Sierra Nevada

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Von H. Banfli.

Ab Murcia fahren täglich vier Züge. Nach Granada fährt ein einziger. Vor 20 Jahren hat der Zug für die etwas über 300 km 16 Stunden gebraucht. Zum Glück fahren wir nur bis Guadix. Aber schon das dauert 10 Stunden. Die Sonne brennt heiss. Auf halbem Weg schon ist meine lederne Weinflasche leer. Es gibt hier Aussichtswagen: ein Essraum mit grossen Fenstern und eine Küche. Aber sie sind nur für reiche Familien.

Das viele reisende schmutzige Volk, das Koffer, Bündel und Körbe mitschleppt, staut sich in den engen, unsauberen und baufälligen Wagen. An den Bahnhöfen sind viele Menschen. Der eine Zug im Tag ist für sie ein Ereignis. Spanische Nüssli und Wasser: sie bieten feil, was ihnen der Boden hier gibt, und das ist wenig genug. Zerlumpte, bettelnde Jungen und bettelnde alte Frauen kommen an die Wagentür. Man sieht selten ein hübsches Gesicht.

Die Menschen sind gelassener, weniger gesprächig als bisher. Auch sie sind ein Teil der weiten, öden Landschaft, in die man hinausblickt. Sie ist steinig und graugelb, hier und dort durchzogen von schroffen, canonartigen Erosionsfurchen, wie sie ein heftiger Platzregen im kleinen in einer Kiesgrube erzeugt. Vor Baza eine weite Hochebene, ohne Erosion, grosse Felder werden mit Mauleseln und einfachen Holzpflügen bearbeitet. So geschah es schon vor Hunderten von Jahren. Ein Reiter, eine kleine Eselkarawane. Wie klein sind hier Mensch und Tier!

Von Guadix aus erblicken wir zum erstenmal die Berge der Sierra Nevada. Erst eine ausgesprochene Tafel, dann sanft ansteigende Hänge bis hinauf zu einigen Vorgipfeln. 1000 in Höhenabstand schätzen wir. Aber es sind weit über 2000 m. Über eine Krete hinweg grüsst der höchste Gipfel, der Mulhacen 3481 m.

Wir fahren mit der Bahn noch einige Kilometer südwärts, nach La Calahorra. Das Dorf liegt neun Kilometer entfernt von der Bahnstation. Dazwischen dehnt sich die gelbbraune Hochebene; die Strahlen der Sonne haben hier alles versengt. Ein alter Ford fährt hinüber zum Dorf. Sechs Mann und viel Gepäck sind für ihn eine tüchtige Last, aber er schafft es.

La Calahorra unterscheidet sich kaum von vielen andern abgelegenen südspanischen Dörfern. Es hat enge Gassen und weissgetünchte Häuser, einstöckig oder auch nur zu ebener Erde. Die Enge und das Weisse, beides ist Schutz gegen die Hitze. Oben auf dem Hügel, an den sich das Dorf lehnt, eine mächtige, rotbraune Burg mit vier grossen, runden Ecktürmen. Dort schadet die braune Farbe nichts, die Mauern sind so dick, dass auch während eines Sommers die Wärme nicht eindringt. Es hat keine Läden und kein Wirtshaus in La Calahorra. Man sieht keine Reklame und keine Firmen-schilder. Die Leute wissen, wo man das Brot kauft und wo den Käse, wo den Wein und wo das Salz, und das genügt ihnen. Auch wir finden bald, was wir brauchen.

Unser Kommen ist ein Ereignis für La Calahorra. Ich zweifle, ob jedes Jahr einmal sich ein Turist dorthin verirrt. Und wenn er es tut, so ist er sicher ganz anders ausgerüstet als wir. Er wird sich einen Maulesel und einen Treiber mieten und, wenn er die Absicht hat, die Sierra Nevada in Angriff zu nehmen, sich auf des Tieres Rücken so weit hinauf befördern lassen, bis er der glühenden Hitze entrückt ist. Wir gingen, zu zweit, mit Rucksack und Hakenstock, so, wie wir etwa eine längere Fusswanderung in unseren Voralpen unternehmen würden. Die Leute betrachteten uns neugierig, aber ihre Neugierde war viel, viel zurückhaltender als in den Städten. Sie waren nicht etwa schüchtern. Durchaus nicht. Wenn wir um Auskunft baten oder etwas suchten, war sofort Hilfe da. Das Zurückhaltende war vielmehr ein Zug ihres Wesens. Es schien mir oft, dass in Dörfern und kleineren Städten, die organisch geworden sind, die noch nicht der Spielball fremder Interessen, von der überstürzten Mechanisierung noch nicht ergriffen sind, es schien mir oft, dass in diesen Orten auch der Mensch viel harmonischer und ausgeglichener, fast möchte ich sagen, würdevoller sei. Er ist noch eins mit seiner Umgebung. Er kennt sie, er überblickt sie.

