Über den Zmuttgrat auf das Matterhorn

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Mit 1 Bild ( 115Von H. Kaufmann

( Zürich ) Ich glaube kaum fehl zu gehen mit der Behauptung, dass es jedes Bergsteigers Wunsch ist, einmal den Fuss auf den berühmtesten Berg der Alpen, das jäh in den Himmel ragende Matterhorn, zu stellen. Wenigstens zog es Walter Scheidegger und mich mit unwiderstehlicher Gewalt in seine Nähe. Das « Horn » war von mir schon unzählige Male bestiegen, bevor ich zur eigentlichen Begehung des Berges startete. In meinen Träumen stieg ich über alle vier Grate des trutzigen Vasallen des Mattertales auf und ab, ohne je ein Zeichen des Überdrusses zu spüren. Ja, rettungslos verliebt hatte ich mich in die stolze Zinne, als ich sie vor Jahren zum erstenmal von den Gipfeln des Monte-Rosa-Massivs aus sah.

Der damals im Innersten gefasste Plan reifte von Frühling zu Frühling, und im Jahre 1947 konnte endlich von der Theorie zur Praxis gewechselt werden. Die Vorarbeiten absolvierten wir an der Bifertenstock-Nordwestwand und an der Tödi-Nordkante. In der zweiten Hälfte August des abnormal trockenen Sommers gingen wir dem Riesen von Zermatt zu Leibe. Ernst Meister — mit welchem ich zwei Tage zuvor eine stürmische Fahrt über den Viereselsgrat auf die Dent Blanche ausgeführt hatte, derweilen Walter Scheidegger, mit welchem ich ursprünglich die Ferien allein hatte verbringen wollen, mit einer Halsentzündung das Bett hüten musstewar der Dritte im Bunde.

Waren die Besteigungsverhältnisse vor unserer Anwesenheit im Wallis als ideal bezeichnet worden, änderten sich dieselben innert weniger Tage. Die allnächtlichen Gewitter der letzten Woche vor unserer Ankunft hatten den Viertausendern das ausnahmsweise in diesem Jahr für etliche Wochen fehlende weisse Kleid wieder übergezogen. Der « Zmutt », als der difficilste aller vier Matterhorngrate, zeigte nun sein eisigstes Gesicht. Zwei Führerpartien mit dem gleichen Vorhaben verzichteten auf eine Besteigung. Abwarten, war ihr Entscheid. Auch wir drei Seilgefährten berieten unter der Tür der Schönbielhütte angesichts des abweisenden Nordwestgrates lange, ob wir den Aufstieg wählen könnten. Acht Tage Ferien reichen aber in den meisten Fällen nicht aus, die Schneeschmelze abzuwarten, und so starteten wir trotzdem morgens 3 Uhr, und zwar bei prächtigstem Sternenhimmel. Des Hüttenwarts Augen aber sagten: « Dir chömid gli wieder umen! » Über die Schwere der Route hatte der Berg Walter und mich schon tags zuvor bei einer kleinen Rekognoszierung ins Gelände vollständig aufgeklärt. Mit äusserst knapper Not hatten wir uns im allerletzten Augenblick mit kaum fassbarem Glück unter einen Felsvorsprung vor einer die ganze Westflanke bestreichenden mächtigen Steinlawine retten können. Beide fanden wir, ohne viel Worte, um unsere Haut sei es doch zu schade, von den Steinen des Matterhorns beworfen zu werden, und unser Rückzug liess an Schnelligkeit nichts zu wünschen übrig. Der stolze Zmutt ist eben nicht gewillt, seinen Leib gemütlichen Spazier- gängern am sonnenwarmen Nachmittag preiszugeben. Wer an « ihm » hochkommen will, muss nachts starten, muss ausgerüstet sein mit allem, was der Berg verlangt, und vor allem, er muss kämpfen, kämpfen, nicht spielen. Mein Kamerad und ich waren schon zu lange den Bergen ergeben, um dies nicht voll zu verstehen, und hegten dementsprechend gegen den grossen Hüter des Nikolaitales nicht den geringsten Groll. Wir waren uns auch bewusst: wir armseligen Menschlein brauchten trotz Technik, Ausdauer und festem Willen viel, viel Glück, um an den gigantischen Wänden und Gräten aufzusteigen. Ein ausgiebiges Gewitter hatte in der Nacht vor Antritt unserer Tour die Gegend reingewaschen, so dass, nachdem wir den Abstieg von der Schönbielhütte hinter uns hatten, unser Marsch — mit Kerzenlaterne und Vibramsohlen bewaffnet — über den spiegelblanken Zmuttgletscherwohl tanzenden Kobolden ähnlicher war als forsch ausschreitenden Bergsteigern. Eine luftige Berg-schrundüberschreitung erforderte fachkundige Eisarbeit. Die Zeiten von 1 Yz Stunden bis zum ersten Sattel ( alter Biwakplatz ) und 3% Stunden zum bekannten, den Zmuttgrat kennzeichnenden Schneesattel hinauf sprachen von guter Konstitution unserer Körper. Der schmale Firnsattel erheischte wegen unseren Gummisohlen grösste Vorsicht, und es sollte mich in der Folge bitter reuen, nicht die Nagelschuhe mitgenommen zu haben.

