Sturm in der Monte Rosa-Ostwand

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Zur Erinnerung an Carl Bosshard f.

Mit 3 Bildern und 1 Zeichnung.Von Willy Uttendoppler.

Es war im April. Ein eisiger Ostwind orgelte durch die eingesteckten Ski auf dem Gipfel der Cima di Jazzi. Tief zu unsern Füssen Macugnaga, und weit hinaus ins Tal der Anza schweifte das Auge. Senkrecht unter uns die Fillaralp an der Zunge des Macugnagagletschers. Darüber in kühnstem Schwünge der Alpen grösste " Wand, die Monte Rosa-Ostwand.

Zwischen den Felsen der Marinellihütte und dem Imsengrücken stürzt das gefürchtete Marinellicouloir ab. Staunend gleitete der Blick die tief verschneite Wand hinan, über vereiste Rippen und Felssätze, durch Rinnen und Flanken immer höher und höher, immer steiler und steiler, bis hoch hinauf zu den Gipfeln des Monte Rosa. Wie feiner, weisser Rauch zogen die Schneefahnen über die Wächtengrate, herrlich spielte die Sonne mit ihren Strahlen in Macugnagas Riesenmauer. Ob ich sie wiedersehe?

Bergsommer 1935. Am 2. Juli verlassen Carl Bosshard und ich die Bundesstadt, in Kandersteg gesellt sich Bergführer Adolf Schnydrig zu uns. Trotz verhängtem Himmel sind die Wetteraussichten nicht schlecht, und Schnydrig freut sich auf die Einweihung seines neuen Pickelstiels. Domodossola! Umsteigen. Auf dem Bahnsteig ein wirres Durcheinander: Alpini, Bahnarbeiter und fluchende Dienstmänner. Auf der Weiterfahrt stimmt strömender Regen das Gemüt herab. Von Vogogna führt uns ein Auto über Piedimulera ins Anzascatal. Brummend überwältigt der Motor die starken Steigungen, und am Nachmittage erreichen wir den lieblichen :Talboden von Macugnaga. Herrlich ist das « Wochenend » der Mailänder, prunkvoll die Kirche, wie ich ähnliche nur im Tirol gesehen habe. Neben den Hotels stehen kleine, braune Holzhäuschen, und in der Strasse herrscht schon reges Fremdenleben.

Gegen Abend hellt es auf. Hoch über hängenden Firn- und Eisflanken wölbt sich die Ostwand, gekrönt von riesigen Wächten. Zu Füssen der wildzerklüftete Gletscher, blumige Almen und harzduftende Wälder — ein unvergesslich.es Bild.

Am andern Tage trägt der Wind den rauschenden Gesang der jungen Anza zu uns herauf, die wir mit schweren Schritten bergwärts ziehen. Bei der Zambonihütte 2070 m auf der Alp Petriola machen wir Rast. Hier die junge Pracht des ersten Sommers, ein Teppich schönster Alpenblumen und darüber die eisgepanzerte Riesenmauer.

Von Josy Imseng aus Brig wissen wir, dass die Wand im untern Teile südlich vom Imsengrücken noch nie durchstiegen wurde. Dort hinauf wollen wir uns einen Weg zum Grenzgipfel bahnen. Von der Alp steigen wir über den Petriolabach auf die grosse Ostmoräne des Macugnagagletschers und halten Kriegsrat.

Über den Pizzo Bianco und Nero ziehen seltsame Wolkenfische und nähern sich sehr rasch unserem Berge. Die Gipfel des Monte Rosa erscheinen in diesem Wolkenspiele noch geheimnisvoller und schöner. Nun betreten wir den Gletscher und steuern auf die von der Punta dei tre Amici nordwärts herunterziehende Felszunge zu. Zwischen dieser und einer westlich davon liegenden Rippe steigen wir auf einem Gletscherarm höher, seilen an und gelangen in mittelschwerer Kletterei über die genannte Rippe in das Becken des Macugnagagletschers hinüber. Auf diese Weise umgehen wir die grossen Abbruche des Hauptgletschers, von welchen wir in der Mittagshitze Eisschläge befürchten.

