Sechs Tage im Excursionsgebiet

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Prof. Dr. K. Schuh in Leipzig ( Section St. Gallen ).

Sechs Tage im Excursionsgebiet Von 1. Versuch auf das Bietschhorn von Süden.

Nach drei mäßigen oder schlechten Sommern endlich einmal wieder ein großentheils guter, wenigstens ein vortrefflicher August. Von ihm wird der Bergsteiger noch lange mit Freuden erzählen. Bei dem herrlichsten Wetter hatte ich den Piz Bernina über die Berninascharte, den Monterosa von Macugnaga und das Matterhorn von Zermatt nach dem Col de Lion traversiren können, so daß in Zermatt das begehrliche Auge sich auf das Bietschhorn richtete und der Plan reifte, auch dieses auf der ganzen Längsrichtung seines von Süd nach Nord ziehenden Hauptkammes zu überschreiten. Wohl ist der Berg vom Westgrat über den Nordgrat und umgekehrt, ferner einmal von der Ostseite über den südöstlichen Kamm nach dem Nordgrat überschritten worden, wobei die Wege am Gipfel starke Winkel bilden; in seiner gewaltigen Ausdehnung von Süd nach Nord war er noch nicht betreten worden, und an die Besteigung der Südseite mit ihren furchtbaren Thürmen und wilden Zacken hatte bisher wohl weder ein Führer noch ein Tourist gedacht. Das Ueberschreiten eines Berges in seiner größten Ausdehnung ist aber sicherlich nicht lediglich ein Ziel bergsteigerischen Ehrgeizes mit seinen manchmal auch ungesunden Auswüchsen, sondern entschieden die Art der Besteigung, welche die vollkommenste und allseitigste Einsicht in den Bau und die topographische Gliederung des Berges gestattet. Ich meine, daß sich aus diesem Grunde ein derartiges Unternehmen auch dann rechtfertigen läßt, wenn der neue Weg Gefahren bietet, und mehr Gefahren, als die bisher betretenen. Am Mittwoch den 22. August 1883 brach ich mit meinen Führern, Alexander Burgener aus Stalden und Clemens Perren aus Eanda, von Vispach nach dem Baltschiederthal auf. Perren und ich kannten das Bietschhorn und seine Umgebung gar nicht, Burgener hatte es einmal in Sturm und Nebel über den Nordgrat bestiegen. Daß wir eine bestimmte Vorstellung von unserem Unternehmen gehabt hätten, kann ich daher nicht behaupten; es war eben unsere Absicht, dem Berg auf den Leib zu rücken und zu sehen, ob es gehe. Burgener sprach davon, er glaube, es gehe auf einem Grat, der zwischen dem Westgrat und der Südseite sei; den habe er vom Saasthal aus manchmal angesehen. Wir hätten dann vom Bietschthal aus den Versuch machen müssen. Ich entschied mich jedoch in Vispach für das Baltschiederthal, weil ich beabsichtigte, wenn die Südseite sich bei der Betrachtung mit dem Fernrohr als unersteiglich erweisen sollte, über das Baltschiederjoch ins Lötschenthal zu gehen und den Ostabhang des Berges, wo die Herren Maund und Dent ihren Aufstieg gemacht hatten1 ), mir näher anzusehen.

Wir nahmen einen Träger mit Decken von Vispach mit, welches wir Mittags um 12 Uhr 20 Min. verließen. Durch's Rhonethal ließ sich die Sonnenhitze ertragen, aber als wir hinter Baltschieder den steilen Fußpfad über die Kalkwände der Thaleinfassung hinaufgingen, wären wir vor Sonnenbrand bald umgekommen. Die ersten Erlenbüsche und der erste Waldbach dünkten uns eine erlösende Oase. Nur mit verschiedenen längeren Halten war das Vordringen im Baltschiederthal möglich. Erst eng von steilen Wänden eingeschlossen, erweitert sich dann das Thal und bietet reiche grüne Weide und anmuthige Landschaftsbilder. Schon guckte das Bietschhorn mit seinem Schneegipfel manchmal hervor, worauf Burgener mit dem Fernrohr eifrigst prüfte. Auf der oberen Sennhütte, die dicht am Gletscherbach auf dessen linker Seite liegt, tranken wir einen ganzen Eimer voll kalter Milch aus. Wir stiegen dann weiter empor, wobei uns die sehr großen Massen unbenutzten und verfaulenden Holzes auffielen, überstiegen eine mit dichtem Buschwerk besetzte alte Moraine und kamen an einigen gewaltigen Schneemassen, Lawinenresten aus diesem Frühjahr, vorüber. Eine derselben ließ uns vom rechten Ufer des Baches auf das linke übergehen und dann nach der Galkikumme und der Zunge des Baltschiedergletschers zu in die Höhe steigen. Burgener hatte unterwegs mehr- mais Wasser aus dem Bach getrunken, obwohl ich ihn davor warnte, es nach dem Genüsse so vieler Milch zu thun. Richtig klagte er bald über Leibschmerzen, und als wir gegen 6 Uhr bei einigen großen Blöcken zwischen üppiger Grasvegetation Halt machten, stimmte er eifrigst dafür, hier unser Nachtquartier aufzuschlagen. Es geschah leider, denn richtiger wäre es gewesen, mehrere Stunden höher zu schlafen. Nach meinem Aneroid hatten wir nur eine Höhe von circa 1750m erreicht. Das Bietschhorn zeigte sich uns hier als ein breiter Aufbau entsetzlich wilder und zerrissener rothgelber Zacken mit kleinen Schneefeldern, gekrönt von dem Schneegipfel. Nachdem wir gekocht und gegessen, ließ uns ein milder und warmer Abend bald prächtig schlafen, über uns das Sternenzelt, zur Seite der Gletscherbach mit seinem einförmigen, einschläfernden Tosen.

Am 23. August brachen wir um 2 Uhr 15 Min. nach Entlassung des Trägers auf. Wir gingen mit der Laterne etwa eine halbe Stunde auf der linken Seite des Baches aufwärts und sahen uns da, wo jenseits des Bergwassers die unteren Ausläufer des Stockhornes beginnen, nach einem Uebergang um. Bei der sehr warmen Nacht war das Wasser jedoch stark angeschwollen und toste wild zwischen großen Blöcken hinunter. Wir versuchten hier und da, und leuchteten mit der Laterne über die brausenden Wellen hinweg, nirgends schien ein Uebergang möglich. Zu spät merkten wir, daß wir am Abend auf der rechten Seite des Baches hätten bleiben sollen. Endlich, nachdem wir noch circa 20 Minuten höher gegangen waren, verbreiterte sich das Bett des Baches etwas und es schien, als wenn wir von einem Block zum andern springend das jenseitige Ufer gewinnen könnten. Zwei bis drei Blöcke waren passirt, wir standen mitten im Strom — der tobte und brauste, daß es wie Donner in die Ohren klang — um den nächsten weiten Sprung zu thun, wurde ich an 's Seil gebunden — endlich waren wir, wenn auch etwas naß geworden, drüben. Nun ging es, zuerst wieder rückwärts1 ), durch dichtes niederes Buschwerk an den Abhängen des Stockhorns hin, dann wandten wir uns etwas links, mehr nach der Mitte der tiefen Einbuchtung 2 ) zwischen Thiereggenhorn und Stockhorn. Um 5 Uhr machten wir einen Halt von 20 Minuten; wir hatten eine Höhe von 2470 m erreicht.

Um 6 Uhr betraten wir den kleinen Gletscher, der die obere Einbuchtung ausfüllt. Vom Stockhorn zieht ein wilder, in mächtigen und grotesken Zacken aufgebauter Kamm zum Bietschhorn hinüber. Anfänglich glaubten wir diesen Kamm vom Gletscher aus erreichen zu können; als wir näher heran waren, schien Burgener die Gangbarkeit nicht sicher, er brummte über abgeschnittene Platten und — was entscheidend für unseren Entschluß war, von diesem Kamm abzusehen — wie es hinter der obersten Zacke bis zum Gipfel des Bietschhorn aussah, konnten wir nicht sehen. Wir hielten uns daher auf dem GletscherReichlich eine Stunde war mit dem Uebergang verloren worden.

2 ) Die Dufourkarte hat für dieselbe den Namen: „ in der Trift. "

etwas links und gingen auf die niedrigste Lücke in dem Kamm zwischen Thiereggenhorn und Bietschhorn zu. Sie erhebt sich nur etwa 5 bis 6 Meter über den Gletscher, auf dem wir standen, während auf der anderen Seite, nach dem Bietschthal zu, der Bietschgletscher wohl 30 bis 40 Meter tiefer liegt. Auf dieser Lücke übersieht man nun erst das Bietschhorn in seinem ganzen gewaltigen Absturz bis zum Bietschgletscher.

