Schweizer Alpenclub und Eidgenössische Landestopographie

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Von Paul Simon.

Feste werden heute gefeiert, Erinnerungsschriften greifen weit zurück in längst verstaubte Vergangenheit und erzählen mit Bewunderung und dankbarer Anerkennung vom Kämpfen und Wirken früherer Geschlechter.

75 Jahre Schweizer Alpenclub — 100 Jahre Eidgenössische Landestopographie!

Zwei Jubilare, die, seit ihrer Geburt füreinander bestimmt, in guter Kameradschaft den langen aufwärts führenden Weg zusammen gewandert sind, sich gegenseitig geholfen, gefördert und verstanden haben und nun als markante, unentbehrliche und festgefügte Institutionen ihren Platz im Schweizerlande einnehmen.

Beiden Jubilaren heute unsern herzlichen Glückwunsch! Eidgenössische Landestopographie — Schweizer Alpenclub! Kaum dürfen wir den Namen des einen nennen, ohne uns zugleich des andern zu erinnern! Und ungerecht wohl wäre es, hier eine scharfe Trennung zu versuchen!

Als am 19. April 1863 im Bahnhofgebäude zu Olten 35 schweizerische Berg- und Gletscherfahrer den Schweizer Alpenclub gründeten, da wünschten sie ihrem jungen Club auch ein Ehrenmitglied zu geben, und an der ersten Generalversammlung vom 5. September 1863 wurde dasselbe aufgenommen - General Wilhelm Heinrich Dufour!

« Die ganze Versammlung erhob sich von ihren Sitzen, dem um das Vaterland reich verdienten Manne, speziell dem Schöpfer des Topographischen Atlas der Schweiz ihre Verehrung zu bezeugen. » So die Chronik im Jahrbuch 1 des S.A.C.

Den bedeutendsten Kartographen aller Zeiten hat der junge Alpenclub zu seinem ersten Ehrenmitglied gewählt!

Besser als mit diesem schönen Beschlüsse hätten die Bergsteiger ihre Verbundenheit mit den eidgenössischen Kartographen wohl nicht bezeugen können! Und der symbolischen Ehrung haben sie bald die praktische Tat folgen lassen! Denn der neu gegründete Alpenclub beschloss mit Bewilligung und Unterstützung des Eidgenössischen Topographischen Bureaus auf der Grundlage und im Masstab der für die Dufourkarte erstellten topographischen Aufnahmen erstmalige Clubkarten vom Tödi-, Clariden- und Triftgebiet im Masstab 1: 50,000 anfertigen und mit den Jahrbüchern 1863 und 1865 veröffentlichen zu lassen. Diese Karten fanden denn auch bei den Mitgliedern des S.A.C. wie auch in der damaligen Öffentlichkeit begeisterte Aufnahme. Und die dritte Generalversammlung des Schweizerischen Alpenclubs 1865 in Chur hatte gar folgenden Beschluss gefasst: « Das Centralcomité ist beauftragt, im Einverständnis mit andern Vereinen, die ähnliche Zwecke verfolgen wie der S.A.C., dahin zu wirken, dass die eidgenössische topographische Karte im Masstab und in der Manier der Originalaufnahmen veröffentlicht werde. » ( Siehe: Geschichtlicher Streifzug durch die ersten hundert Jahre Eidgenössische Landestopographie 1838-1938, von Karl Schneider. ) Weiter vernehmen wir, dass General Dufour diesem Vorhaben günstig gestimmt war, er jedoch die Schwierigkeiten, die sich dem Unternehmen entgegenstellen würden, sehr wohl erkannte.

Es ist merkwürdig, dass andere interessierte Vereinigungen, wie Schweizerische Naturforschende Gesellschaft und Eidgenössische Militärgesellschaft, diesen 1865 in Chur gefassten Beschluss des S.A.C. nicht unterstützten. Es blieb deshalb dem damaligen Forstinspektor Johann Coaz vorbehalten, die Initiative zu ergreifen und den S.A.C. zu ermutigen, allein vorzugehen und ein Gesuch im Sinne des früheren Beschlusses an die Bundesversammlung zu richten. Dieses Gesuch hatte dann Erfolg. Und wir dürfen hier an- erkennen, dass dem S.A.C. somit das Verdienst zukommt, der Erstellung und Herausgabe des kommenden Siegfriedatlas die Wege geebnet zu haben.

Es ist selbstverständlich, dass der Gründung des S.A.C. im Jahre 1863 bedeutende bergsteigerische Unternehmungen vorausgegangen sind, die jedoch eher als Einzelexpeditionen gewertet werden müssen, da diesen eine gemeinsame Basis fehlte.

