, zwar kein grosser Höhenabstand mehr, aber immerhin noch ein erklecklicher, rein horizontaler Zwischenraum trennte. Doch in diesem Fall hatte einmal der Augenschein ganz gegen seinen sonstigen Brauch übertrieben: wenn auch noch einige schmale, wächtenbehangene Firnkämme und tiefer eingehackte, felsige Kerben unsere Bewegung verlangsamten, so blieb doch im übrigen das Gelände einfach und der Fortschritt rasch. Kurz nach 11 Uhr 30 standen wir neben dem Steinmann, nur noch den Himmel über uns, und hatten wieder einmal diesen unaussprechlichen, fast atemraubenden Eindruck, nach vorwärts, rechts, links, wohin man blickte, die Rippen und Wände in abgründige Tiefen hinuntersinken zu sehen.

Mehr als zehn Stunden waren seit unserem Aufbruch von der Hütte vergangen, und es entsprach unserem Zustand, dass wir, in eine halbwegs windgeschützte Ecke verkeilt, zunächst an nichts anderes dachten, als unsere ausgedörrten Kehlen mit dem warmen Tee unserer Thermosflaschen zu befeuchten. Wohl hatten wir Grund, unserem wackeren Vorläufer dankbar die Hand zu drücken.

Auch auf dem Gipfel und dem ebenen Gratstück, das als letzte Etappe des gewöhnlichen Weges die Richtung zum Schrecksattel weist, war nicht die leiseste Spur einer kürzlichen Anwesenheit von Menschen zu entdecken; es blieb uns daher die Ehre und die Last, auch beim Abstieg die Spur neu brechen zu müssen.

Mit der Aussicht konnten wir uns nur obenhin beschäftigen; der Wind blies kalt und heftig in unsern Schlupfwinkel herab, und das Bedürfnis nach Trank und etwas Speise, nach Ruhe und Erholung war so gebieterisch, dass wir gar nicht daran dachten, in der knappen uns vergönnten Frist nur um der Vollständigkeit des Panoramas willen noch einmal auf den höchsten Punkt hinaufzusteigen.

Leider hatte sich inzwischen, von uns kaum bemerkt, die bisher so vollkommen heitere Stirne der Landschaft in erste leichte Falten gelegt. Aus dem watteförmigen Wolkenpolster im Osten waren einzelne bräunliche Ballen emporgestiegen und reisten nun wie Luftschiffe, schwere Schattengondeln geräuschlos unter sich herziehend, über den Gauli- und den Unteraargletscher; ja auch über das Lauteraarjoch, unmittelbar in furchtbarer Tiefe, wälzte sich wie von ungefähr, man wusste kaum von welcher Seite, ein durchsichtiges, braunes Schleiergebilde her, das sich dann rasch verdichtete und im sausenden Auftrieb des Windes gegen die hohen Grate anbrandete, um dort wie tausend irre Gespensterhände mit drohenden Fingern ins Leere emporzufuchteln. Schon stand der mächtige, wild gezackte Grat des Lauteraarhorn mit seinem scharf heraustretenden Mittelturme wie in Rauch, und es dauerte nicht lange, so war auch unser Abstiegsweg bis zum Schrecksattel zur allgemeinen Kampffront der Wolkenböen und des trockenen, klaren Südwestwindes geworden, der zischend, schluchzend, mit jaulendem Aufschrei durch die steilen Fels-schläuche zu unserer Rechten emporjagte und sich, wie eine kampf- und blutdurstige Hundemeute, dem erschrockenen aufgebäumten Grauwild an die Gurgel warf. Mitten durch diese Entfesselungen ging unser Weg, und wir konnten uns wohl noch glücklich schätzen, dass der Auftrieb von beiden Seiten fast dieselbe Kraft entwickelte und sich daher in der Trefflinie gleichsam aufhob.

Nach einer Stunde verliessen wir den Gipfel. Das ebene Stück des Grates trug reichlich Schnee, aber die schönen luftigen Kletterfelsen zum Schrecksattel hinab waren aper, und so machten wir gute Fortschritte. Der Weg ist zu bekannt, als dass ich ihn näher zu schildern brauchte; man hält sich meist an die Schneide und überklettert alle Absätze bis auf den letzten, der in der Flanke umgangen wird. Als wir über dem sogenannten « Elliotwängli » einen Augenblick verhielten, bot sich uns das seltene Schauspiel des Brockengespenstes: man sah links in der Nebelmasse, schräg unter sich und der Sonne genau entgegen, einen kleinen, kreisrunden Regenbogen sich abzeichnen, und in der Nabe dieses bunten Rades erkannte jeder seinen eigenen Kopf. Alle Bewegungen erschienen dem, der sie ausführte, in diesem Spiegel reflektiert: man hob den Arm, den Pickel, und der bunte Kreis bildete eine Ausstrahlung von seinem Zentrum, eine Achse nach. Die Voraussetzungen dieser Erscheinung: ein Grat mit der Sonne auf der einen, mit Nebel auf der Gegenseite, trafen heute in seltener Gunst zusammen.

