Sonnenfahrt über den Südgrat zur Dent Blanche

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Mit 2 Bildern ( 46, 47Von Rob. SchönbäcHler

( Zürich ) Schönbielhütte, Mitte Juli 1951 Beschirmt von einem über und über besäten Sternenhimmel und begleitet von hellem Mondschein verliessen wir, Geny Reiser, Ernst Sokol, Heiri Wicki und ich, kurz vor 2 Uhr die uns heimelig gewordene Schönbielhütte, nicht ohne von der so sehr besorgten Frau Sigrist einen Glückwunsch auf gutes Gelingen der Tour mitzubekommen. Der feste Glaube, heute ins richtige Couloir an der Wandfluh einzusteigen, verlieh uns einen kräftigen und zügigen Schritt. Nach einer guten Stunde erreichten wir den Schönbielgletscher oberhalb seines etwas abseits der Route liegenden Eisabbruches. Fast drückend auf uns wirkten von hier die noch im fahlen Sternen- und Mondlicht sich aufbauende Wandfluh und deren Fortsetzung, der Dent-Blanche-Südgrat. Ganz im Gegensatz zum Vortag, als zur gleichen Zeit schon Nebelfetzen um unsere Gesichter strichen, erkannten wir das uns vom Hüttenwart so eingehend geschilderte Schneeband, welches sich in fast gerader Linie von den untersten Couloirspitzen, schräg nach rechts aufwärts, auf das Plateau der Wandfluh zieht. Versprochen hatten wir uns, diese Route nicht zu verlassen, wollten wir doch einen Zeitverlust vermeiden, wie wir ihn am Vortag erlebten, als wir zu weit rechts, nach dem Col de Zinal, in die Wandfluh einstiegen. Über teilweise sehr brüchiges Gestein folgten wir so dem Schneeband, das uns, einer Spirale gleich, zu Punkt 3655 auf das Gletscherdach der Wandfluh führte.

Prächtig erstrahlten schon die Eispanzer der gegenüberliegenden Nordflanke der Dent d' Hérens und die ferneren Gipfel des Mont-Blanc-Massivs im Glühen der aufgehenden Sonne, als wir, vom fröstelnden Biswind noch umgeben, uns zu zwei Zweierpartien anseilten und den untersten Felsen des Südgrates der Dent Blanche zuschritten. Wohl auch bei meinem Seilgefährten Heiri war es das Erlebnis eines grossen, reinen Tagesanbruchs, das die Schuld daran trug, dass wir unbewusst in grössere Distanz von unsern zwei Kameraden, Geny und Ernst, gerieten. Kaum hatten wir einen hellen Jauchzer der nahen Dent-Blanche-Hütte zugesandt, vernahmen wir zu unserem Erstaunen dessen Erwiderung — zwei Bergsteiger auf dem Vorplätzchen der in so wunderbarer Gletscherwelt liegenden Hütte konnten wir uns zuwinken sehen. Bald machten wir einen ausgiebigen Halt, und erst als auch unsere Kameraden einige Nüsse, Weinbeeren und etwas Knäckebrot zu sich genommen hatten, nahmen wir die weiteren soliden und gut gestuften Felsen in Angriff. Trotz der teilweise einige Zentimeter hohen Neuschneeschicht kamen wir über die folgenden gutgriffigen Platten sehr gut vorwärts. Zufolge starker Vereisung des hinter dem grossen, markanten Gendarmen herabstürzenden Couloirs gerieten wir etwas zu weit nach links in die Westflanke, was etwelche « Feinarbeit » bis auf den Grat zurück erforderte. Einige verwächtete Stellen wechselten dann mit den nicht schweren, von Gendarmen durchsetzten Felspartien ab, bis ein fein geschwungenes Schneegrätchen die letzten Meter zum Gipfel führte. Über- und überglücklich über die wundervollen Verhältnisse gaben wir uns den Handschlag in 4356 m Höhe, in welcher sich die nach den vier Himmelsrichtungen in die Tiefe stürzenden Grate vereinigen.

Vor uns erhob sich eine Hochgebirgswelt, wie man ihresgleichen wohl suchen kann. Vorab das Weisshorn, dessen Nordgrat mit dem markanten Gendarmen sich scharf im Himmel abhob, das Zinalrothorn und das Obergabelhorn grüssten wir, gelangen uns doch die vorhergehende Woche deren Überschreitungen bei ebenfalls sehr guten Verhältnissen. Von etwas weiter weg grüssten der Nadelgrat, worauf die Liste unseres zukünftigen Wunschzettels an die Reihe kam, mit Dom, Täschhorn, hinüber zum geheimnisvollen Monte Rosa, zum Zmuttgrat und der imposanten Dent d' Hérens, deren Eisrouten uns im geheimen schon lange locken. In der Ferne erhoben sich majestätisch der Mont Blanc und dessen Trabanten, bedeutend näher der Grand Combin und, sozusagen unserer Dent Blanche angebaut, wesentlich unter uns, der Grand Cornier mit dem Moiry-Gletscherkessel. Die Berner Alpen zeigten in ihrer Reihe am deutlichsten das wuchtige Bietschhorn, und zuoberst im Rhonetal sahen wir die uns gut bekannten Berge ums Blindenhorn Immer wieder bewunderten wir den Viereselsgrat zu unsern Füssen, nicht ohne dankbar an den tüchtigen Hüttenwart der Mountethütte zu denken, der uns von einer Begehung so weise abgeraten hatte, denn was der Grat noch an Schnee auf sich trug, wäre « dick » gewesen, wie wir zu sagen pflegen. Sicher kein Wunder, dass der Grat in diesem Jahr noch nie gemacht worden war, muss doch dieser langen Fahrt eine längere Schönwetterperiode vorangegangen sein.

Nur ungern verabschiedeten wir uns vom warmen Plätzchen im Windschatten des Dent-Blanche-Gipfels. Doch wir wollten einen zu späten Abstieg bei den herrschenden Neuschneeverhältnissen vermeiden. Hiebei hatten wir nicht zuletzt den Abstieg durch die Wandfluh vor unsern Augen, wo wir mit dem Weggang der Sonnenbestrahlung mit Eisbildung zu rechnen hatten. In der Nähe des grossen Gendarmen entdeckten wir die Touristen, die wir in der Frühe vor dem Dent-Blanche-Hüttchen gesehen hatten, doch befanden sie sich eigentümlicherweise auf dem Abstieg. Einen Grund konnten wir uns fast nicht erklären und, da wir die Burschen nicht einholten, auch nie erfahren. Bald darauf hasteten wir unsere Seile auf die Säcke, denn diese hinderten und erschwerten nur noch den Abstieg über die letzten leichten Felsen des zu Ende gehenden Südgrates. Vorsichtig und dicht aufgeschlossen stiegen wir die lebendige Wandfluh hinab, uns wiederum an das bewährte

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