Spaziergänge im Clubgebiet

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Prof. K. Heumann ( Section Uto ).

Spaziergänge im Clubgebiet Von Wittwe ( 2863 » ).

Der Glanzpunkt unseres diesjährigen Clubgebiets, die Blümlisalpgruppe, ist schon so viel bereist worden, daß es schwer halten mag, Neues zu finden; aber als ich, alter Gewohnheit nach, zu Hause im stillen Kämmerlein auf der Landkarte herumreiste, fiel mir auf, daß die verhältnißmäßig so wenig bekannte Wittwenicht einmal Tschudi erwähnt ihren Namen ) wegen ihrer ausgezeichneten Lage, der Mitte der Blümlisalpgruppe gegenüber, ein Aussichtspunkt ersten Ranges sein müsse.

Das außerordentlich inhaltsreiche, mit großer Sachkenntniß und Sorgfalt abgefaßte Itinerarium gibt uns zur Besteigung der Wittwe mehrere Anweisungen; es heißt dort: „ Interessant ist der Aufstieg über Giesenen, das Finsterthal und den Lägigrat, mühsam von der Dündenalp durch den Bärentritt über das Dündenband hinauf. " Da ich mich in Kandersteg befand, so war der ersterwähnte Weg ohne Frage vorzuziehen und am 9. August pilgerte ich vom Hôtel Gemmi Morgens um 6 Uhr beim prachtvollsten Wetter längs der rauschenden Kander hinab nach Mitholz und schlug nach etwa 1 Vé-stiindigem Marsch einen kleinen Pfad ein, der sich rechts in prächtigem Tannenwald hmauf-zackte. Eine Stunde später erreichte ich die obere Thalstufe, deren im Morgenthau funkelnde Matten zur Linken von bewaldeten Hügeln begrenzt waren. Sonderbar gestaltete Felshöcker krönten ihre Gipfel. Jenseits des Baches lagen die Hütten der unteren Giesenenalp, doch blieb ich auf dem linken Ufer, bis nach einer halben Stunde jene gewaltige Felsmauer erreicht war, welche das Thal der Giesenenalp vom Finsterthal trennt. Von letzterem herabkommend stürzt sich der Bach über diese Wand theils in freiem Fall, theils in einer scharf eingeschnittenen Runse zur Giesenenalp nieder, der Wanderer muß sich aber eine etwas nördlich gelegene, steile Grashalde zum Aufstieg wählen. Endlich war die Höhe erreicht, aber o Weh! statt in das vom Lägigrat umgürtete, von der Wittwenspitze beherrschte Finsterthal starrte ich. in einen Kessel voll Nebel, bis zum Ueberlaufen ge füllt. Jenseits erhob sich zwar der zerrissene Lägigrat klar in die Lüfte, aber konnte ich, in jenem Nebelmeer untergetaucht, hoffen, den Grat an der richtigen Stelle zu erreichen? Immerhin wollte ich mir den originellen Wolkenkessel näher ansehen und ging auf schmalem Geißpfad längs der zur Linken aufragenden Felsmauer dem Finsterthal zu, aber plötz- lieh rührte der Wind in dem Topf herum und trieb mir einige Wolkenfetzen entgegen. Jetzt erst kam mir der Gedanke, ob ich wohl meinen Rückweg an der Felswand und über die steilen Grashalden finden würde, wenn mich der Nebel überholt, und in der That war es Zeit zum Rückzug, denn alle benachbarten Berggipfel hatten sich in Nebel gehüllt und nur schleunige Umkehr konnte mich vor gleichem Schicksal behüten. Und richtig, wenige Augenblicke später blies mir der kalte Wind in den Nacken; ich wandte mich um und sah, wie an der mir zunächst liegenden niedrigsten Randstelle des hochgefüllten Nebelkessels der Nebel in dicken Ballen überfloß und vom Wind mir entgegengetragen wurde. Im Laufschritt eilte ich der Felsmauer zu und ihr entlang zu derjenigen Stelle, an welcher ich direct zum Giesenen-thal hinabsteigen konnte; aber der Nebel war schneller wie ich. Langsamer und streng die Richtung wahrend stieg ich hinab und gelangte bald wieder in warmen Sonnenschein. Droben aber im Finsterthal blieb 's finster. Wohl trieb der Wind Wolken auf Wolken aus jenem Kessel heraus, aber unerschöpflich brodelte es weiter. Da alle Spitzen in Wolken gehüllt waren und keine Hoffnung auf Besserung für heute blieb, so zog ich wieder heim, mit der einzigen, aber werthvollen Erfahrung bereichert, daß frühzeitiges Aufbrechen allein zum Heile führen kann.

