So nah dem Sternenzelt

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Erich Berger, Worblaufen

Wenn die Sonne ihre letzten, kräftigen Strahlen auf die Felswände wirft, die Gipfel sich leuchtend im blauen Horizonte wiegen und die Nacht sternenklar und kalt herniederfällt, dann zieht es mich hinauf in die Berge -Spätsom-mer. Im Tale unten breitet sich der Nebel als mächtiger Baldachin über die Erde, die Menschen verlieren ihre Sommerbräune, und das Räderwerk des Alltags - während der Ferienzeit gedrosselt — beginnt sich wieder hektisch imi] ein-tönigzudrehen.

Durchs Fenster unseres Chalets schweift der Blick ins Tal hinaus. In vollen Zügen atmen wir die reine Bergluft des Avers, durch das der Averser Rhein sein silbernes Band zieht, in unsere Lungen. Weit vorne, wo die- letzten Arven und Lärchen kargen Grund für ein dürftiges Dasein finden, wo sich eine schlanke Brücke von Felswand zu Felswand schwingt, die tiefe Schlucht in kühnem Bogen überspannend, beginnt das obere Tal - ein Stückchen Erde nur, doch eine Welt für die Menschen, die hier ihr Dasein fristen. Es sind zwar nur noch wenige Seelen, die hier das Leben lebenswert finden, doch sie sind in diesem Boden fest verwurzelt. Diesem höchsten Tale nun und seinen Menschen soll unser Credo gelten.

Das Averser Tal beginnt zwar schon unten bei der Roflaschlucht mit dem Rein d' Avers ( Val Ferrera ) auf 1094 Meter über Meer und endet auf der Jufer Alp, auf über 2200 Meter. Es gliedert sich in zwei sehr unterschiedliche Teile: Eng und waldig zieht das untere Tal an steilen Felsen ent- lang, und staunend betrachten wir die schlanken Tannen, die sich von Sturm und Schnee nicht aus ihrem luftigen Standort reissen liessen. Inmitten dieser wilden Landschaft finden wir - Inseln im stürmischen Meere gleich - zwei grüne Auen, wo sich Menschen zu enger Gemeinschaft angesiedelt haben: Ausserferrera und Innerferrera, oder « Fräila » und « Ggnänaggül », wie die Bewohner ihre schmucken Dörfer nennen. Oft musste durch das Bergesinnere der Platz für die Strasse erkämpft werden; doch wie wir uns langsam dem Örtchen Campsut ( 1669 m ) nähern, weitet sich das Tal zu einer lieblichen Alpweide. Hier dringt auch erstmals das traute Geläute der Kuhglocken an unsere Ohren, und den unersättlichen Augen öffnet sich der Blick hinein ins romantische, malerische Madrisertal und hinauf zur Sonnenterrasse von Avers. Wenn wir von Avers sprechen, so meinen wir den oberen Teil des Tales, von Cröt ( 1720 m ) bis Juf ( 2126 m)- Cröt, Portal ins Treppenhaus zur Terrasse. Tatsächlich wird hier das letzte Hindernis, ein mächtiger Felsabsatz, in kurzem, kühnem Aufschwung überwunden, und mitten hindurch bahnt sich das Wasser in tiefer Schlucht seinen Weg.

Durchstreifen wir nun bei beschaulichem Wandern die grünen Weiden talaufwärts, selbst wenn die gute Strasse einlädt, das Hochtal in modernem Tempo zu durchmessen. Tief unter uns sprudelt der Averserrhein, in übermütigem Lauf noch nichts ahnend von der Länge seiner Reise durch viele Länder, unbekümmert darum, dass er als mächtiger Strom sich weit im Norden ins Meer ergiesst, dass Menschen seinetwegen zu Feinden werden, wiewohl er ihnen Arbeit und Wohlstand bringt, dass er als Grenzfluss säuberlich die Völker trennt, als Wegbereiter sie gleichzeitig verbindend.

