Sinn und Deutung des Bergsteigens

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

VON ALFRED GRABER, MUZZANO

Vorwort Wir haben unseren Lesern bereits mehrere Betrachtungen über das Bergsteigen und dessen Sinn vorgelegt, so - um nur einzelne herauszugreifen - in « Die Alpen » 1966, S.12: « Die Mördergrube » von R. Neher; S.15: « Gedanken zum Thema Bergsteigen » von S. Walther; S.19: « Bergsteigen und Öffentlichkeit » von K. Greitbauer; S. 25: « Zum Erlebnis des Bergsteigens » von K. Schaefer.

Es sind dies letzlich alles Versuche zu ergründen, was den Menschen in die Höhen unserer Berge lockt, Fragen, die sich wohl jeder einzelne Bergsteiger selber stellen und beantworten kann, im Bewusstsein allerdings, dass es sich dabei um seine ganz persönliche Haltung handelt, die für seinen Bergkameraden vielleicht zutrifft, vielleicht auch nicht. Denn wenn er sich etwas umschaut, wird er schon aus der Art und Weise, wie diese Tätigkeit ausgeübt wird, erkennen, dass ihr verschiedene Motive zugrunde liegen.

Da es nun glücklicherweise in der Natur des Menschen liegt, dass er nicht nur über materielle Dinge nachzudenken pflegt, sondern auch den Beweggründen seines spontanen Handelns und seiner Triebe nachspürt, also äusserlich wie innerlich eine gewisse Ordnung zu schaffen sucht, scheint es uns angebracht, dass wir von Zeit zu Zeit jenen Bergfreunden Platz einräumen, die -jeder auf seine Weise - den Blick auch in die « Tiefe » richten.

Alfred Graber, den unsere Leser sicher nicht nur aus den « Alpen » kennen, behandelt das Thema « Sinn und Deutung des Bergsteigens », um allgemeinverständlich zu bleiben, etwas weniger theoretisch und abstrakt. ( Red. ) Die Frage, was einen Menschen freiwillig, ohne äusseren Zwang, in die Unwirtlichkeit von Fels und Eis hinauftreibe, ist schon oft gestellt und auf verschiedenartigste Weise beantwortet worden, angefangen bei naiven Äusserungen « Weil's mich freut » oder « Um die Aussicht zu bewundern » bis zu eingehenden philosophisch untermauerten Betrachtungen.

Aber ist es letztlich nicht ein eitles Unterfangen, einem Nichtberufenen zu erklären, weshalb einer Ungemach, Mühsal und Gefahr der Berge auf sich nimmt? Joseph Conrad, der Seefahrer und Schriftsteller, formuliert klar und eindeutig, dass man sich stets nur seinen Freunden, also seinen Gesinnungsgenossen, überzeugend mitteilen könne.

Versuchen wir hier dennoch, selbst wider besseres Wissen, eine Deutung der Motive des Bergsteigens zu geben! Um diesen « Sinn« verständlich zu machen, ist es notwendig, die Entwicklung des Alpinismus bis in unsere Tage mit wenigen Worten darzulegen.

