Simmentaler Bergwelt

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Mit 12 Bildern und 1 Skizze.Von Andreas Winterberger.

« Die Voralpen sind das Gebiet des freien Mannes. » Charles Simon.

Wenn Du, lieber Clubkamerad, auf Dein Bergsteigerleben zurückschaust, tauchen Erinnerungen auf, die zu den schönsten und besten gehören. Vielleicht bis Du an der Hand Deines Vaters vor Jahren als ganz kleiner Bub in die Vorsasse gewandert, später höher hinauf auf die Alpweiden, dann lerntest Du die steilen Flanken und die luftigen Gräte kennen, vielleicht erinnerst Du Dich Deiner ersten Schulreise, Deiner ersten Fahrt mit lieben Freunden in die Vorberge. Die Voralpen, mit ihren Gräten und Felsen, mit ihren Gwächten im Vorsommer, mit den oft so heissen Anstiegen vom Tale aus wurden Dir zu einer Vorschule für das ernsthaftere Wandern im Hochgebirge. Die Chronik der Unglücksfälle in den Vorbergen berichtet von brüchigen Felsen, schlüpfrigen Grashalden, von Blitzschlag auf exponierten Gräten, von Steinschlag und von den Tücken des Schnees im Winter und Vorfrühling.

Das Simmental misst von den Gletschern des Wildstrubel bis zu der Port von Wimmis etwa 62 km und wird von der Niesenkette mit ihren Ausläufern und von der Stockhornkette begrenzt. Im Jahrbuch 1916 beschreibt uns W. A. von Bergen die Gratwanderung von der Pyramide des Niesen bis zum Hahnenmoospass in meisterhafter Weise. Der ganze Zauber dieser Höhenwanderung wechselt im Laufe der Jahreszeiten. Die Aussicht über die beiden Oberländer Seen, in die Tiefen der Täler mit den stolzen, braunen Dörfern und den schimmernden Flussläufen ist unvergleichlich schön. Im Landschaftsbild des Simmentales fehlen die frohen Laubwälder des engeren Oberlandes fast ganz, und Du findest es mit den dunklen Tannenwäldern selbst im Sommer etwas ernst, darum preisest Du die Gratwanderung im Frühling und Vorsommer, wenn der Schneemantel noch weit über die Flanken der Voralpen herunterreicht, oder Du liebst es, die Hochgebirgslandschaft im milden Oktoberlicht zu schauen, wenn über dem Unterland ein stilles Nebelmeer liegt. Von jedem Gipfel und jeder Gratwendung erblickst Du über die Passlücken der Berner Alpen einen bekannten Walliser Gipfel, der die Erinnerung an vergangene Fahrten oder die Lust zu neuen Plänen weckt. In hochgelegenen Wildheuerhüttlein findest Du im September und Oktober in duftigem Bergheu ein weiches Nachtlager. An milden Föhntagen sitzest Du bis zur Dämmerung vor der Hütte, siehst die Lichter der Städte und Dörfer aus der Tiefe glitzern, schätzest die Entfernung und erhältst die richtige Einstellung zu all den Fragen, die Dir dort unten oft Sorge und Enttäuschung bereiten — ach, wie weit weg ist doch alles und wie belanglos! Du lauschest vor dem Einschlafen dem Raunen des Bergwindes, Du hörst das Käuzlein rufen, Du fährst im ersten Schlafe wieder auf, weil die Mäuse so nahe an Deinem Ohr im Heu rascheln und wispern, Du hörst den Marder über das Schindeldach springen und lassest Dich in der Morgenkühle, wenn der frisch aufspringende Bergwind Dir den Schlaf raubt und Du Dich nach den Bequemlichkeiten Deines Heimes sehnst, durch Deinen Wanderkameraden mit dem geflügelten Wort unserer Westalpenfahrer trösten: « Äs isch deheim o nid alls. » Die Aussicht von den Gipfeln der Stockhornkette hat einen ganz anderen Charakter als diejenige des Niesengrates. Es ist etwas ganz Eigenes um den Blick von den Voralpen am Rande des Mittellandes. Schaust Du west-oder nordwärts, so breitet sich das weite Mittelland vor Dir aus bis zu dem fernen, blauen, ruhigen Zug des Jura, und wendest Du Dich nach Osten oder Süden, so taucht die Wunderwelt der Hochalpen über den Vorbergen auf. Blicktest Du schon einmal Ende Juli, wenn das warme, reife Gold der Kornfelder im Mittelland neben braunen Äckern aus dem Grün der Wiesen heraufleuchtet, von den Vorbergen in die Tiefe? An klaren Herbsttagen erkennst Du im Gebiete der Kaiseregg weit im Südwesten die schimmernde Kuppe des Mont Blanc, die Aiguille Verte und den dunklen Dru, und das Bild packt Dich wie einst der erste grosse Eindruck der Bergwelt von Chamonix vom Col des Montets oder vom Col de Balme. Doch wenn Du lieber allein Deiner Wege ziehst und den temperamentvollen Clubgenossen der Sektion Moléson oder den Freunden der grossen, ernsten und bedächtigen Sektion der Landeshauptstadt ausweichen willst, so wende Dich den Gräten zu, die, von der Spillgerten ausgehend, dem stolzen Wahrzeichen des Simmentales, zwischen Diemtigtal und Simme locken. Wohl fehlt ihnen die weite Sicht in das Mittelland, und die Niesenkette hemmt zum Teil den Blick gegen das engere Oberland, aber die Wanderung über Pfaffen, Thurnen, Buntei-gabel, die Aussicht vom Niederhorn, von Chumigalm, Seehorn und Frohmattgrat bleibt immer gross und eigenartig und ähnelt derjenigen vom Twirienhorn.

