Ulrich Wilhelm Züricher, ein Maler und Dichter der Alpen

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ein Maler und Dichter der Alpen

Von William Gorgé.

Wohl vielen kunstliebenden Lesern unserer Zeitschrift ist U. W. Züricher kein Unbekannter mehr, und gerne gewähren wir ihm heute Gastrecht, ist er ja doch in gewissem Sinne auch einer der unsern. So freuen wir uns doppelt, Näheres aus seinem Leben und Schaffen zu erfahren; denn es ist reich und vielgestaltig und bietet, menschlich und künstlerisch betrachtet, eine überaus erfreuliche und beachtenswerte Erscheinung.

Unbeeinflusst von all den Wirrnissen und Verirrungen, die ganz besonders auch im Kunstleben sich in den letzten Jahrzehnten geltend gemacht, ist auch hier ein starkes Talent aus innerem Drange heraus mit eisernem Fleisse und zielbewusst seine eigenen Wege gegangen und hat sich zu schönem, erfolgreichem Wirken durchgerungen.

Ulrich Wilhelm Züricher wurde in Bern am 30. August 1877 geboren. Die Begabung zur Kunst mag auch hier nicht von ungefähr gekommen sein. Schon der Vater, welcher bernischer Oberrichter war, malte viel an Sonntagen, und auch die Mutter scheint künstlerisch sehr begabt gewesen zu sein, da sie in der Jugend Malerin werden wollte und im Laufe späterer Jahre manch schönes Blumenstück auf Holz malte. Kein Wunder also, wenn auch auf die Kinder solch ausgesprochene Neigungen vererbt wurden, und so sehen wir neben unserm jungem Wilhelm noch zwei Schwestern sich ebenfalls der Malerei widmen und künstlerisch Bedeutendes darin leisten. Bertha Züricher, die durch ihr tüchtiges, vielseitiges Können sich über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus einen Namen erworben hat, und Gertrud Züricher, welche neben ihrem Lehrerinnenberuf noch Zeit gefunden, namentlich liebevoll und naturwahr aufgefasste Blumenstücke zu malen, und die in den letzten Jahren ein künstlerisches Herbarium von fast tausend Blättern malte, das die Beachtung aller Botaniker und sonstigen Blumenliebhaber verdient.

Leider allzufrüh sterben die geliebten Eltern, 1887 und 1888, und Wilhelm kommt zu einem Onkel aufs Land ( Pfarrer Hürner ), der ebenfalls in seinen Mussestunden viel zeichnete und leidenschaftlicher Berggänger war. Mit ihm und seinem Sohne, der gleichfalls Pfarrer und begeisterter Hochturist war und später am Obergabelhorn einen tragischen Tod fand, darf er öfters in die Berge ziehen, und so werden sie ihm schon von früher Jugend an vertraut und lieb.

Später kommt er nach Bern, wird Schüler des dortigen Gymnasiums und zeigt hier neben seinem Studium reges Interesse an den Bildern im Kunstmuseum, das fleissig besucht wird und wo namentlich Werke eines Stäbli und Buchser besonders Eindruck machen.

VII13 Zuerst reifte im Jüngling der Entschluss, Geometer zu werden, um in den über alles geliebten Bergen arbeiten zu können. Doch ändert nähere Vertrautheit mit Architektur diesen Plan, und wir sehen ihn nach abgelegter Reifeprüfung einige Jahre am Polytechnikum in Zürich. Aber offenbar befriedigt das Studium der Baukunst nur halb, der geborne Maler fühlt immer deutlicher seine Bestimmung, begeistert sich aufs neue an Meisterwerken eines Böcklin und empfängt namentlich entscheidende Eindrücke von Segantini, dem Maler, der das Hohelied der Berge in so überwältigender und ergreifender Weise zum Ausdruck gebracht hat.

In diese Sturm- und Drangperiode fällt eine erste italienische Reise -Rom, Florenz, Venedig —, und der feste Entschluss, Maler zu werden, bricht durch. Und nun folgen anregende und fruchtbare Studienjahre in Paris ( 1900-1905 ), während welcher Zeit im Sommer Reisen durch Frankreich, Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark und Österreich unternommen werden. Unendlich vielgestaltige Eindrücke fesseln das Künstlerauge und erfüllen mit Begeisterung. Bedeutendste Werke einer impressionistischen Kunst mit all ihren Problemen des farbigen Lichtes, Rembrandts wirkungsvolle Verteilung von Licht und Schatten, Hans Thomas gemütstiefe und sinnvolle Bilder und unendlich andere mehr, die auf das Kunstleben der damaligen Zeit Einfluss ausübten, weisen dem jungen Maler seinen Weg immer deutlicher und werden vielfach bestimmend für späteres Schaffen.

