Sonntagsstreifzüge im Gebiet des Fellithals

Hinweis: Questo articolo è disponibile in un'unica lingua. In passato, gli annuari non venivano tradotti.

C. Seelig jun. ( Sektion Uto ).

Von Gewiß hat schon mancher der Leser beim Einfahren in die Station Gesehenen die gerade gegenüberliegenden Berge und die steile Schlucht des Rienthals betrachtet; besonders im Winter und im Frühling bietet der Blick dort hinauf specielles Interesse, denn durch diese Schlucht herab kommen die gewaltigsten Lawinen, welche die dort wild schäumende Reuß oft viele Meter hoch überdecken und eine Naturbrücke bilden, die oft bis spät in den Sommer hinein sich hält. Nach Mitteilungen von Führer Z'graggen und Gamma und sonstigen Bekannten in Gesehenen sollen die Berge des Rienthals und weiterhin des Fellithals von Touristen noch wenig oder gar nicht besucht worden sein, nur schätze- lüsterne „ Strahler " ( Krystallsucher ) haben sich dorthin verstiegen und dort allerdings reiche Beute gefunden. Der höchste Punkt der Kette, der Rienzenstock, präsentiert sich beinah am stattlichsten vom Urserenthal oder von der Furkastraße her; da ragt er so steil auf, daß ein Emporkommen ganz unmöglich scheint, während in Wirklichkeit die Besteigung eine ganz angenehme und anregende Kletterei bildet.

Diesen nahm ich zuerst aufs Korn und Sonntag den 11. Juni 1892 ging 's mit dem, dem Leser dieses Jahrbuchs hinlänglich bekannten, Nacht- zug nach Gesehenen. Da ich keinen Begleiter gefunden, mußte ich allein losziehen, verließ Gesehenen morgens 2 Uhr, überschritt die Reuß auf einem unterhalb der Station angebrachten schmalen Stege ( dessen Zugang bei Nacht übrigens für Uneingeweihte nicht nur schwierig zu finden, sondern geradezu gefährlich ist ), und über den aus dem Tunnelmaterial aufgeführten Schuttkegel hinweg gelangte ich in den Eingang des Kienthals, oder besser gesagt, der Rienthal-„Schlucht ". Da gab 's sofort anregende Arbeit, denn der ziemlich stark angeschwollene Bach hat keine Brücke, sondern muß, um auf den am rechten Ufer sich hinaufziehenden Weg zu kommen, übersprungen werden, und da beim trügerischen Dämmerlicht die Sache weiter oben besser aussah, kletterte ich mühsam und in steter Erwartung eines unfreiwilligen Bades am linken Ufer empor, um schließlich beim nicht länger aufzuschiebenden mächtigen Sprunge doch noch bis halb an die Kniee ins Wasser zu patschen! Der Weg, eigentlich nur ein „ Geißpfad ", ist ein Stück weit abgerutscht und war an jener Stelle an dem jähen haltlosen Hange unangenehm zu passieren; weiter oben verließ ich ihn ganz und stieg direkt über den die verschiedenen Felsabsätze der Schlucht noch verbindenden Lawinenschnee aufwärts, was ungleich schneller vorwärts brachte. Um 4 Uhr und 6 Uhr machte ich je halbstündige Rast und war um 7 Uhr am Fuße der letzten steilen Felswand. Unterwegs hatte ich auf einem Schneefeld ganz merkwürdige Spuren eines Tieres getroffen, und wenn ich nicht wüßte, daß in jener Gegend keine Bären mehr vorkommen, hätte ich sie für Bärenspuren gehalten. Nie zuvor hatte ich ähnliche Tritte gesehen. Die Spuren waren gut handgroß, tief eingedrückt und zeigten die Vertiefungen von Krallen. Die von weitem so bös aussehende Felswand bot, wie schon erwähnt, keine ernstlichen Hindernisse, und um 8 Uhr stand ich auf dem Grat zwischen den beiden Gipfeln des Rienzenstocks; der nördliche ( oder Brunnenstock ) ist mit 2964 m dem südlichen ( oder Bächistock ) um 7 m überlegen, und so wandte ich mich dem höhern zu, über den ziemlich luftigen Grat hin noch tüchtige Kletterarbeit vorfindend. Um 8 Uhr 45 Min. stand ich auf der obersten Gipfelplatte und war nicht wenig erstaunt über den prächtigen Blick, der sich mir da namentlich ins Geschenergebiet hinein bot, ein Blick, äußerst instruktiv für die Besteigung manches dortigen Gipfels, da man die zu verfolgende Route vom Thal bis zum Gipfel überschauen kann. Doch zu langen Betrachtungen war keine Zeit; schwarze Wolken zogen vom Krönten heran; am Fleckistock regnete es schon, und grollender Donner mahnte unheimlich, daß ich da an unsicherem Orte sei. Nachdem ich meine Biscuits und 1k Kilo frische Kirschen verzehrt und deren Steine als Besteigungs-dokument zurückgelassen hatte, stieg ich auf dem Grat ein Stück weit zurück und dann über die äußerst jähe und ziemlich böse Wand hinunter nach der Fellithalseite auf den dort anschließenden kleinen Firn.

Das mitgenommene Seil erlaubte mir diesen, ohne dieses Hülfsmittel und Begleitung sonst kaum auszuführenden, Abstieg. Zur Belohnung fand ich dabei cirka 10-12 Pfund recht hübsche, schwarze Bergkrystalle, zum Teil sehr schön ausgebildet, die per se mitgenommen wurden.

Um 9 Uhr 15 Min. hatte ich den Gipfel verlassen; eine Stunde später stand ich auf dem Firn, zeitweise in dicken Nebel oder leichte Regenschauer eingehüllt. Ein höchst unangenehmes Traversieren in geradezu unanständig weichem Schnee an steilem Hang brachte mich nach beinah zweistündigem Waten zur Fellilücke ( 2490 m ) um 12 Uhr. So müde hatte mich diese Stampferei gemacht, daß ich trotz Regen und Wind, in mein Lodenmänteli gewickelt, auf dem Schnee beinah eine Stunde schlief. Um 1 Uhr ging 's dann durch den Nebel abwärts dem Oberalpsee zu, an dessen Ausfluß just das neue Wirtshaus eröffnet worden war. Von 1 Uhr 50 Min. bis 2 Uhr 10 Min. fröhnte ich da bei einem Dreier Waadtländer wieder dem sonst beim Steigen verpönten Alkoholgenuß. Verflogen sind alle Temperenzlerideen bei der Ankunft im Thal und gebieterisch verlangt der aufgesparte „ Dorscht " nach Bier und anderem sündhaftem Getränk. Die dadurch neugeweckte Energie bringt mich in 50 Minuten auf der Oberalpstraße, resp. deren Abkürzungen, nach Andermatt, und in weiteren 40 Minuten nach Gesehenen, wo die Zeit noch zu weiteren Schwelgereien reicht. Rundtour von 14 Stunden, Kosten inklusive Eisenbahnfahrt II. Klasse Zürich-Gesehenen und zurück cirka 15 Franken. Ursache der Billigkeit: Ich war führerlos!

So, das war der Anfang!

Drei Wochen später, Sonntag den 1. Juli, morgens um 2 Va Uhr, kletterte ich, wieder ganz allein, in der Rienthalschlucht empor; aber diesmal bog ich rechts ab, überschritt den Bach und stieg über die Klauserlialp nach dem Gratzug, der vom Schienstock her sich parallel der Oberalp nach den Schöllenen hinzieht. Bei Punkt 2502 erreichte ich um 7 Uhr 45 Minuten morgens einen ersten Kulminationspunkt des Grates, der sich nun, zum Teil wild zerrissen, weiter emporzieht. Teils auf dem Grat selbst, teils links oder rechts daneben, immer in famoser Kletterei, gelange ich um 9 Uhr 20 Min. auf Höhenquote 2792, dem höchsten heute für mich erreichbaren Punkt. Es ist ein herrliches Ausschauen da oben, ein Prachtswetter ist heute, warme, göttliche Luft und ein goldener Sonnenschein, der einem selbst in Hemdsärmeln beinah noch zu warm macht. Gerade direkt unter mir liegt Gesehenen; kehre ich mich um, so schaue ich ins tiefblaue Auge des kleinen Lauter-Seelis unten an der Felswand und darüber hin in den dunkeln Spiegel des Oberalpsees; freundlich und verlockend grüßt das Wirtshäuschen herauf. In Gesehenen sehe ich gerade in den Bahnhof hinab und sehe die Leute auf der Straße und über die Brücke wandern und in die Kirche gehen, und da tönen auch schon die Sonntagsglocken empor; ganz feierlich wird 's mir zu Mute auf meinem hohen und luftigen Kirchensitz, der so geeignet zu stiller Andacht wie kein Polstersitz in irgend einem Dom der WeltDoch da passiert 's mir, was manchem frommen Kirchenbesucher, in aller Beschaulichkeit bin ich wahrhaftig eingeschlafen und habe ein Stündchen herrlich verträumt!

Jetzt wird man aber wieder munter; rasch wird ein kleiner Steinmann auf dem wohl noch unbesuchten Gipfel errichtet, ein Zettel hineingesteckt und um 11 Uhr beginnt der Abstieg: erst traversiert nach Nordost, dann in ein böses Couloir direkt nach dem Lautersee hinunter; mein treues Seil hilft mir über zwei schlimme Stellen glücklich hinweg, um 11 Uhr bin ich unten an der Wand und um 12 Uhr 30 Min. schon führe ich ein Sybaritenleben am Oberalpsee. Daß diese Tour mich ungefähr 3 Franken mehr kostet als die letzte, daran sind die im Wirtshaus zu Mittag speisenden Offiziere schuld; bekommen die nach der Suppe Forellen, und was für Forellen! Mir läuft gleich alles Wasser im Mund zusammen, ein Blick ins Portemonnaie und „ fürt mit dem Chäs, gänd Sie mir au ä Forälle.Um 1 Uhr 30 Min. erst geht 's fort und im Eilschritt nach Andermatt, wo ich drei Viertelstunden später mit dem von der Gescheneralp über die Winterlücke hier angekommenen Clubgenossen Näf zusammentreffe. In 40 Minuten springen wir nach Gesehenen hinunter, erwischen noch den Eilzug und sind um 6 Uhr schon bei unsern Penaten!

Acht Wochen sind verstrichen und wieder entsteige ich, ein einsamer Wanderer, dem Nachtzug in Gesehenen ( 19. August ); zwei Tage Ferien, da kann man „ schletzen ", da soll 's den Bergen im Fellithal auf den Leib. Zwar sternenhell, aber doch stockdunkel ist 's, und so will ich von der Oberalp her ins ersehnte Gebiet eindringen; so kann ich doch auf guter Straße den Nachtmarsch machen. Um 2 Uhr von Gesehenen fort, komme ich fünf Viertelstunden später durch Andermatt und, vertraut mit allen Schleichwegen, bin ich schon 4 Uhr 45 Min. beim Wirtshaus am Oberalpsee. Gerade wird 's Tag, aber alles schläft noch, und es kostet einige Anstrengung, bis die Köchin munter wird und mir einen Kaffee verspricht. Sonst bin ich nicht so darauf versessen, aber der Morgenmarsch hat Appetit gemacht, zu viel Proviant habe ich ohnehin nicht bei mir, und die nächsten 24 Stunden wird 's kaum etwas Warmes geben; also will ich die Segnungen der Civilisation noch einmal genießen. Herrgott, wie das Frauenzimmer lang braucht zur Toilette! Das Haus ist noch geschlossen, und so setze ich mich draußen auf einen Stuhl, hülle mich in mein Lodenmänteli und schlafe prompt ein.

Ein sanfter Rippenstoß weckt mich: „ Wandt Sie öppis derzu ?" fragt mich jemand. Ganz erschrocken fahre ich auf: „ Zu wasHäh, zum KaffeeJa so, he was au, wahrschinli bacheni Forälle !" war meine mürrische Antwort, und weiter schlafe ich, bis endlich der Ruf ertönt: „'s ist färtig.So, da steht der Kaffee und — mich rührt beinah der Schlag — wahrhaftig auch zwei gebackene Forellen dabei — morgens um 1Ì2& Uhr! Na, da waren sie, bezahlen mußt'ich sie auch, essen könnt'ich sie nicht, ergo wurden sie sorgfältigst eingepackt und mitgenommen, samt zugehöriger Citrone!

Erst um 6 Uhr 30 Min. kam ich aus diesem Capua fort, und nun ging 's aber in Eilschritten zur Fellilücke hinauf, die ich nach fünf Viertelstunden erreichte. Ein abscheulich kalter Wind ging da oben in dem Paß zwischen Oberalp und Fellithal, und rasch suchte ich Schutz hinter ein paar Felsen.

Zur Linken ragt stotzig der Spitz des Schneehühnerstocks in die Luft und zur Rechten der Piz Tiarms, beides noch unbekannte Größen; nehmen wir also beide! Nach halbstündiger Rast geht 's dem erstgenannten Gipfel zu und um 9 Uhr 10 Min. stehe ich auf der touristisch, wie es scheint, noch nicht besuchten Spitze des Schneehlihnerstocks ( 2783 m ), baue oben ein Steinmannli, sehe mich ein wenig um und steige nach einer halben Stunde wieder zu meinen Effekten in die Fellilücke hinunter; es war ein ganz netter Gipfel so morgens zu nehmen, schnell vor dem Kaffee!

Jetzt aber hat 's Appetit gegeben, und voll innerstem Behagen verzehre ich meine Forellen. Sapperment, das mundet, und trotz allen Vorsätzen, auf Bergtouren keinen Alkohol mehr zu konsumieren, hätte ich mit Wonne eine Flasche „ Weißen " geleert, wenn ich welchen gehabt hätte. Gottlob, kam ich nicht in Versuchung!

