Skizzen aus dem Clubgebiet

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Von Prof. Schiess-Gemuseus ( Section Basel ).

Skizzen aus dem Clubgebiet I. Lötschenlücke and Lötschthal.

Wir stehen eben auf dem Sattel der Lötschenlücke, vor uns das lange Thal, 3 Stunden Gletscher, 3 Stunden eine bebaute Gegend und 3 Stunden eine wilde Enge; hier oben scheint es, als ob die drei Rothhörner das Thal abschlössen; in unmittelbarer Nähe senkt sich die sanfte Mulde des hier völlig spaltenlosen Gletschers, auf dem wir spazierend den Thalboden zu erreichen gedenken Einstweilen aber wird Halt gemacht nach dreistündigem Marsch, der uns am 6. August 1882 von der Concordiahütte am Faulberg, die uns freundliche Herberge gewährt, hieher gebracht. Ein prachtvoller Morgen! Wäre nicht die schändliche Bergkrankheit dazwischen gekommen, so hätten wir uns heute beim schönsten und gangbarsten Schnee vom Jungfraugipfel aus die Welt betrachtet.

Wie schön ist 's doch an einem solchen stillen Morgen! wenn nur die Umgebung auch immer dazu hülfe, diese Stimmung festzuhalten; aber der scharfe Wind ( Temperatur 8 Uhr Morgens 0,5 ° E. ), der mein Thermometer auf glatter Firnfläche schütten führte, und der üble Zustand, in welchen die Bergkrankheit* ) einerseits und die Mahnung der Führer andererseits, Etwas zu genießen, meinen Gefährten, Herrn C. Lüscher, versetzte, riefen zur Wirklichkeit zurück.

Steil und unheimlich steigen links die nur theilweise schneebedeckten Felswände des Distelhorns und des Schneehorns empor; sie sind noch in kalte Schatten getaucht, während rechts ein Lichtmeer über die schönen Kuppen des Mittaghorns, Großhorns und Breithorns sich ergießt, von denen mächtige und höchst zerklüftete Gletscher hernieder hangen, um sich zu dem langen Eisstrome des Lötschengletschers zu gesellen. Wenden wir uns rückwärts, so haben wir links die verschiedenen Felszacken des Ahnengrats und die Südostwand des Lauterbrunnenthals; gerade aus schließt das Finsteraarhorn das Panorama ab. Während vom Fels unten an der Concordiahütte die Steigung bis zur Lötschenlücke eine fast unmerkliche und erst in der letzten halben Stunde etwas erheblichere ist, ( beim Faulberg 2790 m, Lötschenlücke 3204 m, 3 Stunden Marschzeit ), fällt nach der Lötschthalseite der Firn anfangs in mäßiger Curve, um dann weiter unten auf einmal recht steil zu werden und sich auch ganz erheb- unterworfen, schreibt dieselbe, die ihn vom Kalli über 's Möncbjoch zur Concordiahütte und bis Lötsehen begleitete, dem mehrwöehentlichen vorherigen Schlafen in einem Zimmer mit arsenikhaltigen Tapeten zu.

lieh in zur Thalebene sowohl parallel als senkrecht streichende Spalten zu werfen. Sehr wohl begreift man, daß in diesem Spaltengewirre der junge nicht angebundene Siegen elendiglich zu Grunde gegangen ( siehe Itinerar pag. 174 ); weniger begreiflich erscheint es, wie Leute ohne Führer Spaziergänge von Ried nach Eggischhorn über die Lötschenlücke machen, wie mir das von zuverlässiger Seite von einem Herrn und einer Dame vom Jahre 1881 erzählt worden ist.

Wir hielten uns zunächst an die linke Thalseite, wo in unzähligen Spalten der Bergschrund sich abwärts zieht und die Firnfelder zum Theil recht steil abfallend an den Felsrücken kleben. Es war noch früh am Tage, so daß von Steinschlägen wenig zu befürchten, sonst hätte ich noch ernstlicher darauf gedrungen, daß wir mehr in der Gletschermitte, hin und her lavirend, uns vorwärts bewegen. Es erhob sich deßhalb ein kleiner Streit unter den Führern über den Weg und unsere Meinung gab schließlich den Ausschlag. Der Gletscher war gänzlich aber, so daß man alle Spalten aufs Beste erkannte und mit einiger Hackarbeit, auf und ab steigend, auch ohne Gefährde, aber etwas langsam, vorwärts kam. Von rechts her schickt das Großhorn eine steile Felsbastion in die Flanken des Lötschengletschers; früher war 's eine Felseninsel, westlich vom Jägifirn umspült; derselbe hat sich nun beträchtlich zurückgezogen, wie auch der gegenüberliegende Distelgletscher; früher waren die drei Gletscher gegen die Mündung des Hauptgletscherstroms vereinigt. Die Dufourkarte zeichnet sie noch in ihren untern Zungen confluirend; wenn die Abschmelzung noch ferner so fort geht, so werden noch manche Gletscherfelder in einzelne „ membra disjecta " sich spalten. Wir verlassen die schmale Gletscherzunge, um auf die rechtseitige Moräne zu steigen. Etwas weiter unten, nachdem wir über steinige Alpen gegangen, lagerten wir uns im Schatten eines kleinen Felsgrates; unser Tagewerk war der Hauptsache nach vollendet: vor uns sahen wir im Thalgrunde Platten und Ried. Bald nachher erreichten wir den Guggistafel, wo uns ein Hund mit lautem Bellen empfing. Wir hörten erst später, daß er der einzige seiner Art neben dem Httnd-lein des Herrn Rector Brantschen in Kippel in der ganzen Thalschaft sei.

Von rechts her öffnen sich nun einige schluchtenartige Thäler, Inner- und Außer-Pfafflerthal5 hoch oben sieht man überall den Firnmantel in gleichmäßiger Verticalerhebung über dem Thal, der unter dem Namen Petersgrat oder Lötschthalgrat die Lötschen-gratkette tiberdeckt und sich nordwestlich zur Blümlisalpkette niedersenkt. Im Hinuntergehen hatten wir nacheinander Mittagjoch, Schmadrijoch und Wetterlücke mehr oder weniger verfolgen können.

Im Gletscherstafel erreicht man die oberste Terrasse des eigentlichen Thales; hier windet sich die Lonza zwischen zwei steilen Felsbändern durch, die beide mit schönen alten Lärchen, von theilweise ganz bizarren Formationen, bestanden sind. Von hier gehts immer mehr dem Fluß, der schon eine recht stattliche Breite besitzt, entlang. Die kleinen Weiler Eisten, das unter dem brausenden Tellibach an den Berg angeklebt ist, mit weißem Kapellchen, und das größere Platten liegen rechts vom Thalwasser. Am letztern Orte fanden wir einige Männer im Sonntagsstaat vor der stattlichen, neu hergerichteten Kirche, mit der sie nicht ganz zufrieden sind; ein fremder Ingenieur habe den Plan gemacht und sie haben zahlen dürfen. Wir labten uns an dem köstlichen Wasser des Dorfbrunnens, der künftig bei jeder Passage von uns benutzt wurde. Beim Niedersteigen in 's Thal war uns die Sonne nach und nach recht empfindlich geworden. Unsere drei Mannen waren voraus; wir schlenderten gemüthlich nach in der Erwartung, an Platz werde es uns im Hotel Nesthorn nicht fehlen. Wir fanden aber ein sehr reges Leben; am andern Tage sollte den Schafen auf den umliegenden Alpen das Salz gebracht werden, was mehreremale im Sommer geschieht. Die jungen Bursche steckten unten theils in der Küche und theils in der Führerstube und auch im obern Stock war Alles voll. In einem kleinen Zimmerchen, das kaum Platz für eine Person bot, mußte noch am Boden ein Lager aufgeschlagen werden für einen von uns beiden; das Unerhörte war geschehen: eine Lyonerfamilie mit handschuhtragenden Töchtern hatte sich als Pension-naires hier installirt; dazu noch zwei Maler, der vorzügliche Kenner der Alpen Rev. Mr. Coolidge und ein Deutscher, der schon Wochen hier zugebracht und Land und Leute trefflich kannte; außerdem seien zwei Herren aufs Bietschhorn und werden Morgen Abend wiederkehren. Also eigentlich nur per nefas fanden wir Platz und in der Concordiahütte, wo wir zwei Herren ungestört im Alleinbesitz schwelgten, war 's weit behaglicher gewesen. Doch nein, während mein Begleiter dort von der Bergkrankheit unmenschlich geplagt war, während er bis zum Hôtel sich noch miserabel gefühlt, brachte ihn eine gute Tasse Bouillon und später ein gutes Dîner wieder völlig in 's Geleise, wozu dann der gute Schlaf in der kommenden Nacht das Uebrige that.