Am folgenden Tag wollte ich den Ausflug wiederholen, zur Abwechslung aber einen anderen Weg versuchen. Aus der Karte war nämlich zu ersehen, daß von der oberen Oeschinenalp der Grat zwischen Wittwe und Bundstock ersteigbar ist, und es war sehr wahrscheinlich, daß über diesen Grat auch die Wittwenspitze selbst erklettert werden konnte. Da indessen im Itinerarium die Rede davon ist, daß ein directer Aufstieg vom Oeschinensee auf den Grat durch verschiedene Couloirs und über sehr steile Halden „ eine besondere Uebung im Felsklettern und in Erprobung der Schuhe und des Auges " nöthig macht, so hielt ich es für das Beste, nicht allein zu gehen. Mit Christian Hari aus Kandersteg brach ich am nächsten Morgen früh %lk Uhr vom Hôtel Gemmi auf.Ein prachtvoller Sternhimmel gab uns das Geleite bis zum Oeschinensee. Auf schmalem Pfad hoch über der tiefgrünen, stillen Wasserfläche umgingen wir den See in der Ungewissen Beleuchtung des dämmernden Morgens, als plötzlich hoch oben der Gipfel des großen Doldenhorns golden aufflammte; zugleich strahlte aus der Tiefe des See's sein Spiegelbild zurück. Die untere Oeschinenalp wurde um 5 Va Uhr erreicht. Nach kurzer Rast stiegen wir die Treppe zur oberen Alp hinan und folgten dann einem Geißpfad zum Oeschinen-Schafberg, einer nördlich von den Hütten gelegenen, steilen und steinigen Grashalde, über welcher sich Felsmauern und wüste Schutthalden zeigten. Hier war eine Rast wohl angebracht, denn herrlich hatte sich hinter unserem Rücken die Aussicht entwickelt. Von der Sonne grell bestrahlt schimmerten die Firnhänge der Blümlisalp und hoch über dem grünen See auf fast senkrecht erscheinender Felswand erhoben sich leuchtend die Doldenhörner in die blaue Luft. Im Südwest war der Wildstrubel als langgezogene Felsmauer aufgetaucht und die schönen Firngipfel Balmhorn und Altels grüßten von Süden herüber.

Während ich ursprünglich im Sinne hatte, den Grat zwischen Wittwe und Bundstock an einer etwas tieferen Stelle zu betreten, richteten wir auf Veranlassung Hari's, der die Wittwe früher schon von dieser Seite bestiegen hatte, unsere Schritte mehr dem Wittwengipfel selbst zu. Ueber steile Grashänge, schiefrige Halden und eine Felsrinne hinauf erreichten wir um 10 Uhr die Höhe des Lägigrats dicht neben den beiden Felsthürmen, welche als Wittwenspitze bezeichnet werden. Auf dem zerrissenen Grat stehend sah ich nun hinab in 's Finsterthal, das sich gestern so ungnädig vor mir verborgen hatte. Heute war es rein gefegt, kein Nebel deckte den großen trümmererfüllten Kessel, dessen Wände aus Schnee- und Schutthalden gebildet waren. Einige Schritte nach rechts brachten uns zu den Felszähnen, von welchen der östliche, als der höhere, leicht erklettert wurde. 10 Minuten nach 10 Uhr standen wir auf dem Gipfel. Wenn auch gar manche Bergspitze und besonders das Hügelland in der Richtung des Thuner See's von Dunst oder Nebel bedeckt war, so hatten wir doch heute im Wesentlichen den Wolken den Rang abgelaufen.

In prachtvollster, blendender Beleuchtung lag die Blümlisalpkette vor uns ausgebreitet, und so oft auch das Auge nach Jungfrau, Mönch und Eiger, Gspaltenhorn, Balmhorn oder Wildstrubel, oder zum Niesen und dem Thunersee schaute, stets kehrte es zurück, 3 aufs Wunderbarste gefesselt von den edlen Formen, den scharfen Firnschneiden und ungeheuren Abgründen, welche das in ein tadellos weißes Gewand gekleidete Gebiet der Blümlisalp vor uns enthüllt. Tief unter uns über dem Oeschinensee schwamm eine kleine Wolke, deren Weiß sich reizend vom grünen Wasser abhob.

Aber auch aus der Ferne rückten Nebelmassen heran und drohten die Gipfel zu umhüllen, deßhalb mußte zuerst die Camera obscura ihre Schuldigkeit thun — und sie hat sie gethan, wie sich später herausstellte. Erst dann begann ich den Kampf mit Hunger und Durst, in welchem letztere bald erlagen, da der Wirth im Hôtel Gemmi uns wohl mit Munition versehen hatte.