Um 11 Uhr wird der Sack wieder auf den Buckel genommen, und ich steige den Grat Nordost der Lücke hinauf dem Piz Tiarms zu, auf der Karte auch Juff genannt. Das Wetter hat mir heute schon etwelchen Kummer gemacht; der heftige Wind schlug aber zum Besseren um, und von 12 Uhr an hatte ich nichts mehr zu fürchten. Wenige Tage zuvor waren einige Centimeter Neuschnee gefallen, der, höher oben von Luft und Sonne noch nicht fortgenommen, das Erklettern der Felsen etwas mühsamer macht. Den letzten Gipfelaufbau, einige freistehende mächtige Platten, muß ich vom Grat von Norden her nehmen, und dieses letzte Stück giebt mir noch gehörig Arbeit. Sack und Pickel habe ich einige Meter weiter unten zurücklassen müssen, weil zu hinderlich; um I2V2 Uhr cirka komme ich endlich hinauf und stehe triumphierend auf der Spitze. Der prekäre Standpunkt läßt jedoch keine großen Kapriolen zu, und so begnüge ich mich mit dem bekannten alpinen Geheul, von Schmeichlern als „ Juchzer " bezeichnet.

Potz tausend, was da oben aber für ein prächtiger Rundblick ist! Da erschließt sich meinem Auge ja eine ganz neue Gegend. Die Oberalpstraße ist in ihrer größten Ausdehnung und weit hinunter das Rheinthal sichtbar. Rechts unten liegt der Oberalpsee und an seinem östlichen Ende die eidgenössischen Barackenbauten. Von der Poststraße aus zweigt eine breite Fahrstraße zu den Baracken ab, führt daran vorbei und auf den direkt unter mir liegenden Gipfel des Calmot ( 2310 m ), auf dem ebenfalls Befestigungsanlagen errichtet sind, die also fast 300 m über dem Oberalpsee liegen und die ganze Straße und eine schöne Strecke des Rheinthals beherrschen. Drehe ich mich um, so sehe ich ins Fellithal hinunter und auf die einsam liegenden Alphütten von Obermatt, bei denen ich zehn Stunden später kampieren sollte. Nach Norden zu liegt der Federstock, ein jedenfalls noch unbesuchter, trotziger Geselle, der soll aber auch noch einmal dran glauben! Gerade gegenüber, getrennt durch das wilde, beinahe ganz verschüttete Hochthal „ Val de Val ", liegt der Crispait; von dem hatte mir Z'graggen schon vorgeschwärmt, und da lockte mich der Gipfel auf einmal so an, daß ich beschloß, ihn auch noch schnell zu besuchen. Zeit war aber keine zu verlieren; wegen des Nachtquartiers machte ich mir keine Sorgen, hatte ich doch Kochapparat und Spiritus, sowie mein Lodenmäoteli bei mir, da war ein Bivouak schon auszuhalten. Stieg ich also um 1 Uhr 20 Min. wieder hinunter von meinem Hühnersitz nach der nördlich gelegenen Lücke ( gerade wo Zahl 2915 steht, welche Höhenquote aber dem soeben verlassenen Gipfel des Piz Tiarms zukommt ). Der Abstieg hatte seine Mucken, und auch in seinem weitern Verlauf über einen kleinen Firn und jähe Schutthalden hinweg in die Val de Val war 's ein mühsamer und rauher Pfad. Um 1lss3 Uhr komme ich auf dem obersten Thalboden an, ungefähr bei Zahl 2559, mache eine Viertelstunde Rast und beginne dann sofort mit dem Aufstieg in die nördlich vom Crispaltgipfel befindliche Lücke ( Crispalt-joches geht sehr steil, aber leicht und gut empor, und um 4 Uhr packe ich in der Einsattlung auf einem aus dem Schnee ragenden Felsblock meinen Rucksack aus, um „ Z'abig " zu nehmen. Schon beim Aufstieg war mir bie und da ein verdächtiger Geruch in die Nase gestiegen, und nun bestätigt sich meine Ahnung auf schreckliche Weise: die Flasche mit denaturiertem Spiritus war ausgelaufen und hatte meine ganzen Eß-vorräte völlig durchtränkt; ein liebliches Aroma entstieg dem geöffneten Sacke; mir aber wurde vor Schreck ein paar Augenblicke ganz dumm zu Mute, denn mit dem Bivouakieren ist 's nun ohne Brennmaterial finden Kochapparat nichts mehr. Und da habe ich auch plötzlich nichts Genießbares mehr bei mir, ist mein erster Gedanke, aber der zweite schon: in der Not frißt der Teufel Fliegen, und so packe ich meine Habseligkeiten aus und garniere damit alle umliegenden Felsen. Nach 20 Minuten mache ich mich auf den Weg zum Gipfel; bis ich zurückkomme, kann das Zeug verluften. Der ganze obere Gipfelaufbau ist mit Neuschnee 2—3 Zoll hoch bedeckt, und infolgedessen ist die Kletterei nicht ganz harmlos, zumal das Gestein ganz gehörig faul ist. Mächtige Blöcke fliegen oft unter Donnergepolter bis zur Thalsohle der Val de Val hinunter, unzähliges kleines Zeug mit sich reißend. Doch nach 40 Minuten habe ich den höchsten Punkt des Crispait ( 3080 m ) unter meinen Füßen, abends um 5 Uhr! Jedenfalls war noch keiner vor mir so spät am Tage da oben!

Neu an der Aussicht auf dem Crispait ist für mich nur der Blick in die Val Giuf und ins Rheinthal hinunter, das man bis nach Chur verfolgen kann; es ist ein so schöner Abend, daß ich gerne länger da oben verweilt hätte, doch hieß es noch ein Nachtquartier finden. Rasch durchstöbere ich den Steinmann, finde aber nur eine Flasche, in welcher die Karte von Herrn Lavater-Wegmann ( 25. Juli 1885 von Tschamut durch die Val de Val mit Martin Beda von Tschamut 1 ) und von Dr. E. v. Schuhmacher ( 23. Juli 1888 Morgens 4 Uhr 20 Min. ) und E. v. Moos ( mit Ambros Z'graggen ) sich befinden; ich füge die meinige dazu und beginne 5 Uhr 20 Min. mit dem Abstieg zur Lücke. Derselbe nimmt die gleiche Zeit wie der Aufstieg in Anspruch, und erst um 6 Uhr lange ich wieder bei meinen Effekten an, die inzwischen verluftet und den widrigen Spritgeruch beinah gänzlich verloren haben. Nun rasch zusammengepackt und hinunter ein Stück in die Val Giuf auf den namenlosen Firn. Ein ganz netter Bergschrund und einige bei der Kleinheit des Gletscherchens doppelt auffällige Spalten geben etwas zu schaffen. Auf dem Firn schwenke ich links, d.h. nach Norden ab, zu der nach dem Wichelthal sich hinziehenden Lücke, dem Giufpaß, den ich um 7 Uhr abends erreiche. Ich schalte hier ein, daß ich betreff der verschiedenen hier genannten neuen Paßnamen, wie Crispaltjoch, Giufpaß etc., mich an das kleine, aber äußerst genaue und ausführliche Werk von Coolidge „ Climber's Guides: The Range of the Tödi " halte, ein Führer, wie er in seiner Ausführlichkeit und Gewissenhaftigkeit bis jetzt wohl einzig dasteht. Coolidge giebt da jedem begehbaren Passe oder Übergange den zutreffenden und richtigen Namen, welche wohl übereinstimmen werden mit den eventuell von den Älplern und Jägern gebrauchten.

Eine kleine Strecke vor der Lücke bricht der Gletscher plötzlich ab in einer wohl 12-15 m dicken Firnschicht, und zwischen dieser und der Lücke liegt ein kleines mit dickem Eis bedecktes Seeli, die ganze Örtlichkeit trägt einen polaren Charakter, wozu der heftig sich erhebende eiskalte Wind nicht wenig beiträgt. Verlockend nah und leicht ersteigbar liegt der Piz Giuf rechts neben der Lücke, aber all' mein Sehnen und Trachten geht nur noch auf ein warmes Nachtquartierich bin müde und friere stark. Der Karte und meiner Phantasie nach soll nun vom Giufpaß ins Wichelthal hinunter ( der Paß wird cirka 2900 m hoch sein ) eine, wenn auch steile, so doch gangbare Schutthalde führen. Ja wohl, grausame Enttäuschung, ein Firnfeld von geradezu abschreckender Steilheit fällt in beunruhigender Kurve hinab, cirka 500 m tief, und es verliert sich das Ende im Dämmerlicht des Thals. Zu al ledern ist dasselbe, weil auch über Tags wohl gänzlich im Schatten liegend, hart gefroren und mit einer mehrere Centimeter dicken Schicht Neuschnee bedeckt. Mir ist 's äußerst ungemütlich, und zum erstenmal heute bereue ich, so ganz allein zu sein. Kaum getraue ich mich auf den jähen Firnhang und zögernd nur trete ich rückwärts Stufe für Stufe hinab; der Firn ist so hart, daß der Pickelstock nicht hindurch geht, nur die Spitze faßt leicht ein, giebt aber keinen Halt; ich ziehe mich links nach den Felsen hin, hoffend, dort mehr Glück zu haben, aber da ist 's wo möglich noch schlimmer, ein Abstieg ganz undurchführbar, und es bleibt mir eben nur der Firnhang. Mit Riesenschritten rückt die Nacht heran, hinunter muß ich, und so gehe ich mit halber Todesverachtung wieder an die Arbeit. Rückwärts treten geht zu langsam, da brauchte ich manche Stunde bis hinunter, so drehe ich mich sorgfältig um und probiere es mit dem Gesichte voraus. Im Thal ist 's schon Nacht, und daß ich das Ende einer eventuellen Rutschpartie nicht erblicken kann, erhöht das Unheimliche der Situation — dazu plagt mich ein gräßlicher „ Kuhnagel ", vulgo Frost, der mir förmliche Thränen auspreßt. Die Schneeschicht auf dem Firn, die ich verwünscht habe, ist übrigens zu meinem Heil, denn nur sie ermöglicht mir das Hinunterkommen; von Zeit zu Zeit löst sich ein Stück ab und fährt zischend zu Thal. Allmählich werde ich frecher und probiere mit krampfhaft eingestemmtem Pickel und versperrten Beinen zu rutschen, doch darf ich jeweils nur wenige Meter fahren, da die Schnelligkeit so zunimmt, daß ich der Bewegung nicht mehr Meister werden kann.

Zu meinem Glücke komme ich in einen alten Lawinenzug, in dem weicher Schnee liegt, der mir eine regelrechte Abfahrt gestattet. In sausender Fahrt geht 's zu Thal, die zehnfache Strecke, zu der ich zuvor Va Stunde gebraucht, wird nun in kaum einer Minute zurückgelegt, und hoch aufatmend komme ich um cirka 79k Uhr ans Ende der Firnkehle. Im Dämmerlicht gewahre ich noch das böse Ende, das bei einer unfreiwilligen oder nicht richtig gelenkten Rutschpartie meinem Leben einen raschen Abschluß gebracht hätte!

Den nun folgenden Marsch in dunkler Nacht das Wichelthal hinaus durch ein Labyrint von Felstrümmern aller Dimensionen will ich nicht schildern; heute noch wundert 's mich aber, daß ich noch im glücklichen und ganzen Besitz aller Extremitäten bin, offenbar hatte damals mein specieller Schutzengel eine schwere und anstrengende Arbeit mit mir! Sanfter Natur, wie ich bin, erinnere ich mich nicht mehr deutlich, ob ich damals auch geflucht habe, aber das weiß ich genau, daß es ein Heiliger hätte lernen können! Die in der Karte eingezeichnete „ obere Hütte " existiert jedenfalls nicht mehr, wenigstens habe ich sie nicht finden können und habe doch 50 und mehr Felsblöcke dafür angegangen und unter- sucht; auch beim Übergang über den Bach habe ich noch Pech, ich nehme den Sprung zu kurz, und bis an die Knie patsche ich mit beiden Stelzen hinein, na, es ging in einem hin!

Endlich, endlich, nachts um 10 Uhr, zwanzig Stunden nach dem Aufbruch von Gesehenen, stoße ich auf die Hütten von Obermatt im Fellithal, die ich am Morgen vom Piz Tiarms aus hatte sehen können, und nach langem Rufen gelingt es mir, einen Sennen herauszutrommeln, der mir sogar noch warme Milch bereitet, ein Götterlabsal für den ausgedörrten Schlund und Magen. Aber mit dem Übernachten stand 's faul! Nur eine schmale Pritsche mit wenig Heu und eine Decke für zwei Sennen und einen Buben, die schon hochkant liegen mußten, dazu weder in der Hütte noch um diese herum irgendwo ein trockenes Plätzchen, die Hütte selbst nur aus Trockengemäuer aufgeführt und gegen den Nachtwind gar keinen Schutz bietend. Nach langem Parlamentieren erinnert sich jedoch der Senn, auf dem Dach der Nebenhütte einen Haufen frisches Gras zu haben, das er mittags geschnitten und dorthin zum Trocknen und zum Schutz vor dem Vieh gelegt habe.Voller Freude vernehme ich das, und schon fünf Minuten nachher habe ich mich in dem Grashaufen eingenistet und völlig eingegraben; zwar ist 's naß, aber es wärmt doch und das Lodenmänteli, über das Ganze gedeckt, schützt ganz ordentlich und ich schlafe bis 3 Uhr morgens famos. Dann aber kommt von der Fellilücke her der Morgenwind und der kältet durch alles hindurch, so daß ich bis 5 Uhr halb erfroren bin; jetzt stehen die Sennen auf und schleunigst retiriere ich mich in deren warme Lagerstätte und schlafe dort bis sage 7 Uhr!