Immer grosser werden am Himmel die Wolkenballen, und graue Dunstschleier ziehen durch die Wand. Hinter uns donnert eine kleine Lawine eine eben gequerte Rinne hinab. Durch die riesigen Eisbrüche findet Schnydrig mit grosser Sicherheit den Weg. Die Steilheit nimmt zu und verlangt hin und wieder Stufen. Am Himmel ist nichts mehr als ein grosses, schwarzes Wolkentuch zu sehen, längst hat uns die Sonne verlassen. In grauen, lautlosen Gestalten ringelt Nebel durch die Wand und verhüllt bald alles. Besorgt sehen wir die näherkommende Wetterwand, hinter der es unheimlich aufzuleuchten beginnt.

Indessen erreichen wir die höchsten Felsen der grossen Rippe südlich vom Imsengrücken. Murrend, wie ein gereiztes Untier, rollt der Donner durch die Wand, die ersten Schneeflocken fallen, begleitet von einem eisigen Wind. Eine Seillänge unter uns sehen wir einen zum Biwak geeigneten Balkon und klettern schnell hinunter. Punkt 3680 m. Während Carl und Adolf den Platz von Steinen säubern, trage ich die Pickel weg und klemme sie in einer Felsritze fest. Zeitungen werden gelegt, das Seil wird ausgerollt und der Zdarskysack über uns gezogen. Einer nach dem andern legt wärmere Kleider an. Auf den Säcken sitzend, den Rücken an die Wand gelehnt, fühlen wir uns einstweilen geborgen.

Es wird dunkel, nur die Feuergarben der Blitze leuchten durch das schon gan, vereiste Fenster des Zeltsackes. Bald summt der Kocher, und beim Scheine der Kerzenlaterne wird es in unserer Behausung wärmer. Draussen heult das Unwetter über das Eis heran, fährt pfeifend die Wand empor und rüttelt am Zelte. Bis Mitternacht vertreiben wir die Zeit, kochen, singen und trinken Tee, dann aber wird die Situation ungemütlich. Der Sturm erreicht den Höhepunkt, und wir fragen uns, ob die Gummihülle dem Orkane standhalten werde. Höllisch rast er um die Felsen, peitscht Schnee und Eis ans Zelt, lässt dann einige Sekunden nach, um gleich darauf mit erneuter Wut über alles herzufahren. Verzweifelt halten wir die Gummihülle an den Tauen. Langsam schwinden die Stunden und mit ihnen die Hoffnungen vom sonnigen Vorabend, wieder wie einst vom Gipfel der Dufourspitze ins lachende Anzascatal hinunterzuschauen.

Erste Morgendämmerung. Der Schneefall hat aufgehört. Längst hätten wir aufbrechen sollen, aber noch immer konzertiert der Wind. Ein rohes Ei und ein Schluck Kognak bilden das Frühstück, Adolf begnügt sich mit etwas Biskuit. Mit ganz steifen Gliedern schlüpfen wir aus dem Sack. Alles ist mit einer dicken Eiskruste überzogen, auch die Pickel und Steigeisen. Der Wind lässt etwas nach, Nebel ziehen aus dem Tal den ungeheuren Wandzirkus hinan. Die Uhr zeigt schon 530 Uhr. Hinauf oder hinunterSchnydrig deutet mit dem Pickel nach oben. Los! Es geht besser, als ich mir dachte, und über den Biwakfelsen auf einem kleinen Firnplateau werden die Steigeisen angeschnallt. Eine stille Freude übernimmt mich — tief unten wird die Alp Petriola sichtbar. Die Eisen greifen, Adolf legt Tempo auf, Carl schimpft, aber rasch gewinnen wir an Höhe. Nach Überwindung eines grossen Schrundes gelangen wir durch einen Steilhang in das berüchtigte Eislabyrinth 1 ). Im Osten wird der Himmel ganz blauviolett und mehr und mehr stossen die umliegenden Gipfel aus den abziehenden Wolken empor. Schon mag die Sonne durch und rötet den Monte Rosa, wo noch wilde Schneefahnen an den entweichenden Sturm erinnern.

