Umkehr.

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Eva-Maria Gemperli, Steckborn AUFSTIEG

Da ist sie wieder. Hartnäckiger als die vorigen Male, als wolle sie sich ins Bewusstsein drängen und darin breitmachen: diese nie gekannte Schwäche, die sich von einem undefinierbaren Punkt im Körper in wellenförmiger Bewegung ausbreitet. Ein unbehaglicher Gedanke schleicht sich ein: Ist dieses Unwohlsein nicht schon, ganz zaghaft und wie unentschlossen, beim Überqueren des Gletschers in mir aufgestiegen? Da schien es aber noch sehr unwirklich und liess sich gleichsam mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite schieben. Es war noch zu schwach, um die friedlich-beschaulichen Gedanken, die bei dem regelmässigen, ruhigen Aufsetzen der Füsse aus dem Innern aufsteigen, zu verdrängen. Diese Gedanken gehören für mich zum Schönsten am Bergsport. Sie sind ohne Konflikte, strömen ruhig dahin, lösen unmerklich Probleme und Ver-krampfungen und lassen eine tiefe, beglückende Ruhe zurück. Diese Ruhe stimmt mit der grosszügigen Landschaft des Hochgebirges ohne Missklang überein. Im Verband mit diesen leichten Gedanken, im Rhythmus der Schritte spielt in meinem Innern ununterbrochen irgendeine Melodie, aus dem Unbewussten aufsteigend, manchmal tagelang dieselbe, ohne langweilig oder störend zu werden.

Ich weiss nicht mehr, wann mir diese Melodie zum erstenmal bewusst geworden ist. Sie scheint immer da gewesen zu sein, mich schon als Kind auf den ersten Bergwanderungen begleitet zu haben.

Beunruhigt stelle ich fest, dass diese Melodie unversehens verstummt ist, untergegangen in den widerstreitenden Gefühlen. Ich habe wirklich Mühe, mit den anderen Schritt zu halten. Liegt das am Höhenunterschied? Erst gestern sind wir von Grindelwald zum Jungfraujoch hinaufgefahren. Vor zwei Stunden sind wir bei eiskaltem Wetter zur Jungfrau aufgebrochen. Weisse Nebelfetzen, vom Wind über den Grat gejagt, verdecken zeitweise den Himmel und verhüllen die vier schneestapfenden Gestalten vor mir.

Wie liebe ich sonst solches Wetter! Welch herrliches Gefühl, sich gegen den Wind stemmen zu können, gegen ihn und einen trotzig abweisenden Berg zu kämpfen und schlussendlich, schwer atmend und triumphierend, auf dem Gipfel zu stehen, wo einem der Wind ungebärdig wild an den Kleidern zerrt. An solch einem stürmischen Morgen brachen wir im vergangenen Jahr zum Dom auf. Es war noch stockfinster, nur vor uns auf der Moräne geisterte ein Lichtlein; die Laterne eines Bergführers zeigte uns so den Weg. Klar sahen wir die Sterne, beinahe greifbar, aber von uns getrennt durch eine breite, ungeheuer bewegte Luftmasse. Der Wind pfiff und tobte, prallte gegen unsere dick vermummten Gestalten und raste orgelnd den Felsen entlang. Unsere Finger erstarrten vor Kälte, als wir uns im grauen Morgenlicht auf dem Gletscher anseilten. Schnell brachen wir auf, um unsere halberfrorenen Gliedmassen wieder aufzuwärmen. Der Wind stellte sich uns in seiner ganzen Macht entgegen; grimmig und kampflustig warfen wir uns ihm in die Arme, rangen uns Meter um Meter vorwärts und listeten ihm Schritt um Schritt ab. Es war zu kalt, um Rast zu machen, aber plötzlich blieb mein Vater stehen und zeigte nach rückwärts. Ich drehte mich um. Das Bild, das sich uns bot, raubte mir fast den Atem.

Der Tag war, unendlich klar und hell, angebrochen, und das Sonnenlicht, das uns noch nicht erreicht hatte, tauchte das majestätische Weisshorn in ein blendendes Licht. Der mächtige Berg ragte gleissend in den tiefblauen Berghimmel, über den Graten flatterten wie feine Schleier weisse Schneefahnen, die der Wind aufwirbelte. Das Heulen des Windes schien mir plötzlich viel grossräumiger und erhabener, der Wind nicht mehr persönlicher Feind, sondern autoritäre Gewalt, die Anerkennung heischte.

Nachdem wir uns von dem Bild losgerissen hatten, kämpften wir weiter, trotzig, die Unterwerfung verweigernd, im Innern die Kraft und Herrschaft des Windes zugebend.