Theils in angenehmer Unterhaltung mit unserer Gesellschaft, theils in behaglichem „ far niente " vor der Thür des Hotels zum Nesthorn, wo der alte Siegen mit seinem mächtigen Kellerschlüssel aus dem benachbarten Speicher eine Flasche nach der andern für die jungen Leute holte, verstrich uns die Zeit rasch und das Hereinbrechen der Nacht ließ uns den 6. August zu kurz erscheinen. Am andern Tage machte ich eine kleine Excursion auf eigene Faust zum Spalihorn, diesem merkwürdigen gespaltenen Fels, der als Curiosität ersten Ranges von den Touristen-schwärmen künftiger Zeiten wird besucht werden. Dann mag auch das neue Lötschthalhotel oben in Weißenried aufgebaut werden und nicht an der jetzigen Stelle unten in der Nähe der Lonza, wo man vor sich die trostlose schlecht überwachsene Rufe hat und sich eineu Genickkrampf zuzieht beim Betrachten des Bietschhornes. Herr Fellenberg hat in seinem vortrefflichen Itinerar und im Jahrbuch des S.A.C.J.ahrgang XIV dieses Naturspiel ausführlich beschrieben. Ich stieg noch weiter nach dem Stühlihorn empor; überall von den Hängen des Tellihorns bis zum Hockenhorn hat man eine wunderbar schöne Ansicht des ganzen Bietsch- hornmassivs oder der Bietschhornkette. Die Hänge der südöstlichen Thalwand sind bis auf eine gewisse Höhe von dichtem Tannen- und Lärchenwald bestanden, während auf der nordwestlichen Seite die Lärche mehr vorherrscht und wohl gewässerte Wiesen an die unten zerstreuten Ackerfelder sich anschließen und sich weit bis zu den Alpen empor erstrecken; ebenes Land existirt nicht im Lötschthal; mühsam erwehrt sich hier der Mensch der Lawinen, der Steinschläge und der verheerenden, Schlamm und Steine über mühsam errungene Matten fortführenden Gletscherbäche. Es ist freilich eine spärliche Bevölkerung von etwa 1000 Bewohnern nur, die von Ferden bis zum Gletscherstafel hinauf den steilen Berghalden ihren Unterhalt abgewinnt. Die Bevölkerung ist bis zum Jahre 1790 den fünf oberen Zehnten unterthan gewesen und hat sich dann um 1000 Thaler losgekauft; nachher wären sie von selbst frei geworden.

Nachmittags bummelten wir ein wenig nach Kippel hinaus und machten bei Herrn Rector Brantschen, der uns sehr freundlich empfing, einen Besuch. Er berichtete von den Nesthornbesteigern, die man heute ganz oben gesehen, es waren die Herren Schweizer und Gröbli von Zürich. Allgemein wird im Thale noch das Bietschhorn Nesthorn genannt. Ungeduldig betrachtete Uns bei der Rückkehr in Ried ein kleiner spanischer Tourist, der schon längst seine Unzufriedenheit darüber ausgedrückt, daß statt um 6 Uhr erst um halb 7 Uhr dinirt wurde; er wollte am andern Tag über den Petersgrat und gedachte sich früh zu legen. Aber heute vermehrten ja die rückkehrenden Bietschhornbesteiger das Personal, und der Speisesaal, der zugleich Salon und Rauchzimmer, sollte heute auch noch als Schlafzimmer dienen. Endlich erschienen sie, die Erfolgreichen, und ernteten den wohl verdienten Beifall. Alle waren vergnügt, nur der Spanier verharrte in mürrischem Schwelgen; die gute Wirthin hatte viele Noth mit ihm; aus dem Hause und aufs Heu wollte er nicht und im Salon gefiel 's ihm auch nicht; er soll sogar prätendirt haben, daß die Übrige Gesellschaft gleich nach dem Nachtessen sich in 's Bett verfüge, resp. den Speisesaal, die einzige gemeinschaftliche Räumlichkeit, verlasse. Mit vieler Geduld wurde dieser Sohn Andalusiens von Frau Lehner behandelt; uns schien es, mit zu vieler.

Für den morgenden Tag waren im Hotel zu Kied große Pläne geschmiedet worden; der Spanier wollte der unwirthlichen Gegend über den Petersgrat entfliehen; Herr Coolidge hatte im Sinne, das Lauter-brunner- Breithorn zu besteigen und uns schwebte das große Nesthorn vor, entweder direct oder auf der Rückkehr von Bellalp. Die gewöhnliche Route der Touristen, die das Lötschthal besuchen, ist über den Petersgrat herein, über den Beichgrat oder seltener über die Lötschthallüeke hinaus.

IL Beichgrat und Nesthorn.

Das Wetter war schön am 8. August und gemeinschaftlich mit Herrn Coolidge brachen wir um 3 Uhr 10 Minuten auf; Herr Coolidge hatte die beiden Almer als Führer; wir Fritz Fuchs, Jos. Maria Tresch und Graf als Träger. Im schönsten Frühlichte wanderten wir munter das Thal hinauf, den schlechten Steinweg über die Matten kürzend; in I1/a Stunden hatten wir den Gletscherstafel erreicht, wo unsere Gefährten, die heute Abend hieher zurückkehren wollten, einen Theil ihres Ballastes zurück ließen. Man wünschte sich gegenseitig Glück auf den Weg. Wir überschritten die Lonza und kamen über ein mittelgroßes, altes Seebecken, das uns durch moorige Stellen außer seiner topfebenen Fläche über seinen Charakter Auskunft gab; dann über Geröll und den Gletscherbach, der vom Distelgletscher herabstürzt. Nun längere Zeit durch wüsten Schutt und grobes Steingeröll, mühsam und steil aufwärts, bis man auf eine magere Schafalp gelangt, nach Südosten durch einen steilen Abgrund abgegränzt, in dessen Tiefe man den obern Theil des Distelgletschers erblickt. An dieser Kante stiegen wir empor, da wir vorzogen, nicht auf den hartgefrorenen Gletscher hinunter zu steigen; um 3 Uhr 10 Minuten waren wir abmarschirt, 4 Uhr 40 Minuten am Gletscherstafel gewesen und 6 Uhr 45 Minuten machten wir einen kleinen Halt bis 7 Uhr. Wir waren noch im Schatten; gegenüber in vollem Lichte der Lötschengrat mit seinem mächtigen Firnmantel, dann gerade gegenüber das schöne Tschingelhorn, Breithorn, Großhorn, weiter links Balmhorn und Rinderhorn.