Der Senn, ein freundlicher Mann von Gurtnellen, fragt mich nun beim Morgenimbiß mit seinem Gehülfen und einem hinzugekommenen Strahler aus bis aufs Blut! Offenbar war ihnen ein Mensch, wie ich, der allein und zu seinem Vergnügen in den „ Stecke det oben " herumklettert, völlig rätselhaft; sehr ungläubig vernahmen sie von meiner Tour vom Tag zuvor und ganz unwahrscheinlich schien ihnen der Abstieg ins Wichelthal bei Nacht, den der Strahler gut kannte und den, wie er sagte, er „ nicht für alle Schätze der Welt " machen wollte. Mit der herrlichen Milch pumpe ich meinen Magen voll, gebe dafür dem Sennen meinen kleinen noch vorhandenen „ Landjäger- " und Chokoladevorrat und verabschiede mich um halb 9 Uhr. Recht schwer kommt mir heute der Sack vor, hatte ich doch gestern den ganzen Tag mehr als zehn Pfund unterwegs gefundene Krystalle mitgeschleppt, aber spüren thu'ich sie erst heute.

Um nach Gesehenen zurückzukommen, pilgere ich nun wieder der Fellilücke zu, biege aber cirka eine Stunde unterhalb rechts ab und steige über steile und abscheuliche Schutthalden und später über Firnfelder hinauf zur Rienthallücke ( 2696 m ), die ich um 12 Uhr erreiche. Unter- Jahrbnch des Schweizer Alpenclub. 30. Jahrg.13 wegs habe ich auf dem Firn noch zwei große, prächtige, schwarze Krystalle gefunden, deren Transport mir aber im Verein mit den andern manchen Schweißtropfen kostet. Etwelche Arbeit bereitet mir noch in der Rienthallücke ein dort kaum für möglich zu haltender Bergschrund, der vom Schienstock aus zum Rienzenstock den ganzen Firn in mächtiger breiter und tiefer Spalte durchsetzt und ein Überschreiten ganz unmöglich macht. Zum Glück bieten die Felsen des Rienzenstocks die Möglichkeit, denselben zu umgehen; aber es heißt dabei scharf aufpassen! Eigentlich bin ich ziemlich müde, aber ich bringe es doch nicht übers Herz, den Schienstock ( 2893 m ) links liegen zu lassen, mache mich also um 12 ühr 30 Min. noch daran und babe nach cirka XU Stunde die 200 m zum Gipfel zurückgelegt. Der Schien ist schon zuvor besucht worden, aber gewiß vor langer Zeit, denn in der vorgefundenen Flasche ist nur eine ganz vermoderte Visitenkarte, die keine Spur mehr einer Schrift erkennen läßt. Nach halbstündigem Aufenthalt steige ich wieder zur Lücke hinunter, nehme meine Siebensachen auf und klettere das zum Abstieg sehr wenig empfehlenswerte Rienthal hinab nach Gesehenen. Punkt 4 Uhr marschiere ich im Bahnhof ein, so ausgetrocknet wie nach einem Marsch durch die Sahara! Habe dem Übel aber abgeholfen! Das waren meine Fahrten im gesegneten 1892.

Im Jahr 1893 gab 's gar viele Abhaltungen, und dem schönen Laster der Bergsteigerei konnte nur in sehr bescheidenem Maße gefröhnt werden; es wurde August, bis ich wieder einmal vom Nachtzug in Gesehenen ausstieg und teils im Nebel, teils in strömendem Regen zur Oberalp zog. Eigentlich hatte ich zu Hause bleiben wollen, aber mein dicker Schwager hatte mir mit einem Pariser Freund und Vetter auf Sonntag den 6, August Rendez-vous auf die Oberalp gegeben: morgens zwischen 5 und 6 Uhr, tun nach einer Tour auf den Pizzo centrale von hier aus gemeinsam mit mir einen Sprung in meinen neuen Jagdgrund zu machen. In Zürich war am Samstag abend ganz gemeines Regenwetter, und als ich pflichtschuldigst und ausgerüstet zum Nachtzug auf den Bahnhof zog, mußte ich hinter mir her manche böse Bemerkung hören. Das Pflichtgefühl überwog und ich kam Sonntag früh wenige Minuten nach 5 Uhr, zwar ein wenig feucht, aber doch richtig auf die Oberalp, woselbst mein Schwager mich vor dem Wirtshaus mit freudigem Hailoh empfing. Erst später begriff ich dann seine außergewöhnliche Freude, denn ich hatte ihm zum Gewinn einer Summe von 20 Franken verholfen, indem der Pariser genannten Betrag wettete, daß ich nicht komme; er könne sich nicht denken, daß ein Mensch so verrückt sei, bei solchem Wetter nach der Oberalp zu reisen. Der Pariser mit langem Gesicht und wir mit innigem Behagen schwelgten dann bis 6 Uhr in einer Kaffeeorgie, worauf wir einen Marsch nach der Fellilücke für angezeigt hielten, doch ohne Pariser, der dann per Vehikel auf gewöhnlicher Route zurückkehrte. Schlechter kann 's nicht kommen, es kann nur besser werden, versicherte ich meinen Schwager, und richtig, auf der Fellilücke schneite es ganz tüchtig, fing aber bald an nachzulassen und wurde auf den Mittag sogar ganz ordentlich und natürlich auf den Abend und Montag wieder schön, per se, weil ja in St. Gallen damals das Clubfest war!

Von der Fellilücke aus stiegen wir ein kleines Stück gegen das Fellithal hinunter und dann links aufwärts nach Punkt 2703 und Punkt 2707, immer im Nebel und zeitweise in leichtem Schneegestöber; wir erwarteten reiche Ausbeute an Krystallen zu machen, es war aber nichts damit, die Verhältnisse waren zu ungünstig, und so begnügten wir uns mit unsern zwei Gipfelpunkten. Da eine Gratwanderung nach dem Schienstock, resp. über diesen hin zu zeitraubend schien, so stiegen wir wieder nach der Fellithalerseite, aber diesmal über den Nordabhang hinab, eine stellenweise recht heikle Kletterei, namentlich der so sehr faulen Felsen wegen. Am Fuße des Grates angelangt, zogen wir uns links über den Firn hinauf zur Rienthallücke, ein Spaziergang, der uns erlaubte, im dicken Nebel unsere Kompaßkenntnisse anzuwenden. Jenseits der Lücke kamen wir dann in den ersehnten Sonnenschein und konnten in dessen angenehmer Wärme den abscheulichen Abstieg durch 's Rienthal hinunter nach Gesehenen machen.

Bei meinem Nachtlager auf Obermatt hatte ich das Jahr zuvor einen alten Strahler, Namens Tresch, von Felliberg, kennen gelernt, der die Berge des ganzen Gebietes schon nach ihren Reichtümern abgesucht hatte und daher mit allen vertraut war. Derselbe hatte sich damals ungemein gewundert, daß ich so allein gehe; ich bemerkte ihm, daß es mir eben zu teuer sei, einen Führer als Begleiter mitzunehmen, und andere seien nicht immer erhältlich, worauf er im Laufe des Gespräches zu verstehen gab, daß er für einen Taglohn von 5 Franken mit tausend Freuden überall hinginge und alle seine Fundorte zeigte. „ Abgemacht ", sagte ich, „ ich berichte einmal, wenn ich zwei Tage Zeit habe, und dann „ strahlen " wir zusammen. " Und so geschah 's. Samstag, den 19. August 1893, avisierten Clubgenosse Veitl und ich uns gegenseitig, daß Sonntag-Montag frei sei und wir den Federstock nehmen wollten, wenn möglich mit Krystallausbeute und, um diese sicherer zu erlangen, unter Mitnahme des erwähnten alten Tresch. Mit großen Umständen und drei Franken Extraspesen konnte endlich an seinen abgelegenen Wohnort eine Depesche spediert werden, worin wir ihn auf 2 Uhr nachts nach Gesehenen bestellten zum Bahnhof. Etwas schlaftrunken entsteigen wir in Gesehenen dem Wagen, und richtig, da kommt der alte Mann schon uns zu begrüßen; seine ganze Ausrüstung besteht in einem gewöhnlichen Erdhauerpickel mit einem höchstens 70 cm. langen Stiel, er trägt seinen Sonntagsanzug:

ein paar moderne, nur etwa einen Fuß zu kurze, sehr weite halbleinene Hosen, eine dito kurze Jacke, beide stark geflickt, und einen vorsündflut-lichen schwarzen Filz, der mindestens ein Kilo wiegt, Sack oder Tornister, oder etwas derartiges, besitzt er nicht. „ I ha'grad' nu mi 's Gribeli mit'-bracht ", meint er, worunter er nämlich seinen Pickel versteht, „ und wenn die Heere epis z'träge hend, so chend er 's nu gä. " Und so gab ich denn Tresch meinen Rucksack und nehme dafür den Veitls; aber zuerst wurde im Restaurant noch ein schwarzer Kaffee genommen und dann ging 's auf der gewöhnlichen Straße nach Andermatt hinauf. Es ist eine schöne, sternhelle Nacht, wir gehen langsam, aber unser gute alte Tresch geht noch viel, viel langsamer, und nach kurzer Zeit wird 's mir klar, daß der arme, alte Mann gewiß sehr müde sei; schnell nehmen wir ihm seinen Rucksack ab, damit 's leichter geht, aber auch ohne Belastung kommen wir kaum vorwärts, und nun giebt der Alte die Erklärung; er lebt mit seiner über 70 Jahre alten Frau allein in einem Hüttchen und muß nun, da sie nicht wohl, die ganze Heuernte für sein Kühli und seine sieben Geißen allein besorgen. Seit 3 Uhr morgen war der Arme an der Arbeit gewesen, am steilen Hang hatte er bis mittags gemäht und dann auf seinem alten Rücken die schweren Lasten heimgetragen. Um 4 Uhr nachmittags erhielt er durch zwei Expreßbuben von Amsteg aus unsere Depesche, und nun pressierte es ihm, und bis 8 Uhr abends schaffte er noch fertig. Da stieg nun der Arme voll Pflichtgefühlich ha nu ä schwarzes Kaffi gn'a " sagte er, „ das thuet guet und eim stärkeden Felliberg hinab und die zwei Stunden auf der Gotthardstraße hinauf nach Gesehenen, um, ungegessen und ohne Schlaf, uns dort zu erwarten. Der Alte that uns ordentlich leid und wir gaben natürlich jede Hoffnung auf, ihn zu unserer Tour zu verwenden, aber bis Andermatt mußten wir ihn natürlich noch mitnehmen. Vor dem Eingang ins Dorf kamen wir an den neuerbauten, noch nicht fertigen Militärbaracken vorbei, und da Tresch ums Leben gern etwas abgelegen wäre, so gingen wir in solch eine Baracke, gaben dem Alten unsere zwei Mäntel und legten uns alle drei auf die kahlen Holzpritschen und schliefen da wohl lVa Stunden; jetzt auf und ins nun geöffnete Wirtshaus zum Sternen, oder vielmehr auf den Platz davor, wo wir unserm Alten und uns einen ganz komplizierten Kaffee geben ließen, und das schmeckte ihm; er erklärte, nun gehe ea wieder besser, und wollte partout vom Heimgehen nichts wissen. Also stiefelten wir zur Oberalp, aber ohne nnsern Tresch etwas tragen zu lassen, dort wurde wieder Einkehr gehalten, Tresch bekam eine warme Suppe, etwas Fleisch und einen Dreier Veltliner, so daß er nur so von Glück strahlte und schmunzelte.Von 7 Va—9 Uhr hatten wir da geschwelgt und brachen nun auf zur Fellilücke. die nach einer Stunde erreicht wurde. Tresch hatte bis Melier noch seine Not gehabt, wir ließen ihn noch eine Stunde schlafen und dachten nochmals ohne ihn weiter zu gehen, ihn von da aus in seine nun rasch zu erreichende Heimat zu entlassen. Aber das erklärte er als eine Beleidigung, und merkwürdig, von der Fellilücke aus war Tresch nicht mehr zu erkennen, er machte uns „ Junge " zu Schanden; von nun an den ganzen Tag war der alte Mann von einer Lebhaftigkeit und einer Ausdauer zum Erstaunen, er ging meist so rasch und kletterte so bewunderungswürdig, daß wir oft Not hatten, ihm zu folgen, und uns ein über das andere Mal erstaunt ansahen und riefen: „ ja, ist das der alte Tresch von heute morgen, da können wir wahrhaftig noch lernen !" Und dazu noch das Wunderbare, wie der Mann beschuht war, er hatte nicht etwa Bergschuhe, nein, gewaltige, sog. „ Holzbodenschuhe ", Riesen-dinger, wahre Kähne, mit mächtigen Eisen und Nägeln in den hölzernen Sohlen, so daß wir oft nicht begreifen konnten, wie der Alte durchkam; auch auf schwierigen Passagen, schmalen Gesimsen und scharfen Kanten ging er mit „ tödlicher Sicherheit ", so daß wir ihn nur immer bewundern mußten.