Ein fahrender Händler bietet uns Trauben an. Hier oben wachsen keine Trauben. Sein kleiner Esel hat sie von weit herauf, wohl an die sechzig Kilometer weit, aus der Gegend von Almeria gebracht. Der Händler verkauft sie zu 25 Cts. das Kilo. Wir haben noch nie so billige und gute Trauben bekommen.

Wir fragen eine Frau, ob sie uns etwas kochen würde. « Gewiss. » Wir treten in die einfache Hütte. Stube und Küche sind weiss getüncht und sehr sauber. Diese Sauberkeit in den abgelegenen Dörfern, fern von allem Fremdenverkehr, ist erstaunlich. Wir haben sie öfters angetroffen. Nach all dem Schmutz in den Städten wirkte sie wohltuend. Die Frau nimmt dürre Stauden und macht im Cheminée ein offenes Feuer. Sie stellt ein Dreibein darüber und setzt eine Bratpfanne darauf mit langem Stiel, den sie an einem Haken aufhängt. Ein einfaches Mittagessen: Eier, Wein und Trauben. Und dann verlassen wir das Dorf und wenden uns zur Sierra Nevada.

Aus unseren Schweizer Bergen waren wir gewohnt, mit guten Karten zu reisen. Drum hatten wir schon in Barcelona versucht, eine Karte der Sierra Nevada aufzutreiben. Leider erfolglos. Bei uns weiss jeder Buchhändler, was eine gute Karte ist. In Spanien ist es nicht so. Barcelona und Madrid sind wohl die einzigen Städte, in denen man die Blätter der topographischen Karte 1: 50,000 bekommt. Und diese topographische Karte ist heute erst für etwa einen Drittel des Landes fertiggestellt. Für die Sierra Nevada besteht eine Aufnahme noch nicht. Mit den gewöhnlichen Übersichtskarten und mit den Autokarten war nichts anzufangen. Erst später, in Granada, erfuhren wir, dass es dort eine Karte der Sierra Nevada geben soll. Aber gesehen habe ich sie nicht. So mussten wir uns eben ohne Karte behelfen. Das war nicht schwierig. Wir brauchten ja nichts anderes zu tun, als immer dem höchsten Gipfel zuzustreben, und das Gelände machte uns diese Aufgabe einfach genug. Wenn wir mit der Karte vielleicht auch da und dort einen kleinen Umweg vermieden hätten, im ganzen fiel das nicht in Betracht. Dafür kamen wir uns vor wie grosse Entdecker, die zum erstenmal ein fremdes Gebirge erforschen und noch gar nicht wissen, wo sie hinkommen.

Eine Bergfahrt in der Sierra Nevada ist aber auch sonst sehr verschieden von einer Bergfahrt in den Alpen. In den Alpen wandern wir durch Laubund Nadelwald aufwärts, der Weg überschreitet einen rauschenden Bach. Er klettert über steile Rasenhänge mit sattfarbenen Blumen. So gelangt man zur Hütte am Ende des Schnees. Von oben grüssen gleissende Firnwände, das Ziel des morgigen Tages.

In der Sierra Nevada fehlt der Wald, der Bach ist ein klägliches Rinnsal. Statt Rasen und Blumen ein paar dürre Grasbüschel und, weiter oben, grosse stachelige Polsterpflanzen. Als Unterschlupf dient dir ein überragender Felsblock. Doch muss ich gestehen: auf der Seite von Granada steht 's damit besser. Dort gab es viele Fremde.Von der Alhambra aus sahen sie die hohen Berge, die mitten im Sommer zuoberst noch Schnee trugen. Ist es ein Wunder, dass sie wünschten, auch dorthin zu gehen? Es ging, wie es auch bei uns gegangen ist. Es gab Führer, die die Fremden hinaufführten, erst nur im Sommer, dann auch im Winter mit Ski. Und dann hat man bemerkt, dass die Sierra Nevada, diese alte, verschlafene Dame, nachdem sie erwacht ist, viel Geld in das Land bringt. Man hat eine Autostrasse gebaut, eine prächtige Autostrasse, die auf weit über zweitausend Meter hinaufführt. Man hat ein Hotel gebaut. Man hat einen bequemen Bergpfad hinaufgeführt bis auf den Bergkamm und oben ein bewirtschaftetes, stattliches Unterkunftshaus errichtet. Auf über 3000 m steht es. Man kann dort nächtigen ohne Entgelt. Und was überall geschieht, wo eine Idee ihre Geburtswehen überstanden hat, das geschah auch hier. Die Menschen, die von dieser Idee ergriffen waren, taten sich zusammen und gründeten einen Club, zwei Clubs: den Club Penibetica und den Club Alpino. Man sieht, sie wird heute sehr heftig umworben, die Sierra Nevada.