Beim Aufstieg nach der Lücke hatten wir von dieser Südwand nicht viel gesehen. Jetzt standen wir vor dem wildesten Felsbau, der mir bisher in den Alpen entgegengetreten, drei, vier Galerien von mächtigen Thürmen bauten sich über einander aufr dazwischen Schneeflecken und scheinbar direct zum Gipfel hinauf leitend ein schmales Schnee- und Eiscouloir. Eine Prüfung mit dem Auge und dem Fernrohr ergab schnell: rechts und links von dem Couloir sind unersteigliche Thürme und Wände, das Couloir, welches in einem breiten Schneebecken mündete, schien unten Schnee zu haben; weiter nach oben, wo es enger wurde, kam augenscheinlich Eis, ganz oben schien es ein gerade herunterstürzender gefrorener Wasserfall. Der Gipfel lag noch ziemlich viel zurück hinter der obersten Felswand, in welcher das Eiscouloir sich herunterzieht. 6 Uhr 50 Min. hatten wir die Lücke betreten. Wir aßen etwas und beratschlagten, was zu machen sei. Burgener meinte: „ Das einzige, was wir versuchen könnten, ist das Couloir. Vielleicht geht es, wahrscheinlich aber nicht; nach oben zu wird das Couloir eine schmale Eisrinne und das Eis darin ist überhängend. " Ich sagte mir selbst, daß der Versuch durch das Couloir gefährlich und wahrscheinlich resultatlos sei, und äußerte: „ Nun gut, dann lassen wir es; wenn Sie es für zu gefährlich erklären, gehen wir nicht. " Nachdem ich die Höhe der Lücke mit dem Aneroid auf 3080 in gemessen, stiegen wir wieder auf den Gletscher, über den wir gekommen waren, herab, und ich schlug vor, über das Baltschiederjoch nach Ried zu gehen. Ich meinte es völlig ernst, und hatte den Plan auf dan Bietschhorn von dieser Seite ohne Murren aufgegeben. Ob ich trotzdem ein etwas unzufriedenes Gesicht gemacht habe, ich weiß es nicht; jedenfalls stieg Burgener plötzlich mit Perren statt abwärts über den Gletscher wieder auf demselben in die Höhe nach einer etwas höher gelegenen Lücke im Grat. „ Wir wollen noch einmal schauen, " meinte er. Ich kletterte nach und auf das Couloir blickend sagte Burgener: „ Wir wollen es versuchen, wenn Sie wollen; Sie denken sonst doch, wir wollten nicht. " Ich entgegnete ihm, ich beharre durchaus nicht auf dem Plan, wenn er den Weg für zu gefährlich halte. Ohne darauf weiter einzugehen, fragte er mich: „ Wollen Sie oder nicht ?" So beim eigenen Muth gefaßt, sagte ich kurz entschlossen: „ Ja. " „ Also vorwärts, " war die Antwort. Ich hätte gerne noch eine Skizze von dem überaus großartigen Anblick des Bietschhorns von diesem Grat aus gemacht, dazu war keine Zeit mehr.

7 Uhr 30 Min. stiegen wir vom Kamm etwa 10-15 Meter nach der Bietschthalseite ab und begannen nach Anlegung des Seils die eingebuchtete Felswand nach dem Schneefeld unter dem Couloir hin ziemlich horizontal zu traversiren. Directer wäre der Weg über den Bietschgletscher nach dem Schneefeld gewesen, aber unter diesem letzteren fielen, wenn auch nicht sehr hohe, so doch ganz glatte Felswände nach dem Gletscher ab, über welche nicht in die Höhe zu kommen war. So ging es an der Felswand des Grates, zwischen Stockhorn und Bietschhorn x ) hin, über sehr brüchiges Gestein, namentlich zerbrochene Platten. In dieser unwirthlichen Gegend, wo kaum je Jäger verkehrt haben, waren merkwürdiger Weise öfters Stellen, wie wenn etwas wie ein Pfad hier geführt hätte, sicherlich Gemsgänge. Das Gestein ist, wie am ganzen Bietschhorn, ein heller, oft gelblicher Gneißgranit. An einer Stelle, wo es links steil zum Gletscher hinunter ging — Perren war etwas zurückgeblieben — hatte gefrorenes Sickerwasser die Felsen glacirt. Burgener kratzt das Eis mit dem Pickel weg, hinter ihm gehend und mit ihm durch das Seil verbunden, glaube ich auf diese vom Eis befreite Stelle zu treten, plötzlich schwanke ich, aber ich kann mich noch halten, nicht ohne von Burgener eine Lection zu bekommen, ich möge besser aufpassen. In weitem Bogen geht es an dem Felsencircus hin, nirgends mehr eine Spur von Vegetation, außer einigen Flechten, nur ödes Steingetrümmer; über eine von fallenden Steinen ganz abgeschürfte Stelle laufen wir eilig hin.

8 Uhr 55 Min. betreten wir das unter der Mündung des Couloirs sich ausbreitende Schneefeld. Es wird nach links aufwärts auf einen Felskamm zu traversirt, den wir 9 Uhr 10 Min. betreten. Wir machen Halt bis 9 Uhr 30 Min. Mein Aneroid ergibt 3360 m. Ueber einen Schneekamm, auf dem Stufen geschlagen werden, geht es empor, wieder auf Fels, in dem eine lange schmale Spalte zu durchklettern ist. Jetzt sind wir am Eingang des Couloirs. Sorgsam wird es nach Spuren von Steinfall geprüft. Die Rinne in der Mitte, die häufigen Steinfall verräth, ist nicht vorhanden, auf dem Schnee liegen nur ganz vereinzelt Steine. Es kann also nicht schlimm sein. Wir halten uns linksr an der westlichen Wand und suchen möglichst die Felsen zum Fortkommen zu benutzen. Mehrfach werden diese ganz glatt, wir müssen uns der Eisrinne anvertrauen und mühsam im glatten Eis Stufen schlagen- Perren ist am Seil voraus, dann Burgener, zuletzt ich. Da kommen zwei kleine Steine das Couloir herunter, surrend und pfeifend, sie halten sich in der Mitte und thun uns nichts, es folgt ein größerer. 0 weh, die Sonne übt an dem schönen Tage schon ihre Macht, zumal es nicht stark gefroren hatte. Die rechte ( vom Aufsteigenden aus ) oder östliche Wand des Couloirs ist eine senkrechte Wand, zum Theil sehr hoch, Schnee haftet an ihr nicht, die lockeren kleinen und schmalen Gneißplatten sind an ihr lose geschichtet, wie die Knochen in einem Beinhaus. Die linke oder westliche Wand ist meistens flacher. Etwa in der Mitte des Eiscouloirs mündet von Westen ein Felscouloir. ' ' Als wir unter demselben durchgingen, krachte es über uns, hoch oben in der Felswand lösten sich Steine, sie poltern herunter, immer lauter — Gott sei Dank, sie haben einen anderen Weg genommen. Längere Zeit müssen Stufen geschlagen werden, der Winkel des Couloirs wird im Durchschnitt 40—45 Grad betragen. Ein kleiner Stein schlägt Perren auf die Hutkrempe; da — wir stehen noch in Eisstüfen über einander, ohne die Möglichkeit, auszuweichen — fängt es wieder links über uns zu krachen an, erst weit oben, dann sich nähernd immer lauter und furchtbarer; Burgener ruft: „ Oh weh, jetzt kommt es aber !" Perren ruft mir zu: „ Niederducken, nicht aufwärts lotzen !" r ) Ehe man sich besinnen konnte, fuhr der Steinhagel über uns hin, von den Wänden ricoche-tirend und den Schwefelgeruch von aufschlagendem Gestein hinterlassend. Tief aufathmend sahen wir den im Couloir hinunterjagenden Steinen nach.

Es war zwischen 11 und 12 Uhr; wir waren zu spät. Um unseren Weg gefahrlos zu machen, hätten wir drei Stunden früher sein müssen. Doch jetzt umkehren war gefährlicher als vorwärts gehen. Wir konnten uns jetzt meist an den Fels zu unserer Linken halten, aber auch hier ging es nur sehr langsam vorwärts, es war sehr steil, der Fels oft locker, oft ganz glatt und für Hand und Fuß nur wenig Halt gewährend. Einem Funde von schönen kleinen Kauchkrystallen konnten wir nur flüchtige Aufmerksamkeit schenken. Wir waren schon ziemlich Blicken.

hoch gekommen und hatten jetzt den gefrorenen Wasserfall nahe vor uns; die Eisrinne war nicht viel breiter als ein bis zwei Meter, in phantastischen Formen, runden Buckeln und Zapfen, hing das Eis wohl 15 bis 20 Meter hoch herunter. Wenn es auch nicht überhängend war, wie Burgener unten gemeint hatte, es war fast senkrecht und kein Gedanke daran, sich an ihm hinauf Stufen zu schlagen. Dorthin war kein Ausweg. Aber plötzlich öffnet sich im Westen nach oben hin ein breites Couloir, dort scheint ein Durchgang, vielleicht geht es doch! Voller Hoffnung steigen wir noch durch ein steiles Kamin, lassen unsere Eisrinne dann rechts liegen und klettern langsam und vorsichtig über steile Gneißplatten empor. Das ganze Gestein besteht aus Platten, die vielfach geschichtet sind, zum Theil nach dem Inneren des Berges zu und dann phantastische Formen, lange Sparren und schiefe Thürme bildend, zum Theil dachziegelartig von oben nach unten und dann ein sehr schlechtes Feld zum Klettern gewährend. Alles ist lose und geht polternd in die Tiefe. Wir haben vor uns eine steile Wand, deren Kamm sich nach rechts in die Höhe zieht; dort scheint der Grat vom Stockhorn nach dem Gipfel des Bietschhorn hinzulaufen. Je höher wir kommen, je steiler wird die Wand.