Der Federstock oder Piz Sumval scheidet das Fellithal von der Val de Val, er ist mit 2983 m der Kulminationspunkt dieses Bergzuges gegen Norden, gegen das Wichelthal hin, während der Juff oder Piz Tiarms mit 2915 m den südlichen Eckpfeiler desselben Kammes gegen den Oberalpsee und Paß und den Calmot hin bildet. Zwischen den beiden liegt ein dritter Gipfel, der „ Wissen " ( eigentlich der „ Wiesse ", wie mir Tresch erklärte ) oder wie auf der Karte steht „ Im Wissen ", dessen Höhe zwischen der des Federstocks und des Juffs sein mag. Um zum Federstock zu gelangen, stiegen wir von der Fellilücke cirka um 11 Uhr zuerst über den nach dem Juff sich hinziehenden Grat empor, bogen dann links nach Norden ab und zogen uns nun eine große Strecke weit meist horizontal über Schutthalden und Felshänge unterhalb des „ Wissen " durch, unter Überschreitung einer Reihe von Couloirs. Ungefähr halbwegs wurde eine halbstündige Mittagsrast gemacht an der einzigen auf dieser Höhe befindlichen Quelle, die dann allerdings ganz herrliches Wasser lieferte. Mehrmals kamen wir an Krystallfundorten vorbei, wo Tresch früher gestrahlt hatte und wo auch mit Hülfe von Sprengwerkzeugen noch viel zu holen wäre; auch so fanden wir durch Graben und Wühlen im Schutt noch manch hübsches Stück, und vor allem interessierte es uns, von Tresch uns in seine Geheimnisse einweihen zu lassen. Seinen Hauptfundort, den er, um ihn auszubeuten, mehrere Male besuchen mußte, wollte er uns beim Abstieg zeigen. Der Berg ist sehr krystall- und mineralreich, alle möglichen seltenen Sachen werden dort gefunden 1 ), doch hat Tresch seine schönen und reichen Funde leider alle schon hergeben müssen und natürlich zu Spottpreisen. Der arme Mann war z.B. vor vier Jahren wieder einmal übel dran mit dem Zinsen, im Kanton Uri verstehen sie dabei keinen Spaß, ist doch selbst bei den von der Kirche ausgeliehenen Gütern 5—6°/o noch ein Minimalzins, und da hat er halt, da sonst kein Bargeld einging, seine Strahlen nach Gesehenen getragen und dort für 65 Franken verkauft. Der Händler verkaufte die gleichen oder nicht einmal alle schon andern Tags für über 350 Franken weiter und hatte somit den Kahm abgeschöpft.

Ungefähr um 21k Uhr kommen wir an den ersten vom Gipfel ins Fellithal sich herabziehenden Grat, klettern auf dessen Südseite ein Stück sehr steil empor, überschreiten ihn und ein folgendes Couloir, und gelangen zum westlichen Hauptgrat, dessen Übersteigung einige Schwierigkeiten bietet. Das letzte Stück zum Gipfel empor müssen wir auf der Nordseite klettern über meist lose Blöcke. Freund Veitl ist voraus, da er weiß, es handelt sich um eine „ Jungfer ", und erreicht um 3 Uhr 20 Min. den Gipfel, von wo er uns, die wir erst zehn Minuten später oben anlangen, mit melodischem Geheul seinen Sieg verkündet. Der Gipfel, der zum bequemen Rasten Raum genug bietet, imponiert nur von Norden oder von Süden gesehen, von Westen aus, z.B. von der Rienthallücke etc., sieht man nur seinen breiten Aufbau, und da vermag er nicht gegen den Sonnigwichel aufzukommen. Er ist aber doch sehr lohnend, und in Verbindung mit Krystall- und Mineralsucherei sogar sehr interessant, ganz abgesehen von den klettertechnischen Reizen, die er bietet. Die Aussicht ist keine zu ausgedehnte, sie wird von der des Crispait Ubertroffen; übrigens ist der Federstock, der durch uns seinen ersten touristischen Besuch erhält, einer von den Bergen, auf die man nicht der Aussicht wegen geht!

Nachdem wir uns gehörig umgesehen und dem Inhalt unserer Rucksäcke tüchtig zugesprochen haben, brechen wir nach beinahe anderthalbstündiger Rast um 4 Uhr 45 Min. auf. Ich habe eigentlich großartige Pläne: ich möchte gerne möglichst hoch bivouakieren und am nächsten Tage Piz Giuf und Schattig-Wichel etc. heimsuchen; davon will aber Freund Veitl nichts wissen, bivouakieren thue er überhaupt und heute schon gar nicht, ein Heulager auf Obermatt sei auch nicht zu verachten und morgen könnten wir ja dann weiter sehen. Ich lasse mich überreden, und habe es wahrlich nicht zu bereuen gehabt. Wir steigen ein kleines Stück in der Anstiegsroute zurück und ziehen uns dann rechts von einem Couloir ins andere und von einer Gratrippe über die andere, immer langsam absteigend, langsam, denn es heißt scharf aufpassen. Das Gestein ist da von einer geradezu abscheulichen Faulheit, donnernd fliegen die ganze Zeit Blöcke aller Dimensionen zu Thal, und wir sind meist in eine ordentliche Staubwolke eingehüllt. Tresch geht bewunderungswürdig, er will uns zu seiner Krystallhöhle führen, deren Lage er aber noch nie von oben gesehen hat — bekanntlich ein wichtiger Faktor in der Orien- tierung. Trotzdem kommen wir in cirka einer Stunde richtig zu ihr hin, ohne den geringsten Irrtum, und da müssen wir nun allerdings staunen, was der alte Mann ganz allein geleistet hat. In einer senkrechten Wand, zu der links und rechts enorm brüchige Gratrippen und ein zwischen-liegendes, sehr steiles und schwieriges Couloir hinführen, befindet sich cirka 3 m oberhalb des Couloirendes ein kleines Gesimse in der Wand, auf dem man zur Not knieen kann, d.h. wenn man kniet, so hängen die halben Beine über die Wand hinaus; auf diesem Gesimse zieht sich ein wohl fußbreites Quarzband beinahe horizontal 2-3 m weit her, das früher einige kleine Öffnungen zeigte. Diese hatte nun Tresch durch Sprengen und Meißeln so erweitert, daß er erst mit der Hand, dann mit den Armen und schließlich mit dem ganzen Oberkörper in die sich zeigende, ganz flache Höhle reichen und kriechen konnte. Ein schwieriges Stück Arbeit, wenn man bedenkt, daß eine einzige ungeschickte Bewegung einen sicher über die Wand hinabwirft. Und aus dieser Höhle hat er nun in manchem Gange eine schöne Ausbeute zu Thal gebracht, die ihn, wenn er sie richtig ihrem Werte nach bezahlt bekommen hätte, vor Not und Unglück, das er nachher erlebte, bewahrt hätte. Die Krystalle und Minerale, die er herausholte, trug er jeweils in einem alten Tornister in Heu verpackt zu Thal, als Proviant hatte er nur Brot und etwas Käse, Wasser gab 's nur morgens früh und am Abend spät, Tags über bei der Arbeit hieß es dursten! Und hier war 's auch, wo uns Tresch erklärte, warum seine rechte Hand so verkrüppelt sei; er kann davon nur noch zwei oder drei Finger gebrauchen, und die Hand selbst ist schrecklich zerdrückt und verstümmelt. Als er die Höhle schon zu dreiviertel geleert hatte, da lag er auch wieder eines Tags dabei an der Arbeit, mit dem Oberkörper hineingekrochen, die Arme und Hände ausgestreckt, flach auf dem Leib, kaum fähig, sich zu rühren, die Beine über die Wand hinaus in der Luft; so wurden die hintersten Strahlen gelöst und sorgfältig nach vorn geschoben. Da passierte nun das Schreckliche, daß von der Decke zu hinterst sich ein Teil ablöste und ihm die rechte Hand und einen Teil des Armes begrub und zerquetschte und so einklammerte, daß der Unglückliche sich lange nicht rühren konnte. Man stelle sich das Schreckliche der Lage vor Augen und dazu den Mann mutterseelenallein mit dem Hungertode vor sich, wenn er sich nicht herausarbeiten konnte, denn auf Hülfe vom Thal durfte er nicht hoffen. Wenn so ein Strahler allein ausgeht und einen guten Fund macht, dann weiß er es schon einzurichten, daß ihm niemand folgt und niemand erfährt, wo derselbe liegt. Er erzählte uns, wie er teils vor Schreck und teils vor Schmerzen erst eine lange Zeit besinnungslos dagelegen sei, und erst nach stundenlangem Mühen, Zerren und Schieben endlich seine Hand unter Hinterlassung einiger Fleischfetzen wieder hervorgebracht habe, dabei immer in Gefahr, daß noch mehr von der Decke herabstürze und ihm auch der Kopf, der ohnehin in der Höhlung beinahe unmittelbar am Boden liegen muß, zerdrückt werde.Veitl und ich konnten dem Drange nicht widerstehen, uns die Lage ganz zu vergegenwärtigen, und mit großer Mühe und Anstrengung krochen wir einer nach dem andern, denn zwei nebeneinander hätten gar nicht Platz, mit dem Oberkörper in die Höhle. Aber wir beide dankten unserm Schöpfer, als wir den Kopf wieder draußen hatten, und voller Mitleid mußten wir den Armen betrachten, der da so schreckliche Stunden verlebt und sich so tapfer geholfen hatte. Mit Mühe und Not kam damals der Unglückliche ins Thal; natürlich hatte er keinen Arzt, der ihm geholfen, ihn verbunden und ihm seine Finger hätte retten können. Mehr wie ein halbes Jahr habe er, erzählte'er uns, gar nichts thun können; schließlich sei es wieder geheilt, aber Schmerzen habe er oft noch heute.

Trotzdem Tresch die Höhle schon gehörig geräumt hatte, fanden wir doch noch einige sehr hübsche und interessante Stücke, und trennten uns endlich von dem merkwürdigen Orte. Der Abstieg, die ersten cirka 8—10 m hinunter, ist dort sehr schwierig; wir mußten uns gegenseitig helfen, und es blieb uns ein Rätsel, wie der Verwundete seiner Zeit allein und mit zerquetschter Hand sich da hinabgebracht hatte. Immer nach rechts uns haltend, kommen wir zuletzt über einige glatte Platten auf das oberste Ende einer mächtigen Schutthalde und, über diese hin-unterstürmend ( cirka bei Punkt 2160 vorbei ), um 7 Uhr 15 Min. zu den Sennhütten auf Obermatt. Und hohe Zeit ist 's; schon längst hat sich der Himmel überzogen, grollender Donner kommt näher und näher, und kaum sind wir 5 Minuten in der engen und allen Komforts entbehrenden Hütte, so bricht ein Unwetter los, wie ich noch selten eines erlebt habe: Blitz und Donner folgen sich Schlag auf Schlag und ein förmlicher Wolkenbruch kommt herab; binnen wenigen Minuten stürzen von allen Felswänden Sturzbäche herab, und mit mächtigem Getöse brausen eine ganze Anzahl Rufen zu Thal. Dankbar blicke ich Freund Veitl zu, der mit hochgezogenen Beinen auf dem Käsestein sitzt; denn gleich nach Losbruch des Unwetters strömt ein wilder Bach mitten durch die Sennhütte hindurch, löscht das Feuer aus und schwemmt alles, was nicht rasch geflüchtet wird, hinweg zur offenen Thüre hinaus ( d.h. Thüre hat 's natürlich keine ). Dabei ist noch wegen wochenlanger Trockenheit das Dach nicht dicht, und von allen Seiten kommen kleine Gießbäche ins Innere, so daß wir in der Hütte sehr froh um unsere Mäntel sind. Endlich, nach beinahe einer Stunde, hat 's ausgetobt, und bald ist die Hütte ausgeschöpft und wieder ein Feuer entzündet, so daß wir noch heiße Milch als ersehntes Nachtessen erhalten können. Selbige Nacht haben wir alle drei gut geschlafen auf frischem Heu, das zwar noch etwas naß war, aber doch warmhält. Viel Platz hat 's zwar nicht, und auf dem Boden in der Hütte steht 2—3 Zoll hoch das Wasser, aber all das schadet Rauerschagraf c& Fünf Fi n g ersf"öcke 2548 t Cu1matech2896 Hruzliberg 2720 2639 2719 Krtizli pass 2350 Rüchen 2820 S. GipFel des Bristen Pi z N &f 3059 pliuFp3SSÌ2958 Muhsch2^92 FelieliRrn!

SpiellauibühlFirn SpiiellauifiVn! ", Spnnig-Wichejl 291I ÎjWiehelschi^n:; PönHilii^ke2514 Rossbodens^l

uom Obepalpstock(3330")aus.

JAHRBUCH S.A.C. XXX 1894 LITH. LI PS,BERN.

nichts; erst gegen 6 Uhr morgens erheben wir uns zu weitern Thaten. Die sind heute jedoch recht geringfügiger Natur; wir sind faul, und es braucht nur wenig Überredungskunst seitens meines Freundes, um mich zu überzeugen, daß es das Vernünftigste sei, heute überhaupt keine Tour mehr zu machen, sondern schön langsam nach Amsteg zu wandern und beizeiten zu Hause zu sein. Und so halten wir 's auch. In Gesellschaft von Tresch spazieren wir das Fellithal hinunter; im Felliberg, der Heimat unseres Begleiters, verabschieden wir uns von ihm, nachdem er uns noch mit frischer Milch bewirtet hat, und steigen von da den steilen Weg auf die Gotthardstraße hinab und auf dieser in glühender Hitze nach Amsteg.

