Sieben Tage Wallis

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Von Max Schaffner

( Zürich ) Ferien tage sollen Arbeitswochen oder -monate kompensieren; die unsrigen konnten deshalb nicht wechselvoll genug sein.

Blumen und Milch Im Urserental baden schon am frühen Vormittag unsere Füsse im kristallklaren Bergwasser — dort, wo der « böse » Stausee das glückselige Land zudecken wollte, liegen wir am grünen Rain an der Sonne und freuen uns an jedem Strauch. Nichts schmeckt nach Stadt, nicht einmal der schmale Schienenweg, den man ungestraft begehen darf — den die Flora mit kindlichem Übermut begleitet. An der Furka strahlt und duftet über alle andern Kräuter eine edle kleine Sonne: Arnika. Sogar die Felsblöcke, die hartnäckigen, leuchten und schmecken würzig frisch, weil lustige Bächlein aus ihrem Schoss tanzen.

Heiss, brennend heiss tappen wir wie leichtfüssige Geissen über die weite stille Passhöhe und — erstarren fast im kalten Loch des Rhonegletschers. Einen Franken kostet diese eisige Vision Blau, nichts als Blau, Violettblau. Bundesräte würden die berühmte Eisgrotte gerne besuchen, meint der eifrige Wärter — weil wir versprechen, nie mehr zu kommen und das Naturwunder von einer besseren Seite anzustaunen.

Und jetzt trollen wir munter zu Tal, über Stein und Busch, das gleissende Bild des Gletscherbartes vor uns, neben uns, hinter uns.

Rot, rot, rot! Ist noch niemand auf die verrückte Idee gekommen, das Alpenrosengewürz zu gewinnen, Alpensuppe zu kochen? Die gewaltigen Blumenpolster fesseln den Blick: « Trinkt, o Augen! » Inzwischen fährt der letzte Zug des Tages davon. Auf das delikate Hotelbett zu fünf Franken verzichten wir und lassen uns von einer weidenden Herde verführen. Dort, bei den ruhigen Hirten über dem Käskessi liegen wir auf dem Strohboden, den Bauch voll Milch, braungebrannt und herrlich müde, todmüde.

— und noch mehr Sonne Goms — ein einziges Sprudeln und Rauschen, ein Glitzern und Flimmern von Silberfäden zwischen gelben Äckern und grünen Wäldern zum wilden jungen Strom.

Tausend Meter höher steigen wir in steilen Kurven — und immer noch kein Mittagessen: Wir haben es vergessen. Dass man von der Luft leben könne, glauben wir jetzt noch nicht — aber von Wasser und Sonne?

Der Märjelensee ist ein Wunder — nicht so klein und schwach wie der Dom zu Mailand; kein Bomber könnte ihn vernichten.

Eine schattige Hütte nimmt uns auf. Kräftige braune Tiere bimmeln. Das heisst für uns: Milch. Wir rechnen mit Kübeln, mit Litern; das sind Portionen. Sonst gibt es nichts. Butter und Käse reisten « Gott weiss wohin »...

SIEBEN TAGE WALLIS Toll gelaunt rutschen wir, gleiten wir abwärts, auf der Spur des Milch-manns, der seine vollen Tansen vor kurzem auf den starken Schlitten band und also startete: tausend Meter tief ohne Halt, über Weide und durch Wald.

Wein und Raclette à la maison Es ist wieder ein Wunder, dass wir sie finden: die wahrhaftige Walliser Kanne im schmucken Dorf. Warum ist sie getarnt durch den nichtssagenden Eingang mit der schmutzigen Fassade und dem internationalen Namen « National », an dem seit meiner Knabenzeit ein zweifelhaftes Odium klebt, weil kein anständiger Mensch dort hinein ging?

Wir treten ein. Die saubere neue Stube hat uns gleich gewonnen. Im heimeligen Cheminée prasselt und duftet es: der lang ersehnte Käse. Eine mächtige Schüssel « Gschwellti » stellt die freundliche Tochter vor uns hin — von Christbaumkerzen warm gehalten. « In vino veritas » spiegelt die Tischplatte. Da lernt meine Frau erstmals Fendant trinken. Warum er in Zürich, in St. Gallen nicht schmeckt?

Heiliges Leben Wir sollten noch bessern Wein trinken: den « Heida »... Eigentlich baten wir die freundliche Bäuerin im Krautgarten am Berghang um Milch. Da führte sie uns von der Wässerarbeit hinüber in ihre Trotte, speiste und tränkte die ahnungsvollen Fremden mit Brot und Käse und Wein, so gut, dass wir übermütig wurden wie Kinder, denen die Mutter zuviel getan. Das « Beinebrechen » hatte sie uns beigebracht — das sei die Macht ihres Haus-weins, des « Heida ».