Vom Fusse der Felsen stapften wir, fest gegen den Wind angestemmt, den stark geneigten Schneehang zum Schrecksattel hinunter. Der Aufprall der Luft war noch immer so heftig, dass man das Gefühl hatte, in ein Daunen-bett zu versinken, und ich erinnere mich an keinen frühern Abstieg, bei dem ich so wie hier mich hätte ins Geschirr legen müssen, um überhaupt voranzukommen. Mit einem Segel wäre man geradezu wieder auf den Grat hinaufgeweht worden.

Vom Sattel, wo die aufeinanderstossenden Winde noch einmal besonders kräftig an uns herumzerrten, stiegen wir sofort schräg durch graue Platten abwärts bis unter das charakteristische Bollwerk einer roten, kräftigen Rippe; hier rasteten wir, leidlich geschützt, einen Augenblick.

Unser jetziger Standpunkt bot den Vorteil, die beiden Schneerinnen, die wir nun queren mussten, aus nächster Nähe überschauen zu lassen. Vergeblich war unser Ausblick nach einer frühern Spur; auch hier galt es, den Weg neu zu bahnen. Über schlechte Felsen stiegen wir zu der ersten Lawinen- kehle hinab, und während ich so gut als möglich zu sichern mich bemühte und mein Bruder nach etwa herabkommenden Steinen ausspähte, hackte Kaufmann, so schnell es nur anging, durch die trügerische, nasse Schneeschicht tiefe Stufen in das darunterlagernde Eis. Ohne Zwischenfall wurde die gegenüberliegende Kante erreicht, und nun konnten wir sofort auch die zweite Rinne, die unmittelbar dahinterliegt, in Angriff nehmen. Im Gegensatze zur ersten war sie, bei kaum schwächerem Gefäll, mit tiefem, weichem Schnee ganz ausgefüllt, so dass auch hier nur einzeln und mit Sicherung vorgegangen werden durfte, denn unsere tief eingegrabene, wagrechte Spur hätte nur zu leicht die Abbruchstelle einer Lawine werden können. Endlich fanden wir uns, allen Fährlichkeiten enthoben, auf der eigentlichen Abstiegsrippe wieder zusammen, aber freilich noch lange nicht am Ende aller Mühsal. Denn das Klettern und Gehen auf diesen ungünstig geschichteten Felsen gehört, wenn es auch an keiner Stelle schwierig ist, im Abstieg doch zu den anstrengendsten und eintönigsten Muskelleistungen, die man sich denken kann. Von meiner frühern Schreckhornbesteigung her erinnerte ich mich dieser Strecke gar wohl; sie hatte mich auch damals, zwar nicht beim Hinweg, wohl aber, wie heute, bei der Rückkehr, in die heftigste Ungeduld versetzt. In dem Berichte seiner ersten Besteigung bezeichnet sie Leslie Stephen, allerdings im Sinne des Anstiegs, nach seiner bescheiden-nüchternen Art als « simply a steady piece of rock climbing » und ergeht sich im Scherz über die grosse Länge seiner Gliedmassen, die ihm hier sehr zustatten gekommen sei, und den von der Natur etwas knapper zugeschnittenen Führern Stoff zu allerhand neidvollen Spässen geboten habe.Viel lebendiger und doch für jene enthusiastische Entdeckerzeit wohl verständlich und bezeichnend äussert sich einer der zweiten einheimischen Besteiger des Schreckhorn, Christoph Aebi; er sagt:

« Von dieser Arbeit kann... nur derjenige sich einen richtigen Begriff machen, der sie selbst getan. Es war eine der heillosesten Klettereien, die man sich denken kann. Senkrecht oder wenigstens gewaltig steil, hob sich Gneiswand über Gneiswand; am Rande gähnender Abgründe mussten sie erklettert werden; zollbreite Vorsprünge, auf denen kaum der äusserste Fussrand sich zu stützen vermochte, die nur den äussersten Fingerspitzen einzudringen erlaubten, das waren die Haltepunkte, die dem mühsam Vorschreitenden oft erst nach langem Suchen sich boten. Hier war verloren, wen nur eine Idee des Schwindels angewandelt hätte. Auf menschliche Verhältnisse war der Durchgang nicht berechnet oder, wenn man lieber will, der menschliche Körper nicht für solchen Weg eingerichtet; alles war vielmehr darauf bedacht, ihn in die allerschwierigsten und unnatürlichsten Stellungen einzuzwängen und ihn seine gewohnten Bewegungen möglichst wenig in Anwendung bringen zu lassen. » Diese Beschreibung, die sich dann in einem humor- und vorwurfsvollen Hinweis auf die naturwissenschaftliche Definition unserer Gattung als Zwei-füssler und homo sapiens und deren Ungereimtheit mit solchem Tun fortsetzt, mutet uns Heutige, auch wenn sich inzwischen in der Struktur der Rippe — dass es dieselbe war, die man heute benutzt, scheint festzustehen — manches geändert haben sollte, doch etwas übertrieben an, und wir können den leichten Verdacht nicht unterdrücken — einen Verdacht, der jenem ehrwür- digen, tüchtigen und begeisterungsvollen Verfasser im übrigen gewiss nicht am Zeuge flicken soll —, als habe von den beiden Gestalten jedes menschlichen Erinnerungsbildes, Phantasie und Wirklichkeit, die erstere hier etwas mehr als den üblichen und ganz zu rechtfertigenden Teil für sich in Anspruch genommen.