Es ist 1 Uhr geworden, wir ruhen und essen; der Gipfel des Berges ist nicht zu sehen. Nach einer halben Stunde schickt Burgener den Perren voraus, um nach dem Kamm der Wand hinaufzuklettern und zu sehen, ob es weiter geht. Es ist das eine Tactik von Burgener, an schwierigen Stellen den zweiten UK. Schulz.

Führer vorauszuschicken, um die Sache zu prüfen. Geht es, so kommt Burgener mit dem Touristen nach; geht es nicht, so hat der letztere den Weg nicht unnöthig gemacht. Ich bin für diese Praxis nicht eingenommen, weil dabei der Fortgang einer Partie leicht vom Urtheil des zweiten Führers abhängig ist, ohne daß man ihn controliren könnte.

Die Kletterei war schwierig, Perren kletterte aber zu weit links, er hätte rechts gehen sollen. Als er nach einiger Zeit den Kamm erreicht hatte, verfolgte er ihn eine Strecke nach rechts oder Osten, meines Erachtens nicht weit genug. Er rief: „ Ich sehe den Gipfel noch nicht, es kommt ein tiefer Einschnitt, dann geht es wieder in die Höhe, es wird nicht gehen. " Während dessen zog von Südwest Nebel herauf und hüllte die Gegend des Gipfels ein, auch das Couloir füllte sich mit Nebel. In demselben ertönte auf einmal ein lautes Krachen, wie ein gewaltiger Donnerschlag, so daß wir unwillkürlich zusammen-fuhren. Ich deutete auf den Nebel und sagte: „ Da unten ist ein Gewitteraber Burgener meinte, es sei kein Donner, nur ein großer Steinfall im Couloir. Das sich verziehende Geräusch bewies, daß er recht hatte. Mit besorgter Miene fügte er hinzu: „ Jetzt gäbe ich meinen ganzen Führerlohn von dem Jahre darum, wenn wir gesund wieder unten wären. " Perren kam langsam unter fortwährendem Abwerfen von Steintrümmern zu uns zurück. Ich machte noch einmal den Vorschlag, vorwärts zu gehen; wenn wir den Grat zwischen Stockhorn und Bietschhorn erreichen könnten, von dem aus die Herren Maund und Dent das letztere erstiegen ' ), würden auch wir noch zum Ziele kommen, aber Burgener sagte: „ Sie haben ja gehört, daß es nicht geht. Wir können nicht vorwärts und können heute auch nicht durch das Couloir zurück, wir müssen hier oben schlafen. " Auch Perren meinte, er wolle um keinen Preis durch das Couloir zurück. An Proviant war nur noch ein schmaler Abendimbiß und einige Schluck Wein vorhanden. So machte nach dem letzten Steinfall die Macht der Situation sich auch über mich geltend; ich ließ die bis dahin gehaltenen Fäden der Unternehmung aus den Händen gleiten. Das Gefühl, daß ich mit meinem Entschluß am Morgen die Verantwortung für den Ausgang der Sache trüge, drückte schwer auf mir, und ich vermochte, nachdem die Leute meinen Wünschen so weit nachgekommen waren, nicht, weiter in sie zu dringen.1 ) In der That konnten uns noch große Schwierigkeiten entgegentreten. Ich hatte mit dem Aneroid eine Höhe von 3850 m gemessen, Perren war noch 20 bis 30 Meter höher, vom Gipfel ( 3953 m ) trennten uns demnach bloß 103, resp. 70 bis 80 Meter; im günstigsten Fall hätte sich der Weg in 1'Ì2 Stunden zurücklegen lassen, vielleicht hätten wir auch mehr gebraucht, und wenn der Gipfelgrat des Berges in schlechter Verfassung war, hätten wir unter Umständen auf dem Nordgipfel zu übernachten gehabt. Viel schlimmer als da oben, wo wir waren, konnte es freilich nicht werden; indeß ich schwieg und erklärte mich nachher, als Burgener einige Steine zum Lager zurechtrückte, bereit, zu bleiben. Die Stelle war steil, wie der ganze Abhang, und wir hätten uns, um zu schlafen, mit dem Seil an den Felsen binden müssen. Es war 3 Uhr geworden, das Wetter blieb gut, wenn auch hier und da Wolken und Nebel sich erhoben und auch am Bietschhorn hafteten. Die Aussicht war schon außerordentlich großartig, obwohl ich gestehen muß, daß ich noch niemals einer Aussicht so wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, als hier am Bietschhorn. Nur Mischabelgruppe und Weißhorn haben sich unvergeßlich meiner Erinnerung eingeprägt. Während wir so besiegt und gedrückt von der Wildheit und Größe der Alpennatur stumm und still dasaßen, verzog sich der Nebel aus dem Couloir, und wir bemerkten, daß es völlig im Schatten lag. Bereits eine halbe Stunde lang waren keine Steine mehr gefallen, und Burgener äußerte: „ Wenn wir noch etwas warten, können wir vielleicht wagen, durch das Couloir wieder hinunter zu gehen. " Ich stimmte zu, steckte mir ein Stück des Gneißgranitesvon unserem Halteplatz ein und um 3 Uhr 30 Min. traten wir langsam und vorsichtig den Rückweg an. Perren voraus am Seil, ich in der Mitte, Burgener zuletzt. Nur kein Fehltritt! wird mir eingeschärft. Erst geht es über die Wand hinunter, dann in 's Eiscouloir, in dessen Mitte jetzt ein Wässerchen fließt; dann durch den Kamin und immer an der westlichen Felswand hin. Wir suchen die Stufen im Eise wieder auf, Perren hat sie vielfach nachzubessern. Wir gehen so, daß Perren und ich sich vorwärts bewegen, während Burgener einen festen Stand hat; haben wir, namentlich ich, dann einen guten Halt gewonnen, so kommt Burgener nach an unseren Platz, und wir gehen wieder vorwärts. Die Mündung des westlichen Felscouloirs wird mit verhaltenem Athem und gespitzten Ohren passirt; gerade hier sind die Stufen erweicht und aufhaltende Hackarbeit ist nöthig. Indeß in der Natur herrscht großartige Stille, nur die Wasserrinne im Eiscouloir rauscht leise. Kein Stein fällt bis an den Ausgang des Couloirs, nur zwei kleine jagen hinunter, als wir 5 Uhr 30 Min. in dem Felsen unter dem Couloir geborgen sind. Die ernste Gefahr ist jetzt vorüber; wir athmen erleichtert auf. Dann geht es durch die Felsspalte hinab, in der mit dem einen Bein Halt gesucht werden muß. Es kommt der spitze Schneerücken, der in seinem erweichten Zustande Vorsicht erfordert. Rückwärts, und nach jedem Schritt den Pickel tief einrammend in den Schnee, steigen wir abwärts. Auf dem Felsrücken machen wir einen kleinen Halt. Wir traversiren wieder das Schneefeld; das Couloir sendet uns noch einige kleine Steine nach, jetzt stehen wir vor der Felswand, die wir wieder und zunächst etwas aufsteigend, dann horizontal durch die Einbuchtung zu traversiren haben. Hier sendet die Sonne ihre letzten Strahlen, vor uns fließt durch den Schnee ein Gletscherbach, alle Augenblicke brechen hoch oben aus der mit Eis verkleideten Wand Steine aus und springen in den Bach und in seiner Rinne hinunter. Wie es einmal still ist, springen wir schnell hinüber und gerade, wie wir an den schützenden Felsen hinaufklettern — es ist 6 Uhr 45 Min. sendet die Wand wieder ihre Steingeschosse. Die Sonne geht unter und bald fängt es leise an zu dämmern. Auf dem glatt gefegten Felsterrain poltern wieder Steine, Perren und ich sind glücklich eilig darüber hingerannt, Burgener als letzter ist etwas tiefer gegangen und muß gewagte Sprünge machen; schon glaubten wir ihn fallen und gleiten zu sehen, als er hinter einem Felsblock auftauchte und vorwärts trieb. Die Passage über die verwitterten Gneißschalen und Platten ist unangenehm und mühsam, trotzdem gehen wir so schnell als möglich; der Felsencircus ist halb durchmessen und sorgsam mustern wir, ehe es Nacht wird, die Stelle, wo die Felsen uns das Erreichen des Bietschgletschers gestatten, und den weiteren Weg über den Gletscher. Unser Plan ist, in 's Bietschthal abzusteigen und vielleicht die oberste Alpe noch za erreichen.

Jetzt sind wir an der Stelle des Grates zwischen Bietschhorn und Thiereggenhorn, wo wir am Morgen herunter gestiegen sind. Statt zu ihm aufzusteigen, gehen wir noch etwas nach Süden vor und wenden uns dann nach dem Gletscher hinunter. Der von der Felswand drüben ausgekundschaftete Pfad bewährt sich, gerade mit einbrechender Dunkelheit — es ist 8 Uhr 10 Min. stehen wir vor dem Bergschrund, der sich ohne große Mühe überspringen läßt.