Mancher Clubkamerad kennt die Bergwelt des Simmentales nur von den Skifahrten. Seit unsere ersten Skipioniere die schönen Abfahrten entdeckten, die ersten Skihütten mieteten und bescheiden einrichteten, ist eine verhältnismässig kurze Zeitspanne verflossen, und doch im kurzen Leben eines Bergsteigers ein bedeutender, ein wichtiger und schöner Abschnitt, der nie wiederkehrt. Der alte Turenfahrer schüttelt sein Haupt über den Massenbetrieb in gewissen berühmten Abfahrtsgebieten, er spricht abschätzig über den Autocardienst, über Funis und Extrazüge und Pistenrutscherei, aber er weiss, dass die Hänge und Mulden der Niesenkette, die Gräte und Flanken der Bergwelt zwischen Kirel, Filderich und Simme noch manches Skiparadies, noch viele unberührte Felder für den stillen Naturfreund bergen, und er freut sich, dass selbst aus dem Ausland Gleichgesinnte sich über dieses Gebiet erkundigen und es aufsuchen. Der Turenfahrer ist glücklich über die Skifelder, in denen kein störender Bahn- und Autolärm zu hören ist, er sucht Gipfel und Gräte auf, auf denen er dem stillen, weltfernen Rauschen der Bergbäche lauschen kann, er weilt in Hütten, von denen man in der Nacht kein Lichtlein aus dem Tale schimmern sieht; er verträumt die Mittagszeit an der warmen Hüttenwand, und er vernimmt den eigenen Herzschlag in der grossen Ruhe, wenn nicht fallende Schmelzwassertropfen die Stille unterbrechen. Wer nicht verärgert ist, schaut mit grosser Genugtuung auf die Entwicklung des Skilaufes in unseren Bergen zurück, er zählt die positiven Seiten des Wintersportes auf, er hat Verständnis für die jugendlichen Scharen, die sonntags in die Berge ziehen, und enthält sich weise eines Urteiles über negative Seiten des Rennsportes. Der Kenner der vielen grossen Abfahrten in den Simmentalerbergen ist so froh, dass keine grosse, lärmende Werbetrommel für sie gerührt wird wie anderswo.