Wir erinnern nur an die Fahrten ins Berner Oberland, an die Besteigungen der Jungfrau im Jahre 1811 durch die Gebrüder Meyer x ), des Finsteraarhorns im Jahre 1812 durch die Führer des Dr. Rud. Meyer, sowie an die wiederholten Besteigungen des Hangendgletscherhorns und des Ritzlihorns, anlässlich der Berner Triangulation durch Ing. Jakob Frey ( 1811-1818 ). Aber nicht nur im Berner Oberland, sondern im ganzen Schweizerland war die bergsteigerische Tätigkeit schon vor 1863 eine recht lebhafte, und als die schweizerischen Bergsteiger durch den Ansturm der Engländer ins Hintertreffen zu geraten drohten, trat der Stosstrupp der schweizerischen Ingenieure und Naturforscher neuerdings verstärkt in die Front, wissenschaftlichen Forschungsdrang und bergsteigerische Lust miteinander verbindend.

Wir betonen ausdrücklich « neuerdings », denn, wie schon oben vermerkt, finden wir unsere Ingenieure und Naturforscher auf höchsten Schweizergipfeln, lange bevor das klassische Zeitalter des Alpinismus eine systematische Erschliessung des Hochgebirges brachte.

So sehen wir denn Oswald Heer aus Zürich schon in den Jahren 1832-1834 auf dem Rüchen Glärnisch, dem Hausstock, dem Monte Camoghè, Monte Uccello, Piz Umbrail, Piz Minschun und vielen andern Gipfeln, während Bernhard Studer aus Bern und Arnold Escher von der Linth 1835-1837 die Bündnerberge bereisten und im Berner Oberland Rotbrett und Gstellihorn bestiegen. Zur selben Zeit reiste auch der bekannte Panoramazeichner Zeller-Horner aus Zürich, dessen sorgfältige Arbeiten die altern Jahrbücher des S.A.C. schmücken. Wie eng verknüpft Naturwissenschaft und Landesvermessung schon damals waren, beweisen die Besteigungen der Vermessungsingenieure Sulzberger und Eschmann, die in den Jahren 1828, 1836 und 1837 Pizzo Tambo, Pizzo Porcellizzo, Pizzo Ferri, Leckihorn und Galenstock beobachteten. Im Dienste der Landesvermessung wurde der Alteis bei Kandersteg schon 1834 von einigen einheimischen Messgehilfen bestiegen.

Zwei Koryphäen, die wissenschaftlichen Tatendrang und Bergleidenschaft in idealster Weise miteinander verbanden, erblicken wir in dem famosen Topographenpaar Gottlieb Studer aus Bern 2 ) ( 1804-1890 ) und Melchior Ulrich aus Zürich ( 1802—1893 ). Ihnen war vornehmlich die geologische und topographische Bearbeitung und Erforschung der südlichen Wallisertäler vorbehalten. Das Resultat dieser Reisen war die Studersche Karte 1 :100,000, die im Jahre 1853 als « Karte der südlichen Wallisertäler » erschien, in Kupfer gestochen war und in bezug auf Genauigkeit und Darstellung höchsten Anforderungen genügte. Dass Gottlieb Studer als unerreichter klassischer Panoramazeichner fast legendären Ruf erhielt, ist zur Genüge bekannt. Erwähnt sei hier auch noch der nimmermüde Berner Geologe Edmund von Fellenberg, dessen Haupttätigkeit aber mehr mit der Entwicklung des S.A.C. zusammengefallen ist.

Namen wie Gottlieb Studer, J. Wolfsberger, F. Bétemps, Forstinspektor J. Coaz, Ph. Gösset und andere mehr sind Beweis dafür, dass bei einem tüchtigen Gebirgsingenieur die Liebe zu den Bergen das Lebenselement sein muss, die Kraftquelle bedeutet. Und wir dürfen sogar behaupten, dass die spätere Generation der Gebirgstopographen wie Xaxer Imfeid, Leonz Held, Fried. Becker, Jacot-Guillarmod allerdings auf den Arbeiten ihrer Vorgänger aufbauend, ihre unübertreffliche Meisterschaft in der topographischen Felsdarstellung vorwiegend ihrer hingebenden Bergliebe zu verdanken hatten.

Eine Korrespondenz zwischen General Dufour und Ingenieur Eschmann aus dem Jahre 1835 mag zeigen, mit welcher Hingabe die eidgenössischen Ingenieure ihren Beruf auffassten und wie innig das Verhältnis zwischen dem obersten Chef und seinen Mitarbeitern war.