Eilig geht es über den noch immer erweichten Gletscher hinunter, ziemliche Strecken können wir stehend abfahren; freilich die Steine, die die Fahrt unangenehm unterbrechen und mich ein paar Mal umfallen lassen, sieht man nicht mehr, auch die tiefen Furchen im Schnee sind unangenehm und spreizen die Beine. 8 Uhr 40 Min. erreichen wir Grund und Boden, entzünden die Laterne und gehen noch bis 9 Uhr 30 Min. abwärts. Große glatt geschliffene Platten ( Gletscherschliff ) nöthigen uns mehrmals zu Umgehungen oder zu ängstlich vorsichtigem Ueberschreiten derselben. Endlich macht die Natur ihre Rechte geltend; schwer ermüdet, wie wir alle drei sind, finden wir es zwecklos, mit der Laterne noch weiter hinunter zu gehen — die oberste Alp liegt noch Stunden weit unten. Also wo der erste dünne Rasen sich zeigt, legen wir uns nieder, um zu schlafen. Von Decken war natürlich keine Rede. Wir zogen die nassen Strümpfe und Schuhe aus, glücklicherweise hatte ich im Rucksack noch trockene Strümpfe, zogen an, was sich irgend anziehen ließ, z.B. ein zweites Hemd, und suchten nun noch etwas Abendbrod zusammen. Alles, was sich beim Umdrehen der drei Rucksäcke fand, war eine trockene Zwetsche, die mir mit einer gewissen Feierlichkeit überreicht wurde, ein paar Stückchen Zucker und eine kleine Blech- biichse mit Cacaopulver. Meine leeren Gummiflaschen wurden zum Wasserholen benutzt und ein kleiner Schnellkocher mit Spiritus bereitete mir bald eine Tasse Cacao. Burgener und Perren hatten es sich inzwischen, so gut es ging, bequem gemacht; ersterer hatte es offenbar am besten, da er als Kopfkissen einen großen neuen Murmelthierranzen mit prächtigem Fell hatte. Er war ganz besonders müde und schlaftrunken, schimpfte nur noch auf den „ schlechten .Teufel ", das Bietschhorn, dessen Couloir gerade so schlecht sei, wie das Couloir am Col de Lion, und schnarchte schon, ehe er die letzte der mehrmaligen Versicherungen, er habe nie eine schwierigere und langwierigere Tour als die heutige gemacht, beendet hatte. Als ich die zweite Tasse Cacao gekocht hatte, mußte ich ihn schon wieder ordentlich wecken. Er liebte den Cacao nicht, trank ihn aber aus Hunger. Ich rückte nun mein Kopfkissen zurecht, welches meine mit Filz überzogene Gummiflasche bildete, die auf der inneren Seite eine Einbauchung hat, legte den leeren Rucksack unter mich und benutzte als Zudecke einen einzelnen wollenen Handschuh, dessen Gefährte mir auf dem Matterhorn vom Wind entführt worden war. Auch ich schlief schnell ein und hatte einen erquickenden Schlaf, bis uns gegen 2 Uhr der kalte Gletscherwind weckte. Wir gingen im Mondschein etwa IV2 Stunden tiefer hinunter und legten uns in dichtem Gestrüpp nochmals zum Schlafen bis Tagesanbruch nieder. 4 Uhr 30 Min. liefen wir hungrig das Bietschthal hinab, passirten große Flecken von Lawinenschnee, überschritten den Gletscherbach von seinem linken zum rechten Ufer und machten in seinen Fluthen eine elegante Morgentoilette, wobei sogar Zahnbürste und andere Werkzeuge einer überfeinerten Cultur eine Rolle spielten. Unser Feind, das Bietschhorn, gewährt vom oberen Bietschthal aus einen fascinirend großartigen und gewaltigen Anblick, was merkwürdiger Weise noch kein Photograph herausgefunden hat. ich wendete immer wieder die Augen nach dem zauberhaften Bild und suchte endlich etwas von dem Eindruck durch die Skizze festzuhalten, nach. der von Hrn. Heubners kunstfertiger Hand die beigefügte Zeichnung ( pag. 16 ) angefertigt ist. Die mittlere der drei Zacken rechts unter dem Gipfel des Berges characterisirt ungefähr Höhe und Ort der von uns erreichten Wand. Unsere Aufstiegsroute ist nicht direct zu sehen, nur das Schneefeld, über dem das Coulouir sich öffnet, sieht rechts ein Stück hervor.

Lange Gesichter machten wir, als die oberste Alp im Thal leer und verfallen war; die Hoffnung, unseren Hunger zu stillen, war getäuscht. Wir kamen in schönen, großen Wald und fielen begierig über die Erdbeeren her, die zahlreich zu finden waren. Das Bietschthal ist romantisch und wild, auch hier verfault ebenso wie im Baltschiederthal eine Menge schönes Holz; Wald und Flora sind „ im Bietschi " schöner und reicher als „ im Baltschiederli ". Das Thal verengt sich zur furchtbar eingeschnittenen, engen Klus. Wir gehen immer hoch auf der steilen rechten Seite des Thales. Wie sich das Rhonethal in entzückender Weise vor uns öffnet! Im wundervollen Morgensonnenschein gehen wir über Raron - Staffel nach Raron, Sechs Tage wi Excursionsgebiet.2S wo wir am 24. August, früh 8 Uhr 10 Min., ankommen. Raron hat wohl ein altes Schloß, aber kein Wirthshaus; indeß finden Burgener und Perren bald eine gastliche Familie, die uns, wenn auch nicht Kaffee « der Milch, welche es nicht gab, so doch Wein und Käse vorsetzte, wovon bedeutende Quantitäten vertilgt wurden. Von Raron fuhren wir nach Gampel, und dort wußte es Burgener so einzurichten, daß unser Einzug in Ried im Lötschenthal hoch zu Roß stattfand; die Hitze war zu groß und das Bietschhorn steckte uns noch in den Beinen.

Daß die Besteigung des Bietschhorn auf dem von uns betretenen Wege durchzusetzen ist, nehmen sowohl ich als Burgener, wie er mir später gesagt hat, an. Wir scheiterten bei dem ersten Versuch, weil für uns Alles neu und unbekannt war und weil wir in Unkenntniß über die uns entgegen tretenden Hindernisse an das entscheidende Couloir mehrere Stunden zu spät gekommen waren. Am Morgen vor 8 oder 9 Uhr wird in dem Couloir kaum Gefahr sein, und wenn in demselben guter Schnee statt blankem Eis, wie wir es fanden, angetroffen wird, dürfte nicht einmal die Hälfte der Zeit nöthig sein, die wir zur Ersteigung brauchten. Unter den Verhältnissen, die wir trafen, machte die Tour auf mich den Eindruck, als gehöre sie zu dem Schwierigsten und Gefährlichsten, was man in den Alpen machen kann. Vielleicht mäßigt sich dieser Eindruck bei einer glücklicheren Wiederholung und unter besseren Umständen, wie dies so häufig bei größeren Ersteigungen stattgefunden hat.

2. Sattellücke, Sattelhorn, Kleines Aletschhorn, Beichgrat.

Das Clubgebiet ist so reich an herrlichen Gipfeln, Pässen und Thälern, daß auch die verlängerte Ex-cursionszeit ( drei Jahre, statt zwei ) noch genug zu thun übrig lassen wird. Außer seiner natürlichen Schönheit hat es noch einen anderen großen Vorzug. Es hat durch Herrn E. v. Fellenberg ein ganz vortreffliches Itinerar bekommen. ) Nach demselben waren 1882 noch unbestiegen: Sattelhorn 3745 m ( Itinerar S. 151 ), Distelhorn, anscheinend noch ungemessen ( S. 1512 ), Jägihorn 3420 m ( S. 159 ), Elwerück 3530 m ( S. 159 ), Kleines Bietschhorn 3320 m ( S. 169 ), Thorberg 3570 m ( S. 153 ), Stockhorn 3255 m ( S. 172 ), Thiereggenhorn und mehrere Gipfel in seiner Nähe ( S. 172 ), Rothlauihorn 3150 m ( S. 170 ), Fäschhorn 3325 m ( S. 170 ) u. s. w.

Einen Glanzpunkt im Excursionsgebiet bildet die wundervolle Bergkette vom Hohgleifen bis zum Sattelhorn, die von keinem Punkt sich schöner ausnimmt, als von der Höhe des Petersgrates.l ) Dieses Sattelhorn, als den höchsten unter den noch unbestiegenen Bergen des Clubgebiets, hatte ich mir zu ersteigen vorgenommen. Den stattlichsten Anblick gewährt der Berg vom Ober-Aletschgletscher aus, aber auch vom Petersgrat, von Ried im Lötschenthal und von der Lötschenlücke aus macht er einen ganz respectabeln Eindruck. Auf den älteren Abzügen der Dufourkarte, Bl. XVIII, trägt er die Höhenangabe 3745 m aber keinen Namen; auf den jüngeren Abzügen ist der Name Sattelhorn beigefügt. In der Literatur findet sich auch der Name Stegithalhorn, so bei Tschudi 2 ) und Studer a ), den die Lötschthaler jedoch nicht zu kennen scheinen.

