Über den Südgrat der Aiguille Blanche de Peuterey auf den Mont Blanc

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Von Ludwig Obersteiner.

Schwere Nebel hingen tief über die Berge herab, als Karl Schreiner und ich am 29. Juli des vergangenen Jahres durch das reizende Aostatal gegen Courmayeur fuhren. Leichte Regenschauer liessen nichts Gutes für die kommenden Tage ahnen. Und unsere Pläne waren diesmal so hoch gespannt, dass es Nächte gab, in welchen ich immerfort von endlosen Mauern und schauerlichen Stürzen träumte. Dem Peutereygrat galt unser Sehnen und Werben, dem schwierigsten Weg zum Götterthron der Alpen. Wohin uns nun am nächsten Morgen das Geschick treiben würde, stand bei solchen Wetteraussichten vorerst nicht fest. Da einigten wir uns schliesslich, nicht ins Biwak auf den Brenvagletscher zu gehen, sondern der Gambahütte zuzustreben, da wir dort einige Tage aushalten und, was die Hauptsache war, vielleicht einen bisher noch nicht in seiner ganzen Länge begangenen Weg über den Peutereygrat versuchen konnten. Schien uns auch dieses Problem sehr schwierig, so blieb allenfalls doch noch die Hoffnung, wenigstens den Weg über den Fresnaygletscher zum Col de Peuterey ansteigen zu können.

Es regnete wieder, als wir bei den Hütten von Fresnay standen. Der Anstiegsweg ist recht steil, also sehr mühevoll fürs erste, doch bald waren wir unter den plattigen Felsen, welche etwas südlich der Zunge des Fresnaygletschers ein kleines, muldenförmiges Kar bilden. Versuche, in diesen Platten nach links auszukneifen und dort leichter emporzukommen, scheiterten, weshalb wir bei recht schwieriger Kletterei unmittelbar emporstiegen. Die Versicherungen, die einst bei Erbauung der Gambahütte dort angebracht wurden, sind gänzlich verschwunden. Wie wir später erfuhren, haben sich dort Allwein und Gäbler, welche wir auf der Hütte trafen, im Abstiege abgeseilt, ein Zeichen der ausserordentlichen Schwierigkeit dieses Plattenschusses, der auch meistens vollkommen wasserüberronnen ist. Als wir dem Platze näher kamen, wo die Hütte nach unserm Führer stehen sollte, war nur eine Steinmauer vorhanden. Die neuerbaute Hütte befindet sich etwas höher auf etwa 2700 m in einem kleinen Sattel nördlich der Aiguille du Chätelet. Nach der Vorstellung mit den vorgenannten Münchner Herren konnten wir aus Allweins französischem Führer mit einiger Mühe, in Anbetracht unserer geringen Kenntnisse dieser Sprache, und mit viel Glück die Beschreibung des Weges von Gugliermina über den Südgrat der Aiguille Blanche de Peuterey übersetzen und aufschreiben. Es ist dies die einzige Beschreibung, da Paul Preuss bald nach der von ihm mit Ugo de Vallepiana im Jahre 1913 durchgeführten Erstbegehung des Grates gestürzt ist und vermutlich keine Aufzeichnungen hierüber hinterlassen hat.

Der Abend schien für den nächsten Tag nicht verheissungsvoll, es schneite, und die Wolken hingen weit über die weissen Grate herab. So war es auch am Morgen, als wir hinausblickten.

