Tibetanische Wanderung im Engadin

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Mit 2 Bildern ( 85, 86Von Emi|,e Wo,ff

( Zug ) St. Moritz streiften wir nur kurz, um zur Post zu gehen; wir hatten dort nichts zu suchen und stiegen -bereits um 9 Uhr morgens hinauf zum Hahnensee. In seinen grünen Wassern spiegeln sich Felsen und Bäume und Alpenrosen in weltfremder Lieblichkeit.

Für alle jene, welche die Oberengadiner Seen noch nie im Glanz eines strahlenden Sommertages gesehen haben, muss jede Beschreibung versagen. Dankbaren Herzens nur kann man dieses Bild in sich aufnehmen, niemals aber in irgendeiner Form den bezaubernden Charme wiedergeben. Es kann kein Auge so leuchten und kein Meer so flimmern. Kein Mensch kann es schildern und kein Phantast könnte es erfinden.

Benommen stand ich auf einem vorspringenden Felskopf und schaute, schaute. Jede Einzelheit prägte sich meiner Seele ein, und so lange ich lebe, werden die einzigartigen Linien der Ufer, wird das Glänzen, das Schimmern und Leuchten in meiner Erinnerung haften bleiben. Mir war, als habe ein Zauberer aus 1001 Nacht die zahllosen Edelsteine dieser Erde hineingeworfen in den Silvaplaner See, wo sie sich in die unbeschreiblichen Farben auflösten.

Zuoberst liegt die zartrosa Perle. Darunter, im gedämpften Licht funkeln Rubin und Smaragd, Opal und Saphir und Diamanten glitzern verführerisch und unstet im Wechselspiel der Mittagssonne. In den aufgelösten Edelsteinen aber spiegelt sich die Erde wider, das Grün ihrer Matten und das blendende Weiss der Berggipfel.

In sanfter Steigung, stets den Blick den Kleinoden im Tal zugewandt, umgeben von riesigen Blöcken und blühenden Alpenrosen, folgten wir dem Weglein, und der Malojawind brachte uns willkommene Kühlung.

In der Einbuchtung am Horizont liegt die Fuorcla Surlej. Bis zum letzten Schritt bleibt uns die jenseitige Sicht verborgen. Wir erreichen den Scheitel. Mit einem einzigen Blick erfassen wir das ganze, herrliche Panorama. Dann schliessen sich die Augen. Zu stark ist das Gleissen und Leuchten. Ein überwältigendes Meer von Gletschern, in schöne Formen gegliedert, Eismassen, erstarrten Strömen gleich, bis in die Wolken ragende, schlanke Türme, so liegt das Berninamassiv im Sonnenglanz. Direkt vor uns, greifbar nah, schneidet der Biancograt in seiner klassischen Linie den Horizont. Der Piz Morteratsch ruft letztjährige Erinnerungen wach, und in mir ist ein glückliches Gefühl: einmal stand auch ich auf jenem Gipfel, erstieg seine steilen Firne und die jähe, dachartige Wand über gewaltige Schrunde.

In harmontscher Linie säumen der Chapütschin, der Glüschaint und die Sella den Horizont. Weich schmiegen sich die Gletscher in die breiten Mulden. Faszinierend glänzen die Hängegletscher am Piz Roseg und am Scerscen. Unüberwindlich und abweisend erscheinen die gleissenden Eishänge. Und doch! Der Mensch, eine winzige Ameise in dieser Bergwelt, klammert sich an Die Alpen - 1949 - Ias Alpes25 den Fels, zerhackt das blaue Eis und windet sich hinauf auf den Thron, der einst der Thron der Götter war.

Aber es ist nicht die Wirklichkeit der Berge, der mächtigen Gletscher allein, die so übernatürlich und göttlich uns erscheint. Vielmehr ist es das Nichtseiende, das Unfassbare und nur Geahnte, was uns so mächtig ergreift. Unnennbare Kräfte strömen aus der Bergeinsamkeit in uns hinein. Ist es die klare Luft? Ist es das blendende Licht des Tages? Berge, Seen, Wälder Was wäret ihr ohne das Licht? Und was nützte das Licht, würde nicht die Erde sich nach ihm sehnen?