Wir untersuchten den Berg von Ried aus mit dem Fernrohr; danach wäre der Weg durch die Sattellücke am kürzesten gewesen. Der alte Johann Sigen, der die Sattellücke einmal vor langen Jahren vom Lötschthal aus bestiegen hatte, schilderte sie als sehr schlecht und meinte, man würde eher von der Lötschenlücke aus über die steile Schneewand aufkommen. Es wären so „ Dossen " ( Buckel ) von Firn an der Wand, die man aber wohl umgehen könne.

Am 25. August, der ein Sonnabend war, hielten wir Rasttag. Das Wetter war gleichmäßig gut. Ich wollte nun am folgenden Sonntag nicht wieder rasten, aber mein zweiter Führer, Perren, weigerte sich mitzugehen, da er am Sonntag die Messe höVen müsse. Ich lasse in solchen Dingen den Leuten gerne ihren Willen, so störend auch diese Beobachtung der religiösen Formen ist, auf die der Tourist bei den Walliser Führern meistens wird rechnen müssen. Am Sonntag den 26. August brach ich mit Burgener und dem als Träger engagirten Joseph Rittler von Wyler, einem Knecht der Gebrüder Sigen, leider erst 4 Uhr 15 Min. von Ried auf, da wir im Hôtel Nesthorn statt um 1 Uhr erst um 3 Uhr geweckt worden waren. Burgener wollte anfangs gar nicht mehr gehen, fügte sich aber, als er merkte, daß mir an der Tour gelegen war. Wir gingen über Gletscherstaffel, betraten dann die Moraine, hielten uns ziemlich rechts ( linkes Gletscherufer ) und gelangten 7 Uhr 15 Min. auf den Gletscher. Wiederum war ein prachtvoller Morgen, der uns die beiden das obere Lötschenthal einfassenden Bergketten Tschingelhorn, Breithorn, Großhorn, Mittaghorn, Ahnengrat auf der nördlichen und Bietschhorn, Breithorn, Schienhorn, Distelhorn und Sattelhorn auf der südlichen Seite in der schönsten Beleuchtung zeigte.

Wir waren mit der Absicht ausgegangen, nach dem Lötschsattel zu gehen und von dort den Aufstieg zu versuchen. Je näher wir aber der Sattellücke kamen, die etwa 20-30 Min. unterhalb der Höhe des Lötsch-sattels sich befindet und Sattelhorn und Distelhorn durch einen tiefen Einschnitt trennt, um so mehr schien mir ein Versuch hier Erfolg zu versprechen. Die Sattellücke war bisher vom Lötschthal aus nur von Johann Sigen und Ebiner und nicht von Touristen bestiegen worden, während vom Ober-Aletschgletscher aus v. Fellenberg 1875 nur bis zum Col aufgestiegen, nicht aber auf den Lötschengletscher hinuntergegangen war.x ) Das zu ihr hinaufführende Couloir ist steil und schmal. Mit Schnee gefüllt, wird es von hohen Felswänden mit lockerem Gestein eingeschlossen. Vor der Mündung des Couloirs liegende Steine deuteten auf Steinschlag, aber es war noch früh genug, um den Aufstieg zu wagen. Wir tranken einen Schluck Wein und machten uns, ohne bisher gerastet zu haben, an den Angriff. Ein großer Bergschrund öffnete sich vor der -Mündung, an einer Stelle war er jedoch von lockerem Schnee verschüttet; auf diese steuerten wir los. Beim ersten Versuch brach der vorausgehende Rittler durch, an einem anderen Punkt kamen wir glücklich hinüber und betraten um 9 Uhr die unteren Felsen des Couloirs. Eine tiefe Rinne als Canal für die fallenden Steine zog sich weit im Schnee hinauf. 10 Min. lang kletterten wir über die Felsen zur Linken ( rechte Flanke des Couloirs ), dann betraten wir den noch hart gefrorenen Schnee, querten die Rinne nach rechts und stiegen im Schnee auf. Burgener war an die Spitze getreten und schlug'unverdrossen und ohne nur einmal auszuruhen, beinahe fünf Viertelstunden lang Stufen. Mit drei bis vier Schlägen war allemal eine Stufe fertig. Von Steinfall blieben wir bis auf kleine unschädliche Stückchen verschont. 10 Uhr 15 Min. betraten wir dicht unter der Lücke wieder Felsen, die aus losem Glimmerschiefer bestanden, und erreichten um 10 Uhr 30 Min. die Höhe des Einschnittes. Ein prachtvoller Blick öffnete sieh auf Schienhorn und Distelhorn. Ich maß mit dem Aneroid 3380 m. Wir frühstückten vergnügt, denn die Untersuchung der zum Grat des Sattelhorns führenden Felswand und des weiter zum Gipfel aufsteigenden Grates gab uns gute Hoffnung, daß wir den Gipfel erreichen würden. Von der Sattellücke zieht sich ein breiter Gletscherarm nach dem Ober-Aletschgletscher hinab, der von Süden her einen leichten Zugang eröffnet. Unsere Lücke wäre daher ganz gut auch zum Uebergang von Ried nach Belalp zu benutzen ;. umgekehrt nicht, weil der Abstieg durch das Couloir, sowie die Sonne gewirkt hat, zu gefährlich ist.

11 Uhr 10 Min. brachen wir wieder auf und kletterten über aufrecht stehende dünne Schieferplatten links von der Lücke nach dem Grat des Berges empor. Es kamen einige steile Stellen, aber im Ganzen war die Kletterei nicht gerade schwierig und das Gestein ziemlich fest. An einer kleinen flachen Höhle im Felsen sahen wir plötzlich eine große Anzahl prächtiger Krystalle. An vielen hatte ein grüner Chlorit-überzug die scharfen Kanten der Spitzen zerstört, aber einige waren vollkommen und von schönster Reinheit. Ich wünschte natürlich sehr, eine solche Trophäe vom jungfräulichen Sattelhorn mitzubringen, und Alexander machte sich eifrig an 's Werk, die umgebenden Steine wegzuräumen, um zu denen zu gelangen, an welchen die Krystalle saßen. Da wir keine geeigneten Instrumente besaßen, nur unsere Pickel, ging die Sache nicht so leicht. Erst nach langer Klopferei, wobei große Felsstücke als Hämmer dienten, kriegten wir den schönsten der Strahlen wirklich los; die übrigen saßen auf einem großen Felsstück, welches wir zwar auch herausbrachten, von dem wir aber die Krystalle durchaus nicht unverletzt losbringen konnten. 35 Min. hatten wir damit zugebracht; als wir weiter gingen, hatte Burgener so viel Staub " in die Augen bekommen, daß sie ihn eine kurze Zeit lang sehr schmerzten. Der Felsgrat verläuft in ein kleines Schneefeld, aus dem sich ein Schneegrat nach dem Gipfel zu fortsetzt. Wir verfolgten denselben und betraten nach einiger Zeit — es war 12 Uhr 30 Min. geworden — wieder Felsen. Nach einem Halt von 20 Min. wurde der nahe Gipfel endlich um 1 Uhr erreicht. Eine große Schneegwächte dicht unter demselben war zu umgehen, dann ging es noch ein Stückchen über Fels, aus dem dann der Schneedom des Gipfels circa 1 m die letzten Felsen überblickend hervorragte. Der Gipfel wird aus einem direct von Süd nach Nord verlaufenden und nach Nord ansteigenden Grat gebildet. Nach Süden ziehen zwei steile, große Felsrippen zum Gletscher hinab, nach Westen fällt der von uns beim Aufstieg benutzte Grat zur Sattellücke ab. Nach Osten zieht ein Schneekamm, der die Verbindung mit dem Aletschhorn herstellt, nach Norden fällt eine steile Firnwand zum Lötschsattel hinab. Auf dem Gipfel und den an denselben herantretenden Felsen nirgends eine Spur voit einstiger Anwesenheit von Menschen; im Gegentheil lag dicht am Gipfel im Schutt ein schöner heller Bergkrystall ( einen Zoll im Durchmesser und drei Zoll hoch ), den frühere Besucher gewiß gefunden haben würden, daneben Gruppen von kleineren Strahlen, ferner eine über einen Fuß große Platte mit sehr schön entwickelten Adular-Krystallen.Wir bauten auf dem Felsen 2 ) dicht am Schneegipfel einen breiten 4 Fuß hohen Steinmann und bargen unter seine obersten Steine in Ermanglung-einer Glasflasche ein hölzernes Schwefelholzbüchschen mit meiner Visitenkarte, auf welcher die Daten der Besteigung notirt waren. Das Wetter war klar und. schön geblieben, dazu die Temperatur auf dem Gipfel mild und warm; nur an einzelnen Theilen des Horizonts tauchten einige Wolken auf.