Neun Wochen sind verstrichen, und es entsteigen dem Nachtzug in Gurtnellen am 22. Oktober Freund Emil Huber, Herr E. Amberg und Schreiber dieser Zeilen; wir wollen dem Sonnigwichel zu Leib, dem schönsten und imposantesten Berg im Felligebiet. Von der Station aus heißt es über die Reuß und die Gotthardstraße cirka 20 Minuten zurückgehen bis zur Brücke, die über den Fellibach führt; nun auf schlechtem steinigem Weg steil hinauf zu den Hütten der Güter auf Felliberg, die das ganze Jahr bewohnt sind. Dort hat 's einen feinen Heugaden, der jetzt und bei den folgenden von hier aus ausgeführten Touren regelmäßig als Hotel benutzt wird. Um 2 Va Uhr sind wir dort und schlafen herrlich bis 5 Uhr; dann wird gefüttert und aufgebrochen und um 7 Uhr 30 Minuten sind wir auf Alp Obermatt, die natürlich längst verlassen, einsam und gefroren daliegt. Wir wollen vom Wichelthal aus den „ Sonnigen " probieren. Nach ständiger Rast steigen wir hinan, und ich habe nun Gelegenheit, den Weg, den ich einst in dunkler Nacht zurücklegte, umgekehrt bei Tageslicht kennen zu lernen. Es ist ein prachtvoller Spätherbsttag, und auf der Sonnenseite hat 's den wenigen Neuschnee beinahe wieder ganz fortgenommen. Wie wir zu hinterst ins Wichelthal kommen, da können wir trotz alles Suchens und Studierens keine Anstiegsroute an unserm „ Sonnigen " entdecken, in unnahbaren Wänden stürzt er herab, und ohne Saugnäpfe und Kolophonium wäre schlechterdings da nichts auszurichten. Freund Huber schlägt vor, durch eines der am Südostgrat sich hinaufziehenden steilen Couloirs aufzusteigen, um über den Grat hin den Gipfel zu erreichen. Wir wählen das erste rechts vom Gipfel, das bis zur Thalsohle reicht; zwischen ihm und dem höchsten Gipfel liegt der Wichelschyn, ein cirka 2750 m hoher Sekundär-gipfel, ein trotziger, wilder Geselle, der mittags von 2-3 Uhr unsern Besuch und voraussichtlich den ersten erhält. Der Aufstieg über gewaltige, anscheinend glatte Gneiswände war zwar nicht besonders schwierig, es war in dem rauhen Fels überall Halt zu finden; aber es mußte doch gut acht gegeben werden, denn einigemal schauten wir voll gruseligen Behagens zurück und hinab, und Freund Huber meinte, wir seien noch selten so exponiert geklettert. Der Grat nach dem Hauptgipfel war aber nicht weiter verfolgbar; wir stiegen in ein zwischen diesem und unserm Gipfel liegendes, riesig steiles'Couloir, wobei dann allerdings die Schwierigkeiten sich häuften; selten habe ich noch Rinnen gesehen, die so unheimlich aussahen als die, auf deren Scheide wir ungefähr um 1/24 Uhr mittags standen. Ein ganz kompliziertes Abseilen, wobei sich mein verehrter Freund Huber als ein alle Lagen beherrschender Führer ersten Ranges erwies, brachte uns in die oberste Partie des nach dem Spiellauisee sich hinabziehenden, mit Eis und Schnee gefüllten Couloirs, und unter Anwendung äußerster Vorsicht hatten wir nach cirka einer Stunde dasselbe hinter uns. Als stärkster, erfahrenster und gewandtester ging Freund Huber als letzter am Seil und sicherte die Vorangehenden, während wir uns bis zu seiner Ankunft jeweils bestmöglich verankerten, um einen eventuellen Sturz zu mildern oder aufzuhalten. Als der Neigungswinkel sich minderte, gab 's noch eine flotte Rutschpartie, und ungefähr um 5 Uhr abends saßen wir an einer Quelle am Nordufer des Spiel-lauisees und packten krampfhaft unsere Vorräte aus, denn wir hatten einen ganz kannibalischen Hunger. Obgleich wir das ersehnte Ziel, den Sonnigwichel, an dessen Fuß wir lagerten, heute nicht erreicht hatten, habe ich, und ich glaube, auch meine Gefährten, selten über eine Tour eine solche Freude empfunden, wie bei dieser. Machten es die Uberstandenen Gefahren des immerhin recht heiklen Abstiegs, machte es der herrlich schöne Abend in der großartigen Umgebung, kurz, wir waren so glücklich gestimmt und so aufgelegt, daß wir gar nicht wußten, wie unsere Freude äußern. Zuerst zeigte sich der Effekt an einem geradezu phänomenalen Appetit, den alle drei da entwickelten; alles, aber auch wirklich alles Vorhandene wurde aufgegessen; zu trinken hatten wir natürlich nichts als Wasser; selbst Zucker, dürre Zwetschgen und Speck-knochen wurden sauber aufgezehrt und abgenagt. Dann, uns malerisch auf Felsblöcke hinlagernd, machten wir unserm vollen Herzen in allen möglichen Gesängen Luft. Es war aber auch ein Herbstabend von einer Pracht und einem Spiel und einer Glut der Farben am Firmament, wie sie auch im Gebirge gewiß selten sind; wir konnten uns nicht trennen; auf dem Rücken liegend, mußten wir immer nur die Farbenpracht der Cirruswölkchen am Himmel bewundern, die fortwährend wechselte und vom reinsten ciel bis zu den unmöglichsten Lila- und Rosatönen in allen Nuancen spielte.

Mählich kam die Nacht, ein kalter grauer Ton goß sich über die Landschaft, das Farbenspiel verblaßte und ein scharfer, sich plötzlich erhebender Wind machte uns erschauern, nahm uns alle italienischen Illusionen und führte uns zu Gedächtnis, daß wir noch über 2200 m hoch und weit, weit ab von einer Eisenbahnstation seien. Und ein langer Abstieg, das Spiellauithal im Schatten des trügerischen Mondlichtes, das endlose Etzlithal und noch ein schönes Stück durchs Maderanerthal, das nahm uns unsern Enthusiasmus, und müde, hundemüde kamen wir nachts um 10 Uhr nach Amsteg. Zu müde zum Essen, leisteten wir nur noch im Milchtrinken Unglaubliches, trotzdem schlief 's sich herrlich bis 4 Uhr morgens, da der Hirschenwirt uns zum Nachtzug nach Erstfeld weckte.Und wieder waren sieben Wochen verstrichen; kalter Winter mit wenig Schnee war ins Land gezogen, aber unsere Sehnsucht nach dem Sonnigwichel war noch nicht gestillt, und mit der Absicht, ihn wenn möglich jetzt noch zu nehmen, entstiegen wir drei gleichen Berg- und Klubgenossen dem Nachtzug in Gurtnellen Sonntag den 10. Dezember. Freund Huber hatte sich Gamma von Gesehenen verschrieben, denn heute sollte photographiert werden, und Gamma trägt fürs Leben gerne einen Apparat. Um V23 Uhr sind wir wieder in unserm Hotel auf dem Felliberg und wieder um 5 Uhr wird aufgebrochen, diesmal aber mit Laternenbeleuchtung. Der Weg ins Fellithal ist vereist und erfordert stellenweise Stufenhauen wie ein Gletscher. Um halb 7 Uhr kommen wir zu den Hütten von Vorder-Waldi und brauen uns dort in einem Stalle einen heißen Thee, der mächtig gut thut. Dann steigen wir nach 3 Mstündiger Rast links aufwärts ins Pörtlithal, denn wir wollen dem Sonnigwichel von Nordwest her zu Leibe, doch wird der Schnee hier im Pörtlithal sehr mühsam, er liegt als trockenes Mahl cirka 1í2 m hoch und läßt bis auf den Grund sinken. Er bedeckt perfid alle Hindernisse, ohne doch davor zu schützen. Um 1i210 Uhr sind wir auf dem Pörtliboden, cirka 2100 m hoch, und studieren nun unsern Kriegsplan. Freund Huber photographiert, inzwischen verbinden wir das Nützliche mit dem Angenehmen und vertilgen ein zweites Frühstück. Eine halbe Stunde ist verflossen, wir stehen im Schatten und die Kälte ist so arg, daß bald alle Extremitäten gefühllos werden. Der Aufstieg zum Sonnigwichel ist von dieser Seite natürlich ganz im Schatten, Schnee und Kälte sind zu arg, als daß mit Aussicht auf Erfolg an einen Angriff gedacht werden könnte; wie wir später selbst erfahren, ist ein Erfolg von hier aus auch gar nicht möglich. Da wir nun lieber eine Wurst als keinen Schinken haben, machen wir rechtsum kehrt und wenden uns dem nördlich der Pörtlilücke gelegenen „ Rüchen " zu. Derselbe ist von hier aus ein gar stattlicher Geselle und sieht recht trotzig aus, eine famose Felspyramide verspricht anregende Kletterarbeit, und da wir dort hinauf meist auf der Sonnenseite gehen können, so ist 's rasch beschlossene Sache, statt des unsichern Sonnigwichel lieber sicher den Rüchen ( Klüserstock der Dufourkarte ) zu nehmen. Wir rücken ihm also zu Leib, um 10V2 Uhr sind wir am Fuß eines großen, mit Schnee gefüllten Couloirs, durch das hinauf unser Weg führt, um IIV2 Uhr schnaufen wir an seinem obern Ende aus bis um 12 Uhr und verfolgen dann, teils über den Westgrat selbst, teils links von diesem in der Nordwestwand, den weitern Aufstieg zum Gipfel. Um 2 Uhr sind wir oben und nach Überwindung manchen „ Kuhnagels " und trotz — 8 ° C. bleiben wir eine volle Stunde. Huber photographiert in äußerst gewagten und exponierten Stellungen, bis es auch ihm zu kalt wird. Wir sind 2795 m hoch und wie es scheint die ersten Besucher dieses schneidigen Gipfels; derselbe bietet sehr wenig Raum oben, und das letzte Stück ist eines, bei dem alle möglichen Fähigkeiten des Ersteigers auf eine Probe gestellt werden. Die Aussicht ist trotz des kurzen Wintertages noch eine sehr lohnende und namentlich der Blick in die nächste Umgebung wirklich interessant; besonders imponiert natürlich der Sonnigwichel und wir versprechen uns, daß uns im folgenden Jahr dort keiner zuvorkommen dürfe; auch der Bristenstock gefällt uns von dieser Seite so gut, daß auch er aufs Programm genommen wird. Zur Stillung unseres brennenden Durstes setzen wir unter recht komplizierten Verhältnissen unsern Kochapparat in Thätigkeit und bereiten uns aus Schnee ein Zuckerwasser. Nach stündigem Aufenthalt beginnen wir um 3 Uhr den Abstieg, und da der Gipfel wohl von keiner andern Seite aus erreichbar sein wird, geht 's in der Anstiegsroute zurück, Huber zum Rekognoszieren weit voraus, wir drei andern bedächtig und mit nötiger Vorsicht hinterdrein. Wir gehen nicht mehr ins Pörtlithal zurück, sondern steigen direkt durchs Klüserthal hinunter. Abends 5 Uhr 30 Min., es ist natürlich schon Nacht geworden, sind wir beim Klüsergaden ( 1690 m ), den Huber dank seinem Vorausrennen noch entdeckt hat und wohin er uns durch ein vor der Hütte entzündetes Feuer lenkt. Mit Laternen und mit großer Mühe finden wir — jeder trägt hier zum Auffinden des Weges etwas bei — den weitern Abstieg ins Fellithal und sitzen um 7 Uhr 30 Min. in der Hütte von Tresch im Felliberg. Wir haben Tresch, der mit seiner Frau bereits zu Bette lag, herausklopfen müssen, bekommen von ihm nicht gerade sehr einladend aussehende Milch serviert und steigen um 8 Uhr hinab zur Gotthardstraße, wo Gamma sich von uns verabschiedet. Wir andern drei sind V2IO Uhr in Amsteg und morgens mit dem ersten Zug wieder zu Haus und bei der Arbeit.