Meine Erwartungen waren also nicht getäuscht worden: ' einen besseren Punkt zum Einblick in die Gletscherwelt der Blttmlisalpgruppe kann es nicht geben und daß gerade der Mitte dieses Gebirgs gegenüber sich die leicht ersteigbare Spitze der Wittwe erhebt, von welcher auch nach allen übrigen Seiten der Blick ungehindert in 's Weite schweift, das sollte vom leichtfüßigen Volk der Touristen mit Dank anerkannt, aber nicht — wie es bis jetzt aus Unkenntniß geschah — ignorirt werden.

Wenn ich die Aussicht von der Wittwe mit einer bekannteren vergleichen soll, so fällt mir nur das der Jungfraukette gegenüberliegende Faulhorn ein, aber die unmittelbare Nähe des großen Firngebietes, dessen Fuß der Oeschinensee bespült, scheint mir ein großer Vorzug unseres Berges zu sein. Trotzdem möchte ich gern die Wittwenspitze zur näheren Charakterisirung als „ das Faulhorn der Blümlisalpkette " bezeichnen. Allerdings ist der Weg aufs Faulhorn gebahnt, derjenige auf die Wittwe via Finsterthal nur bis zu diesem ganz leicht; eine schwierigere, aber mit Führer leicht zu überwindende Stelle soll die sogenannte Wittwenplatte am Lägigrat bilden, welche ich selbst nicht gesehen habe. Jedenfalls bietet der Weg durch 's Finsterthal von Norden her beim Erreichen des Grates eine wundervolle Ueberraschung, da hier mit einem Schlag der überwältigende Anblick der Blümlisalpkette den Wanderer erschüttert, aber der von uns eingeschlagene, wohl schon öfter gemachte, aber noch nicht näher beschriebene Weg vom Oeschinensee direct zur Spitze ist wegen der herrlichen Morgenwanderung längs des See's und hinauf zur oberen Oeschinenalp so reizend und wegen der allmäligen Entwicklung der Aussicht im Rücken so interessant, daß ich kaum weiß, welchem Weg ich den Vorzug geben soll. Der unserige, directe Weg ist von Eggenschwand oder Kandersteg jedenfalls der kürzere, aber besonders in der oberen Partie etwas steil. Den höchsten Genuß, verbunden mit der größten Bequemlichkeit, wird man erreichen, wenn der Aufstieg durch den Wald zur Giesenenalp und durch 's schattige Finsterthal genommen wird, der Abstieg aber im Angesicht der Gletscher hinab zum Oeschinensee. Rechne ich mehrere, zum Theil durch photographische Aufnahmen veranlaßte Rasten ab, so bedurften wir vom Hôtel Gemmi bis zur Wittwenspitze etwa 5 Marschstunden; der Abstieg, welcher auf demselben Weg erfolgte und um 121!a Uhr angetreten wurde, erforderte 3 Va Stunden.

Wie mir Hari unterwegs erzählte, soll Herr Beck aus Straßburg schon einige Wochen vor mir auf der Wittwe gewesen sein und dort photographirt haben. Bedarf es einer weiteren Empfehlung für unsere Wittwe, als daß zwei Touristen, unabhängig von einander, aber vom gleichen Eifer beseelt, einen Standpunkt von hervorragender Schönheit zu suchen, sich dasselbe bisher so selten besuchte Ziel auswählten?

Möge dieses Zusammentreffen ein gutes Omen sein und künftig recht häufiger Besuch die Wittwe für die Vergessenheit entschädigen, in welcher sie seit Jahrtausenden einsam auf dem Lägigrat gesessen hat.

Schneehore und Wildstrubel.

Der Wildstrubel hat mir bei früheren Wanderungen über die Gemmi immer einen sehr zahmen, um nicht zu sagen langweiligen Eindruck gemacht, und nicht die Absicht, ihn zu besteigen, veranlaßte mich am 13. August, Morgens 21k Uhr, mit Chr. Hari vom Hôtel Gemmi aufzubrechen, sondern der Wunsch, von der südlich des Wildstrubels gelegenen Höhe des Lämmernjochs einen Blick auf den uns im vorletzten Jahrbuch von Herrn Pfarrer Buss gezeichneten und geschilderten vergletscherten Exercierplatz, Glacier de la Plaine morte genannt, zu werfen und zugleich vom nahe gelegenen Schneehorngipfel aus den Wildstrubel zu photographiren, der einen großen, nach Südost offenen Kreisbogen bildet, in dessen Centrum sich die dem Lämmernjoch zunächst liegende Schneehornspitze befindet. Da dem Itinerarium zufolge von einer früheren Besteigung des Schneehorns nichts bekannt ist, so hatten wir uns den Weg zu ihm selbst zu suchen.