Die mannigfache und schöne Aussicht umfaßt die Bergkette vom Petersgrat zur Jungfrau, Kranzberg und Trugberg, den Mönch ( " sehr schön ), Vieschergrat, Viescherhörner und Grünhorn, das gewaltig aufragende Finsteraarhorn, die Walliser Viescherhörner, ganz nahe und imposant ist das Aletschhorn, dann starrt uns der nahe Grat mit einem zweiten Sattelhorn * ), dem Rothhorn und den Fußhömern entgegen, worauf sich der Blick in die Ferne öffnet zum Monte Leone, zu der in ihren einzelnen Windungen sichtbaren Simplonstraße und zu den Fletschhörnern. An diese schließen sich die Mischabelhörner und das Matterhorn, sowie rechts vom Nesthorn das Weißhorn an. In größerer Nähe wieder zieht der lange Kamm vom Sparrenhorn zum Nesthorn empor. Unmittelbar vor uns ragen Schienhorn und Distelhorn auf, dahinter Breithorn und Bietschhorn. Hierauf öffnet sich der überaus reizende Blick in 's Lötschenthal, westlich davon erheben Balmhorn und Altels, Doldenhorn und die vom Breithorn zum Theil, verdeckte Blümlisalp ihre characteristischen kahlen Südwände.

Jetzt trat die Frage auf: Wie nach Ried zurückkehren? Durch die Sattellücke und das Couloir wieder abzusteigen, wiesen Burgener und ich sofort zurück. Vielleicht konnten wir über die Firnwand auf den Lötschsattel hinabkommen. Direct nach Norden war steiler Abfall; wir gingen deßhalb ein wenig nach Süden, betraten dann den hier ansetzenden schmalen östlichen Schneegrat und versuchten nun, nachdem wir circa 200 Schritte auf demselben hingegangen waren, links hinunter zu gehen. Auf der Schneide war der Schnee weich, aber auf der nach Norden gekehrten Wand war der Firn sehr hart. Es war nicht möglich, den Pickel einzurammen, und Stufen an der steiler und steiler werdenden Wand hinab-zuschlagen, hätte, trotzdem die Höhendifferenz nur circa 600 ra betrug, zu lange aufgehalten. Wir ließen den Rittler noch ein Stück am Seile hinab, um zu sehen, ob es unten besser komme. Er verneinte es jedoch und so gingen wir auf dem östlichen Kamm wieder hinauf und gingen weiter nach Osten, um zu sehen, ob wir, wo der Kamm sich etwas senkt, hinuntergehen könnten. Auch da meinte Burgener, wie kurz vorher: „ Hinunter kommen wir, aber, wenn wir nicht bis in die Nacht Stufen schlagen, nicht ganz-beinig. " Was war zu machen? Sollten wir jetzt noch nach dem Gipfel des Sattelhorns zurück, zur Sattel -lücke und von hier auf den Ober-Aletschgletscher? Lieber vorwärts auf die schöne Schneekuppe, die sich zwischen uns und dem Aletschhorn erhebt, bisher nicht bestiegen und nicht gemessen worden ist. Von ihr werden wir den Weg zum Ober-Aletschgletscher hinunter schon finden. So entschieden wir uns, nachdem eine Prüfung zweier steiler Schneecouloirs, die zur Eechten directer zum Ober-Aletschgletscher hinunter führten, deren Begehen bei der Erweichtheit des Schnees und den weiter unten zahlreich auf dem Schnee liegenden gefallenen Steinen als nicht räthlich hatte befinden lassen. Das Gehen auf dem Schneekamm war nicht angenehm, rechts zogen sich Schrunde und Spalten bis nahe an die Schneide, links nach Norden zu hingen große Gwächten über. Rittler, der zerrissene Schuhe, keine Gamaschen und über dem Hemde nur ein blaues Fuhrmannskittelchen anhatte, ging tapfer voraus, aber ich, sein Hintermann, und Burgener mußten tüchtig auf ihn aufpassen, da er ganz unerfahren war, beinahe in jeden Spalt hineintrat oder auf den Kopf der Gwächte hinauf wollte. Wir amü-sirten uns sehr über die Kreuz- und Querzüge seiner ersten Gletscherwanderung und Burgener sagte ihm beim nächsten Halt, daß er sicherlich mindestens zehn Mal hinabgestürzt sein würde, wenn wir ihn nicht am Seile gehabt hätten. 3 Uhr 45 Min. hatten wir den namenlosen Schneegipfel zwischen Aletschhorn und Sattelhorn erreicht. Nach meiner Aneroidmessung ist er circa 5 m höher als das Sattelhorn, also, wenn dessen Messung richtig ist, 3750 m hoch. Nach dem Ober-Aletschgletscher fallen Felswände ab und von diesem Gletscher aus gesehen zeigt der Berg eine so selbständige Gipfelbildung ] ), daß er wohl verdient,Ein hübsches Bild derselben, sowie des Sattelhorn von Süden aus, gibt die Photographie: The Ober-Aletseh-Glacier from the Sparrenhorn, to face page 141 in H. B. George, the Oberland and its Glaciers: explored and illustrated with ice-axe and camera. London, 1866. Auf unserer Illustration nach Donkins Photographie ist der Schneekopf links vom Sattelhorn das kleine Aletschhorn. Donkin be- 3 einen Namen zu erhalten. Als solcher empfiehlt sich meines Erachtens „ Kleines Aletschhorn ", da er zum Aletschhorn in einem ganz ähnlichen Verhältniß als Vorberg steht, wie das Kleine Bietschhorn zum Bietschhorn. Der Gipfel des Aletschhorn lag ganz nahe vor uns. Er wäre von hier ohne große Schwierigkeit in etwa drei Stunden zu erreichen gewesen. Den einen Moment auftauchenden Plan, in den Felsen am Aletschhorn zu übernachten und am nächsten Tag den stolzen Berg auf dieser neuen Seite zu besteigen, ließen wir nach näherer Prüfung fallen, d,a Proviant für den nächsten Tag nicht mehr vorhanden war. Nach kurzem Aufenthalt auf dem Gipfel stiegen wir in die nach Westen gekehrte Felswand hinein, die aus dünnen Schieferplatten bestand. Wir traversirten die Wand nach einem Schneefeld nach links hinüber, fuhren über dasselbe ab, die Augen öfters nach rückwärts gewendet, da ein paar Mal große Felsblöcke sich von der oberen Wand lösten und durch den Schnee herunter wälzten. Es hatten sich Furchen und Kinnen dicht neben einander gebildet, in denen sich beim Abfahren der weiche Schnee so sackte, daß man in kurzen Zwischenräumen von der einen Rinne in die andere springen mußte, um von der Schneemasse nicht umgerissen zu werden. Um 5 Uhr trafen wir wieder auf Felsen dicht über dem flachen Ober-Aletschgletscher. Hier machten wir einen Halt von 30 Min.

zeichnet die Photographie 61 a irrthümlich als Aletschhorn etc. Vom eigentlichen Aletschhorn ist auf derselben nichts za sehen. Dicht rechts am Sattelhorn befindet sich die Sattellücke, dann folgen Distelhorn und Scnienhorn.

Sechs Tage im Excursionsgebiet.3fr Ganz urplötzlich hatte sich am Gipfel des Sattelhorn ein Gewitter zusammengezogen, der Donner krachte und dichter Hagel brachte uns eisige Kälte. Aber schnell, wie es gekommen, verzog es sich auch wieder; noch einmal fuhren wir über Schnee ab, nachdem wir über die Reste einer großen Lawine hinweg geklettert waren, und erreichten den ebenen Gletscher um 5 Uhr 45 Min. Weit auf denselben hinaus war der Kopf einer Lawine gerollt. Wir gingen an ihr vorüber nach dem Thorberg zu. Das Wetter war wieder ganz hell geworden und es entstand in der Abendbeleuchtung eine ganz wundervolle Aussicht auf die den Kessel des Ober-Aletschgletschers umgebenden Spitzen: Schienhorn, Distelhorn, Sattelhorn, Kleines und Großes Aletschhorn. Wo die Felsrippen des letzteren herunterziehen, glaubten wir unter großen Felsblöcken eine Hütte zu sehen; mit dem Fernrohr sahen wir nach unserer Meinung die geöffnete Thür; indeß wurde uns nachher die Existenz einer Hütte an dieser Stelle bestritten. Der Gletscher wurde bald aper, lange Morainen streckten sich in schön geschwungenen Linien hinab; leider wurde er in der Nähe des Thorbergs sehr naß und unangenehm zu begehen. 6 Uhr 30 Min. waren wir am Zusammentreffen von Beichfirn und Ober-Aletschgletscher. In einer Stunde kam die Nacht; was thun? Die Belalp wäre wohl in 2xk Stunden zu erreichen gewesen, der gute zu ihr führende Fußweg noch vor Einbruch der Nacht. Aber in Ried wartete auf mich ein Freund und zu telegraphiren war nicht von Belalp nach dem telegraphenlosen Ried. Ich dachte daran, wie es einem hervorragenden Basler Touristen gegangen war, der von Belalp aus das Nesthorn bestieg und statt, wie er geäußert hatte, nach Belalp zurückzukehren, auf dem Berge den Entschluß faßte, durch das Gredetschthal in 's Rhonethal abzusteigen. Auf der ersten Telegraphenstation im Rhonethal telegraphirt er nach Belalp seine glückliche Rückkehr. Aber die Leitung ist unterbrochen, das Telegramm kommt nicht an und am folgenden Tage geht von Belalp eine Anzahl suchender Führer ab. Das Resultat war eine Rechnung von mehreren hundert Franken für den Touristen. Ich wünschte daher, wenn irgend möglich, Ried noch in der Nacht zu erreichen. Burgener machte den Vorschlag, an einer geschützten Stelle in den Felsen zu übernachten. Ich stimmte für Vorwärtsmarschiren, da Schutz unter Felsen auch später noch zu erreichen sein würde. So ging es denn vorwärts mit langen Schritten den stark erweichten Beichfirn hinauf nach dem Einschnitt des Beichgrates zu. Unser Lötschthaler Bäuerlein marschirte unverdrossen mit dem ( von Krystallen ) schweren Tornister voraus, immer vergnügt und in guter Stimmung. Nach den jenseits des Rhonethals gelegenen Bergen, dem Monte Leone u. s. w., eröffnet sich vom unteren Beichfirn eine wundervolle Aussicht. Schwere Gewitterwolken raubten sie uns plötzlich, sie drangen aus dem Rhonethal herauf, starkes Wetterleuchten entlud sich aus ihnen und dumpfer Donner hallte durch die Thäler. „ Wenn wir nur, ehe es Nacht wird, die Trace noch finden — der Beichgrat wird häufig begangen — dann geht es vielleicht noch ", äußerte Burgener seine Besorgnisse.