In die Heimat zurückgekehrt, reich an gesammelten Eindrücken und durch ernstes, fleissiges Studium bereits zu tüchtigem Können gereift, sehen wir den rastlos Strebenden zunächst wieder in Zürich, zur Sommerszeit aber in den Bergen. Diesmal in Lauenen bei Gstaad. Wieder werden all die umliegenden Täler und Bergeshöhen durchwandert und erstiegen; kein Baum, kein Fels, keine Bergspitze, die dem Maler auf seinen Streifzügen verborgen bliebe, und Bescheid weiss er in dieser Höhenwelt wie nur ein erprobter Bergführer.

Mächtig drängt es nun den Bewunderer all dieser Naturschönheiten, Erschautes mit Stift und Pinsel auf Papier und Leinwand zu bringen, und eine reiche Fülle stimmungsvoller Landschaften entsteht. Da und dort werden aber auch charakteristische Figuren im Bilde festgehalten, von denen einzelne in spätem Jahren im 7. Bärndütschband « Saanen » reproduziert worden sind.

In dieser Einsamkeit und Schönheit der Berge findet er nun aber auch das, was seinem Leben Kraft, Mut und Impuls zu neuem freudigen Schaffen geben soll. Ein gütiges Schicksal führt ihm die seelenverwandte zukünftige Gattin entgegen. In Gadmen waltet sie als Lehrerin, und so wird im Jahre 1909 dieses stille, abgelegene Bergdorf, umgeben von einer himmelanstrebenden Fluhwelt, seine erste Heimstätte.

Die von frühester Jugend an vertrauten Berge offenbaren hier wieder neue Reize, und es entsteht in dieser Stille manch schönes Bild, das von gutem Erfassen landschaftlichen Charakters zeugt. Aber auch die Bewohner des Gadmen- und Haslitales ziehen ihn an und fesseln durch Gesichtsausdruck wie Eigenart ihrer Tracht. So drängt es unsern Maler zum Figurenbild, dem die Landschaft wirkungsvoll untergeordnet ist. Hier empfängt er wohl auch die ersten Anregungen zur Betätigung in der Künstlerlithographie, und in der Folge entstehen prächtige Kunstblätter — « Winterabend im Gadmental », und « Oberhaslerin » —, welche die Freude so vieler Kunstliebhaber geworden sind und die auch in so manchem Schulzimmer des Bernerlandes als Wandschmuck Eingang gefunden haben.

Aus dieser Weltabgeschiedenheit findet die Lehrerin nach kurzer Zeit einen andern Wirkungskreis. Gadmen wird im Frühling 1911 mit Ringoldswil vertauscht, dem hoch auf sonnigen Berghängen des Thunersees gelegenen Dörfchen. Dieser Wechsel kommt beiden Ehegatten zugute; dem Maler ganz besonders, und eine lange Reihe glücklicher Jahre wird hier verlebt, bis der Einzug ins Eigenheim nach dem nahen Sigriswil hinunter dem schönen Familienleben ein neues Glück schenkt. Hier ist 's der Künstlerfamilie — inzwischen sind ihr noch zwei liebe Mädchen geworden — nun erst recht warm und freudig zumute. Wie sollte es aber auch nicht! Ein schönerer Flecken Erde, als von dieser Heimstätte aus in weiter Runde zu überblicken ist, findet sich nicht so leicht. Wer je den Weg von den Ufern des Thunersees in diese lichten, freien Höhen hinaufgewandert, zu jeder Jahreszeit immer wieder neue Reize entdeckend, der ist beglückt ob der herrlichen Gottesnatur da oben. Und wir beneiden den Maler, dem all diese unendliche Schönheit Tag für Tag offenbar wird, und verstehen nun erst so recht, wie bei solch tiefem, nachhaltigem Erleben Form und Farbe seiner Umwelt zum eindrucksvollen Kunstwerk wird.