Bei den sog. Zmuttzähnen, welche noch halbwegs eisfrei waren und prächtige Turnerei boten, gönnten wir uns eine kurze Rast. Was der Berg von hier an von uns verlangte, waren nur mit alleräusserster Willensstärke und Aufopferung erkämpfte Höhenmeter. Die steilen Aufschwünge mit ihrem Drei-Schichten-Belag — Eis, Hartschnee und dem in der vorherigen Nacht gefallenen Pulverschnee — waren eine teuflische Knacknuss. Der gesunde Menschenverstand sagte eindringlich: Kehr um! Komm später wieder! Aber wir hatten « Blut » gerochen, was diesmal das « Horra », das vielumworbene, tausendfach gemalte und photographierte Matterhorn bedeutete. Wir waren in seinem Banne gefangen, wenigstens hatte ich das Gefühl, als wir uns, mit nur einem Kletterhammer und zwei der kürzesten ( 4 cm ) Mauerhaken bewaffnet, durch die glitschige Steilheit « hinaufwühlten ». Jedes Griffchen und Trittchen mit dem Hammer von Schnee und Eis freilegen, was für den « Ersten » grosse Arbeit und für die zwei hinteren der Dreierpartie lange, kalte Wartezeit bedeutete. Das schlimmste am ganzen Manöver war für uns das unsichere, schleichende Gefühl, dem Führenden nicht den geringsten Halt bieten zu können, weder moralischer noch physischer Art. Auf allen unseren gemeinsamen schweren Klettertouren hatten mein Kamerad Walter und ich immer je einen Hammer sowie 2-3 kürzere und längere Eisenstifte für den Notfall mitgeschleppt, und ausgerechnet hier waren diese so wichtigen Helfer ein Opfer der Gewichtsersparnis geworden. Ein oder zwei der längeren « Nägel » wären, ohne die vielen Wunden, die unseren Bergen durch die « krankhafte Schlosserei » unnötigerweise geschlagen werden, verschlimmern zu wollen, hier Gold wert gewesen. Ein weiteres Hindernis war das zu kurze Seil, welches zu ganz heiklen Situationen führte.