Doch nun fängt der mühsamere Theil an, über morsche Felsen und verwitterte Gräte geht 's steil aufwärts; es ist eine Art secundären Grats, der vom Beichgrat sich abspaltet; um 7 Uhr 45 Min. traf uns der erste Strahl der Sonne; weiter oben kamen einige steile Schneefelder, die wir im Zickzack erklommen; höher mußte unter einem schmalen Grätlein auf wenig Schnee traversirt werden; um 9 Uhr 20 Min. waren wir auf der Höhe des Beichgrates, also seines tiefsten Theiles, wo die Felsen nur schwach aus dem Firn emporragen; wir sind 3120™ hoch; gerade aus zieht sich der Grat zum Schienhorn hin; hinter uns liegen die überkletterten Beichflühe, unmittelbar zu unsern Füßen dehnt sich die Mulde des Beichfirns, ein stattliches Gletscherfeld, das weiter unten zur Ebene sich ausflacht, rechts sich in dem Breithorngletscher fortsetzt, der an steile Felswände sich anlehnt, die allmälig zum Lötschthaler Breithorn sich emporheben. Quid faciendum? Es ist 9 Uhr 20 Min.; wir sinken schon tief in den sonnedurchdrungenen Schnee. Wollen wir heute noch den Angriff auf 's Nesthorn versuchen, wollen wir direct abwärts und nach Bellalp? Jedenfalls wollen wir einmal rechts hinüber über mäßig steiles Gletschergebiet, ohne erhebliche Spalten gegen den Fuß des Nesthorns, das sich in strahlender Pracht gerade vor uns aufstellt, als wollte es uns herausfordern. Um 10V2 Uhr sind wir drüben; jetzt nochmals ernstliche Erwägung; bei dem weichen Schnee und der schon etwas vorgerückten Tageszeit ent-schßeßen wir uns, links abzuschwenken, nachdem die vier verschiedenen Couloirs, die gegen den Kamm hinauffuhren, der die erste Stufe zur Ersteigung des Nesthorns bildet, in kritische Betrachtung genommen und von den verschiedenen Führern pro und contra plaidirt worden. Nur ungern stiegen wir zur Firnebene hinunter, die als Basis für den Aufbau des Zwillingsberges dient, den wir gerne heute erobert hätten. Mächtige Steinblöcke zeugten von der fortschreitenden Abbröckelung des Gebirges; weiter unten gelangten wir auf eine Mittelmoräne des Beichfims, die sich erheblich weiter westwärts erstreckt, als die Uebersichtskarte dieß angibt. Man schreitet auf dem Firnbecken des Beichfirns mit wenig Gefall abwärts, immer am Fuß des zweigipfligen Nesthorns, das nach dieser Seite als Felsberg emporragt und weiter unten seinen Nordostkamm in merkwürdiger Gliederung in drei fast gleich große Aeste spaltet, wie ein schönes, gefiedertes Blatt, die Blattnerven mächtige Felskämme, das Blattgewebe kleine Firnfelder darstellend.

Wir befinden uns südlich von dem mächtigen Firn*-becken des großen Aletschfirns, der das Centrum eines der größten Gletschergebiete Mitteleuropas bildet und dessen südliche Grenzbastion das Aletschhorn ist, das uns von links her den gewaltigen Gletscherstrom des oberen Aletschgletschers zusendet. Aus dem ansehnlichen Bassin, dessen Ausgangspforten rechts vom Thorberg, links von den Fußhörnern flankirt sind, drängt er sich gegen den erstarrten Strom des Beich-flrns, eine mächtige Moräne mit sich tragend, und noch eine starke Stunde schreiten wir rüstig weiter, bis die Bahn enger wird und wir auf die rechte, ungeheuer zerrissene Seitenmoräne gelangen, die sich steil gegen die Felstrümmer, die vom Sparrenhorn im Laufe der Jahre heruntergekommen, hinanzieht. Tresch und Graf hatten sich da hinaufgezogen. Thörichter Weise folgten wir ihrem Beispiele; bald auf-, bald abwärts ging 's in mühsamem, zeitraubendem Klettern Über weichende Steintrümmer; weiter unten stießen wir in 10 Minuten breiter Moräne wieder auf schmutziges Eis und colossale Spalten, die umgangen werden mußten, und der hübsche Eeitweg, der an der Moräne beginnen und nach Bellalp führen sollte, wollte sich noch immer nicht zeigen; 2 Va Stunden schon waren wir scharf marschirt; es war 1 Uhr geworden, bis endlich festeres Terrain, ebenfalls noch alter Moränenschutt, aber im Laufe der Zeit solid auf einander gebacken, erreicht ward. Links ragten die zerklüfteten und grotesk über einander gestapelten Eistrümmer der Endzunge des Gletschers über uns empor; weiter unten schauen seitlich noch einzelne gigantische Steinwürfel und Pyramiden aus dem minderen Geschlecht chaotisch zerriebener Steintrümmer hervor; auch sie werden unter der nivellirenden Macht der Zeit in Jahrhunderten verschwinden, und während man jetzt, wenige Minuten nach Verlassung der Moräne auf gutem Zickzackwege durch schöne, üppige Alpenweiden schreitend, den bewundernden Blick auf die gewaltige Gletscherzunge des großen Aletschgletschers lenkt, wird dann nur noch dem Geologen und Orographen oder dem in alten Clubbibliotheken Wühlenden es kund, daß hier und weiter unten auf der Bellalp eine Warte gewesen, von der man Gletscherleben und Gletschernaturkunde mit Muße genoß, auf bequemem Tragsessel hingegossen oder auf dem Kücken des willigen Saumthieres. Wir suchten zuerst einige Ruhe und hauptsächlich Stillung des brennenden Durstes an einem prächtigen Bergwasser, das Floras schönste Kinder umstanden. Mit Verdruß bemerkten wir, daß unser Weg sich weit unter unser heutiges Endziel hinabschlängle; alle die Pfade vom Thal und von Riederalp her über den spärlich mit Wald bestandenen Bergrücken, hinter dessen oberen Ende Eggisch-hornhotel liegt, vereinigen sich, um nochmals ansteigend über schlechte Felstreppen zum Hotel Bellalp zu führen. In Schweiß gebadet erklimmen wir den schlechten Weg und begeben uns gleich in 's alte Hotel, neben dem ein neues, größeres Gebäude, nicht einmal ganz, fertig, aber doch schon bezogen, zu der geländer-geschützten Altane hinzieht, von der man einerseits den Aletschgletscher in stundenweiter Ausdehnung,, andererseits das penninische und lepontische Grenzgebirg, das die Schweiz gegen Italien abschließt, überblickt.

Schwere Wolkenmassen lagerten sich dort drüben,, doch schien das Wetter nicht ernstlich schlecht werden zu wollen. Nachdem die nöthige Toilette gemacht, verfügten wir uns zur Table d' hote, wo Albions Töchter und Söhne sich auf Schweizerboden Rendez-vous geben. Die ganze Bewohnerschaft Bellalps trägt so ausgeprägt britischen Stempel, wie ich das selbst in Zermatt lange nicht so gefunden. Nach dem Essen pilgerten wir noch gegen Tyndall's Cottage hinauf. Von hier lassen sich die Walliser Riesen alle mit Muße beschauen. Uns war philosophische Betrachtung durch die Sorge um den kommenden Tag etwas beeinträchtigt. Wir hatten Erkundigungen einzuziehen, Proviant zu bestellen, Rechnungen zu bezahlen und Wetterbetrachtungen anzustellen; letztere fielen günstig aus und so ward Alles für den kommenden Tag, den 9. August, vorbereitet.

Beim schönsten Sternenschein um 21/a Uhr Aufbruch. Vorsichtig und langsam ging 's über die bedenklichen Felstreppen und kurzen Kehren des gestern Nachmittags in der Sonnenhitze erklommenen Pfades; eine Laterne hatte unser Führer nicht. Während wir in der Tiefe einzelne Lichter schimmern sahen, brach im Osten langsam der Tag an, als wir um 4 Uhr 10 Min. die Moräne betraten. Dießmal wandten wir uns gleich der Mitte des Gletschers zu und fanden keine der halsbrechenden Partien von gestern; um 4 Uhr 35 Min. hatten wir den oberen Gletscher betreten und nun ging 's im Geschwindschritt vorwärts, denn wir wollten heute die gestrige Scharte auswetzen. Etwas Herrlicheres gibt es nicht, als den erwachenden Tag auf einem solchen Firnfelde 5 festgefroren sind alle die rieselnden Bächlein, die gestern unsere Füße netzten; die kleinen Spalten wurden übersprungen; die tanzenden Lichter des Sonnengottes hüpfen über die kleinen Hügel und Thäler; strahlend spannt sich der Morgenhimmel über uns, und rück^ wärts gewendet sehen wir die ganze Strecke des Walliser Grenzgebirges, so weithin es durch den Thalausschnitt sichtbar ist, im ersten Frühlicht er^ glänzen. Rasch eilten wir über die knisternde Fläche und standen schon um 6 Uhr am Fuße des großen Nesthorns, das mit seinen 3820™ ganz imposant auf uns herabschaute. Nach der westlichen Seite präsentirt sich das Nesthorn wesentlich als ein Zwillings-schneegipfel, der durch einen niederen Schneegrat mit dem Gipfelgrat des Lötschthaler Breithorns verbunden ist; über dem Grat, ungefähr in der Mitte desselben, erhebt sich ein steiler Felskopf ohne Namen; südlich von demselben geht 's über die Gredetschlücke in 's Gredetschtal hinunter. Keiner von unsern drei Männern war je auf dem Nesthorn gewesen. Unsere Aufgabe bestand offenbar darin, zunächst diesen Grat zu erreichen und von da über den westlichen Gipfel auf die östliche, höhere Spitze zu gelangen.

