Such- und Bergungsaktion an der Aiguille Verte

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Mit 2 Bildern ( 52, 53Von Willy Uttendoppler

( Bern ) Als am 26. Mai 1953 Frau Hanny Petri mich benachrichtigte, dass Paul mit Fred Beyeler von Mont-Blanc-Fahrten nicht zurückgekehrt sei, ahnte ich bereits das Schlimmste. Aber auch Hanny konnte ich mit nichts über diese Ängste hinwegtäuschen; denn sie ist zu gewiegte Alpinistin, um die Sache nicht selbst beurteilen zu können. Ausserdem war das Wetter derart schön, dass Blockierung in einer Hütte ausser Frage stand. Über die Verhältnisse konnte man allerdings betreffs der ausserordentlichen Hitze um diese Jahreszeit getrennter Meinung sein.

Die letzte Nachricht von Paul und Fred kam von Courmayeur. Ich ahnte Spalteneinbruch oder Lawine in der Längsüberschreitung vom Mont Blanc. Als dann aber von Chamonix die Mitteilung eintraf, dass Pfingsttouristen im alten Refuge du Couvercle Reisepässe, Filme und andere Kleinigkeiten gefunden hätten, kam für mich nur noch eine Vermutung in Frage: Aiguille Verte durch das Whymper-Couloir. Für die Mobilisierung einer ersten Suchkolonne der Chamoniarden danken wir Francis Gueron und Hermann Engel aus Bern. Leider konnte dieses Unternehmen knapp vor dem Wettersturz nur die Ski am Sockel des Whymper-Couloirs bergen. Weitere Nachforschungen hatten vorläufig in den ungeheuren Schneemassen keinen Zweck. Der Unfall geschah vermutlich am 22. Mai. Die inzwischen entwickelten Filme bewiesen, dass die Partie vorher noch auf dem Mont Blanc du Tacul gewesen war.

Wir betrachteten es als unsere Pflicht, nach der Ausaperung eine Suchaktion einzuleiten. In den letzten schönen Augusttagen bat mich Freund Werner Hofer, diese Sache in Angriff zu nehmen. Die Idee, zwei Minensuchgeräte mitzunehmen, stammte vom Everest-mann Arthur Spöhel, obschon nach Fühlungnahme mit der Kriegstechnischen Abteilung ( KTA ) die diesbezüglichen Erfolgsaussichten gering erschienen, denn die maximale Fund-leistung auf Metallgegenstände ( Pickel, Steigeisen, Feldflasche, Sackmesser etc. ) beträgt ungefähr ein Meter. Immerhin wollten wir dies nicht unversucht lassen, denn auch vom Sondieren mit Stangen versprachen wir uns bei Verfirnung geringen Erfolg. Dass ein Lawinenhund bereits nach drei Tagen die spezifische Witterung zu Verschütteten verliert, dürfte bekannt sein. Von der KTA konnte ich Klubkamerad Emil Tschofen für unsere Sache begeistern, der sich sofort via Generalstabsabteilung für die Herausgabe der Minensuchgeräte, Sonden und Schaufehl von der Kriegsmaterialverwaltung bemühte. Zur Abfuhr des Materials stellte uns die KTA auch den Freizollpass aus. In der kurzen Zwischenzeit mobilisierte ich die Mannschaft, und es war erfreulich, wie sich alle SAC- und TVN-Mannen aus dem Kameradenkreis von Paul und Fred sofort zur Sache bereitstellten. Nebst den bereits Erwähnten waren noch Hans Bill, Hans Bühler, Leo Dufing, Hans Ferndriger, Alfred und Lili Guggisberg, Kaspar Hösli, Heinrich Marti, Albin Misteli, Hans Perret, Hermann Ringgenberg, Ernst Schlunegger, Paul Widmer und Fritz Zingg mit bei der Partie. Im Namen aller danke ich auch den Arbeitgebern, die uns grosszügig Urlaub gewährten.