Bist Du, lieber Clubkamerad, aber ein Griesgram, der sich über verspätete Schneefälle und schneearme Winter ärgert, so ziehe ohne Ski aus und besteige im Vorwinter oder, wenn der Föhn oder eine Tauwetterperiode mit der Winterherrlichkeit aufgeräumt haben, von der Talsohle auf die Gräte und Gipfel der Stockhornkette. Eine überaus klare Fernsicht wird Dir die Mühe reichlich lohnen. Wenn es gar zu kalt ist, so nimmst Du im obersten Bergwald ein paar Knebel mit und machst Dir in einer windgeschützten Ecke des Grates ein wärmendes Feuerlein, und siehst Du irgendwo auf einem Gipfel oder in einer Gratlücke ein feines Räuchlein aufsteigen, so grüssest Du im Geiste den gleichgesinnten, fremden Wanderkameraden. Im fernen Neuenburgersee spiegelt sich das braune Rebegelände, und der witzige Wanderkamerad, der die Flöhe husten hört und selbst im Winter das Gras wachsen sieht, behauptet, im Zeiss die Knospen zu sehen, plaudert Dir vom jungen Wein, der ja, wer weiss wie bald, schon « der Starne » machen werde, und er winkt gegen die Entlebucherberge den wanderfrohen Kameraden der rührigen Sektion Pilatus einen Gruss zu, denn er habe sie sicher « fascht » gesehen.

Die Alpen — 1939 — Les Alpes.29 Kein Wanderer in den Simmentalerbergen kann sich auf seinem Weg vom Tale bis zum Grat der Schönheit der Pflanzenwelt entziehen. Der Skifahrer erfreut sich an den wechselnden Bildern des Winterwaldes, den sturmzerzausten Wettertannen, den letzten tapferen Gestalten in der Kampfzone, der erfahrene Wandersmann kennt die letzten Arvenbestände und hat Verständnis für die zähen, krüppeligen Kämpfer an der oberen Baumgrenze. Schon Ende Februar, anfangs März blühen in sonnigen, hüben Mulden und Winkeln die ersten Frühlingsblumen, und den ersten, schüchternen Kindern Floras folgen im April in manchen Lägern die Scharen der Krokus. Von Anfang Mai bis Mitte Juli kannst Du Dich, je nach der Höhenlage, je nach Sonn- oder Schattenseite, an dem ganzen Reichtum der Blumenwelt der Voralpen erfreuen. Halten Dich Pflichten ab, regnet es trotz aller Wettervorhersage jeden Sonntag im Mai und Juni, so suche im Juli die Nord- und Nordwesthänge der Niesenkette und des Spillgertenmassivs ab, und Du erlebst noch einmal den Bergfrühling in kleinerem Rahmen, das ganze frohe Farbenspiel, das eigentlich nur kurze Zeit dauert und leider jedes Jahr nur einmal wiederkehrt. Vielleicht findest Du gar einmal Ende August oder im September in einem der hochgelegenen « Schafgungg » der Niesenkette ein kleines Zaubergärtlein, wie es Blumenfreunde im kleinen in ihrem Garten anlegen, das sie stolz Alpinum nennen. Jeder Freund der Voralpen kennt die schönen Junitage mit den grünenden Alpweiden, den rauschenden Schmelzwasserbächen, den gurgelnden und glucksenden Hüttenbrunnen, der farbensprühenden Blumenwelt, diese Tage der frohen Lebensbejahung, diese Freudensymphonie, die im Wort Bergfrühling zusammengefasst werden kann. Frohere, leuchtendere, manchmal auch feinere und zartere Farben zeigt Dir nur der Oktober mit dem Gold der Gräte, dem bunten Farbenspiel des Bergwaldes und dem Tiefblau des Himmels. Dann sind die Alpweiden verlassen, stundenlang kannst Du wandern, ohne einem Menschen zu begegnen, und Du denkst des alten Wanderkameraden, der bei dem Anblick des stillen Herbstbildes im Mäniggrund sagte: « Es ist schöner für das Auge als für das Herz eines alten Mannes. » Es gibt nur eine düstere Zeit im Pflanzenreich dort oben, das ist der Übergang von den sonnigen Herbsttagen zu den ersten schweren Regenfällen des Vorwinters, den ersten Frost-tagen — dann sterben die Blumen, die Gräser und Waldkräuter, und ganze Hänge riechen unangenehm nach Verwesung und Tod.