Vier durch mehr oder minder markante Felszähne getrennte Couloirs führten da hinauf; Tresch war für das erste oder zweite, Fuchs eher für eines der zwei westlichen Couloirs; das westlichste lehnt sich unmittelbar an die Fortsetzung des Beichgrats, die als mächtige Felswand hier emporragt. Nach den Erkundigungen, die wir bei Herrn Coolidge angestellt, wird das östliche Couloir, das sehr steil ist, aber auf kürzestem Wege zum Ziele führt, gewöhnlich für den Aufstieg benutzt. Wir wählten endlich das westlichste.Vorher wurde aber erst ein Frühstückshalt gemacht. Es wehte wieder recht frisch über den Gletscher, so heiß es auch im Laufe des Tages werden sollte. Um 6 Uhr 30 Min. wurde aufgebrochen; eine Zeit lang ging Graf voraus, später nahm Fuchs die Leitung, auf ihn folgte Herr Lüscher, dann Tresch; ich und Graf bildeten die Nachhut. Anfangs ging 's mäßig steigend auf gutem Firn, bald aber wurde der Schnee etwas weich und es zeigten sich beträchtliche Spalten, die uns zu allerlei Zickzacks nöthigten; einmal drangen wir in eine querlaufende, ungeheure Spalte ein, deren dicke Schneedecke etwa 3-4 m eingesunken war und die auf diese Weise eine Art Hohlweg bildete, dessen niedrigere Wand, auf einigen Stufen erstiegen, uns seitlich wieder auf besseren Weg führte. Nach etwa einer halben Stunde waren wir über die hauptsächlichsten Spalten weg und konnten nun ziemlich ungehindert, uns links in 's dritte Couloir schlagend, in Zickzacklinien aufwärts steigen. Schon fing die Sonne an zu brennen; der Schnee wurde weicher und man sank zuweilen bis halb Kniehöhe ein. Doch allmälig senkten sich die Felsen und glänzenden Firnvorgebirge, die uns vom nächsten Couloir trennten, immer mehr, und endlich, nach mühsamer Arbeit, die besonders Graf viel zu schaffen machte, so daß er meinte, es würde Einen tödten, wenn man nicht Schnee essen könnte, gelangten wir auf ebeneres Terrain; gerade vor uns der schon erwähnte Felsstock. Bereits hatten wir Herrn Coolidge mit seinem Führer hinter dem Beichgrat auftauchen sehen; sie ließen, nachdem sie bis zum Breithorngletscher traversirt, ihr Hauptgepäck an der Stelle zurück, wo am Morgen auch unsere Führer sich entlastet, nachdem eine kleine Ebene aus dem Firn ausgehackt worden, die sichern Halt für die Tornister bot. Wir sahen sie rasch in unserer Spur emporrücken, da sie den Weg nicht zu suchen brauchten, und so hatten sie den Weg vom Beichgrat bis zur Breithornspitze nach Herrn Coolidge's Angaben in drei Stunden 35 Minuten gemacht. Als wir gegeti den Fuß des Felsstockes kamen, machten sich unsere durstigen Begleiter daran, Wasser zn suchen, ohne daß es ihnen gelang, dasselbe wenigstens in präsen-tabler Quantität zu erreichen. Sobald wir noch etwas weiter östlich auf flach ansteigendem Firnfeld gegangen, standen wir an der südlichen Kante des Kammes und sahen unter uns gerade südlich streichend die ungemein eintönigen Wände des Gredetschthales. Wie eine halbcylindrische Furche, von einem ungeheuren Hohlmeißel herausgehobelt, liegt es in gräulicher Monotonie vor uns und wir können Fellenberg in seinem Itinerar nur beistimmen, wenn er es als das längste, monotonste, traurigste und wildeste unter allen südlichen Seitenthälern des Bietschhornmassivs bezeichnet. Der Uebergang zu dem ersten Gipfel des Nesthorns wird durch einen schmalen Grat gebildet, der von einer scharfen Gwächte bedeckt wird, die ganz senkrecht gegen das erste Aufstiegscouloir, weniger stark nach der Gredetschseite abfällt; wir hielten uns daher auf dieser Seite; dann geht 's über einige schwach mit Schnee bedeckte Felsen vorsichtig aufwärts und wir stehen an einer ziemlich steil ansteigenden Firnwand, die zu der abgestutzten Kuppe des ersten Gipfels sich emporzieht; die Steigung ist gleich so stark, daß Stufen gehauen werden müssen; weiter oben kommen glänzende, ganz harte Stellen, wo nur hie und da der blanke Firn mit wenig Schnee bedeckt war und wo auch die Hackarbeit langsamer vor sich ging. Um 11 Uhr 40 Min. waren wir auf dem ersten Gipfel. Noch zwei Stunden, meinte Fuchs, wäre es bis zum zweiten und heute kommen wir nimmer nach Ried, was mir nichts weniger als angenehm klang, da ich heute Abend daselbst zwei meiner Kinder erwartete. Leider mußten wir wieder etwas abwärts, über einen schmalen Kamm zu felsigen Gräten, die auch hier nach Süden zu die Grenze des Berges markiren; dann in langweiligem Schneestampfen mit mehr oder weniger tiefem Einsinken immer aufwärts. Eine langbeinige schwarze Spinne lief uns quer über den Weg und da es bereits über Mittag war, sprachen wir: „ araignée du soir, espoir " und trappten unverdrossen weiter; offenbar war das Thier von den südlichen nach dem Gredetschthale liegenden Felsen hergekommen.

Der Gipfelnebel, den wir schon auf dem Gredetschjoch als Helmzierde sämmtlicher Bergfiirsten bemerkten, hatte schon auf dem niedern Gipfel uns eine freie Aussicht verwehrt; nun hatte er uns völlig eingehüllt; es war dabei ganz windstill und warm. Als wir um 12 Uhr 40 Min, also gerade nach einer Stunde, bemerkten, daß es nicht weiter hinauf gehe, und uns der Besteigung freuen wollten, blieb uns nur die Erinnerung an die Aussage des Herrn George vom Jahre 1865: „ The view is perhaps the finest in the Alps. " Unsere Aussicht war Null; wenn man einige Schritte vorging, so konnte man über den nächsten Felsen hinuntersehen, aber nicht einmal zum Aletschfirn konnte der Blick gelangen. Unter diesen Umständen mußte uns die moralische Ueberzeugung trösten, daß wir auf dem großen Nesthorn gewesen, und wir trollten wieder abwärts, nachdem wir noch eine Lufttemperatur von -j- 6° R. constatirt hatten.

Um 1 Uhr Abmarsch. Als wir die Gwächte hinter uns hatten und wieder auf dem Mittelgrat zwischen Nesthorn und Breithorn angelangt waren, entstand die Frage, ob wir auf dem alten Wege zurückkehren oder gerade hinunter durch das östliche Couloir, wo wir von Rechtswegen hätten heraufkommen sollen.