Es wird 1894, es kommt der 31. Mai und das große Ereignis, dal.i die Sonne jetzt eine halbe Stunde früher aufsteht, für Bergtouren von nicht zu unterschätzendem VorteilWieder die drei gleichen Utopisten entsteigen in Gurtnellen Sonntag den 10. Juni dem Nachtzug und spazieren den nun schon bekannten Weg nach Felliberg, es soll der Bristenstock traversiert werden; Freund Huber hat einige Wochen vorher unter Assistenz von Gamma den Sonnigwichel vom Westgrat, vom Mattenberg aus, angegangen, ist aber, natürlich zu unsrer großen Freude, abgeschlagen worden; er hat, ganz abgesehen von den noch zu schwierigen Schneeverhältnissen, wahrscheinlich Unmögliches versucht. Da seither der Schnee nicht viel zurückgegangen, so wollen wir uns vorerst einmal am Bristenstock einüben, um dann nachher desto sicherer den Sonnigwichel zu nehmen. Wir machen nun umgekehrt genau den gleichen Weg, wie beim Abstieg vom Rüchen, steigen also vom Fellithal das steile Kliiser-thal empor zum Klüsergaden, machen dort von 5314-6V4 Uhr und weiter oben im Thal von 81/a— 9 Uhr Rast und sind um 10 Uhr an einem Couloir des Südwestgrates, von Süd aufsteigend. Die Felsen und die ganze Kletterei sind nicht überall leicht, die Wände sehr steil und das Gestein meist sehr brüchig, doch geht 's ordentlich vorwärts, und um 1 Uhr gelangen wir auf den letzten Hauptgrat und sind um 1i-i2 Uhr auf dem Südgipfel des Bristenstocks, der mit der Höhe des nördlichen Hauptgipfels wohl nur um wenige Meter variiert. Dieser Südgipfel erhält durch uns seinen dritten Besuch, den ersten durch Herrn v. Bülow ( 1889 ), den zweiten ( 1893 ) durch die Herren Dr. Forrer und Weinmann von der Sektion Winterthur, beide Touren in Begleitung von Josef Z'graggen. Nur ein kurzer photographischer Halt und wir klettern über den sehr stark verwächteten Grat hin und sind um 2 Uhr auf dem eigentlichen Bristenstock ( 3074 m ), aber leider zumeist in dickem Nebel. Für Amberg und mich hat dies weniger zu sagen, da wir beide schon hier bei schönem Wetter gewesen sind, aber für Freund Huber, der das erste Mal hier oben, thut 's mir leid, denn der Bristenstock ist ein Aussichtsberg par excellence. Der Gipfel steckt noch tief im Schnee, und nach dem Etzlithal hängen mächtige Gwächten über. Nur selten lichtet sich der Nebel, und nachdem wir bis 3 Uhr vergeblich auf Besserung gewartet und dabei unsern Vorrat von cirka 1 Kilo frischen Kirschen nebst übrigem Proviant verzehrt haben, machen wir uns an den ungemütlichen Abstieg. Bis zum Kreuzungspunkt der Gräte verfolgen wir den gewöhnlichen Hauptgrat und nachher den nordwestlichen, da der nordöstliche, der sonst gewöhnlich für Auf- und Abstieg benutzt wird, heute so enorm verwächtet ist, daß ein Passieren, wenn nicht unmöglich, so doch jedenfalls zu zeitraubend und auch zu gefährlich wäre. Wir haben mit dem massenhaften und meist lawinengefährlichen Schnee auf unserem Grate genug zu schaffen, doch sind hier wenigstens die bösen Gwächten weniger stark ausgebildet. Der Grat senkt sich sehr steil, wir haben beim Abstieg unser heutiges Ziel, Amsteg, die ganze Zeit direkt unter uns vor Augen, und gäbe es etwas Ungeschicktes, so würden wir wohl die cirka 2000 m nach der Reuß ohne Aufenthalt hinuntersausen, denn von hier oben sind keine einen Fall hemmende Hindernisse zu erblicken, die Steilhänge sind von den Lawinen glatt rasiert und wir können die Falllinie bis ins Reußbett verfolgen. Doch wir gehen ja am Seil und zwar die ersten paar hundert Meter recht vorsichtig; Freund Huber als der Kühnste voraus und ich als Familienvater zuletzt, wird Nr. 1 zu keck, so bremst Nr. 3 energisch und ruft: „ numme nöd g'sprängt!u Die Sache sieht vielleicht schlimmer aus als sie ist und Nr. 1 hätte schon längst gern das Seil fortgethan, um rascher hinabzukommen, aber wir andern zwei protestieren dagegen, und erst als der Grat breiter wird und seitliches Abrutschen zum Bristenseeli hin gestattet, lösen wir uns vom Seil, und wir zwei Hintermänner ziehen eine Rutschpartie der prekären Gratkletterei vor, die von Freund Huber nun solo schneidig fortgesetzt wird. Erst cirka um 6 Uhr kommen wir auf die Höhe des Bristenseelis, gebrauchten also cirka die dreifache Zeit zu diesem Stück Abstieg wie unter normalen Verhältnissen — bin ich doch bei meiner ersten Bristenstockbesteigung in genau fünf Stunden von Amsteg auf den Gipfel gekommen — und kommen abends 9 Uhr ins gewohnte Quartier nach Amsteg; der bekannte Nachtzug führt uns am Morgen nach Hause, wo uns die Schreckensbotschaft vom plötzlichen Tode unseres lieben Freundes Walter Treichler empfängt.

Drei Wochen sind ins Land gezogen, meine Sommerferien sind da: „ ich habe Samstag und Sonntag frei !" also schnell in die Berge! Freund Huber wütet während acht Tagen geschäftlich in Norditalien und montanistisch in den Dolomiten; vor seiner Abreise erhalte ich ein Billet, daß wir den Sonnigwichel bis zu seiner Rückkehr versparen möchten, und sein Wunsch ist mir heilig. Die Clubgenossen Veitl und Amberg schleppen mich zur Abwechslung diesmal mit, und zwar soll der Piz Ner womöglich d'ran glauben. Um die Ferien recht extra zu genießen, reisen wir einmal bei Tag nach Gurtnellen und zwar mit dem famos praktischen Blitzzug Wädensweil-Goldau, der uns die sonst mangelnde Verbindung verschafft. Es ist der letzte Juni, und in glühender Mittagshitze, die uns unter unsern Rucksäcken schwere Seufzer auspreßt, kommen wir um 12 Uhi-zu den vordem „ Hütten " im Fellithal, woselbst jetzt unser alter Freund Tresch in Verbannung lebt. Der Arme hat einige Monate zuvor seine Frau verloren, und da ein Unglücksschlag selten allein kommt, so haben sie ihm, da er nicht zinsen konnte, auch seine Hütte verkauft, auch seine einzige Kuh genommen und was er sonst noch an irdischen Gütern besaß, und er hat doch immer fleißig geschafft, so primitiv wie möglich gelebt und sich kaum ein Pfeifchen Tabak gegönnt und ist immer ein guter Christ gewesen. Da er nun ums Leben nicht ins Armenhaus will, so ist er mit seinen ihm noch gebliebenen vier Ziegen ins Fellithal zu den „ Hütten " gezogen; dort stand schon seit Jahren halb versteckt hinter einem mächtigen Felsblock und anlehnend an diesen und ihn als eine Wand benützend, ein ganz kleines, halbzerfallenes Hüttchen. Es mißt vielleicht nur 2 m in der Breite und 2 Va ln in der Länge, das Dach ist längst morsch und läßt den Himmel durchscheinen, aber es hat den großen Vorteil, es kostet keinen Zins, sein Besitzer ist seit Jahren nach Amerika ausgewandert und läßt nichts mehr von sich hören, und so hat man Tresch erlaubt, dort Einzug zu halten und sich einzunisten. Und er hat sich so wohnlich wie möglich eingerichtet, hat das Dach repariert, die Wände ausgefugt, ein Fenster und einen Laden eingesetzt und sogar eine Art Ofen sich konstruiert. Ein altes Bett und eine alte Kiste mit ein paar Fetzen drin haben sie ihm noch gelassen, als Tisch dient ihm ein vor dem Fensterchen angebrachtes Brett, eine Bank, einen Stuhl oder ein anderes derartiges Luxusmöbel sucht man dagegen vergebens, es hätte zwar auch kaum noch Platz in der Hütte, in der wir nicht einmal aufrecht stehen können. Zähle ich zu Treschs Besitztümern noch das allernotwendigste Kochgeschirr und Werkzeug, so ist aber auch alles bei einander, und da lebt nun der alte 70jährige Mann mit seinen vier Geißen und schlägt sich ehrlich und redlich durch die Welt und ist dabei immer zufrieden und glücklich. Keine einzige Klage kommt über seine Lippen; im Gegenteil zeigt er uns voll Stolz sein neues Quartier und erzählt uns, wie er 's schön und gut habe, und jetzt habe er doch keine Zinssorge mehr, oh, meint er, wenn 's nicht gar zu arg kommt, so bleibe er auch im Winter da hinten!

Wir machen bei Tresch halbstündige Rast, er bringt uns, was er Gutes besitzt, Geißmilch, Zieger, Käse, und erkundigt sich lebhaft, wohin die Reise gehe. Über die Pörtlilücke geht 's, und da fragt er, ob er uns nicht begleiten dürfe ein Stück weit. Veitl ergreift mit Freuden den Anlaß, seinen so heißgeliebten Rucksack eine Zeitlang los zu werden. Tresch nimmt ihn nebst unsern Röcken in eine „ Hütte " und geht voraus und zwar in einem Tempo, daß wir Not haben, zu folgen. Nach zwei Stunden, um 1k3 Uhr, sind wir auf dem Pörtliboden, oberhalb Hinter-pörtli, cirka 2200 m, und machen da gemütliche Abendrast, welche Veitl auch zum Photographieren benutzt. Tresch wird noch gehörig gefüttert, bekommt von unserm Freund einen schönen Taglohn und ist voller Glück und Freude, er singt und jauchzt vor Dankbarkeit. Nach dreiviertel Stunden Ruhe geht 's der Pörtlilücke zu, die abends gegen 5 Uhr erreicht wird; bei ihren 2500 m Höhe bietet sie schon herrliche Aussicht. Doch ist 's kühl, und wir sind um unser heutiges Nachtquartier bekümmert. Wir steigen ab zu den Hütten von Spiellaui, die aber noch voller Schnee sind, so daß wir noch ein Stück weiter bergab gehen zu denen von Ober-Felli ( cirka 2200 m ), die doch ein klein wenig mehr Komfort bieten. In der einen Hütte, es ist abends 6 Uhr, finden wir eine Pritsche mit einer Lage von Wachholdergestrüpp und ganz wenig Heu bedeckt, es ist das Beste weit herum und sie wird als Schlafstelle erkoren. Der wenige noch in der Hütte liegende Schnee wird ausgeräumt, die Sperrbalken, die das Dach gegen Schnee und Lawinendruck schützen, entfernt und das Lager aufgerüttelt und eingerichtet, und dann geht 's zum Abendessen. Der Abend ist herrlich schön, der Sonnigwichel zieht uns magnetisch an, aber das Huber gegebene Wort verhindert, ihn aufs morgige Programm zu nehmen, und so inspizieren wir hauptsächlich Piz Giuf und Piz Ner. Den ersten hat Amberg mit einigen Freunden vor zwei Jahren heimgesucht, der andere, der Piz Ner, ist aber eine noch beinah unbekannte Größe, und so soll er denn dran glauben. Der östlich neben ihm liegende „ Mutsch " ist 1839 von Herrn Zeller-Horner bestiegen worden ( siehe die interessante Schilderung dieser Tour und der nachfolgenden auf den Bristenstock in Nr. 9 und 10 der Alpina 1894 ). Der Piz Ner ( 3059 m ) wird von den Urnern gewöhnlich Crispait genannt, wenigstens früher geschah es häufig so, und daher kommt es auch, daß die Sage geht, der Crispait sei vom Uetliberg von Zürich aus sichtbar; es ist aber in Wirklichkeit der Piz Ner, er ist die kleine Spitze links neben der Pyramide des Bristen stocks, der eigentliche Crispait ( 3080 m ) ist durch den Bristenstock verdeckt. Herr Zeller-Horner ist seinerzeit extra auf den Mutsch gestiegen, um dieses zu konstatieren, denn er glaubte zuerst, daß der Gipfel des Mutsch es sei, den er von Zürich aus gesehen habe. Der Piz Ner ist recht ein stolzer Kerl von hier aus und wir gedenken eventuell nach ihm noch den Giuf oder sonst einen zu nehmen, um den morgigen Tag recht auszufüllen, vorerst wollen wir aber einmal schlafen, und zu militärischer Zeit geht 's aufs harte Lager. Vor dem Einschlafen erzähle ich meinen Kameraden noch, daß hier früher auch hie und da Bären hingekommen seien, welche Bemerkung sie veranlaßt, die vor der Hütte stehenden Pickel ins Innere zu nehmen, um Freund Petz, wenn er etwa erscheinen sollte, gebührend empfangen zu können. Petz ist leider nicht gekommen, dafür aber nach 1 Uhr eine bärenmäßige Frische, die bald den einen, bald den andern so erschauern machte, daß die ganze Lagerstätte erzitterte. Um 3 Uhr mit dem beginnenden Tag erheben wir uns, es wird aber 1k5 Uhr, bis wir abgekocht und eingepackt haben und endlich marschbereit sind, wir steigen zum Etzlibach ab nach Unter-Felli und dann die gegenüberliegenden steilen Schutt- oder jetzt vielmehr noch Schneehalden empor und den Fellifirn hinauf zur Lücke zwischen Piz Ner und Piz Giuf, die Coolidge ganz richtig Spiellauipaß benennt. Um 6 Uhr 50 Min. sitzen wir in der Einsattlung und nehmen z'Nüni und nach 1k Stunde geht 's am Seil auf dem Westgrat hinauf zum Gipfel. An einigen Stellen gibt 's noch gehörige Kletterarbeit, und Freund Veitl wäre durch einen rutschenden, viele Centner schweren Block bald um den glücklichen Besitz nicht nur seiner sämtlichen Hühner-augen, sondern auch der zugehörigen Zehen gekommen, was ihn zu einigen frommen Lobreden auf genannten Block begeistert. Nach 40 Minuten Kletterei, um punkt 8 Uhr, stehen wir auf dem Gipfel und können ein lautes „ Ahü als Zeichen unserer Befriedigung nicht unterdrücken, denn die Aussicht hier oben gewährt einen ganz eigenen Reiz dadurch, daß man das Rheinthal ein mächtiges Stück übersieht und zugleich ein Stück des Reußthals mit Flüelen und dem Urnersee erblickt. Sedrun liegt uns so zu Füßen, daß man die Leute auf der Straße herumspazieren sieht, und wieder auf der andern Seite sieht man Dampfboote:

den Urnersee durchfurchen, und mit einem Fernrohr könnte man auf dem Seelisberg die Kurgäste sich mopsen sehen! Es sind nun 29 Jahre her, seit der Piz Ner zum ersten und letzten Male besucht worden ist, und damals gab 's zwischen einer Schweizer und einer Englischen Partie noch ein Wettrennen auf den Gipfeln um die Erringung des Jungfernkranzes. Es war am 17. Juli 1865, als Herr F. Zahn mit Ambros Z'graggen als der erste den Gipfel betrat, fünf Minuten vor den Herren Sowerby, Thompson und Mansell, die J. M. Trösch zum Führer hatten. Die erste Partie war vom Spiellauipaß, wie wir, die zweite direkt vom Fellifirn aufgestiegen. Wir bleiben volle fünfviertel Stunden auf dem Gipfel, es ist so prächtig schön da oben, und trotzdem wir auf Blöcken zwischen dem Schnee sitzen, ist es so behaglich warm, wie auf einem geheizten Sofa. Frisches Obst läßt die Qualen des Durstes nicht aufkommen und wir kommen auf unsere weitern Projekte zu sprechen. Veitl ist der älteste und daher der gescheiteste und er bestimmt, daß es am schlauesten sei, sich mit dem Piz Ner zu begnügen und prompt nach Amsteg abzusteigen, um dort das Leben noch civiliter weiter zu genießen. Wie gewohnt, siegt er, und um 10 Uhr befinden wir uns wieder bei unsern Effekten auf dem Spiellauipaß. Flotte Rutschpartien befördern uns in rasendem Tempo über den Fellifirn und seine Ausläufer hinab, ein Weg von drei Stunden wird in 10 Minuten zurückgelegt, und um 11 Uhr liegen wir auf Alp Müllersmatt schön auf dem Bauch in der Sonne und lassen uns trocknen. Wer je von den Lesern dorthin kommt, versäume nicht, von der Hütte die zehn Schritte zum Bache hinabzusteigen und von der dort hervorbrechenden Quelle zu kosten. Im Leben noch nie habe ich köstlicheres und kälteres Wasser getrunken, als dort heraussprudelt, ein wahrer Nektar für ver-durstende Gaumen! Gemütlich botanisierend geht 's dann das Etzlithal hinunter ins gluterfüllte Maderanerthal und Amsteg zu, wo der Hirschenwirt von 4 Uhr an fleißig in den Keller springen muß, um den bekannten alpinen Durst der angekommenen Wanderer zu löschen.