Wir entschlossen uns daher, erst um 6 Uhr aufzubrechen, zu einer Rekognoszierung, wie sich jeder von uns im stillen dachte, es aber nicht auszusprechen wagte. Und einige Stunden später, schon beim Abstieg vom Col Innominata, dachten wir nicht mehr an Rückkehr. Dieser Abstieg war übrigens nicht leicht, das vereiste Couloir und brüchige Felsen nahmen geraume Zeit in Anspruch. Die folgende Querung des Fresnaygletschers ging verhältnismässig gut von statten, wir verloren nicht allzusehr an Höhe und konnten uns in fast gerader Richtung auf die Rinne, die von der Breche Nord des Dames Anglaises herabzieht, durchschlagen. Der Fresnaygletscher war seinerzeit wegen grossen Eisschlages sehr verrufen, vielleicht nicht zu Unrecht; die Verhältnisse scheinen sich in neuerer Zeit immer mehr gebessert, die Zerrissenheit des Eises etwas nachgelassen zu haben. Auch glauben bekannte Führer, der Weg über den Fresnaygletscher zum Col de Peuterey sei — natürlich relativ genommen — der leichteste von allen. Allerdings müsste man sehr zeitig hierzu aufbrechen, um noch vor 6 Uhr morgens im Firnbecken oberhalb der Brüche zu sein. Über die Randkluft hatten wir bald die grosse Rinne erreicht, und nun begann ein ödes, langweiliges und ermüdendes Bergauf-stapfen im Steilhang. Die Eisunterlage gestattete nur ein höchst unsicheres Gehen, da die Eisen nur wenig eingriffen. Immer schlechter wurde es, als wir bei der Rinnenteilung in die linke abzweigten, wo die ersten Schneekügel-chen und kleine Steine von den Wänden herabsausten. Der oberste Hang verwies uns bald in die brüchigen, ganz verschneiten Felsen, die äusserst vorsichtig zu behandeln waren. Um 12 Uhr mittags hatten wir die Scharte erreicht, stiegen aber noch etwas höher unter die senkrechte Felswand des ersten Südgratabbruches, wo wir uns auf einer prächtigen, kleinen Bastion niederliessen. Teekochen, ein kurzes Schläfchen, und schon waren 1 1/4 Stunden dahin.

Ein herrlicher Sonnentag hatte sich allmählich herausgemacht und gab uns die Hoffnung auf glückliches Gelingen dieses mächtigsten aller Wagnisse. Nun mussten wir wieder etwas absteigen, querten die brüchigen Felsen, um hinter einen kleinen Kamin zu gelangen, den man zwar der Beschreibung nach durchklettern sollte, der uns aber wegen seines vollkommen winterlichen Aussehens nicht verlockend erschien. Eine sehr schwierige Stelle in den senkrechten, glatten Platten war zu überwinden, und dann standen wir auf schönem Bande, welches uns nach Westen brachte, wo eine plattige, wasserüberronnene Mulde zu einem kleinen Schartel einer zum Fresnaygletscher abfallenden Rippe emporführt. Wieder schwere Plattenkletterei, dann waren wir oben. Von der Rippe betraten wir den Hauptgrat schon oberhalb des grossen Abbruches. Diesen soll Gugliermina vermutlich in äusserst schwieriger Kletterei, aber sicherlich bei bessern Verhältnissen, als wir sie vorfanden, durchstiegen haben. Stundenlang ging es jetzt auf und neben dem Grate fort, manchmal mit kurzen Rasten auf kleinen Türmen. Nähere Einzelheiten sind mir nicht mehr erinnerlich, jedoch waren der Schwierigkeiten viele, wie überhaupt der ganze Grat bei den schlechten Verhältnissen unentwegt vorsichtiges, kraftforderndes Steigen notwendig machte. Endlich erreichten wir den Fuss der Punta Gugliermina, wo sich der Grat steil aufschwingt. Gugliermina hatte auch hier versucht, unmittelbar auf den Turm emporzukommen, aber sein Vor- haben wegen der Glattheit der Felsen unweit des Gipfels aufgegeben, worauf er nach einem Biwak auf dem gleichen Weg wie wir aufgestiegen war und schliesslich von der entgegengesetzten Seite des Hauptgrates den Turm bezwungen hatte. Er gibt seine Höhe mit genau 4000 Meter an, uns schien der Turm niedriger. Preuss hingegen hatte die Brenvaflanke der Blanche viel tiefer gequert. Er scheint aber recht gute Verhältnisse gehabt zu haben, da man sonst durch dauernden Steinschlag stark bedroht wird. Das schwie- rigste Stück dieses Teiles war für uns die Überschreitung jener kleinen, tief eingeschnittenen Rinne, welche aus der Scharte zwischen Gugliermina und dem nordwestlich im Hauptgrate stehenden, noch unerstiegenen Turm, Epee genannt, etwa 3860 m, herabzieht. Bei nur 150 Meter tiefer wäre die Möglichkeit gegeben, sie ohne Schwierigkeit zu überschreiten. Aber wer steigt auch nur 50 Meter gerne ab, wenn er doch hofft, auch ohne Höhenverlust weiterzukommen 1 So musste ich dreimal in die Rinne hinunter, fand aber bei den ersten Versuchen keine Möglichkeit des Emporkletterns an der gegenüberliegenden Wand. In der Rinne selbst war unter dem Neuschnee ein wasserreiches Rinnsal verborgen, in welches ich durchtrat. Im rechten Schuh vollkommen durchnässt, ergriff ich schleunigst, leider aber schon zu spät, die Flucht. Die Socken wurden in der Folge nicht mehr trocken, was der Haupt-anlass zur Erfrierung der Zehen meines rechten Fusses am nächsten Tage wurde. Erst beim dritten Male gelang es mir, aber auch nur mit kurzem Abseilen an einem kleinen, brüchigen Zacken an jener Stelle die Rinne zu übersetzen, wo die gegenüberliegende Wand kein Hindernis bot.