In Schwarenbach wurde gefrühstückt und um 7 Uhr das auf der Gemmihöhe neu erbaute Hôtel Wildstrubel erreicht, wo wir uns am Anblick der wolkenlosen Walliserberge erfreuten. Dann ging 's dem Lämmerngletscher zu. Selten habe ich mich so über die Entfernung getäuscht, wie hier. Der Weg zu der kaum 10 Minuten entfernt scheinenden Moräne wollte kein Ende nehmen, trotz raschen Gehens. Die Ursache der Täuschung ist darin zu suchen, daß das ganze Terrain aus einem völlig horizontalen, mit Steinen besäeten Feld besteht, welches sich, wie Hari meinte, ausgezeichnet zu einem Schießplatz eignet. Den Kugel-fang würde der Gletscher bilden, der sich im Hintergrunde des Feldes erhebt.

Wir stiegen über die linke Seitenmoräne hinauf, an den Abhängen des Dauben- und Schwarzhorns vorbei und betraten dann den Gletscher. Von links zieht sich zwischen Schwarzhorn und dem auf der Karte mit 3131 m bezeichneten Schneehorn ein kleiner Gletscher in mehreren Terrassen zum Lämmerngletscher herab, mit welchem er in directer Verbindung steht. Wir hätten ganz gut über diesen Seitengletscher dessen Höhe, Schneejoch genannt, erreichen und von hier die Schneehornspitze ( 3131 m ) besteigen können, doch strebte ich vorwärts dem Lämmernjoch zu, da es mir wesentlich darauf ankam, die auf der Karte weder mit Name noch Höhenzahl versehene Spitze zunächst östlich vom Lämmernjoch zu erreichen, welche ich der Kürze halber, da sie einige Meter niedriger ist als die Spitze 3131 m, als kleines Schneehorn bezeichnen will.

Der Lämmerngletscher mußte also in seiner ganzen Länge überschritten werden und da er sehr zerklüftet ist, so kamen wir wegen des Umgehens der Spalten und Aufsuchens und Prüfens der Schneebrücken nur langsam vorwärts. Um IO V2 Uhr befanden wir uns etwas links von der Höhe des Lämmernjoches und stiegen — ohne dasselbe zu betreten — über eine Pirnwand auf den vom Joch zum „ kleinen Schneehorn " führenden Grat, wo sich eine überraschende Aussicht auf den ausgedehnten Glacier de la Plaine morte öffnet. Der Name „ todte Ebene " charakterisirt den Gletscher gut, die Einfassung mit einem nur wenig erhöhten Uferrand, sowie die aufs Zierlichste gekräuselte Oberfläche des weißen Feldes läßt mir den schon von Herrn Büß gebrauchten Vergleich mit einem See noch zutreffender erscheinen. Das weit im Hintergrund befindliche Wildhorn beherrscht diese Einöde und bietet dem Auge einen willkommenen Haltpunkt.

Der Aufstieg zum „ kleinen Schneehorn " war nichts weniger als schwierig; der Grat war — entgegen der Kartenangabe — völlig schneefrei und viele Meter breit. Oben angekommen — es war 1U vor 10 Uhr — fanden wir zwar keinen Steinmann, dafür aber prächtige, faustgroße Bergkrystalle lose zwischen den verwitterten Schieferplatten liegen.

Die Aussicht war klar und schön. Der Blick über die Plaine morte und über den vom langgestreckten Wildstrubel begrenzten, zerklüfteten Lämmerngletscher bis hinunter zum weltverlorenen grünen Lämmernseelein, sowie die prachtvolle Fernsicht über die östlichen und südlichen Gebirgsketten ist die mühelose Besteigung des Schneehorns wohl werth. Was die Fernsicht nach Ost und Süd betrifft, so ist sie identisch mit derjenigen vom benachbarten, öfter bestiegenen Wildstrubel. Ich will nur erwähnen, daß unter Anderen sichtbar sind: Montblanc, Grand Combin, Dent Blanche, Wetterhorn, Mischabelhörner, Torrenthorn, Bietschhorn, Nest- und Aletschhorn, Balmhorn mit Rinderhorn und Altels, Jungfrau und Mönch, Doldenhorn und Blümlisalp etc.