Tresch rieth davon ab, da weiter unten Schneefall möglich sei, während Fuchs und Graf glaubten, es sei keine Gefahr; also vorwärts! Graf voraus und Fuchs hinten. Eine Zeit lang gings vortrefflich; wir kamen rasch vorwärts, aber ungefähr in der Hälfte wurde die Schneemulde unangenehm steil und der Schnee viel härter, resp. die Schneedecke über dem Eis sehr dünn, so daß das bloße Einschlagen der Absätze nicht mehr genügte und Graf anfangen mußte, abwärts zu hacken, was immer eine unangenehme und mühsame Arbeit ist; wir klebten an der steilen Wand, den Rücken gegen dieselbe, und schauten in die Tiefe. Rechts hingen mächtige Eismassen, die zu unsern Füßen bereits ihre Trümmer ausgebreitet, und anstatt, daß wir an den fatalen Nachbarn im Laufschritt vorbeieilen konnten, mußten wir langsam Schritt für Schritt, immer den Pickel gut einhauend, abwärts steigen. Endlich wurde die Senkung flacher und Tresch, der inzwischen Graf abgelöst hatte, konnte mit der Hackarbeit aufhören; einige Glissaden folgten, dann gings links hinter einer mächtigen Firnmauer durch eine querlaufende Spalte und um 3 Uhr waren wieder bei unsern Effecten. Die andere Partie vom Breithorn war inzwischen auch herabgerückt und man begrüßte sich auf dem Firn ohne Aufenthalt, da keine Zeit zu verlieren war, wenn Herr Coolidge zum Dinner in Bellalp und wir vor Nacht ins Lötschthal hinunter wollten. Noch einmal mußte im nun ganz weichen Schnee mühsam zur Höhe des Beichgrats emporgestampft werden; um 4 Uhr waren wir dort und grüßten wieder das heimatliche Thal; hier wurde nun ein rechtschaffener Halt gemacht und den Vorräthen stark zugesetzt. Statt wie gestern uns an die Felsen zu halten, zogen wir es im Absteigen vor, uns in das kleine Gletscherfeld zu begeben, das nach dem Distelgletscher sich hinunterzieht, und in famosen Rutschpartien wurde das gestrige Ungemach des Emporsteigens vergessen; um 5 Uhr band man sich los; das Wetter hatte sich gut gehalten, nur waren überall die Spitzen verhüllt. Ueber langweiligen alten Moränenschutt bummelten wir gemüthlich abwärts; in rasender Eile setzte unten eine Ziegenheerde über die Stein- und Lehmtrümmer, eine Staubwolke empor-wirbelnd. Ich war das mühsame Gestolper über groben Moränenschutt noch von gestern her herzlich satt und freute mich, als wir wieder in unserem alten Seebecken hinter der Gletscheralp angekommen waren.

Wie wir über den letzten kleinen Felsabsatz zur Lonza niederstiegen, die uns noch von dem Gletscherstafel trennte, etwa 7 Uhr Abends, lag das schönste pastorale Bild vor uns; vom linken Lonzaufer sammelten sich im goldenen Abendschein die stattlichen Kühe und munter hüpfenden Kälber, um sich zu andern zu gesellen, die am Fuß der rauchenden Hütten des Gletscherstaffels auf die melkende Hand der Lötschthaler Schönen warteten, die uns und unsern Führern ein ungemessenes Quantum der köstlichsten Milch verabreichten.

Nun folgten noch drei halbe Stunden schwerer Prüfung, die ihren Gipfelpunkt erreichte, als wir in die eigentliche Haupt- und Heerstraße des Lötschthals einmündeten. Selbst dem geduldigsten Sterblichen mag es erlaubt sein, einige leise Verwünschungen auszustoßen, wenn er über tückische glatte Platten oder absichtlich gerundete und polirte, ungeheure Kieselsteine in bald rascherer, bald milderer Senkung, in trügerischem Zwielicht, das bald trotz klaren Himmels in düstere Nacht sich verwandelt, dahinstolpert. Links unten in schauriger Tiefe braust die Lonza; man hört die mächtigen Steine in ihrem Bette übereinander-rollen; plötzlich gehts steil hinunter über scheußliches Cyklopenpflaster und man fühlt zum Voraus, wie man bald in dieser ungeheuren Gebirgsmühle als formloser Klumpen umhergeschleudert wird. In solcher Lage wenigstens ist der Kurzsichtige; aber das hin und her Stolpern und die Verrenkung der Fußgelenke scheint auch den Scharfsichtigen nicht erspart; ich schließe dies wenigstens aus strafenden Worten im Itinerar und in Beschreibungen unsers Clubgenossen Herrn Dr. Emil Burckhardt.

Um 8 Uhr 45 Min. waren wir in Ried, wo noch Alles angefüllt war, so daß ich meine zwei Töchter nur mit Mühe unterbrachte; eine englische Partie mit Damen war mit Führer Tännler über den Petersgrat hereingewandert. Aus dem gemüthlichen Stillleben, das ich mit Herrn Lüscher in Lötschen führte, will ich nur noch zwei Tage hervorheben, an deren einem das Schildhorn bestiegen und an dem andern dem Kastlerhorn der Jungfernkranz entrissen wurde.

III. Hockenhorn oder Schildhorn ( 3297 m ).

Am 10. Abends war Herr Rector Brantschen von Kippel mit Herrn Ingenieur Imfeid zu uns hinaufgestiegen. Da Herr Imfeid noch Einiges zeichnen sollte, war er leicht zu bewegen, mit uns morgen dem Schildhorn einen Besuch abzustatten. Wir stiegen über Ried und Weißenried langsam empor und wendeten uns dann, über den Netzbord zur Laucheren-alp traversirend, über die Alpenweiden ansteigend, unter den Felsen des Stühlihorns gegen den kleinen Mühlebachgletscher, auf dem wir einige hundert Schritt aufwärts stiegen, um uns sodann auf eine ziemlich schmale Felsrippe zu begeben, der wir eine Strecke weit folgten, bis wir an den Fuß des eigentlichen Hockenhorns gelangten.

Gerade nach Süden liegt der kleine Golnbach-gletscher, den wir, den südöstlichen Felsbau des Hockenhorns umgehend, nun erreichten; in wenigen Schritten waren wir an den Felsen, die wir im Zickzack ohne Mühe erkletterten. Bereits hatten wir unten einige Herren bemerkt, die von Kippel aus direct hier hinaufgelangt, es war unser Collega Schweizer von Zürich, der Führer Henzen, der treue Pylades von Herrn v. Fellenberg, und der Herr Prior von Kippel. Wir waren recht behaglich geschlendert und hatten 7 Stunden von Ried aus gebraucht, man rechnet sonst 5 Stunden hinauf. Der Tag war schön, doch nicht wolkenlos, und besonders die höheren Gipfel hüllten sich abwechselnd zeitweise in Wolkenkappen. Auch wir waren interimistisch mit Nebel bedacht, der unsern Ingenieur Imfeid plagte; doch verschwand er wieder und erlaubte uns eine ziemlich umfassende Rundsicht. Besonders stolz und prächtig präsentirt sich das gauze Bietschhornmassiv, in erster Linie das Bietschhorn selber. Westlich und nordwestlich in unmittelbarer Nähe Balmhorn, Doldenhorn und die Blümlisalpkette; nordöstlich die Lötschen-gratkette selbst und coulissenartig hinter einander die östliche Ummauerung des Lauterbrunnenthals vom Ahnengrat über die Jungfrau, die hier ganz eigenthümlich schmal erscheint, bis zur spitzen Nadel des Eigers; südöstlich das Torrenthornmassiv und gerade nach Süden die penninische Grenzkette mit ihren wohlbekannten Gipfeln. Im Vordergrund liegen die nesterartig zusammengedrängten Häusergruppen der Weiler des Lötschthals, nach Westen die Felsplatten, welche mit Schneeflecken abwechselnd die Höhe des Lötschenpasses bilden; nördlich tief zu unsern Füßen die Matten und Stafel des engen Gasterenthales; an den Schneebändern unten am Freundenhorn sehen wir immer und immer wieder gewaltige Eismassen zu Thal gehen. Ein herrlicher Tag hier oben! 11 Personen sind wir zusammen; ein heiteres Picnic, dem die von Herrn Imfeid gastfreundlich gespendete Gloire de Hollande die Krone aufsetzt. Herr Schweizer, dessen Leibführer Heß unwohl geworden, stieg von unserer Warte direct hinunter gegen die Felsen des Gasterenthals, um so den weiten Umweg des gewöhnlichen Lötschenpasses zu kürzen. Unsere besten Wünsche begleiteten ihn auf der etwas waghalsigen Route; wir sahen ihn weiter unten mit dem Gesicht gegen den Berg, den Pickel fest einhauend, langsam die schmalen Schneewände, die gegen die steilen Felsstürze grenzen, hinuntersteigen, um dann hinter den letztern zu verschwinden. Wie es scheint, haben ihm unsere guten Wünsche Glück gebracht. IV. Kastlerhorn ( 3250 m ). Erste Besteigung.