Als wir schon glaubten, das Opfermass sei nun bald voll genug, bewies ein Wetterumschlag das Gegenteil. Es schneite. Gesprochen haben wir nicht mehr viel. Walter hatte die Führung und leistete erstklassige Arbeit. Es waren bittere Stunden an diesem Nordwestgrat, und der « Sensenmann » drohte während der ganzen Zeit aus bedrohlicher Nähe. Die Antworten auf die Fragen des « Ersten »: « Chönd ihr sichere? » tönten vage, ja lügenhaft, denn ein gutes Sichern war mangels geeigneter Objekte weder für den ersten, zweiten oder letzten nur ganz selten möglich. Beim Betreten der Westwand vor der Galerie Carrel zerriss ein scharfer Südwestwind die Wolkenwand, und für kurze Zeit stach die Sonne mit voller Lichtstärke in den Wandkessel, so dass der soeben gefallene Neuschnee zum Teil wieder schmolz, und ganze Bächlein suchten ihren Weg talwärts. So angenehm wir die Sonnenwärme begrüssten, das Wasser, welches über die eisgepanzerte Wand herunterlief, bedeutete, einen weiteren Feind in Kauf zu nehmen; denn Kleider, Handschuhe und vor allem Finger und Seil litten sehr darunter. Dies sollte Ernst Meister beinahe zum Verhängnis werden. Zu den wundgeriebenen Fingerbeeren kam noch abends bei der einsetzenden bissigen Kälte Erfrierung ersten bis Anfang zweiten Grades hinzu, doch das Schicksal bewahrte ihn vor Verlust des betroffenen Gliedes. Ein Lichtblick bedeutete für uns der Liongrat auf der italienischen Seite des Matterhorns. Zwei Partien, welche an den dort angebrachten fixen Seilen hinunter glitten, liessen in uns die Hoffnung aufkommen, wir könnten in einer zwar heiklen aber immerhin nach menschlichem Ermessen ausführbaren Traverse dort hinüber und ebenfalls den italienischen Grat als Rückzugsweg benützen. Das Moralbarometer der drei « Lucendriner » war wieder um einige Grade gestiegen, als wir langsam, aber stetig die heiklen Plattenschüsse gegen den ersehnten Liongrat hinüberquerten. Nach Stunden mühevollen Ringens, wobei Walter den Löwenanteil in der Führung hatte, mussten wir — scheinbar ganz nahe am Ziel — einsehen, dass unser Vorhaben eine Unmöglichkeit war. Auch das war eine bittere Pille. Über das wie und wo weiter, war demzufolge keine lange Beratung nötig. Hinüber gegen Süden ging 's nicht, hinunter über den zurückgelegten « Weg » wäre keiner von uns dreien mehr zu bringen gewesen, also kam nur eine Linksschwenkung zum Zmuttgrat und über diesen weiter hinauf in Frage.

Das Wetter zeigte wie der Berg ebenfalls wieder seine schlechtesten Seiten. Kurz vor 18 Uhr erreichten wir den Nordwestgrat wieder, aber eine scharfe Bise liess uns unsere Nasen rasch in die etwas geschütztere Westwand zurückziehen. Für einen Biwakplatz brauchten wir nicht lange Umschau zu halten, denn das Plätzchen, auf welchem wir gerade standen, war im weiten Umkreis die einzige für drei dicht beieinander sitzende Personen einigermassen genügende Fläche. Das Grundrissmass unseres « Bettchens » war ziemlich genau geschätzt 150 x 70 cm und bildete zudem einen eisgepanzerten, auf drei Seiten abschüssigen Buckel. Ich erwähne diese im Grunde nichtssagenden Einzelheiten, weil sie die Ursache der Hauptqualen einer langen, langen Nacht waren. Ich glaube, mein « Hinter » schmerze mich jetzt noch nach Monaten beim Schreiben der Zeilen über diese Fakir-Lagerstätte im Eisschrank des Zmuttgrates! Schneefall setzte wieder ein, und Ernst meinte ganz deprimiert: « Du, das git e höllischi Nacht! » Er hatte sich schon die Die Alpen - 1949 - Ixs Alpes35 Finger erfroren. Die Vorbereitungen für die Biwaknacht dauerten, da abwechslungsweise wegen Platzmangels immer nur einer sich bewegen konnte, eine infame Länge. Bis sich jeder seine sämtlichen Kleiderfetzen über den Rumpf gestülpt, die überflüssigen Utensilien an den einen zur Verfügung stehenden Mauerhaken gehängt und sich eine Alpenpfanne ( Borde ) voll Neskaffee gebraut hatte, war es beinahe Nacht geworden. Uns drei sowie die Rucksäcke, in welche wir unsere Füsse gesteckt ins « Leere » hinunter baumeln liessen, hatten wir an den zweiten vorhandenen Haken geknotet. Also alles fein säuberlich zusammengeschnürt wie ein Weihnachtspäcklein unter dem Christbaum 1 Und weihnachtlich war ja auch das Milieu hier oben. Die grosse Stille ringsum sowie das stete Fallen der Schneeflocken lösten eine ruhige, gute Stimmung aus, was nach den kampfreichen, auf Biegen und Brechen erprobten Stunden innere Erholung bedeutete. An das « morgen » durfte man dabei allerdings mit Vorteil nicht denken, denn der Weiterweg schien an die äusserste Grenze zu gehen. Vorläufig kauerten wir, eng zusammengepfercht, in meinem von meiner Frau meisterlich angefertigten Biwaksack, für den ich ihr von Herzen dankbar bin, schützte er uns doch schon mehrmals vor dem bitteren Frost der langen Nächte. In der gleichen wie auch in der folgenden Nacht biwakierte ebenfalls in der gleichen Wand ein italienischer Bergführer. Dies erfuhren wir allerdings erst später, als wir bei der Matterhornhütte unten mit der sog. Zivilisation wieder in Verbindung traten. Auch er war das Opfer des Wetterumsturzes und des Eises geworden, trotzdem er erstklassiger Kenner des Berges war. Die Signale einer nach ihm suchenden Patrouille hörten wir gut, gaben aber, um keinen Irrtum aufkommen zu lassen, keine Antwort. Sehnlichst hofften wir, die Suchaktion gelte nicht uns, denn noch gaben wir uns nicht verloren, und die Bezahlung einer Rettungsmannschaft ist nicht für arme Menschenkinder berechnet. War die Zeit tags zuvor rasend schnell entschwunden, wollte sie des Nachts kaum vom Flecke. Nach einem kurzen Nickerchen, das meistens durch Abrutschen und Ins-Seil-Hangen endete, war immer der erste Blick auf die Uhr, denn wir glaubten, Stunden geschlafen zu haben. In Wahrheit waren es Minuten gewesen. Der zweite Blick galt dem Wetter. Dieses zeigte alle Variationen seiner Kunst. Einmal « guxte » es wie im Januar, das nächste Mal beschirmte tausendfacher Sternenglanz unseren luftigen Horst, und ein andermal gar pickten Rieselkörner auf unser Gummidach.