„ Wenn uns nur das Gewitter nicht noch einen bösen Streich spielt. " Schon legte sich die Dämmerung in 's Thal. Wir hielten etwas links nach der Belalpseite und endlich hatten wir die Fußspuren. Nun ging es auf ihnen vorwärts unter den steilen Abhängen des Nesthorn hin. Hinter dessen Gipfel setzte sich das Gewitter fest und majestätisch rollte der Donner durch die erhabene Landschaft. 7 Uhr 30 Min. betraten wir die Moraine über dem Beichfirn. Es war bereits ziemlich dunkel, die losen Blöcke kollerten uns in die Beine — da plötzlich einige Tropfen und heftige Windstöße — jetzt geht 's los. Aber nein, es zieht in 's Gredetschthal hinunter, wir können vorwärts gehen; die Spuren freilich haben wir auf der Moraine verloren. Nach mühsamem Suchen finden wir sie ziemlich weit rechts auf dem Schneefeld wieder. Um sie nicht wieder zu verlieren, zünden wir um 8 Uhr die Laterne an. Links aufwärts traversirend erreichen wir die Höhe des Beichgrats 8 Uhr 30 Min. Die Spuren führen nicht in die Tiefe des Cols, sondern links aufwärts in die Felsen. Die Leute scheinen aufs Breithorn gegangen zu sein. Keiner von uns war jemals auf dem Beichgrat gewesen; am Morgen hatten wir ihn uns nicht einmal von unten angesehen, weil wir nicht daran dachten, daß wir über ihn zurückkehren könnten. Wir wußten nicht, ob wir in 's Lötschthal hinunter über Gletscher oder über Felsen zu gehen hatten.

So versuchten wir denn erst, vom Col direct hinab zu kommen, da starrten uns aber bald so steile Schnee- und Eiswände im nächtlichen Dunkel ent- gegen, daß wir doch wieder die Felsen links oben aufsuchten. Die zu ihnen hinauf führenden Spuren hörten freilich im Felsgeröll auf, es kostete uns lange Zeit, mit der Laterne wieder die Eindrücke von Nägeln su finden. In lockerem Gestein mit fallenden und rutschenden Steinen gingen wir ein Stück steil hinunter. Endlich kamen wir auf Schnee — es war der Distelgletscher — der weich war und uns längere Zeit gut abwärts kommen ließ. Rittler, der vorne die Laterne trug, kam an der steilen Wand ein paar Mal in 's Rutschen und zum Sitzen, ich konnte ihn jedoch jedes Mal halten. Wir betraten dann die zu unserer Rechten aufragende Moraine — die, wie ich später erfuhr, den eigentlichen Weg darstellt — gingen aber wieder links auf den Schnee, da uns die Moraine aufzuhören schien. Auf einmal gähnte uns der erste große Spalt entgegen, wir gingen weiter links an die Abhänge des Breithorn heran; wieder zwei tiefe Spalten. So irrten wir wohl eine halbe Stunde hin und her, immer hemmten riesige Schrunde unsern Weg. Schon glaubten wir uns in der Mausefalle und zum Uebernachten auf dem Gletscher gezwungen, als endlieh Burgeners Orientirungssinn das Rechte traf. Wir hatten die Laterne ein paar Mal geschlossen, um die weitere Umgebung erkennen zu können. Plötzlich rief er: Rechts geht 's, vorwärts! Wir stiegen wieder empor und fanden richtig rechts die Moraine wieder, die uns über Schneeflecken, grüne Abhänge, über häßliche Blöcke und über den ungestümen Bach zum Thale hinunterleitete. Einmal geriethen die Blöcke so in 's Rollen, daß sie an die Laterne sprangen und sie ver- löschten. Ihre dauerhafte Construction hatte aber den Puff^vertragen.

Mehrere Male schon war uns unten im Thal in der Gegend von Gletscherstaffel ein Licht aufgefallen, welches sich hin und her bewegte und im Thal aufwärts ging. Wir dachten uns, daß es wohl Leute seien, die uns bemerkt hatten und uns entgegen kamen, um uns unter Umständen hülfreich zu sein. In einer Entfernung von etwa 30 Min., als wir unseres Weges längst sicher waren, riefen wir uns zu, worauf sie unten Halt machten. Sie saßen am Bach und empfingen uns mit den Worten: „ Wir meinen, es kommen Geister. " Es waren vier junge Leute aus Gletscherstaffel, darunter ein Student aus Sitten, Herr Henzen; sie hatten unsere Laterne schon auf der Höhe des Beichgrates bemerkt, hatten uns beobachtet und als sie uns so hin und her irren sahen — wie wir zwischen den Spalten lavirten — waren sie uns entgegen gekommen. Sie hatten dann eine Zeit lang geglaubt, wir wollten wieder über den Grat zurück — als wir aus den Spalten heraus wieder aufwärts gingen — und das Räthsel, was das da oben sein möge, war für sie immer größer geworden. Wir trafen uns 10 Uhr 50 Min., erreichten mit den jungen Leuten Gletscherstaffel 11 Uhr 50 Min., wo uns Henzen auf 's Freundlichste mit Milch bewirthete. 12 Uhr 20 Min. verließen wir Gletscherstaffel und kamen nach Ried um 1 Uhr 50 Min. Circa 22 Stunden waren wir demnach unterwegs gewesen, hatten nicht viel geruht und waren meist sehr rasch gegangen.

In Ried trafen wir den Wirth Lehner und seine Leute schon wieder auf, da eine Partie über den Petersgrat gehen wollte. Es war mir recht, daß er an de » Zeit unserer Zurückkunft merkte, daß wir ihn am Morgen wegen des zu späten Weckens nicht ohne Grund ausgescholten hatten.

Auf dem nächtlichen Wege nach Ried machte mir noch ein kleines Vorkommniß großen Spaß. Rechts am Wege blockte ein Schaf mit einer allerdings abnormen und heiseren Stimme, und es ließ sich ein schwarzer Gegenstand wahrnehmen. Burgener, der hinten ging, erschrack, eilte vor und überließ mir den gefährdeten Posten des Hintermannes. Gewiß zehn Mal sah er sich um und entgegnete, als ich ihn auslachte, vor Menschen und vor Felsen fürchte er sich nicht, mit Geistern wolle er aber nichts zu thun haben.

3. Der rothe Galm ( 3140 m ).

Wenn man vom Hôtel Nesthorn in Ried zum Baltschiederjoch hinauf sieht, ragt aus dessen Firngewand ein schön geformter Kegel hervor, der nach den braunroth oxydirten amphibolitischen Schiefern, aus denen sein Gestein besteht, den Namen „ rother Galm " erhalten hat. v. Fellenberg erwähnt ihn in seinem Itinerar nur beiläufig 1 ), da er bloß ein aus der Felswand zwischen Bietschhorn und Breithorn hervor- tretender Felsgrat ist, der den Birchgletscher und den Standbachgletscher von einander trennt, eine selbständige Gipfelbildung, trotz seines hübschen Anblicks von Ried aus, aber nicht darstellt.

Der Weg zum Baltschiederjoch führt über ihn oder neben ihm hin, so daß er auch touristisch schon häufig genug betreten sein wird. Wenn ich ihm trotzdem hier einige Zeilen und zwar als selbständigem Ziel einer Alpenfahrt widme, so hat das darin seinen Grund, daß seine Besteigung immerhin zu den zahlreichen interessanten Touren minderen Ranges zählt, die man von Ried aus machen kann, und zwar zu denen von ihnen, die man auch noch bei schon vorgerückter Tagesstunde zu unternehmen im Stande ist.

Außerdem wollte ich dabei meine Erfahrungen auf einer ohne Führer und allein ausgeführten Wanderung, die doch immerhin über 3000 m führte, erzählen.

Die mit meinen Führern verabredete Reisezeit ging am 27. August zu Ende; beide fanden in Ried ein neues Engagement, welches sie in 's Wallis führte. Der von mir erwartete Freund war noch nicht angekommen; so mochte ich am schönen 28. August nicht im Thal herumschlendern, sondern entschloß mich kurz, dem gegenüberliegenden, so schön spitz zulaufenden Gipfel einen Steinmann aufzusetzen. Ich hatte dabei auch die Hoffnung, einen weiteren Einblick in den Bau des Bietschhorns zu gewinnen.