Am folgenden Tage wurde eine erste Besteigung des Kastlerhorns, 3250 m, ausgeführt und zwar eine unabsichtliche; wir hatten vom Hockenhorn aus die Bietschhornkette am 11. ziemlich genau durchmustert und wollten dessen südwestlichen Eckpfeiler, die Hohgleifen, auch Adlerspitzen genannt, besuchen. Statt aber nach Kippel hinunter zu gehen und von dort anzusteigen, bogen unsere Führer schon bei Wyler links, und so stiegen wir denn durch übles Walddickicht, das hier wesentlich aus Tannen mit Unterholz besteht, während auf der andern Thalseite mehr Lärchen vorkommen, nach und nach recht mühsam und steil zur alpinen Region, wo wir zunächst zu einem interessanten, gewaltigen Felsencircus gelangten, aus dessen Krater einige Tannen emporgewachsen; von da arbeiteten wir uns über einige Felstrümmer auf ebeneres Terrain empor. Wir waren nun am Fuße eines recht ansehnlichen Felsberges, dessen Ablösungsmassen vor uns lagen, mit wenig Schnee gemischt. Unser Ziel, die Hoh'gleifen, lag mehr südwestlich. Nach mäßiger Steigung sahen wir unter dem Kamm zwischen genanntem Felsberg und der Gleifen über einige schmale Schneebänder, die sich unter Felsen durchzogen, den Weg zu letzterer. Da aber einige Steine auf der Schneefläche lagen, wollte Tresch nichts von dem Wege wissen und auch Fuchs mochte die Verantwortlichkeit nicht auf sich nehmen, obwohl die Sache nicht zu bedenklich aussah, und so wandten wir uns mehr links, um so über die Felsen den Kamm zwischen unserm Felsberg und der Hohgleifen zu erreichen.

Es war eine recht mühsame Kletterei, wobei öfters der Weg gesucht werden mußte, und als wir auf dem letzten Grat waren, der wieder durch ein schräges, ziemlich breites und mäßig ansteigendes Couloir von dem Kamme getrennt war, der die Hohgleifen und das Kastlerhorn verbindet, schickten wir Tresch als Eclaireur voraus. Wir sahen ihn nach raschem Niederstieg auf der andern Seite die Felsen langsam und suchend erklimmen, die das von Fellenberg begangene Kastlerjoch darstellen; er fand aber keinen empfehlenswerthen Weg. Ich glaube auf den heutigen Tag nicht, daß ein Hinüberkommen mit unsern Beförderungsmitteln unmöglich gewesen; aber wir mochten Nichts erzwingen, zogen uns aber doch die Lehre, künftig derartige Dinge nicht ohne ortskundige Localführer zu unternehmen, die einem viel Zeit und Mühe sparen. Jedenfalls hatten wir überhaupt den Weg viel zu nördlich genommen, hätten erst nach Kippel abschwenken sollen, wie auch das Itinerar dies angibt. Nach kurzer Berathung wurde beschlossen, den über uns lagernden Felsberg zu erklimmen, den wir Anfangs für das Wylerhorn gehalten, nachher aber als Kastlerhorn, das noch jungfräulich sein sollte, verificirten. Nachdem wir das Couloir passirt hatten, wendeten wir uns links in die Felsen und kamen ohne erhebliche Schwierigkeit auf unseren Gipfel, 3250 Meter. Es war inzwischen 12 Uhr geworden.

Die Aussicht ist sehr schön, besonders imposant auf die Gipfelgräte des Bietschhornmassivs und auf letzteres selbst, reizend auch auf die grünen Thalgrunde und nach der andern Seite auf den Jjolligletscher und das Jjollithal. Das Kastlerjoch ist auf der Karte jedenfalls zu breit angegeben; von unserem Standpunkt kam es uns vor, als wenn kein tieferer Einschnitt zwischen Kastlerhorn und Hohgleifen bestehe; auch von weiter unten macht einem die Sache diesen Eindruck eines continuirlichen Kammes. Wir machten natürlich unsern Steinmann, damit man von Ried aus unsere Besteigung controliren könne. Wir fanden hier oben ein Depot von Kirschensteinen, wie Fellenberg ein solches auf der Hohgleifen getroffen, das irgend ein Gefiederter da niedergelegt. Das Niedersteigen war etwas mühsam durch Steine und wüstes Geröll; etwas über jenem früher erwähnten Schneefeld strömte eine herrliche Quelle aus den Steinen, wo wir uns lagerten und mit aller Muße dinirten, da wir noch lange Zeit vor uns hatten.

Weiter unten gelangten wir wieder zu den Schaf-heerden; die Thiere waren ganz wild und rasten über Steine und Geröll davon, hell pfeifend, wie überraschte Gemsen. Die Thiere sind den ganzen Sommer sich selbst überlassen und werden nur alle 3—4 Wochen mit etwas Salz gefüttert; das ist das einzige Band, was sie in der Zeit noch an ihre Herren, die Menschen, bindet, und hier werden sie scheints auch musikalisch. Schade, daß wir nicht mehr in Homers Zeiten stehen, sonst hätte sich aus dieser Naturbeobachtung gewiß eia hübscher Mythus geformt. Ich war über die Beobachtung erstaunt und meinte Anfangs, Tresch sei der Schuldige, mußte mich aber überzeugen, daß es die verscheuchten Schafe seien. Als wir wieder die Waldregion erreicht, blieben wir bis gegenüber Wyler ungefähr auf gleicher Höhe und wandten uns dort durch lichtere Stellen dachgäh hinunter. Wäre man ausgeglitten, so würde man pfeilschnell thalwärts geflogen sein, wenn einen nicht etwa ein vereinzelter Baumstamm noch aufgehalten. Zwischen Wyler und Tenn kamen wir wieder auf den Thalweg und exa-minirten im Rückblick mit dem Operngucker unsern Steinmann. Es war wieder ein prächtiger Abend und bei Betrachtung des wundervollen Thalabschlusses durch den langen Lötschengletscher, der sich sanft zur Lötschenlücke hinaufzieht, wurde es mir auf 's Neue klar, daß ich in den Alpen kaum Etwas gesehen, was gerade in der Weise erfreuend und harmonisch gewirkt, und der Wunsch stieg in uns auf, daß es uns noch einmal vergönnt werden möge, dieses Thal bald schlendernd, bald ernsthaft steigend zu durchstreifen.

Der folgende Tag, ein Sonntag, der 13. August, wurde zum Briefschreiben benutzt. Herr Maler Lortet aus Lyon zeigte uns seine interessanten Studien. Nachmittags machten wir einen kleinen Spaziergang nach der malerisch gelegenen Häusergruppe von Eisten; dort fanden wir einen Eingebornen, dem ich meine kranke Uhr zur Consultation zuführte, die mir gestern beim Niedersteigen vom Kastlerhorn einige unnöthige Luftsprünge über die Felsen gemacht hatte. Er meinte, der Schaden sei bös und es könnte sich schon Einer damit einen Tag zu schaffen machen, was auch nach dem, was ich zu Hause für Reparatur zahlen mußte, merkwürdig stimmte. Jetzt war er in das hygieinische Geschäft des Enzianbrennens vertieft; mächtige Kufen mit zerkleinerten Wurzeln der Gentiana lutea füllten die geheizte Stube, wo sie eine gewisse Gährung durchmachen müssen, ehe sie zum Brennen passend sind. Als wir nach altem Enzian fragten, sagte er, es sei Nichts mehr da, es sei alles „ Gsüffes ". ( Neutrum des Participium passivum des volksthümlichem Synonyms von Trinken. ) Y. Gizzifurke, Gemmi, Engstligegrat.