Und nun, Gott sei Dank, kommt der letzte an die Reihe! Der Sonnig-Wichel — der Sonnig-Wichel ist immer noch nicht bestiegen, endlich, Samstag den 21. Juli, ist Aussicht vorhanden, daß der kommende Sonntag frei und schön sei. Die Clubgenossen Veitl und Amberg sind beide nicht zu haben, Freund Huber berichtet, er könne erst mit dem Nachtzug nach Gurtnellen und wolle, wie im Frühjahr, vom Mattenberg aus den Wichel angehen, er nehme einen Bekannten und eventuell noch Gamma mit, wenn dieser frei; dieses Projekt schloß von vornherein jede Nachtruhe aus, und abgehetzt, wie ich vom Geschäft war, mußte ich wenigstens auf einige Stunden Schlaf rechnen können. Also antwortete ich, daß ich vom Etzlithal her den Berg in Angriff nehmen wolle und wir uns eventuell auf dem Gipfel wieder sähen. Abgemacht! Telephon abgeläutet und fertig und nun schnell zur Bahn, es ist schon 5 Uhr, und in 20 Minuten geht der Zug. In Amsteg wird noch zu Abend gegessen und um 10 Uhr 30 Min. nehme ich meinen Rucksack auf den Buckel und steige ins Maderanerthal hinauf. Der Mond ist aufgegangen und leuchtet mir genügend selbst durch den Wald und im Schatten. Es ist eine zauberisch schöne Sommernacht! Der feine Duft, der in den Thälern liegt und alles wie durch einen ganz feinen, zarten Schleier sehen läßt, verkündet gut Wetter; wohlig atme ich den herrlichen Heugeruch ein, der von allen Wiesen aufströmt, und bedaure die Armen, die nun im Dunst und Staub der heißen Städte weilen müssen. Es steigt sich gut und rasch so ganz allein zur Mitternachtszeit, und um 1 Uhr schon komme ich auf den hintern Etzliboden und suche mir dort, da ich inzwischen recht faul geworden, einen schönen Heugaden aus. Bis 5 Uhr morgens wird da famos geschlafen und dann auf den gewohnten Pfaden über Alp Roßboden und Culma nach Müllersmatt gestiegen, wo ich um 7 Uhr ungefähr ankomme, gerade recht, um mit den Sennen eine Brente heiße Milch zu verzehren; das hat aber geschmeckt! Ich muß hier einschalten, daß ich alle meine Zeitangaben nur aufs ungefähr nennen kann, solche können 5—10 Minuten variiert haben, denn leider, leider habe ich vergangenen Herbst mein alpines Notizbuch, worin seit mehr als sechs Jahren all' meine schönen Aufzeichnungen standen, verloren, es muß in einer Gletscherspalte des Lauterbrunner Breithorngletschers liegen und kommt vielleicht einmal in hundert Jahren wieder heraus und dann ins Landesmuseum!

Nach halbstündiger Rast breche ich auf und steige auf dem linken Ufer des Etzlibaches direkt nach Ober-Felli hinauf, vorbei an unserm Nachtlager vor drei Wochen und längs des Ufers des Spiellauisees, an dessen Ende resp. Anfang den Bach wieder übersetzend und nun über unangenehmen Moränenschutt dem großen Couloir zu haltend, das sich vom Sonnig-Wichel da herabzieht. Vom Spiellauisee aus habe ich mir meinen Berg nochmals eingehend betrachtet und mir meinen Plan entworfen und ihn im großen und ganzen auch einhalten können. Der Sonnig-Wichel, auf altern Karten wohl auch „ Fellinenstock " genannt, hat eigentlich zwei Gipfel, einen nördlichen und einen südlichen, der letztere mag den erstem um wenige Meter überragen; beide sind ge* trennt durch einen tief eingeschnittenen Riß, der erst zirka 100—120 m unter den Gipfeln überschreitbar wird. Vom Nordgipfel aus zieht sich ein mächtiger Grat östlich hinab zum Spiellauisee und zwischen diesem und einem Nordostgrate liegt ein steiles, erst weiter unten sich als solches ausbildendes Couloir, das einige Felsabsätze hat und stark steinschlägig und brüchig ist. Dieses wählte ich zum ersten Anstieg. Der Sonnig-Wichel ist kein hoher Berg, er ist nur 2910 m hoch, " deshalb auch erst sichtbar, wenn man in die ihn einschließenden Thäler oder auf die ihn umgebenden Berge kommt, aber dann nimmt er sofort den Blick gefangen, und jeder wird voll Bewunderung den wilden Gesellen betrachten. Ich weiß keinen andern Gipfel, der in so phantastisch wild zerrissenen Formen so anscheinend unnahbar gen Himmel strebt, wie er. Von welcher Seite man ihn auch betrachten mag, immer lenkt er sofort die ganze Aufmerksamkeit auf sich und reizt zu Kombinationen über die Möglichkeit seiner Besteigung. Seine relativ isolierte Lage, die wilden Formen seiner stolzen Felswände lassen den Berg um ein paar 100 m höher erscheinen, als er in Wirklichkeit ist; trotzdem er einer der niedrigem, dominiert er alle umliegenden Gipfel und scheint am begehrenswertesten, aber allerdings auch am schwierigsten zu besteigen.

Ungefähr um 9 Uhr komme ich ins vorhin erwähnte Couloir, steige anfangs über lose Felstrümmer darin empor, und da bald eines enkrechte, das Couloir scheinbar abschließende Wand kommt, halte ich mich in einem linken Seitenarm und komme auf den zuvor genannten Ostgrat, gehe auf diesem ein Stück und halte mich dann auf seine linke, also Südseite, da diese viel besser gangbar ist, mir stellenweise sogar ganz leicht vorkommt und jedenfalls bis dahin besser zum Aufstieg benutzt wird, als der soeben von mir beschriebene Weg. So lang die Südseite des Grates besser ist, verfolge ich diese, stellenweise kreuze ich Gemspfade, soll doch der Sonnig-Wichel ein Tummelplatz der schönen Tiere sein. Höher hinauf muß ich mich teils auf dem scharfen Grat selbst und, als dieser ungangbar wird, wieder auf seine Nordseite halten, es geht ganz ordentlich und ist nicht so bös, wie es von unten geschienen hatte. Nur eine Stelle bleibt mir in lebhafter Erinnerung. Es mag 10 Uhr gewesen sein, als ich dorthin kam. Die Felsen sind immer glatter und steiler geworden und der Halt- und Stützpunkte immer weniger, da kommt eine mächtige zur Gratschneide sich emporziehende Platte, die gar keinen Griff mehr hat; sie nach unten zu umgehen, ist mir zu mühsam, da ich dann ein gutes Stück wieder absteigen muß, so rekognosziere ich scharf und entdecke cirka zwei Meter über mir ein ganz schmales Gesimschen in der Platte, das diese der Breite nach durchsetzt, und wo die Platte aufhört, beginnt wieder besserer Weg. Es ist nicht mehr weit, es sind vielleicht nur 10 —12 m bis dorthin, und zu zweit und am Seil wäre die Stelle eher passierbar. Item, ich will es versuchen, es ist aber ungemein schwierig, das genannte Gesimse zu erreichen, ich stehe zwar momentan auf ganz sicherer Stelle, aber die paar Meter hinauf ist es wirklich ungemütlich, besonders der letzte große Schritt von schlechtem Standpunkte aus auf das Gesimse, und zudem ist fatalerweise für die Hände absolut kein Halt zu finden. Nun, ich mache endlich den Schritt, aber sofort bereue ich es bitter, denn der Neigungswinkel der Platte ist zu groß, als daß ich, bei der Schmalheit der Felsleiste und nur auf die Füße, ohne Stützpunkt der Hände, angewiesen, mich darauf fortbewegen dürfte, und das Schlimmste dabei ist, daß der Rucksack mich so weit abdrängt vom obern Teil der Platte, daß der Schwerpunkt meines Körpers nicht mehr in der Vertikalen, sondern über das Gesimse hinausliegt und ich mich gar nicht bewegen darf. Es ist eine bitterböse Situation und ich ver- wünsche meine Dummheit, vergebens greife ich überall herum, es,ist für die Finger auch nicht der leiseste Halt zu finden, und Versuche zum Vorwärtsbewegen muß ich jedesmal sofort aufgeben, sie würden rasch mit dem unvermeidlichen Sturz endigen; gern hätte ich damals die ganze Mietwertsteuer d'rum gegeben, wieder die zwei Meter tiefer unten auf meinem frühern, sicheren Standpunkt zu stehen, und dorthin mußte ich, da gab 's gar keinen andern Ausweg. Nur das Wie ist das Schwierige, mein Rucksack ist mir gräßlich im Weg, aber ich kann ihn nicht abziehen, ganz abgesehen davon, daß er dann für mich verloren wäre. Drehen kann ich mich nicht, und so muß ich rückwärts den großen Schritt machen, der mich vorhin hinaufbefördert hat. Doch der ist bös, und wenn ich nicht die richtige Stelle treffe, so heißt 's „ Adieu Huhn "; es vergehen etliche Minuten, mir steht weiß Gott der Angstschweiß auf der Stirn, und ich getraue mich immer nicht den Schritt zu thun, zehn, zwölf Mal schicke ich mich dazu an und immer wieder ziehe ich das Bein zurück, so daß ich schon das bekannte nervöse Zittern iu den untern Extremitäten bekomme, verstärkt von der Unnatürlichkeit der Stellung, die kein Ausruhen gestattet. Aber es hilft alles nichts, ich muß hinab, mache endlich den Schritt und er gelingt natürlich; denn sonst könnte ich heute nicht davon erzählen. Aber nachdem ich auf sicherm Standpunkte stehe, merke ich erst, wie mich die Sache angegriffen hat, und ich bin genötigt, aus meiner Apotheke fünf Kubikcentimeter Magenbitter zu konsumieren, um den Schreck zu paralysieren. Eine viertelstündige Ruhepause läßt mich mich wieder erholen und ich steige nun, was ich gleich hätte thun sollen, cirka 20 Meter hinunter und umgehe die Stelle; auch hier hatte sich bewährt: „ en guete Chrumb ist nüd um. " Mit Freund Hnber habe ich ausgemacht, daß derjenige, der zuerst auf den Gipfel kommt, durch möglichst lautes Jauchzen sich dem andern soll bemerkbar machen, und nun habe ich wirklich Angst, daß er mir zuvorkommt; ein Blick auf die Uhr spornt mich noch mehr ah, und ich thue mein möglichstes, um rasch vorwärts zu kommen und das Versäumte von vorhin nachzuholen. Die Kletterei ist weiter oben eigentlich gar nicht schwierig und nur eine ganz schmale Rinne zu oberst giebt noch zu schaffen und will mich erst abschlagen; als diese überwunden, komme ich auf den letzten Gipfelkamm, der nun von Norden her führt, und blicke ins Pörtlithal und auf den Mattenberg und den von ihm zum Sonnigen führenden Verbindungsgrat hinunter. Huber ist nicht da, aber vielleicht ist er schon auf dem Südgipfel; nun auf der Westseite des Berges mich hinziehend, finde ich noch interessante Kletterei und Kriecherei über und unter Blöcken durch. Punkt 11 Uhr stehe ich mit lautem Hurrah auf dem Nordgipfel des Sonnig-Wichel und strenge mich riesig an, meine Anwesenheit durch ein Huronengeheul kund zu thun. Aber Todesstille in der ganzen weiten Welt um mich herum; ich kann Hubers projektierten Aufstieg von Anfang bis zu Ende überblicken, aber da ist kein menschliches Bein zu entdecken und käme über diesen Grat und diese Wände wohl auch keins hinauf, da hört eben schließlich jede Kunst auf, da beginnt das Unmögliche. Mir wird recht angst um meinen Freund, ich weiß, wie waghalsig er ist, und es kann ja schließlich auch ihm einmal etwas passieren; wenn er nun gar abgestürzt wäreDer Gedanke quält mich und vergällt mir den sonst so schönen Aufenthalt da oben, ich bleibe eine ganze Stunde, stärke mich an meinem Proviant, notiere einige Angaben auf einer Karte, und mangels einer Flasche versorge ich diese, in Papier gut eingewickelt, bestmöglich unter den Steinen eines errichteten minimen Steinmanniis. Von Zeit zu Zeit jauchze ich von neuem, aber ohne Erfolg, kein Mensch und kein Laut stört die feierliche Einsamkeit, hoch oben in den Lüften nur zieht ein Adler oder Gyr seine Kreise. Hätte ich mit Freund Huber keine Abrede getroffen, so hätte ich mich mit meinem heutigen Erfolge begnügt und wäre in der Abstiegsroute zurück und beizeiten heimgekommen, aber so mache ich mir wahrhaftig über sein Schicksal Gedanken, und da ich von meinem Standpunkt aus den Gratabsturz ins Wichelthal hinunter natürlich nicht erblicken kann und mir in der Phantasie das Schreckliche ausmale, daß die Expedition vielleicht dort hinunter habe fallen können, so läßt es mir keine Ruhe, ich muß noch nach dem Südgipfel und von dort aus mir Gewißheit verschaffen. Daß mein Freund etwa gar nicht unterwegs sei, daran kommt mir kein Gedanke, denn ich weiß zu sicher, daß, wenn er sagt „ ich komme ', dann kommt er und wenn zehn Eisenbahnzüge stecken blieben! Um meinen Weg nun abzukürzen, steige ich vom Nordgipfel direkt nach Osten hinunter, wozu ich allerdings das Seil zweimal anhängen muß; ich muß cirka 100-120 m hinab und kann dann den anfangs erwähnten Riß, der die zwei Gipfel trennt, überschreiten, aber es ist nicht leicht dort und man sollte eigentlich zu zweit und am Seil gehen, denn der Halt ist oft minim und eine Hülfe wäre oft erwünscht. Der Riß bildet sich weiter unten zum engen, furchtbar wilden und steilen Couloir aus, ist aber unbedingt ungangbar, da ganz glatte und senkrechte, wenn nicht überhängende Abstürze darin vorkommen, zu allem liegt er im obern Teil voll großer zum Abfallen bereiter Felsstücke und Blöcke und hat nirgends Halt noch Griff. Ungefähr um i Uhr komme ich in eine kleine Lücke südlich des Südgipfels, von wo aus ich den ganzen Absturz des Berges ins Wichelthal überschauen kann; da ist kein Hinaufkommen, auch nicht über den Grat nach dem Wichelschien hin, wo wir im Herbst vergangenen Jahres standen, überall sind glatte, grifflose Platten, die einige 100 m in einer Falllinie abstürzen. Es ist so wild da, daß einem ganz bang werden kann! Nun will ich nochmals jauchzen aus vollem Halse; ich jauchze und jauchze undda horch, wahrhaftig eine Antwort, aber statt von Westen kommt sie von Osten her, statt vom Mattenberg tönt sie vom Spillauiboden herauf. Gottlob, er ist da, nun ist ja alles gut, und ich jauchze vor Freude, so laut ich nur kann. Nun sehe ich mich um, und richtig, tief unten, cirka 500 m unter mir, sehe ich über das Schneefeld zwei schwarze Punkte sich hinbewegen: sie sind 's t Hurrah! Und nun beginnt eine schwierige Konversation zwischen uns. Freund Huber, der mich in den Felsen natürlich nicht entdecken kann, verstehe ich ganz gut, da der Schall leicht nach oben leitet, aber umgekehrt versteht er mich nur sehr schwierig; ich rufe ihm nun mit Donnerstimme in dutzendfacher Wiederholung zu, wie ich gegangen bin und wie er am besten hinaufkommt, und sehe dann, wie er richtig nach meiner Anstiegsroute sich hinüberbewegt; eine Zeitlang kann ich ihn verfolgen mit seinem Begleiter, dann entschwindet er meinen Blicken und wird nun für cirka lVs—2 Stunden nicht mehr zu sehen sein. Ich benutze die Zeit, um den Südgipfel völlig zu erklimmen, aber der ist bös, ich komme ihm nahe bis zu wohl 5—6 m, aber dieses letzte Stück hinauf ist allein einfach unmöglich, ich muß das Seil ausgiebig anwenden, um nur wieder zu meiner kleinen Lücke hinab zu gelangen, es ist cirka 2'/a Uhr und ich habe noch eine gute Stunde Zeit und hoffe, daß dann Freund Huber zu mir kommt und wir vereint den letzten Gipfel nehmen können. Während des Wartens schlafe ich wahrhaftig ein, aber unruhige, böse Träume plagen mich, und alle paar Minuten fahre ich erschreckt empor, die Sache hat mich doch aufgeregt; ein das vorhin genannte Couloir hinab-polternder, jedenfalls mächtiger Stein erschreckt mich gar, ich fürchte eine Zeitlang, daß mein Freund etwa da hinauf probiert habe. Die Zeit schleicht langsam hin, endlich tönt am mir gegenüberliegenden Ostgrat ganz nahe lautes Jauchzen, und Freund Huber erscheint auf dem Kamm. Wir können uns nun ganz gut unterhalten und er erklärt mir sein verspätetes Erscheinen; er hatte doch am Morgen vom Mattenberg aus wieder probiert, war natürlich wieder abgeschlagen worden und hatte nun mit seinem Clubgenossen, Herrn Kolben, den Weg wieder hinab ins Pörtlithal und über die Pörtlilücke hinauf und wieder hinab zum Spiellauisee genommen, wo ich sie dann entdeckt hatte; fürwahr eine große Leistung, zumal sie die ganze Nacht durchmarschiert waren und, da Gamma nicht gekommen, alles selbst zu tragen hatten. Schon am Morgen hatten sie meine Rufe gehört, aber der Schall der ihrigen hatte nicht bis zu mir zu dringen vermocht. Ich fordere meinen Freund auf, zu mir herüber zu kommen, um gemeinsam den Südgipfel zu nehmen, aber er erklärt, daß sein Begleiter ermüdet sei und sie sich diesmal mit dem Nordgipfel begnügen wollen; ich bescheide ihn noch über den letzten Aufstieg und verspreche auch noch zu kommen. Ich mache mich dann sofort auf den Weg, überschreite wieder das böse Couloir und den Ostgrat, komme in meine Aufstiegsroute von heute morgen und bin um 4 Uhr zum zweitenmal auf dem Nordgipfel, resp. 10 m davon entfernt auf einem „ kommoden Hock ".