Um 9 Uhr machte ich mich auf den Weg, ging 5 Minuten oberhalb Ried über die Lonza und über Wiesen in das Tobel hinein, in dem der Bach vom Birchgletscher herunterkommt. Wo die Schlucht enger wird, ging ich vom linken auf das rechte Ufer des Baches, und da sich hier einige Spuren eines Fußwegs fanden, stieg ich an den steilen Wänden dieses rechten Ufers empor. Sie bestanden meist aus Kies und waren in Folge des langen schönen Wetters sehr hart und dürr geworden*. An manchen Stellen mußte ich mir Stufen machen, da sonst nicht aufzukommen war. Einmal kletterte ich über lockere Felsen empor; nachdem ich viele lose Steine entfernt hatte, glaubte ich feste zu fußen, aber plötzlich hatte ich in jeder Hand einen Stein und rutschte auf der Kieswand hinunter. Glücklicherweise konnte ich mich aufrecht erhalten und an einem Baum dem Rutschen Einhalt thun. Meine Taschen in der Joppe waren dick voll Kies und Erde. Ich gewann nun die obere Waldpartie und ging über Rasenwuchs, der immer spärlicher wurde, nach dem mächtigen, mit rothbraunen losen Blöckenganz übersäten Morainenkopf zu, hinter dem der rothe Galm aufsteigt. Der Zugang zu diesem Morainenkopf sah überall gleich schlecht aus, so daß ich mich vorne an ihm hinaufarbeitete. Mit den losen Blöcken rutschte ich öfter wieder ein Stück zurück. Oberhalb des Kopfes breitet sich eine schnee- und gletscherbedeckte Terrasse aus, von der vier Felsgräte zum Gipfel des Galm hinauf laufen, um sich in dessen schlanker Pyramide zu vereinigen. Von dem Schneefeld ging ich links nach einem Einschnitt hinauf, von dem ich auf den Standbachgletscher hinübersah, wandte mich dann wieder rechts in die Felsen, kletterte über mehrere Absätze empor und erreichte über den östlichen mittleren Grat um 3 Uhr den Gipfel des rothen Galm. Die Felsen sind nicht schwer, aber zum Theil recht lose. Die Stellen, über die man klettert, muß man öfters ganz abräumen, und dann jagt eine wilde, stets wachsende Masse von Getrümmer, bei jedem Aufschlag zersplitternd, die Felscouloirs hinunter. Einmal mußte ich mich an einer steilen Stelle aufziehen, das Gestein schien fest zu sein, mit einem Male weichen die Steine unter meinen Füßen und meiner rechten Hand, nur die linke hat festen Fels gefaßt, und mit ihr vermag ich mich zu halten und empor zu klettern.

Auf dem Gipfel baute ich einen vier Fuß hohen Steinmann und erfreute mich an der reizvollen und anmuthigen Aussicht. Im Westen thront der Montblanc, stattlich erhebt sich das Balmhorn, die langgestreckte Blümlisalp wird von der bekannten schönen Bergkette, die sich vom Petersgrat nach der Jungfrau erstreckt, in den Schatten gestellt. Vom Bietschhorn sieht man nur ein Stück des nordöstlichen Abfalls.

3 Uhr 40 Min. brach ich wieder auf und stieg über das dicht am Gipfel beginnende, mit Firn gefüllte Couloir auf der westlichen Seite, zwischen dem westlichen mittleren und äußeren Grat herunter. Als der Firnhang etwas steiler wurde, konnte ich in respectvoller Entfernung von einer durch fallende Steine gebildeten Schneefurche prächtig abfahren. Erst vergewisserte ich mich öfters, daß ich die Herrschaft UK. Schulz.

über meinen eilenden Flug bewahrte, dann ließ ich sorgloser ein rascheres Tempo zu — auf einmal waren meine Beine weg, ich lag auf der Seite und da der sofort zum Hemmen einzuschlagen versuchte Pickel auf dem mit dünnem Schnee bedeckten Eise nicht faßte, ging meine Reise mit wachsender Schnelligkeit in die Tiefe. Nach einigen bangen Secunden kam wieder Schnee, der unter dem verzweifelt eingeschlagenen Pickel hoch in die Höhe spritzte — meine Fahrt stand still. Ich ließ nun das Abfahren bleiben und ging langsam mit bei jedem Schritt eingerammtem Pickel den letzten Theil des Couloirs hinab und auf den mit Schnee bedeckten Absatz. Der Schnee war stark erweicht und ich bekam, da ich ohne Gamaschen ging, stark durchnäßte Schuhe. Auf den Blöcken des rothen Morainenberges zog ich meine Schuhe ab, rang die Strümpfe ordentlich aus und trocknete die Schuhe innen tüchtig mit dem Taschentuche aus. Dann zog ich dieselben Kleidungsstücke wieder an und hatte nach 15 Minuten weiterer Bewegung ganz trockene Füße und Schuhe.Von dem Geröllberg kamen so viele Steine mit mir herab, daß ich stets traversiren mußte, hinter mir lärmte und tobte es wie das wilde Heer. Als ich die oberen Rasenhänge wieder gewonnen hatte, hatte ich gar keine Lust, meinen Weg vom Morgen wieder hinab zu gehen. Ich überschritt deßhalb das tief eingeschnittene Thal in westlicher Richtung und erreichte die obere Waldpartie auf dem vom Kleinen Bietschhorn herabziehenden Felsgrat. In dem sehr schattigen Thale fand ich — was in dieser Jahreszeit selten ist — die wundervollsten Alpenrosen, viele Zweige noch gar nicht aufgeblüht, aber voller Knospen. Ich schnitt mir einen großen Strauß und fügte im Wald noch die schönen weißen Blüthen und prächtigen Blätter eines Ebereschenbaumes hinzu. Am Waldessaum traf ich auf einen Fußweg, der mich zunächst horizontal in westlicher Richtung führte. Als ich aus dem Wald trat, befand ich mich in dem Thal zwischen dem Schafberg und dem Kleinen Bietschhorn, in dem oben der Nestgletscher liegt. Der zur Clubhütte führende Fußweg war bald gefunden und um 7 Uhr erreichte ich wieder das Hôtel Nesthorn. Der Wald auf diesem Weg, namentlich in den oberen Partien vielfach wahrer Urwald, ist von großartiger Schönheit. Ich erinnere mich einiger Wetterfichten, die wahre Prachtstücke für den Maler waren.

Ich habe die kleinen Abenteuer auf diesem einsamen Spaziergang, von denen jedes schlimm hätte endigen können, wahrheitsgetreu erzählt, um daran den Schluß zu knüpfen, daß auch ein vielgewanderter Tourist in der eigentlichen Hochgebirgsregion nicht allein gehen soll. Die Tour hat auf mich einen eigenthümlichen psychologischen Reiz geübt; ich bin jedem Schmetterling nachgelaufen, habe jede Blume und jeden Stein besehen, wie es mir gefiel, und habe die Bilder einer großartigen Natur mir vielleicht tiefer eingeprägt, als das in Gesellschaft hätte geschehen können — aber schon der Gedanke, in welche schreckliche Lage auch nur ein kleiner Unfall den Einzelnen bringen kann, sollte lehren, auf diesen Reiz zu verzichten und sich gegenüber den furchtbaren Mächten der Alpennatur der Hülfe des Menschen zu versichern.

Das entzückend schöne und großartige Lötschenthal mit einer originellen und sympathischen Bevölkerung wird bisher leider nur wenig besucht, fast ausschließlich von Hochgebirgstouristen. Es verdient aber allseitig aufgesucht zu werden. Nicht blos der Bergsteiger, auch der Malej, der Naturfreund, der in der Alpenluft, Stärkung Suchende wird hier seine Rechnung finden. Zu einem längeren Aufenthalt eignet sich am besten Ried mit seinem kleinen, aber gemüthlichen und recht, empfehlenswerthen Hôtel Nesthorn. Dasselbe ist ein Actienunternehmen des G-astwirths Lehner und der Gebrüder Sigen, und Lehner ist nachzurühmen, daß er sich alle Mühe gibt. Freilich geht es manchmal so, daß wenn einmal 5 — 6 Gäste da sind, der Wirth Forellen kommen läßt; ehe sie kommen, zieht dann bei schönem Wetter Alles über die Berge und Herr Lehner kann seine Fische allein essen. Ein häufigerer Besuch wird auch die Verpflegung der Gäste, mit der ich übrigens stets durchaus zufrieden war, erleichtern und höheren Ansprüchen genügen lassen. Die Abwesenheit von Kellner, Portier u. s. w. habe ich meinerseits immer als eine besondere Wohlthat empfunden.

Bei meiner Ankunft in Ried fand ich liebe Freunde ^ vor; mit ihnen ging ich am 29. August über den Beichgrat nach Belalp — diesmal bei Tage und wiederum beim schönsten Wetter. Die Spuren von der nächtlichen Wanderung der „ Geister " über den Paß waren noch deutlich zu sehen. Auf der Paßhöhe nahm ich für dies Jahr Abschied vom schönen Olubgebiet.

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