Das Geben und Nehmen, der grosse Austausch in der Natur, die geschlossene Harmonie des Alls, wir erkannten dies an jenem wundervollen Tag auf der Fuorcla Surlej, wo gleissende Firnen und Gletscher einen hehren Kranz um uns schlössen. Schönheitstrunken und wunschlos glitten meine Augen durch den unendlichen Baum...

Im Abstieg folgten wir dem Weglein, das ein gutes Stück in gleicher Höhe sich dem Hang entlang schlängelt Ich fühlte meinen Körper nicht mehr, und mein Wandern war ein Gleiten über unwirkliche Gefilde.

Blöcke säumen den Weg. Vielleicht waren sie einmal hoch oben am Grat, der in den blauen Himmel ragt. Nun liegen sie verstreut am Hang. Eroberungs-lustig klammern sich junge Arven in ihren Spalten fest, und ihre Flanken sind mit zahllosen Alpenrosen bedeckt. Noch mehr Alpenrosenfelder. Wohl 500 Meter vom Weglein entfernt glüht uns noch das tiefe Rot entgegen. Es wirkt so verlockend, dass ich mich hineinwerfen möchte wie in ein verzehrendes Feuer. Endlos in die Breite und Tiefe dehnt sich das rote Feld.

Wir biegen um eine Ecke, und nun fällt der Weg. Wir treten in eine Parklandschaft, wie ich sie noch nie schöner sah. Hellgrün leuchtet das zarte Gras in der Nachmittagssonne, wie junger Reis. Bejahrte Arven und mächtige Lärchen werfen leichte Schatten, vermischt mit grellem Sonnenschein. Hier bilden die Alpenrosenstauden vereinzelte, malerisch an die Felsen gelehnte Gärtchen. Der Weg ist mit Nadeln bedeckt, wie mit einem weichen Teppich. Lautlos schreiten wir dahin. Mit jedem Meter, bei jeder Biegung reiht sich ein liebliches Bild ans andere.

Mein Herz ist übervoll vor lauter Dankbarkeit für so viel Schönheit. Gewiss 1 Das Empfindungsvermögen von uns Menschen ist ganz unzulänglich angesichts der gebenden Natur, zu klein ist das Gefäss des Herzens, um die Harmonie solcher Augenblicke ganz in uns aufzunehmen.

In Sils-Baselgia laben wir uns an einem einfachen, aber köstlich mundenden Mahl und fahren dann mit dem letzten Postauto nach Maloja.

Mittlerweile hat sich in der Ferne ein Gewitter zusammengezogen. Eine dräuend schwarze Wolkenwand steht über dem Bergell und entlädt sich, indessen die letzten Sonnenstrahlen schräg hindurchbrechen. Der nieder-fallende Regen wird zu einem schleierhaften, golddurchwirkten Vorhang, unwirklich und seltsam, als hinge ein leuchtendes Spinnennetz über dem Bergell. Ständig wechseln die Farben. Einen Moment lang ist alles schwefelgelb übergössen. Dann folgen Orange und Zinnoberrot, Veilchenblau und zuletzt tiefdunkles Violett. Noch einmal bricht ein Sonnenstrahl hindurch. Die Welt wird zartrosa. Die Luft ist nicht mehr unsichtbar. Nein! Sie erfüllt den Raum mit intensiven Farben.

Schwarzblauer Dunst, den grüngelben Matten entsteigend, vermischt sich mit dem sich fächerartig ausbreitenden Licht, das durch die Wolken fällt. Berge und Landschaft sind nur noch Hintergrund, die Wirklichkeit ist das unwirkliche Farbenspiel.

Plötzlich, ganz unvermittelt. sind die wechselnden Farben dahin, weggewischt, wie mit einem Zauberschlag. Grau hängt der Regen über dem Bergell. Tot und leblos sind Tal und Berge und Himmel; das Licht, das Leben, beide sind erloschen. Befangen und tief atmend stehe ich am Weg. Hab'ich geträumt? Oder war das Erschaute dennoch Wirklichkeit?