Rührendes Wiedersehen, nasse Taschentücher und ewige Bergfreundschaft sollten in poetischer Logik die Folge sein, es war aber prosaischer. Freund Huber ist mir natürlich bedeutend über, und trotzdem ich zuerst den Westgipfel erreichte, ist er doch eigentlich der erste richtige Besteiger, denn der höchste Gipfelpunkt ist eine aufrecht stehende lose Platte, ein rechtwinkliger Block von cirka 2 m Höhe und 3 m Breite. Da er wacklig steht, begnügte ich mich, daran aufzustehen, mich empor zu schwingen und darüber hin zu blicken, aber er in seiner Gewissenhaftigkeit und seinem kraftstrotzenden Mut schwang sich ganz hinauf und setzte sich oben hin in beinahe haarsträubender Lage; zum Glück hielt ihn sein Begleiter am Seil, sonst wäre es mir schwindlig geworden!

Nach halbstündigem Aufenthalt beginnen wir mit dem Abstieg und ich lasse mich überreden, mit ins Pörtlithal abzusteigen, obgleich ich gut-meinend den Weg meines Anstiegs zur Rückreise empfehle, und ich sollte heute zum zweiten Male recht bekommen. Die ersten cirka 200 m steigen wir in der Anstiegsroute zurück, ich voraus und die andern durchs Seil verbunden hintendrein; es geht ganz gut, doch viel gelöste Steine erschweren hie und da die Sache ein wenig, wir ziehen uns dann links in der Wand nach dem Nordgrat hin und erreichen diesen in dem zweiten von der Pörtlilücke aus sichtbaren Einschnitt. Von ihm aus führt eine sehr steile schutterfüllte Kehle hinab zum Pörtliboden, indem sie nach dem ersten Drittel in ziemlich scharfem Winkel umbiegt, welcher Umstand natürlich verhindert, von unten her ihr Ende zu erblicken, sonst wäre sie wohl früher zum Aufstieg benutzt worden. Im Frühsommer, wenn die Schutthalden völlig unter Schnee begraben liegen, muß der Weg hinauf und hinab famos sein, aber jetzt ist er geradezu haarig, da kein einziger sicherer Schritt zu machen ist; wir brauchen wohl eine ganze Stunde hinab und ich erlebe den Triumph, daß Huber meint, nun hätte er meinen Weg doch vorgezogen. Abends ungefähr um 6 Uhr sind wir auf dem Pörtliboden und machen da ausgiebige Rast, denn Durst und Hunger sind gewaltig, und müde sind wir auch; besonders im Vertilgen von selbst-präparierter Citronenlimonade leisten wir UnglaublichesEin elektrischer Tram hinunter nach Amsteg wäre nun eine wahre Wohlthat gewesen, denn offen gestanden, haben wir eigentlich alle genug vom Laufen und Steigen und Klettern. Da aber selbst die Anwesenheit von zwei elektrischen Direktoren nicht dazu verhelfen kann, so müssen wir wohl oder übel per pedes apostolorum an den weitern Abstieg. Ungefähr um 8V2 Uhr sind wir bei der Behausung unseres alten Tresch im Fellithal angelangt und machen da nochmals kurzen Halt. Ich fordere meine Begleiter auf, sich von der Primitivität der Wohnstätte des Alten zu überzeugen. Tresch erhält die noch vorhandenen Proviantresten, was ihn zu Freude-Ausbrüchen begeistert. Nach 9V2 Uhr kommen wir auf die Gotthardstraße, uns in der stillen Hoffnung wiegend, eine Fahrgelegenheit, sei es auch nur einen elenden Mistkarren, zu erwischen. „ Ein Königreich um einen Wagen !" aber vergebens, und mühselig und schmerzbeladen ziehen wir endlich nachts um 11 Uhr ganz „ ohne Schneid " in Amsteg ein. Aber auch zu so später Stunde werden treue Stammgäste wie wir noch feierlich empfangen, und G. Seelig jun.

als der Hirschenwirt uns am andern Morgen zum Nachtzug bringt, da rufen wir uns ein gegenseitiges „ Auf Wiedersehen im 95 " zu, und wir wollen 's auch so halten!

Und nun zum endlichen Schlüsse muß ich nochmals auf unsern alten Krystallgräber zurückkommen. Vergangene Weihnachten hatte mir der alte Mann aus Dankbarkeit für ein kleines ihm zugesandtes Paket ein Kistchen voll Krystalle geschickt und dabei berichtet, daß er auch jetzt noch in seinem Hüttchen im Fellithal wohne. Und da ließ es mir keine Ruhe; der harte kalte Winter mit seinen Schneemassen und der alte Mann ganz allein in dem einsamen Thal, ich mußte erfahren, was er mache und ob er überhaupt noch lebe. Und da all meine Zeit vom Geschäft absorbiert wird, so konnte ich ein junges Clubmitglied, den teilweisen Illustrator unseres Jahrbuches, Herrn H. Brun, bewegen, eine Expedition zum Besuche des alten Tresch zu unternehmen. Er opferte sich auf, und am 20. Februar stieg er mit zwei Freunden hinauf ins Fellithal, auf mühsamen, vereisten und schneeverwehten Pfaden. Die Hütten auf Felliberg traf er verschlossen und menschenleer, sogar hier waren die Leute ausgewandert, Kälte, Schnee und Lawinengefahr waren ihnen zu groß geworden, aber unser alte Einsiedler, der niemanden mehr hat, der harrt aus hinten im Fellithal. Da fanden sie ihn und da haust der über 70 Jahre alte Mann, mutterseelenallein in seiner elenden Hütte, beinahe drei Stunden entfernt von der nächsten menschlichen Wohnung, zusammen mit seinen Geißen, deren Zahl auf zwei zusammengeschmolzen ist und die seit Wochen keine Milch mehr geben. Seit Wochen auch hatte er keinen Menschen mehr gesehen, seit Wochen hatte der Arme nicht einmal mehr Brot gehabt. Rührend muß seine Freude gewesen sein beim Erblicken unserer Freunde, und als er hörte, daß man seinetwegen komme, war er außer sich und lachte und jauchzte und sang und weinte wie ein Kind — und gierig verschlang er ein gereichtes Stück Brot — ein langentbehrter GenuGetrockneter Zieger und Käse und Schmalz von Geißenmilch, etwas Reis und Kaffee, das ist seine Nahrung, vielleicht auch ab und zu ein paar Kartoffeln, denn er hat sich selbst welche gezogen auf zwei Felsblöcken vor seinem Hüttchen, wo er Walderde und Sand hinauftrug, und wenn sie reif geworden, erreichen sie wohl die Größe von kleinen Pflaumen, und thätig ist der alte Mann immer; als Bruns Expedition gegen Mittag vor seinem Hüttchen erschien, da war dieses fest verschlossen und der Alte hoch oben an der vordem Waldikehle am Diedenberg, um auf einem Schlitten Wildheu für seine Geißen herabzuholen — ein bei den jetzigen Schneeverhältnissen geradezu lebensgefährliches Werk; so ist er den ganzen Tag fleißig, und das ist sein Glück. Er erzählte, daß bei den Schneestürmen der letzten Wochen er oft Tage lang nicht habe sein Hüttchen verlassen dürfen, selbst Wasser zu holen war unmöglich, und dann ist wohl die Schwermut über den alten Mann gekommen und hat er, nur um sich zu beschäftigen, seine Heiligenbilder mit dem Bleistift umfahren. Aber sonst ist der Alte eine Art Diogenes, immer glücklich und zufrieden, und keine Klage ist über seine Lippen gekommen, und glückselig hat er gelacht, als er photographiert wurde. Und Heil ist dem Alten widerfahren; als in der Sektion Uto sein Schicksal erzählt wurde, da war auch schon das Mitleid für ihn geweckt, rasch war eine kleine Summe bei einander, und eine Kiste mit Kleidungsstücken und Lebensmitteln wird dem Armen den Rest des Winters erträglicher machen, im Frühling kann er sich seine Geißenherde wieder vervollständigen, und er weiß doch, daß er auf der Welt nicht ganz vergessen ist

Feedback