Über den Luftdruck bei Staublawinen

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Von Hermann Coenen.

Campell 1 ) schreibt, hinter den mit grosser Wucht zu Tal stürzenden Schneemassen entstände ein Vakuum, das die Luft ansauge. Der Luftstrom hole die nach dem Sturze verlangsamte Lawine ein, überhole sie und rase ihr voraus, alles Bewegliche und Schwächliche vor sich umwerfend und zerstörend. So lasse es sich erklären, dass vor der Staublawine liegende Waldpartien oft nur strichweise befallen würden, so wohl auch, warum der Luftdruck der Lawine sich weit über den Bereich der Lawine selbst auswirke. In der Abbildung zeichnet der Verfasser über, seitlich und vor allem unter der stürzenden Lawine je ein Vakuum ein. Bei dieser Schilderung ist es sicher richtig, dass hinter der zu Tal stürzenden Lawine ein Sog entsteht. Dieser Sog ist uns ja von den Bergspitzen bekannt. Es sammeln sich die Wolken an der dem Wind abgewendeten Seite, weil die Bergspitze sie hier ansaugt. Nach der Relativitätstheorie wird dies klarer, denn der Effekt ist der gleiche, ob der Sturm über die Bergspitze peitscht oder ob die Luft still ist und die Bergspitze sich mit gleicher Geschwindigkeit in umgekehrter Richtung, also mit Windstärke, fortbewegt. Auf jeden Fall entsteht im Windschatten ein Sog. Dieser macht sich an der dem Wind abgewendeten Stelle bemerkbar und zieht hier die Wolken an. Am Matterhorn ist dies fast täglich zu sehen, und nach der alten Führerregel gibt es gutes Wetter, wenn die Wolkenfahne nach Osten schaut. So weit ist die Sache klar. Dass aber dieser Sog einen die Lawine überholenden Wind erzeuge, der ihr voraus rase und alles niederwerfe, das ist nicht denkbar. Woher soll ferner das unter der sausenden Lawine eingezeichnete zweite Vakuum kommen? In einem Spezialfälle, wo der stürzende Schnee auf einen Fels stösst und, wie in der Beobachtung des Kreisförsters Ed. Campell, turmhoch aufwirbelt, könnte theoretisch wohl ein Vakuum unter der Lawine zu finden sein, weil der aufgewirbelte Schnee die Luft von allen Seiten ansaugt; es müsste dann ein Zyklon die Folge sein. Ich zweifle aber, ob solches vorkommt. Wie aber ein aus einem Vakuum hinter der Lawine aufkommender Wind diese einholen und überholen soll, ist unverständlich. Nach der Buy-Ballotschen Windregel geht der Wind von der Stelle höheren zu der niederen Luftdrucks. Es müsste also ein Sturm entgegen dem Lauf der Lawine eintreten. Das ist sicher nicht richtig. Schnee und Luft bewegen sich in gleicher Richtung.

Gewiss leistet die Luft, wie R. Campell sagt, der Lawine einen Widerstand, wie dem Steinschlag und der Gewehrkugel, so dass es pfeift; die Luft dünt sich vor dem herabfallenden Felsblock und vor der Gewehrkugel. Anschütz konnte diese Luftdünung vor der Gewehrkugel im Fluge mit seinem neu erfundenen Schlitzverschluss vor mehr als einem Menschenalter photographieren. Auch vor der fallenden Lawine dünt sich die Luft, sie wird dichter; und da vor der fallenden Lawine immer neue Luftschichten komprimiert werden, so setzt sich die Luft in Bewegung nach den Stellen niederen Druckes, das ist nach voraus und nach den Seiten. So entsteht der orkanartige Sturm, der der Lawine vorauseilt und Felsblöcke umwirft und Bäume entwurzelt. Er hat seinen Grund in der Kompression der Luftmassen vor der stürzenden Lawine, die nach Stellen niedrigeren Luftdrucks streben. So ist die Wucht der Staublawinen in dem abseits gelegenen Gelände zu erklären durch den positiven Druck der vor der Lawine aufgedünten Luft, die einen Orkan schafft, der die Baumstämme wie Zündhölzer zerbricht. Hinter der Staublawine ist ein Sog, ein Vakuum, vor derselben aber ein positiver Luftdruck mit Sturm.

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