Der Tag wurde blendend schön, der Wind schien eine ungeheure Ausdauer zu besitzen und blies weiter mit unverminderter Heftigkeit. Noch nie hatte ich auf einem Berg eine so herrliche Aussicht genossen, hatte aber auch noch nie solche Mühe gehabt, auf einem Gipfel aufrecht zu stehen. Um so grosser aber waren Triumph und Freude, die den Sieg belohnten. Aber jetzt ist es ganz anders. Kaum, dass ich richtig zum Atmen komme. Der boshafte Wind scheint allen Sauerstoffzu verbrauchen und einen luftleeren Raum zurückzulassen. Mir kommt es vor, als hätte ich noch nie einen so langen und steilen Schneehang gesehen. Das ganze Sein ist angefüllt mit angestrengtem Denken, konzentriert auf jeden Schritt, auf die schweren Arme, die nur mühsam den Pickel aus dem Schnee ziehen und wieder hineinstossen, auf die Beine, an denen die Schuhe wie Blei hängen, an den Rücken, der dem Druck des Rucksacks nachzugeben droht. Der Magen ist längst leer, aber wieder und wieder krampft er sich zusammen und scheint dick und unangenehm im Halse zu stecken. Schon lange, ewig lange, ist die Schwäche nicht mehr nur zeitweise, wellenförmig da, nein, sie füllt den ganzen Körper aus und lähmt ihn.

Minuten werden zu Stunden, Zentimeter zu Metern und der Rucksack zu einem Tonnengewicht. Mit bitterem Lächeln denke ich an die ungebrochene Energie, die mich sonst alle Schwierigkeiten überwinden liess. Jetzt verstehe ich auch die Tourenleiter, die nur mitleidig lächelten oder mich gar ignorierten, wenn ich mich als zwölfjähriges Mädchen anerbot, im Tiefschnee zu spuren. Damals habe ich es nicht begriffen, im Moment scheint mir jeglicher Zweifel an der weiblichen Leistungsfähigkeit verständlich.

Immer öfter und in kürzeren Abständen dreht sich mein Bruder um. Das Seil zwischen uns ist jetzt meistens gespannt. Und diese deprimierende Tatsache, nämlich, dass er mich nun hinaufzieht, lässt mich den Gedanken fassen, den ich bis jetzt wieder und wieder verdrängt habe: Ich muss umkehren. Weitersteigen hat keinen Sinn.

Umkehren! Ein Begriff, den ich bis anhin kaum gekannt, mit dem ich mich nie beschäftigt habe! Doch plötzlich steht er riesengross da, scheint mit Riesenlettern unübersehbar in die Luft geschrieben zu sein. Man kann ihn nicht umgehen, nicht ignorieren. Er hat es endlich geschafft, dass ich mich mit ihm beschäftigen muss, und kostet das bis ins letzte aus, ja er scheint sich für die vorhergegangene Überheblichkeit rächen zu wollen. Sich zu wehren nützt nichts; nur noch grimmiger macht er sich bemerkbar, noch unbarmherziger drückt er. Warum muss man so hart und grausam für eine Respektlosigkeit bestraft werden, die man nie als solche angesehen hat?

Auch die anderen haben meine Schwäche bemerkt. Ich wage nicht, ihnen ins Gesicht zu blik- ken. Zeigen ihre Mienen Überraschung, Mitleid, Überlegenheit, Spott«Ich warte hier auf euch », höre ich mich gepresst sagen. Es ist ein verzweifelter Versuch, ein Ablenkungsmanöver. Ich weiss, dass keiner meiner Kameraden auch nur einen Augenblick lang darauf eingeht. Niemand braucht das zu sagen. Die Antwort liegt spürbar in der Luft. Die Stille lastet schwer. Die einzig mögliche Lösung haben alle sofort erfasst « Ich kehre mit ihr um. » Ruhig erklingt die Stimme meines Bruders. Die Worte sind nur eine Bestätigung dessen, was alle gewusst haben.

RAST Wir halten Rast. Gedanken wirbeln mir im Kopf herum, alte Bilder tauchen auf. Besonders eine Tour läuft hartnäckig immer wieder wie ein Film vor meinen inneren Augen ab. Ich entdecke Parallelen zu heute. Nur die Vorzeichen sind genau umgekehrt. Wie heute war der anbrechende Tag neblig und kalt, als uns der Bergführer weckte. Der übliche Wirbel setzte ein, bis alle gewaschen und angezogen waren, ihre Rucksäcke gepackt hatten und an den Tischen sassen. Beim Abmarsch waren wir alle guter Laune und riefen einander Scherzworte zu. Dann zog sich die Kolonne langsam in die Länge, und wir stapften schweigend durch den Schnee. Das Hellerwerden des Tages zeigte sich nur in der allmählich zunehmenden Strahlung des Nebels, der uns wie eine dichte Wattehülle schweigend umgab. Während des ganzen Tages wich er nicht vom Fleck, schien uns klebrig und düster stetig zu begleiten. Der Bergführer vor mir stapfte ruhig und regelmässig voraus; ich hatte das Gefühl, wir kämen nicht vom Fleck und schlichen nur den Berg hinauf. Ungeduldig und unwillig trabte ich hinter dem Führer her; das Tempo schien mir viel zu langsam. Natürlich war ich zuerst erstaunt, als meine Seilkameradin den Schritt nicht mehr mithalten konnte und sich immer mehr am gespannten Seil ziehen liess. Aber dann erschien es mir wie ein Ausgleich zum mangelnden Tempo, und willig zog ich sie hinter mir her, immer darauf achtend, dass das Seil vor mir nicht straff wurde. Auch als es gegen den Schluss ziemlich anstrengend wurde, setzte ich meinen Ehrgeiz darein, den Bergführer nichts merken zu lassen. Als wir den Gipfel erreicht hatten und uns die Hände schüttelten, war ich zufrieden, und auch meine Seilgefährtin, war froh, oben zu sein. Immer noch umgab uns der Nebel wie Watte, wir standen auf einer Schneekuppe und mussten einfach glauben, oben zu sein, denn beweisen konnte es niemand. Bis die ganze Gesellschaft bei uns angelangt war, dauerte es noch lange, und wir konnten uns, warm verpackt, herrlich ausruhen. So ging denn auch der Abstieg mühelos vonstatten, und wir erreichten am frühen Nachmittag die Hütte. ABSTIEG Unsere Kameraden steigen nach einer kurzen Rast weiter in Richtung Rottalsattel. Noch weht der Wind uns einzelne Silben zu, doch dann ist Stille. Ich könnte heulen. Mit dem Gedanken meiner Umkehr habe ich mich unterdessen versöhnt, aber dass mein Bruder meinetwegen eine Bergtour unterbrechen muss, bedrückt mich. Ich weiss, wie ich an seiner Stelle wütend und enttäuscht wäre, und schäme mich auch dafür.