HeidaI Wie leicht geht nun die gemeinsame Wanderung mit « gebrochenen Beinen » bergwärts bis zum heimeligen Dorf, wo wir in einem niedlichen Häuschen ganz allein neben dem Webstuhl unter der Wärme eines herrlich gewobenen Tuches schlafen dürfen. « Wie Hansel und Gretel » träumen wir einander vor. Und die gute Frau will nicht einmal dafür belohnt sein; sie wünscht uns ganz einfach: « Bhüet Gott! Jede isch euse Nächschte! » Wir reden kein Wort von Religion, von Pietät. Da oben lebt die Frömmigkeit, an den « heiligen Wassern ».

Das Hoteldorf Wir müssen « gestraft » werden. So viel Glück erträgt unser Herz nicht oder macht es eitel stolz. Das vornehme Hoteldorf mit seinem weltweiten Ruf hat diese Mission zu erfüllen.

Wir bezwingen das leise Vorurteil, steigen in der letzten Abendstunde auf dem Kapellenweg hinan — zum Hoteldorf; mehr kann ich nicht sagen; und wenn ich es könnte, so wollte ich nicht. Die Gletscher waren uns bereits vertraut. Nun aber importierte man die « Zürcher Bahnhofstrasse » mit allen modernen Schikanen übersättigter Zivilisation da herauf — und dieser « man » war offenbar nicht bekannt mit dem lieben Gott.

Es braucht viel Überwindung, bei den Gletscherbächen neben den Ge-schminkten und Berauschten zu schlafen und von ihren nächtlichen Asphalt-tänzen gestört zu werden — so nah dem starken Schweigen des Himmels.

« Heipper » Trotz ist ein hässliches Ding unter den Menschen. Aber wenn wir dem Schicksal trotzen? Mit stoischem Gleichmut klettern wir hinauf und immer weiter hinauf, über Hänge und Schluchten, in ein anderes Reich. Der Bergwald lichtet sich in lockere Lärchenwiesen: ein trümmerbesäter Alpgarten voll Höhensonne. Da droben thront der Friede. Wir sind allein. Die ganze Welt in ihrer Nähe und Weite gehört uns, auch uns. Ein einziger Kranz strahlender Firne rundum. Einfältig, nach ihren Namen zu fragen in dieser namenlosen Einfalt natürlicher Herrlichkeit!

So liegen wir auf dem Kräuterteppich, zwischen Himmel und Erde, wunschlos glücklich.

... Dann aber geht auch diese Sonne unter. Wir taumeln talwärts. Ein Hain saftiger Heidelbeeren hält uns gefangen, eine lange Stunde. « Heipper » sind es da. Die helle Gletschermilch der Wasserbäche und die weisse aus dem Stall vermögen die blauen Mäuler nicht mehr reinzuwaschen. Wir sind gezeichnet.

« Ins Hoteldorf! » spottet meine Frau lachend — und « z'Trotz » kriechen wir dicht am Rande des nächsten Kurorts ins duftende Heu. Die Besitzerin des Gadens wünscht uns gute Ruhe — und es stört uns nicht einmal, dass sie keck nebenan ein schönes grosses Haus bauen lässt.

Aprikosen Wir sahen sie verlockend in grünen Laubgärten prangen und kauften sie pfundweise auf der Strasse. Einen Teil verschenkten wir jener Mutter mit den zehn Kindern im Bergnest. Ihre Freude war gross. Dass die Freude aber in unser eigenes Herz zurückkehrte — wie es im Sprichwort heisst —, das ist das neue Wunder im Sonnenland.

Wieder empfängt uns ein Aprikosenhain im Unterland. Der Boden ist überschwemmt. Die Hüterin des Gartens empfiehlt uns, ihr zu folgen. Nein, verkaufen würde sie keine Früchte — aber essen sollen wir, essen, soviel wir wollen. Und vom Baum herunter steigt ihr Sohn und füllt unsern grössten Papiersack mit schönsten rotbackigen Aprikosen.

Erst im hintern Lötschental, unter dem Vollmond, werden wir fertig mit unserer Riesenration saftiger Rohkost und taufen die letzte Wander-etappe: Aprikosentag.

« Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen. » Die süsse Dichterlüge stimmt nicht einmal, nachdem die schönen Tage vorüber sind; denn im finstern Lötschbergtunnel ärgert uns auch nicht die paradoxe Gesellschaft aus den Hoteldörfern. Wir finden sie « zum Trotz » lustig. Und am kühlen Vierwaldstätter-See freuen wir uns immer noch am Besitze des harten Brockens Kornbrot aus dem Bergdorf. Der letzte Rest wird gar nicht gegessen: er soll uns heiliges Symbol bleiben wie die Wasser, die seine Frucht einst getränkt haben.

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