Viel Schönes und Unterhaltsames bieten unsere Simmentalerberge mit der Tierwelt, die viel reicher ist, als es der Alpenwanderer, der nur sonntags in die Berge zieht und meist nur Gipfel und Gräte besucht, die am Heer-wege liegen, eigentlich ahnt. Wer tiefer in die Täler eindringt, abwegige Alpen, Wälder, Tälchen oder fernere Gräte aufsucht, erlebt allerlei und beobachtet vielerlei, was andere nur in Schongebieten und Reservationen zu finden meinen. Lerne in den Spuren der winterlichen Schneedecke lesen, erfreue Dich an sonnigen Frühlingstagen an der bunten Vogelwelt, die an den Hängen scharrt, pfeift, zwitschert und schnurrt, treibe den « Sport » der erfahrenen Naturfreunde und steige vor Tagesanbruch im Frühling auf die Gräte und schaue und höre dem Balzspiel des Birkwildes zu, beobachte, wenn die Alpen noch nicht bestossen sind, das Treiben aller Tiere, und die ganze Zauberwelt von Tschudis « Tierleben », die ganze Freude und Begeisterung Deiner Bubenzeit taucht lebendig wieder aus der Erinnerung auf und wird noch einmal Wirklichkeit.

Wandere einmal früh im Jahr in den ersten Morgenstunden von Schwarzenmatt in das Klusi, steige hinauf gegen Walop! Da liegt im Waldwege das Winterhaar der Gemsen in grossen Zotteln am Boden, ausreichend für die Polsterung von Lehnstühlen für zähe Sektionspräsidenten und Delegierte, die in ihrem Amte älter werden als die Kaiseregg; da kannst Du links und rechts in Felsbändern, Flanken, Gräten und Mulden die jetzt noch wenig scheuen Grattiere beobachten. Wende einen ganzen Tag daran, steige auf den Langel, der weiten Blick in die ganze Simmentaler Bergwelt gewährt, liege stundenlang im trockenen, dürren Gras und ergötze Dich am schönsten und grössten Wilde unserer Alpen, geh hinab zu dem Pfaffenweg und erlebe, wie wir, jeden Frühling neue Überraschungen. Vielleicht passt Dir die Wanderung auf die Kaiseregg mit dem schönen Blick auf das Freiburgerland, auf Murten- und Neuenburgersee besser, und Du schliessest die leichte Überschreitung von Schaf berg und Rothenkasten an. Reizende Ausblicke, seltene Blumen und viele Tiererlebnisse werden Dir einige Schneestampferei in schattigen Löchern reichlich lohnen. Vielleicht führt Dich der Schäfer auf Langel zum Adlerhorst und berichtet Dir über das Treiben der königlichen Vögel; bedarfst Du aber näherer Angaben, so wende Dich an die Kenner des Gebietes, an die Clubfreunde der Sektion Wildhorn in Zweisimmen. Bist Du Jäger, so kann Dich irgendein einfacher Senne über Sinn oder Unsinn der Öffnung bisheriger Schongebiete belehren, und beobachtest Du die Tierwelt in den Voralpen einen ganzen Sommer lang von den ersten Frühlingstagen bis zur Brunstzeit der Gemsen im November, so kannst Du Dir selber ein Urteil bilden über unsere Naturschutzbestrebungen und über die Richtigkeit gesetzlicher Massnahmen. Erlauben uns einmal die Beschwerden des Alters ein freies Wandern über Gräte nicht mehr, so steckein wir von Schwarzenmatt nach der Klusialp und beobachten die Tierwelt, bis die Schatten in den grauen Flühen immer höher steigen, oder wir schauen die Gemsen von der Wirtschaft Thiermatti in den Felsbändern des Mäniggrates.