Der Weiterweg war nun offen. Blockwerk, leichte Kletterei bei Neuschneemassen führten uns auf den Grat hinter dem Epee. Schon vorher hatten wir uns nach einem geeigneten Schlafplatz umgesehen, jedoch nirgends fand sich ein ebener Fleck, der unsern müden Gliedern Ruhe in ausgestreckter Lage bringen konnte. So kamen wir schliesslich ans Ende der Felsen zum Beginn des Firngrates auf die Blanche in eine Höhe von 4000 Meter. 8 Uhr abends war es geworden und auch hier kein geeigneter Platz zu finden. Kurz entschlossen begannen wir sofort mit der Errichtung eines Lagerplatzes im Schnee. Die Wächte wurde abgetragen, und nach einer Stunde fleissigen Arbeitens hatten wir genügend Platz gemacht, um ausgestreckt nebeneinander liegen zu können. Wir sicherten uns an den Pickeln, die wir als Zeltstützen eingerammt hatten, und krochen ins Zelt. Die Unterlage war genügend weich, aber dafür auch genügend kalt, um nicht jene Behaglichkeit aufkommen zu lassen, die in der Erinnerung an solche Freilager liegt. So klein war das Plätzchen, dass ein Umdrehen nur vorsichtig stattfinden konnte, da man befürchten musste, entweder gegen Brenva oder nach Fresnay hinabzukollern. Das Teekochen und gar das Rauchen im Zelte war kein annehmbares Vergnügen, denn bald war der Sauerstoff im Zelte aufgesogen, und das Fenster musste geöffnet werden, um frische Luft einzuführen. Doch das schwierigste Problem war das Anlegen warmer Kleidung. Es musste einzeln gelöst werden, so dass der eine dieses Geschäft besorgte, während der andere assistierte. Es gelang aber trotzdem nicht vollständig. Das Ausziehen der Hose und das Anlegen der Unterkleidung wären auf unüberwindliche Hindernisse gestossen, weshalb ich es verkehrt machte und, was sonst unter normalen Umständen aus Anstandsgründen nicht geschehen würde, besagten Kälteschutz überzog. Als nun alles glücklich erledigt war und wir mit dem Schlafen hätten beginnen können, löste sich die Spannung aus, in der wir uns den ganzen Tag über befunden hatten. Zähneklappern, nicht wegen der Kälte, sondern als Folgeerscheinung der stark beanspruchten Nerven und Kräfte, beschäftigte uns geraume Zeit. So um die mitternächtliche Stunde hatten wir auch dies überwunden und schliefen eine Weile, bis der neue Tag anbrach. Um 5 Uhr kochten wir Tee, und um 6 Uhr standen wir reisefertig im eisig kalten Morgenwinde unter strahlendem Himmel. Die Kälte verbot mir das Ausziehen der Unterkleider, und so kam es, dass ich in weisser Uniform die Vallothütte erreichte. Erfreulicherweise hat mir dieselbe auf solche Art empfehlenswerten Schutz gewährt. Als nämlich um die Mittagszeit kalter Wind einfiel, vereiste sich der Flanell zu einer Panzerkruste, unter der meine richtige Aussenkleidung vollkommen trocken blieb.