Dufour schrieb an Eschmann: « Notre santé est bonne, je m' en réjouis, cela vous sera nécessaire pour franchir les Alpes. Courage, persévérance, ne vous laissez pas débuter par les obstacles; je pourrai enfin dire à la diète: voilà qui est fini! » Und Eschmann misst die vier Stationen Beverin, Monte Legnone, Pizzo Menone und Pizzo Porcellizzo und besteigt noch das Tambohorn. Da bringt ihm ein Eilbote auf die Alp hinauf die Meldung, dass sein Kind gestorben sei. Er verliert zu allem Unglück noch seine Börse mit Fr. 300 Inhalt, dann schreibt er aber von Zürich aus an Dufour: « S' il est possible, je retournerai malgré mon affliction profonde, la patrie avant tout! » Das war der Geist, mit dem unsere Pioniere vor 100 Jahren in den Kampf zogen. Und wenn wir nun diesen Geist kennen und wenn wir wissen, wie fest Eidgenössische Landestopographie und Schweizer Alpenclub miteinander verbunden sind, so muss es heute jeden Schweizer Alpinisten mit grosser Genugtuung erfüllen, wenn er erfahren darf, wie pietätvoll und dankbar die Eidgenössische Landestopographie ihre grossen Mitarbeiter geehrt hat und heute noch ehrt.

Wie bewegt uns doch der Name « Dufourspitze »! Mit welch kindlichem Stolz liest jedes Schulkind, dass der höchste Schweizerberg den Namen unseres grössten Kartographen, den Namen eines der grössten Schweizer trägt. ( Die Dufourspitze liegt ganz auf Schweizergebiet !) Wie lebendig wird in uns die klassische Zeit kühnster Forscherarbeit und mit welch warmer Anteilnahme verfolgen wir die Vorstösse unserer ersten Gletscherpioniere, wenn unsere offiziellen Kartenwerke ein Ulrichshorn, ein Studerhorn, einen Desorstock, ein Scheuchzer- und Escherhorn nennen! Wie lehrreich wird für uns eine Vincentpyramide, eine Zumsteinspitze, ein Agassizhorn oder ein Hugisattel. In all diesen Namen lebt die Entwicklungsgeschichte der wissenschaftlichen und bergsteigerischen Erschliessung unserer Schweizeralpen.

Diese vornehme Tradition gereicht unserer Schweizerkarte zu grosser Ehre.

Wenden wir uns nun noch einmal der topographisch praktischen und initiativen Seite des Schweizer Alpenclub zu. Wir haben schon im Anfang erfahren, dass der neu gegründete Alpenclub seinen ersten Jahrbüchern Exkursionskarten beigab. Mit dem Eidgenössischen Stabsbureau wurde ein Vertrag abgeschlossen, wonach der S.A.C. jeweils die Hälfte der Kosten für Stich und Druck des Blattes bezahlen musste. Auf dieser Grundlage gelang es dem S.A.C., im Verlaufe der Jahre nicht weniger als 41 solcher Exkursionskarten herauszugeben, und zwar sowohl in Schraffen- als auch in Kurvenmanier, ja oft sogar mit Relieftönung Einige dieser Karten sind hervorragend schön ausgearbeitet, der Masstab wechselte von 1: 100,000, 75,000 bis 1: 50,000.

Im Verlaufe der Jahre wurde der S.A.C. in seinen finanziellen Leistungen für diese Kartenerstellungen durch die Mitarbeit gesellschaftlicher Vereine und interessierter Kantone allerdings etwas entlastet.

Bei diesem Anlasse sei auch des vortrefflichen Lithographen-Karto-graphen Rudolf Leuzinger gedacht ( 1826-1896 ), der durch seine verständnisvolle künstlerische Gravur der Felsoriginale viel zum Ruhme der schweizerischen Hochgebirgskarten beigetragen hat. Übrigens verfügt auch die Re-. produktionssektion der Landestopographie heute über einen Stab famoser Felsgraveure.

Die Exkursionskarten wurden im Verlaufe der Jahre durch die Clubführer ersetzt. Auch diese Clubführer sind auf die neuesten Kartenaufnahmen aufgebaut. Es darf hier vermerkt werden, dass auch für diese neue Aufgabe des S.A.C. die Landestopographie stets viel Verständnis zeigt Immer war sie bereit, für den Clubführer wichtige Höhenquoten, die in der offiziellen Karte noch nicht enthalten waren, durch zuständige Ingenieure am Autographen nachträglich bestimmen zu lassen.