In allen Simmentaler Dörfern von Wimmis vor der Port bis an die Lenk, in allen Seitentälern, bei jedem Anstieg von der Simme bis zu den Vorsassen, die im Simmental Vorweiden genannt werden, findest Du die schönsten und stolzesten Holzbauten im ganzen Alpengebiet. Wenn Du Dir Zeit nimmst, das stattliche, reich verzierte Simmentalerhaus vom Keller bis zur Dachfirst näher zu betrachten, so verstehst Du das Wort von W. H. Riehl: « Die Bauart der Bauernhäuser, wo sie noch historisch und echt ist, gehört ebensogut der Kunstgeschichte als das Volkslied der Geschichte der Musik. » Doch ein einziges Bild vermag mehr zu sagen als viele Worte. Der Sammler origineller Hausinschriften findet im Simmental ein reiches Arbeitsfeld, vom Tale bis zu den obersten Sennhütten, die im Vergleich mit den armseligen Bauten in manchen Alpengebieten wahre Prachtsbauten sind und bei denen der Name Hütte eigentlich nicht mehr am Platze ist. Wer gerne mit dem SIMMENTALER BERGWELT.

Manne aus dem Volke plaudert, sieht manches, das ihm nicht gefällt, erkennt die ungünstige Bodenpreispolitik der guten Jahre, die Preistreiberei der behäbigen Unterlandbauern, die Bergweiden und Alpen überzahlten und damit jungen und strebsamen Berglern die Existenzmöglichkeit erschwerten. Der Wanderer hört vielleicht auch am Herdfeuer, wie sich seit der Erschliessung der Alpen, seit den ersten Berichten über die Bergtäler und ihre Bewohner manches geändert hat, nicht immer zum Vorteil. Es ist durchaus selbstverständlich, dass in der Heimat des Simmentaler Fleckviehs jedermann über Viehzuchtfragen, über die Wandlungen des Zuchtzieles, über die Ab- Hausgiebel auf Seibenzen. Aufgenommen von Technischen Arbeitsdienst Kanton Bern.

satzgebiete und über wirtschaftliche Schwierigkeiten erschöpfende Auskunft geben kann. Die einseitige Einstellung auf ein Erwerbsgebiet wirkt sich hier ebenso ungünstig aus wie Einseitigkeiten auf industriellen Gebieten in anderen Landesteilen, und der Clubkamerad, der andere Bergtäler mit anderer, weniger einseitiger Bewirtschaftung kennt ( vermehrter Acker- und Obstbau, Käsefabrikation, Viehmast ), kann allerlei Vergleiche ziehen. Wer Freude an interessanten Dialekten hat, die oft von Ort zu Ort wechseln, wer Sinn für Berg- und Alpnamen hat, findet hier unerschöpfliche Quellen, er braucht nicht einmal alle 102 Alpweiden, die im Gemeindegebiet von Diemtigen liegen und 6837 Hektaren umfassen, zu durchwandern, um dies ermessen zu können.