Mir persönlich ist der Einstieg — also heute der Ausstieg — aus der Rippe als die einzige Stelle in Erinnerung, wo die Bezeichnung « senkrecht » zur Not am Platze sein möchte; hier allein handelt es sich um eine Kletterei im vollen Sinne dieses Wortes. Das übrige wird richtiger und besser als eine anstrengende, eintönige Folge niemals schwierigen, aber auch niemals leichten Steigens mit aushilfsweisem Zufassen bald der einen, bald der andern Hand gekennzeichnet; die Fälle, wo beide Hände müssen zu Hilfe genommen werden, sind selten. Am besten entledigt man sich der Aufgabe mit stark vorgebeugtem Oberkörper und möglichst tief aufgestütztem Pickel, wie überhaupt der zu Aebis Zeit für Bergfahrer noch nicht gebräuchliche Pickel auf Wegstrecken dieser Art geradezu unschätzbar ist.

Der Jahreszeit entsprechend, ragten nur Teile der felsigen Rippen-wölbung, langgestreckte, abschüssige Inseln von Stein, aus dem bedeckenden und umgebenden Schnee hervor; völlig aper wird sie aber wohl überhaupt nie, auch im trockensten Jahre, angetroffen. An diese Inseln hielten wir uns, so lange wir konnten, denn der Schnee war von schlechter Beschaffenheit und lagerte, wenigstens um die Felsen her, ohne Halt und Dichtigkeit auf einer trügerischen Eisplatte. Um keine Stufen hauen zu müssen, bedienten wir uns daher zwischen den Klippen eines besondern Verfahrens: wir gingen, nach der Bergseite gewandt, Schritt für Schritt hinab und liessen dabei eine doppelte Repsschnur durch die Hand gleiten, die oben um einen Felsvorsprung gelegt und von unten wieder abgeschnellt wurde. In der Mitte pflegte der Schnee übrigens ganz guten Halt zu bieten.

Inzwischen rückten die Stunden, und in den steilen Rinnen der Lauter- aarflanke ward es immer lebendiger: Lawine nach Lawine, Steinschlag nach Steinschlag ging unter Zischen und Knattern in die Tiefe, und die gesprenkelten Kegel auf dem Gletscher unten häuften und schoben sich immer weiter in das fleckenlose Weiss des Firns hinein. Es war fast 6 Uhr geworden, als wir den letzten Felsen ohne Bedauern den Rücken drehten und nun schnell in einer der weiter oben überschrittenen Lawinenrinnen abwärts liefen, dem Bergschrunde zu, von dem wir hoffen durften, dass er an dieser Stelle für einen Übergang hinreichend zugedeckt sein würde. Und in der Tat: der feste Ge- schiebekegel hatte sich so weit über die klaffende Randspalte vorgebaut, dass nur am untern Saum eine schmale Öffnung geblieben war, die leicht übersprungen werden konnte. Die drohende Gefahr weitern Nachschubes von oben trieb zur Eile, und so taumelten wir denn mit unsern müden Beinen fast wie Trunkene durch den tiefen, aufgeweichten Schuttschnee, froh, auf dem endlich erreichten ebenen Gletscherboden eine höchst notwendige Rast einlegen und die Steigeisen, die seit nahezu 17 Stunden an unsern Füssen hafteten, abschnallen zu können.

Es war unversehens düsterer geworden, und ebenso unversehens hatte sich mit dem sinkenden Tage der ganze Grat vom Finsteraarhorn bis zum Eiger in dichtes Grau gehüllt; auch den Talausgang schloss ein schweres, schwarzes Wolkengatter, zwischen dessen wagrechten Balken nur noch die scheidende Sonne aus gelbroten Hintergründen gelegentlich hervorblinkte. Die hohen Felsgipfel zu unsern Häupten, Lauteraar- und Schreckhorn, waren noch frei, nur schossen die Wolkenfransen oben am Grat fast noch steiler, zerzauster, fesselloser in die Luft. Aber wir hatten unsern Tag hinter uns; mochte kommen, was da wollte, kein Unwetter konnte uns den Erfolg mehr streitig machen. Ohne Aufenthalt zogen wir durch die Schründe des Schreckfirns und unter der Strahlegg hindurch zum Gagg, wo nun auch das Seil versorgt werden konnte. 8 Uhr 15 abends, mit Einbruch der vollen Dunkelheit, erreichten wir die wohnliche Strahlegghütte.Friedrich Vöchting.

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