Ein grosszügiges Unternehmen, das der S.A.C. in Verbindung mit der Eidgenössischen Landestopographie durchführte, war die Rhonegletschervermessung. Es handelt sich hier darum, an einem einzelnen, besonders geeigneten Eisstrom mit aller erreichbaren Genauigkeit Dokumente zu sammeln, die für alle zukünftigen Gletscherstudien eine zuverlässige Grundlage werden sollten.

Und wenn wir bis heute nun erfahren durften, wie verständnisvoll Eidgenössische Landestopographie und S.A.C. in der Vergangenheit zusammen gearbeitet haben, so sei uns jetzt im Jahre der beiden Jubiläumsfeiern die Frage nach der Zukunft gestattet.

Die neue Landeskarte 1: 50,000 soll in diesem Jahre blatt-, sogar gebietsweise einer weitern Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Und man wird sich fragen, ob sie wohl dem Bergsteiger bringt, was er von ihr erwartet, ob sie die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen werde!

Und da dürfen wir wohl sagen, dass wir das Urteil ruhig erwarten, eine sachliche Kritik nicht zu scheuen haben.

Aber — der geübte Kartenbenützer steht heute vor einer neuen Situation!

Wenn er sich früher oft mit wenigen zusammenfassenden Formen begnügen musste, die — allerdings von unsern altern Meistertopographen scharf erkannt und souverän gezeichnet — das Kartenbild charakteristisch formten, so vermisste er doch oft die geometrische Genauigkeit. Er vermisste aber namentlich im Hochgebirge die markanten Einzelheiten, deren Fehlen bei Schlechtwetter die Benützung der rettenden Bussole oft illusorisch machten. Er empfand ganz allgemein, dass die Karte den Anforderungen des modernen Alpinismus zu wenig Rechnung getragen habe.

Anders heute! Die neue Karte zwingt zum gründlichen Studium des Kartenbildes. Der aufmerksame Kartenfreund wird erstaunt sein, wie lückenlos homogen und gewissenhaft das Hochgebirge vermessen wurde und dargestellt ist. Selbst wenig begangene, abgelegene, öde Fels- und Gletscherwüsten wurden von der gefühllosen Photogrammetrie mit gleichbleibender Schärfe erfasst, und wo eine Begehung zur Unmöglichkeit wurde, hat die im Flugzeug eingebaute photographische Linse Aufklärung und Ergänzung gebracht.

Wohl möglich, dass die gewählte Darstellungsart nicht überall restlos befriedigt, denn gar widerspruchsvoll waren die vielseitigen Wünsche der beruflichen Kartenbenützer. Berücksichtigt wurde, was nach kartographischen Grundsätzen noch verantwortet werden durfte. Dem Kletterer hat man heute in Einklang mit den bestehenden Clubführern des S.A.C. seine wichtigsten Grattürme kotiert, hat turistisch eingebürgerte Namen berücksichtigt und der Felsdarstellung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Eisgänger kann die Neigungsverhältnisse seiner Wände mit der absoluten Zuverlässigkeit einer genauen Kurvenzeichnung ablesen, und auch der winterliche Skifahrer wird die Abfahrtsverhältnisse für seine Wanderungen nun klarer erkennen können. Skihütten, Sprungschanzen, ja Bobbahnen haben in Anbetracht der aufsteigenden Wintersportbedeutung Eingang gefunden in die Signaturen der offiziellen Landeskarte. Doch dies alles nach Massgabe des verfügbaren Raumes. Ein leichter Schummerton wird die Lesbarkeit heben.

Wir dürfen wohl hoffen, dass sich S.A.C. und Eidgenössische Landestopographie auch im neuen Kartenwerke wiederum finden werden.

Vergessen sollen wir aber nicht, dass kein irdisches Werk höchste Vollendung in sich trägt und überall Mängel sich zeigen werden, wo Menschenhände tätig waren.

Doch dankbar anerkennen wollen wir, dass unsere neue Landeskarte ein schweizerisches Dokument tiefster Heimatliebe darstellt, in welches Bergsteiger und Techniker ihr Bestes hineingelegt haben.

Benützte Quellen: Die Geschichte der Dufourkarte.

Die ersten fünfzig Jahre des Schweizer Alpenclubs, 1913. Gedenkschrift von H. Dübi. Geschichtlicher Streifzug durch die ersten hundert Jahre Eidgenössische Landestopographie 1838-1938, von K. Schneider.

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