Während noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Berge gemeinhin als ein Ort des Schreckens betrachtet wurden ( im Gegensatz zum klassischen Altertum, das sie zu geheiligten Wohnsitzen seiner Götter erkor ), gab es doch schon in früheren Jahrhunderten einige wenige, die sich positiv mit den Bergen befassten; einer der ersten unter ihnen war Francesco Petrarca ( von den Bergsteigern als Stammvater des Alpinismus angesehen ). 1332 schreibt er: « Den höchsten Berg unserer Gegend, der nicht Unverdientermassen der Windige ( Mont Ventoux in der Provence ) genannt wird, habe ich gestern bestiegen, lediglich aus dem Verlangen, die namhafte Höhe des Ortes kennenzulernen. » Petrarca erklomm also, ohne irgendeinen praktischen Zweck damit zu verbinden, einen Berg. Noch deutlicher spricht sich der Zürcher Gelehrte Conrad Gesner ( 1541 ) aus: « Ich habe mir vorgenommen, fortan, solange mir Gott das Leben gibt, jährlich mehrere oder wenigstens einen Berg zu besteigen, wenn die Pflanzen in Blüte sind, teils um diese kennenzulernen, teils um den Körper auf eine ehrenwerte Weise zu üben und den Geist zu ergötzen. » Doch eine solche Einstellung blieb vereinzelt, die Bergliebe brach sich noch keine Bahn. So bevölkern sogar Gelehrte wie Johann Jakob Scheuchzer ( 1672-1733 ) die Berge immer noch mit Drachen, deren Vorkommen sie sich durch « Vertrauensmänner » belegen lassen. Die grosse Wende kam erst durch Jean-Jacques Rousseau ( 1712-1778 ), der die Rückkehr zur Natur predigte. Langsam wurden nun den Menschen die Augen aufgetan, erst für die Schönheit der Berglandschaft, deren Spitzen sie von unten bewunderten, ohne zunächst an ihre Besteigung zu denken. In dem 1760 von Sigmund Grüner veröffentlichten Werk « Die Eisgebirge des Schweizerlandes » wird noch die Ansicht von der Unerreichbarkeit der höchsten Alpengipfel verfochten. Wir lesen etwa: « Die Spitze des Mont Mallet und des Montblanc sind vollkommen unersteiglich, sowohl wegen dem Eise, so ihre ganzen Flanken bedeckt, als wegen ihrer steilen Wände. » Doch schon im gleichen Jahre war einer am Werk, die schöngeistigen Thesen Rousseaus in die Tat umzusetzen: Horace-Bénédicte de Saussure, der Genfer Naturforscher. Und wenn er den Mont Blanc auch nicht als erster erreichte, war er doch der unmittelbare Ansporn zu seiner Ersteigung, die 1786 Jacques Balmat und dem Arzt Michel Paccard aus Chamonix gelang. Damit war der Bann gebrochen, und es kam das Zeitalter der Wissenschaftler, die aus Wissensdrang die Alpengipfel zu bezwingen begannen. Mit der Matterhorn- besteigung Whympers im Jahre 1865 nahm diese Epoche ihr Ende, und es setzte der Ansturm auf die Alpenberge schlechthin ein, bis kein einziger mehr unerstiegen blieb, und nicht nur das, die Gipfel wurden nun auch von verschiedenen Seiten, nicht nur von der zugänglichsten, erklommen Dieses Zeitalter der Eroberung endete mit der Bezwingung der drei grossen Nordwände: des Matterhorns, der Grandes Jorasses und des Eigers. So erscheinen mir die drei Daten: 1786 Mont Blanc, 1865 Matterhorn, 1938 Eigernordwand als symptomatisch für die äussere und innere Entwicklung des Alpinismus. Die Wandlung des Menschen in seiner Einstellung gegenüber dem Berg in diesen 150 Jahren ist grundlegend. Während der Mont Blanc im Namen der Wissenschaft angegangen wird, erfolgt der Ansturm auf die Eigernordwand aus sportlichem, ja kämpferischem Ehrgeiz, wobei der « Leistungsalpinismus » die Grenze des absolut Menschenmöglichen abtastet.

Damit sind wir bei der Frage angelangt, ob man den Alpinismus, wie er heute betrieben wird, in die Sportarten einreihen soll. Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, soviel aber ist gewiss, dass die Jugend unserer Tage im Bergsteigen zweifellos ein betont sportliches Element sieht. Freilich fehlen dabei einige Momente, die den Sport charakterisieren, so etwa die anspornende Zuschauermenge ( man kann bestenfalls durchs Teleskop zusehen, wie etwa beim Eiger ), und auch der unmittelbare, zeitlich übereinstimmende Zweikampf ist kaum möglich, da ein gleichzeitiges Klettern nur sehr selten in Frage kommt. Doch kann man immerhin die Zeiten, die man zur Besteigung benötigt hat, vergleichen. Eine solche Berechnung weist jedoch grobe Fehlerquellen auf, da der Berg wohl von jedem Besteiger in einem andern Zustand angetroffen wird ( Vereisung, Wetter, Jahreszeit usw. ). Auch wird ein Erstbegeher seine neue, ihm gänzlich unbekannte Route erst abtasten müssen und dazu mehr Zeit benötigen als die Nachfolger, die aus seiner Schilderung Nutzen ziehen können. Der Italiener Domenico Rudatis ( « Das Letzte im Fels » ) hat die Kletterrouten in sechs Schwierigkeitsgrade eingeteilt: « Für den modernen Kletterer bedeutet ,sechster Grad' so viel wie .äusserst schwierig Die Bewertung einer Kletterei, und damit auch eines sechsten Grades, muss erfolgen aus der zusammenfassenden Betrachtung der technischen Schwierigkeit der einzelnen Stellen, der Steilheit, der Ausgesetztheit, der Länge und - in bedingtem Masse - der Schwierigkeit des Zurechtfindens. » Rudatis'systematische Einteilung hat sich weitgehend eingebürgert. Vielleicht sollte die Zukunft aber auch festlegen, ob und in welchem Masse künstliche Hilfsmittel verwendet werden dürfen. Denn dass man sich etwa die ganze Nordwand der Grossen Zinne in den Dolomiten hinaufmauert, das hat doch wohl selbst mit Sport herzlich wenig zu schaffen, ebensowenig wie eine kriegerische Einstellung zu den Bergen, wie sie sich im Deutschland der dreissiger Jahre als « Alpinismus - der heldische Sport » äusserte.