Später gingen wir über den Grat zur Einsattlung hinab, welche unsere Spitze von dem nur wenige Meter höheren, auf der Karte mit 3131 m bezeichneten Schneehorngipfel trennt. In etwa 20 Minuten hatten wir letzteren erreicht, konnten aber in dem ihn zierenden Steinmann keine Wahrzeddelflasche finden. Die Aussicht, welche dieser Gipfel bietet, ist fast dieselbe wie diejenige von der westlichen Spitze, nur sieht man besser in 's Rhonethal hinab, aus welchem die Häuser von Siders freundlich heraufgrüßen.

Bei dem Heimweg, der um 2 Uhr angetreten wurde, fanden wir im Sattel zwischen dem großen und kleinen Schneehorn eine Flasche, welche ein von Schneewasser wohl durchweichtes französisches Gedicht beherbergte. In demselben ersucht Mr. Ribondy im Namen Mehrerer den Leser, ein großes Glas gegen den Durst zu trinken, leider ohne den dazu nöthigen Wein in der Flasche zurückgelassen zu haben.

Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß die französischen Dichter nicht im Sattel geblieben sind, sondern eine der benachbarten Schneehornspitzen besucht haben, und ich will hier noch beifügen, daß beide Schneehörner mit größter Leichtigkeit auch von der Plaine morte direct erstiegen werden können.

Um 2V2 Uhr gingen wir vom kleinen Schneehorn zum Lämmernjoch hinab und beriethen über den Heimweg.

Hari schlug vor, über den Rothekummgletscher zum Daubensee hinabzusteigen, weil dann die erweichten Schneebrücken des Lämmerngletschers, welche viel Zeit erfordern würden, umgangen würden. Ich war natürlich einverstanden, doch als wir einige Schritte weiter, gerade unter dem Wildstrubelgipfel ( 3252 m ) standen, konnte ich es mir nicht versagen, noch rasch auf denselben hinaufzulaufen, was in 14 Minuten ( vom Joch aus ) geschehen war. Die erwartete Aussicht gegen Norden fiel etwas trübselig aus, denn Dunst und Nebel deckte die Ferne; dafür übersah ich den ganzen Gipfelgrat des .Wildstrubels; derselbe macht dem Namen Wildstrubel keine Ehre, denn er ist so zahm wie nur möglich, viele Meter breit, eben oder schwach gewölbt und ganz überfirnt. Es muß ein gemüthlicher Bummel sein, von hier bis hinüber zum sogenannten Großstrubel. Für heute war es zu spät, denn von allen Seiten zogen die Nebel heran.

Den Wildstrubel verließen wir um 31/* Uhr und kamen halb gehend, halb rutschend in wenigen Minuten zum Firn hinab, der sich längs der Südseite des Berges hinzieht. In der Nähe des Großstrubels geriethen wir selbst in dichten Nebel, verloren den Weg und plötzlich bog sich der Gletscher vor unseren Füßen wie ein massiver Wasserfall in schöner Wölbung jäh hinunter in 's Thal, schneefrei und glatt wie Glas. Hier konnten wir nicht hinab.

Zur Seite waren senkrechte Felswände, über welche zwar ein kleiner Wasserfall munter hinabeilte, aber wer würde unsere Knochen unten wieder zusammengeheftet haben, wenn wir dem Wasser gefolgt wären, dessen Tropfen sich in einem Becken tief unten spielend wieder vereinigten? Der Nebel hatte uns übel mitgespielt. Wir suchten nun mehr rechts über die Felsen hinab in ein schneefreies Thälchen zu gelangen, von welchem der Uebergang zum Lämmernsee möglich schien, aber sobald wir uns dem Rand näherten, gähnten Abgründe entgegen. Nur senkrechte Mauern führten zur Tiefe.

Die Zeit verrann, die Nebel sanken tief auf den Lämmerngletscher hinab. Hari ging zur Recognoscirung nach rechts, ich nach links. Als wir uns wieder trafen, sagten wir beide: „ Wir müssen zurück. Zurück nach dem oberen Lämmerngletscher!'L Ich war müde geworden durch das lange hin und her Laufen, aber jetzt durfte nicht gesäumt werden, denn es wurde dunkler und dunkler.

Sechs Uhr mochte es gewesen sein, als wir wiederum unter dem Großstrubel standen. Drohende, fast schwarze Gewitterwolken hüllten den westlichen Strubelgipfel ein, von welchem kalter Wind auf uns herabsauste.