Am andern Morgen, den 14. August, sollte das schöne Lötschenthal verlassen werden und zwar war unser Plan, über die Gizzifurke und Fluhalp Leuk zu erreichen. Wir wollten bei guter Zeit abmarschiren; da aber in der Nacht ein gehöriger Gewitterregen gegen die Laden und Fenster klatschte, ließen uns die Führer schlafen, und wir mußten sie schließlich auf die Beine bringen. Erst um 7114 Uhr wurde aufgebrochen, nachdem man sich noch mit etwas Proviant versehen. Vor Wyler schwenkten wir rechts und zogen uns den Bergabhang neben einzelnen Prachtexemplaren von Lärchen langsam hinauf; um 11 Uhr 15 Min. waren wir auf der Kummenalp, wo eine kleine Rast gemacht wurde. Man hat hier einen schönen Ausblick auf die Endschlucht des Lötschenthals, durch die sich der Thalstrom hinauswindet nach Gampel, dann auf die verschiedenen Rothhörner. Gerade aus liegt das Ferdenrothhorn, an dem links der Ferdenpaß, rechts die Gizzifurke vorbeiführt. Ueber Bachgeröll und von Rasenstücken unterbrochene Felsplatten geht 's höher hinauf zum Stierenstutz und dann auf die Platten, welche bereits die Höhe des Lötschenpasses bezeichnen; rechts hat man das Hockenhorn, gerade aus etwa eine halbe Stunde lang ziemlich ebene Felsplatten, zwischen denen sich größere und kleinere Wassertümpel zeigen, die von dem kleinen, nördlich an 's Balmhorn gelehnten Gletscher gespeist werden.

Der Himmel hatte sich ein wenig verfinstert, doch nicht gerade besorgnißerregend; gerade vor uns erhoben sich die Ungeheuern Felsmauern des Balmhornes, das hier gänzlich dominirt; nach links hinauf zu den Füßen des Ferdenrothhornes zieht sich in mäßiger Steigung ein Firnfeld, das wir zu traversiren hatten. 1500 Schritte zählte ich in langsamem Aufsteigen in halbweichem Schnee; endlich senkte sich der Sattel und wir standen auf der Furke.

Es war 12 Uhr 10 Min.; wir hatten nun die südliche Grenzmauer des Balmhorns und Rinderhorns rechts vor uns, an welche sich die höhern Theile des Fluh; gletschers anlehnen, dessen tiefere Partien zu unsern Füßen liegen. Es ist das die Wand, über welche jähe Skizzen aus dem Clubgebiet.791 Stöße des Biswindes die mangelhaft attachirten Kopfbedeckungen der Balmhornbesteiger in 's Dalathal hinunter treiben; siehe Abbildungen im Fremdenbuch Schwarenbach. Fuchs schüttelte den Kopf, als wir ihm sagten, daß man schon den Niedersteig von der Balmhornspitze zu uns herunter über die Felswände gemacht; wir haben aber dafür keine geringere Autorität, als die des ehemaligen Centralpräsidenten Prof. Zähringer ( Jahrbuch des S.A.C., X, pag. 629 ). Leider wird die Tour mit den lakonischen Worten abgethan: „ Will man nicht den gleichen Rückweg nehmen, so kann man über die südliche Felswand, welche von einzelnen Schneeflecken durchsetzt ist, auf den Fluhgletscher hinabsteigen. Von diesem Gletscher aus erreicht man westlich das Leukerbad und östlich die Regizzifurgge zwischen Balmhorn und Ferdenrothhorn. " Es ist schade, daß keine nähern Angaben da sind, denn beim bloßen Hinsehen begreift man viel leichter, daß die Herren Brooksbank und Beard 1875 hier nicht hinuntergekommen sind, sondern in den Felsen westwärts hinuntersteigen mußten, bis l1/« Stunden unter den Paß, als wie Prof. Zähringer hinunter gekommen. Uebrigens geht aus seinem lakonischen Referat nicht hervor, ob er wirklich auf der Höhe des Fluhgletschers oder eben auch wie die Herren Brooksbank und Beard unterhalb des Fluhgletschers, oder wenigstens an seinem untern Endet die Thalsohle erreicht und dann von da die Gizzi furke erstiegen hat. Melchior Anderegg, so erzählt Herr Brooksbank, habe ihm in Zermatt gesagt, sie hätten bis zur Höhe der Furke in den Felsen traver- siren sollen, und daß sie dort unter den „ Cliffs " einen Platz gefunden hätten, von wo man sie am Seil aus einer Höhe hätte hinunterlassen können, die dem zweiten Stocke des Hotel Monte Rosa entspricht. Vielleicht gewinnt der geneigte Leser mit mir die Ansicht, daß der directe Abstieg vom Balmhorn zur Höhe der Gizzifurke noch zu machen und zu beschreiben sei.

Nach Herrn Brooksbank ist die Aussicht von der Gizzifurke beschränkt, aber großartig; mächtige Nebel, die das Torrenthornmassiv umzogen, verhüllten uns dieselbe; besonders der Anblick des Mont-Blanc soll sehr schön sein, was ich glaube, da die Richtung, nach welcher der Blick frei ist, völlig die gleiche ist wie auf der Lötschenlücke, wo gerade das alleinige Vortreten des Mont-Blanc so auffällig erscheint.

Rasch ging 's, zum großen Vergnügen meiner zwei Töchter, über die Hänge des zahmen Fluhgletschers hinunter; in der Tiefe auf den Moränen sah man eine zahlreiche, langsam ansteigende Karavane, eine bunte Gesellschaft von Herren, Damen und Kindern mit Shawls und Plaids in allen Farben, die sich einen Gletscher ansehen wollten. Fuchs meinte, das seien keine Bergsteiger, das sei nur Gesindel, hatten doch 12-14 Menschen nur einen Führer, der unter der Last der Ueberröcke und Shawls fast erstickt war. Für Fuchs steigt offenbar der Werth des Menschen, wenigstens des Bergsteigers, mit der Anzahl der Führer, die er braucht und beschäftigt; das waren also wirkliche Dutzendmenschen, denen er seine Verachtung auch nicht verhehlte; bald sollte er dafür ge- straft werden. In der Fluhalp fanden wir die Pferde der Gesellschaft mit ihren Führern; schon fielen einige Regentropfen und bald waren wir im dichtesten Nebel; Graf wurde zurückgeschickt, um nach dem Weg, der in den Alpenweiden sich verlor, sich zu erkundigen. Er schien sich mit den Eingebornen nicht gut zu verstehen; wir fanden einen Weg, der uns immer tiefer in den Wald führte, so daß wir endlich einsehen mußten, daß wir bald irgendwo an einer Wand der Dalaschlucht stecken bleiben würden; also ganze Wendung! rechts um, kehrt! Wir mußten unsere Schritte rückwärts lenken und fanden schließlich nach einigem Suchen den richtigen Weg wieder, auf der linken Dalaseite. Man kann nämlich nach der Excursionskarte auch von der Fluhalp aus auf Clavinen hinübersteigen und so Leuk von der rechten Dalaseite aus erreichen.

Inzwischen hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet und herab stürzte unendlicher Regen, und herzlich froh waren wir, endlich in die gastlichen Räume des Hotel Union einzurücken.

Unserm Behagen setzte die Krone auf das Zusammentreffen mit unserm vortrefflichen Freund und Clubgenossen Herrn Maler Ritz von Sitten, der als Bevollmächtigter der Section Monte Rosa einigen „ Wilden " das neue, von der Regierung sanctionirte Führerreglement auslegen sollte. Leider war auch der 15. August, Maria Himmelfahrt, ein rechter Regentag, und erst Nachmittags zerstreuten sich die herumkriechenden Nebel; doch später rückten sie wieder die Dalaschlucht hinauf und die ziemlich hohe 6 Temperatur versprach wenig Gutes Immerhin wollten wir den Versuch wagen, nach Schwarenbach zu gehen, und bei günstigem Wetter sollte Morgen das Balmhorn überwunden werden, das heute so trotzig zu uns herabgeschaut. Von Freund Ritz nahmen wir Abschied auf Wiedersehen am Clubfeste in Neuchâtel.