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte beweist also, dass das Bergsteigen für manche zur rein sportlichen Betätigung geworden ist und damit an die Zeitspanne gebunden, in der man sportlich « in Form » ist. Was aber bleibt solchen Bergsteigern nachher? Wer in den Bergen Klettergerüste gesehen hat, der wird ihnen, wenn die Zeit seiner höchsten Leistungsfähigkeit vorbei ist, den Rücken kehren - es sei denn, er wäre im Laufe der Jahre doch noch von wahrer Bergleidenschaft ergriffen worden. Denn die Berge können ihm weit mehr geben, und wer in ihnen nur knifflige Probleme sieht, der hat das Beste nicht erlebt, was sie ihm schenken, wenn er ihnen mit dem heiligen Feuer der Begeisterung naht, berückt von jener Verlockung, die ihn immer wieder in den Bereich von Mühsal und Gefahr, aber auch von Frieden und Erfüllung zieht.

Stellen wir die Frage anders: Sucht der Grossteil der Jugend die Berge in erster Linie aus rein sportlichen Motiven auf? Die Frage stellen heisst sie verneinen. Stärker als der sportliche Ehrgeiz zeigt sich beim jungen Bergsteiger die Freude am Abenteuer schlechthin, am Vagabundieren. Man will sich aus der Welt der Vorschriften und Beengungen befreien, man sucht die Bestätigung des eigenen Wertes, die man in jungen Jahren im Berufsleben oft noch nicht finden kann. Man sieht, dass hier oben « Geld und Gut » nichts helfen, dass ein jeder vor dem Berge gleich ist, nur auf sich allein und sein Können angewiesen; man hat die Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entfalten und etwas Aussergewöhnliches zu leisten.

Welche Ziele aber, wird sich der junge Bergsteiger fragen, können sich mir in den Alpen noch bieten, da doch jede Zacke schon bestiegen worden ist, und dazu meist schon von allen Seiten? Die Alpen sind erschlossen, es bleibt nichts « Neues » mehr zu tun, und nur Auserwählten winkt die Möglichkeit, sich in aussereuropäischen Gebirgen als Pioniere zu betätigen.

Sind aber wirklich unerstiegene Wände zu unserem Glück notwendig? Gewiss nicht! Denn immer noch - und solange Berge bestiegen werden, wird es nicht anders sein - erwartet uns dort oben das Abenteuer der Seele und des Körpers. Jede Wand und jeder Grat, die wir zum ersten Male angehen, sind für uns selbst so neu wie für ihren ersten Bezwinger. Und obwohl uns die Orientierung durch Kartenmaterial, Literatur und Vorgänger gewiss erleichtert wird, muss doch der Berg von uns neu erobert werden, denn der Lebendige, ewig Veränderliche lässt sich nicht durch Schilderungen in Fesseln schlagen. Mit der Jahreszeit und mit dem Wetter wechselt er sein Gesicht, und wo einer trockenem Fels begegnet, wird der Nachfolger vereiste Griffe und blankes Eis antreffen.

Entscheidend ist einzig unsere Erlebnisfähigkeit. Denn die Grosse und Nachhaltigkeit unserer Eindrücke hängt nicht in erster Linie von den Schwierigkeiten und Gefahren ab, die uns entgegentreten und die wir zu überwinden trachten, sondern von unserer seelischen Bereitschaft und Empfänglichkeit. « Ein Spiegel ist die Welt der Berge, der jedem die eigene Armut, den eigenen Reichtum zeigt. Was du hinauf in die Berge trägst, die Berge geben es dir getreulich zurück. Was du im Leben verloren, gibt dir die leuchtendste Spitze nicht wieder. Alles Glück aus den Bergen ist unser eigenes Glück, aller Trost der Berge ist unseres eigenen Geistes Trost » ( Oskar Erich Meyer ). So bedeutet dem echten Bergsteiger die Durchkletterung einer Wand oft weniger als eine Stunde innerer Erkenntnis, die ihm von den Bergen geschenkt wird.