Frühmorgens um 6 Uhr steigen wir den Hang hinauf zum stillen Lunghin-seelein, dem der Inn entspringt. Über glänzend grünen Serpentin erreichen wir den Gipfel des Piz Lunghin. Nicht einmal 3000 Meter hoch ist er. Und doch! Welch erhabenes Gefühl beseelt mich hier. Ich überschaue den Weg unserer bisherigen Wanderung. Weit unten, dort wo der Inn unser Land verlässt, traten wir in die dräuende Schlucht von Samnaun. Dort stand ich in Gedanken am Eingang zur Hölle, und die Schauer der Unterwelt streiften mich. Dann sind wir dem drückenden Gefühl entronnen, sind über helle Berge und durch blühende Täler gewandert, atmeten die reine Luft und fühlten die edle Harmonie, welche uns aus dem Bergfrühling entgegenströmte. Jetzt sitzen wir hoch über der Quelle des Inn, am Ursprung seiner Laufbahn... und auf dem letzten Gipfel unserer Wanderung. Vor uns liegt die Welt, es ist eine grandiose Welt.

Und eine Welt, die sich gleich hier für immer spaltet: die Wasser, welche unter uns zum Bächlein werden und dem Inn zufliessen, könnten mit grösserer Wahrscheinlichkeit zum Bergell hinunterrauschen. Der Bach aber, der vom Forno und vom Cavlocciosee kommt, hätte seinen deutlich vorgeschriebenen Weg ins Engadin. Doch er durchbricht in wildem Ungestüm das Gestein und stürzt in tiefer, enger Schlucht hinunter ins Bergeil.

So trennen sich hier die Wasser. Die einen fliessen zum Mittelmeer, die andern zum Schwarzen Meer in unmotivierter Kreuzung. Maloja ist eine einzigartige Wasserscheide. Sie scheidet willkürlich, aber endgültig und unwiderruflich. Und mir will scheinen, dass auch wir Menschen oft an der Wasserscheide unseres Daseins stehen und unser Schicksal kann davon abhängen, ob eine Schneeflocke einen Meter hin- oder herwärts zur Erde fällt.

Da, wo andere Täler in Hänge und Berge übergehen, liegt im Engadin der bewaldete Riegel von Maloja, und das Tal verliert sich in einem senkrecht abstürzenden Kessel. Es ist ein unerhörter Talabschluss, dämonisch und kapri-ziös zugleich. Und ich stelle mir vor, wie in einer apokalyptischen Stunde der grauen Urzeit die Erdmassen hinunterstürzten ins Nichts, in ein gähnendes, unterirdisches Loch. Und nach dem Kataklysmus erwachte wieder das Leben, Bäume und Wälder klammerten sich an die Hänge, und Blumen überzogen die Fluren. Vergessen sind Weltuntergang, Bergstürze und Naturkatastrophen.

Im Osten liegt in vollkommener Harmonie das Engadin. Seine Seen sind wie zwei blaue Augen, eingebettet in die Stirne der Natur. Hinter der Fuorcla Surlej, weiter entfernt als gestern und deshalb unwirklicher, durchsichtiger, leuchtet der Bernina. Wenn ich aber senkrecht hinunterblicke, so liegt tief unter mir, in süsser Verborgenheit das Bergell. Val Bregaglia! Welche Weichheit und zugleich welche Härte liegt in deinem Namen.

Casaccia! Zerbrochen und zertrümmert. Die Tiefe, der Abgrund, das Nichts.

Vicosopranol Ein süsser Kern, von rauher Schale umgeben.

Promontogno! Eine Ahnung des linden Südens liegt in deinem Klang, doch spürt man den harten Granit, der auf deine Dächer niederblickt.

Castasegna! Deine Kastanien grüssen zu uns hinauf, und aus den still-verborgenen Hainen weht uns ein Hauch von Sehnsucht entgegen.

Nun geht mein Blick hinüber zur Sciora- und Albignagruppe. Was ich erschaue, kann nicht Wirklichkeit sein, eher eine Vision — eine Fata Morgana. Im verschwommenen Gegenlicht türmt sich phantastisch und bizarr in Form und Gestalt eine Welt aus hellem Granit auf, ein Wall von Gipfeln, Zacken, Zinnen und Türmen, von Gendarmen und senkrechten Wänden. Abweisend und unglaublich steil, aber zugleich auch lockend in ihrer Unnahbarkeit sind diese grimmigen Recken, der Badile mit seiner ungeheuerlich aufragenden Nordwand, Bacone und Punta Rasica, Torrone und Gallo, Largo und Castello. Unzählig sind alle die Nadeln, formvollendet und verwegen das ganze Massiv.