Da wo das Tal sich wieder weitet, die Strasse kaum mehr fühlbar steigt, stehen die Häuser von Cresta ( 1959 m ), Haupt- und Kirchenort zugleich. Obschon im Avers die romanische Sprache nicht gesprochen wird, lassen doch Namen wie Cresta, Piatta und Juf darauf schliessen, dass in früheren Zeiten das Tal von Rätiern besiedelt war. Wir finden hier in Cresta auch die beiden einzigen Hotels von Avers: alte Häuser, deren kubische Formen einen eher trutzigen Anblick bieten und eigentlich nicht so recht ins malerische Bild der Gegend passen. Wir sind dennoch froh, in der einfachen Stube Gastlichkeit und Wärme geniessen zu dürfen, und verschweigen nicht, dass Bündnerfleisch und Veltliner uns mindestens so munden wie in einer der berühmten « chesa ». Die Gäste, die hier Obdach suchen, wissen längst, dass die natürliche Herzlichkeit der Averser und der Liebreiz ihrer Bergwelt sie für den mangelnden Komfort reichlich entschädigen. Dennoch weiss man nicht so recht, soll man froh und dankbar sein, dass dieses Tal dem modernen Fremdenverkehr noch nicht erschlossen ist. Gewiss, wir Bergtouristen finden hier, abseits der grossen Strasse, eine Oase der Ruhe, eine Begegnung mit Gleichgesinnten, eine wohltuende Abgeschiedenheit; doch bangen wir gleichzeitig um die Zukunft des Tales beim Gedanken an den Rückgang der Bevölkerung in den letzten fünfzig Jahren.

Das schmucke Bild der kleinen Häuser kann dem Auge nicht verborgen bleiben. Aus jedem, ob alt oder neu, gross oder klein, strahlt Freundlichkeit und Friede, und leuchtend rot grüssen die Geranien von den Fensterbänken. An einem dieser Häuser, dem « Gassahuus », finden wir den sagenumwobenen « Seelabalgga », das Seelenfenster, wenn man dieses Averser Wort übersetzt. Der « Seelabalgga » ist eine viereckige Öffnung in der Strickwand, ungefähr 40 Zentimeter breit und 20 hoch, mit einem groben Holzschieber verschlossen. Darüber finden wir ein Kreuz in die Wand geschnitten. Die Legende sagt, dass dieser « Balgga » nur geöffnet wurde, wenn ein Mensch im Sterben lag, damit seine Seele ungehindert aus dem Sterbezimmer entweichen konnte. Hatte ein Mensch einen besonders harten Todeskampf, wurde der Schieber frühzeitig geöffnet, um dem Sterbenden den Hinschied zu erleichtern.

Seit langer Zeit werden die Averser nach Cre- sta zur letzten Ruhe gebracht. Hier befinden sich der Friedhof und das einzige Kirchlein von Avers, mitten in einer grünen Wiese, schlicht und gleichzeitig feierlich. Wenn der helle Klang seiner Glocken sonntags die Gläubigen von Cröt bis Juf zusammenruft, die Klänge über die Weiden hinauf zu den Felsen des Wissberges schwingen, dann dringen sie in die Seele wie das Andante einer pastoralen Symphonie.

Im taufrischen Gras wandern wir weiter das Tal hinauf, beglückt, dass die ersten Sonnenstrahlen über der Forcellina wiederum einen strahlenden Tag verheissen. Pürd Am Bach. Ein altes Fraueli erwidert freundlich unsern Morgengruss. Ein wohl längst zum treuen Begleiter gewordener Stock erleichtert ihren gebückten Gang. Aus dem vom harten Leben gezeichneten Gesicht leuchtet ein Blick. Die Frau treibt ein Rind und eine Kuh auf die Weide. Ist das der ganze Inhalt ihres Daseins? Leicht kommen wir mit ihr in ein trauliches Gespräch. Ihre Sprache hat wenig mit Bündnerdialekt zu tun, ja wenig mit irgendeinem Schweizerdeutsch; denn die Averser haben eben ihre « eigene » Sprache. Mit Begeisterung und einer Sachkenntnis, die auf grosse Belesenheit schliessen lässt, erzählt sie uns aus der Geschichte dieser Gegend, von den Schmugglern, von den beschwerlichen Winterfahrten ihrer Väter nach « Clefen » ( Chiavenna ), woher sie unter vielen Gefahren und Strapazen die Lebensmittel herauftragen mussten. Sie berichtet uns vom Gotteshausbund, zu dem einst auch Avers gehörte, vom Geschlecht der von Salis, der von Planta und schlussendlich vom Podestatsch Hus, oben bei Juppa, als dem stattlichsten Haus im Tal. Dann schildert sie uns eine Vorjahren unternommene Bergwanderung hinauf zu den Bandseen, als Blitz und Donner ihrem Leben beinahe ein frühes Ende gebracht hätten. Für sie, diese Siebzigjährige, mögen es viele Jahrzehnte her sein, dass sie diese kurze Bergfahrt unternahm, in uns jedoch hat sie durch ihre Erzählung die Lust geweckt, es ihr gleichzutun, und so wird ihre Erinnerung zu unserem Erlebnis - der Weg hinauf zu den schroffen Felsen des Jupperhorns.