Langsam steigen wir ab. Grosse, bequeme Tritte macht er mir vor. Prüfend erforsche ich seine Gesichtszüge, erwarte Verdruss und Ärger in ihnen zu sehen. Aber ich entdecke nichts als Verständnis, Unbekümmertheit und Heiterkeit. Meine Gedanken werden leichter, unbeschwerter, und erstaunt stelle ich fest, dass die Melodie in meinem Innern wieder aufklingt. Sogar die gleiche wie vorher.

Zum erstenmal schweifen meine Gedanken nicht zurück zu vergangenen Leistungen, sondern dringen ins Innere vor und beschämen mich. Ist eigentlich die Leistung das Wichtigste am Bergsport? Habe ich wirklich die ganze Zeit nur nach körperlichem Erfolg gestrebt und die anderen Gesichtspunkte, die menschlichen, viel wichtigeren, völlig beiseite gelassen? Plötzlich sehe ich andere Gebiete, die mir so viel gegeben haben und die ich kaum beachtet habe.

Wieviel Menschlichkeit habe ich schon erlebt beim Bergsteigen! Wie schöne Kameradschaft und Hilfsbereitschaft habe ich schon gesehen, Eigenschaften, die unter allen Alpinisten, ob Engländer, Japaner, Deutsche oder Schweizer, selbstverständlich sind. Durch diese Eigenschaften fühlen sich alle Bergsteiger verbunden und erleben durch sie unzählige Momente ungezwungener und herzlicher Menschlichkeit.

Und dann die herrlich weite Natur, ein Anblick, der das Herz öffnet und den ganzen Körper loslöst von allem Verkrampften und Aufgezwun-genen. Tief atmet man die frische Luft ein und fühlt sich so frei und glücklich, dass man mit ausgebreiteten Armen singen und jubeln möchte, befreit von allen Sorgen. In dieser Freude schickt man einen wilden, frohen Jauchzer über Schneefelder und Bergspitzen, zu Bergkameraden und wilden Dohlen, und von überall kommt er zurück, als Antwort von wildfremden Menschen, als Echo von Bergwänden und als unwilliges Dohlen'gekreisch. Alle und alles nimmt Anteil an der Freude und stimmt ohne Murren und Rückhalt mit ein.

Die Bergwelt scheint wie geschaffen, die Menschen einander näherzubringen. Alle haben Zeit, einander geduldig anzuhören, einander kennenzulernen und näherzukommen. Mein Bruder muntert mich auf, plaudert, erzählt Anekdoten. Verwundert begreife ich, dass ich ihn gar nicht kenne, dass ich nie versucht habe, sein Wesen zu erfassen. Er bringt mich wieder zum Reden, zum Lachen und zur Anteilnahme. Auch ich beginne zu erzählen und mit ihm zu diskutieren.

So erreichen wir bald das Jungfraujoch. Ganz neue Gedanken beschäftigen mich, Gedanken, die sich nicht mehr nur um mich, sondern auch J57 um andere drehen. Irgendwie habe ich sie immer gespürt Jetzt aber werden sie mir bewusst und beschäftigen mich.

Müde und erschöpft kehren am Nachmittag die anderen zurück, voll von neuen Erlebnissen. Sie sind erleichtert, uns in gelöster, ungezwungener Stimmung anzutreffen, und erzählen begeistert.

Mir erscheint die Besteigung des Gipfels plötzlich nicht mehr so wichtig. Diese Umkehr hat mir ganz neue Perspektiven eröffnet. Ich habe das Gefühl, als seien mir die Augen erst jetzt richtig aufgegangen, eine Welt, in der nicht mein Ich Mittelpunkt ist, sondern wo es sich kameradschaftlich einfügt als Glied einer Gemeinschaft.

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