Thomas Platters Geburtshaus

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Von Oskar Pfister.

Der prächtige Aufsatz, den Otto Stettier in der Septembernummer der « Alpen » 1928 veröffentlichte, vor allem aber die Kunde vom Verfall des Geburtshauses Thomas Platters veranlasste mich, das wunderliebliche Grächen aufzusuchen. Alles, was der gewandte Schilderer ausführt, fand ich bestätigt, und ich freute mich über die klaren Augen und das liebevoll sich einfühlende Gemüt des Verfassers.

Wer auf diesen weit vorspringenden Balkon tritt, ist von der breiten Schönheitsfülle förmlich geblendet: Im Südwesten das königliche Weisshorn mit seinen gewaltigen, ebenfalls weiss gekleideten Trabanten, im Norden das reckenhafte Bietschhorn mit seinem ungeheuren Felsthron, und rings umher ein fürstliches Gesinde mit blitzendem Geschmeide und grünen Schleppgewändern. Wo in unserer Heimat, wo in aller Welt fände sich ein stolzerer Prunksaal? Und Grächen selbst in seiner rührenden Einfachheit, mit seiner kräftigen, freundlichen Bevölkerung und seinen schlichten, aber bequemen Gasthäusern weiss es dazu zu bringen, dass man sich mitten im überwältigenden Naturpomp sogleich heimisch fühlt. In diesem Urteil gehe ich mit Stettier völlig einig und bedaure nur, dass das Paradiesgärtlein im Nikolaital noch so vielen unbekannt ist.

Für unzutreffend halte ich jedoch die Angabe über Platters Geburtshaus. Wenn wirklich das Heim, in welchem der grosse Vagant, Seiler, Universitätsprofessor, Buchdrucker, Schulrektor, dem wir die wohl bedeutendste Schilderung des Schülerlebens im 16. Jahrhundert verdanken, gefährdet wäre, so hielte ich es für eine Ehrenpflicht des Schweizervolkes, den Zusammenbruch aufzuhalten. Eine genaue Prüfung der Sachlage führte mich jedoch zu einem andern Ergebnis. Das in Niedergrächen gelegene, unter der Häuser- gruppe « auf den Platten » befindliche, durch eine Marmortafel als Thomas Platters Geburtshaus bezeichnete Gebäude trägt nämlich seinen überlieferten Namen zu unrecht. Das wirkliche Geburtshaus ist höchst wahrscheinlich vor wenig Jahren wegen seiner Baufälligkeit abgerissen worden. Um dies zu beweisen, greifen wir auf die Quellen zurück.

1. Thomas Platter berichtet in seiner Autobiographie 1 ): « Min vatter hatt Anthoni Platter gheissen von dem alten geschlecht deren, die Platter gheissen hantt, die hand ihren namen von eim huss, das ist uff einer breitten blatten, das ist ein felsen uff eim gar hohen berg by eim dorff, das heisset Grenchen... Das huss, darin ich geboren bin ist an Grenchen, heisset An den Graben, darin bistu Felix selber gsin. » 2. Felix Platter erzählt in seinem Bericht über die 1562 gemachte Reise in die Heimat — der Vater Thomas war anwesend: « Am morgen kamen wir in das hauss, do mein vatter erboren war. Da war nütt, den ein zesamen geflochten stücklin hauss, wie gemeldt, von lärchenbeumen, und war gleich neben einem hochen felsen oder platten, davon die unseren die Platter sindt genannt worden und die wonung „ das huss an der platten ", welches von niemand mer bewont war. Nach dem imbiss... thaten wir einen trunk uf der platten, und gab ein cronen, dass man mein wapen solt in die platten huwen sampt dem namen. » Hierzu bemerken wir: Von Thomas wird das Haus auf der Platten nur als Stammhaus angegeben. Das Geburtshaus trägt einen andern Namen, nämlich « An den graben ». Dies schreibt der Autor 1572, zehn Jahre nach der mit dem Sohne Felix, dem bedeutenden Basler Stadtarzt, unternommenen Reise. Felix dagegen identifiziert das Geburtshaus seines Vaters mit dem Hause neben einem hohen Felsen oder einer Platte. Warum es damals unbewohnt war, gibt er nicht an. Offenbar soll mit dem Ausdruck « nütt, den ein zusamen geflochten stücklin hauss » die Kleinheit und Unansehnlichkeit des Objektes hervorgehoben werden. Diese Auffassung bestätigt mir in freundlicher Weise der gelehrte Domherr Imesch in Sitten. Ob das Haus wohl auch nicht mehr bewohnt gewesen wäre, wenn es stattlich und in gutem Zustand gewesen, ist nicht ersichtlich.