Hier oben also schafft nun unser Künstler angesichts seiner geliebten hochaufragenden Berge bald in schlichter Art, bald in räumlich und bildlich grosser und reicher Darstellung seine Fülle von Bildern. In unmittelbarstem Empfinden aus naturgewaltigen Erlebnissen heraus erfasst er mit empfänglichen Sinnen die unendlich wechselnden Stimmungen, wie sie die strahlende Sonne, aber auch Sturm und Nebelgebilde im Laufe der Jahreszeiten erstehen lassen. Das Licht, im Kampfe mit Finsternis und Sturmgewalten, wird im Bilde öfter zum menschlichen Symbol erhoben. So ist die Wahl der Motive unendlich mannigfaltig. Kaum eine der charakteristischen Berggestalten im bernischen Oberland, die nicht gemalt worden wäre. Das erhabene Wahrzeichen der Berneralpen: Eiger, Mönch und Jungfrau, dann die Blümlisalp, die imposante Pyramide des Niesen, die trutzig steilaufragende Felswand des Stockhorns und viele andere. Und neben all diesem Reichtum ist noch eine grosse Zahl überaus lebendig und naturwahr erfasster Kopfstudien und Porträts entstanden sowie auch manch farbig dekoratives Blumenstück — fürwahr eine Fülle von Bildern, die würdig sind, die Heimstätte kunstfreund-licher Menschen zu schmücken.

Doch ab und zu wird auch diese schöne Umwelt zu eng, und es treibt unsern Maler wieder in die Weite, um bald allein, bald in Begleitung seiner nicht minder wanderfrohen Gattin, neue Wunder zu entdecken. Unerschöpf-liche Reize bietet ja immer wieder das Wallis, aber auch der sonnige Süden unseres herrlichen Schweizerländchens, der Tessin, zieht aufs neue mächtig hin. So wird in freudigem Geniessen von früh bis abends gewandert, gerastet und gemalt, und reich ist jedesmal die Ausbeute an Aquarellstudien, Öl- bildern und Zeichnungen. Mit vollen Mappen wird heimgekehrt, gesichtet, an Bildwirkung überprüft, und erfüllt von neuen Eindrücken entsteht in begeistertem Drange wieder manch schönes Werk. Gelmer- und Totensee, Märjelensee, Riedergrat, Moosalp, ein hoch in den Himmel hineinreckendes Bietschhorn, Mischabelgruppe, Monte Rosa, um aus der zahllosen Wahl der Motive heraus nur einige Bilder zu nennen.

Daneben sehen wir aber den Maler noch tätig in der Werkstätte des Lithographen, um eigenhändig auf Stein gezeichnete Entwürfe für^ Kunstblätter auszuführen. So sind im Laufe der Jahre an die zehn Blätter grössern Formats durch den Kunsthandel in Volk und Schule verbreitet worden und ausserdem noch im Selbstverlag des Künstlers verschiedene Postkarten-serien mit gutgewählten Motiven aus dem Wallis, Tessin, Stockhorngebiet, Thunersee und Sigriswil. In Tausenden von Exemplaren sind diese beliebten Reisegrüsse bereits hinausgeflattert in alle Fernen, und sie unterscheiden sich von Erzeugnissen gleicher Art durch künstlerische Einfachheit.

Aber noch nicht genug an diesem vielseitigen Schaffen. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, müssen wir den Menschen noch von einer andern Seite kennen und schätzen lernen. Und wir sind erstaunt ob solch reicher Begabung. Zu Zeiten nämlich vertauscht der Maler Palette und Pinsel mit Tinte und Feder, wird Dichter und Schriftsteller, und es gewährt nicht minder Freude, sich auch hier in die Eigenart seiner Gedankenwelt zu vertiefen. Und wo es gilt, einer guten Sache zum Durchbruch zu verhelfen, wird er streitbarer Kämpfer mit offenem Visier.

Maler und Dichter sind sich wohl ebenbürtig. Als erste grössere Arbeit sei die Herausgabe der Familienbriefe und Gedichte von Karl Stauffer er-wähnt1 ), ein Buch, dem bei seinem Erscheinen grösstes Interesse und allgemeine Anerkennung zuteil wurde und das dem Maler auch in literarischen Kreisen wohlverdientes Ansehen verschaffte. So gewährten ihm in der Folge alle Zeitschriften gerne die Aufnahme seiner sachlich und überzeugend geschriebenen Aufsätze, welche nicht nur in künstlerischem Sinne, sondern auch in wichtigen Lebensfragen auf sozialem, religiösem, pädagogischem und philosophischem Gebiet Klärung und Anregung zu bringen versuchen.

Nach all diesen ermutigenden Anerkennungen durfte denn auch ein Lieblingsgedanke des Künstlers verwirklicht werden, und so erschienen im Laufe der Jahre zwei längst vorbereitete Gedichtsammlungen. Die « Wander-sprüche » 2 ) und « Wegspuren » 3 ), in welchen in freimütiger und eindringlicher Sprache menschliches Tun, Leben und Empfinden auf gedankentiefe, herzerfreuende Art zum Ausdruck gebracht wird. Kein Leser kann diese beiden Bändchen ohne nachhaltigen Genuss aus der Hand legen, und wir dürfen in der Folge wohl noch manch Schönes erwarten.

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