Im Diemtig- und im Fermeltale, in den hochgelegenen Dörfern unter den Alpweiden treffen wir viele verlassene Wohnhäuser. Die Besitzer haben im Tale, im Unterland oder im Ausland eine neue Existenz gefunden. Man mag sich zu der Entvölkerung der Bergtäler vom nationalen Standpunkt stellen wie man will, aber die Einstellung bleibt eine andere, je nachdem man selbst die Misthutte tagelang getragen, an « inheissen » Föhntagen Heu-burden gebuckelt, an grauen Regentagen an steilen Flanken « unbuwnes » Gras gemäht, aus den Bergwäldern das Brennholz in die obersten Alpstaffel geschleppt hat, oder ob man das theoretisch mit der Brille vom Büro aus oder von der städtischen modernen Wohnung anschaut. Wie so mancher aus der grossen C. Familie kennt die Bergwelt nur von der sportlichen und sonnigen Seite, von stiebenden Skiabfahrten, man verzichtet auf die Wanderung, wenn das Wetter nicht ganz sicher ist, und wenn es einmal schief kommt, so ist man heute mit allen Mitteln gegen Nässe und Kälte ausgerüstet. Wem hat nicht schon die letzte Frühlingsskifahrt in faulem, schwerem Schnee mit dem folgenden Abstieg in nassen, schmutzigen und glitschigen Bergweglein den Abschied vom Winterbetrieb recht leicht gemacht? Welche Last für die Bergbevölkerung, die uns willkommene grosse Schneemenge sein kann, wie lange so ein Bergfrühling 1939 mit dem Wechsel von Wärme und Frost, von Schmelzen und Gefrieren dauert, wie unangenehm Flotschschnee und Nässe sein können, vermögen nur die obersten Bergbewohner zu ermessen, denen es in einem Schlechtwettersommer jeden Monat auf das Hausdach schneit. Gewiss hat das Leben in den Bergen auch seine lichten Seiten, und manches Bäuerlein ist erst unzufrieden geworden, als das Jammern über die Not der Bergbevölkerung in Parteien und Presse zur Mode wurde. Arbeitsbeschaffung, Hauswirtschafts- und Gemüse-baukurse und Erleichterungen für die Berufslehre bedeuten eine wertvollere Hilfe als Spenden und Geschenke. Eines ist sicher, wer mit offenen Augen durch die Bergdörfer und die obersten Weiler wandert, sieht viele, ernste, tüchtige Kräfte arbeiten, und Tausende stellen sich heute wacker, die frühere, günstige Zeiten nicht miterlebt hatten.

Und noch etwas: Wir haben in den Städten Bibliotheken, Sammlungen, Konzerte, Theater und eine Fülle von Vorträgen aus allen Wissens- und Tätigkeitsgebieten, eine Veranstaltung löst selbst in Kleinstädten die andere ab. Wie wenig wird in manchen Tälern selbst in grösseren Ortschaften dem Volke geboten 1 Könnte nicht der S.A.C., der in seinen Reihen Männer aus allen Bevölkerungsschichten und allen Arbeitsgebieten aufweist, sich dieser Frage auch ein wenig annehmen und die Bestrebungen der Volkshochschule und der Wartenweilergruppen unterstützen?

Jeder Clubkamerad muss auf seinen Wanderungen im Simmental seine helle Freude an den aufgeweckten, freundlichen und hübschen Kindern haben. Die Simmentaler sind intelligent, witzig, schlagfertig. Ihr Spass und Spott ist vielleicht weniger scharf als derjenige der Frutiger und gar der Oberhasler. J. R. Wyss schreibt in Band 2 « Reise in das Berner-Oberland » 1817, der Charakter der Oberhasler gleiche demjenigen der Oberländer überhaupt, und so mögen seine Ausführungen auch für den Simmentaler Geltung haben. « Es liegt viel Schlauheit darin, und ziemlich viel Stolz, ziemlich viel Frohsinn, mit Liebe zum Gesang, auch wohl grosse Höflichkeit: Aber nicht immer die sonst belobte schweizerische Aufrichtigkeit. » Und Zehender sagt: « Durch ihren natürlichen ( oft schnippischen, und fast immer kaltblütigen ) Witz, durch ihren Geist und ihre Laune schaffen sie sich zu guten Gesellschaftern um, vor ihrem Hange aber, Fremden etwas aufzuheften, muss man sich ungemein in acht nehmen, wenn man nicht das Opfer seiner Leichtgläubigkeit werden will, indem sie sich mit so etwas belustigen wollen, einer ganzen Gesellschaft dazu der kleinste Wink hinlänglich ist. » 0b sich der Charakter der Oberländer geändert hat, seit J. R. Wyss in begeisterten Worten das Lob der Schönheiten des Oberlandes gesungen hat, kann jeder Oberländer, aber auch jeder aufmerksame Wandersmann selbst ermessen.

