Sommerbiwak auf 4000 m und Winterbiwak auf 1700 m

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Von M. Nager

Mit 1 BÜd

Ich wickle mir ein zweites Nastuch um den schmerzenden, mit angetrock-netem Blut verschmutzten linken Ringfinger. Ich hatte versucht, eines der schweren Geschosse dieser Wand, das eben seinen kürzesten Weg zum Gletscher antreten wollte, zu halten; es war zu schwer und rollte über den Finger weg und dann in rasendem Schuss in die Tiefe, einen Schwärm kleiner Schrot-körner mit sich reissend. Hermann räumt seinen Rucksack aus, um die Füsse darin verstauen zu können. Er ist geschäftig, will noch die letzte Tageshelle ausnutzen und sammelt alles irgendwie Essbare: harte Brotresten, ein Büchschen, etwas Dörrobst. Ich bin apathisch und fühle mich wie gelähmt. Das Wettrennen mit den Schatten ist längst verloren. Wieso kam es nur, dass uns die Zeit nicht ausreichte? Mit innerer Erleichterung gestehen wir uns gegenseitig ein, dass keiner von uns vor einer Stunde an ein Biwak in dieser Wand dachte. Mir kam der Biwakgedanke erst, als der Stein über meinen Finger rollte. Bis zu diesem Felsen, wo wir jetzt stehen, hatte aber keiner dem andern seinen Gedanken verraten wollen. « Nur möglichst hinunter aus dieser Wand, bis an eine Stelle, wo sich der Bergschrund gut passieren lässt !» Es war anders gekommen. Die Schatten hatten uns längst eingeholt und waren unversehens an den Mischabel hinaufgeklettert, und schon war die Dämmerung hereingebrochen.

Hermann kaut an einem harten Biskuit, ich an einem Brotrest. Zum xtenmal überdenken wir den Tageslauf. Hatte der Hüttenwart in der Tracuithütte nicht gesagt: « II fera le grand beau », als wir uns ans Seil banden heute morgen?... Und schon umpfeift uns ein eisiger Wind und reisst Hermann seinen teuren, schönen Filz, um den ich ihn schon immer beneidete, vom Kopf. In ungeheurem Tempo rollt er mit dem Westwind dem Grat entgegen hinauf; jetzt hält er eine Gedankenlänge an, um dann im nächsten Windstoss weit über den Grat hinauszufliegen.

In den Felsen auf der Ostseite des Bishorns finden wir den ersehnten Schutz vor Wind, Eisnadeln und Schneewirbeln. Wie elegant sich doch dieser herrliche Grat aufschwingt. Zuerst Eisgrat; dann flammen die herrlichen Gendarmen auf; am Grossen Gendarm geraten wir etwas zu hoch, und dann der herrliche, fein geschwungene Gipfelgrat! Fast mühelos gelangen wir auf den Gipfel, wenn auch der Rucksack anhänglich ist und viel Un-nötiges enthält. Ein Blick auf die Uhr überzeugt uns: halb 1 — bei herrlichstem Nachmittagswetter — es reicht noch lange für den Schalligrat, noch lange... Ein Ruck, beinahe wäre ich von der Felsplatte gerutscht. Ich atme tief und erleichtert auf.

Hermann bringt die Sicherung an. Er hat irgendwo einige Tropfen Wasser einfangen können und sucht nun Zündhölzer, um das Meta im Borde-Becher anzuzünden. Ein Zündholz nach dem andern flammt in der tiefschwarzen Nacht auf, bald in den rot schimmernden Händen, bald an der Felswand, bald im Rucksack. Vergebens, sobald es aufgeflammt und zu brennen beginnt, verlöscht es auch schon. Geduldig hat Hermann schon die ganze Schachtel geleert.

Hei, dort drüben brennt 's besser! Auf der Täschalp und noch weiter rechts, wohl am Gornergrat, lodern ungeheure Flammen ins Dunkel der Nacht; wir sehen deutlich, wie die Funken fliegen. Da kommt es uns in den Sinn: Augustfeuer! Hinter dem Mettelhorn wird es bald gelb, bald rot, der Widerschein des Feuerwerks aus den Zermatter Hotelgärten. Während Hermann Raketen sieht, glaube ich diese sogar zu hören. Gespannt hören wir hin, mäuschenstill: nein, der Festredner in Zermatt ist nicht zu hören! Nun beginnt 's auch hinter der Mischabelgruppe gelb aufzuleuchten: Augustfeuer in Saas-Fee? Jetzt mehr rechts. Das muss Wetterleuchten gewesen sein.

Der Gedanke an einen Nachtsturm in dieser Wand ohne Biwakmaterial macht uns leicht frösteln. Zuckend und unsicher lodert das Feuer auf der Täschalp, während das kleinere auf Tuftern langsam und ruhig verglimmt und das am Gornergrat immer wieder stichartig in die Höhe schiesst, bis es auch dort kleiner wird und langsam verschwindet.

Tiefschwarze Wolkenbänke schieben sich träge heran. Zu unsern Füssen ächzt der Schalligletscher, irgendwo zerbricht klirrend ein Eiszapfen im Bergschrund unter uns.