Von alledem wussten wir nichts. Wir erfuhren davon erst auf der andern Seite des Berges und in Granada. Auf der ganzen Tur begegneten uns nur ein paar einheimische Eseltreiber. Es war Ende Oktober, der Sommer war eben schon vorbei, und Neuschnee gab 's noch zu wenig.

Wir verliessen La Calahorra zur heissesten Tageszeit. Kurz nach dem Dorf entledigten wir uns aller überflüssigen Kleider. So kamen wir gut voran über gleichmässig steile Hänge. Überall sanfte Formen. Das Zerstörungswerk der Erosion hat hier kaum eingesetzt. Die Niederschläge sind eben gering. Wir steigen, bis es anfängt zu dunkeln. Dann suchen wir den schützenden Felsen. Noch hundert Meter sind es bis hinauf zum flachen Rücken, der nach Norden zieht. Über ihn hinweg bläst ein kalter Wind. Wir hüllen uns ein, drängen uns eng zusammen und versuchen zu schlafen. Aber daraus wird nichts. Die Kälte erobert Zoll für Zoll von unserem Körper. Don Quijote hätte wahrscheinlich aus den Felsen ein Hotel und aus dem Lager ein Himmelbett gemacht. Aber wir waren keine Don Quijbtes. Wir wussten, dass das Biwak nicht wärmer wird, wie sehr sich auch die Phantasie erhitzt. Drum erwarteten wir sehnlichst den Mond. Nach unserer Berechnung sollte er um 9 Uhr aufgehen. War er erst aufgegangen, so konnten wir weiter- ziehen, denn die Nacht war klar, und Schwierigkeiten gab 's vorläufig keine. Die Minuten schlichen träge dahin. Wir hatten im Aufstieg eine unbedeutende Passlücke überschritten und waren jetzt auf der Westseite des Hanges. Wir waren im Windschatten, aber auch im Schatten des Mondes. Drüben, auf der andern Seite des Passes, legte sich schon fahler Silberglanz über die Hänge. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die ersten Strahlen unsern Hang streiften. Um halb 11 Uhr brachen wir auf. Bald stehen wir auf der Krete. Es ist bitter kalt. Unten, in der Ebene, die Lichter von einem Dutzend Ortschaften. Am Himmel funkeln die Sterne. Der Mond wirft fahles Licht über die Berge, denen wir zustreben. Es ist einfach, den Weg zu finden. Wir kennen die allgemeine Richtung, wir brauchen nur dem Rücken entlang zu wandern, der sich in nördlicher Richtung hinzieht, dann gehen wir nicht fehl. Ein undeutlicher Maultierpfad schlängelt sich durch das Geröll. Jetzt wird fern im Westen eine hohe Pyramide, die Umrisse des Mulhacen, sichtbar.

« Bei Sonnenaufgang werden wir oben sein. » « Ich glaube auch. » Und wir freuen uns auf den Sonnenaufgang auf dem Mulhacen. Aber der Rücken wird länger und länger. Er geht sanft hinunter und steigt wieder sanft an. Und es sieht gar nicht aus, als ob wir dem Mulhacen näher gekommen wären. Wir sind müde, haben nur vier Stunden geruht und überhaupt nicht geschlafen. Wir setzen uns auf einen Stein. Aber der Wind bläst unerbittlich über die Krete, die Kälte treibt uns weiter. Noch zwei-, dreimal suchen wir Schutz vor dem Wind, versuchen zu schlafen. Jetzt endlich biegt der Rücken nach Westen um. Aber gleichzeitig wird er zum Grat. Im Mondschein den anzugehen, wagen wir nicht, und aus dem Sonnenaufgang oben wird sowieso nichts; es ist schon zu spät. Wir erwarten den Morgen.

Ein herrlicher Tag bricht an. Ein Tag voller Sonne. Ein Tag von denen, an welchen wir Nordländer, die monatelang Nebel und grauen Himmel über uns haben, uns immer wieder begeistern. In Spanien kann man im Frühjahr planen, was man im Herbst ausführen will; das Wetter meint 's immer gut.