Easchen Schrittes, um der Nacht zuvorzukommen, gingen wir über den flachen Theil des Lämmerngletschers, aber bald geriethen wir zwischen die Spalten und nun hieß es für Hari, rasch den besten Weg zu suchen, vorsichtig, aber mit Vermeidung unnöthigen Aufenthalts die Brücken zu prüfen.

Endlich tauchte ein schwarzer Streifen in der Dämmerung vor uns auf; es war eine zu Thal führende Moräne und ich glaubte, es sei die am Morgen von uns passirte, aber Hari, besser orientirt, erklärte, letztere sei weiter drüben und wir befänden uns noch am linken Gletscherufer. Weiter ging 's quer über .den Gletscher dem südlichen Schneehorn zu, welches dann und wann auf Augenblicke erkennbar wurde. Nebel huschten vor uns her und ballten sich zu Klumpen, die in unbestimmten Umrissen wieder zerflossen. Eine gewaltige Wolkenbank, welche Alles hinter uns in düsteres Grau gehüllt hatte, bedrohte uns im Rücken.

Plötzlich lüftete sich vor uns der Schleier, die schwarzen Felsen des Schneehorns sahen düster herüber — aber was war das? Kaum unterdrückte ich einen Ruf des Erstaunens. Ein riesiges Schiff mit Masten und weit vorspringendem Bugspriet, mit blähenden Segeln und flatternden, zerfetzten Wimpeln zog auf dem schwarzen Grund lautlos daher — stand still und ward von einer entgegenkommenden Wolke verschlungen! Dunkler erschien mir die Dämmerung. Der fliegende Holländer!

Ich habe schon oft dem launigen Spiel des Nebels zugesehen und mich an seinen Formen ergötzt; für Leute, die sich vor Naturerscheinungen fürchteten, hatte ich stets nur ein mitleidiges Lächeln gehabt, aber dieses plötzliche Auftauchen einer riesigen grauen Schiffsgestalt inmitten der treibenden Nebel auf zer-spaltenem Gletscher hatte mich einen Augenblick — warum soll ich 's verschweigen — erschreckt. Mehr als einen Moment glaubte ich zu träumen, dann erst erkannte ich den Streich, den mir der Nebel gespielt. Aber im Geiste verfolgte mich das Nebelschiff lange Zeit und noch in der nächsten Nacht schreckte es mich aus dem Schlaf.

Endlich erreichten wir die südliche Seite des Lämmerngletschers nächst der Stelle, an welcher sich der Seitengletscher vom Schneejoch hinabzieht, und kamen auch bald auf die lange Moräne, auf welcher wir geborgen waren. „ Nun kann es Nacht werden, wir finden doch unsern Weg, " sagte ich zu Hari, nicht ahnend, was uns noch bevorstand.Die Dunkelheit nahm zu, der Himmel war schwarz bewölkt, nur gegen Norden leuchtete sonderbar eine graugelbe Wolke. Plötzlich zuckten Blitze aus ihr hervor, doch waren sie zu entfernt, um uns zu leuchten. Am Fuß der Moräne gab es noch einige kaum für das Auge unterscheidbare Schneeflecken zu passiren und angeschwollene Bäche zu durchwaten oder auf Schneebrücken tastend zu überschreiten, als plötzlich der lang gefürchtete Regen losbrach und mit ihm auch die letzte Spur des Dämmerlichts verschwand. Wir befanden uns jetzt auf dem großen flachen Feld, welches sich vom Lämmerngletscher gegen den Daubensee hinzieht und trotz der Finsterniß hielten wir unsern Curs nach dem Gemmihotel fest, dann aber gelangten wir an den mit großen Felsmassen besäten Abhang, welcher zu jenem Hotel hinaufführt. Im fürchterlichsten Platzregen, absoluter Finsterniß, so daß buchstäblich ( ich habe öfter den Versuch gemacht ) die vor das Auge gebrachte Hand absolut nicht zu sehen war, stolperten wir weiter, stießen auf Felsen, kletterten hinauf, hinab und rutschten aufs Jämmerlichste. Endlich ging 's nicht mehr, denn weder vor uns, noch zur Seite konnte der Alpstock Grund finden. Wir mußten über einer Felsmauer stehen. Ich zündete Papier an, aber das im Regen rasch erlöschende Licht erlaubte nur zu erkennen, daß wir nicht weiter konnten.

Was thun? Wir setzten uns nieder, wo wir standen, auf 's nasse Gras. Das Hotel konnte kaum 10 Minuten von hier entfernt sein, also ließen wir nicht allzu fröhliche Jodler in die Nacht hinaus erschallen. Keine Antwort, der Regen übertönte jeden Laut und erstickte das Licht, welches die Richtung des ohne Frage hell erleuchteten Hotels hätte erkennen lassen.