Von Maloja ansteigend und aus der Tiefe des Bergells sich in gerader Linie erhebend, ragen sie in den blauen Himmel, wie eine in den lichten Äther geschriebene Melodie, zu mächtig, um in Tönen sich lösen zu können — eine Melodie erstarrt und ungeboren, umtost von den eisigen Stürmen des Winters und umflutet von sommerlichem Glänzen, von grauen Nebeln umwogt und in das goldene Licht des Tages getaucht. Ein Wunsch stieg in mir auf, dass die an den Himmel geschriebene Melodie sich lösen möchte, derweil ich hier auf dem Piz Lunghin liege, sich lösen in harmonische, noch nie von eines Menschen Ohr erlauschte Töne und widerhallen in den Lüften. Und auf den Wellen des mächtigsten Liedes, das je erklang, möchte ich dahingetragen werden durch den Äther und verwehen im Nichts mit der erlösten Melodie.

In zeitloser Abwesenheit liess ich die Wärme des Tages und die Kühle des Gletscherwindes um mich fluten. Wohl lag mein Körper auf den harten Steinen des Piz Lunghin, hoch über Maloja, mein Geist aber flog durch den unendlichen Raum bis zu den höchsten Höhen und sah vor sich die gewölbte Erde, von Meisterhand geformt, mit dem grünen Leben der Täler und der starren Majestät von Schnee und Eis. Er erschaute die brausenden Ozeane, Wellenumbrandete, wilde Klippen und liebliche Gestade, vielfältig gegliederte Kontinente. Er folgte dem Lauf der Ströme, die die Erde durchfurchen, lebenspendend den grünen Gefilden, die aber auch mit ungeheurer Wucht die Erde aufreissen und sie verwunden.

Und überall, ohne Ende und ohne Rast, durchhasten die winzigen Menschen den Erdenraum und erraffen seine Schätze. Sie durchhasten ihr Leben in wilder Gier nach irdischem Gut, das niemals ganz ihr Eigen sein wird. Denn sie wollen nicht erkennen, dass sie nur Gäste auf Erden sind und dass sie besser daran täten, mit offenen Augen und dankbarem Sinn die Schönheit der Schöpfung zu erfassen.., Die Scioragruppe! Noch immer liegt sie greifbar nah vor mir und doch ferner und unwirklicher als die Bilder, die ich im Geiste geschaut. Nah liegt aber auch der Kastanienwald, und eben das Zusammenwirken der Kontraste macht uns so fassungslos. Liegt wohl darin die vollkommene Harmonie der Natur?

Möchte der Tag ewig dauern und die Sonne ewig scheinen! So wünschen wir es in Sekunden des Glücks und ahnen nicht, dass im ewigen Fortschreiten, nicht aber im Stillstand das wahre Glück des Lebens liegt...

Auf der Höhe des Septimerpasses suchen wir vergeblich nach den sagenhaften Säulen der Römer. Aber die alte, gepflasterte Heerstrasse windet sich jetzt noch über steile Bänder, an senkrechten, gähnenden Abgründen und wilden Schluchten vorbei, und die runden, abgelaufenen Steine erzählen mir von wilden Kriegern und endlosen Kolonnen von Saumtieren, die, im Nebel mit der Unbill der Witterung kämpfend, erschöpft der Höhe zustrebten. Zweitausend Jahre und viele Menschengeschlechter zogen vorbei. Aber das Werk der namenlosen Krieger und Sklaven ist erhalten geblieben, und einstiger Wagemut grosser Heerführer zeichnete den Weg, den vor Zeiten ein südliches Volk erobernd gen Norden einschlug... Heute wachsen hellblaue Vergissmeinnicht, Enzianen und Eisenhut zwischen den Pflastersteinen.

Bei Casaccia steht auf kühner Felskante eine altersgraue Ruine, der einstige Hüter des Maloja- und Septimerpasses.

Am ersten Brunnen im Tal tauchte ich die glühenden Arme ins kühle Wasser und löschte den Durst mit dem köstlichen Nass. Dann brachte uns das Postauto nach Promontogno und ein kleiner Wagen hinauf nach Soglio.