An diesem Tag steht uns viel Arbeit bevor. Wir sitzen am Anfang des Grates. Wir müssen heute hinauf und auf der andern Seite hinunter. Denn eine zweite Nacht wie die verflossene wollen wir nicht erleben. Aber der Grat ist lang, wir müssen manchmal hinauf und hinunter. Der Fels ist zwar gut, er hat gute Griffe und Tritte. Wir aber sind müde, wir schleppen uns langsam vorwärts. Viele Male glaubten wir, den Gipfel vor uns zu haben. Immer wieder enttäuscht uns der Grat, immer höher schwingt er sich auf.

Da hören wir Hammerschläge. Woher sie wohl kommen mögen? Das Rätsel ist bald gelöst. Endlich, um 2 Uhr mittags, sind wir oben. Und noch eine Freude: da stehen zwei Steinhütten. Die eine davon hat ein Dach, und in der andern liegt Stroh. Jetzt werden wir den Sonnenaufgang doch noch erleben und den Sonnenuntergang dazu. Wir werden einen halben Tag hinausblicken dürfen auf die weiten Ebenen und die Berge Spaniens, hinausblicken auf das Meer und uns der Sonne erfreuen.

Woher das Klopfen kam? Das war sehr einfach. Oben auf dem Gipfel standen zwei Männer und drei Maulesel und ein Hund. Die Männer hatten die Türen und andere Holzteile der Hütten zusammengeschlagen und den Eseln auf den Rücken gebunden. Jetzt machten sie sich auf den Weg, talwärts, auf die andere Seite. Weshalb sie diese Dinge dort oben geholt haben, ist mir heute noch unklar.

Vom Mulhacen, 3481 m, dem höchsten Gipfel der Sierra Nevada, geniesst man einen herrlichen Rundblick. Ich kann nicht sagen, dass er schöner oder weniger schön sei als der Blick von unseren hohen Alpengipfeln. Er ist ganz anderer Art. Es fehlt der wilde, dramatische Aufbau im Vordergrund. Der Blick schweift ungehindert über weite Ebenen und ferne Bergketten, die sich im Dunst verlieren; er gleitet über das offene Meer. Im Süden liegt eine weisse, grosse, wellige Nebelschicht, und an ihrem Rande, weit, weit weg, erkennt man eine zartblaue, langgestreckte Silhouette, die Berge des Atlas.

Auch die Farben sind ungewohnt. Das Land ringsum ist gelb, rotbraun oder braun; nur den Flussläufen entlang zieht sich da und dort ein grünes Band. Im Frühjahr muss es ganz anders sein.

Unten im Tal, im Nordwesten, liegt Granada, unser nächstes Ziel.

Bei Sonnenuntergang liegt feiner Dunst in der Luft. Auf diesen Dunst wirft die Sonne den Schatten des Mulhacen, und an den langgestreckten Wolken im Süden erprobt sie noch einmal ihre Kraft. Sie entfacht sie zu roter Glut. Dann scheidet der Tag.

Im Stroh war es weit angenehmer als gestern unter dem Felsen. Leider heulte die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag ein kalter Westwind. Die Kälte schlich langsam, aber unaufhaltbar, auch ins Stroh. Bis morgens 2 Uhr hielten wir aus. Dann suchten wir alle Holzreste zusammen und fachten in einer Ecke der Hütte ein Feuer an, das wir bis zum Morgengrauen nährten.

Des Sonnenaufgangs wurden wir nicht froh. Vor dem beissenden Wind flüchteten wir schleunigst über eine zweihundert Meter hohe Schutthalde hinunter. Wir hatten jetzt geruht und wanderten rasch über zwei Gräte hinweg zum Picacho de Veleta; das letzte Stück auf einem guten Maultierpfad. In den Talmulden sind kleine Seen und Tümpel, teilweise zugefroren, und überall Flecken von Neuschnee.

Der Picacho de Veleta, 3398 m, ist der zweithöchste Gipfel der Sierra Nevada. Von ihm aus hat man einen viel besseren Überblick über das ganze Gebirge. Der Mulhacen, und vor allem auch die andern Gipfel der Sierra Nevada, sind nahe genug, um einen wirkungsvollen Vordergrund zu ergeben. Dem Spanier dürfte er deshalb viel lohnender erscheinen, obwohl der Blick von ihm viel weniger frei ist, als vom Mulhacen.

Auch hier flüchten wir bald vor dem Wind über eine mächtige Schutthalde talwärts. Auf einem Maultierpfad erreichen wir die breite Autostrasse, die nach Granada führt.

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