Um ca. 6.30 Uhr begannen wir mit der Demontage unseres Lagers, was noch mehr Zeit und Geduld erforderte als das Einrichten am Abend vorher, da alles stein- und beinhart gefroren war. Nachdem Knochen und Ausrüstung ihre Beweglichkeit wieder einigermassen erlangt hatten, teilten mir meine Seilgefährten unmissverständlich mit, ich solle nur vorausklettern, da ich noch die besten Handschuhe besitze. Diese hatte ich mit dem Kletterhammer vom Eis frei- und weichgeklopft. Ich kann es ja jetzt ruhig gestehen, auch ich hatte an diesem kältestarrenden Morgen keinen grossen Führungsdrang verspürt, als ich aus dem Schlafsack schlüpfend die grausigen eis- und schneegepanzerten Grataufschwünge vor mir hatte. Eine harte Angelegenheit. Im stillen verfluchte ich mich, entgegen dem gesunden Menschenverstand und der langjährigen Bergerfahrung, mich in diese Besteigung eingelassen zu haben, die nur mit unverschämtem Glück ein gutes Ende nehmen konnte. Aber nun war nichts mehr zu ändern oder gar zu meckern; dies waren nur einige meiner innersten Gedanken während der ersten Schritte an diesem sich schlussendlich doch noch zum Guten wendenden Tag. Auch war die Reihe des Ersten an mir, das wusste ich schon abends vorher, als Walter, der wirklich tags zuvor wahre Glanzleistungen vollbracht hatte, das Feierabendzeichen gegeben hatte.Verbissen kämpften wir uns Seillänge um Seillänge dem Kopfe des Hornes näher. Besonders « zähe » war eine Traverse in der Nordwand auf fussbreitem Band mit nachfolgendem, fast überhängendem Wulst hinauf. Diese Stelle bildete den Höhepunkt und stellte alle meine bisherigen, sicher auch ganz netten sog. Schlüsselstellen weit in den Schatten. Die letzten Aufstiegspartien boten keine übermässigen Schwierigkeiten mehr, und um 11.30 Uhr drückten wir uns überglücklich und von ganzem Herzen dem Schicksal dankbar auf dem italienischen Gipfel die Hände. Ein langer Traum war Wirklichkeit geworden. Wir durften den König des Mattertales über einen seiner stolzesten Grate, wenn auch unter den allerschlechtesten Verhältnissen, betreten. Bergglück, höchstes Glück 1 — Leider konnten wir uns nur ganz kurze Zeit am erfochtenen Siege sowie an der von Laienhand nicht zu beschreibenden Rundsicht erfreuen. Schade! Auch die Einladung der köstlich warmen, so sehr vermissten Augustsonne, die plötzlich sich für kurze Zeit zeigte, zu einem erfrischenden Ruhestündchen mussten wir ablehnen. Arbeiten, Kämpfen, hiess unsere Parole. Das Herz durfte erst viel später mitsprechen und geniessen. Eine leise Ahnung, der jenseitige Teil des Berges, der Hörnligrat, erheische — bedingt durch den vielen Schnee und das Eis — ebenfalls beträchtliche Arbeitszeit, erwies sich nur allzu schnell als wahre Tatsache. Das trügerische Eis unter der Pulverschneeschicht gebot grösste Vorsicht, und so schlug ich Stufe um Stufe das ganze Dach bis zu den fixen Seilen hinunter. Die Stunden rasten unheimlich. Nachdem wir die Strecke an den gefrorenen, mit Rauhreif und Schnee zu dicken Stangen angeschwollenen fixen Seilen in gutem Tempo hinter uns gebracht hatten und den Rest über den Grat zum Solveyhüttchen, wo endlich kein Schnee mehr am Fels haftete, hinuntergeturnt waren, zeigte die Uhr schon bald wieder die sechste Abendstunde an. Erst hier in der Hütte gönnten wir uns seit dem Abend vorher im Biwaksack, also nach genau 24 Stunden, die erste kärgliche Mahlzeit. Gegen 19 Uhr schlössen wir die Türe der prächtigen Solveyhütte, gewillt, in einem rasanten Endspurt den Rest des Nordostgrates hinab zu « spulen », um so vor Einbruch der Nacht in der Hörnlihütte unten zu sein. Wir wurden aber sehr schnell eines Besseren belehrt. Um ja viel Zeit zu sparen, hatten wir eine 40-m-Reepschnur an einer fixen Eisenstange eingehängt und waren daran wie der « Blitz » hinuntergeschliffen. Aber wie schon der Volksmund sagt: « Ein Unglück kommt selten allein », die Schnur blieb trotz allem Zupfen, Schwingen und Fluchen oben festgenagelt. Also nochmals hinauf, anders einhängen. Als sich dann der Berg plötzlich wieder in einen pechschwarzen Mantel hüllte und im Teleskop zwar wunderschön anzusehende Schneekristalle um unsere nun doch schon etwas hergenommenen Köpfe zu gaukeln begannen, gab es bei Walti und Ernst eine « ernsthafte » Explosion. Ihr Geduldsfaden war entzweigerissen. Basta! Kein Schritt mehr abwärts, tönte es an die berühmte untere Mosleyplatte. Meine Einwendungen, dass morgen vielleicht eine dicke Schneedecke die jetzt noch vorzüglich sichtbaren Wegspuren zugedeckt hätte und wir jeden Meter von neuem abtasten und viel Zeit versäumen würden, wurden von ihnen glatt in den Westwind geschlagen. Ihr Interessenfeld war zu drei Punkten zusammengeschrumpft: Solveyhütte, Trinken und Schlafen. Sie sollten das Richtigste gewählt haben. Ich sah es erst anderntags beim Abstieg ein und war ihnen auch dankbar dafür; wir wären niemals vor Einbruch der Dunkelheit aus den Felsen gekommen, so dass ein zweites Biwak unweigerlich die Folge gewesen wäre. Wieder in der Solveyhütte angelangt, welche ja nur im Notfall benützt werden darf, begann ein verzweifelter Versuch, eine Feldflasche heisses Wasser zu bekommen Da in der Unterkunft keine Feuerstätte vorhanden ist und unser Meta-Brennstoff für die Borde-Alpenpfanne, welche wir bei uns hatten, ausgegangen war, versuchten wir sämtliche Feuerungsmöglichkeiten. Die Resultate waren mehr als mager. Am meisten vom Pech verfolgt war unser Walter, welcher zwar mittels einer Kerze am schnellsten lauwarmes Wasser im Becher hatte, dieses dann aber durch unglückliches Manipulieren der Hände restlos auf den Tisch hinaus leerte. Pech, Pech, armer Walter! Beim Betrachten seines Gesichtes hatte man das Gefühl, er reisse im nächsten Moment seine ach so ausgetrocknete Zunge samt der Wurzel zum Rachen heraus. Dies war für unseren Photographen — welcher zwar während der ganzen Fahrt noch keine einzige Aufnahme gemacht hatte — der weitaus schwerste Schlag. Geschlafen haben wir dann wie « Munken », lang und fest. Auch wieder an eine Wand gelehnt, aber diesmal nicht mit Eis gepflastert, nicht aufgehängt an einem sich nur « auf Zug » haltenden 4 cm langen Eisenstifte. Wir mussten beim Erwachen nicht mehr unsere Körper sachte nach hinten schieben, um ja nicht den halb losen Haken aus dem zu grossen Riss zu heben. Ja, wir mussten beim Erwachen nicht mehr tiefe Atemübungen machen, um die zusammengeschnürte Brust zu lockern. Es war bestimmt aufrichtigster Dank, welchen wir — als dicke Wolldeckenmumien verpackt — in dieser Nacht dem Gönner Solvey, dem S.A.C. sowie den Erbauern der grossartigen Unterkunft am Matterhorn sprachen.