Hermann hat eine zweite Zündholzschachtel in meinem Rucksack entdeckt — wieder flammen die Hölzer eines nach dem andern auf. Vergebens, das Meta geht nicht an.

Melodien gehen uns durch die halbwachen Sinne und lassen uns nicht mehr los. Ravels Bolero in allen erdenklichen Tonarten, im Takt mit Hände-und Beinereiben, im Takt des Faustschlages auf den Rucksack, die leere Proviantblechschachtel pusten wir zwischen den Lippen durch. Nach dem xten Kehrreim Bolero befällt mich wieder ein Wachtraum. Zwischen diesen Wachträumen verrinnen regelmässig keine fünf Minuten. Enttäuscht nehme ich mir vor, nicht mehr auf die Uhr zu blicken. Ob wohl Hermann meinen Pust-Melodien zuhört? Sein Misserfolg mit den Zündhölzern ärgert ihn und beschäftigt ihn wohl. Wie gut hätte doch ein Becher heissen Kaffees unseren fröstelnden Gliedern getan. Nie mehr werde ich mit einer kurzen Unterhose eine Hochtour unternehmen, aber auch nie mehr, selbst nicht bei schönstem Wetter! Vorsätze werden gefasst, ernsthafte Vorsätze.

Gegen Morgen wird es langsam empfindlich kalt, ich reibe Beine und Arme, verschiebe meinen Schwerpunkt alle paar Minuten. In Richtung Normalroute Ostgrat glaube ich Stimmen zu hören; im Morgendämmerlicht erkenne ich die Partien ganz genau, sie rasten gerade — allerdings erstaunlich langschliesslich muss ich Hermann recht geben: bei Tageslicht besehen entpuppen sich die rastenden Partien als Felsen unserer Wand.

Und dann kommt langsam der Morgen. Gipfel um Gipfel wird von den gierigen Sonnenstrahlen erfasst. Da erglüht auch schon das Schallihorn zu unserer Rechten, jetzt wird wohl auch im Schallijoch der erste Strahl auftreffen, dann auf das Mettelhorn und die Wandrippe links von uns. Dann werden auch wir den wärmenden Strahl an unseren steifen Gliedern verspüren...

Dicke, schwere Schneeflocken und Schneefetzen flitzen an den Fenstern des Gotthardschnellzuges vorbei. Es wäre für uns trostlos, wenn wir unser Vorhaben nicht auf eine gute Wetterprognose des Radiowetterdienstes stützen könnten. Und überdies: War es nicht genau gleich vor acht Tagen?

Die Frau des Hüttenwartes der Kröntenhütte, in Erstfeld, will sich unseren Wetterprophezeihungen nicht anschliessen. Wir sollten warten, bis der Mann kommt — wenn wir schon auf die Hütte wollten, so gab sie uns den gutgemeinten Rat: Immer den Stangen nach, und — ja nicht zu hoch hinauf!

Mittlerweile ist es 16 Uhr geworden, höchste Zeit, ja allerhöchste Zeit, um die Hütte noch bei Tageslicht zu erreichen. Nach wie vor umtanzen uns die nassen Schneefetzen. Hans schreitet munter aus. Wir müssen Zeit gewinnen. Nur eines gefällt mir weniger: seine geschulterten Ski streifen jeden tiefen, unter der Schneelast gebeugten Ast. Erleichtert schnellt der Ast in die Höhe, während ich zwei Meter hinterher in der Traufe stehe.

Vor der Alphütte Bodenberg zweigt der Winterweg nach links auf die Ellenbogenalp ab. Lawinenresten und vereiste Scheeblöcke bringen uns tüchtig zum Schwitzen. Kurz vor 18 Uhr erreichen wir bereits die Ellenbogenalp und rasten einen Augenblick. Der Flockentanz hat sich so ziemlich gelegt. Kaum sind wir ein paar Schritte weiter, stehen wir auch schon in dichtem Nebel. Stangen sind längst keine mehr zu sehen. Wir queren zunächst tief eingeschnittene Bachtobel und winden uns zwischen Erlengebüsch in die Höhe. Dann traversieren wir Steilhänge, von denen wir jeden Augenblick glauben, dass sie ihre Neuschneetücher abschütteln. Vermeintliche Alphütten werden sichtbar, in der Nähe besehen sind es Felsblöcke. Wir steigen immer weiter, immer weiter; hatte die Frau des Hüttenwarts nicht gesagt: Ja nicht zu hoch hinauf?

Quälend ist das Bewusstsein, nicht recht zu wissen, wo man steht, besonders wenn die Dämmerung hereinbricht. Im Kerzenlicht gibt der Höhenmesser 1650 m an; Hans ist aber felsenfest überzeugt, dass wir mindestens schon auf 1900 stehen. Bald sind wir der Meinung, schon zu weit hinauf gestiegen zu sein, bald glauben wir, es könne nicht mehr lange in der eingeschlagenen Kompassrichtung gehen. Auch aus der Karte werden wir nicht recht klug: scheinbar scharf ausgeprägte Rippen durchziehen den auf der Karte ziemlich regelmässig erscheinenden Hang...