Endlich nach langem Rufen erhielten wir Antwort.

Unter dem Schutz des Regenmantels drehte ich Papier zusammen, entzündete es und hielt es, am Alpstock gespießt, hoch empor. Allmälig kamen die Rufe näher und ein Lichtschein erschien unter dem Felsen, auf welchem wir standen. Bald hatten uns die „ Retter " erreicht.

Es waren vier Führer, die zufällig im Hotel die Nacht zubringen wollten. Unter ihrer Führung wurde abmarschirt und ich hoffte, da ihrer Aussage nach das Hotel ganz nahe war, bald in 's Trockne zu kommen. Aber fehlgeschossen! Alsbald gab es Streit, der eine Führer wollte rechts, der andere meinte, links'sei das Haus. Wir stolperten über Steine, kletterten hin, kletterten her und rutschten über glatte Grashalden hinab.

Im Laufe unserer im Geschwindschritt ausgeführten Stolperei hatten wir wohl alle möglichen Richtungen eingeschlagen, als nach etwa einer halben Stunde einer der Führer einen Ruf ausstieß und zwei kleine Holzscheiter vom Boden aufhob, welche ein anderer, hintennach gehender Führer, der einen Pack solchen Brennmaterials trug, verloren haben- mußte. Also waren wir richtig im Kreise herumgegangen, die alte Geschichte!

Endlich merkte ich ,'daß wir bis zum nächsten Morgen so weiter laufen könnten, ohne das Haus zu finden, und versuchte mit Hülfe des Taschencompasses und der vom Wind zerfetzten, vom Regen durchweichten Karte die Richtung nach Osten zur Gemmistraße festzustellen, was trotz mehrmaligen Erlöschens der Laterne endlich gelang. Nun ging 's von Neuem drauf los, aber alsbald mußte entgegenstehender Felsen wegen rechts statt geradeaus gegangen werden, dann wieder rechts, dann mußten wir wieder zurück, so daß der Compaß nicht viel nützte, da es unmöglich war, des Kletterns wegen, einem Steuermann gleich die Magnetnadel fortwährend zu beobachten und äußere Orientirungspunkte, der absoluten Finsterniß wegen, vollkommen fehlten. Doch endlich wurden die von uns häufig ausgesandten Jodler beantwortet und gleich darauf stießen wir an die Untermauerung der Gemmi-paßsträße. In einigen Minuten nahm uns das Hotel auf, nachdem wir, d.h. fünf Führer und ich, über eine Stunde im Platzregen herumgeirrt waren.

Nun gab es aber im Hotel große Aufregung, denn wie sich jetzt herausstellte, waren die Führer gar nicht ausgeschickt worden, um uns zu holen, denn unser Rufen hatte man im Hotel nicht gehört, sondern einen Herrn und eine Dame, welche nach dem Nachtessen um- 8 Uhr ein wenig nach dem Daubensee spazieren gegangen waren und bis jetzt — es war 10 V2 Uhr — trotz des fürchterlichen Unwetters nicht zurückgekehrt waren. Wir verdankten also unsere „ Rettung " nur dem Zufall, daß die Führer, welche jene Leute suchten, unseren Rufen nachgegangen waren. Abermals zogen die Führer aus und brachten eine halbe Stunde später auch jene Vermißten in 's Trockne, welche in der Dunkelheit plötzlich den wohlgebahnten breiten Weg verloren hatten und sich nach fruchtlosem Herumirren bereits in ihr Schicksal, die stürmische Nacht im Freien zuzubringen, wohl oder übel ergeben hatten. Wir konnten von Glück sagen, daß wir unter Dach gekommen waren, denn während der ganzen Nacht prasselte unaufhörlich ein fürchterlicher Regen aus den geöffneten Schleusen des Himmels.

Ueber die Gamchilücke.

Am 11. August, Nachmittags 4 Uhr, ging ich mit Chr. Hari vom Hôtel Gemmi zur Hohthürlihütte, um am nächsten Morgen den schon von Herrn R. Lindt ( Jahrbuch VI ) beschriebenen Weg über den Gamchigletscher zur Lücke einzuschlagen und dann über den Kandergletscher nach Kandersteg heimzukehren.

