Spitzbergen, Traum oder Wirklichkeit

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Reto Salzborn, Gordola TI

Hell schrillt der Wecker, durchdringt meine Traumwelt und reisst mich jäh aus dem Schlaf. Wo bin ich? In unserem Zelt am Ekmanfjord auf Spitzbergen oder zu Hause in meinem Bett? Ein Blick auf die nahe Bücherwand und in das Halbdunkel der Morgendämmerung geben mir aber rasch Gewissheit, daheim zu sein. Allmählich finde ich mich in die Gegenwart zurück. Beenden wir nicht heute an der Abgeordnetenversammlung in Lugano offiziell unsere Amtsdauer im Zentralkomitee?

Gewiss, es war nicht immer eine einfache Zeit. Doch wenn ich unserer Spitzbergen-Expedition gedenke, die den realen Hintergrund meines eben so plötzlich unterbrochenen Traumes und zugleich auch die Krönung meiner dreijährigen Tätigkeit im Zentralkomitee bildet, steigt eine tiefe Dankbarkeit in mir auf.

Schon als Knabe haben mich die kühnen Polarforscher und die von ihnen besuchten Spitzbergen und Grönland fasziniert. Stets hoffte ich, später selber in diese Gebiete reisen zu dürfen, ein Wunsch, der sich inzwischen bereits zum zweitenmal erfüllt hat.

Die erste Expedition von 1978 bescherte uns herrliche, unvergessliche Eindrücke im Magda-lenfjord. Im Sommer 1982 folgten dann 21 SAC-Mitglieder aus der welschen und der deutschen Schweiz meinem Ruf, und so konnten wir erneut in den hohen Norden fahren.

Mein Traum lässt mich nun zurückblicken und frischt die vielen Erinnerungen, die sich mit der grossen Reise verknüpfen, wieder auf. Unsere acht tapferen Frauen steigen vor meinem inneren Auge auf, ebenso die Zeiten tiefer Freundschaft bei Regen und Kälte. Ich denke an die von Sonne, Wärme und dem intensiven Licht jener polaren Regionen geprägten unvergesslichen Stunden, an 103 Der Mount Kenya frühmorgens vom Mackinders-Camp aus. Von rechts nach links: Point Lenana ( 4985 m ) über dem Gletscher; dann die Spitze des Point John ( 4883 m ) und schliesslich die ^willingsgipfel Nelion ( 5188 m ) und Batian ( jigg m ) Photos: Peter Hartmann, Trimmis das Leben in unserem Basislager, an die stürmische Überfahrt auf Svens Schiff, das uns in den Ekmanfjord brachte. Ja, von dort sind wir dann weitergegangen, sind zu unserer grossartigen In-landeis-Traversierung via Sveabreen und Kongsfj eilet ( 1120 m ), dessen Gipfel wir nach vier Zwischenlagern gegen 4 Uhr morgens erreicht haben, aufgebrochen. Dann der lange Kompassmarsch im Nebel, wo es uns mit Stolz erfüllte, den vorbestimmten Punkt fast gefunden zu haben, wobei uns aber zugleich zu Bewusstsein kam, wie klein und nichtig der Mensch in diesen konturlos und unüberblickbar gewordenen Gletscherflächen sein kann! Vom letzten Lager am Fusse des Kongsfjellet begab sich unsere Gruppe zum Kallen. Ergriffen standen wir auf seinem höchsten Punkt, genau den drei Kroner gegenüber, und schauten in die Runde. Auch hier wie überall auf unserer Welt hat der Schöpfer mit viel Phantasie eine harmonisch abgestimmte Gipfel- und Gletscherlandschaft gestaltet, deren Abgeschiedenheit es erlaubt, in sich zu gehen und über sich nachzusinnen. Die langen Märsche auf den schier endlosen Weiten und die grossen Seilabstände haben dann manchen von uns dazu bewogen, wieder mit sich selbst zu sprechen. Welche Empfindungen mögen dabei wohl geweckt worden sein? So ungefähr hat Annelise, die meiner Frau und mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist, die Stimmung in Worte gefasst.

Während unseres ganzen Aufenthaltes haben weder hochgesteckte Pläne noch Leistungszwang unser Tun zu beherrschen vermocht. Das brachte uns Musse und erlaubte uns den Genuss des Verweilens. Die ständig gegenwärtige Helligkeit liess uns bald den Ablauf der Zeit vergessen. Wie unwesentlich war es doch, ob wir am Tag oder des Nachts die Zelte auf der sich bis zum Horizont hin 104 Eisberge au ) dem Ekmanjjord. Spitzbergen l' I: Helmut Ru«,. Mi,nsiiiirc-ii 105 Spitzbergen: Aufstieg hongsjjellet: weit hinten der Ekmanjjord.

106 Tre Kroner vom hallen aus l' Imi.,,: K,m hal/lmm. ( Jcrduhi

15

SPITZBERGEN ( SVALBARD )

( Norwegen )

1:4,000,000

77°

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0 10 2040 Statute Miles

BasislagerICamp base Inlandeistraversierungen und Skitouren _ Traversée et courses à ski erstreckenden weissen Fläche aufstellten und müde in die warmen Schlafsäcke schlüpften. Allein Nebel und Schlechtwetter beeinflussten unser Vorgehen.

Welche Wohltat, im Esszelt des Basislagers gemeinsam eine einfache, aber mit Liebe und Phantasie zubereitete Mahlzeit einnehmen zu dürfen. Welche Fröhlichkeit dort immer geherrscht hat! Dann wieder konnten wir in seiner Umgebung jeweils den harten Kampf der Blumen gegen die Natur beobachten, und wie es ihnen gelang, trotzdem zu erblühen, konnten sehen, wie die Tiere im ewigen Kreislauf des Lebens der Jagd oblagen. Das alles brachte uns die notwendige Abwechslung zu den Touren, auf denen wir für Spitzbergen erstaunlich gute Schneeverhältnisse antrafen.

Allzu früh herrschte leider Aufbruchstimmung im Basislager, teilweise mussten die Zelte sogar nass verpackt werden. Ich vermute, dass wir von

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