Um Gewissheit zu gewinnen, besuchte ich im Oktober 1928 den Ort. Das Platterhaus war leicht zu finden. Es ist ein stattliches, dreistöckiges Haus von 8,25 m Länge und 10,25 m Breite 2 ). Das Erdgeschoss ist seit zwei Jahren unbewohnt. Es besteht aus einer überraschend grossen Wohnstube ( 5,4: 5,4 m ) und einer ebenso langen, aber nur 2 m breiten Kammer. In der Küche befindet sich kein Herd, wohl aber eine Feuerstelle und viel Raum für gefiederte und vierbeinige Hausgenossen. Das Stockwerk ist sehr niedrig gehalten. Die beiden oberen Stockwerke weisen dieselbe Einteilung auf, nur dass der Stallraum bis zum Dache reicht und eine Haustüre von der Rückseite ins Obergeschoss führt. Das Dach streckt einige Sparren wie um Hilfe flehende Arme aus, befindet sich jedoch über den inneren Räumen in gutem Zustand und kann nach Aussage eines ansässigen Baumeisters noch lange halten, wie auch das baufällige, teilweise bewohnte Haus vom Einsturz nicht unmittelbar bedroht ist.

Aber welche Bewandtnis hat es mit dem offenbar uralten Gebäude? Ist es Thomas Platters Geburtshaus?

Ich erkundigte mich vorsichtig zuerst, ob es hier ein Haus gebe, das « An dem Graben » oder « An den Gräben » heisse.Verschiedene Einwohner bezeugten mir, ein solches habe bis vor wenig Jahren bestanden, sei dann aber wegen Baufälligkeit abgerissen worden. Man führte mich zur Stätte, die in der Tat über einem Graben liegt, neben dem ein anderer sich in paralleler Richtung erstreckt. Der Ort befindet sich wenig westlich von der Kapelle Niedergrächen, unterhalb des nach St. Nikiaus führenden Feldweges. Noch steht der Stall, der mit dem Hause verbunden war. Ohne genaue Messungen vorgenommen zu haben, glaube ich versichern zu können, dass es bedeutend kleiner als das sogenannte Platterhaus ist und mit weit grösserem Rechte als dieses ein « stücklin hauss » ( Felix ) genannt werden kann. Es ist wahrscheinlich, dass das vor einigen Jahren abgerissene Haus Thomas Platter bei seiner Geburt Obdach gewährte.

So käme das von Stettier erwähnte Platterhaus vielleicht als Stammhaus der beiden Platter in Betracht. Es liegt allerdings hart östlich neben einem mächtigen Felsen, der in der Richtung gegen das Haus aus dem Boden schaut, und nördlich befinden sich andere Felsen, die noch eher als Platten bezeichnet werden könnten. Allein in seinem stattlichen Ausmass passt es ganz und gar nicht zu Felix Platters Angabe, das « Haus an der Platte » sei « nütt den ein zesamen geflochten stücklin » gewesen.

Landesmuseumsdirektor Lehmann hatte die Freundlichkeit, mich auf eine Angabe aufmerksam zu machen, die als Kopie handschriftlich im Landesmuseum vorhanden ist. Emil Wick schreibt um 1868 in seiner mit schöner Zeichnung geschmückten Schilderung des Hauses, ein angesetztes Zimmer des Hauses trage auf seinem Deckenbalken die Jahreszahl 1674, der Ofen die Ziffer 1675 und ein in der grossen Stube hängendes, mit Spitzbogen geziertes Eckschränkchen scheine aus Thomas Platters Zeit zu stammen. Leider sind Deckbalken, Ofen und Eckschränkchen seit Wicks Besuch verschwunden. Auch Wick findet, das Haus biete nicht den Anblick bitterer Armut, wie Thomas Platter sie schildere.

Aus alledem ziehe ich folgende Schlüsse:

Das heute mit einer Marmortafel versehene sogenannte Platterhaus, das ungefähr 300 m von der Kapelle Niedergrächen am Fussweg nach Kalpetran steht, kann mit Thomas Platters Geburtshaus nicht identisch sein. Letzteres ist vielmehr wahrscheinlich in dem vor einigen Jahren abgerissenen, westlich von derselben Kapelle am Wege nach St. Nikiaus gelegenen Haus « An den Graben » zu suchen. Auch als Stammhaus des Thomas und Felix Platter kann das heutige « Platterhaus » nicht angesehen werden, da es in seiner Stattlichkeit zur Schilderung der beiden berühmten Männer nicht passt. Dagegen ist es sehr leicht möglich, ja wahrscheinlich, dass das « Platterhaus » an der Stelle des ehemaligen Stammhauses erbaut wurde. Ob das von Felix Platter bezahlte Wappen einmal wirklich vorhanden war und bei geschickter Ausgrabung noch gefunden werden könnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls aber wäre es sehr zu begrüssen, wenn das neben einem wundervollen Aussichtshügel gelegene Platterhaus wieder in guten Zustand gebracht würde.

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