Die Kastanienwälder mit ihren weitausladenden Ästen stehen in voller Blüte. Wie zarte Schleier umfluten die cremefarbigen Blütenrispen das dunkle Laub. Es duftet berauschend. Im Schatten des Abends liegen schon die kleinen Lichtungen, und dunkel ist ihr Grün und weich wie Sammet Hier möchte ich mich niedersetzen zu beschaulicher Rast. Doch sieh! An den Stamm eines uralten Kastanienbaumes gelehnt, steht ein junges Mädchen. Tändelnd spielen ihre Hände mit einem Blütenzweig. Und sie schaut ihrem Geliebten in die Augen, die ihr das sagen, wonach sie sich sehnt. Süss ist die erste Liebe, und sie widerfährt uns nur einmal. Wenn auch späteres Erleben tiefer und nachhaltiger sein kann; das Erwachen der Liebe ist ein köstliches Geschenk des Himmels. Und das Bild im abendlichen Kastanienwald, wo zwei junge Menschen in verheissungsvoller Sehnsucht sich anblickftn, war zugleich ein Sinnbild der Ewigkeit.

Der Palast derer von Salis strömt den Hauch stolzer, vergangener Geschlechter aus. Gewölbte Hallen. Offene Kamine Dunkle Ahnenbilder an den Wänden und moderig riechende, aber dennoch kostbare Gobelins. In den weiten Gängen Ritter in klirrender Rüstung und mittelalterliche Gewaffen.

Heute ist es eine wohlbekannte Gaststätte und unser Nachtquartier. Der Speisesaal ist ein wahres Kleinod. Reich geschnitzte, eichene Kredenzen, alte Bilder, viel Zinn, viel Silber und Kupfer, kunstvoll gearbeitet. Dazu blütenweisse Tischtücher, glänzendes, gepflegtes Tafelsilber und auf jedem Tisch Blumen in tiefen, satten Sommerfarben. Im Glase glüht feurig ein edler Wein, wie flüssiger Rubin, und zum Nachtisch gibt es köstliche, riesengrosse Himbeeren.

Gegen den Berghang hin schliesst sich ein nach italienischer Art von einer hohen Mauer umgebener Garten an das herrschaftliche Gebäude an. Ich liebe diese Klostergärten. Sie halten alles Störende fern, und durch ihre Begrenztheit schenken sie uns innere Ruhe. Rosen duften und Zinnien leuchten. Zypressen, schlank und dunkel, erinnern an südliche Gestade. Alles überragend, mit mächtigen, rotbraunen Stämmen, die auf Jahrhunderte schliessen lassen, stehen zwei Zedern zu beiden Seiten des Weges. In ihren Wipfeln säuselt leise der Abendwind. Bin ich im Morgenland? Spüre ich den Hauch der Wüste und die Frische des Meeres?... Stand ich denn nicht heute zur Mittagszeit auf lichter Höhe und schritt ich nicht durch den ewigen Schnee? Kaum kann ich den Kontrast erfassen, und doch schliesst sich das Ganze zur untrennbaren Einheit.

Einen kurzen Abendspaziergang machen wir noch hinaus vors Dorf. Im Tal liegt tiefe Dämmerung. Die Scioragruppe, fern, wie durch einen zarten Schleier verdeckt, wirft einen letzten Rosaschimmer zurück. In der Tiefe des Bergells aber kocht und brodelt es. Nebel ziehen über die Hänge und aus den brandschwarzen Wolken, die in den Schluchten wallen, zucken grelle Blitze. Mächtig grollt der Donner. In tausendfachem Echo widerhallt er an den Wänden und verebbt nur langsam. Wildes Brausen und jähes Zischen der Blitze. Eine Hölle ist jetzt das Tal von Bergell! Und hier oben in Soglio ist göttliche Ruhe und Ausgeglichenheit. Auch wir Menschen tragen ähnlichen Zwiespalt gar oft in uns. Wir schwanken hin und her, zwischen Versuchung und Verklärung.

Warm ist die Nacht und heller Mondenschein flutet durch mein Zimmer. Ein Saal ist meine Kemenate, mit braunem, honigduftendem Arvenholz getäfelt. Mit schweren, schmiedeisernen Beschlägen, schön getrieben, sind Türen und Fenster verziert, und von den Wänden blicken Ahnfrauen mit wehmütigem Lächeln auf mich herab. Einer plötzlichen Eingebung folgend, die Taschenlampe in der Hand, öffne ich leise die Tür und gehe barfuss über den steinernen Gang.