Erst als bei schönstem Wetter die ersten Führerpartien, welche nach Unterbruch von Tagen wieder über die Normalroute hinaufkamen, an unser « Hotel » klopften, bemühten wir uns, auf die Beine zu kommen. Kurz vor -8 Uhr packten wir unsere Bündel zusammen, und immer den vielen Nagelspuren folgend ging 's in gemütlichem Trott zum Hotel Belvédère hinab. Die leichte Kletterei war nach den Strapazen der Vortage ein wahrer Genuss. Kurz darauf stimmte uns ein Zwischenfall aber wieder nachdenklich. Auf dem Wege zur Staffelalp hinunter trafen wir eine grössere Gruppe von Spaziergängern aus Zermatt, welche sich um einen Verletzten bemühten. Dieser war, angetan mit kurzen Höschen und zweifelhaftem Schuhwerk, auf dem harmlosen Weglein, das durch den mit feinem Schutt und Geröll bedeckten Hang führt, zu Fall gekommen und hatte sich an Kopf und Beinen verletzt. Eigenartige Wege schlägt das Schicksal ein. Wir konnten es noch nach Stunden nicht fassen, das eben Gehörte und Gesehene. Zwei Tage lang hatten wir drei Freunde am Glücksrad gedreht und um den Lebensfaden gewürfelt. Tagelang war jeder Schritt näher dem Verderben, dem Nichts, als dem Gelingen. Alles wurde von einer höheren Macht anerkannt, bewilligt, und hier unten auf gebahnten Pfaden wird einer gerichtet, der kaum je die Vermessenheit aufbringen wird, auf höchster Zinne mit den Gewalten zu streiten.