Noch hatten wir die Höhen der Gemmifelsen nicht erreicht und schon gießt es wieder gehörig; um die öden Felszähne kriechen geisterhaft die Nebel; alle höhern Häupter werden unsichtbar und so müssen wir uns auch hier oben mit der akademischen Ueberzeugung trösten, einen der schönsten Aussichtspunkte passirt zu haben. Um 7 Uhr waren wir in Schwarenbach.

Der 16. August brach eben so trüb an, wie sein Vorgänger aufgehört; nur 7° R. draußen; man berieth, was zu thun: sollte man nach Kandersteg und über den Bondergrat nach Adelboden, dafür war Fuchs, während uns der im Itinerar angegebene Engstligengrat, den auch der Wirth zum Schwarenbach empfahl, mehr einleuchtete. Die Nebel stiegen und fielen und man hörte das Rauschen des Windes da droben. Fuchs und Tresch schüttelten die Häupter, und obschon uns Anderegg versicherte, daß man von Adelboden über den Engstligengrat mit Kälbern fahre, wollte Fuchs das Unternehmen nicht wagen ohne einen Führer, den wir von Schwarenbach mitnahmen. Tresch meinte, die Töchter könnten da oben erfrieren, der Wind blase gar „ grisli ". Endlich wurde, was dem Wirth und aufwartenden Personal am besten gefiel, beschlossen, noch einmal die Chance zu laufen, ob uns vielleicht Morgen der Himmel gnädig sei.

Es hatte heute zu verschiedenen Malen in unmittelbarer Nähe geschneit; einmal war der Nebel in der Undurchsichtigkeit eines dicken Qualms um das Haus gestrichen; um 6 Uhr ward es heiter und man sah kurzen Sonnenglanz am Rinderhorn, doch wars offenbar sehr stürmisch in den obern Regionen und wir erwarteten wenig Gutes von Morgen.

Die Nacht vom 16. auf den 17. war wieder stürmisch, der Morgen eher kalt; nur 3 ° R. über Null. Da Fuchs nicht allein über den Engstligengrat gehen wollte, nahmen wir den jungen Anderegg bis auf die Höhe des Passes mit. Die Höhen oben am Schwarenbach waren leicht angeschneit, doch weidete eine Schaar junger Stiere bis gegen den ersten Grat hinauf. Nach Ueberschreitung desselben kommt man in eine kleine, vom Felsenhorn überragte Thalmulde, in welcher ein Seelein liegt; dann sieht man in 's Ueschinenthal ( nicht mit dem Oeschinenthal zu verwechseln ) nieder, traversirt an einer schiefrigen, heute etwas gefrorenen Halde, wendet sich hierauf links und aufwärts zwischen großen Felstrümmern und gelangt in den obersten Theil des Ueschinenthals, dessen Hintergrund von dem ziemlich großen, ganz isolirten Rothekummgletscher eingenommen wird. Nach vorn und rechts hinüber guckte der gnomenhafte Zahn des Tschingellochtighorns heraus; nach links die felsige Spitze des Kind-bettihorns; am Fuße des Rothekummgletschers liegt ein kleiner Gletschersee, in dem ein mächtiger Eisberg herumschwamm. Unser Weg führte etwas nördlich des Sees eine steile Gras- und dann Schutthalde hinauf zu der Einsattlung des Engstligengrats; hier lag nun der Weg so klar vor uns, daß wir ihn uns auch ohne Führer zu finden getraut haben würden, und wir entließen unsern wackern Anderegg. Zu unsern Füßen lag der prächtige grüne Boden der Engstligenalp, von verschiedenen Wasserläufen durchzogen, links oben das gewaltige, hier wirklich imposante Massiv des Wildstrubels; weit draußen das lachende, häuserbesäte Gelände von Adelboden, unser erstes Ziel. Das Wetter hatte sich etwas aufgeheitert und wir wanderten in bester Stimmung über schiefrige Halden, die uns an den Fuß des Tschingellochtighorns führten, hinunter zur Artelenalp, dort über den Bach und nun auf eigentlichem Alpweg weiter abwärts. Das Tschingellochtighorn ist ein ganz abenteuerlicher Geselle; aus einer ziemlich steilen Pyramide, die oben abgestutzt ist, steigen plötzlich, unvermittelt eine Anzahl cylindrischer Felszähne auf, die, je nachdem man den Berg von einer Seite betrachtet, ihn als spitzigen Felszahn oder als aus einer Anzahl Zähne zusammengesetzten Felskamm erscheinen lassen, der aus schwarzem, heute vom frischen Regen glänzenden Schieferfelde unvermittelt emporstarrt. Wir kommen am Fuße des Groß-Lohner vorbei und haben hier, bereits unter dem Niveau der Engstligenalp angelangt, beständig den wunderbaren Anblick des weißglänzenden Falls des Engstligenbachs, der in zwei mächtigen Sätzen zu Thal stürzt und von schwarzem Tannengehölz eingerahmt ist. Noch schöner wird der Blick, wenn man tiefer gekommen, wo über dem Fall dann der Wildstrubel als herrlicher Abschluß des Gemäldes zum Himmel emporsteigt.

Welcher Thalgrund! Die saftigsten Matten, von Wald unterbrochen, erstrecken sich empor zu der Niesenkette einerseits und der Lohnerkette andrerseits. Das Dorf selbst besteht eigentlich gar nicht; die freundlichen Wohnungen sind über den ganzen Grund zerstreut; die alte Kirche verbirgt sich hinter einem mächtigen Ahorn. Um 11 Uhr 50 Min. ziehen wir bei Frau Hari ein; wir hatten also 5 Va " Stunden vom Schwarenbach aus gebraucht. Adelboden ist ein wahres Juwel, 1334 m hoch, bestimmt, ein Luftkurort ersten Ranges zu werden; für Anämische, Scrophulöse, Erholungsbedürftige wußte ich keinen schöneren Platz. ( Die Straße war bei unserm Besuch noch nicht ganz vollendet; sie wird dem Orte in kurzer Zeit eine bedeutende Frequenz sichern, ohne daß wir befürchten, daß die unangenehmen Beigaben, wie im eigentlichen „ Oberlande ", mitfolgen; Adelboden liegt dafür zu viel von der großen Völkerheerstraße ab. ) Während wir in Ruhe und Behaglichkeit Mittag hielten, war der Himmel wieder in seine gewöhnliche Verfassung gekommen; Frau Hari wollte uns hier behalten, aber verschiedene Gründe bestimmten uns, noch heute die Lenk zu erreichen. So ließen wir uns durch den fleißig niederströmenden Regen nicht abhalten; was wir im Regen begonnen, sollte im Regen enden. Wir schlugen den gewöhnlichen Weg über die sogenannten Hahnenmöser ein, der ungefähr eine Stunde lang dem Geilbach entlang aufwärts führt; dann tritt man auf sumpfige Alpenweiden. Der Regen floß in Strömen; es quatschte oben und unten, die Weiden waren grüne, ungeheure Schwämme, die sich mit Wasser schon völlig vollgesogen und die den Ueberschuß in kleineren und größeren Tümpeln für trockenere Zeiten aufsparten. Von 2 Uhr 10 Min. bis 6 Uhr 55 Min. dauerte unsere Fahrt; keinen Moment hörte es auf zu schütten bis wir die Lenk erreicht hatten. Hier verabschiedeten wir uns auch von unsern wackern zwei Führern und dem Träger, die auf der ganzen Tour als vorsichtige und zuverlässige Männer sich erwiesen hatten. Gizzifurke aber und Engstligengrat empfehle ich Jedermann als äußerst lohnende, völlig beschwerdenlose Paßübergänge; beide kennen gelernt zu haben verdanken wir dem ausgezeichneten Itinerar unsers Clubgenossen Herrn v. Fellenberg, dessen poetische Beschreibung des Adelbodenthals ich Jedermann empfehle.

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