Die Tür zum Rittersaal ist angelehnt. Ich trete leise ein, und eine beklemmende Stille strömt mir auf unsichtbaren Wellen entgegen. Ich beleuchte ein Bild um das andere und versuche, mir seine Züge einzuprägen. Aus den Gesichtern der Männer spricht Stolz, Herrscherwille, Unnahbarkeit und Kampflust — und oft auch Grausamkeit. Aus der Frauen Antlitz aber lese ich meist Enttäuschung, Schmerz und in Entsagung erkämpfte Güte. Das uralte, täglich neue Lied. Es muss wohl so sein! Denn wenn die Frau nicht mehr die Gebende, Liebende und Leidende sein kann und will, so wird ihr die grosse Liebe verloren gehen, deren der Mann ihr gegenüber fähig ist.

Lautlos gleiten meine nackten Füsse über die alten Fliesen. Am Kamin glänzen dunkel kupferne Gefässe im bläulichen Mondlicht. Ein leises Klirren: mein Arm hat die Rüstung eines Ritters gestreift, und ein wilder Schreck fährt mir in die Glieder. Ich komme mir vor wie eine Ahnfrau, die keine Ruhe finden kann und unerlöst zu mitternächtlicher Stunde durch die Räume geistert.

Schnell husche ich davon, zurück durch den steinernen Gang und in die traute Stille meines Zimmers.

Der Mond schien mir hell ins Gesicht. So schlief ich ein. Mir träumte, ich wandere durch blühende Kastanienwälder, deren Duft meine Sinne verwirrte, Alpenrosenfelder wurden zu loderndem Feuer, das mich verzehrte, und Seen wurden zu milden Augen und blickten mich in gütiger Liebe an.

Zwiespältig und seltsam war diese Nacht in Soglio. In erlösender Klarheit empfand ich den Zauber der vergangenen Tage, zugleich aber war mir bitter bewusst, dass alles in unserm Dasein einmalig ist. So ist das Leben: gebend und trennend — unwiderruflich. Und wenn für kurze Zeit in leiser Harmonie ein Kreis sich um uns schliesst, so kreuzen doch bald die Linien sich wieder und streben auseinander wie Sterne, deren Weg in den Äonen sich verliert...

Blau und unendlich strahlte der Himmel am Morgen, und wehmutsvoll nahmen wir in früher Stunde Abschied vom verträumten Soglio, vom duftenden Kastanienwald und von den hellen, unwirklichen Bergeller Riesen, zwischen deren Zacken das erste Sonnenlicht in schrägen Linien einen Weg ins Tal sich suchte. Durch die scharfen Kurven wand sich das Postauto hinauf nach Maloja und brachte uns, an den Seen vorbei, nach St. Moritz.

Zum Abschied fuhren wir hinauf nach Muottas Muragl und überblickten noch einmal das ganze Engadin in seiner unvergleichlichen Schönheit. Ich wusste, nun ging ein Traum zu Ende, ein Traum, den ich wachend durch-träumte, und den Weg unserer tibetanischen Wanderung durchzog ich im Geiste noch einmal. Er begann im Nebel und in der Ungewissheit und endete in stetig " sich steigerndem Erleben auf lichten Höhen. Süss duftende Blumen in tausend leuchtenden Farben umsäumten seinen Rand, die Bergsonne war unser treuer Begleiter, und unser Denken war umwoben vom reinen Firnelicht. Über allem schwebte unsichtbar und doch tief beglückend ein leises « Etwas ». Mit dem einfachen Worte « Frieden » möchte ich es bezeichnen. Wie bezaubert nahm ich Stunde um Stunde, Tag um Tag dankbar als ein Geschenk des allgütigen Schöpfers entgegen.

Für die Zeit unserer Wanderung war ich losgelöst von allen Sorgen, die das Herz bedrücken. Leicht wurde mein Körper und hell mein Geist, und ich spürte den Hauch innerer Freiheit.

Dem Drang nach innerer Freiheit folgend, steigen die Heiligen Hindustans, die Sadhus, hinauf zu den eisigen, sturmgepeitschten Hochpässen des Himalaya und zum Hochland von Tibet und suchen wandernd nach Erlösung.

Drum sieh: eine tibetanische Wanderung war auch unsere Fahrt!

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