Mit zwei Autos, zwei Seitenwagen- und drei « Solomaschinen » kamen wir am Glanzmorgen des 5. September auf die Strecke. Über Genf ging die Fahrt ins Tal von Chamonix. Als hinter Les Houches, auf ungeheure Granitsockel gestützt, das erste Mal die weisse Kappe der Aiguille Verte sichtbar wurde, kannte die Begeisterung unserer Jungen keine Grenzen mehr. Tiefblau war die Himmelsglocke über dem Silberdom des Mont Blanc, welcher volle 3700 Meter über dem Talgrund der Arve thront. Ein einmaliges Bild! In den Weiden bereits die ersten Herbstzeitlosen, aber sonst noch immer sommerlich warm. Chamonix! Es ist Mittag. Viel Volk und Lärm, denn dieser Ort hat sich im Laufe der Jahre zu einem internationalen Fremdenzentrum entwickelt. Ergriffen stehen wir vor dem Saussure-Balmat-Denkmal und gedenken der Pioniere, die am B. August 1786 den Weissen Berg eroberten. Nachmittags pustet und schnauft uns die alte Zahnradbahn nach Montenvers hinauf. Das umfangreiche Material wird verteilt, und dann setzt sich unsere Kolonne Richtung Mer de Glace in Bewegung. Es ist erfreulich, dass auch Hanny Petri und Nelly Beyeler mit uns sind. Sie wollen es sich nicht nehmen lassen, den Berg des Schicksals ihrer Lieben aus nächster Nähe zu betrachten. Die Mer de Glace ist ein Eisstrom von seltener Wildheit und Schönheit. Der Hintergrund mit der eisgepanzerten Nordwand der Grandes Jorasses gehört zu den schönsten Bildern in den Alpen. Aber auch die Dent du Géant und die ganze Lanzenreihe der Aiguilles mit dem berühmten Grépon lassen unsere Herzen höher schlagen. Erinnerungen an längst vergangene Bergtage werden wieder in mir wach.

Verhältnismässig rasch haben wir den Gletscher gequert und erklimmen nun schweisstriefend die Egralets, eine steile Felsstufe mit Leitern und fixen Seilen. Dann zickzackt sich das Weglein zum neuen Refuge du Couvercle hinauf, welches wir um 18 Uhr betreten. Hier amtet Clément Comte, ein überaus charmanter Hüttenwart. Der Abend gehört ganz dem Gedenken unserer heimgegangenen Kameraden. Diese und jene lustige Anekdote wird aus der Versenkung hervorgeholt, und fast glauben wir, Fred und Paul in unserer Mitte zu haben.

Frühmorgens beim Flackerlicht der Laternen steigen wir zu Füssen des Moinegrates gegen den Glacier de Talèfre hinauf, über welchem sich die Silhouetten der Verte, Rocheuse, Jardin und Droites abheben. Langsam wird es Tag, und gleich einer angefachten Riesen-esse glüht die Kuppel des Mont Blanc, während sich in den Gletschertiefen noch die Schatten breiten. In Bälde sind wir beim riesigen Lawinenkegel am Sockel der 600 Meter hohen Riesen-Hohlkehle des Whymper-Couloirs ( ca. 3400 m ) und deponieren unsere Säcke. Die Minensuchgeräte werden zusammengestellt. Diese bestehen aus einem am Rücken getragenen Batteriekasten, Kopfhörer, einem Stab mit Handgriff und kleinem Schaltkästchen. Am Stabende können zwei Antennenringe ( 22 oder 40 cm Durchmesser ) montiert werden. Die Geräte funktionieren auf elektromagnetischer Basis. In mähartigen Bewegungen wird der Antennenring am Stab über den Schnee geführt, wobei sich im Kopfhörer ein feiner Summton bemerkbar macht, welcher in der Nähe von Metallgegenständen stark in die Höhe steigt. Das mit Slalomfähnchen ( dank dem Sportgeschäft Denis Vaucher !) abgesteckte Gelände wird nun auf diese Weise abgeschritten.

Die übrigen Teilnehmer bilden Zweier- und Dreierseilschaften und suchen die Spalten über und unter dem Lawinenkegel ab. Auch eine Stein- und Eisschlagwache wird aufgestellt. Es ist hundekalt, und Spöhel ist der Meinung, dass er am Everest nie so schandbar gefroren habe! Nach einer Stunde intensiver Arbeit meldet die Partie Kaspar Hösli, dass über dem Lawinenkegel in einer Spalte ein Körper sichtbar sei. Alle Mann rennen nun hinauf. Auf halber Höhe in einer ungefähr 35 Meter tiefen Spalte bietet sich uns nun kein erfreulicher Anblick. Ein Mann ist dort in der südseitigen Eiswand eingefroren. Nur die unteren Körperteile hängen frei in die Kluft hinunter. Wahrscheinlich lag dort im Frühjahr eine Schneebrücke, auf welche der Verunglückte durch die Lawine oder mit Nachschneerutschen zu liegen kam. Im Sommer brach dann die Brücke oder schmolz ab, aber der Tote war durch die Schmelzwasser bereits zur Hälfte eingeeist. Auf alle Fälle stehen wir hier vor einer schwierigen Bergung, verbunden mit härtester Hackarbeit. Emil Tschofen meldet sich dazu. Nach umfangreichen Vorbereitungen ( Spaltenränder säubern und Unterlagen mit Pickeln ) steigt er mit Sicherungs- und zwei Steigbügelseilen in die blaugrüne Tiefe. Bald kommt die Meldung, dass es sich um zwei Verunfallte handle, doch sei der eine schon fast ganz im Eis, aber beide noch durch das Seil verbunden und mit Steigeisen bewehrt. Nun sehen wir, dass Tschofen nicht in der günstigen Fallirne hängt, und hissen ihn wieder hinauf. Einige Meter westlich des Spaltenverlaufs müssen wir zuerst eine Öffnung schaffen und dort neu vorbereiten und mit der Arbeit ansetzen. Lange Zeit stören nur die verschiedenen Kommandos die Stille dieser einzigartigen Bergwelt. Dann endlich können wir das Bergungsseil einziehen. Paul mit seinen roten Strümpfen kommt zum Vorschein. Später kam dann der gute Fred ans Tageslicht, und nach totaler Arbeitszeit von zirka zwei Stunden hissten wir auch den tapferen Bergungsmann.