Mit der Kerzenlaterne in der linken und den zwei Skistöcken in der rechten Hand geht 's weiter. Wiederum lawinenschwangere Steilhänge, ab und zu kracht es verdächtig unter unseren Brettern, ein leises Gefühl von etwas Unheimlichem beschleicht mich. Ich öffne die Bindung, für alle Fälle! Hans scheint weniger Bedenken zu haben, ihn drückt der Rucksack mehr.

Es ist 21.30 Uhr, wiederum haben wir ganz behutsam einen Lawinenhang traversiert und gelangen auf eine Rippe. Mit dem Kerzenlicht taste ich vorsichtig nach vorne: gähnende Leere. Die Rippe scheint auf der Westseite einen Absturz zu bilden. Auf der Ostseite steigen wir noch einige Meter weiter hinauf, zu einem plattigen leicht vorspringenden Felsen und halten Kriegsrat. Biwak auf einem simplen Hüttenweg, vielleicht noch 100 Meter von der Hütte entfernt? Hans wäre für Weitergehen, das merke ich wohl; ich traue aber dem Neuschnee nicht mehr, das Krachen vorher kam mir unheimlich vor, und der Biwakplatz hier scheint zudem noch recht günstig. So entschliessen wir uns wohl oder übel zum Winterbiwak.

Kaum abgesessen, tanzen wieder Flocken um uns. Ein heftiger Windstoss gibt uns zu verstehen, dass unser Biwakplatz nicht in jeder Hinsicht gemütlich zu werden verspricht. Rasch wird es nun auch eisig kalt. Schneewirbel um Schneewirbel jagt uns der Biswind entgegen. In aller Eile ziehen wir alles an Kleidungsstücken an, was wir aus dem Rucksack zu angeln vermögen. Zwischen Rücken und Kleider schieben wir die neuesten Tageszeitungen, « Eisenbahnhandtücher » usw. Schliesslich fühlen wir uns eingepackt wie eine Kiste Chiantiflaschen.

Diesmal brennt das Meta ausgezeichnet; bedauerlich ist dagegen nur die Feststellung, dass wir zu wenig davon bei uns haben. Immerhin, es reicht für drei ausgiebige Schlucke warmen Kaffee. Und dann — essen wir, unmerklich, aber immerfort, stundenlang. Immer wieder zieht einer seine zwei Paar Handschuhe rasch aus, dann knistert es, und Schokolade oder Biskuits kommen zum Vorschein oder ein Stück Käse, Fleisch und Brot. Probleme werden durchbesprochen, heftig diskutiert, Erinnerungen ausgetauscht. Zwischendurch stellen wir fest, dass der Wind um uns herum eine ansehnliche Schneeverwehung aufgetürmt hat. Mit dem Rücken an den schwach überhängenden Felsvorsprung angelehnt, etwas eingeknickt, sitzen wir eng zusammen auf den Ski. Mit den Füssen haben wir uns im Schnee ein Loch festgestampft.

Von beiden Seiten rieselt der Wind den Neuschnee um den Felsvorsprung, der Flockentanz ist beinahe verebbt. Wie rasch eine solche Schneeverwehung doch entsteht! Plötzlich wird der Nebel durchsichtig, mildes Mondlicht dringt durch den Schleier. Da, mit einemmal, kristallklarer Him- mei über uns. Die Sonnigstöcke uns gegenüber glitzern im Neuschneekleid. Zum erstenmal blicke ich, für jede Enttäuschung gefasst, auf die Uhr: 3.30 Uhr, nie hätte ich mir träumen lassen, dass der Zeiger schon so weit ist! Für eine Viertelstunde schlafe ich regelrecht ein. Hans geht es ebenso; kaum erwacht, führt er Veitstänze auf, um sich Wärme zu verschaffen. Gleich löse ich ihn ab, dann wieder er — ein Südseeinsulaner hätte es kaum besser gemacht.

Bei der ersten Morgendämmerung räumen wir die Schneeverwehung weg, soweit dies nicht schon durch den Veitstanz geschehen ist, und brechen auf. Die Rippe mit der gähnenden Leere von gestern nacht stellt sich bei Tageslicht als harmloser Absatz von kaum zwei Metern heraus. Wir steigen — schon um uns wieder warm zu laufen — kurz entschlossen, mit den Ski in der Hand, 100 m in einem Lawinenhang gerade hinauf. Da sehen wir auch schon eine Stange — die zweite seit der Ellenbogenalp. Wieso hatten wir nur dem Höhenmesser nicht mehr getraut?

Wir waten förmlich im tiefen Neuschnee, bis zu den Oberschenkeln wühlen wir uns vorwärts zur Stange. 9.30 Uhr stehen wir bei unbeschreiblich schönem Wetter vor der Kröntenhütte. Staunend beobachten wir die Lawinenzüge am Schlossberg: immer wieder kracht es, eine Neuschneeschlange saust die Schlossbergwand hinunter, und auf dem Gletscher quillt minutenlang pilzartig eine Schneestaubwolke.

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