Indessen haben wir harte Arbeit im Labyrinth. Ohne ein einziges Mal fehl zu gehen, führt uns Schnydrig behutsam über Brücken, die er vorsichtig prüft, hackt an lotrechten Eiswänden hinauf, und an bläulich glitzernden Eistürmen vorbei geht es jenseits in einen andern Riesenschlund. Der vereiste Nordendgipfel grüsst zwischen gigantischen Eisklötzen, und schon liegen unter uns zur Linken Colle delle Loccie und zur Rechten die Cima di Jazzi.

Auf das Labyrinth folgen Firnhänge, die immer steiler und steiler werden, oben schimmert Blankeis. Die Tiefe wächst. In der Ferne ein erstarrtes Meer schimmernder Bergketten und über uns klarblauer Himmel und goldene Sonne. Immer höher ziehen wir unsere Spur gegen die Felsen des Grenzgipfels zu. Eis! Adolfs Pickel saust in die glasharte Masse.

. ' ) Dasselbe wird auch vom Mannelli her erreicht, nur mehr nördlich.

Die Alpen — 1937 — Les Alpes.35 Steil wie auf einer Leiter in die Höhe. Tritt um Tritt ringt Schnydrig dem brüchigen Eise ab. Surrend rasen die Splitter die Steilflanke ins Labyrinth hinunter.... Stunden sind vergangen, und wir greifen in die Felsen; die Eisen werden in den Sack verstaut. Es ist Mittag geworden. Ein kleines Mahl, und schon ziehen wir weiter. Bösartig sind die Felsen vom Unwetter her vereist, so dass Adolf auch hier harte Arbeit hat. Aber wir lieben ja dieses Aufwärtsstreben in Eis und Fels, und in solchen gefahrvollen Stunden wird das Seil zum Band der Kameradschaft.

Mächtige Blöcke werden überklettert und glatte, griffarme Platten umgangen. Die Gratkante wird nahe dem Gipfel sehr schwer. Wir queren nach links hinaus, steigen über einige vereiste Runsen und Rippen schräg an und kommen nachmittags 4 Uhr aus der Wand. Auf der Signalkuppe wird die Margheritahütte sichtbar. Die Kletterei über den Südostgrat des Grenzgipfels bietet keine nennenswerten Schwierigkeiten mehr, und um 1630 Uhr stehen wir auf dem Gipfel, 4631 ni. Oh du unvergleichliches Panorama der Zermatter Bergwelt! Tief zu Osten liegt das Anzascatal im milden Glanz der schon sinkenden Sonne. Noch flammen die Spitzen des Pizzo Bianco und Nero.

Über den Grat zur Dufourspitze, 4638 m, klettern drei Bergsteiger und reichen sich beim Signal beglückt die Hände. In uns singt und lacht eine selige Freude. Die Monte Rosa-Ostwand — jahrelang Wunsch und Traum — wird schon Erinnerung.

Carl Bosshard ist nun tot. Wer hat ihn nicht gekannt, den Mann in der Fülle bergsteigerischer Tätigkeit und seelischen Erlebens in den Höhen! Zwei Monate später, an einem klaren Herbstabend, tragen ihn die Bergkameraden zu Tale. Über den Zacken der Engelhörner, wo er gefallen, liegt ein Leuchten — seine Berge geben ihm den letzten Gruss.

Was an unserer Route neu zu nennen wäre, ist das Stück vom Macugnagagletscher zum Biwakplatz, welches aber keine nennenswerten Schwierigkeiten aufweist, doch sind die objektiven Gefahren sicher grosser als auf der üblichen Route.Von Stein- und Eisschlägen haben wir jedoch nichts bemerkt und wurden auch im oberen Teile der Wand verschont, dank dem nächtlichen Sturm, der alles fest verbunden hatte.

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