Wie also ist das Erlebnis beschaffen, um dessentwillen wir nicht davor zurückscheuen, dem zu begegnen, was uns dort oben mit Absturz, Steinschlag, Verirren, Schneesturm oder Erfrieren bedroht? Ist der Gewinn, den wir dabei empfinden, das Abenteuer wert? Gibt es überhaupt eine einigermassen befriedigende Antwort auf die Frage, warum wir bergsteigen? Versuchen wir in wenigen Worten eine Deutung:

Wir freuen uns an unserer Leistung, an der Besiegung der Schwierigkeiten, an unserem Spürsinn, an der Überwindung der Angst, an all den Ausblicken, die uns die Ursprünglichkeit einer ungefesselten Welt schenkt. Wir erleben die Gottnähe im Niemandsland zwischen Himmel und Erde. Und wenn wir in der Erfüllung kurzer Gipfelaugenblicke glauben, die Lösung der Welträtsel in der Hand zu halten, so ist auch dies ein Geschenk, wenn es auch der flüchtigen Seifenblase gleicht, die gleich wieder zerplatzen muss. Aber wonach greifen wir denn hienieden, was uns nicht wie Sand durch die Finger rinnt?

Leo Maduschka, der Frühvollendete, der an der Schwelle des Beginns des extremen Alpinismus in den Wänden der Civetta den Bergsteigertod fand, weist in seiner grundlegenden Betrachtung « Bergsteigen als romantische Lebensform » ( im Buch « Junger Mensch im Gebirg » ) auf die enge Verbindung zwischen Bergsteigen und Wandern in jeder Form hin: « Wanderer ist er, gleich, ob er wochenlang durch endlose Wälder streift, einsam über kahle Pampas reitet, den Elch jagt oder die Südsee durchsegelt, ob er auf dem Ski, in Rennwagen und Flugzeug seinem eigenen, ruhelosen Herzen nachjagt oder ob er sich aus immer neuen Wänden, von immer neuen Gipfeln mit Ham- mer und Pickel das grosse Erlebnis herabholt. Gleichgültig ist die Form, im Grunde gehorchen sie alle nur dem Gesetz ihres Blutes... » Bergsteigen ist also Wandern mit gesteigerten inneren und äusseren Eindrücken. Wir sind in den Bergen auf der Suche nach einer unteilbaren, harmonischen Welt, in der wir das Ur-Erlebnis des Abenteuers am Wege zu finden hoffen, denn nicht der Gipfel, der Weg zu ihm ist unser Ziel, « tiefer wissend, dass man nirgends bleibt » ( Rilke ). Dieser wundersame Weg aber ist es, um dessentwillen wir so oft den sicheren Boden verlassen, um als « Eroberer des Nutzlosen » ( Lionel Terray ) zu kämpfen, nicht zuletzt aber auch, um uns Symbole und Erinnerungen zu schaffen, die in dunklen Stunden tröstlich um uns sein sollen.

Immer erneut erfüllt von den Bergen und niemals ganz von ihnen entlassen, erobern wir uns in « Tat und Traum » das Erlebnis der grossen Höhen ohne Überheblichkeit den Menschen gegenüber, die ihre begnadeten Stunden nicht auf den Gipfeln suchen. Bergsteiger sein ist kein Privileg, und wer nicht im Leben aller Tage zu einem Augenblick der Ekstase erhoben wird, der wird ihn auch in den Bergen nicht finden.

Henry Hoek, einer der weltoffensten und gescheitesten Wanderer, äussert sich mit ironischer Überlegenheit zum Thema Mensch und Berg:

« Die Schönheit der Berge... Kennst du die Berge, so denkst du an die köstlichsten Stunden zurück, die dir das Leben gab.

Die Schönheit der Berge... Ein für allemal bleibt sie unerklärlich dem, der sie nicht erlebt hat.

Du kennst sie? So bist du begnadet. Und spotten kannst du des Mannes, der darüber redet oder schreibt. »

Feedback