Was soll ich nun berichten über den Weiterweg, der ohnehin genügend oft in Zeitschriften ausführlich beschrieben wurde? Hatten andere Partien unter Eis zu leiden und mussten sie unzählige Stufen schlagen, so hatten wir Unmengen von Schnee auf Eis. Trotzdem gestatteten unsere Eisen, alle Hänge bis auf etwa 15—20 Stufen ohne Hackerei zu überwinden. Der Abstieg von der Blanche glückte uns in sehr kurzer Zeit. Wir benützten hierzu eine Felsrippe, die vom äussersten Turm gegen Brenva hinabzieht, und querten dann leicht auf den Firngrat, welcher in den Col de Peuterey führt. Die fünf Türme vor Punkt 4381 sahen vollkommen winterlich aus. Mächtige Schneehauben bedeckten sie, und Querungen in den Schneemassen der steilen Hänge waren oft recht heikel. Hinter dem erwähnten Punkt hielten wir Mittagsrast. Ein Brotwecken in meinem Rucksack dünkte mich zu schwer, weshalb er ein sinnreiches Proviantlager im Schnee abgeben musste.

Dann kam der letzte Anstieg. Stunden vergingen und, an dem Mont Maudit gemessen, schien es uns, als ob wir uns sisyphusähnlich immer in gleicher Höhe fortbewegten, ohne Aussicht zu haben, jemals den Mont Blanc zu erreichen. Einer sicherte und verschnaufte, während sich der andere zweimal zwei Seillängen emporarbeitete. In der Eiswand kamen wir in den Schatten, und eisiger Wind durchblies uns trotz emsiger Bewegung. Im letzten Teile der Wand stiegen wir nicht in die Felsen ein, wie es vermutlich alle Partien vor uns getan haben. Wir umgingen diese nach rechts hin und bogen dann in die sehr steile, einige Stufen erforderliche Rinne oberhalb der Felsen nach links zurück, bis wir den letzten Firngrat, der in die Gipfelwächte stösst, betreten konnten. Die Wächte selbst dürfte wohl immer gerade an dieser Stelle keine besondern Schwierigkeiten bereiten, an allen andern Stellen ist sie sicher nicht zu überwinden. Sturm und eisige Kälte gestalteten den letzten Anstieg auf den Mont Blanc bei gepresstem Pulverschnee zu einem Leidensweg.

Vom Gipfel liefen wir rasch zur Vallothütte hinab, wo wir um 830 eintrafen. Hier zeigte sich beim Ausziehen der Schuhe, dass mein rechter Fuss vollkommen gefühllos war. Freund Schreiner hatte nach dieser langen Fahrt noch die Arbeit, meine Zehen anderthalb Stunden zu traktieren, bis wir endlich überzeugt waren, dass das Stadium des Erfrierens überwunden sei. Immerhin war der Fuss stark angelaufen; daher konnte ich in der nächsten Zeit nur mehr leichte Socken tragen, bis auch die Folgeerscheinungen auftraten und nach erfolgreicher Überschreitung der Aiguille Verte und des Rochefortgrates die grossen Schmerzen endgültig ein Weiterlaufen verbaten.

Ein besonderes Freudegefühl auf dem Gipfel habe ich nicht empfunden. Es mochte wohl der eisige Wind und die momentane Abspannung nach Überwindung aller Schwierigkeiten daran Schuld sein. Erst später kam langsam die Freude über den Erfolg zum Durchbruch in dem Bewusstsein, eine Leistung vollbracht zu haben, die zu den grössten in den Alpen zählt. Aber gleichzeitig stellte sich leise Wehmut ein, nun auch dieses Ziel der Sehnsucht erreicht zu haben und nicht mehr im bangen Hoffen auf die Frage der Erfüllung warten und frohe Pläne schmieden zu können für ein gutes Gelingen einer solchen Fahrt. Denn der Weg zum Ziel dauert oft Jahre, am Ziel zu sein nur Minuten, ja nur Sekunden. Und das schönste ist doch der Weg!

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