Nachdem wir den Marsch Staffelalp–Schönbielhütte, während welchem zweimal ein Platzregen erneut die Wasserdichtigkeit unserer Gummihülle geprüft hatte, hinter uns hatten, erlebten wir in der Enttäuschungsserie des Daseins eine neue Nummer « Gönnt nu wieder döt ane, woner her cho sind, ich han keis bitzli Platz meh für Eu i dr Hütte », war des Hüttenwarts Bescheid bei unserer Ankunft auf Schönbiel. Weil nun die Solveyhütte nicht so ganz am Wege ist, blieben wir trotz dem guten Rat des Hüttengewaltigen unter dem Dache. Eine Mahlzeit von über zwei Stunden Dauer sowie eine Flasche « Roter » halfen prompt, die traurige Mitteilung, das weiche Matratzenlager mit der harten Bank oder dem Tisch im Aufenthaltsraum vertauschen zu müssen, in nebensächliche Geleise lenken. Für müde Knochen ist jede Unterlage Daunen, sogar das nackte Holz.

Das Wetter schien sich anderntags wieder endgültig dem Schlechten zuzuwenden, so dass das begehrte Weisshorn einmal mehr in den Wartsaal des Lebens versetzt wurde. Nach einer herrlichen Wanderung über Staffelalp— Zmutt durch den prächtigsten Lärchenwald mit seinem wohltuenden Grün landeten wir im Fremdenrummel von Zermatt. Nach Passieren der Hauptgasse des Ortes, die vollgepfropft war von einer gehenden sowie in Klappstühlen sitzenden und liegenden trägen Menschenmasse, welche die in schmutzigen Kleidern steckenden « Heimkehrer » von oben bis unten, teils bewundernd, teils mitleidig oder gar verächtlich anguckt, ist man herzlich froh, im Wagen der Visp-Zermatt-Bahn ein getrenntes Plätzchen zu finden, um im stillen Abschied zu nehmen von den gewaltigen Riesen des wundervollen Nikolaitales.

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