Um die toten Kameraden nicht in der Mittagshitze transportieren zu müssen, schaufelten wir ihnen ein Schneegrab. Guggisberg und Schlunegger wurden schon nach der Fund-meldung mit weiteren Befehlen zur weiblichen Küchenmannschaft in die Hütte geschickt. Vor allem benötigten wir starke Leinensäcke und zwei Schlitten. Beides war jedoch nicht vorhanden und musste von Montenvers angefordert werden. Aber die beiden gaben sich nicht geschlagen und kehrten mit einem improvisierten Schlitten aus zwei Ski und Brettchen zurück. Vorerst stiegen wir nun aber alle zur Hütte hinunter. Fünf Kameraden mussten ohnedies talwärts, und auch Tschofen kehrte mit Hanny, Nelly und Lui nach Chamonix zurück, um die nötigen Formalitäten zu erledigen. Am Spätnachmittag transportierten wir dann die Leichen bis oberhalb des Jardins an die Winterroute, und beim Eindunkeln wurde die Hütte wieder erreicht. In der Nacht kamen die Rettungsschlitten an, aber leider keine Säcke. Wir mussten uns mit alten Wolldecken behelfen. Mit zwei Trägern und einem Führer vereinbarten wir beim Pierre à Béranger für 8 Uhr des 7. Septembers den Treffpunkt. Nachdem wir in der Frühe die Toten auf die zwei Schlitten gebunden hatten, ging die Fahrt über das ausgeaperte Eis des Glacier de Talèfre zum Treffpunkt hinüber. Dort wurden die Leichen an lange Eisenstangen gebunden und auf dem Weglein zum Glacier de Leschaux hinuntergetragen. Dies waren ungeheure Strapazen, aber jeder leistete sein Bestes. Bei den kurzen Rasten bewunderten wir immer wieder den Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses, welcher sich auf diesem Abstieg in seiner ganzen Grösse und Kühnheit präsentiert. Auf dem Mer de Glace begann dann die Schlittlerei, wobei uns keine Mühen erspart blieben. Ein Schlitten ging nahezu in Brüche, und es war ein Geholper, Seilziehen, Verstellen und Bremsen ohne Ende. Zingg und Guggisberg, die uns schon morgens auf der Sommerroute mit dem restlichen Material verlassen hatten, erwarteten uns am Gletscherrand vor der Gegensteigung nach Montenvers. Ihre Rucksäcke sahen schwer aus und enthielten Tranksame. Wir stürzten uns gierig darauf, denn uns quälte schon lange ein höllischer Durst. Die Gegensteigung hatte uns noch den Rest gegebenAber unser Werk war vollendet, und trotz wunden Schultern, müden, teilweise verstauchten Beinen und einer Rippenquetschung stellte sich bei uns allen eine gewisse Befriedigung ein. In unverbrüchlicher Kameradschaft hatten wir eine Aufgabe gelöst.

Nachdem unsere toten Kameraden in der stillen Bergkapelle provisorisch eingesargt worden waren, trugen wir sie zur Zahnradbahn hinunter. Das war ein feierlicher Moment, und da und dort sah man bei uns harten Gesellen Tränen in den Augen. Während der Talfahrt ziehen nochmals die schönsten Bergfahrten mit den Verunfallten an mir vorüber. Der alte Spruch, dass die Berge jene behalten, die sie lieben, hat sich wieder einmal bewahrheitet. Aber nicht Unvorsichtigkeit hat unsere Freunde gefällt, sondern die objektive, unberechenbare Gefahr: die Lawine! Heute hier, morgen dort. Heute dieser und morgen ein anderer, so ist der Kreislauf des Lebens. Aber in unseren Herzen bleiben Paul, der Gipfelstürmer, und Fred, der Träumer, wach. Die grösste Genugtuung für unsere Bergungsaktion fand ich in Hanny Pétris Worten: « Ich habe in diesen drei Tagen den verlorenen Glauben und die Liebe zu den Bergen wieder gefunden. »

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