Ein schmaler Pfad führt über steile Wiesenhänge hinauf; eigentlich sind es viele Pfade, von Kühen getreten, sogenannte Kuhtritte, und es ist ziemlich mühsam, immer den richtigen zu finden, einen, der nicht plötzlich wieder im Gras endet. Zahlreiche Silberdisteln, die nicht umsonst diesen Namen tragen, glitzern im Sonnenschein. Die schrillen Schreie der Murmeltiere - wir wurden belehrt, dass es sich nicht um Pfiffe handelt -begleiten uns. Auch diese drolligen Kreaturen verspüren an solchen Herbsttagen das letzte, kraftvolle Aufbäumen der Sonne, bevor die Nordwinde herrschend ins Tal einziehen. Sie tun auch gut daran, in der Nähe ihrer schützenden Schlupflöcher zu bleiben, denn wir sind mitten in der Zeit der Hochjagd. Vom Tscheischhorn herüber hallt das Echo der knallenden Jagdflinten. Hoch über den Bandseen, am Täligrat, haust eine Kolonie Steinwild. Diese Könige der Felsen sind glücklicherweise von Gesetzes wegen vor den Jägern sicher, und so glauben sie denn auch keinen Grund zu haben, sich unsern bewundernden Blicken zu entziehen. Überwältigt von der Pracht der Gegend, rasten wir am Ufer des oberen Sees ( ein Kleinod der Alpenwelt !) auf fast 2700 Meter Höhe. Munter springen die Forellen, die im See ausgesetzt wurden, aus dem Wasser; der Spiegel des Sees ist mit funkelnden Edelsteinen übersät, und im tiefen Blau spiegelt sich ein bunter Kranz schwarzer Felsen und weisser Gipfel, als wäre dieses Bild von Künstlerhand mit kräftigen Farben hingemalt.

Dies sind Bilder, die kein Werbeprospekt wiederzugeben vermag, Fahrten, die nicht in einem Führer stehen, die nicht auf einem weltberühmten Gipfel enden. Es wird keine alpinistische Leistung sein. Überhaupt finden wir in diesem ganzen Kranz der Dreitausender keine Namen, mit denen sich in Bergsteigerkreisen « Staat machen » liesse. Unnütze Verschleuderung der Kräfte? Tagwache beim Morgengrauen, stundenlange Märsche durch Seitentäler, steile Wiesen, ver- wünschte Geröllhalden, drückende Last am Rücken- und schlussendlich Rast auf dem Gipfel eines unbekannten Berges. « Männerchorberge », wie sie in der Wertungsskala des Volksmundes heissen; Mauerblümchen der Matter-, Weiss- und Schreckhörner. Wie viel stolzer klingen doch diese Namen! Hochachtung und Bewunderung ist die Ernte ihrer Bezwinger. Dennoch erleben auch wir noch und noch das stolze Gefühl des Sieges, vor allem aber das befreiende Gefühl der Stille und Weite, sei es auf einer Tour zu den Gipfeln des Dreigestirns Piz Turba, Piz Piot, Piz Duan, sei es auf der Spitze des ungekrönten Herrschers über dem Avers, dem Piz Piatta. Nicht minder ist hier die Fülle der Schönheit, die das Auge tränkt und die Brust mit Wonne füllt. Wir erinnern uns eines herrlichen Morgens, als wir unsere Säcke neben das Steinmannli aufdem Piz Turba legten. Es war ein leichter Aufstieg, wiewohl wir unsere Pickel im steilen, harten Schneehang kräftig schwingen mussten. Eine neue, herrliche Bergwelt erschloss sich unseren Blicken. Im dunklen Grün das Avers, seine Dörfchen scheinbar hilflos und verlassen im stillen Morgen liegend und dennoch von grauen Wänden felsenfest bewacht. Im Süden das Engadin und das Bergell, unter einer dicken Wolkenschicht verborgen. Doch über ihr ragten die Gipfel in unermesslicher Vielfalt himmelwärts. « Wer zählt die Berge, nennt die Namen, die aus dem Dunst zum Vorschein kamen? » ist man versucht, in Abwandlung des bekannten Wortes zu philosophieren. Wir nannten sie alle, die viel berühmteren Brüder und Schwestern unseres Piz Turba: Biancograt, Piz Roseg, Bella Vista, Disgrazia, die furchterregende Nordwand des Badile, ja die ganze Scioragruppe.

Ungezählte schöne Plätzchen haben wir noch nicht erwähnt: die Flüeseen am Stallerberg, das karge Bergalgatal, dem das steinige Wengenhorn kaum einen Sonnenstrahl gewährt, und nicht zuletzt das Dörfchen Juf, die höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung Europas. Wenn wir schon unsere Herzen dem Avers geöffnet haben,

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