Der einfache Turist ist in den Voralpen überall willkommen, er macht wenig Ansprüche und hat Gelegenheit, auf dem Wege und in den Hütten das Fühlen und Denken der Bergbewohner kennen zu lernen. Da berichtete uns einst ein « gäderiges » Männlein, ein Ziegenhirt im abgelegenen Tal, von den Licht- und Schattenseiten des viel besungenen Geisshirtenlebens. Wer einen ganzen Regensommer lang immer bei guter Laune sei, wer die naschhaften Geissen immer glücklich an allen Gärten und Kabisplätzen vorbeitreiben könne, wer sie zwei Drittel der Zeit auf fremdem Boden hüten könne, ohne mit den Eigentümern in Streit zu geraten, der sei ein ganzer Geisshirt, der sei mit allen Wassern gewaschen und stelle überall seinen Mann. Etwas aus seiner Spruchweisheit:

Was dr Bock va sich sälber wis, ment er va dr Glis.

Je elter dr Bock — descht herter d' Hore.

Nume rüeig — dr Gemschbock zerscht a d'Trischte 1ah.

Nume Gedult — giht es Türli zue, giht es anders umhi uf.

Morge Ragen u Wyberweh, ist z'Mittag schoe niene meh.

Äs ischt es Säufroweli, i wot weder im Guete no im Böse öppis mit ihm z'tüe ha. Chum mer nummen gen Boltigen — i will dr de Röschti choche. ( Schläge geben. ) Auf dem Wege nach dem reizenden Fermeltal hat der Lehrer von Matten mit seinen Schulbuben Ruhebänke angebracht mit treffenden, ernsten und heiteren Inschriften, die so recht dem Volkscharakter entsprechen, ähnlich den vielen sinnigen, oft witzigen, dann wieder ernsten Hausinschriften. Gleich die erste Bank am schluchtartigen Talausgang begrüsst Dich mit folgendem Rat:

Wäg mit de Sorge!

Muesch du a Sorge Schiergar erworge, Wurf se i Bach! La dich 's net röwe, Muescht net drand chöwe, Sing du u lach!

Weiter oben spricht der Philosoph zu Dir:

Lern sie verstehen.

Hier geht vorüber Tag für Tag Gar mancher Mensch mit seiner Plag Geruhsam oder auch mit Hast. Ein jeder trägt an seiner Last, Der eine still, der andre laut, Gar selten einer aufwärts schaut, Der eine reich, der andre arm, Und alle schlecht, dass Gott erbarm. Lern sie verstehen, wie sie sind, Ein jeder ist des Hergotts Kind.

Dem Wanderer, der Sorgen und Ärger mit aus dem Tale heraufschleppt und selbst am rauschenden Bach unter den ragenden Flühen der Spillgerten noch ein « Surnibel » bleibt, gilt der bissige Spruch:

Was guggist so sur?

Hesch du öppa Pf äffer gässe? Bisch du gar i d'Nessle gsässe? Oder bisch du nuch am Zahnde? Gseesch dri, wie ne Surchrutstande! Zapf di Süri ab — i meechis — S'git e tusigs scharfa Echis. Chratziga wie Stacheldraht. Mach dr z'Nacht drvo Salat! Wenn er guete selti si, Lad mich och zum Ässe-n-i.

Spruch am Schwäfelbrünneli:

Äs schmeckt na fulen Eiere U steecht wie Schwäfel tuet. Doch für etzündet Gurgla Da isch diz Wasser guet.