Im Regen waren wir ausgezogen, doch schon auf der oberen Oeschinenalp hatten wir die Wolkenmasse, welche noch lange das Kanderthal bedeckt hielt, durchschnitten und klar spannte sich der Abendhimmel über uns aus. Als wir uns der weißen Frau näherten, glühte sie im tiefsten Purpur; bald aber senkte die Nacht ihre Fittiche und bleich schauten die ernsten Bergeshäupter zu uns herüber. Der Sternhimmel war von wunderbarer Klarheit und außergewöhnlich häufig von leuchtenden Sternschnuppen durchzogen. Aber die Poesie der Nacht läßt sich besser auf ebener Straße als auf schmalem Geißpfad genießen, denn langsames Gehen und vorsichtiges Tasten längs den Felswänden war erforderlich, da das Auge nicht sah, wo der Fuß ruhen sollte und ein Sturz auf den schroffen Abhängen gefährlich werden konnte. Ein Viertel vor 10 Uhr erreichten wir die Clubhütte. « Schlupfhütte », so nannte sie -allen Ernstes ein Kandersteger, als er mir vom Bau derselben erzählte, bei welchem er selbst mitgeholfen habe. Der kluge Mann hatte sich das ihm unverständliche Wort also richtig gedeutet.

Am nächsten Morgen früh 5 Uhr stiegen wir auf den Hohthürligrat und jenseits über Geröll und Schnee etwas bergab; dann wurde der Schneehang traversirt und ein Band an den Felsen der Wilden Frau erreicht, auf welchem längere Zeit weiter gegangen werden konnte. Um die Ecke in 's Gamchithal biegend scheuchten wir sechs Gemsen wenige Schritte vor uns auf, welche durch Felsen am Rückzug gehindert dicht unter unseren Füßen mit Aufbietung größter Mühe uns umklettern mußten.

Nun übersahen wir den Gamchigletscher bis zur Jochhöhe, über welcher das Tschingelhorn sein Haupt erhebt.

Immer auf der gewonnenen Höhe bleibend erreichten wir endlich den flachen Theil des Gamchigletschers und schritten quer über denselben den Wänden des Gspaltenhorns zu. Längs desselben aufsteigend hatten wir einige Spalten zu umgehen, kletterten dann ein wenig in den Felsen, worauf wieder der Gletscher begangen wurde. Derselbe scheint sehr geschwunden zu sein, was auch die Steilheit der oberen Gletscherpartie vermehrt haben mag. Ein Versuch, in den Felsen zur Linken die Höhe zu erreichen, wurde bald aufgegeben, da das Gestein sehr brüchig war, und in Stufen ging 's nun hinauf zur Lücke, wo wir wegen öfterem, durch photographische Arbeiten verursachten Aufenthalt erst um 12 Uhr ankamen.

Der letzte Schritt zur Jochhöhe bringt eine überraschende Aussicht, in welcher das der Gamchilücke gerade gegenüber befindliche vergletscherte Mutt- und Tschingelhorn den Mittel- und Glanzpunkt bildet. Nach links schweift das Auge am hohen Breithorn und der von ihm gegen Osten ziehenden Bergkette vorbei, während der schneeige Petersgrat nach rechts die Fernsicht begrenzt. Gegen Nordwest sehen wir über den sehr verkürzt erscheinenden Gamchigletscher durch'n grüne Kienthal bis zum Niesen und dem Thuner See hinaus.

Drohend zogen im Westen Gewitterwolken auf und rasch eilten wir am Mutthorn vorbei gegen den Petersgrat hinan, um einen passenden Standpunkt zur Aufnahme der Südseite der Blümlisalpkette zu finden; aber das rasch herannahende Gewölk hinderte ein weiteres Vordringen nach Süden, wollte ich nicht riskiren, daß mir der Nebel den ganzen Spaß verderbe. Rasch wurde halbwegs Mutthorn und Petersgrat der Apparat hergerichtet und glücklich noch die gewünschte Aufnahme bewirkt. Kaum war ich fertig, als die Nebel sich der Bergspitzen bemächtigten. Fast schwarze Wolken schlössen drohend das ernste Bild gegen Westen ab.

Fünf Viertelstunden lang gingen wir hierauf über den langweilig flachen Kandergletscher in aufgeweichtem, oft knietief ganz mit Wasser durchtränktem Schnee, bis endlich der prachtvolle Absturz erreicht war, welchen wir, auf der linkseitigen Moräne gehend, ganz in der Nähe bewundern konnten. Ein etwas unangenehmer Pfad, zum Theil auf scharfer Moränenschneide, brachte uns in 's Thal, dann ging 's ebener durch'n romantische Gasterenthal, aber die Nacht hatte uns erreicht, als wir durch die rauschende Klus unserem Quartier zueilten.

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