Die Bergwelt des Simmentales bietet allen etwas, dem Botaniker, dem Tierfreund, dem Geologen, dem Sprachforscher, dem Historiker, dem Skifahrer, vor allem aber dem bescheidenen Wandersmann, dem Naturfreund, dem jungen wie dem alten. Für den Kletterer bieten Spillgerten, Türmlihorn, die verschiedenen Flühe ob Boltigen und die nahen Gastlosen ein reiches Feld der Tätigkeit. Wem diese Bergwelt zu harmlos, « der soll diz Land untadlet lan, Gott sines Wägs fortgahn ». Und der Simmentaler würde Dir sagen: « Es hat Dich niemand geheissen zu kommen, und wenn Dir diese Worte über die Simmentaler Bergwelt nicht passen, warum denn liesest Du sie? Sieh, wir sind mit allen zufrieden, und jeder ist uns recht, der mit der Bahn mit den schlechten Anschlüssen zu uns kommt, und der Turist, der mit dem Auto bis an das Ende eines der vielen Bergsträsschen fährt, ist uns eben so lieb wie der bescheidene Radfahrer, der die weite Strecke vom Unterland bis zu uns im Sommer und oft auch im Winter nicht scheut. » Wir schliessen im Oktober unsere Wanderungen, bevor der Winter seinen weissen Schneemantel über die Vorberge wirft, mit einer Autofahrt nach Iffigen ab. Der Reif liegt in den frühen Morgenstunden silberweiss auf den verlassenen Weiden, und der Frost hat in der Rawilwand die Bächlein in den ersten Eispanzer gehüllt. Von dem Weisshorn über der Wildstrubelhütte überschauen wir noch einmal die grauen Felsgräte, die falben Grashalden, die noch jetzt grünen Läger um die Alphütten, die dunklen Tannenwälder, das ganze stille, etwas ernste Bild dieser lieben Simmentaler Bergwelt. Dann steigen wir hinab zu Punkt 2888 und träumen stundenlang bei dem Steinmann im Anblick der Walliser Alpen. Blaue, feine Dunststreifen ziehen sich durch das weite Rhonetal etwa in der Höhe der Maiensässe, doch ist es so klar, dass wir Valére und Tourbillon in Sitten von Auge erkennen und im Zeiss den Kirchturm von Ayer im Val d' Anniviers erblicken. Zwischen dem Haupttal und den in der Sonne leuchtenden Gipfeln, in den grossen Seitentälern von Anniviers und Hérens wechseln Licht und Schatten in zauberhaftem Spiel und mit ihnen die feinen Farbentöne, und wir denken der Worte des St. Augustin: « Aller Farben Krone ist das Licht. » Die Gipfel und Gräte vom Mont Blanc bis zu der Fletschhorngruppe stehen im milden Oktoberlicht und wecken Erinnerungen an das immer so schöne Erwachen des Tages auf sommerlichen Fahrten, wenn der erste zarte Schimmer auf höchsten Gipfeln erscheint. Am gleichen Abend erzählen wir den Wanderkameraden von der Westalpenfahrt, von den stolzen Gipfeln der Tarentaise, die wir noch vor wenigen Stunden weit im Südwesten erblickten.

Lieber Clubkamerad, Du kennst die Voralpen. Du findest typische, heimatliche Gipfelformen, Gräte und Weiden, vom Appenzellerland bis in die Vorberge Savoyens und des Dauphiné. Wenn Du, gleich wie wir Thuner, das Glück hast, am Rande der Voralpen zu wohnen, so kennst Du im Vorwinter den braunen Goldschimmer an der nächsten Talöffnung unter der grauen Nebeldecke des Unterlandes; Du begrüssest die ersten Schneefälle, die das tote, fahle Gras der Vorberge zudecken; Du liebst die weichen Formen des tiefen Winterschnees, den Zauber der Winterwälder; Du erkennst die Vorboten des Frühlings in der Wärme des Märzen und April, wenn die glänzenden Schneeschilder weit in das Unterland hinausleuchten, Dich neckt das erste Grün in den Lägern der Alpweiden; Du siehst Ende Mai die grauen Rauchsäulen, wenn die Bergleute in den Vorweiden und Alpen abräumen. Du kennst das Locken und Grüssen der Voralpen zu jeder Jahreszeit, und darum ist Dein Urteil über meine Plauderei über die Simmentaler Bergwelt ein verstehendes und mildes, und Du nimmst den Faden auf, den ich Dir reiche, und spinnst ihn weiter zu einem kleinen Lob der Voralpen.

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